Bon Voyage

„Claudio, so I am pleased to let you know that you are confirmed on a sailing between Manila and Da Nang. Everything is included so you don’t need to worry about dining or anything. Also we have a dress code onboard after 6pm, no shorts or flip flops, just so you are prepared.“

So spielt das Leben. Eigentlich habe ich mir das alles ganz anders vorgestellt. Wollte ich doch über die wahren Reisehelden schreiben, die seetüchtigen Filipinos. „Filipinos“, das sagt ja schon alles, entweder fantasiert man sich einen, der unter der Palme sitzt und schmaucht, oder einen salutierenden Matrosen. Jeder dritte Seefahrer soll vom Inselstaat kommen. Jawohl, von denen will ich lernen – Wie sich das anfühlt so drei Jahre ohne Unterbruch unterwegs auf den Weltmeeren? Von meinem temporären Büro in Quezon, genauer, vom Pult eines 10m2 grosses Hotelzimmers mit ewig überfluteter Toilette und fliegenden Kakarlaken, scanne online alle Reedereien von Taipeh bis nach Hamburg, recherchiere die Routen und stöbere nach Verantwortlichen. Dann versende ich die brisanten Neuigkeiten; Schweizer Tramp mit viel Erfahrung im Kartoffeln schälen und putzen wünscht von Manila nach Da Nang (Vietnam) mitzureisen. Oder 拥有丰富剥皮和清洁土豆经验的瑞士人希望在马尼拉 – 岘港(越南)的路线上旅行. Glaubt man den Foren, sind solche Gegengeschäfte seit den 70ern passé – ad acta gelegt in den Schubladen verstiegener Retro Romantik. Unzählige Email-Monologe, ignorierte SMS und Anrufe später gehe ich direkt bei den international Logistikmanagern hausieren. Allesamt geschäftig hinter wichtigen Krawatten in den Betontürmen von Downtown Makati. Darauf hagelt es tagelang Entschuldigungen und Ausreden; „Pardon, we can’t help you. Sir!“, „We’re not a travel company!“, „Erm, rules and regulations…“ , bis ich darüber nachsinne ob meine wertvolle Zeit nicht besser in Netflix Serien und Kaffeekränzchen investiert wäre. Nach diversen Netflix Serien und Kaffeekränzchen schreibe ich frustriert eine Email nach Florida.

Love Boat

Ein eiskalter Frühlingswind zog durch das Pier in Rotterdam, wie er es immer tut um diese Jahreszeit. Mutter wollte mir die pompösen Kreuzfahrtschiffe zeigen, sie behauptet heute noch ich hatte panische Angst, vielleicht sogar Kreuzfahrtophobie. Mit dem Alter durfte ich dann lernen zu unterscheiden, wer tendenziell eher in das Innere dieser schaukelnden Hotelbunker passt, und wer weniger. Aber die Rückreise zum asiatischen Festland per Flugzeug anzutreten, ist mir einfach zu unkompliziert. Meine Route ist komplett, nach vier mal 365 Tagen in Südostasien habe ich mir ein Erfahrungsmosaik gezimmert, dass alles in den Schatten stellt was ich mir vor Reiseantritt erträumt hatte, hier will ich am nächsten Lebenskapitel schreiben, was auch immer das sein mag. Auf dem Weg zum Hafen flimmert eine Erinnerung an Myamar vorbei, als ich mit meinem australischen Piratenbruder bei der Flusskreuzung vom Chindwin und dem Irrawaddy wirre Pläne schmiedete. Piratenpläne. Mit gehisster Totenkopfflagge wollten wir die Yachten entern und die reichen Cruisers ausplündern. Ausplündern, oder mindestens erschrecken und ein paar Töchter rauben. Das war wenige Minuten bevor sich unser kleines Holzboot mit dem Steuerbord einer Passagierfähre verfing. Ich informiere Will darüber, wie sich die Dinge innert nur wenigen Jahren dramatisch geändert haben, die Antwort kommt flugs; „Mate, if they find out that you’re an unshaved travel in age-old undies they might change their mind“.

Unverschämt fremd hört es sich an, eine Phrase, die sich ausserhalb meines Weltreise-Jargons befindet. Man könnte mir auch vom jüngst entdeckten Planeten Farout am Rande des Sonnensystems erzählen, das würde ich dann kurz vor „Everything is included“ abspeichern. Umso mehr imponiert mir der Hintergedanke eines pauschalen „everything“. Ich will alles, so einfach ist das! Einmal keine Reue, wenn auch nur für kurz. Ultrawilde Parties mit Bikinischönen die beim Pool Volleyball spielen, Gaumenfreuden à discretion, einmal „laissez faire“ wie sie in Frankreich sagen. Solange Geld keine Barriere darstellt, ist einiges möglich, im besten Fall sich ein Jahr dämlich saufen. Aber gerade in meinen Kreisen begnügt man sich eher mit „absolut gar nichts ist inklusive“, keine Sicherheiten, es geht darum den ersparten Batzen mit Raffinesse einzusetzen. Bin zwar ein bekennender Kapitalist, der sich das gegönnte Stückchen Welt hart erarbeitet, aber Geld war für mich nie etwas anderes als der Schlüssel um die Türe zum Unbekannten aufzustossen. Nach all den Eskapaden in den Schlafsälen dieser Erde, Menschenställe mit acht Betten, je zwei übereinander, den Zelten, Hängematten, Kojen, Nullstern Motels getaucht in säuerlichem Mief, Autos, Sandbänken, Fussböden und letztlich Manilas Friedhof fühle ich mich geistig reif genug um das zu durchleben, was 99 Prozent der Weltbevölkerung verwährt bleibt. Aber zuerst muss ich mir ein Hemd und eine Hose besorgen. Und dann, zwischen den Pforten der Hölle Manilas und einem prunkvollen Abschied, begegne ich dem Zufall; „I can’t find you in the system Sir, we’re fully booked, so sorry,“ belehrt mich die Schiffsoffizierin gefolgt von der Anweisung angemessenen Abstand zum roten Teppich zu wahren. Sie hat einen Scheisstag, es steht ihr tief in die abgekämpften Gesichtszüge geschrieben. Schande über die Häupter der Reederei, sie muss einmal eine epochale Grazie gewesen sein, der Inbegriff von Everybody’s Darling, adrett, voller Barmherzigkeit und Passion, bis das gallenbittere Dilemmaeines Hotellerie-Alltags alle ihre sieben Tugenden auslaugte. Im Taxi hierher hatte mir den Empfang eher ausgemalt wie im Vorspann von Love Boat mit der Titelmusik „looove boat … exciting and new … come on board … weeee’re expecting yooouuu!!“

(„Love Boat“ Titelmusik – für all diejenigen, deren Eltern sich diese Serie auch angetan haben)

Manierlich schauend und rasiert mache ich zwar einen liebenswerten Eindruck, aber darunter schlummert ein Prolet, der, sofern in der Bredouille, jederzeit bereit ist mit uralten Unterhosen zu werfen. Mein Zeitzonenrechner rät mir ab kurz nach Mitternacht in Miami anzurufen. Der Torwärterin offenbaren, dass ich ein paar Archivfotos gegen diesen Luxus getäuschelt habe, ähnlich der listigen Vagbunden anderer Epochen, die für eine hübsche Kalligraphie über die Meere segeln durften? Nein, sie würde die Macht universeller Sprachkunst nicht gutheissen. Nur noch eine Viertelstunde bis sie den mobilen Check-in abbaut und verduftet. Nachdem klar ist, dass meine neue Busenfreundin eher das Weizen-Genom entschlüsseln würde als heute Nachmittag nochmals in Schwung zu kommen, gehe ich über zum Klartext: „Hier ist die Bestätigung schwarz auf weiss, deine Excel-Liste ist mir schnuppe. Ich bleib nicht einen Tag länger in Manila. Also schau zu wie du mich an Board machst!“ Ein ungemütliches Déjà-vu – erneut von Algorithmen ausgetrickst zu werden und folglich den darüber wachenden Menschen bei seiner Hilflosigkeit zu beobachten. Genau so hat alles angefangen als ich die Schweiz im Januar 2014 via Argentinien verliess, nur damals war es keine schneeweisse Uniform mit Augenbrauen die darüber Kamikaze fliegen, sondern perplex starrende Herren der Swiss. Doch heute wie damals geschieht wenige Augenblicke bevor die Schleuse endgültig zusperrt etwas Unverhofftes. Und ich darf dank eines galaktischen Paradoxon hindurchschreiten. Rein in die Büchse, die mich mondän nach Übersee bringt. „Ordnung ist das halbe Leben. Unordnung ist die andere Hälfte“, meinen die Phantasten.

WO SELBST HÖCHSTE ANSPRÜCHE AN LUXUS ÜBERTROFFEN WERDEN  (Leitspruch der PR Abteilung – in Grossbuchstaben)

Filipino Nem grinst verschmitzt als er mein Hab und Gut durch die Röntgenmaschine schiebt. „You’re the first person with a backpack I’ve ever seen embarking this cruise ship. And I’m working here since 10 years.“ Ich sehe das als kolossales Kompliment, auch wenn mir Nem keineswegs schmeicheln will. Für die kommenden Tage wurden die Fronten bereits vorab vertraglich geklärt. Obwohl ich mich mit jedem verbunden fühle, der ebenfalls indirekt vom Reisen lebt, bilden Nem & Co fortan die höfische Gesellschaft, und ich der darüber thronende Adel. Falls je Zweifel aufkommen sollten, schlichtet meine edle Schlüsselkarte mit der Aufschrift „Mr. Siebers“, und Mr. Siebers reist eben mit Rucksack durch das Südchinesische Meer. An der Reling stehen und schauen. Auf Backboard ankert ein Ungetüm aus China – mehr als doppelt so gross, doppelt so viereckig, die Passagiere doppelt so jung. Ein kurzer Chat mit meinem digitalen Assistenten verrät, sie übertreffen unsere Arche mit knapp 3’500 weiteren Gästen. Offensichtlich die Billigtour gebucht, ts ts ts. Dafür würden sich die pensionierten Feudalherren auf dieser Seite kaum mit ihren Rollatoren auf die Wasserrutsche trauen. Genau darum haben wir wohl keine. Ich sehe schwarz bezüglich den ultrawilden Parties mit Bikinischönen die beim Pool Volleyball spielen. Dafür bittet mich eine ältere Kreuzfahrerin aus Australien um ein Foto. Von ihr. Sie gibt mir dabei feine Anweisungen wie das Selbstportrait mit dem philippinischen Moloch im Hintergrund arrangiert werden soll. Nö, „Selfies“ mache sie nicht, das wäre ja erbärmlich. Etwas verdutzt über die Mysterien im Sprachgebrauch klicke ich ein paar mal auf den Auslöser und übergebe ihr die Kamera, sie wartet bis ich mich umdrehe, und macht selber noch ein paar. Rein zur Sicherheit. Indes schleicht ein Kellner hin um sich zu erkundigen, wie ihr denn das historische Viertel Intramuros in Manila gefallen hat. Und die Miss kontert mit vorhersehbarem Stumpfsinn; „oh we’ve just been to the mall“.

Es klingt nach Abschied, unten poltert die Passagierbrücke, und eine 30-köpfige Marschkapelle angefeuert von stöckchenwerfenden Cheerleader wandert auf und ab bis sie denken wir sehen sie nicht mehr. Sunny bringt mir einen Mojito – das beruhigt die Nerven und hilft beim loslassen. Ich werde immer etwas sentimental wenn ein Land vor meinen Augen kleiner schrumpft und ich es gedanklich verabschieden muss um für Neues angemessenen Platz freizuräumen. Die Crew kennt dieses Gefühl; für Monate oder gar Jahre verlassen sie ihre Familie, die Freunde, die Freuden, unter dem Druck dieses verrückte Leben zu meistern. Mit 19.5 Knoten braust der Kahn einem brennenden Horizont entgegen – Höchste Zeit mein Gemach zu inspizieren. Trotz aller Sparmassnamen auf Reisen kam ich bereits in den Genuss hübscher Betten. Meistens weil eine Airline dem straffen Terminplan nicht nachkam und mir als Entschädigung eine moderate Unterkunft in Flughafennähe spendierte. Aber ich hatte noch nie einen begehbaren Wandschrank, so gross, dass ihn andere auf Airbnb anbieten würden, oder ein Sofa ohne Gesässknochen-Abdruck, und schon gar nicht eine stilvoll inszenierte weisse Orchidee mit Ozean im Hintergrund. Ein Bett ist ein Bett hatte ich mir knapp 2000 Nächte lang eingetrichtert, ausufernde Dekadenz hielt ich bis dato für Zeitverschwendung, welch Malheur, aber jetzt wird geerntet! Mir war ja die Revolution in der Bettenindustrie gar nicht bewusst, ist ja der Wahnsinn was die Manufakturen diese Tage so drauf haben. Ich verfalle dem bequemsten Schlaf seit ich mich erinnern kann während unser maritimes Hotel atemlos durch die Nacht schwebt, von einem Meer ins nächste.

Einige Augen aufklappen und dazu auf die glatte See schielen, die sich wie ein azul-glizzerdes Seidentuch an den Kosmos schmiegt. Sporadisch rückt ein Containerschiff ins Blickfeld, und umgehend teleportiere ich mich auf das Deck der Nachbarn, direkt in die Kombüse zur morgendlichen Infusion Seemannsgarn. Geschichten – Lebensflüssigkeiten, die sie sich mit meinem Blut unterhalten damit ich etwas Neues lernen darf. Aber schlussendlich übertüncht Gleichmut meine gescheiterten Frachter-Träume, es ging ja vor allem darum eine Mission zu haben um eine Mission zu haben. Wahrscheinlich wäre ich einen Monat zwischen vierstöckigen Pritschen und fiesen Karaokeversionen von „My Way“ eingeklemmt gewesen, der Blick flüchtend auf das wogende Blau hinter dem Bullauge. Auf der Seven Seas Gladiator (Name geändert) gibt es acht spassversprechende Stockwerke, allesamt verknüpft mit flauschigem Teppich, der vorsorglich jegliches Geräusche der Passagiere verschluckt. Mittels verchromte Lifte mit Marmorböden und Schaufenstern rotieren die Kurgäste von den Kabinen an die Buffets oder zu ihren Liegestühlen und Kreuzworträtseln. Dazu seichte Lacher zu seichter Fahrstuhlmusik. Anstatt die Flure übermässig zu verschnörkeln, haben die Innendekorateure jedem Detail einen funktionalen Sinn zugeschrieben. Bestenfalls schön fürs Auge. Auch das ein Novum für mich, bin ich mir doch Asiens beissenden Kitsch gewohnt. Am Pool aalen sie sich bereits in der Vormittagssonne, die graumelierten Rentner in Arthrosestrümpfen und lustigen Touristenhütchen. Viele ruinierte, aber entspannte Gesichter. Einer mit Halbglatze reisst eine eintrainierte Pose am Schwimmbecken und ruft nach seiner Gattin für das obligate Selbstportrait. Um Himmels Willen, es ist ein Pool, so what?? Ein anderer erkundigt sich bei seinen Kreuzfahrer-Kumpanen; „Are you going out tonight?“ damit meint er natürlich die Bar auf Deck 7. Das Wort „ausgehen“ hier auf hoher See zu verwenden, finde ich genauso verschroben wie die gängigen Oxymora; Hassliebe, Wirtschaftsethik, Eile mit Weile, Microsoft Works oder Luxusschlitten.

Die Gala – Kulinarische Augenweiden

Eine Kellnerin rückt mir den Stuhl zurecht, befragt mich scheinheilig zu meinem Wohl und bettet eine Stoffserviette auf meinen Schoss – Grund genug um in der Hitze des Kulturschocks die Nerven zu verlieren, den Schnuller hinter dem Notfall-Bruchglas freizuschlagen und die fiese Anzahl an Besteck bei den Nachbarstischen durcheinanderzubringen. Es wird einmal mehr deutlich wie die Quote von 0.7 Reederei-Angestellten pro Passagier aufs einfache Gemüt schlagen kann. Aber ich erinnere mich; HÖCHSTE ANSPRÜCHE AN LUXUS. So lebt es sich in der Teppichetage dieser Welt. Zumindest wird mir erlaubt die Essensberge selbst einzuführen; den Brunch der nahtlos ins Mittagessen übergeht, die leckeren Kuchen und Sandwiches um die drei Stunden bis zum Dinner zu kompensieren, und als Gnadenstoss den 5-Gänger. Mal schauen wie weit ich meinen Magen spreizen kann, mit all den Dingen die ich seit meinem Ausbruch aus der komfortablen Heimat vergessen habe. 

Lunch

Angus Beef Burger & Fries

Roastbeef Sandwich

Royal Sorbet

Pale Ale

* 4 Stunden Verdauungspause – Torta di Santiago & Kaffee

Amuse Bouche (mit Dresscode)

Norwegian Style Gravlax & Honey Mustard Dill Sauce

Roasted Black Angus Strip Loin

3 Gläser Sauvignon

2 Hugo

* 30 Minuten Pause – Vanillecreme & Kaffee

Schon bald verspüre ich wieder etwas Hunger, nein nicht Hunger, die Lust das ganze „everything is included“ aufzuessen, als ob ich von den Reserven in meinem Leib die kommenden Jahrzehnten zehren könnte.

Vom Buffet (mit Dresscode)

Rohschinken mit Melone, Quiche, King Prawns, Octopus Salat, gefüllte Paprika, Canneloni

Käseplatte mit Nüssen und Trauben

Tiramisu, Schokoladenmousse

3 Gläser Merlot

* 30 Minuten Pause und per Lift zur Poolbar

Ein Pfefferminzblättchen

Diese Tage sterben mehr Menschen an den Folgen von Übergewicht als an Unterernährung. Wir haben den Hunger besiegt, vermuten Statistiker. Und würden sie heute Abend alle mit mir an einem Tisch sitzen, wir könnten das zusammen feiern. Um bei meiner Tour durchs Schlaraffenland nicht negativ aufzufallen, oder gar als Profiteur abgestempelt zu werden, zirkuliere ich durch die drei verschiedenen Restaurants so oft es geht. Ein Mangel aufzuspüren ist unmöglich. Liquides ist ideal gekühlt, auch Festes hat stets die perfekte Temperatur, und falls je etwas der Vollkommenheit nicht gerecht wird, schwirrt jemand herbei und tauscht es aus. Dann kommen die kaum angeknabberten Tuna Tartars und Surf & Turfs umgehend in die „Dirty Area“, ein beschilderter Bereich abseits der Gala. Jegliche Chance auf Erregung öffentlichen Ärgernisses erstickt im Keim, so will es der Maître de Cuisine, so will es das Management der Reederei. Notabene liefern sie an den Krösus der Gesellschaft, in diesem Mikrokosmos bleibt kein Fehlerlein ungesehen. Da fällt mir der Küchenchef von meiner letzten Überfahrt von Makassar nach Surabaya ein, er öffnete die Luke zu seiner besenkammerkleinen Kombüse zwei mal täglich für je zehn Minuten, um daraus hunderte Styropor-Lebensmittelboxen mit ein paar Gramm Huhn in spärlicher Wassersauce auszuwerfen. Ironischerweise strahlten die Gesichter der Dobonsolo-Passagiere ähnlich begeistert wie die der Kreuzfahrer, scheinbar legt sich jeder eine Zufriedenheitsskala analog der Einkommensklasse zurecht. “Your body is not a temple, it’s an amusement park. Enjoy the ride.” Ein starker Satz, den ich mir kürzlich aus dem Buch von Autor und Starkoch Anthony Michael Bourdain notierte und perfekt zu heute Anbend passt. Bourdain hat alles gesehen was man in der Gastronomie sehen könnte, von Inbissbuden bis zu Gourmet-Tempeln, von Treffen mit Abgesandten der New Yorker Mafia bis zum Nudelsuppenschmaus in Hanoi mit Ex-Präsident Barack Obama (ich habe mich übrigens erkundigt, mittlerweile wurde eine Glasvitrine über Plastikhockern und Tischlein montiert, um die Erinnerung an Obama zu vakuumieren).

Wieso sich Anthony letztes Jahr im Elsass das Leben nahm, bleibt Spekulation. Wahrscheinlich haben ihn die Jahrzehnte in der Oberliga der Gourmets der fatalen Idee nähergebracht, der Stress, dieser penetrante Perfektionismus der Luxusgesellschaft. Mit dem Gedanken an Essen döse ich weg. Und wache wieder damit auf. Draussen gleitet das Südchinesisches Meer entlang dem Schiffsrumpf. Geradezu unschuldig schaut es aus in diesen Pastelltönen, wer würde da denken, dass wir gerade durch eine Epoche politischen Tumults fräsen. Ein Alter Konflikt aus historischer Zeit als das Südchinesische Meer eine der wichtigsten Handelswege war. Bis heute sind seine Fischbestände die Lebensgrundlage für Millionen von Menschen, vielmehr geht es nun aber um die vermuteten Erdöl und Erdgasvorkommen bei den Spartly-Inseln. Jeder beansprucht einen Teil des Gewässers, das zehn mal der Fläche von Deutschland entspricht. Ausser die Chinesen, die wollen gleich alles. Und um ihr grosses Interesse zu untermauern, wurden vorsorglich einige Militärstützpunkte in der Region errichtet. Kein Tag vergeht ohne gegenseitiges Belauern und internationalen Disput.

„Are you an entertainer?“ oder „are you part of the crew?“ Auf dem Weg zum Kaviar- und Champagner-Buffet gibt mir keiner den faulenden Geniesser. Wen wundert’s, bin ja noch nicht im Rentenalter. „Rentenalter“, ein hübscher Begriff, haben wir doch ein Glück im Morgenland, dass eine fette Rente auf uns wartet, und das bereits mit Mitte 60! Aber auch, weil wir Etablissements haben, bei denen wir sie in Saus und Braus auf den Kopf hauen können. Die Broschüre der Reederei schlägt übrigens eine 147-nächtige Welttournee für schlappe 180’000 USD vor. Es ist wie verhext in Südostasien, da werden sie nur alt mit viel Kreativität, Familiengeist und Spardrang. Kein Staat hilft aus wenns mal nicht mehr läuft oder die Inkontinenzhose lauert. Eine sozioökonomische Crux, in der westlichen Hemisphäre haben sie Angst, dass zu wenige Kinder eines Tages die Alten füttern und im Orient haben sie Angst, dass zu viele Kinder alles wegfressen. Daraus resultiert die Leichtigkeit des Ostens, sie haben die Unbeständigkeit und das tropische Klima, und wir haben das Pensionsalter. Noch ein Grund wieso ich einst das Weite suchte. Heute schaue ich in den Spiegel und fühle mich bestätigt. Ich habe etwas erlebt, durfte die Welt sehen und derweilen gleich noch meine Identität definieren. Bin ich ein stolzer Mensch? Ja, auf jeden Fall. Vor allem da ich geblickt habe, die Kür kommt nicht mit dem Alter, es geschieht JETZT. Die Digitale Revolution hat neue Berufsgruppen sowie Chancen erschaffen und standortunabhängiges arbeiten mausert sich gerade vom Phänomen zur echten Alternative. Nebenbei bemerkt, ich gehöre zu den Xennials, eine Gattung von Sapiens, die zwischen den späten 70ern bis frühen 80ern geboren wurde – Wir schreiben die Zeit der „Crossover Generation“, welche das Fiepen der ersten Modems hautnah miterleben darf. Eine Viertelstunde vor dem Bildschirm ausharren während sich die Internet-Startseite langsam arrangiert, ist total legitim. Das Date mit dem Schwarm wird noch traditionell via Schnurtelefon (ohne vorgängige Online-Recherche) vereinbart, David Hasselhoff, 2 Unlimited, ACDC und Modern Talking sind irgendwie „geil“, Darth Vader erklärt Luke, dass er sein Vater ist, und niemand weiss so genau ob der Pulli nun neu oder mit Perwoll gewaschen wurde. Wer hätte damals gedacht, was für verwirrende Möglichkeiten die Zukunft birgt. Sunny bringt mir einen Mojito.

„Über den Wind können wir nicht bestimmen, aber wir können die Segel richten.“ (Gemäss unzuverlässiger Quellen: ein Zitat der Wikinger)

Die Ära der Katzenvideos

Den Wert eines Fotos und den aussagekräftigen Geschichten dahinter zu verstehen, kostete mich drei Lebensjahre, aber jetzt blicke ich durch. Nun bekomme ich aufgrund meines fachmännischen Rufs regelmässig Anfragen, zum Beispiel von angehenden Marketingheinis, die plötzlich in einer mentalen Krise stecken und mich fragen ob sie auf dem richtigen Weg sind, von Anthropologen die meine Recherche abschreiben wollen, von Kunstschul-Absolventinnen, die gerne meine rechte Hand werden und mit mir am Pool chillen würden, von anderen Freelancern, die meine Webseite optimieren möchten. Und alle Jahre wieder erkundigt sich ein Gönner nach meiner Fotografie. Wieso da nicht mehr geht, hat verschiedenste Gründe, einer ist, dass kein Agent meine Bildwelten feilbietet und ich mir meine Kunden lieber selber aussuche. Der andere, weil es kein Schwein interessiert! Denn Fotografie, und hier kommt die nackte Wahrheit, ist ein brutales Geschäft sofern man davon leben will. Im Jahr 2000 haben wir 86 Milliarden Fotos gemacht, im Jahr 2015 waren es 380 Milliarden (davon 282 Millionen Selfies via Instagram). Der exponentielle Aufstieg der digitalen Technologie liess nur die engagiertesten Filmentwicklungslabors am Leben und brachte gleichzeitig die Macht der digitalen Fotografie bis hin zum Fotojournalismus in die Hände von Max Mustermann.

Dann traf es die Medienhäuser und die Mannschaft verliess wie Ratten das sinkende Schiff. Ich stelle mir die Szene ähnlich vor wie den Untergang der Titanic, einfach mehr mit kreuz und quer fliegenden Schreiberlingen und Fotografen. Immerhin, andere wurden gefeuert und gelegentlich als Freelancer wieder beauftragt. Anno 2019 sind die auflagestärksten Periodika die TV Programmzeitschriften, Modegazetten und die Kundenmagazine der Supermarktketten. Noch Fragen? Dazu stellte Social Media unser gesammtes Kommunikationsverhalten auf den Kopf – die Ära der Katzenvideos und Live Momenten aus aller Herren Länder. Das Budget sowie die Loyalität der Redakteure wird immer kleiner, die Konsumenten hat schon alles gesehen und informiert sich gratis, wobei die schiere Anzahl an Fotografen auf freiem Fuss kaum mehr in Zahlen zu fassen ist. Und jetzt kommt Herr Siebers und will auch auf eines der wenigen Rettungsboote. Alternativen? „Mach doch Video, mach doch Hochzeit, und vor allem, mach doch Instagram“, wird mir öfters angedroht. Worte wie Peitschenhiebe. Meine Branchenkollegen wissen zu gut was ich meine. Sie können mit freelancing nicht (mehr) überleben, und tanzen darum monatlich auf zig Hochzeiten, dabei wurde keiner wirklich glücklich. Ist Instagram & Co der letzte Strohhalm, oder der Gnadenstoss für das Metier? Es kommt auf den Blickwinkel an. Die Narzissten jubeln, es ist nun ihr eigener Wortlaut, ihr Filter, ihre Meinung, sie entscheiden, und was schlussendlich für einen Social Media Manager oder Produktsponsor zählt, sind nur die zehntausend+ Follower aber nicht deren Engagement mit dem Inhalt. Wem der Geldgeber eigentlich genau vertraut, bleibt unklar, denn der Ruf eines Instagramers basiert auf seinem virtuellen Avatar. „I’m also a photographer“, hört man gerne diese Tage, im 21. Jahrhundert mag das sachlich betrachtet sogar stimmen, man vergisst jedoch gerne, dass hinter dem Wort „Fotograf“ etwas mehr steckt als einen Knopf drücken und das Resultat später via Facebook oder Insta streuen. Nebst dem ganzen Know-how von Licht, Technik, Nachbearbeitung, Website-Gestaltung ist der Fotograf sein eigener Entrepreneur, er arbeitet Überüberstunden und definiert den Erfolg durch sein Geschick, den Fokus und das Netzwerk. Nur weil ich einen Taschenrechner habe, bin ich noch lange kein Buchhalter, aber sobald ich Garfield beim spielen ablichte, bin ich Fotograf. Passt das Wetter nicht, hilft die App aus und ich zaubere per Fingerwisch einen Sonnenuntergang hin. Darüber lachen wir vielleicht, noch. Die Algorithmen von Googles AI DeepMindkönnen bereits journalistisch einwandfreie Texte schreiben oder 3D Modelle anhand eines 2D Bild improvisieren. Huh?! #wearefucked. Bald können wir uns den Foto-Fetisch ersparen und uns ganz entspannt den Netflix Serien und Kaffeekränzchen widmen. Klar, wer will schon zurück zur Filmrolle und dem Fotolabor, aber der gegenwärtige Wahn Momente zu digitalisieren, ist auch keine Lösung.

Wieso ich mich selbstständig gemacht habe im brotlosen Fotojournalismus? Ganz einfach, es ist einer der faszinierendsten Berufe überhaupt, eine Kunstform die jeden verführen kann, ergo die universellste Art von Kommunikation. Die Entscheidung liegt bei mir, ich kann auf globale Probleme aufmerksam machen oder die Kultur anderer Menschen veranschaulichen. Finanziell gesehen ist es eine ewige Gratwanderung. Man darf sich das so vorstellen, ich nehme 1’000 USD von meinem hart Ersparten, flaniere damit ins Schiffscasino zu den Halbglatzen und Graumelierten am Roulette-Tisch und setze alles auf Rot. Dann bangen ob es das Kügelchen heute gut mir meint. Die Chance den Einsatz zu verdoppeln liegt bei zirka 50:50. Ganz ähnlich der Ausgangslage eines freiberuflichen Fotoreporters ohne klaren Auftrag. Man recherchiert, wägt ab, fliegt hin und versucht sein Glück, spielt auf Risiko. Nur gibt es einen kleinen aber feinen Unterschied, denn wenn ich meinen Einsatz durch die Reportage verliere, habe ich trotz allem in eine unvergessliche Erfahrung investiert. Ausserdem führt mich meine Berufung an Orte, die ich sonst vielleicht nicht aufsuchen würde, sie verbindet mich mit den interessantesten Menschen, die ich sonst kaum kennengelernt hätte. Und noch viel wichtiger, es hält mich wach, weltwach! All die fragwürdigen Parallelwelten, Lamaleras Waljäger, die Bajau Meeresnomaden bei Borneo, Manilas Friedhofbewohner, die greisen Haiflüsterer von Kontu, die Muschelgeld-Händler in Ost Neubritannien, Donnerstag der Selbstversorger welcher mich am letzten Tag meines Robinson-Experiments überraschte, die Krokodiljäger vom Sepik, Pinut-ans Goldtaucher, die Totenwächter in Toraja, alle halfen mit diesen extravaganten Planeten und seine wuchernde Vielfalt an nachhaltige Emotionen zu knüpfen.

Entspannend anstatt spannend! Wir pflügen dahin, ein Aroma von Ozean und gegrilltem Angus zieht übers Sonnendeck. Ich vertrödle den angebrochenen Nachmittag mit verdauen und gehe für eine Weile meinen Spamfilter durch. Da steht ich habe gewonnen, über den vergangenen Monat hinweg müssen es Trilliarden sein. Allein Mavis L. Wanczyk glückwünscht mir zu 9 Milliarden USD, damit könnte ich mit der Gladiator 40’000 mal rund um die Welt schiffen, Paul Campbell offeriert Privatkredite von nur 2%, und der Algorithmus von Booking.com hat gemerkt, dass ich ohne ihre Betten auskomme. Mensch ist mir langweilig, aber das Casino gehört nicht zu „everything is included“, und im Ultravilolet eines asiatischen März baden, ist ebenfalls riskant. Bleibt noch Mini-Golfbällchen einputten zu 100 US Dollar Wetten vorne beim Bug, oder ein paar Runden um den Pool joggen. Ich gebe Sunny ein Zeichen, hole mir einige Snacks gegen das Nachmittagsloch und blicke auf die Wellen, die nicht viel tun als Wellen zu sein. Die Muse ist zurück und wiegt mich behutsam in Morpheus Arme.

Hongkong

Danke Zwischenstopp. Wir gehen vor Anker und dürfen zum spielen ans Land. Dürfen wir, falls wir einen Weg von unserem schwimmenden Sternehotel durch das Terminal finden ohne dabei der Shopping-Orgie zu erliegen. Offensichtlich haben Hongkongs Terminalerbauer erkannt, dass hier täglich Reichtümer ungeschröpft ein- und ausschiffen, es erweist sich somit als klug die Rentengelder gleich beim Stadthafen abzuziehen. Trotzdem widerstehen manche der Idee durch die Allee aus Markenshops zu wandern und setzen sich direkt in den Bus mit der Aufschrift „Shopping Mall“, wo es dann noch mehr von der Megalopolis zu „entdecken“ gibt. Andere kleben lieber gleich an der Poolbar, aus reinem Desinteresse, oder aus Angst, die Hongkonger würden ihre in der Unterhose versteckten Wertsachen stibitzen. Rätselhafte Kreuzfahrer, man kann ihnen nur ohnmächtig zuschauen. Ich fliehe ins urbane Wirrwarr von Kowloon, vorbei an den „Taylor sir, taylor“-Typen, einer kantonesischen Version von Elvis, der eine Telefonzelle besetzt hält, und verstecke mich in einer schummrigen Hintergasse bei der nächstbesten Nudelsuppenfrau die mich anlächelt. Egal wie lange ich warte, keiner faltet mir eine Serviette über den Schoss, dafür grinst das ganze Lokal während ich in der Küche auf heimische Nahrung zeige. Und als Dessert servieren sie hier ein „Come again!“, dass authentischer ist als alles was ich bisher an Board erleben durfte. Seit meinem letzten Besuch vor sieben Jahren ist ausser ein paar neuen Betonklötze alles beim alten geblieben – Die gegeiselten Knechte des City-Alltags hetzen durch ein Chaos aus nervös blinkenden Neonreklamen die für Fusspflege oder Sexspielzeug werben, getrocknete Seepferdchen kitzeln weiterhin die Libidos, und irgendwo unterschreibt einer den Mietvertrag für sein neues „Cage Home“. Hongkong, eine der reichsten Städte der Welt – und gleichzeitig eine der ärmsten.

Fliegender Wechsel der Passieren, hier hört eine Cruise auf, eine andere beginnt. Ich hätte ja gefeiert, aber die Abschieds-Party am Vorabend wurde mir verwährt, da ich keine schwarze Hose besitze, nur eine blaue. Viele flogen inzwischen nach Hause, nach Georgia, Idaho oder Oklahoma, dafür rocken nun mehr Chinesen das Deck. Gut erkennbar da sie gepaart im Doppeldutzend zum Buffet tippeln. Alles ganz im Sinne von Schmuckhändler Alex, der die Cruisers mit Prunk „to go“ eindeckt. Wir hatten nur kurz gesprochen, Alex verfügt über einen eingebauten Smalltalk-Timer und rasch erkannt hat, dass ich seine Zeit verschwende. Sunny bringt mir einen Mojito, und ich beobachte Alex wie er über das Deck tigert auf der Suche nach frischer Beute. Man kann ihm nur Glück wünschen, wer auf einem Kreuzfahrtschiff anschafft, hat ein Recht auf Schadensersatz. Mein Nachbar Robert ist auch noch da – er hat die vollen 147 Tage gebucht, von Los Angeles nach Los Angeles und ist, wie er behauptet, unterwegs auf einem „floating paradise“. Es duftet nach Zigarre, nach Erfolg und Rente, ebenso cruist der ausgediente Hannibalweiter mit – ich habe mir nach reiflicher Überlegung erlaubt den Herrn nach dem fiktiven A-Team Chef zu benennen. Denn Hannibal ist nie ohne 20 Zentimeter Prügel im Gesicht unterwegs. Gelegentlich schmaucht er, aber meist hängt der Stumpen dekorativ zwischen seinen Lippen, als ob er ihn vorgestern da vergessen hätte. Bleibt zu hoffen, dass er seiner Frau zuliebe die Zigarre wenigstens in der Nacht weglegt. Der bulgarische Kapitän gibt Sturm und heftigen Seegang durch, eine perfekte Gelegenheit um die Passagiere für die Notfallübung einzusammeln. Ich bleibe in trauter Nähe von Sunny und seinen Mojitos, falls es darauf ankommt, so stelle ich mir vor, bin ich sowieso schneller als die mit den Krücken und Rollatoren.

Die Gladiator giert in den Wogen. Via Zickzackkurs wanke ich zur letzten Völlerei auf Spesen, labe mich an Räucherlachs, eingelegten Auberginen, Riesencrevetten, geröstetem Knoblauch, Brotdelikatessen, Parmesanklumpen, viererlei Bruscetta, Buffalo Morzarella. Dann die Vorspeise; Lasagne. Weiter mit dem Secondi; Bistecca di Manzzo vom Angus Rind mit Gratin. Zum Schluss ein Berg Panacotta mit Fruchtcocktail. Es geht zu und her wie bei einer Löwenfütterung. Sommelier Emiliano scheint zu bemerken, dass sich meine Reise dem Ende neigt – er schleicht sich mehr als üblich an meine Tafel und erkundigt sich nach meinem Wohlbefinden. Ein galanter Filipino mit baumelndem Silberschüsselchen am Hals, allzeit griffbereit um das Bouquet einer neuen Rotweinflasche zu prüfen, unendlich Rotwein – ich werde diesen Moment für immer abspeichern unter der Kategorie „es war einmal“. Emiliano, der brav mit Nachschub Spalier steht und ringsum ein Gefolge, dass mit der Anmut einer Gruppe Balletttänzerinnen durch den Saal taumelt, haargenau im richtigen Augenblick eine Zehenspitze verlagert um die auf Serviertabletts getürmten Steaks vor dem freien Fall zu schützen. Und inmitten von all dem Exzess aus Kulinarik, hetzender Kellner und heuchlerischem Gelächter schnappt sich Restaurant-Chef Donald den automatischen Rollstuhl vom Hans, dem Ostfriesen und düst zum Spass von dannen.

Land in Sicht

Woher kommt das Streben nach dem Dauerfeuer an Sinnesbrisen? Ist es der Zeitgeist? Liegt es an den Genen? Den vorgängigen 500 Leben? Am Umfeld oder der Familiensituation? Meine läppische Selbstdiagnose; angeborene FOMO! Kam bereits unheilbar krank zur Welt; hatte ich erst im Garten ein Zelt aufgebaut, wollte ich den Flugzeugen in Kloten beim Abheben zusehen. Gleich nach der ersten Spaghetti Napoletana wollte ich wissen wie das Essen in Italien schmeckt. Heimische Parties sind genial, aber wie feiern sie in London, Budapest, oder Moskau? Sind die Fjorde Norwegens wirklich so majestätisch wie in den Bildbänden? Und was könnte ich auf eigene Faust im Wunderland Japan erleben? Ich muss die Dinge erleben, um sie zu verstehen. Und ich will sie verstehen. Selbst die Kreuzfahrer. Viel hat sich über die Jahre also nicht geändert, die Gelüste wurden nur teuer und die Ziele ambitiöser. Da können einige mitfühlen, hingegen ist das Nomadentum nicht jedermanns Luftschloss. Die Ich-AG ist stets auf ungewissem Kurs und damit auch das Gefühl von Sicherheit. Dafür entwickelt sich die Kreativität, denn sie ist nicht angeboren, sondern entfaltet sich je nach Umgebung. Andere flüchten aus einer trostlosen Realität weil sie es satt haben, die Zeit totzuschlagen anstatt sie vollends auszukosten. Eine Randgruppe versucht bis heute dem Vortex des Wettbewerbsdrucks zu entkommen. Lange nicht jeder Ausreisser hat ein rastloses Gemüt, es gibt unterschiedlichste Motivatoren. Allen voran die Suche nach Glück – oder mindestens der Ansporn um die drohenden Lebensjahre möglichst „glücklich“ zu überstehen. Bis man es durchschaut, es gibt kein kollektives Verständnis von Glück! Auf der Marketingseite wird uns dies zwar eingetrichtert. Tu dies, investier in das, mach eine Kreuzfahrt, dann, ja dann fühlst du dich glücklich und sicher. Mein persönliches Wohlbefinden, so durfte ich erfahren, ist weder an eine schöne Wohnung noch irgendwelchen Luxus geknüpft – sondern die Flexibilität zu entscheiden, wann ich wie was tun möchte, wann aufstehen, wann schlafen gehen, wann feiern, wann die Dinge unerledigt lassen, wann die absolute Spontaneität geniessen. Wahrlich eine der höchsten Weihen! Auch fünf Nomadenjahre später bleibe ich rastlos, meine Wohnung soll weiterhin in einem Rucksack Platz haben, doch suche ich nicht mehr nach Glückseligkeit, die habe ich gefunden. Ich bin Herr über meine Zeit.

„Der Pessimist klagt über den Wind, der Optimist hofft, dass er dreht, der Realist richtet das Segel aus.“ (Sir Adolphus William Ward, 1837 – 1924)

Was wird nun aus mir? Was aus meinem neuen Alias, Mr. Siebers, und dem traurigen Ende von „everything is included“? Lässt mich Asien als standortunabhängiger Weltbürger überleben? Werde ich schlussendlich doch Urnenverkäufer in Siargao, Pirat, Englischlehrer in Hanoi, Vollzeit-Robinson auf Isla Incógnita, oder vielleicht sogar Krokodilleder-Händler am Sepik? Was weiss ich. Für jetzt reicht der Gedanke an eine vietnamesische Nudelsuppe. Sunny nickt verständnisvoll und holt mir einen letzten Mojito.

Bon Voyage.


“Where you come from now is much less important than where you’re going… And home, we know, is not just the place where you happen to be born. It’s the place where you become yourself.”

“Wo man herkommt, ist weitaus weniger wichtig als wohin man geht… Und Heimat ist nicht allein der Ort wo man geboren wurde, aber auch der Ort wo man sich zu sich selbst wird.“

Wo ist man zu Hause? | TED Talk mit Siddharth Pico Raghavan Iyer (alias Pico Iyer), Essayist und Schriftsteller

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: