Das Paradies – Parabel für die erlösende Wende, das gesellschaftliche Upgrade oder Hookers und Schirmchendrink am Wonnestrand. Öfters zerbricht die Utopie an der fiesen Realität. Diese Story aus Fernost demaskiert die Schuldigen und erzählt von den Paradiesen die wir jagen, aber allzu selten finden. Dabei soll keiner auf die abwegige Idee kommen, hier einen Reiseführer ins Glück zu erwarten. Den Schlüssel mit der Aufschrift „Paradies“ schmiedet jeder selbst.   

Die Pforten zur Hölle

Gebeutelt von Malaria und Buschabenteuern im märchenfremden Papua Neuguinea flennt mein Reisegemüt. Es sehnt sich nach einer Hülle und Fülle originell zubereiteter Speisen, nach Chauffeuren frisch duftender Automobile die an jeder Ecke auf einen eintrudelndes GPS-Standort warten, vielleicht ein weiches Kissen mit üppiger Privatsphäre rundherum, ab und zu ein „Yes Sir“ – schlichter Komfort eben – eine Pause von Lastwagen mit querverlegten Brettern zum draufsitzen, seuchenfeisten Mücken und Kübelduschen zwischen Hühner- und Schweinestall. Dabei war mir mit keinem Deut bewusst, dass mich die vermeintlich rettende Airline direkt vor den Pforten zur Hölle („the gates of hell“) absetzt. Thriller-Autor Dan Brown mag mit seinem Manila-Resümee in Inferno etwas provozieren, doch liegt Fiktion und Realität bekanntlich nicht weit auseinander.

Ein feines Städtchen à la San Francisco mit üppigen Parkanlagen und idyllischer Uferpromenade hatte sich Daniel Hudson Burnham vor knapp 100 Jahren ausgemalt, als ihn die U.S. Philippine Commission mit der Planung Manilas beauftragte – dann ging offensichtlich alles schief. Wer hat Schuld am Dilemma? Die missionierenden Kolonialherren aus Spanien? Die geopolitische Unterjochung durch die Amis? Die bombenden Japaner? Die fleissig investierenden Chinesen? Moralisch verdorbene Politiker? Schlussendlich hat wohl jeder etwas zum Schlamassel beigetragen. Pro Quadratkilometer steiler Bauwut und behelfsmässiger Ghettos wuseln an die 50’000 Filipinos plus unzählige Ratten so gross wie Katzen. Und jeden Tag kommen weitere Glücksjäger aus den Provinzen und schnorren nach Raum. Eine urbane Katastrophe, bei der jeder Ingenieur mit etwas Taktgefühl und Sinn für Ästhetik eine gigantische Abrissbirne herbeisehnt und neu anfängt. Metro Manila pendelt zwischen Armut und Reichtum, Mangel und Überfluss, vorbeigleitenden Porsches und Eltern die Ihre minderjährigen Kinder in die Prostitution vermieten – Im Herzen die noble Kirche, die alle irgendwann von ihren Sünden erlösen wird, während das schwermütige Moloch mit dem Engagement eines Taifuns immer mehr Opfer verschlingt. Aber selbst auf den Brettern solcher Bühnen führt der Himmel hin und wieder seine Wunder auf. Überall spriessen sie aus dem Boden, die Fachschulen, Vermittler und Personalbüros, um konstant topp ausgebildete Krankenschwestern, Hausangestellte, Nannies, Seeleute und Küchenjungen ins Ausland zu schieben. Die prekäre Situation auf dem inländischen Arbeitsmarkt fördert zwar auch die Kreativität der Entrepreneurs ländlicherer Gebiete, wo sich niemand zu schade ist nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Wer jedoch auf dem Lande verarmt, fordert die Bestie heraus. Und lässt die City nicht anschaffen, bewirbt man sich um einen befristeten Exit. Zehn Millionen Pinoys (zehn Prozent der Bevölkerung) jagen derzeit nach einer verheissungsvolleren Währung um sie dann nach  Hause zu überweisen. Sie sind die bagong bayani — die „neuen Helden“ der Nation, verstreut von der Antarktis bis nach Saudi Arabien.

Das erfolgreichste Exportgut der Philippinen sind seine Menschen, die aufopfernd ihre Familien und ganze Dörfer am Leben erhalten. „Für viele führt der Weg aus der Armut nur über das Ausland, angeheuert als Crew-Mitglied auf einem Kreuzfahrt- oder Frachtschiff“, erzählt der junge Alejandro, der zusammen mit 6000 anderen zwischen Grabsteinen und Mausoleen im Friedhof Nortelebt. Bald wird er die Matrosen-Ausbildung abschliessen und in See stechen. Wiederum berichtet der 37-Jährigen Neil von seinen drei Auslandsjahren in Saudi Arabien, wo er als Lehrer umgerechnet 70’000 PHP pro Monat verdient hat – der hohe Lohn rechtfertige selbst die Gefahr (sexuell) genötigt und dann lebendig in der Wüste begraben zu werden. Erwin Castaneda Rizarri ist unlängst zurück von seiner Odyssee. Während drei Jahren leitete der Familienvater einen Supermarkt in Papua Neuguinea (heute gewahr der bewaffneten Überfälle auf von Filipinos geführte Supermärkte). Dabei verdiente er mehr als das Doppelte an Gehalt verglichen mit seinem Job als Grab-Fahrer. Nebenbei bemerkt, würden Manilas unbarmherzige Stosszeiten das Nervenkostüm im selben Masse drangsalieren wie Supermärkte führen in Papua. Die Mittelschicht wächst rasant und anlässlich der erschwinglichen Anzahlung bei Leasing-Verträgen schwellen auch die Neuzulassungen an. Wer könnte den Filipinos das Komfort-Upgrade verübeln, sie haben ihr halbes Lebens wie Ölsardinen eingequetscht in Jeepneys, Sammel-Metros, Sammel-Motorrädern, Sammel-Rikschas, Sammel-Kombis oder Sammel-Wasauchimmer verbracht. Bestimmt gehen in der Millionenstadt alltäglich kleine Träume in Erfüllung, wie der Erwerb einer Klimaanlage auf Raten, ein satter Gewinn beim Taubenrennen, oder der Arbeitsantritt als Telefonberater in einem der wuchernden Call-Center, die just Indiens Bangalore zahlenmässig abgehängt haben. Es gib so viele, dass falls die Armada aus philippinischen Call-Agents ab morgen die gesamte Weltbevölkerung anrufen würde, wüsste nach gerademal 24 Stunden jeder Mensch vom Credo „It’s More Fun In The Philippines“.

Die üppigen Spaziergänge durch die Schlünde der Barangays bestätigen meine Vermutung; die Heimat dieses touristischen Schlachtrufs liegt irgendwo ausserhalb lebensfeindlicher Abgase, SM Shopping Malls und abgemarterten Seitengassen, versteckt im toten Winkel der Habgier von Jollybee, Greenwich und Chowking, welche Abermillionen von Sparsamen mit industrialisiertem Food penetrieren. Irgendwo nahe der 36’000 Küstenkilometer. Vielleicht in Palawan?

Fremdenverkehr im 21. Jahrhundert

„Wir dürfen niemals vergessen: Unsere vornehmste Aufgabe ist es zu leben.“ Zu dieser Erkenntnis gelang der französische Philosoph Michel de Montaigne dank den Wirren seiner Epoche (1533–92).

Friedvoll gondeln die verwitterten Banca-Boote entlang den Ufern, als hätten sie nie etwas anderes vorgehabt als friedvoll entlang den Ufern zu gondeln. Es schmeckt nach verdunstetem Ozean. Auch mich tauen sie auf, El Nido und Coron entschlacken meine Rastlosigkeit und entführen in den erlauchten Kreis der Geniesser. Der Tourismus wütet erst seit zirka zehn Jahren in der Gegend, vergleichsweise wenige Einheimische wurden bis dato von den aufkeimenden Hotelanlagen aus ihren kleinen Strandparadiesen verdrängt. Die westlichen Etablissements halten sich (noch) in Grenzen. Bisweilen fehlt mir die Kraft zur harten, stringenten Konzentration auf die eigenen Gedanken, so renne ich eben spassigen Aktivitäten hinterher. Die Folgewochen vergehen mit Wracktauchen, per Motorrad durchs ursprüngliche Hinterland cruisen und zelten auf kaum besiedelten Vorinseln umgeben von kristallklarem Feucht. Auch hier saugen einen die Mücken leer, aber die wenigsten übertragen dabei fatale Parasiten. Dann wieder fläzen in der wohligen Nähe hexender Baristas, IPAs und immigrierter Köche mit ihren vertrauten Rezepten. Shawarma und Pizza Napoletana! – Und plötzlich; der belebende Smile eines Fremden. Wie angeworfen, fühle ich wieder. Erinnerungen aus den jüngsten Monaten überkommen mich wie im Rausch. Groteske Düfte verschmelzen mit flüchtigen Kameradschaften und dem Herzklopfen während masochistischen Abenteuern. Kritiklos lasse ich alles und jeden Revue passieren, lehne mich dann wieder zurück ins Jetzt und spüre diese inszenierte Gewissheit, diesen ultimativen Trumpf des Nomadentums. Darf ich Privilegierter doch kurzfristig über eine Flucht aus jeglicher Misere entscheiden (mit Ausnahme von Despacito und den ab September vorherrschenden Top 10 Weihnachtsliedern mit den dazu lustig summenden Kellnern in Nikolausmützen). Ich kann, sofern ich mag, den Unterschlupf vergleichbar oft wechseln wie meine Unterwäsche (total in Balance), wandeln zwischen der abgeschiedenen Heimat von Jäger und Sammlern, geheimnisvollen Inselreichen oder den Cities eines florierenden Orients. Und es wird mir einmal mehr bewusst, dass mich weder Stadt- noch Inselleben per se besänftigt, sondern deren Wechselwirkung. Hänge ich zu lange auf Inseln ab, muss ich über kurz oder lang in eine Stadt ziehen um wieder von diesen Pseudo-Paradiesen träumen zu können. Gerade dieses Land eröffnet da ungeahnte Möglichkeiten. Einfach den Lohnüberschuss einiger Jahre, bestenfalls erspart in CHF, USD, Rubel, £ oder Euro auf die Seite legen und im Alter von 35+ Jahren ein Pensionsvisum in den Philippinen beantragen. Bei einer moderaten Liegenschaftsrendite aus Kummerhausen plus ebenso moderatem Reserve-Batzen auf dem Konto heisst der Staat einen langfristig willkommen – „Here’s your recidency card. Thanks for staying with us! Sir!“ Das neumodische Phänomen einer „Globalisierten Lebensoptimierung“. Da strömen finanzstarke Immigranten ins Entwicklungsland die sich fortan „Expats“ nennen weil es sich offenbar besser anhört als „Immigrants“. Zusammen mit den ausgeleierten Deserteuren der Wirtschaft, Pensionären sowie der neuen Spezies von Nomadosapiens formen sie eine Armee von Robin-Hoods, die es mehrheitlich versteht Geld von den Reicheren indirekt in die Hände der Ärmeren zu transferieren ohne jemanden auszulassen oder gar auszubeuten. Romantisiert betrachtet kommt dabei eigentlich niemand zu kurz. Nennen wir diese Randgruppe daher „Moderne Kolionalisten mit Sinn für Fair-Trade“ – Schlussendlich sind auch meine knappen Honorare aus Fotoreportagen in Canadian Dollars, Aussie Dollars, Schweizer Franken, Euro (ja selbst die wankenden Sterling) hier bestens aufgehoben – in den Händen eines prosperierenden Volkes. Dabei geht es Menschen wie mir nicht um Prestige, vielmehr darum einen prunklosen Lebensstil zu wahren und sich dabei möglichst wohl zu fühlen. Nicht unser Besitz, sondern unsere Erlebnisse machen uns reich, meinen die Traumtänzer.

… „Jingle all the way, Oh what fun is to ride“… trällert es aus dem Küchenradio, und das Personal des kleinen Cafés geht dazu steil als wäre der Nikolaus höchstpersönlich unter den Gästen, die Rute im Anschlag. Asiaten die Weihnachten zelebrieren und zu 30 Grad im Schatten von Holzschlitten, Glocken und Schnee singen, waren mir schon immer suspekt. Obschon der Löwenanteil der Filipinos die Weihnachtszeit mit dem geselligen Familientürk gleichsetzt, lassen sich beängstigend viele von den Irrlichtern des Konsums blenden. Es wundert mich, dass man sich überhaupt noch wundert wieso alle Einkaufszentren vor und nach Weihnachten vor lauter Besinnlichkeit bersten. Und trotzdem will jeder hin. Daher erlaube ich mir hin und wieder die abseitige Version vom Heiligabend des 21. Jahrhunderts mittels bildlichem Vergleich zu dementieren.

Gammeln und den internationalen Status Quo recherchieren. Wie geht’s meinen Leuten da draussen? Was ist mit der Mauer zwischen Ami-Land und den Mexikanern? Wie reagieren die gewaltfreundlichen Melanesier in Papua Neuguinea auf den Einkauf von 40 Maseratis für die den Besuch APEC-Delegierter? (Korrekt, es endete mit plündern und anzünden.) Und wie läuft’s bei uns zuhause mit der Hornkuh-Initiative? (Schweizer Bauern fordern vom Staat ca. 15 Millionen Franken für die „Hörner-Hilfe“, damit wieder mehr Kühe Hörner tragen dürfen). Die Initiative ist knapp gescheitert. Beim scrollen durch inländische Neuigkeiten muss ich grinsen; ein Social-Media Clip zeigt Herrn Rodrigo Duterte wie er nach einer Rede durch die Hauptstadt geschoben wird, majestätisch winkend, hin und wieder ein gebrauchtes Schweiss-Tuch dem Volke zuwerfend (mehr Schweiss-Tücher zum werfen, liegen griffbereit auf einem Haufen nebenan). Dazu die Hymne „Für echte Veränderung„ vom Kollegen Freddie Aguilar, ein gepreister Schlagersänger der im Alter von 60 zum Islam konvertierte damit er seine 16-Jährige Freundin heiraten darf. Es bleibt heiter in Absurdistan. Erkundige ich mich bei der intellektuellen Schicht, ist Rodrigo halb vulgärer Clown halb Macho-Haudegen, einer der zum Wohle des Volkes wortwörtlich über Leichenberge geht. Frage ich die Erwerbsarmen, ist er der langersehnte Messias, der das Land mit hartem Kurs vor Anarchie, Drogensumpf und Korruption rettet. Die Nation hat ihm freilich einiges zu verdanken, unter anderem reihenweise tote Drogendealer, tote Verdächtige, tote Unschuldige, „gesäuberte“ Metropolen wie Mindanaos Davao (Manila ist auf dem Radar), und die provisorische Schliessung von Boracay, die erste Insel welche offiziell dem Tourismus erlag. Das statuierte Exempel à la Duterte erlaubt mir die Routine-Frage „Have you been to Boracay?“ mit einem knappen, „Nope, still closed“ zu entwaffnen. Es wird gemunkelt, dass Boracays Strand flauschiger und das Wasser durchsichtiger sei als anderswo, daher wird der Sandhaufen seit den 80ern in den Katalogen dieser Welt als Inbegriff von Ferienmachen propagiert. Doch dann, die Guillotine; die Kür zur Insel des Jahres durch irgend so ein Reisemagazin. Zack, wollen zwei Millionen Touristen pro Jahr die 3.98 Quadratkilometer sehen.

Sie alle hatten sich eine Utopie erträumt und scheiterten an der Realität der menschlichen Natur. Glücklicherweise gibt es ja noch 7’639 andere, unterentwickelte nicht-mainstream Inseln. Für einen Monat schweife ich mit der Leichtigkeit eines Filipino zigzag über die Visayas-Inseln, toure durch Negros Oriental, Cebu, Siquijor und Bohol – von der ruhigen Westenküste zur wilden Ostenküste des Archipels.

* MassKara Festival Bacolod (Zu sehen in der nächsten Ausgabe von Terra)

Das MassKara (wörtlich = Viele Gesichter) wird jährlich Ende Oktober zelebriert in Bacolod (die Stadt des Lächelns), Negros Oriental, Philippinen 

Rio Carnival? Ganz falsch gedacht, die Tänzer kommen aus Bacolod in Negros Oriental auf den Philippinen! Das MassKara Festival wurde 1980 in einer Zeit der Tragödien geboren, es markiert eine kollektive Hoffnungserklärung der Bewohner von Bacolod. In jenem Jahr sank ein hiesige Fähre und riss damit 750 Passagiere in den Tod, gleichzeitig stagnierte auch die so wichtige Zuckerindustrie. Somit versammelten sich örtliche Künstler, Bürger sowie Beamte um inmitten der Misere einen Tag der Hoffnung und des lebensbejahenden Widerstands auszurufen. Seit anhin etablierte sich der Anlass zu einem Maskenfest, wobei mit einem Lächeln gegen alle Formen der Crux aufmarschiert, gefeiert und getanzt wird. Durch das Intermezzo sich Bacolod den hübschen Beinamen „die Stadt des Lächelns“.

 Islas de las Palmas – Paradies oder Fata Morgana?

Kurz nach Ausstrahlung der gleichnamigen Romanze wurde Siargao von irgend einem anderen Reisemagazin zur geilsten Insel Asiens gekürt. Wie solch Ehre wohl zustande kommt? Da müsste ja jemand geschätzte 30’000 Inseln im Morgenland (davon allein 7’640 in den Philippinen) kreativ bewerten. Vermutlich eine Art Win-Win Situation zwischen Politiker und Publisher. Zum Höhenflug verhalf zudem eine Welle. Cloud 9 – synonym der deutschen Redewendung; „auf Wolke sieben sein“, mauserte sich in weniger als einem Jahrzehnt nach ihrer Entdeckung zum „must surf“. Für jetzt gilt, es ist ein Paradies im Wandel – aber die Bredouille im ausgelaugten Bali, Mallorca oder bei den Nachbarn in Boracay deutet stark auf; „bitte lesen Sie endlich die verdammte Verpackungsbeilage“. Denn nun kommen sie alle; die Pro Surfer, Hippies, Yogis, Rucksacktouristen, Coke, Koks, Transen und Drag Queens, Digital Nomaden, die 10-best-things-to-do-in-Reiseblogger und narzisstischen Vloggers, Drohnen, die schlechten Surfer (gefilmt von Drohnen), die Israelis, Investoren, kreischende Kreissägen, Island Hopping Tours, die mit den Thai Elefantenhosen, Scooter-Verleiher, Fool Moon Parties, alkoholblöde Scooter-Fahrer, Influencer mit Selfie-Sticks, die Hashtags #paradise #wanderlust #selfieoftheday, Beeinflusste mit Selfie-Sticks, Flashpacker, Jollybee, Hookers, die mit den Bierbäuchen, die Drogenpolizei, Architekten aus Manila, Bananenboote, die südkoreanischen und chinesischen Reisebusse – Schnitt, soweit zum Stand heute – dann doppelstöckige Casinos, ambulante Masseusen, der internationale Flughafen mit zwei Direktverbindungen Peking-Siargao täglich, eine SM Shopping-Mall, ein Kreuzfahrtschiff-Terminal, mehr südkoreanische und chinesische Reisebusse, verbitterte Stadtplaner und zu guter letzt Dan Brown.

Bekanntlich macht die Dosis das Gift. Letztes Jahr wurden weit über 200 neue Geschäftslizenzen beantragt. In der Retroperspektive betrachtet, trennt ein auserkorenes Paradies erfahrungsgemäss eine Dekade von seinem Inferno #metoo Allmächtiger, erbarme dich Klein-Siargao! Absehbar bald werden die Einheimischen ihr Land dem Höchstbietenden abgeben und sich in die Aussengebiete zurückziehen – „Gentrifizierung“, würde meine chinesische Bekanntschaft fachkundig einschieben. Der smarte Ingenieur zieht seit zwei Jahren Discount-Autobahnen durch ganz Cebu und wird dafür gerne angeprangert; „You know, I go make street for them. But they always ask for money.“ Summa summarum gewinnen die Chinesen die Ausschreibungen wegen ihrer Kosteneffizienz. Der Clou? Die Strassen werden auf Wunsch der Politiker hauptsächlich brüchig (mit vorgegebenem Materialien aus den Philippinen) und sogar unter dem Wert vom ausgehandeltem Budget gebaut, ein Teil der Differenz fliesst dann als „Wahlkampf-Kompensationsbatzen“ ins hiesige Baudepartement. Und falls die Strasse wie erwartet nach ein paar Jahren auseinanderfällt, schafft das zwar kurzfristig neue Probleme, aber diese Probleme führen zu den neuen Jobs die das Land so dringend braucht, dann zu neuen Versprechungen und schlussendlich zu einer neuen Amtsperiode. Zu Hookers und Ländereien in #Boracay. Kein Wunder müssen die Filipinos von Gesetzes wegen während den Wahlkampftagen ihre Flinten zu Hause lassen.

Sie stimulieren das Gemüt – die Milchstrasse und Sternschnuppen über Siargao. Keine Lichtverschmutzung hindert sie bis dato daran. Falls wie diese Nacht gerade Leermond ist, stelle ich mir das Getrommel der Ahnen vor, die mit Töpfen, Pfannen und antiken Schlaginstrumenten apathisch nach dem „Moon Eater“ Bakunawa rufen, dem schlängelnden Monsterdrachen, der über die Gezeiten bestimmt. Soll er endlich diesen vermaledeiten Mond ausspucken! Als eine spanische Karacke vor einem halben Millennium bei Siargao Anker wirft und eine Horde Priester ausrollt, tauft man die Insel nach langatmigen Diskussionen dann doch lieber; „Islas de las Palmas“. Und Bakunawa wird umgehend zum Satan degradiert. Bei Abreise, so wage ich zu vermuten, illustriert der angetrunkene Kartograph die raue See, einen sich windenden Drachen, eine Schatztruhe und ein paar quälend schöne Sirenen neben die Palmeninsel. De facto wird man lange nichts von den Spaniern hören in der Region, und ausser Lechón (Spanferkel) und die auf Tagalog übersetzte Bibel scheint wenig zu gedeihen. Ein paar spanische Worte haben es auch in die Gegenwart geschafft, solche die den Einheimischen damals gefehlt hatten. Dabei gilt zu beachten, dass es lediglich keine Wörter für unnütze oder inexistente Dinge gab wie; Trabajo, Lunes, Martes, etc. Cuchara, Pantalones, Basura. Bei der Ankunft von Kapitän Bernardo de la Torre, war für die philippinischen Lebemenschen Arbeit neu, und Wochentage brauchten sie eigentlich nur um die neue „Arbeit“ einzuteilen, kann ja nicht jeder Tag ein Sonntag sein. Zur Arbeit trägt man neuerdings Hosen, und zum Essen bitteschön den Löffel benutzen. Soweit alles okay, aber auch basura (Müll) ist ein ungefordertes Importgut von Übersee. Man vergisst so was gerne wenn man Asien, oder Afrika, während der längeren Siesta vorwirft, desaströs zugemüllt zu sein. Zeit zum aufzuwachen! Coca Cola, Nestlé, Mondelez, Colgate, Unilever, Procter & Gamble (you buy it, you name it) schielen nach Marge, und wollen genauso doll Schildkröten und Ozeane retten wie ich einen Tag ohne Kaffee verbringen. #wearefucked. Falls der Dude nebenan dann wieder mal sein Plastikhäufchen über Nacht verbrennt, heisst das höchstwahrscheinlich, dass ihm seine Regierung aufgrund Staatsdefiziten und anderer Brennherde wie Überbevölkerung, Kriminalität, Jobs und Bildung noch keine Zeit hatte die Kehrichtabfuhr vorbeizuschicken. Und als Fussnote; solange es sich eine Organisation wie National Geographic erlaubt die wach schüttelnde „Planet or Plastic“ Ausgabe eingeschweisst im Plastikbeutel an ihre Millionenkundschaft zu schicken, steht es sowieso beschissen um das Nachhaltigkeitsdenken des Westens. Dann schwappt für gut ein Jahrhundert die Amerikanisierung über die Philippinen, und aus „ich gehe kurz etwas tauschen“ wird endgültig „Magsya-shopping ako sa mall mámayâ“ – quasi „ich verschwinde für Stunden im Einkaufszentrum bis mir vor lauter shoppen die Gelenke auskugeln“ (*Tanglish der prominente Mix aus Tagalog und Englisch). Was war eigentlich zuerst, das Angebot oder die Nachfrage? Obwohl die Filippinos en masse brav vor den Pforten der Malls ausharren bis der Wächter um Punkt 10 endlich den Gatter aufsperrt, holt sich jeder das notwendige Allerlei beim Tante Emma Laden nebenan. Bayanihan– Man hilft sich. Der kühnste Schachzug von Asiens Shopping-Malls war ursprünglich nicht der Produktemix, sondern die Klimaanlagen. Gerade für die Einwohner Manilas ein ist die Mall ein Paradies inmitten des stickigen Chaos und wie geschaffen für einen ausgedehnten Spaziergang bei wohligen 15 Grad. Tant pis – im Westen wollen sie rein wenns draussen kalt ist, und im Osten wollen sie rein wenns draussen heiss ist.

Der Rückzugsort von Kobras, Fischern und Gärtnern macht mehr und mehr Platz für die Spielplätze der Spassgesellschaft. Doch zwischen dem wachsenden westlichen Komfort, findet das wahre, das ruhmlose Leben der Einheimischen statt; ein Junge der seinen Gockel streichelt bevor er ihn in den Kampf schickt, das gesellige hocken unterm Palmendach mit herumkullernden Red Horse Bierflaschen, der taubstumme Schwule im rosa Baströckchen der eine Raketenabschussrampe gestikuliert, reuelose Surflehrer alias Väter von fünf Kindern mit vier verschiedenen Frauen – Postskriptum; sich in den Philippinen scheiden zu lassen, ist mindestens genau so schwierig wie aus der Kirche austreten, da eine Scheidung innert den ersten zehn Ehejahren locker um die 20’000 USD kostet und nur durchgerungen wird falls die Anwälte beider Parteien ihre Mandanten aufgrund Sexentzug oder Zankerei als „psychisch krank“ deklarieren. Wundersames Utopia – Volle Kanne Kontrast der zum verweilen einlädt, wären da nicht die von morgens bis abends laufenden Karaokemaschinen. Vor ein paar Tagen hat es wieder einen erwischt. Augenzeugen aus dem Barangay berichten; es vergriff sich jemand am Lieblingslied des anderen, bis ihn diverse Stiche einer zertrümmerten Flasche zur Vernunft zwangen. Ob der (offiziell) tödlichste Song der Philippinen verantwortlich war, Frank Sinatras „My Way“, bleibt ungeklärt, aber denkbar.

From our mutual friend – Wiki:

The „My Way“ killings are a social phenomenon in the Philippines, referring to a number of fatal disputes which arose due to the singing of the song „My Way“, popularized by Frank Sinatra (peaking at #27 on Billboard Hot 100 in 1969), in karaoke bars. A New York Times article estimates the number of killings to be about six up to 2010. Another source estimates at least 12 between 2002 and 2012. Opinions differ over whether the possible connection is due to the coincidence that the song was simply frequently sung amid the nation’s karaoke bars where violence is common or to the aggressive lyrics of the song itself. On May 29, 2007, a 29-year-old karaoke singer of „My Way“ at a bar in San Mateo, Rizal, was shot dead as he sang the tune, allegedly by the bar’s security guard, who was arrested after the incident. According to reports, the guard complained that the young man’s rendition was off-key, and when the victim refused to stop singing, the guard pulled out a .38-caliber pistol and shot the man dead. Some Filipinos, even those who love the song, will not sing it in public in order to avoid trouble. As of 2007, the song reportedly had been taken off of the playlists of karaoke machines in many bars in Manila after complaints about out-of-tune renditions of the song resulted in fights and deaths. According to a 2007 Reuters news report, the „My Way“ killing phenomenon had started a few years before.“Videoke rage“ is not just limited to „My Way“ in the Philippines. „There have been several reported cases of singers being assaulted, shot or stabbed mid-performance, usually over how songs are sung,“ according to a 2008 report in Britain’s Guardian newspaper. In Malaysia in 2008, a man at a coffee shop hogged the karaoke microphone so long he was stabbed to death by other patrons. In Thailand, a man was arrested on charges that he shot to death eight neighbors, one of whom was his brother-in-law, in a dispute stemming from several karaoke offerings, including repeated renditions of John Denver’s „Take Me Home, Country Roads“. In July 2013, an American was stabbed to death for refusing to stop singing in a karaoke bar in Krabi, also in Thailand. In China, a fight occurred over the microphone in a karaoke parlor, and a man hacked two others to death with a meat cleaver. There was also an incident in Seattle where a karaoke singer was punched and attacked by a woman in order to stop him singing Coldplay’s „Yellow“.

Erstaunlich! Waren die Filipinos doch über Generationen hinweg gewillt, für die Geliebte auf dem Balkon ein Serenade zu singen. Harana, die Tradition der Ständchen, des charmeurhaften Bezirzens frei nach Romeo & Julia, hat wie viele andere antiquarische Bräuche den Kampf gegen Karaoke und Youtube verloren. Nur im Grossraum Mindanao müsse es noch „echte“ Kultur geben, Messer-Duelle, auf dem Meeresboden wandelnde Bajau und Pferdekämpfe. Schade, aber ich bin in Ferienstimmung! Zwei unvergessliche Monate verweile ich in Siargao, reite morgens auf Babywellen entlang unberührten Palmwälder und jungfräulichen Stränden. Purzle dann wieder durch die grossen Wellen und frage mich wieso ich mir das eigentlich antue. Tagsüber verwühle ich mich in Bean Bags (die, so erfahre ich am letzten Tag, regelmässig von einem geilen Mops begattet werden), und rocke darauf das Nachtleben als wäre ich gerade erst volljährig geworden. Einfach ohne das kotzen. #besttimeever

Salamat sa iyo! Mike, Jonas, Claude, Vanessa, Manuela, Cian, Miquel, Gracy, Niki, Smile, Carlos, Inday, Sharol, Omar, Fabian – ihr alle habt mir wieder das Gefühl gegeben, Teil von etwas zu sein. Auf Siargao lernte ich auch die Pflicht von der Kür zu unterscheiden. Zumindest vergass ich kurzfristig, zu reisen, fotografieren und zu schreiben, und konnte mir irgendwann nicht mehr vorstellen, diesem magischen Ort der Geselligkeit und Nächstenliebe jemals zu verlassen um mit anderen Inseln fremdzugehen. Ja es war knapp, denn selbst die Erinnerung an die vagen Zukunftspläne begann zu verblassen. Binsensweis; wer nach dem gelobten Paradies fahndet, begnügt sich schlussendlich mit einer Fata Morgana, die wirklichen Oasen sind die Menschen. Und noch ein Reisetipp von mir; wurde ein Ort Secret Spot und Hidden Beach getauft, dann ist dessen ursprünglicher Charme wohl dem Untergang geweiht. #whatsnext

Vanessa erzählt mir von ihrem Onkel Ernie im nahegelegenen Süd-Leyte; „they still dive for gold there, you know?!“

Reportage: Ebbe und Flut – Der versunkene Schatz von Pinut-an

Im Herzen des Visayas-Archipels schulden die Tropen dem philippinischen Fortschrittsdurst bis anhin nur wenige Opfer. Bewacht vom ausgebrannten Cabalían entfaltet sich ein ursprüngliches Süd-Leyte, dessen fruchtbare Küstenlandschaft jeder zu nutzen vermag. Heimische Fischer holen Netze voller Beute ein, Touristen stellen einer gesunden Population von Walhaien nach, und irgendwo zwischen Seetang und Geröll tauchen die Goldschürfer von Pinut-an mittels Retro Tauchausrüstung nach ein paar Milligramm Unterwasser-Gold, um für das tägliche Leben aufzukommen und vielleicht eine Flasche Tanduay. Ist ihr Eigentum Diebstahl?

* Die Dokumentation erscheint exklusiv 2020 im Mare, dem Magazin der Meere und vorab als Fotoreportage der aktuellen Ausgabe von Stern VIEW.

Cordilleras

Touchdown nahe Angeles City in Luzon, Miquel & Gray holen mich ab. Rückblickend habe ich dem Paar, dass ich in Siargao kennenlernte einiges zu verdanken – unsere bestehenden Ansichten sind konform und frische Themen nicht selten nachhaltig bereichernd. Erneut bin ich des klassischen Tourismus müde, dazu komme ich nur schleppend in die Gänge was meine vorerst letzte Reiseetappe in Südostasien betrifft. Zum arroganten Reise-Snob zu verkommen ist eine schockierende Erkenntnis, genauso ätzend wie sich nirgendwo mehr zuhause zu fühlen. Bin radikal entwurzelt und gleichzeitig der Tatsache bewusst, dass ich die verschwenderischen Reisfelder, die pittoresken Wasserfälle und halbwegs intakte Kultur mit bereits Erlebtem vergleichen werde. Miquel & Gray gönnen mir die Gedankenpause und horten mich für einen Monat im kühlen Baguio. Hegen einen Ninja, der in ihrem Heim auf Samtpfoten ein und aus schleicht, oft ungesehen, dann wieder demaskiert und gesellig. Es regnet für Wochen, höchste Zeit an der ungewissen Zukunft zu feilen. Mal ehrlich, wie fühlt sich jemand, der nach fünf Jahren an der Uni für Weltbewusstsein graduiert und kurz davor ist, das Vagabundenleben aufzugeben? Eine Frage, die nicht wenige Travelholics mit Routinophobia beschäftigt. Überwältigt von der schieren Auswahl neuer Möglichkeiten, und gleichermassen gewahr den Hürden, schlittere ich wohl unhaufhaltsam in meine erste Midlife-Crisis. „Jänu“, sagen wir dazu in der Schweiz. Dabei klammere ich mich an den weisen Xuan Zang, ein chinesischer Mönch aus dem siebten Jahrhundert, der nach ewiglanger Pilgerei durch die Wüsten des Orients zu folgendem Schluss fand: „Wenn wir die Dinge nach ihrem Unterschieden angehen, sind Leber und Milz so weit voneinander entfernt wie die Städte Tschu und Yue. Wenn wir sie nach ihren Ähnlichkeiten angehen, ist die Welt eins“.

Cordilleras – Bildwelten

Währenddessen erbost Baguio in alle Himmelsrichtungen. Auch das war kaum absehbar als die Amerikaner hier ihren Militärposten und dann ein paar Sommerferienhäuser etablierten. Damals hiess der Provinzort Kafagway, was sich mit „ein grosser offener Raum“ übersetzen lässt. Aber die Zeit spielt ein übles Spiel mit dem einst idyllischen Kaff, ein Schicksal, das an Vietnams Dalat oder Indiens Darjeeling erinnert. Heute heizen sie Stossstange an Stossstange durch engste Bergstrassen, die den konfusen Richtungswechseln einer Achterbahn in nichts nachsteht. Regelmässig stecke ich irgendwo im Verkehr fest und sinne über die Pforten zur Hölle. Apropos Manila – gestern wurde der braunschwarze „Black Nazarene“ für die jährliche Parade aus der Quiapo Kirche geholt. Das Titelbild der heutigen Zeitung präsentiert einen Knäuel aus Millionen Leibern, der träge über die Hauptstadt rollt. Übernatürliche Kraft wird der Reliquie des gekreuzigten Jesus aus Mexico nachgesagt, immerhin habe sie zwei lodernde Feuer, dazu zwei Erdbeben, Überschwemmungen, zahlreiche Taifune plus die Bomben des Zweiten Weltkriegs überlebt. Ob die Farbe vom hölzernen Messias deshalb vom Idealbild abweicht, weiss niemand mehr so genau, hingegen zweifelt keiner an der Gratwanderung von Hingabe und Fanatismus. Und falls doch, genügt ein Blick auf den Pulk kletternder und elbögelnder Filipinos, die sich im Rausch jederzeit über den Haufen schiessen würden nur um einmal die hölzigen Leib Christi zu streicheln. Auch für Herrn Duterte wurde zu diesem Anlass fleissig gebetet – als Team werden sie das richten. Der ambitiöse Chef renoviert das irdische Paradies, und „Blacky“ der gesalbte, wacht über das himmlische. Anscheinend haben sie im Orient noch nicht mitgekriegt, dass derweilen alle Religionen abgewirtschaftet haben. Hier propagieren sie nach wie vor eine heilige Erlösung, die Flucht nach oben.

Vielleicht ist für die Pinoy der Tod gerade deshalb so wichtig wie das Leben. Er wird zelebriert mit wochenlangen Totenwachen, regelmässiger Visite der Gräber und Karaoke in den Familienmausoleen während All Saints Day. Und für die Schar an OFW (Overseas Filipino Worker) die es nicht rechtzeitig zum respektvollen Abschied nach Hause schafft, gibt es neu E-Burol und E-Libing. Dazu werden Internet-Protokoll-Kameras in der Bestattungskapelle installiert. Der virtuelle Trauergast aus Jeddah oder Port Moresby kann sich dann mittels Passwort in den 24/7 Live-Stream einloggen und bei der digitalen Beerdigung mitfiebern, mit Verwandten und Besuchern chatten und Retroperspektiven der Zeremonien anschauen. Wer genug hat, schliesst das Fenster und wechselt wieder zu Netflix, oder lässt einfach beide Fenster offen. Auch Miquel & Gray sind seit kurzem im Geschäft mit den Toten. Im Joint-Venture mit einem Schreiner in Baguio fertigen sie edle Holzurnen. Ich will mich erkenntlich zeigen und skizziere für meine Gastgeber einen Marketingplan. In den Philippinen, wo die Friedhöfe aufgrund der halben Million frischen Leichen pro Jahr aus allen Nähten platzen, werden die Gebeine vorwiegend in sogenannten „Apartments“ gestapelt. Da bieten Urnen eine komfortable wie nachhaltige Alternative. Wir gehen zuerst das Produkt an. Miquel hat prächtig vorgesorgt, dem Hinterbliebenen stehen verschiedene Formen und Grössen zur Verfügung, je nach Umfang des Verstorbenen. Das Innenvolumen der Small, Medium und Large-Urnen hat Miquel vorgängig mit Asche aus seinem Schwedenofen hochgerechnet. Passt, ich entwerfe das Marketinggesicht (das systematische Marktgeschehen), nenne interne und externen Beinflusser, definiere Konkurrenten und Produktverwender, beschreibe die Erfolgsfaktoren und den Point of Sale, wäge Marktchancen ab via Stärken-Schwächen Analyse, bewerte alles fein säuberlich und gehe über ins Distributionskonzept. Da die beiden zukünftig von Siargao operieren werden, soll ein klares wie pointiertes Markenversprechen assoziierbar sein. Gray, die gelernte Illustratorin, macht sich an die Kernbotschaft.

„See you in Paradise“ die Suche nach Phantomen hat endlich ein Ende, quasi ein Upgrade von der irdischen Qual. Der Schreiner und die 1-Person starke Verkaufsmannschaft sind Feuer und Flamme. Eine Pull-Strategie für den Consumer-Markt, Urnen-Newsletter, Frühbucher-Rabatte, flankierende Zielgruppen-Kampagnen für die Käufer von Karaokemaschinen (vorzugsweise mit einer Affinität zu Frank Sinatra) verschieben wir auf später. Dennoch bin ich etwas enttäuscht, meine Guerilla-Idee von überdimensionalen Urnen platziert an Siargaos gut frequentierten Unfallstellen mit Aufschrift; „Take care when driving – or see you in a bit!“ (follow us on instagram #RIP) wurde während dem finalen Meeting verworfen. Miquel, der seine wahren Gedanken oft hinter verbalen Nebelkerzen verbirgt, meint „may be next year„. Nächste Woche sollen immerhin gleich drei Test-Krematorien akquiriert werden, Produktplatzierung vorzugsweise auf Brusthöhe, dazu erhalten die Leichenbestatter feine Prospekte mit überzeugenden Verkaufsargumenten. Meine Aufgabe in Baguio scheint erfüllt.

Die Strässlein führen in Schleifen steile Hänge hinab und wieder hinauf, Panoramen der philippinischen Kordilleren rauschen vorbei und es duftet nach Abenteuer, eine törichte Essenz, die ich genauso zum Leben brauche wie die Atemluft. Eintrudeln im romantischen Sagada, über die Klippe der Ungeduld springen und während den Regentagen die innere Bestie besiegen. Fläzen und schauen. Dabei gleich eine neue Erkenntnis gewinnen – Ich bin ein halbes Jahrhundert zu spät. Im Familienmuseum alias Restaurant für authentische Speisen entführen Masférres Schwarzweiss-Portraits der Igorot in eine Zeit ausserhalb der Vorstellungskraft. Immer wenn ich die farblosen Fotografien von Urvölkern sehe, werde ich wehmütig. Das Glück der westlichen Pioniere die dabei sein durften! Gab es doch so viel Neues zu entdecken; die barbusigen Dorfschönen, eine blanke Wildnis, verstörende Sitten wie; tote Schamane und Dorfchefs erst in die Schneidersitz biegen, steif räuchern und dann mit der Mumie Ringelpiez mit Anfassen spielen. Die Zeiten haben sich geändert, und vieles verschwand bereits in der Remise der Nostalgie. Eine Reisegruppe flutet herein, Durchschnitt 30+. Sie tragen ihre DSLR Kameras um den Hals, als hätten sie sich Lederhalfter an die Gürtel geschnallt um die Reisfelder schneller, stilsicherer abzuschiessen. Mit autoritärem Ton erklärt der Tourleiter seinen Masterplan für morgen; Wann aufstehen, wie das Frühstück bestellen, wann furzen etc. Dann, so höre ich, geht es nach Baguio, wo das Mittagessen in behaglicher Nähe der SM Shoppingmall eingenommen wird – Bedenkzeit – Alle sind einverstanden. Dann der gemeinsame Blick auf die Speisekarte. Nein, präziser, der Fremdenführer weist auf das hin, was auf Speisekarte steht und auch wirklich erhältlich ist. Ein listiger Service der mir durchaus imponiert. Seit meiner Ankunft in den Philippinen habe ich ein Flair entwickelt genau das zu bestellen, was dem Koch ausgegangen ist. Mitunter zig Lokale, in denen die Kellnerschaft in aller Gemütlichkeit neben mir auf meine Entscheidung wartet um dann (nach situativer Rücksprache mit dem Küchenchef) Auftrag um Auftrag abzulehnen. Eine peinliche Situation für alle Beteiligten, die oft dazu verleitetet sich anderswo umzusehen, oder sich beim nächsten mal gleich zu Beginn zu erkundigen „Was gibt’s heute nicht“? Der Gruppenleiter resümiert nochmals alle Bestellungen; Pizza und Sandwiches.

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Amerikas meist fotografierte Scheune – Die Macht der digitalen Fotografie

Jedes mal wenn meine Mutter mir ihre Geschichte erzählt, wie sie zu Jugendzeit allein per Pferdegespann durch das pfefferminzgrüne Irland flanierte, leuchten ihren Augen. Ich sehe Abenteuer, Freiheit, Selbstentfaltung, Rebellion, komme was wolle. Sie hatte bis dahin unbekannte Emotionen durchlebt, die weder durch gestellte Fotos noch Selfies angefeuert wurden. Die Erfahrungen eines Menschen in exotischer Umgebung, sie waren absolut und rein. Meine Mutter zehrt bis heute davon. Hingegen tendieren Orte, einst magische oder historische Schauplätze, dank der digitalen Revolution allmählich zu verblassen. In den Good Old Days musste ein Reisender höchstpersönlich berichten was er gesehen hat, Gerüche und Geräusche beschreiben, allenfalls wurde eine Diashow mit verwackelten oder unscharfen Bildern angezettelt um etwas fremdländlischen Zauber zu transferieren. Hin und wieder las man etwas in einem Magazin. Dann half das Reisebüro dabei die Wunschträume nachzuahmen. Der Beginn der modernen Freizeitkultur. Als ich vor fünf Jahren mit einem rostigen Van die Vereinigten Staaten durchquerte, landete ich unverhofft in Wyoming. Unweit entfernt von der verschlafenen Autobahn lag ein archaischer Holzverhau, gezimmert vom Mormonen Thomas Alma Moulton und seinen Söhnen. Alle hundert Meter machten Reklameschilder auf die Sensation aufmerksam – „Amerikas meist fotografierte Scheune“. Während all die Hinweise an mir vorbeischwappten, konnte mein Verstand plötzlich nicht mehr zwischen Fiktion und objektiver Realität unterscheiden. Der einstige Hort für Schweine, Pferde und ein paar Strohballen mutierte vor meinen Augen unwillkürlich zum „Must See“, zum Sinnbild amerikanischer Geschichte. Dabei hatte mich niemand vorgewarnt, kein Tourleader, kein Instagram, auch keine location-getrackte Ads von Google. „Big Data“ war noch in den Kinderschuhen und damit auch die Sucht, das nachzuahmen, was bereits Unzählige zuvor erlebt haben. Unlängst durchleben wir die Ära des salonfähigen Narzissmus, lechzen nach Bewunderung durch austauschbare und gestellte Fotografie, jagen und sammeln Momente als ob nicht die Wirklichkeit zählt, sondern ihr Abbild. Kaum ist der Tempel, das Naturschauspiel, oder die Scheune archiviert, wird es zum persönlichen Eigentum. Virtuell scheint der Moment uns wichtig, während er in der Realität keine Rolle mehr spielt. Facebook und Instagram sind neu der Dia-Abend, der niemals endet und konstant unsere Fetische auflädt. #amazing „Hey Welt, schau, ich war auch da“. So what?! Schluss mit mühselig gesammelten Grenzerfahrungen, die den Sarkasmus nähren, der Enkel der Zukunft ist sowie beschäftigt mit Hologramme browsen und hat schlicht keine Zeit für Grossväterchens Geschichten oder die hunderttausend bis dann angestauten Bilder (realistisch bei fünf Fotos pro Tag). Und vier Generationen später wissen sie nicht einmal mehr deinen Namen. – Um ein Haar hätte ich kapituliert, die Kamera gezückt und wäre per Kampfrolle vor den Schuppen gekugelt um abzulichten was mir als wichtig vorgegaukelt wurde. Bussfertig fuhr ich vorbei ins Ungewisse.

Alle Welt hat eine meist fotografierte Scheune, im Falle Sagada sind es die „hängenden Särge“, in denen die Igorot früher ihre Leichen versorgten. Dabei stelle ich mir die rhetorische Frage; Gehe ich hin weil es mir alle schmackhaft machen, oder tippe ich einfach „hanging coffins Sagada“in meinen virtuellen Assistenten um mir den Weg zu ersparen und schnappe mir dafür die nächstbeste Person um etwas über das wahre Leben zu erfahren? Kaum überraschend präsentiert das Suchresultat hunderte identische Szenen. Stattdessen miete ich mir ein Motorrad und fahre zum kleinen Natursee Danum in pinienfreundlicher Umgebung. Allein die taumelnden Kiefernadeln und das Mampfen weidender Kühe hemmen die Wüstenstille.

„You like pine trees?“

„Sure, and rice fields tho.“

„Oh, why not… Fancy yogurt?“

Trotz aller Abgeschiedenheit, hat sich noch eine Seele hierher verirrt; Ein Inder mit ambulantem Joghurt-Laden. Wir kommen ins Gespräch. Mang Raju flüchtete einst aus einer lädierten Heimat um sein kleines Paradies in den Minen Mindanaos zu finden. Bis eines Tages islamische Fundamentalisten durch seinen Stollen plündern und dabei alle seine Kumpel köpfen. Mang Raju kommt davon, und schreibt in Luzons Norden an seinem neuen Lebenskapitel – er verkauft selbstgemachtes Joghurt. Aber niemand will ihn in Sagada, denn er gehört weder zur hiesigen Ethnie, noch trägt er etwas sinnvolles zur Mikrogesellschaft bei. Und dann der Gnadenstoss, eine Igorot hat bereits Joghurt auf der Speisekarte und beschwert sich beim Dorfchef. Mang Raju wird inoffiziell verbannt, und rollt mit seinem Joghurt-Business fortan runter zum Weiher auf der Grenzlinie von Sagada und Banaue. Quasi eine „neutrale Zone“ erklärt der Inder. Aber selbst hier kicken sie hin und wieder an sein motorisiertes Dreirad und drohen mit Abmahnung. Tapfer wie ein Zehnkämpfer stellt sich Mang Raju dem Leben. Denn im Krieg erzählt der Gewinner die Geschichte. Zum Abschied erhalte ich noch einen Tipp. Zwei Wanderstunden entfernt von jeglicher Zivilisation faltet sich ein mysteriöse Landschaft auf, versteckt in einer Senke zwischen Reisfeldern und Pinienwäldern, übersehbar klein – Ein Ort der Besinnlichkeit. Für einen Moment Weile ruht mein Blick auf dem himmelblauen Sediment, dann wieder auf dem einsamen Heimischen, der eine nicht weniger einsame Holzbank besetzt. Er zeigt der Zeit die kalte Schulter, konfrontiert sich selbst und will dabei nichts mit der Welt teilen. Er hockt einfach nur da und staunt, wie besessen von der Laune der Natur. Er hockt noch da und staunt, als ich schon lange weg bin. Vielleicht sehnte er sich nach einer verflossenen Liebe, oder einem Leben als Telefonberater in Manila, könnte auch sein, dass er regelmässig her kommt um sich zu vergewissern, ob die Erde immer noch blau ist. Sein Geheimnis tröstet mich, ich will es nicht lüften, sondern den Gedanken mitnehmen, und immer dann zücken wenn mich armseliger Wicht wieder mal der Durst nach neuen Erlebnissen quält.

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Es scheint, als hätte sich ein Graufilter über Benaue gelegt, Regenstreifen fräsen durch eine epochale Landschaft, die weniger dem Pinsel der Natur sondern den Meistern der Agrarkunst zu verdanken ist. Das Kulturerbe der indigenen Ifuago muss sich in der internationalen Rangliste der Reisterrassen nur mit Mù Cang Chải in Vietnam oder Chinas Yuanyang messen. Einst aus dem Flachland verdrängt, begannen die Ifuago („Menschen der Erde“) in den Bergen zu siedeln, wo sie isoliert von der Aussenwelt über zwei Jahrtausende hinweg ihre Reisterrassen anlegten und ihre reichen Traditionen bis in die Neuzeit retten konnten. Heute stellen sie sich der Crux einer aufstrebenden Geldökonomie die mit dem Identitätsverlust einher geht. Viele Bauern ziehen nun notgedrungen in die Städte, oder kultivieren neu Reis im Tiefland wo sie im Gegensatz zu den Hochebenen zweimal jährlich ernten können. Während die Flachländer ihren Reis grösstenteils verkaufen, ernährt der organische Bergreis von bester Qualität ausschliesslich die hier lebenden Familien, sowie allenfalls einige Feldpächter, die im Tausch für eine kleine Gebühr oder einen Teil der Ernte eine Parzelle kultivieren dürfen. Zerstört ein Taifun die Ernte, hilft man sich gegenseiting nach dem ungeschriebenen Gesetz des bayanihan– dem philippinischen Gemeinschaftsgeist. Ich habe unverschämtes Glück, der neue Nassreis wurde vielerorts gerade erst gepflanzt. So spiegeln sich Herden unschuldig weidender Wattewölkchen in den gefluteten Ackerböden, die nur von Lehm und präkolonialen Steinmauern gestützten werden. Eine ausgeklügelte Wasserversorgung führt von den Bergwäldern via künstliche Kanäle durch die Feldertreppen bis hinunter ins Tal – Ein Paradebeispiel antiker Ingenieurskunst und nebenbei surreal schön fürs Auge. Gelegentlich ertappe ich die hiesigen Bauern beim Stirnrunzeln, wenn wieder eine Horde Ausländer unbeholfen durch die steilen Berghänge kraxelt und den endemischen Anbau ihres Grundnahrungsmittels mit paradiesischen Zuständen vergleicht. Das ist in der Schweiz ja nicht anders, wo täglich tausende Asiaten reinfluten und den fetten Milchkühen, haben sie nun Hörner oder nicht, beim glöckeln und weiden nachstellen. Mit diesem Gedanken drücke ich mich in den kleinen Sammelbus und verlasse Benaue. Kurs nach Malingcon, ein Bergweiler der mit wenig anderem, als Reis im Wachstum aufwartet. Hier darf ich zudem noch gemütlich zwischen Hühnern und Ersatzreifen auf dem Rücken eines rostigen Jeepney durch das Gelände kurven, ohne dass gleich die Obhut eingreift und mit Liegestützen oder drakonischer Geldbusse droht. Für eine halbe Ewigkeit haben sie den öffentlichen Verkehr aufrechterhalten und bis dato symbolisieren die aufgemotzten und bunt bemalten US-Militärfahrzeuge neben dem Carabao (der philippinische Wasserbüffel) den Stolz der Pinoys. Aber der Stichtag rückt unaufhaltsam näher, 2020 soll die Ikone aus den Städten verschwinden um zeitgemässen Gefährten Platz zu machen.

Cordilleras – Bildwelten

Bevor ich beim Knotenpunkt Bontoc den Bus mit der Aufschrift „Cubao“ (Metro Manila) besteige, atme ich tief ein, koste von der sauberen Bergluft, als würde ich gleich für länger freitauchen gehen. Während der Fahrt bleibt uns Passagieren genug Zeit für fünf Filme ohne Ton. Trotzdem versteht jeder um was es geht, solange Fäuste wie Kugeln pausenlos menschliche Leiber verunstalten und die Kreativität der Morde im Verlauf des nüchternen Plots zunimmt. Später gehen wir dann alle nach Hause und sind froh, dass wir es nicht selbst erledigen müssen. Nach 147 Toten höre ich auf zu zählen und widme mich den Good News aus Baguio – Miquel hat die erste Urne verkauft! Ankunft in Cubao, die Türe schwingt auf, es riecht nach Urin und Erbrochenem, schmutzige Kinder liegen kreuz und quer auf den Fussgängerbrücken, darüber preisen freudige Gesichter auf XXL-Billboards allerhand lebensbereichernde Produkte. Es ist 4 Uhr morgens aber Manila ist wach! Schiefe Töne plärren aus dem Chaos an Karaokeschuppen deren Weihnachtsdeko Januar und Februar überdauert hat – sie schliessen erst wenn der allerletzte Betrunkene abschwirrt, oder schliessen gar nicht. Hausierer mit ihren rollbaren Läden rücken aus, und hinter schroffen Fassaden mit vergitterten Fenstern bereitet sich die Städter mental auf ihren Trott sowie den ersten Verkehrsstau vor. Nach längerer Sucherei, natürlich ging es um den Preis, finde ich ein abgewracktes Stundenhotel. „Check-out is 9:34, Sir“ wird mir noch nachgerufen, aber ich bin zu ausgelaugt um darauf zu reagieren und verstecke mich flugs in einem Bett dessen Laken ich lieber nicht bei Tageslicht sehen will.

Auf der Suche nach Inspiration, wie ich die Philippinensee mit Stil überqueren könnte, pendle ich in den Folgewochen zwischen Quezon, Makati und Quiapo, meist eingequetscht im Rumpf einer monströsen Rostlaube, fleissig die Münzen anderer Fahrgäste dem Fahrer weiterreichend. Bin ich besonders mutig, warte ich im Dunst aus Russpartikeln auf ein Patok Jeepney (aka Manilas rollende Disco), des öfteren angekündigt durch das digitale Gelächter des Jokers oder anderen Comic-Bösewichten, Despacito im Bassgewitter und dazu synchron tanzenden LED unterm Chassis. Nebst dem Jeepney-Kult hat mich an der Stadt noch etwas anderes schon immer fasziniert – Und um die Diabolik der Urbanisierung visuell zu veranschaulichen, ziehe ich für ein paar Nächte in die Gruft.

Reportage: Sackgasse Manila Nordfriedhof

* Die Fotoreportage erscheint bei Spiegel Online, SUN und weiteren Online-Publikationen.

Im Gegensatz zu ländlicher Armut ist städtische Armut sehr komplex und ist häufig vielschichtiger als nur der Mangel an Jobs. Zusammen mit einer rapide wachsenden Bevölkerung erleben Mega-Cities wie Metro Manila in den Philippinen einen stetigen Zustrom von Menschen, welche aus den Barangays zuwandern. Dies führt zu einem enormen Wohnungsmangel und zur Besetzung öffentlicher Plätze. Jegliche Art von Zufluchtsort kommt in Frage; Gehsteige, Parks, Strassenüberführungen und bizarrerweise – auch Friedhöfe. Infolgedessen hausen in den Mausoleen von Norte nicht nur Tote, sondern auch rund 6000 Lebende. Seit den späten 50er Jahren begannen diverse Generationen den 54 Hektar grossen Manila North Cemetery zu beleben. Aufgrund der Mietbefreiung zogen sie zu den verwesten Gebeinen ihrer Liebsten, ja selbst in die Familiengruft von Fremden, um als Kompensation ausdauernde Grabpflege zu offerieren. Heutzutage erinnert das emsige Treiben im 115 Jahre alten Friedhof an eine gewöhnliche philippinische Nachbarschaft – Wären da nicht all die Grabsteine und die Gewissheit, dass abhauen praktisch unmöglich ist.

Einige Frühaufsteher bereiten das Nationalgericht Adobo zu, während die Hähne und Streuner sich gütlich tun das Viertel zu wecken. Diejenigen, die keinen Job ausserhalb der Friedhofsmauern haben, verbringen ihre Zeit mit jassen, Basketball und Videogames im 1 m² grossen Popup-Spielcenter, oder sie lungern herum und träumen von einer besseren Zukunft. Es liegt aber auch Kreativität in der Luft – wortwörtlich! Der junge Kambal Cabaña lebt seit 11 Jahren in Norteund hat währenddessen die Kunst der Renntaubenzucht erlernt. Notabene würde ihm ein gewonnenes Rennen bis zu 100’000 philippinische Pesos einbringen, aber auch das bleibt vielfach ein Traum. Es wird gemunkelt, dass die Regierung die rund 6000 illegalen Siedler aus dem Cementerio del Norte verlegen will. „Aber dieser Klatsch zirkuliert schon eine ganze Weile und er entfacht immer wieder neu, wenn Wahlen anstehen“, enthüllt Edwin Orcocoy, der seit 19 Jahren eine Gruft bewohnt. „Dort schlafe ich und meine Frau Evelyn, wenn es regnet“, sagt er lässig und zeigt auf ein paar Granitgräber.  Der dünne Stoff zwischen Mausoleum und Aussenwelt verhilft ihnen zu minimaler Privatsphäre. Edwin war als OFW (Overseas Filippino Worker) in Jeddah tätig. Nach Ablauf des Dreijahresvertrags kehrte er nach Manila zurück, wo er einen Job als Fahrer eines motorisierten Dreirads bekam, bis ein Unfall seine kurze Karriere abrupt beendete und die verheissungsvolle Flucht aus dem Friedhof in ein langfristiges Projekt verwandeln. Da er seither schlecht zu Fuss ist und die Philippinische Sozialfürsorge im Grunde nicht existiert, kümmert sich Evelyn jetzt um ihren Lebensunterhalt, indem sie auf dem Blumentritt-Markt vorgeschnittenes Gemüses für 30 PHP pro Bündel verkauft. „Es ist kaum genug, aber wir müssen hier keine Miete zahlen.“ Dieser Vorteil ist sicherlich der Hauptgrund für das Gros der verarmten Familien, ihr Zuhause zwischen Grabsteinen und antiken Krypta nicht zu verlassen.

Viele Friedhofbewohner wurden in Nortegeboren oder kamen als naive Kleinkinder in dieses aussergewöhnliche Barangay, um hier im Laufe der Jahre selbst zu Grosseltern zu werden. Die 45-jährige Maria Elena brachte hier bereits drei Friedhofsoriginale zur Welt. Als „sehr lange und harte Zeit“ rekapituliert sie die Vergangenheit und streichelt dabei die neugeborenen Zwillinge ihrer Tochter Irene. „Junge Mütter sind typisch für die philippinische Kultur“, fügt Maria Elena mit einem trockenen Lächeln hinzu. Heute teilt sie das Mausoleum mit 7 anderen Familienmitgliedern. Ein Spaziergang durch die Alleen  verrät, selbst hier in Norte gibt es verschiedene Klassen, denn einige Friedhofsgenossen haben bereits mehrere Etagen auf den Gräber errichtet. So wie Mr. Bacelonia, der sogar eine Klimaanlage und zwei Überwachungskameras im Mausoleum installiert hat, um sein Grundstück vor Dieben zu schützen. Da es auf dem Friedhof kein fliessendes Wasser gibt, ermöglichen die ausserhalb lebenden Nachbarn der Gemeinde, ihr Wasser gegen eine geringe Gebühr zu beziehen. Trotz des Mangels eines funktionierenden Abwassersystems, gibt es in praktisch allen improvisierten Häusern ein kleinen Fernseher. Gemäss der Feldstudie einer lokalen NGO zahlen nur rund 20% der Langzeitbewohner offiziell Strom (300 PHP pro Woche), wohingegen eine beträchtliche Menge Strom von einem dubiosen Nachbarn bezogen wird — einer der mutig genug ist, das illegale Abzapfen und die Umgehung des Energiezählers zu rechtfertigen, falls Behörden zwecks Ermittlungen vorbeikommen.

„600 PHP per 3-Jahres-Vertrag“, informiert der 37-jährige Jerwin Carreon alias „Zasho“ die Mutter, welche ihm gerade ihre Totgeburt in einer Schachtel übergibt. Zasho und seine 4 Totengräberkollegen kümmern sich um Section 196– den Friedhofsteil, in dem etwa 3000 Babys (und ein paar Hunde) begraben sind. Wenn die Vereinbarung endet, können der Vertrag am 1. November (Allerheiligen) verlängert werden, der Tag an dem die philippinischen Familien in die Friedhöfe ziehen um ihre Verstorbenen zu ehren. „Falls sie jedoch nicht zahlen, werden die sterblichen Überreste exhumiert, um Platz für Neuankömmlinge zu schaffen. Leider können sich viele die weitere Zahlung nicht leisten “, verrät Zasho, dessen Familie nach einem Hausbrand im Jahr 1995 in den Manila North Cemetery umziehen musste. Heute lebt Zasho wie so viele Norte-Siedler von der Grabpflege inkl. „Diebstahlversicherung“. Die Pfleger schützen die Gräber nicht nur vom Zerfall, sondern auch vor Dieben, welche nach wertvollen Grabbeigaben schielen. Einige erhalten dafür ein Entgelt, andere freuen sich lediglich, dass niemand monatlich eine Miete einfordert. Während Zasho noch die Details erklärt, erklingt ein paar Gräber weiter lauter Singsang und Gelächter. Gleich hinter den eintrudelnden Trauergästen, auf der anderen Seite der Strasse, gleich neben Hobito der aus seinem ambulanten Handkarren Eis verkauft, hat gerade eine Geburtstagsparty begonnen. Margerie Antonio wird heute 24 Jahre alt. Um dieses Ereignis auf typisch philippinische Weise zu feiern, haben ihre engen Freunde und die Familie einen Karaoke-Automaten in der Mitte von mehreren Gräbern installiert. Margerie hat alle ihre Geburtstage auf dem Friedhof verbracht. Trotzdem macht es ihr die Situation nichts aus: „So ist es eben, wir sind arm, aber glücklich“.

„Die meisten Kinder haben eine unsichere Zeit vor sich“, spekuliert Lehrerin Joharrah von der Kapatiran-Kaunlaran-Stiftung, eine Organisation welche morgens Vorschulunterricht für die Drei- bis Sechsjährigen. Kindergärten und Grundschulen sind auf den Philippinen kostenlos, aber die Eltern müssen Schuluniformen plus Bücher kaufen und sich finanziell an der Projektarbeit beteiligen. In Bezug auf die Umfrage von Kapatiran-Kaunlaran scheinen diese zusätzlichen Kosten der Grund dafür zu sein, dass nur die Hälfte aller Kinder, die hier auf dem Manila North Cemetery wohnen, die Klassen (Kinder/ Grundschule) ausserhalb des Friedhofs besuchen. Da ein Drittel der gesamten Landesbevölkerung mit weniger als einem Euro pro Tag durchkommt, gibt es eine riesige Anzahl von street smarts, die keine goldenen Möglichkeiten haben, aber dafür umso mehr Hoffnung. „Wir alle hier haben das gleiche Ziel, wir wollen draussen leben“, beschreibt Mutter Katharina, die „Sackgasse Manila Nordfriedhof“. Ob ihre Familie diesen Traum jemals verwirklichen kann, bleibt unklar, denn ihr Ehemann Richard verdient mit seinem Job als Jeepney-Fahrer gerademal genug Geld um die täglichen Ausgaben zu decken. Und dazu kommt, dass die Regierung gerade daran ist sein Gefährt, die Ikone der Philippinen, für immer auszumustern, um somit dem Stossverkehr und verpesteter Luft vorzubeugen. Ein Entschluss der viele Menschen wie Richard alles nimmt was sie haben. Und das ist nicht viel.

“It is not the man who has too little that is poor, but the one who hankers after more.”― Lucius Annaeus Seneca (Römischer Philosoph, nach seinem Rückzug aus der Politik)

Epilog

„It’s More Fun In The Philippines“ – ein fantastisches Privileg, seitab belebter Friedhöfe und dem Schürfgebiet von Pinut-ans Goldtaucher. Jene Menschen jagen ein ganz anderes Luftschloss, völlig bewusst der Tristesse, dass sie nicht so bald mit Boracays flauschigem Sand auf Tuchfühlung gehen werden. Ihr „Fun“ ist limitiert auf das Wohl der Familie und gelegentlich eine Flasche Tanduay. Trotz allem fühlen sie sich verwurzelt, und je perverser ein System, desto mehr rücken die Menschen zusammen. Die Glücklichen wiederum erwartet ein tropisches Klima, Schirmchendrinks und Hookers im trügerischen #Paradies.

 

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