Moses schüttelt Hände nicht, er quetscht sie. Mit geschlossenen Lidern hätte ich einen Schwergewichtsweltmeister halluziniert, doch erinnern seine klobigen Gesichtszüge made in Papua, der stark ausgeprägte afrikanische Teint und die Grobmotorik eher an den tapsigen Comicbären Winnie Puuh. Moses ist Nelsons Cousin zweiten Grades, und somit der auserkorene Wantok aus Swagup. Meinem bevorstehenden Besuch bei den famosen Krokodiljägern ging wie im Lande üblich eine Unterredung der beiden Wantoks voraus. Nelson: „Du, pass auf den auf!“ – Moses: „Okay“.

Bevor wir aufbrechen, wollen die frisch angemalten Akteure des „Insect Tribe“ erst noch ihren Lohn abholen – das Benzin für die Rückfahrt und ein paar Kina, die gerade mal ausreichen um die verlorene Zeit im Garten zu kompensieren. Da die Organisatoren knausern, verzichtet die Truppe kurzerhand auf die finale Aufführung und marschiert trotzig hinunter zum Sammelkanu. Bemerkenswert, dass sich tatsächlich !37! kräftig gebaute Mannsbilder, und ich, in so einen motorisierten Einbaum pferchen lassen. Das funktioniert aber nur, indem die Hälfte der Passagiere mit einer Pobacke über der Holzreling hängt. Eingezwängt von Speeren wie Leibern bleibt gerade genug Platz um mit den Augen zu rollen und den Busen der Natur zu betrachten. Stromaufwärts entlang tropischer Vegetation taucht nur jede halbe Stunde ein verträumtes Dörflein auf, ansonsten dominiert Dickicht, Wildnis, mehr Dickicht. Kumuluswolken spiegeln sich im bräunlichen Wasser, als pflügten wir durch eine Herde weidender Schafe. Am Horizont, jenseits der fruchtbaren Täler, erheben sich die Viertausender des neuguineischen Hochlands. Kenny ruft mich aus meinen Tagträumen: „No worries, you’re in good hands“. Eine heilende Floskel, die Moses mit einem empor gereckten Daumen untermalt. Als ob die beiden Brüder ahnten, dass ich mir vorhin erst der Situation bewusst wurde – schliesslich fahre ich mit einem Haufen Jäger und Sammlern in den Schlund des Papua-Neuguineanischen Busches, ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt. Ist mir beim Gedanken mulmig? Nein! Ich vertraue den Menschen, und über all die bereichernden Jahre ausserhalb der Komfortzone habe ich das Gespür für sie soweit feinjustiert, dass ich Freund von Feind zu separieren vermag. Gerade im wenig erforschten Inselstaat Papua-Neuguinea, dem es wahrlich nicht an Problemen mangelt, wird ein Besucher wertgeschätzt. Ganz besonders wenn er sich neugierig auf die lokalen Eigenheiten stürzt und den Menschen dabei mit Respekt begegnet. Und nun, an der Klippe der modernen Gesellschaft angekommen, springe ich mit einem Rucksack voller prägender Erfahrungen jauchzend hinein ins Ungewisse.

Die Region kennt lediglich zwei Jahreszeiten – nass oder trocken. Während der Regenperiode steigt der Wasserspiegel bis um sieben Meter an und lässt den Flussbewohnern wenig Wahl, sie bewegen sich exklusiv per Kanu fort – Um Grundnahrungsmittel einzukaufen, zu jagen, oder den Kollegen im Stelzenhaus nebenan zu besuchen. Die Trockenzeit hingegen ermahnt unseren Kapitän zur Vorsicht, im Schritttempo tuckern wir durch die verschlungenen Seitenarme des Sepiks, tiefer hinein ins Wunderland. Aus der Ferne winken die Familien der abgesandten Stammesvertreter. Swagup, welch Idyll, keine Telefonsignale verirren sich hierher. Allzu selten brummt ein Generator und Satellitenschüsseln entdecke ich gar keine. Es gibt weder eine Strassenbeleuchtung noch Strassen. Nur einige mit Macheten streifende Kindlein beleben den Pfad, der die rund 50 Pfahlbauten miteinander verbindet. Zwei aus Holzstämmen improvisierte Treppen führen jeweils hinauf in die grosszügigen Stuben mit eingefasster Feuerstelle – ein Eingang für die Frauen, einer für die Männer. Moses reicht mich weiter an Kenny, er verfüge über mehr Platz auf dem Fussboden. Das verwundert, denn Swagups dorfeigener Casanova verstaut bereits vier Ehefrauen in seinem Häuslein. Plus zwei Kinder und drei Katzen. Auf Nachdruck erklärt Kenny mit der moralischen Verve eines Felsbrockens die Grundregel der Vielehe am Sepik: Je Frau ein Haus, ein Garten, ein Kanu. Leider fehlen ihm die Kinas für so viel Gleichberechtigung, somit teilen sich die vier Gattinnen sein Haus, den Garten, das Kanu und ihn selbst. Ausserhalb islamisch geprägter Gefilde wurde ich bis anhin noch nie mit Polygamie konfrontiert – „Well done“, bemühe ich mich um Konsens, denke bei der Vorstellung eines Harems mit vier eifersüchtigen Frauen jedoch eher an Selbstkasteiung. Kathy, Glenda und Wendy hat er gleich um die Ecke kennengelernt, Caroline kommt aus Kawia von der anderen Flussseite. Sie wurde per „intermarriage“ nach Swagup eingeheiratet um einen generationenlangen Knatsch zwischen zwei Clans beizulegen. Mit Kathy sowie Caroline hat Kenny je ein Kind, der Rest müsse abwarten bis er die nötige Kohle für Bildung gescheffelt hat. Die Verhütung per „traditionellem Tampon“ (ich frage nicht nach) habe einiges positiv verändert. Scheint als ob der Schürzenjäger trotz alarmierend hohem Testosteronspiegel noch im Stande ist zu kalkulieren. Mal ganz ehrlich, kann ein Mann die Liebe vierteilen? Der Kenny kann das, denn er liebt keine wirklich. Dabei ist er keine Ausnahme. Der Spitzenreiter in PNGs Casanova Liga lebt einige Kanustunden flussaufwärts in Aum mit 12 Ehefrauen und 96 Kindern. Im indischen Städtchen Baktawng rockt der !katholische! Ziona eine Grossfamilie mit 39 Ehefrauen und 94 Kindern. World Record! Ich halte daher getrost an meiner Theorie fest; Caroline macht gute Donuts, Wendy kriegt die Wäsche am saubersten, Kathy kann gut mit Kindern und Glenda ist hübscher als die anderen drei zusammen.

Trotzdem, ist so eine Zweckgemeinschaft alltagskompatibel? Caroline wartet mit der Antwort bis am nächsten Morgen, jetzt da alle anderen ausser Haus sind, will sie es mir verraten. „Jein!“ Aber so funktioniere ihre Gesellschaft. Mann spielt sein Powerplay, und Frau kuscht so diplomatisch wie möglich. Oder wird verprügelt. Vor wenigen Monaten ist ein neues Gesetz in Kraft getreten, dass den Frauen die selben Rechte wie den Männern zuspricht. Noch lacht Frau wie Mann darüber. Falls in der Bredouille, zitiert der Mann einfach sein endemisches Credo: „ich habe schon bezahlt“ – Damit meint er den Brautpreis, welchen er den Eltern seiner Gemahlin übergeben hat. Von nun an gehört die Frau zu seinem Besitz. In weiten Teilen Papua-Neuguineas ist der Mann verantwortlich für die Jagd, den Garten und die Kriege, während die Frauen fischen, kochen, waschen, Kinder grossziehen und bits and pieces an den Märkten verkaufen. Diese Struktur wird sich nicht so bald ändern. Ich sitze noch ein Weilchen mit Caroline und begutachte zusammen mit den drei Katzen wie sie von Glenda gefangenen Fische durchräuchert. Draussen fräst Wendy per Machete durch den Rasen um invasiven Schlangen vorzubeugen, und Kathy hackt mit den Kindern den stärkehaltigen Saft aus einer Sagopalme. Vor mir zeichnet sich ein groteskes Bild aus der Vergangenheit, in der Eheverträge sittenwidriger waren als die Kopfjagd, eine Epoche in der eine Frau von mehreren Auserwählten geschwängert wurde und die Familienplanung eher eine Gruppenaufgabe war. Solange liegt das Szenario nicht zurück. Und jetzt, hier, verzerrt sich meine abendländische Weltanschauung endgültig und schafft Raum für reale Parallelwelten. Was ich als falsch und richtig verurteile, oder was meine Freundin für falsch und richtig hält, entspringt einem subjektiven Geistesgut, dass sich über die letzten paar Jahrzehnte durch den zivilisatorischen Fortschritt gefestigt hat. Per se landesspezifisch, und offensichtlich intelligenzspezifisch. Ich bin kein Fan von Nationen, die ihre halbe Gesellschaft in der Küche verstecken, genauso schaudert es mir bei Schlagzeilen von über 50 prozentigen Scheidungsquoten, Babies aus dem Labor, oder dem bald kinderlosen Japan. Seit Menschengedenken haben wir vieles ausprobiert, und noch scheint der ideale Weg unklar. Wo bleiben eigentlich Kenny und Moses?

Im Schatten geschichteter Sagopalmen-Blätter, die das Dach des Hausboy formen, haben sich Swagups Wildbeuter versammelt um über die Investition eines Kakao-Trockners zu diskutieren. Eigentlich würden solch wichtigen Themen im traditionellen Haus Tambaranbesprochen, wo auch Rachemanöver geplant, Dorfbagatellen geklärt und Initationsrituale abgehalten werden – Aber das so wichtige Haus der Bräuche fiel der Flut zum Opfer, und Geld für die Restaurierung ist nicht vorhanden. Somit hat Dorfchef Tom den Hort pubertierender Jäger gleich auch zur Schaltzentrale wichtiger Entscheidungen erkoren. Im Alter von zehn Jahren ziehen die Buben in den Hausboy wo sie die Jagd und den Ahnenkult erlernen bis sie nach knapp einer Dekade des Busch-Studiums mittels elterlicher Beihilfe verheiratet werden. Per Eheschliessung zieht der Mann in das Pfahlhaus der Gemahlin um zusammen am eigenes Haus zu planen. Das Thema Kakao-Trockner dauert an. Zeit für einen Schwatz mit Kennys Nachbar Samuel – das Gewitter der Bassbox hat seine Anwesenheit bereits vom anderen Ende des Dorfs verraten. So lungern wir auf dem Bretterboden zur „Best of House Music“ die jeden Winkel seiner Hütte mit Krawall beschallt. Bis dem Generator endlich das Benzin ausgeht. Auch Samuel frönt trotz Mitgliedschaft beim Christentum der sünderischen Vielehe, wobei er Frau Nummer zwei nur heiratete, weil ihm eine nicht ausreicht um all die Gäste adäquat zu bewirten. Gedankenpause – dann berichtet er über Swagups Kuriositäten, und seine zweite Gattin serviert uns Tee. Obschon das Dorf als eine der ersten Siedlungen am Sepik gilt, lebten ihre Vorfahren bis vor 200 Jahren im Grossraum von Ambunti. Damals gab es eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Gründervätern – die zwei Brüder konnten sich nicht einigen, wem nun welche Betelnuss-Bäume gehören, oder wie man eine Trennlinie für die Gärten im Dschungel zieht. Der jüngere Bruder Wolou Mamcoil zog darauf mit einem Gefolge weiter und gründete eine Tagesreise flussaufwärts Swagup.

Fortan nannte sich seine Zunft „Insect Tribe“ und verzierte Kriegkanus, Paddel und Schilder mit dem Symbol der Gottesanbeterin. Die Majorität der rund 300 Dörfler gehört zur Kaste der Insekten, zirka 60 zählen sich zu den Muu– den Krokodilen, dann gibt es noch die Adler, Schweine, Kasawari, Opossums et cetera. Der jeweilige Ahnenkult widerspiegelt die verschiedenen Jagdpraktiken und besonderen Fähigkeiten. Samuel beispielsweise verantworte eine Kompanie Opossums, und ruft nach ihnen sobald die Jagdbestände und somit die Proteine schwinden. Seinem Cousin Lesley hingegen kommt die Macht über die Mücken zupass. Mag dieses ausserordentliche Geschick auch wenig imponieren, so nützt es immerhin um Chaos zu sähen und die Rivalen zu Tode zu nerven. Exempel Moses; Moses stammt von den Ratten ab und nennt sich darum inoffiziell einen „Rat-Caller“. Falls die Ruhe in Person übermässig gereizt wird, ruft er mittels geheimen Singsang die krabbelnde Seuche herbei um dem Feinde die Beine wegzunagen. Mindestens aber die Vorräte. Gegenwärtig herrscht Frieden an den Ufern und Moses rekrutiert seine Rattenarmee nur noch wenn absolut nötig. Doch lediglich eine Generation zuvor, gehörte solch schwarze Magie ins Repertoire der sepik’schen Überlebensstrategie. Häuptling Tom schaut vorbei, und Samuels zweite Ehefrau serviert ihm Tee. Auch Tom ist mit mystischen Kräften gesegnet. Stellt er bei der Dorfvisite fest, dass eine Dürre und somit Nahrungsmangel droht, bestellt Tom die Flut. Für das Ritual reibt der Druide seinen ganzen Körper mit speziellen Blättlein ein. Geplagt von höllischem Juckreiz trällert er sich dann mit dem urururalten Zauberspruch Masalai in Trance. Ist Tom erfolgreich (und das sei er immer), regnet es im gesamten Sepik-Becken. Diese Tage meidet der greise Wettermann das kraftraubenden Ritual wegen seines Asthmas und dem hohen Blutdruck. Seine Gabe würde ihn umbringen.

Gestärkt durch Kathys Schildkröten-Eintopf machen wir das Kanu startklar. Kenny hat sich für den Einbaum aus Hartholz entschieden, weil es wie er prahlt „crocodile proof“ sei. Während Speere, Taschenlampen und Buschmesser verstaut werden, blicke ich gedankenlos auf das Dorf-Idyll. Bis mir ein Fisch per Salto direkt ins Gesicht klatscht, was selbst dem schwunglosen Moses ein sportliches Lächeln über den Bart zaubert. Für eine gute Stunde fahren wir raus aus Swagup, fahren Kilometer in eine von neongrüner Wildnis gesäumte Tiefenschärfe, die nie aufhört. Bevor wir auf die Krokodilsafari gehen, wollen Kenny und Moses nach ihrem Garten schauen. Dieser versteckt sich gefühlt in der Mitte des Papua-Neuguineanischen Urwalds und ist nur mit Macheten-Power zugänglich. Dabei kapituliert die soeben gehackte Piste spätestens morgen wieder vor dem nimmermüden Buschwerk. Umgeben von Kakao-, Vanille- und Sternfruchtbäumen fahnden wir in einem Erdhaufen nach unserem Mittagessen. Darin vermutet Moses die Brut des Faul-Vogels. Und vermutet richtig – nach einer Stunde wühlen, bergen wir drei riesige ovale Eier. Kenny tippelt los um essbare Blätter zu zupfen. Moses, getrieben von seinem unbändigbaren Fetisch für Buai, verschwindet in einer Palmenkrone um Betelnüsse zu ernten. Ich will mich als nützlich erweisen, hacke ein paar Ästchen und starte damit ein Feuer. Bis Moses hysterisch herbeispurtet und die Holzstücke wieder aus dem Feuer kramt. Ich Tor, habe ich doch den wehrlosen Sumum angegriffen und verbrannt. Als die Region noch von Rachezyklen und Genoziden beherrscht wurde, labten sich Swagups Ahnen an solcher Baumrinde um sich ein Quäntchen Sumum-Spirit einzuverleiben – es bescherte ihnen übermenschliche Kräfte auf dem Schlachtfeld. Aufgrund kursierender Erfolgsgeschichten gilt der Geisterbaum als sakrosankt und schlummert den Dornröschenschlaf, bis die Gilde von Lokalheld Wolou Mamcoil eines Tages ihr magisches Comeback feiert und mit Ratten, Mücken, Adlern und Sumum erneut in den Stammeskrieg zieht.

Behutsam wickelt Kenny die Faul-Eier in Blätter und grilliert sie, bis die darin schwimmenden Föten Garstufe „medium raw“ erreichen. Auf der Lichtung beim Kanuparkplatz dösen wir kühleren Stunden entgegen. Nur das Geplätscher des lebensspendenden Flusses ist vernehmbar, dazu flattern fausgrosse Schmetterlinge, beissen Ameisen, schwärmen Vögel aus, und irgendwo pirscht lautlos ein Krokodil und ahnt nicht wie ihm bald geschehen wird. Mit der schwindenden Abendsonne ziehen wir weiter zum Camp, ein kleiner Aussenposten in dem Swagups Jäger teils Tage, teils Wochen verbringen um Monsterechsen zu jagen und provisorisch ihren zwei bis vier Frauen zu entfliehen. Zur Regenzeit haben sich darauf spezialisiert als Mannskette durch die Sümpfe zu waten, dort wo sie Monate zuvor eine Krokodilmutter beim Eier legen beobachten, dann spiessen sie wahllos ins seichte Wasser. Andere Jäger hingegen hängen einen Köder über Nacht am Ufer aus und warten ab. Kenny schlägt Variante drei vor – die bewährteste aller Methoden, und wir kuttern los. Hinein in das Antlitz einer unsäglichen Milchstrasse, die sich in perfekter Symmetrie über die beiden Ufer des Sepiks biegt. Ferne Gewitterwolken entladen sich vor noch ferneren Galaxien, und sporadisch schnellen Meteroiden quer durch das Himmelszelt. „Fliegende Krokodile“, fantasierten die Ahnen von Swagup. Moses fuchtelt derweilen wild mit der Taschenlampe entlang den Mangroven. Ein Wimpernschlag lang trifft der Lichtkegel auf ein rot reflektierendes Krokodilauge. Ab jetzt wird nur noch geflüstert. Kenny navigiert das Kanu sanft zum vermeintlichen Opfer. Mit dem genetischen Set eines Wildbeuters und dem obligaten Speer klebt Moses am Bug bis wir nahe genug sind.

Seit mehr als 200 Millionen Jahren bevölkern Krokodile die Erde. Einen guten Drittel davon verteidigten sie ihren Lebensraum gegen die Dinosaurier, und heute Nacht messen sie sich mit den Königen natürlicher Auslese. Man bedenke; Bis vor wenigen Dekaden wurde dem Sepik-Krokodil gehuldigt. Wer sie zu ärgern wagte, den überkam eine mystische Krankheit – So der Volksglaube. „Nonsens“ propagierten ausländische Missionare, und nahmen die Tölpel ins Gebet. Mit der aufkeimenden Geldökonomie und dem damit verbundenen Bildungsdrang mutierte das legendäre Stammessymbol ein für alle mal zum Beutetier und ihre Verehrer zu Henkern. Wer will es ihnen übel nehmen? In drei Stunden fangen wir zwei Mini-Krokodile, die sich nach fauchender Gegenwehr letztendlich doch Moses’ Speer ergaben. Auf dem Rückweg nach Swagup erläutert Kenny die Schikanen ihrer Haupteinnahmequelle (abgesehen von der Gefahr als Krokodilfutter zu enden). Die Marktpreise richten sich nach der Spezies, wobei ein Frischwasserkrokodil rund 40 % weniger Ertrag erzielt als ein Salzwasserkrokodil. Dann kommt es auf die Grösse an. Kann die Amphibie lebendig gefangen werden, wird der Preis anhand der Länge bestimmt, wobei das Artenschutzgesetz den Handel auf eine Spannweite von minimal 27 und maximal 51 Zentimeter einschränkt. Krokodile unter 27 Zentimeter Länge werden entweder im hauseigenen Käfig, oder bei Farmern wie Jack bis zur gesetzlichen Grösse gemästet. Kaputte Krokodile hingegen werden umgehend gehäutet, und ihr schuppiger Panzer in vier Qualitätsstufen eingeteilt. Die von Moses erlegten Frischwasserkrokodile à 41 Zentimeter Länge haben Hakenspuren und sind daher nur „Qualitätsgrad 4“. Ihre Haut ist gerade mal je 5 Kina (1.50 USD) wert. Hätten das Jägerduo jedoch ein zehn Zentimeter längeres Salzwasserkrokodil lebendig erwischt, wären bis zu 400 Kina (120 USD) möglich gewesen. Der Fang wird vorwiegend zu Mittelsmännern im Raum Pagwi verkauft, da eine Kanufahrt zum Exporteur in der Küstenstadt Lae schlicht zu teuer wäre. Das Krokodilbusiness läuft anscheinend gut, unter dem Strich finanziert es die Bildung von Swagups Nachkommen, gelegentlich einen Sack Reis sowie die Batterien für ihre Taschenlampen. Und falls es tatsächlich mal an Krokodilen mangelt, dann zieht Kenny an einen geheimen Ort am Sepik, schlängelt echsenartig durchs Wasser, scannt echsenartig die Gegend, und kriecht ebenso echsenartig ans Ufer zurück um mit einem Zauberlied nach seiner Krokodilsippe zu rufen. Die Weihe des „Crocodile-Callers“. Glenda gart die beiden Krokodilschwänze, Caroline frittiert Donuts für den Markt, und ich staune durch den spartanisch eingerichteten Raum. Angenommen ich klaue ihnen allen Besitz; den Kochtopf, die Pultlampe, die löchrigen T-Shirts, das Mückennetz – ergo all ihren modernen Schnickschnack. Sie würden mit der Morgensonne aufstehen, ihre Gärten pflegen, Betelnüsse kauen, jagen und die Familie feist füttern wie es bereits Generationen vor ihnen taten. Was wäre jedoch, wenn ich dir dein Smartphone, das Bankkonto, den Strom und den gegenwärtigen Job wegnehme. Wie lange würdest du durchhalten? Bei all den Vorteilen die der zivilisatorische Fortschritt mit sich bringt, fallweise frage ich mich, wer die echten Lebenskünstler sind.

Kenny brütet über seiner Reisekalkulation. Um sich für den Lehrerposten in Swagup zu bewerben, muss er seinen Antrag persönlich in Wewak deponieren. Weder ein Postservice oder gar ein Email-Account vereitelt ihm die Odyssee. Kenny spekuliert mit einer einwöchigen Abwesenheit sowie einem Budget von 200 Kina (60 USD) für all die Kollektivkanus und Minivans – Also rund 40 Frischwasserkrokodile Klasse 4 oder 300 verkaufte Donuts von Caroline. Bereits drei Tage später finden wir weitere Passagiere, die flussabwärts wollen – den motorisierten Einbaum zu zweit zu chartern hätte Kennys wie meine Reisekasse gesprengt. Zum Abschied steht halb Swagup Spalier und winkt Goodbye. Moses winkt auch, schlafmützig wie eh und je. Weit kommen wir heute nicht, aber Kenny hat vorgesorgt. Im Dörflein Yambun übernachten wir bei seinem Wantok Vivian, einer Cousine irgendwelchen Grades. Geniale Wantoks – Das Fundament für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, elementar für ein Land in dem niemand dem anderen so richtig über den Weg traut, und wo keiner nur auf die Idee käme in einen fremden Ort zu reisen ohne dort jemanden über sieben Ecken zu kennen. Um mich erkenntlich zu zeigen, schlage ich Vivian vor beim kochen zu helfen, beim Mückennetz aufhängen, bei irgendwas, dass mich vor dem Gefühl der Entbehrlichkeit beschützt. Charmant wie bestimmt lehnt sie ab. Hier koche sie, hier bette sie. Aber eines Tages komme sie in die Schweiz, wo auch immer dieses Land sein mag, und dann soll ihr das gleiche widerfahren. Tragischerweie, so ahnen wir beide, wird dieser Tag nie eintreten. Vivian hat es in 54 Jahren nicht einmal in die Hauptstadt Port Moresby geschafft.

„Sharing stories“ ist gleich nach Buai kauen jedermanns Lieblingsbeschäftigung, wenn Papua-Neuguinea eines hat, dann ist es Zeit – Zeit um zu lümmeln, um das Nichts zu beobachten, und um zu plaudern. „Ach, der unselige Ehrgeiz, er ist Gift für alle Freuden“, tadelte der Dramatiker Heinrich von Kleist vor vielleicht zwei Jahrhunderten. Im Abendland, aber auch in weiten Teilen Asiens ist Ehrgeiz, ursprünglich aus êre (französisch für Ehre) und gite (Gier), der Schlüssel zur Karriere. Und für Abertausende eine fatale Tugend. Ehrgeiz ist längst kein genetisch bedingter Bonus mehr, es wird uns von jung auf indoktriniert als sei es überlebenswichtig. Besinnungslos oder gefühlstot rennen wir dann zu den mit „Tips for happiness“ vollgestopften Büchereien, beginnen zu meditieren und suchen nach Heilung. Team-Papua kennt sich weder mit Ehrgeiz noch mit Meditation aus, und genau das macht sie so sympathisch. Vielfach erinnern sie mich trotz hohen Alters an Kleinkinder, die mittels unkoordinierter Fragen versuchen die Welt zu verstehen. Es darf angenommen werden, dass einfach lebende Menschen glücklicher sind, da sie ihre Hoffnungen und Träume nicht ausschöpfen können, reisen in ihrer Fantasie und bauen Schlösser in ihren Herzen. Sie erleben noch Wunder.Ich hingegen will ihre Stories hören, sie erscheinen mir genauso fremd und bereichernd. Für frischen Gesprächsstoff trifft man(n) sich im Hausboy. Ich habe neun der elf neuen Namen wieder vergessen, ein Fauxpas er mir hier pausenlos unterläuft, da sich pro Tag unzählige Personen vorstellen, die auch alle auf Geschichten tauschen aus sind. Immerhin erinnere ich mich an Morris und seinen Bruder Taylor. Denn Taylor hätte mich am liebsten gleich in den Urwald entführt, um Fledermäuse zu jagen, verschollen geglaubte Häuptlinge zu treffen, Arzneipflanzen zu katalogisieren – je nach meinem Gusto. Und Morris erklärt mir, was mich seit Wochen beschäftigt: Wieso ist es im Land der Habenichtse und Selbstversorger so verdammt teuer? Morris seufzt, die Antwort sei einfach. Ihre Regierung leiht alle vier Jahre Geld von der Weltbank, was wiederum die Preise auf alltägliche Güter sowie Services verteuert und das Land in die Deflation stürzt. Mit dem geliehenen Geld wird der Ressourcenabbau gefördert um die Kredite zurückzubezahlen – Ein geschlossener Kreis mit wenigen Profiteuren.

Morgen früh ist Markttag, somit holen die markterfahrene Vivian und ihre Kolleginnen alle verfügbaren Dörrfische, Bananenstauden und Süsskartoffeln aus dem Schrank um einige Kinas einzuheimsen. Damit Yambuns Ernte inklusive den ambulanten Händlerinnen möglichst kosteneffizient nach Pagwi verschoben wird, stricken ihre Ehemänner drei Einbäume zu einem motorisierten Floss zusammen. Im Hohlraum lagert der Dörrfisch sowie andere bits and pieces, darüber wurden Holzbretter für die Meute ausgelegt. Und da jeder rechtzeitig die morgendlichen Sammellaster erreichen will, starten wir kurz vor Mitternacht. Viel gibt es nicht zu bestaunen, denn nach wenigen Minuten setzt Niesel ein, dann Schauer, bis ich irgendwann nicht mehr weiss was von unten und was von oben kommt und ich mich frage ob Swagups Dorfchef Tom den Zauber überlebt hat. „We must hide“, grinst mir Kenny schelmisch entgegen und wirft eine Plane über die zwei Dutzend Passagiere. Diejenigen in der Mitte werden freundlichst aufgefordert ihre Arme zu recken, so dass das Wasser seitlich ablaufen kann. Ich schlafe keine Sekunde. Ein verwaschener Horizont begrüsst uns in Pagwi. Kenny umarmt mich herzlich und verschwindet in einem Minivan. Lange fahnde ich nicht nach einer Mitfahrgelegenheit, denn Jacob bietet sich an, auch er ist auf dem Weg nach Palambei. Während er sich als Guesthouse-Besitzer, alias Top Tourguide, alias allwissender Kulturchef, alias Palambeis „Big Man“ präsentiert, schlägt mein Seismograf aus, warnt mich, dass irgendwas faul ist. Will der tolle Jacob mit diesen Superlativen etwas kompensieren? Aber ich mag mein Glück heute nicht aufs Spiel setzen und springe in sein Kanu. Dann, als ich den Big Man inflagranti beim weinen erwische, lässt er die Glamour-Fassade fallen. Gestern Nacht starb seine Frau Patricia. Eine Schlange hatte ihr unter dem Pfahlhaus aufgelauert, dort wo das Feuerholz lagert. Nach nur drei Stunden war das Gift via Blutkreislauf in all ihre lebenswichtigen Organe gesickert. Sie verstarb noch auf dem Weg nach Wewak. Und schlagartig wird mir bewusst, dass ich mit Patricias engster Verwandtschaft im Leichenkanu reise. Emalda jammert verbittert – Zusammen hatten sie gekocht, die Kindern erzogen, und dem Haus geschaut. Wie eine Schwester war Patricia. Sie wischt einige Tränen weg und stellt sich als Jacobs zweite Ehefrau vor.

Mit dem verstummen des Aussenborders erwähnt Jacob, dass mein Aufenthalt bei ihm absolut erwünscht sei. Notabene helfe ich ihm ja mit jeder Übernachtung indirekt die Beerdigung zu finanzieren. Und die dauere eine ganze Woche. Früher waren es sogar Monate, aber das kann sich keiner mehr leisten. Patricia wird begraben und im Trauerhaus rüstet sich die Familie für eine Post Mortem Inspektion. Denn niemand hier glaubt an einen natürlichen Tod. Stereotypisch wird der Nachbar verdächtigt – „Ein mächtiger Zauberer“, wettert Jacob. Um seine Vermutung mit der nötigen Dramatik zu verstärken, schluchzt Emalda laut auf. Jacob glaubt wie die meisten seiner Landsleute an Sanguma – der magischen Schadenzauber soll Todesfälle, Krankheiten oder Missernten verantworten. Unter dem Zauberei-Gesetz (Sorcery Act) von 1971 war Sanguma-Magie sowie die Verleumdung Unschuldiger strikt verboten, bis das Gesetz vor fünf Jahren wieder abgeschafft wurde. Ein Freipass für die Hexer wie auch die Gerüchteküche. Derweilen bereitet Sohn Cleo das Ritual vor. Dazu schnitzt er zuerst ein Bambusrohr zurecht. In die Öffnung steckt er einen Fetzen von Mutters Bluse, einen Büschel ihrer Haare, und etwas Speichel, den ihr Cleo auf dem Sterbebett vorsorglich abgenommen hat. Dann hängt er Samen vom Brotfruchtbaum an das andere Ende und pinselt mit braunorangem Lehm fünf Ringe um den Bambus. Ich äuge zum Dachstock, wo sich bereits ein anderer Stab mit Markierungen befindet, darunter ein abgewetztes Schildlein mit der Aufschrift: Clarence 5/11/2013. – Cleos erster Sohn verstarb nur ein Jahr nach seiner Geburt. „Eifersucht“, meint Grossvater Jacob, und erhofft sich selbigen Befund bei Patricia nach der heutigen Busch-Forensik. Der Hexenmeister sei ihm und seiner Familie schon länger auf den Fersen, er ist neidisch auf sein Guesthouse-Business, die zwei Frauen, und natürlich den Big Man-Status in Palambeis Gesellschaft.

Ein paar Verwandte bringen Erde vom frisch geschaufelten Grab ins Trauerhaus. „Die Erde beinhaltet Patricias Spirit“, verdeutlicht Cleo und stopft das Häufchen sorgfältig in den Bambus und trägt ihn zusammen mit Patricias Bruder Richard nach draussen. Beide halten die Stange mit je einer Hand lose über ihren Köpfen. Jetzt werden intime Fragen gestellt und Patricias Spirit antwortet fortan indem er Cleo und Richard die Richtung weist. „Nur der Bambus kann die Wahrheit enthüllen“, verkündet der sichtlich angespannte Jacob. Eine gute Viertelstunde lang streunt das Duo geleitet von einem unsicheren Bambus durch den Garten. Obwohl sich niemand sicher ist, entscheidet der Big Man – „Eureka! es war Eifersucht!“ Apropos ein Charakterzug der so ziemlich auf jeden Papua-Neuguineaner zutreffe, ergänzt Richard sinngemäss und fügt noch einige Details hinzu. Vergeltung wird häufig durch einen ganzen Clan ausgeübt. Dazu wird vorzugsweise ein „Auftrags-Zauberer“ angeheuert. Niemand weiss genau wer der ausführende Magier ist, ob dieser überhaupt engagiert wurde oder aus eigenem Willen gehandelt hat, lediglich ihre anonyme Präsenz ist unbestritten. Sehr wohl können sie jemanden mit einer tödlichen Krankheit verfluchen oder per ferngesteuerter Schlange umbringen. Im Dorf nebenan starb vor wenigen Wochen der Sohn eines Primarschullehrers, worauf der irritierte Vater seine traditionellen Gerichtsmediziner einberief. Nach dem Pseudo-Urteil zogen die Familienmitglieder los um sich bei der willkürlich beschuldigten Hexe zu revanchieren. Als Strafe ritzten sie ihr mit Buschmessern den Kopf und die Oberschenkel ein bis das Polizeikanu vorfuhr. Einige landeten vorübergehend in der Zelle. Aber da die Zauberin generell keinen grandiosen Ruf geniesst, kauften sich ihre Schänder wenig später mit einem symbolischen Bazen wieder frei.

Der mystische Hintergrund für Patricias Ableben mag zwar geklärt sein, doch ihr Spirit ist weder besänftigt, noch frei – Man hört das bestialische Quicken eines Schweins. Es wurde soeben geopfert, um die finale Trennung von Patricias Geist zu ihrem Körper einzuläuten. Dieser Tot löst aber auch automatisch einen Racheakt innerhalb der Geisterwelt aus. Patricias Spirit verbündet sich nun mit dem Spirit der toten Sau, und zusammen rächen sie sich an ihrem Killer. – Jawohl, sterben in PNG ist verdammt kompliziert. Sich rächen auch. Und plötzlich wird klar, wieso Schweine in Papua-Neuguinea so wertvoll sind.Den Rest des angebrochenen Tages verbringe ich mit Richard und seinem Marihuana am Sepik. Der Blick über unser kleines Lagerfeuer verrät die Silhouetten von zirka 200 Trauergästen, die es sich mittlerweile in Jacobs Garten gemütlich gemacht haben, und es kommen immer mehr. „Gutes Zeug!“. Richard deutet mit seinem bärtigen Kinn zu den Nachbarn auf der anderen Flussseite: „Wir tauschen“, resümiert er feierlich, „Weed gegen Radios, Weed gegen Fisch, Weed gegen Batterien. Hin und wieder aber auch Sago gegen Fisch oder umgekehrt“. Früher waren sie Erzfeinde und haben sich gegenseitig die Köpfe abgehakt um die Trophäenschränke aufzustocken. Aber eines Tages, als Palambei wiedermal in ihren Kampfkanus hinüberstürmte zum plündern und lynchen (keiner weiss mehr wer angefangen hat), versuchte nebst dem üblichen Plot an Kindern, Frauen, und Greisen auch die Dorfschönste zu entkommen. Doch einer der Invasoren kriegen sie zu fassen. Und heiratete sie. Der Krieg war beendet, man schwörte Dorfbruderschaft, förderte den Tauschhandel und Richards Grossmutter wurde zur Heldin beider Ufer ernannt.

Jacob hat ein Zeltlein über das Grab gespannt und ist seit gestern nicht von Patricias Seite gewichen, die Tradition sieht diese groteske Nähe für eine gute Woche vor. Parallel dazu steht der letzte Teil der Geisterzeremonie an. Richard meldet sich freiwillig und somit bummeln wir zusammen zum Haus Tambaram in Palambeis Dorfkern. Von Palmen umarmt thront das altehrwürdige Traditionshaus auf einem tadellos getrimmten Rasen, gleich nebenan stehen die „Blood Stones“ – der Name verweist auf eine beklemmende Vergangenheit, in der die indigenen Stammeskrieger ihre Kopf-Trophäen auf die Blutsteine geprescht hatten, um den triumphalen Raubzug gebührend zu feiern. Solch makabere Bräuche sind dank der energischen Überzeugungsarbeit der deutschen Missionarsschaft lange passé. Ein Verdienst des Christentums – das soll auch mal erwähnt werden. Das Haus Tambaran mit dem Übernamen „Paiambit“ ist hier gleichzeitig auch der Hausboy. Zudem dient es als Tresor für all die kuriosen Figuren und Artefakte Palambeis, mit denen sich das unscheinbare Dörfchen am Sepik auf den Radar internationaler Kunstsammler gemausert hat. Last but not least; Sukundumi rastet hier – der CEO-Spirit des Sepiks. Und Sukundumi schaut gerade zu wie ein verdutztes Huhn mit Schwung gegen einen Holzpfosten klatscht. Mit dessen Tod wird Patricias Geist endlich erlöst von irdischen Qualen, kein Leid wird ihm mehr erfahren. Ob ich mich gut aufgehoben fühle; macht sich Aaron Maling schlauer als ihm lieb ist. Denn jetzt prasseln allerhand gestaute Gegenfragen auf den Dorfchef ein. Richard ahnt was kommt und verabschiedet sich. Ganz am Anfang war Sukundumi. Er schuf das Land, den Sepik, alles. Dann, zusammen mit dem Krokodil Spirit, erschuf er den Menschen. Nach Belieben wechselt er zwischen der Gestalt eines Krokodils in die eines Menschen, einer Schlange, einer Fledermaus und falls er sich nicht entscheiden kann, auch mal halb Schwein/ halb Fisch. Auf Empfehlung der Missionare wurden die Spirits zu den Agenten Gottes, und Sukundumi zum Abteilungsleiter degradiert. Aaron zeigt auf das allermächtigste Relikt ihrer Ahnen, alias Sukundumis Lieblingsort – Ein morscher Stuhl.



Die Akte Joseph K. (Teil 3) – Grande Finale

Eine Woche und 2’000 Kina (vier Wächter à 500 Kina) nach der Inhaftierung, ist Tourguide Joseph K. wieder auf freiem Fuss. Das Buschtelefon meldet, dass er sich für 1’000 Kina pro Tag eine ambulante Dorfschlampe aus Klein-Yanburu gekauft hat, und auf ihr durch das sepik’sche Hinterland reitet. Auf vorbezogene Spesen des israelischen Paars versteht sich. Aaron erzählt, dass Joseph K. mehrere ihrer Kunstwerke einem deutschen Sammler verkaufte, ohne dabei Rechnung zu bezahlen. Da es die Behörden mehrfach versaut haben den Strolch zu bändigen, werden nun die Zauberer von Palambei über seinen Verbleib entscheiden. Aarons Finger schweift zum morschen Stuhl. Sofern alle Clanmitglieder einverstanden sind, daran zweifelt niemand, werden sie via Huhnopfer (daran zweifelt auch niemand) den Kontakt mit Sukundumi aufnehmen. Und Josephs Leben ein Ende bereiten.


Palambei ist einer der letzten sieben Orte am Sepik wo bis dato die Skarifizierung durchgeführt wird. Die dafür notwendigen Traditionshäuser anderer Dörfer fallen nach und nach auseinander und werden kaum restauriert, dazu kommt die Unlust der Jugend sich ihren Körper mit Rasierklingen einritzen zu lassen. Nach rund zehn Lebensjahren zügeln die Jungs sittengemäss ins Haus Tambaran. Fühlen sie sich reif genug für das Ritual, wechseln sie zum gegenüberliegenden Spirit Haus „Nambaraman“. Ab und zu kommen auch Outsider her für die mehrwöchige Initiation, falls sich ihre Eltern den Skarifizierungs-Meister, dessen Betelnuss-Vorrat und die Pflegekosten leisten können. Eine Garde aus 15 Boys durchlief die Skarifizierung vor zwei Wochen, wovon einer den argen Blutverlust nicht durchgehalten hat. Die Überlebenden wiederum sitzen gerade bumsfidel vor mir auf ihren kleinen Schemeln und fächern sich die Fliegen vom Körper. Ihre Wunden wurden zwei Tagen nach dem Eingriff mit einem natürlichem Öl und Matsch bedeckt um Infektionen vorzubeugen. Die gebliebenen Narben, die sich elegant um den Brustkorb, den Rücken und die Oberarme schwingen, erzählen die Geschichte des Krokodils – ihrer Vorfahren. Symbolisch gesehen, sollen die jungen Männer mittels dieser Ziernarben von der Frauenwelt getrennt und mit der Kraft des Krokodilgeistes erfüllt werden. Wahlweise gibt es zwei verschiedene Designs, die sich vor allem durch ein prägnantes Emblem am Rücken unterscheiden. Ich vermute einen Stern, als Synonym für die unendliche Weite des Sepiks, oder einen Diamanten, der die Reinheit des Flusses imitiert. „Crocodile vagina“, korrigiert mich Aaron. Die Sakrifizierung sehe eine Anmutung an das weibliche sowie das männliche Krokodil vor. Ironischerweise wissen die Burschen nichts von dieser Gegebenheit und freuen sich auf einen coolen „Stern“. Eigentlich wissen sie überhaupt nicht was sie während den drei bis vier Wochen im Nambaraman erwartet, schildern Espie und Norbert, welche beide im Alter von 16 Jahren in das Ritual aufgenommen wurden. Gleich nach Empfang des kulturellen Totems erlernten sie die Krokodiljagd, Naturkunde und welche Dörfer Palambeis Grossvaters Feinde waren. In zwei Wochen werden die Neuen in die Freiheit entlassen, den offiziellen Nicknamen „Krokodilmänner“ erhalten sie jedoch nur, wenn sie die eine Weiterbildung zum Hexenmeister antreten.

Aaron ist ein Krokodilmann, leider will er mir nicht verraten, was für Superkräfte er besitzt. Dafür lüftet er das Geheimnis der verrücktesten Zauberformel überhaupt – „Teleportation“. Die Erzählung beginnt mit seinem Onkel, welcher einst die Geister rief, dann per Lichtgeschwindigkeit nach Australien reiste, Biskuits klaute, und sich in Millisekunden wieder zurück in sein Pfahlhaus teleportierte. Schade nur, dass der Trick nur mit geräuchertem Menschenfleisch funktioniert.

Wie auch immer, so kannst du es selbst zuhause ausprobieren (Reihenfolge beachten):

  • Stehle Fleisch eines nahen Familienmitglieds, vorzugsweise vom Finger, Herz, Penis, oder der Vagina, so klappt der Zauber am besten. Tipp: Stehle bei Nacht, nutze die Schlafpause als Überraschungseffekt
  • Falls du betrügst, und stattdessen Fleisch deines Feindes verwendest, verlangt der Zauber eine Kompensation – Das Leben deiner Ehefrau oder deines Erstgeborenen
  • Räuchere das menschliches Fleisch bis zur Garstufe „well done“
  • Reibe dir ein Stück des Menschenfleischs um deine Lippen, dann esse es neben einem Feuer
  • Sage den Zauberspruch auf und warte was passiert
  • Nach diesen Schritten bist du stark genug um mit dem Geist zu sprechen und ihn zu kontrollieren
  • Reise überall hin, kostengünstig und schnell
  • Tipp: Nutze den Trick auch für Angriffe und überrasche deine Gegner

Sepik 2018 – das Ritual wird weiterhin insgeheim praktiziert, in Palambei und anderswo. Ganz getreu einer gallenbitteren Busch-Kausalität zwischen Macht, Kompensation und Opfer. Bis einer anfängt zu denken, und den Zyklus bricht. Dem liebenswürdigen Aaron wurde das Teleportations-Studium angeboten. „Mein Lehrmeister hat sogar noch menschliches Räucherfleisch auf Lager, aber ich schrecke vor der Entschädigung zurück.“ – Aarons Frau, sein Erstgeborener, und die australische Biskuits-Industrie werden es ihm danken.

Zurück bei der Trauergemeinde, bei Richard & Co. und dem kleinen Lagerfeuer am Flussufer. Der ideale Ort um den abendlichen „San go don“ (Tok Pisin für Sunset) zu bewundern, um innezuhalten wenn er die betörendsten Farbkombinationen durchlebt und die Bühne nahtlos an ferne Stürme freigibt, die sich mit aller Wucht auf den regsamen Sepik stürzen als ob alle Zauberer, Druiden und Hexen gleichzeitig ihre Geister rufen. Ab und zu unterbricht ein schweifender Lichtkegel das Naturschauspiel. Mit Taschenlampen fummeln ist neben „Sharing Stories“ die nächtliche Lieblingsbeschäftigung der Sepikaner. Sie leuchten vom Ufer auf vorbeifahrende Kanus, die Kutter der Holzfäller, oder forschen nach suspekten Aktivitäten im Dorf gegenüber. Ob es sich hierbei um Langeweile oder Vorsichtsmassnahmen handelt, weiss wohl nur Sukundumi . Ich denke mir die Taschenlampen, T-Shirts und Solarzellen weg, so muss das bereits vor Jahrhunderten ausgesehen haben; Mütter säugen ihren Spross, Männer quasseln, Mücken beissen, ein Papagei ruft, nackte Kindlein flitzen umher und peitschen streunende Hunde in die Flucht, und einer geht mit dem Krokodil-Speer ans Ufer. Richard zündet einen Joint an. Ob er etwas vermisst frage ich ihn; „Not at all. I don’t feel comfortable in the citiy, I’m a village boy – a Mangi Peles. Out here I decide about my time“. Beim Stichwort „time“ fällt mir ein, dass ich bereits zwei Wochen tiptop ohne Mobiltelefon überlebt habe. Auch jetzt in Palambei dominiert keine Check-FOMO, denn ihre Mobilfunkantenne ist vor drei Monaten ausgefallen. Man munkelt, dass der von Wewak herbeorderte Digicel-Techniker von Krokodilen gefressen wurde. Euphorisch wird live gelästert, gelacht, geweint, gelobt, und beschimpft – nein, keine paradiesischen Zustände, aber das reale Leben. Es ist mein letzter Abend in Palambei und ich sauge sie in mir auf, diese mystische Tropenwelt und ihre Mär, die Geheimnisse von Sukundumi und seinem Sepik – Das Quell des Lebens, wo es anfängt und für viele auch endet.

Adolf holt mich typisch „PNG-Time“ (zwei später als vereinbart) mit dem Mini-Einbaum ab. Zusammen rudern wir nach Kaminabit, einem Weiler am Lower Sepik, da bei der Kanuhaltestelle in Palambei heute keine Kapitän vorbeischauen. Ich bekomme das kleinere Frauen-Paddel. Und den Frauenplatz vorn beim Ausguck. Der Liedchen trällernde Adolf wiederum balanciert das Kanu hinten am Heck mit einem Fuss auf der Kante. Flussabwärts von Kaminabit wird es unbequem, oder teuer, oder beides. Im Haus Tambaran bespreche ich mit dem hiesigen Dorfrat meine Reiseoptionen. Entweder kaufe ich ein für einige Kinas ein Kanu und paddle durch Piraten-verseuchtes Gewässer nach Angoram an der Flussmündung. Ich könnte aber auch einen Kapitän anheuern, der mich zum nächstgelegenen Dorf bringt nur um erneut festzusitzen. Oder ich springe auf das Sammelkanu und düse wieder flussaufwärts nach Pagwi. Ich setze mich vorne hin, gleich neben die 1775 Fische, welche die Crew bei der Krokodilfarm in Pagwi abliefern will. Fortan werden die kursierenden Fisch-Weiber gebeten, etwas beizusteuern. Denn wir sind auf wahrhaft göttlicher Mission. Pro Fisch zahlt Farmer Ismael 1 Kina (0.30 USD). Abzüglich dem Benzin-Geld bleibt der Besatzung rund 700 Kina um ihre Dorfkirche zu restaurieren.

Polizist Nelson lässt mich einige Stunden auf seinem Fussboden schlafen bis die ersten Transportmittel in Pagwi eintreffen. Nach Wewak will niemand, dafür fährt eine Karawane nach Yambi zum wöchentlichen Markt. Wobei Hunderte aus ihren Dörfern strömen um hier Tabak, Gemüse, Kokosnüsse, und Katzenfelle zu feilschen. Bis das friedliche Ambiente zu einem Strassenkampf eskaliert – Gut erkennbar an dem Tumult aus Gebrüll, gezückten Macheten und gespannten Steinschleudern. Nelson gibt mit seiner Flinte einen Warnschuss ab, was die Situation für wenige Minuten beruhigt, dann entfacht das Gerangel erneut. Nun flüchtet die gesamte Schar an Marktfrauen in die Bäuche der Laster. Ich sitze bereits seit einigen Minuten im Minivan von Ignasius, der mir vorhin seine Fahrt nach Wewak angekündigt hat, beobachte die Wildwest-Szene aber trotzdem mit Unbehagen. Ein Stein erwischt die Seite unseres Gefährts, Grund genug für Ignasius im Nu von dannen zu rasen. Ich sehe gerade noch, wie die Marktstände geplündert werden, wie Anarchen mit Batterien und Tabak unter den Armen das Weite suchen. Sehe ausserdem wie eine Clique zu Nelson marschiert, bereit das Problem per Faustrecht oder Machete zu lösen. Dass sie dafür wohl einen oder zwei aus den eigenen Reihen opfern müssen, scheint ihnen bewusst. Wir rollen und allmählich verflüchtigt sich das Adrenalin. „Ein normaler Marktsamstag in Papua-Neuguinea“, erwähnt der neben mir sitzende Eduard sarkastisch, die Rauferei sei Teil des Plans um Chaos schüren, dann hauen die Händler ab und lassen ihre Ware zurück.

Unter dem Vorwand, dass bei Individualreisen in Entwicklungsländern Vorsicht geboten ist, überlässt man den gesunden Menschenverstand gerne dem Touranbieter. Ach was habe ich all die Abmahnungen satt, diese Infantilisierungs-Orgien, dabei misst man doch gerade die wichtigsten Lektionen, welche einem die exotische Bürgerschaft vor Augen führen kann. Und zuallerletzt, entscheidend; wer solo unterwegs ist, wird beschenkt, und allzu selten bestohlen. Im sagenumwobenen Papua Neuguinea wird mit aller Wahrscheinlichkeit nur das gestohlen, was sowieso relativ ist, und das ist Zeit. Expect the Unexpected!


Bildgalerie von Swagup nach Palambei (via claudiosieberphotography.com)


 

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