Seufzend gehe ich nochmals die Schlafoptionen durch. MAPANG Missionary Home, das Ventil für christliche Aussendienstler, hat mein Begehren auf ein Kajütenbett profan abgelehnt. Zugegeben, ich war lediglich neugierig, wollte erfahren was die modernen Apostel hier so treiben in Port Moresby, einer Hauptstadt deren Kummer nicht selten durch die internationale Presse gewälzt wird. Eine weitere Alternative für den sparsamen Nomaden wäre dann noch der „Chicken Shed“ (Hühnerstall). Das Online-Inserat auf Airbnb wirbt per pseudo-romantischem Jargon;

„Chicken Shed –It’s a simple shed/living quarters. No rooms. Just a big living space. Floor is basically dirt ground. The perfect place for those who wish to experience genuine local living. Outdoor shower and pit toilet. It’s not cosy. Its rough and tough. – Only 10 USD/ Night.“

Nach passenden Adjektive für eine Individualreise durch Papua-Neuguinea zu kramen, wäre trotz des Hörensagens etwas verfrüht, aber so in etwas könnte ich mir das ausmalen – „rau und hart“. Keinesfalls werde ich der indigenen Gesellschaft, welche bis heute von uralten Stammesregeln dominiert wird, im Verlauf dieser Geschichte einen Mangel an Unternehmergeist vorwerfen. Was dem westlichen Gemüt dank Wettbewerbsdruck und Durst nach Fortschritt über Jahrhunderte hinweg eingebläut wurde, blieb dieser Gegend bis vor wenigen Dekaden verborgen. Mann stelle sich ein Katapult vor, das die kraushaarigen Melanesier aus der Ära der Selbstjustiz und des Selbstversorgertums ohne Umweg in die globalisierte Gegenwart schleuderte. Während jenem Flug war gerade genug Zeit um T-Shirts überzuziehen und die auf Tok Pisin übersetzte Bibel zu studieren. Noch heute, immerhin 150 Jahre seit den ersten Zivilisierungs- und Bekehrungsversuchen, wird Papua-Neuguinea seinen Ruf als Shangri-La hetzender Kannibalen, intertribaler Scharmützel und blutrünstigen Schlepperbanden nicht los. Wie so oft, trüben die Altlasten das Landesimage nachhaltig. Apropos Menschenfresserei; die blasphemischen Stammesgruppen, welche damals die ersten europäischen Glaubensboten mitsamt Hemden, Gürteln und Lederschuhen vernaschten, kümmern sich indes um innenpolitische Fehden. Die Gefahr in einem Kochtopf umringt von fauchenden Wilden zu landen, ist seit der Penetration missionarischen Ehrgeizes verschwindend klein geworden. Sehr wohl flanieren sie noch immer mit Macheten bewaffnet leger durch die isolierten Dörflein, dabei sorgen Selbstgebrautes oder „Warrior Dark Rum“ kaum für mehr Gepflogenheit, doch weiss der gezähmte Krieger nun wer Freund und wer Feind.

Meist. Hie und da sorgt ein Zwischenfall für mediales Aufsehen und Tourismus-Chef Emil Tammur muss wieder ausrücken um das gesinnungslose Team-Papua aufs Neue schönzureden. Gemäss neuesten Depeschen hat Emil seit gestern alle Hände voll zu tun, denn sein Land ist nach der unfeinen Geiselnahme in der Provinz Milne Bay wieder auf die Liste der „NO-GO ZONES“ ausländischer Botschaften gerutscht. Das US Department of State warnt bereits fleissig die breite Öffentlichkeit und setzt diverse PNG-Regionen hinter Jemen, Nordkorea und Syrien auf Alarmstufe 4. Sieht man über solch sporadische Bagatellen hinweg, findet man den Inselstaat in der Champions League der Seuchen – wo eine aufstrebende Polio-Epidemie, horrende HIV-Raten und malariafeiste Mückengeschwader wetteifern. Und obendrein der florierende Hokuspokus; im Jahr 2013 wurde das Zaubereigesetz (Sorcery Act 1971) nach 42 Jahren wieder aufgelöst. Die Meister der schwarzen Magie dürfen nun offiziell verfluchen und das Volk erhält erneut eine Vollmacht zur Hexenverbrennung. Papua Neuguinea, seit je ein faszinierendes Ziel, das nur zu existieren scheint, um uns mit Kontroversen einer märchenfremden Tropenwelt zu versorgen. Und während sie sich im Busch bemühen Okkultismus, Naturheilkunde, Polygamie und Jagdpraktiken (kurzum – echte Kulturdiversität) trotz des wuchernden Kapitalismus aufrecht zu erhalten, plagen die halbwegs modernisierten Städte wie Lae, Madang oder Moresby derweilen andere Sorgen, jetzt da es sich um Moneten dreht und die Dörfler scharenweise zur Jobsuche rüberkommen.

Möge es Schicksal sein, dass mir der „Chicken Shed“ erspart bleibt. Da mein Taxifahrer die Adresse nicht ausfindig machen kann, werde ich spontan im „günstigsten“ Hotel-Bunker mit Stacheldraht-Einrahmung ausgeladen. Günstig für PNG-Verhältnisse bedeuted läppische 100 USD die Nacht für mittelmässigen Komfort. Man hat mich mehrfach vorgewarnt; „Verschaff dir so bald wie möglich Wantoks!“ Ein Wantok (übernommen aus der Universalsprache Tok Pisin von „one talk“) ist per se ein Freund oder Bekannter, jemand der bestenfalls der selben Grossfamilie angehört und im schlimmsten Fall immerhin eine der 800 Stammessprachen gemein hat. Ich habe noch keine Kontakte und werde mich somit klaglos und kontinuierlich herunterschlafen, vom gediegenen Hotelbett auf den Bretterboden des Fussvolks. „Where do you go?“ erkundigt sich William. Der Mann ist vielleicht vierzig und hat mit 12 aufgehört zu wachsen, zumindest gegen oben. Eine berechtigte Frage des rundlichen Hotel-Wachmanns, denn was der City an Sehenswürdigkeiten fehlt, macht sie mit ihren dubiosen Nachbarschaften wett. Als „white man“ ziellos durch die Gassen zu streunen, sei nicht unbedingt empfehlenswert, wird mir ans Herz gelegt, dazu spritzt William beinahe ästhetisch den Betelnusssaft – Buai durch die v-förmige Öffnung, die er mittels Zeig- und Mittelfinger dicht an seinem Mund platziert. „I shall come with you.“ Persönlicher Escort war noch nie mein Ding, aber mir bleibt wenig Zeit für Stadtgeflüster, somit geben wir uns die Ghettofaust und ziehen los. Ziehen für ein paar Meter bis zur Betelnuss-Bude um Nachschub zu kaufen. William macht umgehend klar, dass es nebst aller Dynamik auch fixe Hierarchien gibt in Moresby und er sei ein „Leader“ – Pause für einen Schuss Buai – Genauer, ein Leader der über zwei Strassen herrscht. Hat jemand seines Clans ein Problem, klingelt es bei ihm, und William rückt aus mit einem schlagfertigen Trupp aus der Sippschaft, um zu ermitteln und falls nötig, um zu schlichten. So schauen die Insulaner gleicher Herkunft aufeinander. „Take care, this rascol will rape you and throw what’s left on the dump“, spöttelt der Betelnuss-Verkäufer mit einem rotbraunen Lächeln. „Nah, don’t worry big brother“, besänftigt mich William per Ghettofaust und peilt auf eine Mall im stalinistischen Zuckerbäckerstil.

Beim nächstbesten Stahlkäfig reihen wir uns in die Schlange ein. Eine Mini-Luke lässt gerade genug stahlfreien Hohlraum um fritierte Hühnerschenkel gegen Kina (die Landeswährung) zu tauschen. Unschwer vorzustellen, dass vor dem Boom der Gitterstangen-Industrie einige Hühnerschenkel und Kina verschwanden. William ist bestens gelaunt, es scheint als ob er allzu selten in den Genuss von fritiertem Hünchen kommt. „Ich komme allzu selten in den Genuss von fritiertem Hühnchen“, verkündet er dankbar wie taktisch und lässt mich bezahlen. Wir schlendern weiter – Hand in Hand. Mein Bodygard weist auf die lokalen Highlights hin; das Busterminal oder die katholische Hochschule. Hin und wieder ergibt sich ein Chat mit einen Wantok, dabei passieren andere wortlos und lugen gangsta, noch andere grüssen in herzlichster Manier. Ein Gang durch das Warengeschäft nebenan veranschaulicht das Gefüge der urbanen Gesellschaft: importiertes Shampoo und Rasierklingen (alles mit Wert über 5 Kina) wurde hinter Stahlgittern verbarrikadiert. Einer mit Uniform und Schrotflinte wacht über die Pforte, und als ultimative Sicherheitsmassnahme hockt der chinesische Ladenbesitzer höchstpersönlich auf einem Tennis-Schiedsrichterstuhl um vermeintliche Kleptomanen adäquat zu erspähen. Wer trotz allem nicht widerstehen kann und sich auf den Pfad der Sünder begibt, dem drohen drakonische Strafen – von der kommunalen wie behördlichen Schelte mal abgesehen, legen sich Langfinger notabene mit dem Schöpfer höchstpersönlich an. Im Schatten des Vordachs lobpreist ein Prediger mit dem Sprachorgan eines Drill Sergeant die unendliche Liebe des Lords, auf dass sie niederknien und endlich hörig werden. Vom Vaterland sei mit keinerlei Hilfestellung zu rechnen, nur wer dem Club beitritt, hat eine Chance auf Erlösung. Zwischendurch schmückt er seine Weisheiten mit epischen Pausen, um sie mit Weltbedeutung aufzuladen. Dann prügelt er mit gesalbter Kungfu-Zunge wieder drauf los. So sprachen sie bereits vor über einem Jahrhundert ins Gewissen von Millionen melanesischer Schäfchen, die es zu retten galt, auch wenn sie gar nicht wussten, dass sie in Gefahr schwebten. Bei einer Konvertierungsrate von gegenwärtig 96 Prozent kann man der Römischen Kurie eigentlich nur Beifall klatschen. Somit zum nächsten Meilenstein; „Hol dir deine Identitätskarte. Jetzt!“ – wirbt das Plakat im Weltformat direkt über der Wildwest-Szene. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wahlrecht, Bankkonto, (bessere) Jobaussichten, Führerschein, gesellschaftliche Integrität, Sozialversicherung et cetera. 230 Millionen Kina (70 Mio. USD) hat die Regierung bis anhin in die NID-Kampagne gesteckt um ihre Landsleute offiziell zu registrieren, denn lediglich 500’000 der acht Millionen Einwohner sind erfasst. Dazu wurde in jedem Kaff eine ID-Filiale eingerichtet. Motiviert schwärmte das Volk zu den abgesandten Staatsdienern, warf sich tapfer in den bürokratischen Schützengraben, schaltete eine Kompanie hieroglyphischer Formulare aus und wartete auf die verheissungsvolle Zukunft in Form einer Gratis ID. Und wartet bis heute. Denn die Kartendrucker funktionierten nicht, die Formulare verschwanden auf mystische Weise, und im Falle William war die Filiale zum Datum auf der Abholbescheinigung nicht mehr auffindbar weil die Miete nicht rechtzeitig bezahlt wurde. „PNG – Expect the unexpected“, pointiert der Wachmann und hält mir das Fäustchen hin. Eine Floskel, die von Papuas Tourismusbüro zu gerne verwendet wird, um den Reisenden auf all die lustigen Überraschungen hinzuweisen, welche in diesem Land lauern. „Come, I show you downtown“, diktiert mein Leibwächter und schnalzt mit der Zunge etwas Buai-Saft aus dem Weg. William ist keineswegs denkfaul, offensichtlich versucht er mir mit der Präsentation von Downtown die Vorurteile gegenüber diesem Moloch visuell auszureden. Je näher wir dem Stadtkern kommen, umso mehr viereckige Klötze, Banken, Staatsbetriebe, Hotelanlagen und Büros ausländischer Investoren türmen sich, auch die Anzahl an bewaffnetem Wachpersonal und Zeitungsjungen nimmt überproportional zu, dafür nehmen die eingetrockneten Buai-Flecken auf dem Asphalt etwas ab. Ach, die Downtowns dieser Welt, würden sich ihre Untertanen eine Papiertüte über das Gesicht stülpen, man könnte Seattle, Kapstadt oder Bogotá nicht von Moresby unterscheiden. Der Plot ist ratzfatz erklärt; Menschlein hetzen durch graue Korridore mit stark limitierter Flur, trinken Zucker mit Kaffeegeschmack von der Kette mit dem grössten Marketingbudget, arbeiten hinter grauen Fassaden die anderen grauen Fassaden antworten und eilen pünktlich zum Stossverkehr zurück in die Aussenbezirke. Wem hierbei nicht graut und das alles packt, ohne geistig oder körperlich zu verwesen, der darf besonnen in die Zukunft blicken. Wer weniger hetzt und es nicht packt, liegt jetzt wahrscheinlich irgendwo am Strassenrand und bettelt die Rastlosen an, sollen sie dem Unglücklichen doch etwas von ihrem Glück abgeben. William zuliebe zeige ich mich dennoch etwas beeindruckt – internationaler Verhaltenscodex bei einer jeden Führung. Wäre Moresby nicht so überschaubar klein und unspektakulär, ich müsste nach Ausreden suchen um mit guten Gewissen wieder in meinen Hotel-Bunker zu dürfen. Einige begehen notgedrungen Landflucht, ich bekenne mich freiwillig der Stadtflucht.

Mit Einbruch der Dunkelheit ziehen wir uns zurück. „Eine gute Zeit heimzukehren“, feixt William, „ab jetzt kriecht nur noch Ungeziefer auf den Strassen“. Damit meine er nicht die Kakerlaken. Ausserhalb der Hotel-Einzäunung wärmen sich seine Kollegen an einem Feuerchen, dass gewissenhaft den Abfall der Vortage kremiert. Darüber lodert der Vollmond in ungewohntem kupferrot. Und irgendwo zwischen astrophysikalischem Phänomen und papua-neuguineischem Alltag, verstricke ich mich in einer Realsatire. Denn jetzt gehen die christlichen Propheten steil und zerschlagen genüsslich so manch rationale Erklärung einer Kernschattenfinsternis. Einer ruft: „Die Ankunft des Messias steht uns bevor“ und verharrt sogleich stoisch, den Krausebart streichelnd, das kantige Gesicht dem Feuer zugewandt. Ihm gegenüber blökt ein anderer für ihn weiter: „Und ich sah, dass es das sechste Siegel auftat, und siehe, da ward ein großes Erdbeben, und die Sonne ward schwarz wie ein härener Sack, und der Mond ward wie Blut.“ Der Johannes habe es damals schon geblickt, die Zeichen seien mehr als eindeutig – Och nö, schon wieder droht der Tag des jüngsten Gerichts, nicht nur in Papua-Neuguinea sondern überall auf der Welt wo der Grössenwahn dank biblischer Folklore sein Unwesen treibt. Ungewöhnliche Himmelserscheinungen wie Polarlichter, Sonnenfinsternisse und Blutmonde sorgen für Panik seit wir von den Bäumen geklettert sind, sie gelten als Vorzeichen für Naturkatastrophen, Kriege und Plagen. Dummerweise gibt es immer irgendwo Naturkatastrophen, Kriege und Plagen, das rechtfertigt anscheinend jegliche Spekulation. So denn, Apocalypse Soon! Wir sind der Verdammnis geweiht. Immerhin ist Hilfsköchin Maria-Theresa aus Mount Hagen noch bei Sinnen. Über 50 Jahre habe sie brav gebetet, sei quasi sündenfrei und mache sich daher keine Sorgen. Ich erkundige mich bei Manuel, der so toll aus der Offenbahrung des Johannes zitieren kann. Er bete derzeit häufiger als üblich und sei somit fein raus! Doch kaum absehbar, was mit den vermaledeiten Heiden passieren wird, die an die Kreisströmung unseres Sonnensystems und an gebrochenes Sonnenlicht glauben. Logisch; „Freifahrt in die Schlünde der Unterwelt“, wettert Manuel. Allmächtiger, auf das er mich rette von dem Gesülze. Eine einheitliche Sprache hat Vorteile, lässt sie mich doch mit einer Auslese von 800 Kleinkulturen kommunizieren, aber trotzdem verstehen wir uns nicht. Mag sein, dass ich mich täusche. Vielleicht spitzt des Teufels Brut in diesem Moment die Lanzen, vielleicht ist so ein Tag des jüngsten Gerichts ja gar nicht so übel für die Menschheit, und vielleicht klappt es dann endlich mit dem lang ersehnten Utopia. „Maski long planti toktok (genug geschwafelt) big brother, fancy some Warrior Dark Rum?“ William setzt zur Ghettofaust an.

En route zur Flussmündung des Sepiks scanne ich das Dach eines jungfräulichen Dschungels. Welch Geheimnisse dieses ursprüngliche Dickicht immer noch bergen mag, welche Pflanzen- oder Tiergattungen es kommen und gehen sah, und welch Opfer es dem zivilisatorischen Fortschritt schuldig wird. Auch wenn die Reiseagenturen ihre Sepik-Kundschaft bis dato nebst Schirmchendrink und insulanischem Singsang mit Wörtern wie „explore“ oder „discover“ ködern, ist die Ära grossartiger Expeditionen wohl vorbei. Immerhin dümpelte Friedrich Hermann Otto Finsch bereits 1885 per Dampfschiff durch die Gewässer des Sepiks alias Kaiserin Augusta-Fluss, getauft nach Augusta Marie Luise Katharina von Sachsen-Weimar-Eisenach. Als „Forschungsreise“ hatte Augustas Sohnemann, der spätere Kaiser Friedrich Wilhelm, es damals der Öffentlichkeit verkauft. Dabei ging es dem deutschen Reich vor allem um den Ausbau ihrer Neuguinea-Kompagnie und die Vormachtstellung im Pazifik. Auf Otto Finsch folgte 1912 Pater Eberhard Limbrock welcher mit seinen Branchenkollegen auf der Suche nach jungfräulichen Seelen durch den Busch tapste. Aus dem idyllischen Küstenstreifen nahe der Flussmündung namens Vaviak wurde somit Wewäk und nach Übernahme der australischen Administration schlussendlich Wewak. Man könnte Vaviaks Schicksal ohne Zaudern mit dem Schicksal so vieler gelobter Destinationen vergleichen. Aufgrund langjähriger Studie (ja es ist meine) ergibt sich die magische Formel der globalen Entdecker-Hierarchie:

Prähistorische Nomaden > Seefahrer > Biologen, Missionare und Militärs > Händler, Verwalter und staatliche Investoren > Siedler > ggf. nochmals Militärs > ggf. Invasoren > Hilfswerke > mehr Missionare > Hippies > Backpacker > Touristen > private Investoren 

Dass sich der Tourist ganz am Schluss der Sequenz befindet, vergisst man gerne auf den „Entdeckungstouren“ bei denen im Safari-Outfit per 400mm Zoomobjektiv auf die Nachfahren prähistorischer Nomaden gezielt wird. Ganz getreu dem Motto; „Hohl dir den Thrill und aale dich danach am Hotelpool, all-inclusive, carefree, hassle-free!“ Noch geiler sind Sepik-Cruises bei denen der moderne Abenteurer aus Schnöseldorf tausende US-Dollar für einen zehntägigen Ausflug hinblättert und dabei selten die schwimmende Festung verlässt. Wundersamer Tourismus. Laut dem Inflight Magazin von Air Niugini ist ein Besuch der Sepik-Region nur ein halber, wenn man nicht das „Crocodile-Festival“ in Ambunti miterlebt hat. Eigentlich wäre diese aufgebauschte Inszenierung immateriellen Kulturerbes Grund genug Reissaus zu nehmen und in eine andere Richtung einzuschlagen, doch ein Treff mit den Stammesvertretern aus den Tiefen der Sepikregion könnte auch Vorteile verschaffen. Ich habe eigentlich nur zwei Ziele was mein Besuch in dieser Region betrifft, ich will Zeuge sein, will live miterleben wie die Moderne in die letzten Ritzen des Planeten sickert, und dabei mit dem Volk interagieren, welches bis heute komplett von den Eigenheiten eines der weltweit grössten Flusssysteme abhängt. Den Rest überlasse ich meiner Intuition. Allenfalls hilft hierbei etwas fachmännischer Beistand?


Die Akte Joseph K. (Teil 1) – Email Dialog

Hi Joseph,
I’ll be flying to the Sepik Region soon. From Ambunti I’ll make my way either downstream or upstream. For several reasons I might need a guide for some days. Are you interested?
– Best, Claudio

Hi claudia, Yes i can guided you for one or two weeks as possible you want. – Joseph

Okay. How much would you charge me per day…? – Cheers, Claudio (not Claudia – that’s for females;-)

So claudio, I can directly arranged every things for the tour for you. The coast is like k1000 a day. If you do two weeks will cut down. This coast includes like: car to and from, food and water, accommodations, villages fees, motor canoe hire, crew, fruits and vegatables – Thanks, Joseph

I’m on a tight budget. Unfortunately I know too well what I could get out of it. Hope you understand – Regards, Claudio

Thank you, I understand you now. You can do your self thanks. – Joseph


Joseph K. und ich werden kaum dicke Wantoks. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass alles was sich per Motor fortbewegt, massig Kinas verschlingt. Besonders hier in Papua-Neuguinea wo die Benzinpreise exorbitant hoch sind und der Sepik nur per Kanu bereist werden kann. Auch ist mir bewusst, dass eine vierköpfige Familie in diesem Erdteil für die veranschlagten 1’000 Kina (300 USD) pro Tag ein ganzes Jahr überlebt. Das kann eigentlich nur bedeuten, dass hier jemand weitaus mehr abgreift als nötig. Josephs Zeilen sowie die Tatsache, dass innerhalb einer Fläche so gross wie Dänemark (zirka 42’800 km²) keine Bankomaten aushelfen werden, animieren mich dazu nochmals das Reisebudget zu frisieren. Post scriptum; Bootkapitäne akzeptieren höchstwahrscheinlich keine Kreditkarten.

Wewak – Der unscheinbare Finanzplatz der Sepik-Region. Heute ist Payday, will heissen jeder der es tatsächlich geschafft hat eine Identitätskarte zu ergattern, de facto ein Bankkonto eröffnen durfte, und letztendlich sogar einen Arbeitgeber fand der Kinas per Online-Transaktion verschiebt, pilgert diese Tage nach Wewak um Cash abzuheben. Was aussieht wie ein Bankensturm nach einer Krisen-Warnung, gehört in Papua-Neuguinea zur monatliche Routine. Nicht wenige hier haben eine zweitägige Anreise hinter sich, also werde ich mich hüten über die halbe Stunde in Reih und Glied zu klagen. Bis vor wenigen Jahren war der Payday auch der Lieblingstag der Raskols, die dann vermummt mit ihren selbstgebastelten Flinten und rostigen Buschmessern auf Streifzug gingen. Da schätze ich mich glücklich, dass in diesem Moment lediglich ein abgewetzter Typ fanatisch durch die Verglasung starrt während ich ein durchschnittliches PNG-Jahresgehalt abhebe. Vorwurfsvoll starre ich zurück, ohne dabei etwas an der Situation zu ändern. Eher kenne ich meinen Todestag als seine Hintergedanken. Vorstellbar, dass er zu den 7,5 Millionen Kontolosen gehört und gerade das Mysterium „Bargeldbezug“ im Detail studiert, abwägt, welch ebenso wundersame Vorteile so ein Girokonto wohl bergen mag. Der Cargo-Kult hat das 21. Jahrhundert erreicht – An Stelle von abendländischen Frachtgütern (futuristische Werkzeuge und Technologien) welche kurzerhand als göttliche Geschenke verklärt wurden, staunt man heute über Papiergeld, dass aus dem Schlitz eines sprechenden Kastens saust. Bedacht schlüpfe ich zurück in mein Hotel und sinne über das bevorstehende Abenteuer. Endlich wieder raus! Im Foyer liegt neben einiger Hochglanzbroschüren über Papuas kunterbunte Feste (allesamt staatlich organisiert um die kaufkräftigen Ausländer anzulocken) auch ein Faltprospekt der MAF aus. Seit beinahe 70 Jahren geleitet die Mission Aviation Fellowship ihre Gottesboten direkt zu den verlorenen Schäfchen, die sich über die Jahrhunderte hinweg erfolgreich im Hinterland versteckt hielten. Alle vier Minuten (sic!) starte oder lande irgendwo ein MAF Flugzeug. Auch das Unternehmensleitbild klingt vielversprechend: Sharing the love of Jesus Christ through aviation and technology so that isolated people may be physically and spiritually transformed. Man kann der PR-Tante des Fluganbieters nur gratulieren zu so viel esoterischer Bescheidenheit. „Körperliche und spirituelle Transformation“ – Einmal probiert, für immer verführt.

Wieso sie alle gemeinsam um 11:00 Uhr nachts die sechsstündige Reise nach Pagwi antreten würden, frage ich den Minivan-Chauffeur leicht verständnislos. „More safe, Raskols sleep“, die pragmatische Antwort. So heizt eine ganze Karawane aus Minivans Stossstange an Stossstange zum Kai wo sich die Passagiere postwendend auf die angedockten Sammelkanus verteilen – sie alle haben zwar Zeit, aber niemand will sie hier im Transit vergeuden und Gefahr laufen den motorisierten Einbaum beim nächsten Knotenpunkt zu verpassen. Der Morgen schmeckt nach Diesel und Dörrfisch, denn mehrere Kapitäne schwirren gerade herbei um eine neue Lieferung verkeilter Marktfrauen auszuladen, die Laster scheffeln sie schnurstracks wieder ein. Scheinbar hat der Fahrplan des öffentlichen Verkehrs selbst hier auf dem Sepik die Bürgerschaft rigoros unter Kontrolle. Während sich die ersten Kanus bereits vollgepackt in alle Windrichtungen verstreuen, fläze ich mich im Gras und warte auf ein Zeichen meines Kapitäns. Ein Grossväterchen gesellt sich zu mir, sein verschwenderisches Grinsen kompensiert die Bürde eines kreuzkrummen Rücken. Nein, nicht das hohe Alter sondern eine Schiffsschraube, die ihm Stammesfeinde über den Nacken gezogen haben, sei verantwortlich für den Makel. Das über den ganzen Oberkörper verteilte Narbenmuster in der Anmutung eines Schuppenpanzers verrät, dass er als Jungspund dem Sepik-exklusiven Initiationsritual beiwohnte. Dabei wird den Boys per Rasierklinge ein Totem eingeritzt, um die Abstammung des Schöpferwesen auszudrücken. Nun darf er sich offiziell „Krododilmann“ nennen, auch wenn ihm der Nimbus nicht wirklich schmeichelt. „Peter“ tue es auch. Von der Buai-verkäuferin hat er vernommen, dass meine Reise nach Ambunti führt. Da habe er sich erlaubt seinen Bruder Nelson über meinen Besuch vorzuwarnen und gleich auch die Unterkunft zu arrangieren. Keine Wohlfühloase, nur das Allernötigste wird mir versprochen – „rau und hart“ eben. Da liege ich erst ein paar Minuten vor dem Tor zum sagenumwobenen Sepik und werde bereits ungefragt an einen Wantok vermittelt. Mit dem Ruf des Kapitäns trödelt ein gutes dutzend Vollbärtiger zum Kanu. Sobald alle fein säuberlich im Bauch des Einbaums festklemmen, werden unisono „Busch-Zigaretten“ gedreht – man nehme frische Tabakblätter (Brus) und wickle sie in einen Fetzen Zeitungspapier vom The National. Unlängst wird gemunkelt, dass die Regierung einige Journalisten „gebeten“ hat die unschönen Nachrichten zum Wohle der Staatsinteressen zu kaschieren. Es ist der dritte Monat eines zuerst befristeten Zeitungsboykotts, welche die gebildete Bevölkerung (rund ein Zehntel aller Papua-Neuguineaner) via Facebook ausgerufen hat. Ironischerweise verkaufen die schlecht informierten Zeitungsburschen seither kein Blatt mehr, aber rauchen genüsslich die Headlines alter Ausgaben. Das vulgäre Joch eines melanesischen Alltags.

Der Sepik entspringt in den zerklüfteten Star Mountains und mäandert fortan durch Gebirge, Täler und tropischen Regenwald bis er 1’126 Kilometer später in den Pazifik mündet. Nur wenige Holperpisten verbinden den mächtigen Strom mit der Aussenwelt, dabei gilt er als Hauptverkehrsader von Papua-Neuguinea und für knapp eine halbe Million Menschen die das Sepik-Becken bewohnen, ist er nichts weniger als ein Wunder – das ewige Quell des Lebens. Mein Nebenmann Francis trinkt direkt ab Fluss. Ich schaue ihn verdutzt an, bis ich merkte, dass ich ihn verdutzt anschaue. „No worries“, meint der Schulinspektor – solange die berüchtigte Bergbaufirma PanAust noch auf Genehmigung wartet und all die Abholzer im oberen Teil des Sepiks noch nicht wüten wie angedacht, bleibt das Wasser sauber, ja gar trinkbar. Das dürfte sich jedoch bald ändern. Mit einer pittoresken Dämmerung im Rücken legen wir beim kleinen Weiler von Ambunti an. Nelson erwartet mich bereits und winkt mich zu sich, die überdurchschnittlich glimmernde Hautfarbe muss mich verraten haben. Beim Handshake blitzen sofort Szenen aus „The Green Mile“ auf, denn Nelson steht Michael Clarke Duncan alias John Coffey äusserlich in nichts nach, würde er ein Mäuslein aus dem Hoodie zaubern, es würde mich nicht verwundern. Gemächlich führt er mich entlang der Lodge, die für gut zahlende „Entdecker“ reserviert ist, quer über das Fussballfeld, welches morgen zum farbenprächtigen Show Off mutiert, und deutet schlussendlich auf ein Kabäuschen, das er beiläufig als „tough“ ankündigt. Ausserhalb der Ferienzeit ist es die Bleibe für „tough-erprobte“ Berufsschüler aus den umliegenden Dörfern, die nach der Primarschule hier eine dreijährige Schreiner- oder Mechanikerlehre bei Nelson absolvieren. Ich inspiziere das Raumkonzept – Feng Shui fatal: Die Latrine befindet sich in Sichtweite und die überflutete Gemeinschaftsdusche liegt gleich ums Eck. Ein Moskitonetz mit faustgrossen Löchern fristet auf dem verwaisten Bretterboden. Und weder das künstliche Licht eines Fernsehers noch einer Glühbirne stört das rustikale Ambiente – Ergo der manifestierte Alptraum eines jeden Couch-Potatoes. „Perfect! That’s all I need“, ausserdem darf ich für eine überschaubare Pauschale so lange bleiben wie gewünscht, oder eben so lange wie nötig.

Rhythmisches Getrommel reisst mich aus dem Schlaf. Heute und morgen huldigt Ambunti der Ikone des Sepiks – dem Krokodil. Dafür wurden verschiedene Stammesgruppen aus der Umgebung eingeladen um ihre traditionellen Gesänge und Tänze aufzuführen. Bevor die Kulturshow auf Touren kommt und seine Schaulustigen in die wundersame Welt der Kulturdiversität entführt, sprechen die Sponsoren. Und einer der gütigsten Schirmherren kommt per Hubschrauber. Der CEO von PanAust winkt lustig aus dem Cockpit, wirft einen Koffer voller Kinas ab und verschwindet genau so hurtig wie er gekommen ist. Nach Jahrzehnten der Rohstoffausbeutung diverser multinationaler Firmen geht das Spielchen munter weiter. Wobei die mutmasslichen Verlierer wieder einmal die indigene Bevölkerung ist. Noch wartet die PanAust, welche zwar scheinheilig in Australien angemeldet aber chinesischen Ursprungs ist, auf das grüne Licht für ihr 6 Milliarden Dollar Investment. Gemäss den Recherchen aufgebrachter NGOs fallen die Erträge zu 50% auf Pan Aust, zu 30% auf die hiesige Regierung und zu 20% auf Highlands Pacific Limited. Wenn man die Werte zusammenrechnet, bleibt den eigentlichen Landbesitzern 0%. Zero! Dafür bekommen sie von Cyanid und Schwefelsäure verschmutztes Wasser, welches verwendet wird um das Edelmetall vom Erz zu trennen. Der Hubschrauber driftet gen Horizont, und Nelson schüttelt den Kopf. Sobald die PanAust operiert, ändert sich auch der traditionelle Lebensstil von zigtausend Menschen welche vom Sepik und dessen Reinheit abhängen. Seit 1975 seien von Australien unabhängig, nur um kurz darauf von ihren eigenen korrupten Politiker abhängig zu werden. Wie durchhalten, frage ich ihn? „Da hilft nur beten!“

Um weiteren Dankesreden zu entfliehen, besuche ich Krokodilfarmer Jack, der auf seinem Anwesen eine Herde von 120 krabbelnder Kreissägen hortet. Er kauft sie von Swagups famosen Krokodiljägern oder anderen Dörfern und füttert sie feist bis die vorgeschriebene „Schnittgrösse“ erreicht ist. Dann, so visualisiert er mit der eintrainierten Körpersprache eines Metzgers, häute er sie und verkaufe das Schwanzfleisch am Markt. Die Häute schifft er zur Hafenstadt Lae, von da aus reisen die exquisiten Reptilienfetzen in die Nähateliers von Hermes, Dior oder Gucci. Um meine Vorurteile bezüglich Nachhaltigkeit zu entkräften, pariert der Croc-Dealer, dass jedes gehandelte Exemplar akribisch genau festgehalten wird, inklusive Artenbeschrieb, Gewicht, Vermessung, Ort, Datum und Unterschrift. Denn der Fang ist gesetzlich limitiert auf Mindestgrösse und Gattung, somit geniessen die Sepik-Krokodile zumindest auf dem Papier gewisse Rechte. Jack wickelt etwas Brus in einen Artikel vom Januar und schielt dabei auf seine Zucht. Was ihm gerade durch den Kopf gehe? Verschwörerisch kichernd lehnt er sich seitlich und meint: „Krokodile sind wie die Menschen, sie ändern ihren Charakter nie und bleiben unberechenbar.“ Gewappnet mit einer Flasche Warrior Dark Rum und einem Speer trödelt Jacks Dorfkollege vorbei. Gestern hätten sie keines erwischt, seine Truppe war zu betrunken, also wird heute während dem Event nicht live gehäutet wie vorgesehen. Mir entwischt ein frivoler Seufzer. Vor wenigen Jahren hätte sich hier noch niemand vorstellen können den gepanzerten Amphibien nachzustellen. Urängste? Bestimmt! Aber vor allem glaubten die Völker entlang dem Sepik an den Ursprungsmythos und die Abstammung von Vater Krokodil. Hierzu eine Fussnote; Das allererste Crocodile-Festival wurde komplett finanziert durch den WWF. Elf Jährchen später sind die Naturanwälte nicht mehr unter den Sponsoren, die selben Veranstalter wie damals planen eine Live-Häutung und zum Abendessen gibt’s Krokodilschwanz. Jack erwähnt, dass die Geldökonomie erst seit zirka zwei Dekaden ihren Lifestyle beeinflusst. Und Hirnforscher behaupten, dass Geldsorgen unser Denkvermögen blockieren. So wurde aus der Krokodilverehrung eine Krokodiljagd.

Lauthals tänzeln die Akteure über das Fussballfeld, dabei schwingen einige ihre lebendigen Krokodil-Maskottchen zum Beat der Kundu-Trommler durch die Lüfte. Die nächste Clique präsentiert ein Tohuwabohu aus Kampfgeschrei, Muscheltrompeten und Speer-Gefuchtel. Andere quälen ihre Seiteninstrumente in hypnotisch monotonem Takt. „Veeery traditional“, kommentiert Nelson, ohne dabei seinen Sinn für Sarkasmus zu tarnen. Es bleibt dahingestellt ob Gitarre zupfen wirklich zum Kulturerbe des Sepiks gehört. Was imponiert, ist die wuchernde Vielfalt der Outfits, die sorgfältig aufgetragene Stammesbemalung und die authentischen Gruppentänze mit Singsang in Endlosschleife, welche bis heute die Hochzeiten und andere gesellige Feste ausmachen. „…And christmas“, fügt ein Typ mit Krokodil-Halskette hinzu. Ich schiesse einige Fotos. Gerüche einfangen, das wäre ein Ding! Just in diesem Moment, es würde der Szene die nötige Authentizität einverleiben, denn es duftet wunderbar exotisch nach Busch, Brus, Buai und Achselschweiss. Eine Note, die man abfüllen und „Eau de jungle“ taufen könnte. Ist es möglich einen Ort nur am Geschmack zu erkennen? Paris? St. Gallen? Ambunti? Schliess die Augen und sag mir, wonach deine Heimat duftet!

Hans zieht zu mir auf den Fussboden. Per Mailverkehr haben wir uns vorgängig schon beschnuppert (lasse ja nicht jeden neben mir auf dem Boden schlafen) und ich muss im Nachhinein gestehen, dass ich zu gerne mit ihm weitergezogen wäre. Der junge Belgier verfügt über die Barmherzigkeit eines weisen Samariters gepaart mit einer übermenschlichen Courage. Anstatt dem Komfort einer gediegenen Heimat zu frönen, entschied sich er sich für NGO-Arbeit im Aussendienst. Egal was, nur unbequem soll es werden. Das Schweizerische Rote Kreuz akzeptierte sein Gesuch und schickte ihn umgehend nach Hellas – in das Epizentrum indigener Konflikte. Hans beweist Chuzpe, mit einer intelligenten Unverschämtheit meistert er fortan den Inbegriff von „Expect the Unexpected“. Seine Anekdoten hören sich an wie Depeschen aus dem Irrenhaus. Obwohl wenige Stammesbrüder einen Taschenrechner bedienen können, kennen sie bis zu neun Generationen zurück die Namen ihrer Ahnen, wer damals wem was geraubt hat, wer mit wem im Bett war, und wer anno 2030 ein Gefahrenpotential darstellen könnte. Jegliches Säbelrasseln ist fester Bestandteil eines nimmermüden Rachezyklus. Dabei geht es meistens um Land, oder Frauen, und nicht selten um Schweine, die den Frauen hier als ebenbürtig gelten. Kürzlich habe ein Clan in der Hellas Provinz die Bananenstauden eines anderen Clan abgehackt. Empört über die Ereignisse rissen die nun Bananenlosen ein paar Strohhütten nieder. Die Hüttenlosen wiederum rückten aus und fackelten eine Schule ab. Als sich Hans im Namen des SRK bei einem der Pyromanen erkundigte, wieso er denn ausgerechnet ein Feuer in jener Schule stiftete in der Kinder beider Clans unterrichtet würden, zuckte dieser reuelos mit den Schultern. In anderen Fällen konnte man sich nach einem Geplänkel nicht monetär oder durch Kompensation mit Schweinen (oder Frauen) einigen. Dann verlagern sich die Streitigkeiten üblicherweise auf das Schlachtfeld. Viel hat sich seit der Erfindung von Pfeil und Bogen nicht verändert, ausser dass der zeitgenössische Clan-Häuptling nun öfters AK-47 kundige Söldner anheuert, da aufgrund der jahrhundertelangen Fehden langsam die stammeseigenen Krieger ausgehen. Man könnte sich nun fragen, was macht eigentlich die Polizei? „Die schaut weg“ erklärt Hans ohne zu zögern, „oder verdient an den Waffen-Deals.“ Und täglich grüsst das Murmeltier aus Absurdistan.


Die Akte Joseph K. (Teil 2) – News via Buschtelefon

Als ich mich so beiläufig bei Nelson über die Schamlosigkeit einiger Fremdenführer beschwere und dabei ebenso beiläufig Joseph K. erwähne, schmunzelt mein Gastgeber vergnügt. Via Buschtelefon erreichte die Nachricht vor einigen Stunden Ambunti – Joseph K. sitzt im Gefängnis. Die Anklage lautet: 50’000 Kina (ca. 15’000 USD) soll er einem israelischen Ehepaar vor wenigen Tagen unterschlagen haben.


Mein Sepik-Abenteuer geht weiter. Dies war der erste Teil von zwei Episoden. Bald besuche ich die Krokodiljäger von Swagup und gastiere bei den Hexern von Palambei (tba)…

Zur Bildgalerie vom Crocodile-Festival in Ambunti (via claudiosieberphotography.com)

 

 

 

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