„Now everyone can fly“ findet die Billigfluglinie AirAsia. Wie wahr, jetzt kann jeder fliegen, selbst die Familien, welche hundert Jahre sparen müssten um sich einen Trip von Bangkok nach Yangon leisten zu können. Binsenweis, „Now almost everyone can fly“ klingt marketingtechnisch eben nicht ganz so toll. So oder so, ich fühle mich geehrt, darf erneut Inhalt für ihr Magazin liefern. Mein Set an Aufnahmen abseits der betretenen Pfade Myanmars imponiert der Redaktionsleitung. Auf Wunsch soll meine rebellische Flussdurchquerung den Fokus der nächsten Ausgabe bestimmen, einfach ohne das „Rebellische“. Kontext 1: Einige Worte über den Chindwin sowie den Irrawaddy. Kontext 2: Wie sich am besten auf einem Luxusboot verbarrikadieren? Kontext 3: Wo buchen, zu welchen Kosten? Am besten noch ein Klimadiagramm – Notabene offeriere das Magazin seiner Leserschaft einen Mehrwert, der Weg zum echten Reiseerlebnis soll daher kreativ ausgeschildert werden. Nun kommt die Media-Schlampe ins Spiel, ergo mein Business Avatar: ein fiktiver Autor, der auftragsgemäss das zusammentextet, was dem Nullachtfünfzehn-Reisekunden zugemutet werden darf. Ich erwäge, quasi als Mehrwert, auch die Geodaten der Tante-Emma Läden entlang beider Flüsse zu vermerken, damit bei Bedarf jederzeit ein Boxenstopp eingelegt werden kann um den Windel-Bestand aufzustocken. Vielleicht noch ein Hinweis auf die Websites von Myanmars Schnuller-Manufakturen? Werte Redakteure, so lasst die modernen Touristen von heute doch etwas ihre präfrontalen Hirnregionen oder im schlimmsten Fall gar das altmodische Sprachorgan benutzen. Zudem leben wir in einer Zeit in der ALLES online verfügbar ist – 24/7! Zweidrei Klicks, und taaataaa; bis in die Buchstaben-Atome gespaltene Reiseinfo, unermüdlich copy-pasted von der Schreiberszunft dieser Welt.

Noch reist Asiens grösster Flugdiscounter nicht ins wilde Timor-Leste alias Osttimor. Denn da warten ausser quietschlebendige Tauchreviere weder offensichtliche Sehenswürdigkeiten noch Schnuller. Was gibt es schon zu erleben in einem der jüngsten Länder weltweit?


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Resistir é vencer

Von Bali nach Dili wird mir ein Sitzplatz zwischen Aka und Francisco zugewiesen, beides gut studierte und redselige Osttimoresen. Die schwarz gefärbten Kuppen ihrer kleinen Finger verraten sogleich; kürzlich fanden Wahlen statt. Seit der am 20.5.2002 erlangten Unabhängigkeit von Indonesien dreht sich alles um die zentrale Frage; Wie geht es weiter? Daher ist Politik und Ökonomie jedermanns Lieblings- und Alptraumthema zugleich. Gerade diese Tage entflammen die Debatten erneut; Welche der 33 Parteien hat die zündende Idee? Welcher Politiker kämpft wirklich für das Wohle der Nation und nicht für das geheime Bankkonto? Was tun wenn in knapp zehn Jahren die Öl- und Gasreserven schwinden und somit faktisch neun Zehntel der Landeseinkünfte? Wie eine Staatssteuer einführen wenn 90% des Landes Selbstversorger sind? Wie einen Arbeitsmarkt für die knapp 1,3 Millionen hungrigen Mäuler etablieren? Wie eine rentable Agrarwirtschaft? Wie einen florierenden Tourismus? Wie die Gebildeten im Land halten, falls nach Abschluss der teuren Studiengänge keine Jobs auf sie warten? Und nicht unwichtiger, woher kommen die Investitionen? Welche führen in die langfristige Abhängigkeit, welche sind nachhaltig rentabel? Betriebsökonom Aka schwafelt derweilen von Gerechtigkeit für seine Landsleute, dabei testet er simultan die Funktionalität eines goldfarbenen Duty-Free Rasierers. Francisco, der junge Professor für Sozialwissenschaften, checkt hingegen ein Parfüm für sein Frauchen Mathilda und gibt sich leicht geheimnisvoll. Anhand dieser aussagekräftigen Szene fällt es mir kaum schwer meinen Kontaktmann vor dem Touchdown auf der Landebahn auszumachen. Ich notiere Franciscos Telefonnummer.

Küstenstadt Dili. Zum Museum des timoresischen Widerstands flanieren, während Geländelimousinen genauso wie Microlets mit halb herausbaumelnden Passagieren an mir vorbeipreschen. Abwechslungsreich wuchern Ziegelbaracken und seelenlose Klötze entlang der Hauptstrasse. Fairplay! Ab und zu tröstet ein Prunkbau aus der portugiesischer Kolonialzeit über das architektonische Malheur hinweg. Einige wurden renoviert um den Staatapparat würdevoll unterzubringen, andere der Vegetation und Gaffitisprayer überlassen. Ein Aroma von Strassenstaub und frittierten Hühnchen schwappt durch die salzige Meeresluft. Dann beim chinesischen Allerlei-Händler in eine Nebengasse flüchten, wo ein Kirchenchor nebst dem Adhān des örtlichen Muezzins um die Sympathie der Hörigen balgt. Zu plärrendem Reggaeton kündigen ambulante Händler ihre mit Gemüse beladenen Handkarren an. Osttimors Hauptstadt seufzt nach Charme, doch brilliert sie mit einem Wirrnis alteingesessener, indoktrinierter wie immigrierter Kultur. Unlängst ist in Dili die Ära der Stabilität und Aufbruchsstimmung eingekehrt, abendliche Ausgangssperren sind passé, ja selbst die rivalisierenden Banden widmen sich zunehmend verheissungsvolleren Karrieren. Was bleibt ist ein fliessender Kontrast zwischen Vorgestern und Morgen, ein Brennpunkt für gesellschaftlichen Wandel. Gebildete und geistig Arme, Habenichtse und Neureiche, Weise und Narren: Ungefähr ein Viertel aller Osttimoresen versucht sich an der Mini-Metropole, denn hier sind die Universitäten zuhause, die wenigen Jobs, die Hoffnung auf Wohlstand. Aber selbst wenn Dili das Gehirn von Osttimor ist, so bleiben die Dörfer sein Herz und seine Seele.

Resitir é vencer – To resist is to win!

 To resist is to know to accomodate past divergences,

and to adress the challengesof the present and the future.

Xanana Gusmão, resistance leader

Die Parolen beim Museumseingang machen sofort klar, Unabhängigkeit wird niemandem auf dem Silbertablett serviert. Kay Rala „Xanana“ Gusmão, der Schöpfer dieser Worte, ist quasi der Nelson Mandela Osttimors. Ein Patron mit Charisma und Chuzpe, der sein Leben seit klein auf dem Wohl von Team-Osttimor verschrieben hat. Der Journalist, Poet, Militant, Philosoph, Anführer des Widerstands gegen die indonesischen Besatzer, Familienvater, Ex-Premierminister, Ex-Präsident steht gerade erneut im Mittelpunkt, viele wollen ihn wieder als Staatsführer, aber zumindest als Puppenspieler im Hintergrund. Kein Wunder, man schätzt ihn nicht korrumpierbar und dazu ist er als einer der wenigen mit den Interessen des Fussvolks vertraut. Einer der in jungen Jahren von Bergnest zu Bergnest wanderte um sich die Probleme der Dörfler persönlich anzuhören und ihnen dann plausibel erkärte, wieso es sich lohnt für die Freiheit draufzugehen. Bis heute hängen Plakate mit Xanana in Militäruniform und himmelwärts gerecktem Arm in den Holzhütten seiner Fans. Und selbst die kleinsten Osttimoresen rezitieren wohlgemut seine Zitate. Es lässt sie von einer glorreichen Zukunft voller Aufschwung und Entfaltungsmöglichkeiten träumen. Eine allzu kostbare Weihe, die ihren Eltern durchwegs verwehrt blieb – Jetzt scheint die „Goldene Zeit“ greifbar nah. Wie viele südostasiatische Staaten hat auch Osttimor eine stürmische Vergangenheit. Um die Gegenwart besser zu begreifen, hilft ein Blick zurück (Zusammenfassung von Daten, wichtige Ereignisse der letzten Jahre). 

„Hey Kollega, wo bist du?“ nuschelt es durchs Telefon. Eine halbe Stunde später werde ich abgeholt. Wir halten noch kurz beim nächstbesten Fischer, der seinen Fang per Taschenlampe entlang der Strasse präsentiert. Wie avisiert, hänge ich das gespiesste Fisch-Bündel sorgfältig an den Seitenspiegel von Francisco Martins Kleinwagen. Im dritten Gang ruckeln wir los. Der zweite, sowie der vierte Gang funktioniere nicht mehr, erklärt mein neuer Freund und schaut dabei so cool wie möglich. Seine Wohnung liege ausserhalb der City, das hat gleich einige Vorteile – der Quadratmeter kostet weniger und ausserdem würden seine drei Buben Che Guevara, Fidel Castro und Hugo Chavez in unmittelbarer Nähe zur Natur aufwachsen. „Zugegeben“, fährt Francisco fort, „der Pfarrer war nicht besonders begeistert den Jüngling auf Fidel Castro zu taufen. Namen von berüchtigten Freiheitskämpfern sind quasi ein No-Go in der Christen-Kommune. Aber ich wollte meinem Sohn Stärke mit auf den Weg geben.“ Fraglich, wie die Personalchefs von Starbucks Osttimor oder der Loos24 Bank in 15 Jahren reagieren werden, falls Klein-Fidel sich entschliesst sein Bewerbungsschreiben dort einzureichen. „El Che“ werde ich dann später treffen, Francisco hat ihn vor einigen Stunden mit einem Luftgewehr in den Wald geschickt um auf Vögel zu schiessen. So lerne er einige Überlebenstechniken, nur für alle Fälle. Mathilda frittiert derweilen die Fische, wir Männer plaudern zu Kaffee über Bildung, Kultur, und quo vadis mit Osttimor. Nach drei Stunden dröhnt mein Schädel vor lauter Information. Mein Kollega ist ein waschechter Aktivist und hat durch seine Arbeit als Übersetzer für die Befriedungstruppe INTERFET ein nach wie vor intaktes Kollega-Netzwerk aufgebaut. Somit zum eigentlichen Thema von heute Abend, ich hatte Francisco meine stumpfsinnige Idee bereits auf dem Hinflug von Bali angekündigt: Um das junge Land mit Stil zu durchqueren, will ich mir ein Pferd kaufen. Es soll ein möglichst kleines, aber robustes Kaltblutsein – eben Marke Osttimor. Francisco grabscht nach seinem tarnfarbenen Mobiltelefon: „Ah Kamarada Nelson, du musst einem Freund helfen!“

Morgen soll es losgehen, somit bleibt noch ein Tag um Informationen zu beschaffen und weitere Kontakte zu knüpfen. Im Kaffeehaus ums Eck treffe ich auf die Kasachin Dilyara. Perfektes Timing! Bekanntlich quillt ihr Land nur so über von Pferden, somit komme ich gleich zum Punkt. Darauf erzählt die Schöne voller Enthusiasmus, dass sie zu ihrem 12. Geburtstag vom Grossvater eine weisse Stute geschenkt bekam (endlich mal ein Mädchen, dass auch ein Pferd bekommt, wenn es danach bettelt!). Auf Wunsch weiht mich Dilyara in das Pflerdeflüstern ein. Ich notiere die Kurzversion: „Das Pferd fühlt was du fühlst. Zeigst du dem Pferd gegenüber Angst, hat das Pferd Angst vor dir. Du musst den Ton angeben, das Pferd wird folgen. Pferde reiten ist wie meditieren, spüre den Energiefluss zwischen dir und dem Pferd“.

Die drei Expats Tracey, Morgan und Kate bekommen Wind von der Story. Mit der Grazie eines ausgehungerten Geier-Trios stürzen sie sich auf mich als ob ich dem Tod bereits nahe stünde. „Endlich tut sich mal was in dieser öden Gegend,“ lüstert Tracey. Meine Pferdekenntnisse auflisten soll ich, die Route erklären, bei der geheimen Dili-Expat Gruppe posten, aber vor allem; heute Abend mit zur Party kommen. Ich sage zu, aber vorerst müsse ich mich noch um ein sehr persönliches Problemchen kümmern: Mein rechter Hoden ist auf die doppelte Grösse des linken Hoden angeschwollen. Das sieht nicht nur unattraktiv aus, sondern fühlt sich auch sehr unattraktiv an. Nur schon beim Gedanken ein Pferd zu reiten, stellen sich alle Hodenhaare auf. Traditionelle chinesische Heilkunde sollte da erlösende Abwirkung schaffen, ich zottle zum Mediziner vis-à-vis. Mr. Wuzhoung macht kurzen Prozess: Hose runter, fummeln, Hose zu, Befund: Hodeninfektion! „Aufpassen mit den Wasserpistolen auf asiatischen Toiletten“, erwähnt er beiläufig und händigt mir einen Sack traditionelle chinesische Antibiotika aus.

New York hat die 230 Fifth Rooftop Bar, London den Sky Garden und Dili feiert auf dem vierten Stock der einzigen Shopping-Mall im Land. Ich fühle mich fehl am Tisch, ein geschulter Blick in die Runde aus NGO-Regionaldirektoren, Geologen, Anwälten und Doktoren verrät, dass ich vor allem als Wandertrophäe fungieren werde. Kreative oder Abenteurer oder kreative Abenteurer werden in solchen Kreisen erfahrungsgemäss eingeschleust um die trockenen Gespräche aufzulockern. Morgan schaut mich leicht besorgt an und deutet auf Tim. „Tim ist ein Doktor“, flüstert sie mir zu. „Kein Grund zur Sorge Morgan, alles tiptop!“ Aber das Thema „geschwollener Hoden“ kreist bereits in Dilis Umlaufbahn. Morgan nuschelt Tims etwas ins Ohr, der geht unverzüglich in die Doktor-Pose über, fällt bedacht im Stuhl zurück und legt die Handflächen übereinander. Zwecks Ablenkung lasse ich meinen Blick durch die Umgebung schweifen. Auf der Tanzfläche geht die Meute steil, ein bunter Mix aus Visa-Runnern, Expats, einer Handvoll Touristen und der timoresischen Schickeria. Einzig bei den durchgestylten Dorfschönen deren Blick auch durch die Umgebung schweift, bin ich mir nicht ganz schlüssig. Wer weiss, was die im Schilde führen, denn ein Drink kostet sie locker ein Zehntel ihres monatlichen Gehalts (sofern sie eines haben). Ich ziehe mich zurück.

Malae mit 1 PS auf Abwegen

Sind Cowboys noch en vogue? Argentiniens Gauchos? Der Marlboro-Mann? Wohl kaum, ihre Epoche ist vorbei, archiviert in der Remise der Nostalgie. Ich erinnere mich gerne an all die Spaghetti-Western, die während meiner Kindheit die Flimmerkisten dominierten. Hatte ich die rauen Helden und Antihelden beneidet um ihre toxische Maskulinität, das heroische Getue, das Reiten durch endlose Steppen. Höchste Zeit um einem weiteren Jugendtraum in Angriff zu nehmen, und dabei womöglich die triviale Realität hautnah zu erleben. Kleine Mädchen wollen ein Pony, grosse Buben ein Rennpferd! So zumindest das Klischee, aber Osttimor ist kein Rennpferd-Mekka, eher ein Ponyhof. Per se eine ideale Ausgangslage, denn ich weiss wenig über Pferde, eigentlich nur wo vorne und hinten ist. Es bietet sich an klein anzufangen.

Das Osttimor-Pony 

  • Stockmass: ab 100 cm – 120 cm/ Verwendung: Reit- und Lasttier/ Besonderheiten: zierlich gebaut, anspruchslos, ausdauernd, trittsicher
Ein osttimoresischer Feudalherr in traditioneller Tracht (und Osttimor-Pony)
Einspänner mit importiertem Osttimor-Pony auf Lombok (Indonesien)

        

Etwas Vorbereitung kann nicht schaden. Mein Know-how entspringt folgender Quellen:

  • Die letzte Ausgabe von Wendy (Das Magazin für pferdebegeisterte junge Mädchen)
  • Der Pferdeflüsterer (Film basierend auf Roman von Nicholas Evans) Ich bin bei beiden Versuchen eingeschlafen.
  • Nicht zu unterschätzen mein Erinnerungsfetzen an Zorro, Bonanza, Lucky Luke, Charles Bronson und The Lone Ranger.

Per Schwarzenegger Commando nach Balibo Vila. „Peu importante, oú, quand et comment, quelqu’un doit payer“, verdeutlicht Muskelmann Arni via Plakat auf dem Kleinbus. Sofern nicht sein Blick umgehend tötet, helfen Granaten und Kampfmesser nach. In unserem Fall zahlen wir Passagiere, und zwar mit der Angst im nächsten Strassengraben zu landen während unser Fahrer mit Karacho nach Balibo schiesst. Ich gehe nochmals meinen Plan durch:

  • Ein geeignetes Pferd finden
  • Die Mechanik begreifen
  • Pferdeflüstern
  • An der Coolness feilen
  • Heroisch ins Dorf auf der anderen Inselseite reiten

Balibo Vila. Das Dorf im Westen Osttimors sieht heute kaum anders aus als während den Dreharbeiten zum preisgekrönten Film „Balibo Five“ 2009. Nelson Baros erwartet mich bereits. Er habe Franciscos Briefing erhalten und sei Feuer und Flamme für meine Mission. Die Timor-Ponys seien einst von den Indern auf der Insel eingeführt, und dann von portugiesischen Sandelholz-Händler zu Transportmitteln oder Reittieren dressiert worden. Auf Timor spielten Pferde seither eine wichtige Rolle, und dank weitläufiger Savannen vermehrten sich Tiere prächtig. Es gab Zeiten da kamen auf sechs Einwohner ein Pferd. Nelsons Grossvater war der Liurai von Haoba, eines der feudalen Königreiche auf der Insel, dieser habe die Portugiesen damals auf einem Pony reitend empfangen. Die Euphorie um die Pferde ist jedoch verflogen, „schlussendlich leben wir in der Motorrad-Ära“, predigt Nelson. Wir organisieren ein Motorrad.

Unterwegs wird mir von dem stattlichen „Kuda Completo“ vorgeschwärmt, auf das wir bald treffen werden. „Kuda completo“ entspricht gemäss Tetum (Osttimors Hauptsprache) einem Pferd mit allen Schikanen. Irgendwo im Tal von Maniala halten wir an. Pferdebesitzer Cornelis begrüsst uns herzlich und führt sogleich in seinen Hinterhof. Ein flüchtiger Blickkontakt, das Pferd bäumt sich auf und flüchtet sechs Runden um die Palme woran es festgebunden ist, bis der Abstand zum Stamm keine weitere Runde mehr zulässt. Cornelis versucht es im Zaum zu halten, und Nelson schenkt mir einen vorfreudigen Blick: „Good nee?!“. Ich zweifle, ein ungebändigter Mustang in Pony-Pelz entspricht nicht unbedingt meinen Kaufkriterien. „No Problem“, so Besitzer Cornelis. Ich winke ab und mache klar, dass ich weder Zeit noch Lust habe ein Pony zu zähmen, ich wolle es lediglich reiten. Das stösst anscheinend auf Verständnis. Ein anderes Pferd wird mir präsentiert, ruhig und zugänglich. Nelson schenkt mir einen vorfreudigen Blick: „Good nee?!“ Wir klären die Details. Zur Sicherheit hake ich genauer nach, wie verhält sich das Tier auf der Strasse? „Oh, don’t like car, don’t like motorbike, run away!“, gesteht Cornelis. Naja, immerhin ist er ehrlich sofern er gefragt wird, ich drehe mich zu Nelson und schüttle den Kopf: „No good nee?!“

Nelson hat noch ein weiteres Ass im Ärmel. Kollega Carlos soll es richten, aber er sei derzeit sehr beschäftigt. Das ist er tatsächlich, Carlos, der Kurzgeratene mit Schnäuzer und einem Gesichtsausdruck der wenig Gutes verspricht, streichelt seinen zitternden Gockel. Die dritte Runde beim lokalen Hahnenkampf in Maniala steht an, Männerhorden brüllen um ihre Favoriten, rauchen, wetten – nichts extraordinäres, nur ein gediegener Sonntag in der Provinz. Dann der fatale Knockout! Carlos sackt seinen Gewinn ein und gesellt sich zu mir und Nelson, auf den ersten Blick hinterlistig grinsend, auf den zweiten zuversichtlich lächelnd: „Kuda completo? No problem!“. Zusammen mit Carlos und Nelson fahre ich die Berge. Hier im verschlafenen Nest Saburai weidet es friedvoll, das Pony gemäss Wunschkatalog! Edles Design, wohlgenährt und ebenso wohlerzogen. Der hiesige Adat (Kulturchef) Kandidu Tilman alias „Apa (Grossvater) Diru“ will es verkaufen. Er züchtigt später einen anderen Heissporn. Also kein Notverkauf? Nein, verspricht der 65-Jährige, er habe Zeit und Geld, jeden Monat fliessen 271 US-Dollar vom Staat auf das Bankkonto des pensionierten Veteranen. Ein monetäres Dankeschön dafür, dass Kandidu früher reihenweise invasive Indonesier abgeknallt hat. Die Städte waren längst gefallen, als er mit seinem Gefolge von rund hundert Guerilla-Kameraden für weitere drei Jahre standhaft durch die Bergwelt Manialas streifte und Widerstand leistete. Viele seiner Leute sind jedoch vor Erschöpfung tot umgefallen. Allein der animistische Glaube („Lulik“ – sakral bzw. tabu) an die Macht der Ahnen und die von Geistern bewohnte Parallelwelt habe sie angetrieben. Die Unabhängigkeit Osttimors sei somit allein „Lulik“ zu verdanken.

Bis heute ist Apa Diru eine illustre Persönlichkeit in der Gegend, denn über die Jahrzehnte hat er nicht weniger als !30! Kinder mit zehn verschiedenen Frauen gezeugt. Ich gebe mich verdutzt, da die Adats normalerweise als respektvolle Personen gelten. Nelson klärt auf. „Königliches Blut aus der Zeit der Liurai fliesse durch Herrn Tilman, somit verschafft es diverse Vorteile von ihm begattet zu werden.“ Kandidus Nachkommenschaft ist mittlerweile über die ganze Insel verteilt und sobald es irgendwo brennt, hält der Clan bekanntlich zusammen. Der ostimorresische Schürzenjäger hält den Schweif des Ponys hoch, entweder damit ich das Geschlecht erkennen kann, oder etwa um mir das straffe Fundament zu präsentieren. Nelson schenkt mir einen vorfreudigen Blick; „Good nee?“. Ja, soweit so good, ich gebe mich kundig und frage nach den Zähnen, Grossväterchen lächelt verschmitzt und spannt das Maul des Pferdes auf. Scheinbar alles einwandfrei. Somit bleibt noch eine wesentliche Frage offen, wo ist der Sattel, wo das „completo“? Carlos hält mir ein geflochtenes Kissen hin, das per Seil um den Bauch und den Schwanz des Pferdes gebunden wird: „Kadeira“, murmelt Carlos. Ich gebe mich geschlagen.

Benjamin schaut vorbei, er sei quasi der Chef der Region. Aber hauptberuflich fungiert der studierte Finanzprofi als Lastwagenchauffeur und Kuhzüchter. Das mit dem Sattel ist so eine Sache, die indonesischen Besatzer hatten damals den Grossteil aller nützlichen Pferde entweder erschossen, oder über die Grenze gebracht. Die guten Sattel wurden allesamt verbrannt. Was den Osttimoresen blieb sind die traditionellen „Kadeira“ und ein paar wilde Ponys. Am nächsten Morgen versammelt sich die Dorfgemeinde um meinen Abschied zu feiern. Doch vorerst werden die Geister der Ahnen befragt. Falls einer meiner Vorfahren die Reise nicht gutheissen würde, könnte Apa Diru dies im Blut eines geopferten Hünchens lesen. Salopp wird ein Hünchen geköpft, dann dessen Magen zerlegt und kritisch analysiert. Der Adat gibt feierlich bekannt, dass meiner Expedition nichts im Wege steht. Nelson, Carlos, Benjamin und ein Haufen Schaulustiger stöhnen erleichtert. Auf Nachdruck erhalte ich ein fünfminütiges Trockentraining.

  • Bremsen – Den Strick streng zu mir ziehen
  • Gangschaltung (Galopp) – In den Magen treten
  • Vorwärts – Den Strick locker lassen, Kommando „Hoouu“
  • Rückwärts – Pferdestudium nötig
  • Steil bergauf/ bergab – Absteigen und das Pferd ziehen
  • Links – An der linken Strickseite zupfen
  • Rechts – An der rechten Strickseite zupfen

Croupade, Dressur, Fliegender Galoppwechsel und Quadrille werde ich dann morgen angehen. Auf zum Rodeo. Runde 1: Ich schwinge mich auf den Rücken, doch im Nu katapultiert mich das Pony mittels bockenden Hinterbeine auf den Boden. Runde 2: Dito! Mr. Wuzhoung, Morgan und Dr. Tim würden jetzt raunend ihre Gesichter verzerren. Runde 3: Ich halte mich trotz des auf und ab wippenden Hinterteils für eine halbe Minute im Kadeira, doch verliere dann erneut das Gleichgewicht. Gefrustet wische ich den Dreck ab und stampfe zurück zur Meute, jetzt aber Klartext, denn jeder hier weiss was ich vorhabe, und ein Pony, das bis anhin noch keine Personen sondern lediglich Feuerholz befördert hat, entspricht kaum den Kaufkriterien. Apa Diru zottelt enttäuscht von dannen und Nelson muss ganz unerwartet zurück nach Dili. Da seine Provision stark gefährdet ist, nimmt immerhin Carlos die Angelegenheit ernst und murmelt erneut die seichte Zauberformel: „Kuda completo, no problem.“ Um die Wartezeit zu vertreiben lädt mich Benjamin ein mitzukommen. Wir gehen zum Flussbett eine Ladung Sand holen. Der studierte Finanzprofi steuert seinen Achttönner elegant durch die Furchen. Das nenne ich vielseitig einsetzbar, da würde so manch ein UBS Kundenbetreuer Augen machen. Dann die Good News per SMS, ein anderes Pferd ist ausgemacht. „Completo“, ergänzt Benjamin mit einer Prise Sarkasmus. Sobald wir das kaputte LKW-Rad in Gang gebracht haben, werden wir es uns anschauen. Kaum zurück im Suku (Dorf), galoppiert Carlos stolz auf einem Pony daher. Heureka, es trägt tatsächlich einen Menschen! Ein „Brauner“ gemäss Pferdefachjargon, mit entsprechend schlichtem Exterieur: braunes Fell, schwarzer Schweif, schwarze Beine und Mähne.Ich schlage zu, übergebe dem Kontaktmann die abgemachten 400 US-Dollar, verabschiede Benjamin und verbringe den angebrochenen Abend damit mein Pony beim weiden zu beobachten.

Ein geeignetes Pferd finden -> check

Tags darauf alles beim Alten in Saburai. Kinder flitzen nackig durch die Gegend, Mann dreht seine erste Zigarette und die Gattinnen ziehen in die Büsche. Carlos hat offensichtlich ein schlechtes Gewissen und hilft mir beim improvisieren der Trensenzäume (ein Strick), des Sattels (ein geflochtenes Kissen alias „Kadeira“), der Gurte (ein Strick), der Steigbügel (ein Strick), sowie der Satteltaschen (zwei Reissäcke und ein Strick). Alles wackelt.

So hatte ich mir das einst vorgestellt.
So sieht die bittere Realität aus.

 

 

 

 

 

 

Aber abgesehen vom Zubehör „Marke Osttimor“ sitze ich bereits fünf Minuten auf dem Ponyrücken ohne abgeworfen zu werden. Ich fühle, dass meine Helfer mich zunehmend wegwünschen und reite in die Ungewissheit. „Ain’t nuthin’ like ridin’ a fine horse in new country.“ Agustus McCrae. Einige Kilometer später beginnt mein Pferdchen bereits zu hadern und zieht es vor Kuhdung und Grasshalme zu inspizieren. Es geht offensichtlich um die Vormachtstellung im Team. Somit habe ich die Wahl, Zuckerbrot oder Peitsche? Ich erinnere mich an die Worte Dilyaras „Du musst den Ton angeben, das Pferd wird folgen.“ Mit verbaler Kommunikationspsychologie kenne ich mich prächtig aus, aber mit Tieren funktioniert dies kaum. Mir ist bewusst, weder Satzstellung noch blumige Kodierung bringen mich ans Ziel. Also muss ich zwangsläufig Einfühlungsvermögen, Mimik und Gesten feinjustieren. Gemäss der letzten Ausgabe von Wendy (Das Magazin für pferdebegeisterte junge Mädchen), verzichtet ein Pferdeflüsterer aufGewaltmethoden wie Peitschenhiebe oder gar anbrüllen. Also knuddle ich meinen 1PS starken Gefährten und taufe ihn andächtig auf „Xanana – der Widerspenstige“.

Endgültige Sendepause im nächsten Bergdorf Mabilua, wo sie in Scharen daherschwärmen um uns zu begrüssen: „Malae! Malae! Malaaaeee! (Ausländer!).“ Und nicht weniger selten: „Jesuuuuus ho kuda (Jesus auf einem Pony)!“. Alfonso Lopes drängt sich nach vorne, als Respekterweisung bekomme ich einen Handkuss. Ich sei offiziell der erste Malae in ihrem Kaff, welch heldenhafte Mission! Keiner wagte sich bisher crosscountry entlang der Indo-Osttimor Grenze, und schon gar nicht auf einem Pony. Ich bedanke mich für die Lorbeeren und frage nach einem Schlafplatz. Nichts leichter als das, schnurstracks wischt Alfonso den Boden in seiner Hütte, so das ich später meine aufblasbare Matratze ausrollen kann. In der Zwischenzeit setze ich mich auf die Veranda damit mich die 37 Kinder (ich habe nachgezählt) besser begutachten können. Die wenigen, die nicht zum Ort des Geschehens schlendern, tragen gerade 20 Kilo Feuerholz auf dem Kopf, oder sie schleppen Wasserkanister zurück zum Suku, frisch gezapft vom Fluss der eine halbe Stunde Fussmarsch entfernt liegt. Etwas durch Mabilua streunen, um zu sehen was sie hier an Entertainment zu bieten haben. Das Bergnest gleicht auf den ersten Blick allen anderen Bergnester Südostasiens, wären da nicht die einzigartigen die „Uma Lulik (heilige Reliquienhäuser)“. Je nach Region werden sie unterschiedlich gefertigt, doch die Bedeutung ist die selbe. Das Uma Lulik repräsentiert den Clan, es ist das Symbol der Gemeinschaft und ihrer Identität. Nach dem ursprünglichen Naturglauben der Osttimoresen können auch Bäume, Steine, Flüsse oder Gegenstände eine besondere Energie enthalten, die handlicheren Reliquien „Sasan Lulik“ werden im Uma Lulik aufbewahrt. Abergläubischer Nonsens gemäss portugiesischer Missionare, die auf ihren Christianisierungs-Feldzügen etliche Uma Lulik niederbrannten. Andere verschwanden in den Feuern plündernder pro-indonesischen Milizen während der letzten Gewaltwelle 1999.

Selbst wenn die kleine Solarzelle auf dem Strohdach einkehrenden Fortschritt vermuten lässt, in den Uma Lulik sind noch keine Fernseher oder Kühlschränke präsent. Sie kommen selbst ohne modernen Schnickschnack wie eine Belüftung oder ein Fenster aus. Durch ein Hobbit-Türchen gelangt man im 90 Grad Winkel direkt in die Küche alias Schlafzimmer alias Wohnung alias Feuerstelle alias Garage von Alfonsos Grosseltern. Selbstverständlich fühle ich mich geehrt reinschauen zu dürfen, denn hierher werden normalerweise nur die Familienmitglieder des engsten Kreises zitiert um wichtige Themen zu behandeln. Lange halte ich es aber nicht aus, denn weder interessante Diskussionen noch frische Luft zirkulieren in der Hütte. Ich krieche wieder hinaus, blicke dabei mitleidig auf das festgebundene Hühnchen neben dem Miniatur-Eingang, bald steht eine Innereien-Lesung des Adats an. Zurück bei meinem heutigen Gastgeber schneidet Alfonsos Mutter fidel die Zehnägel ihres Neugeborenen mit der Machete. Die Männer lümmeln sich und scannen die Lage: „Er sieht tatsächlich aus wie Jesus! – Meinst du wirklich? – Auf jeden Fall, ich hab doch ein Poster zuhause hängen. – Ay was für ein Narr, kauft er sich doch den ausgemusterten Gaul vom Alfredo! – Ha, da wird sich der Alfredo sicher was schönes leisten können. – Hm, was heckt der Malae wohl als nächstes aus? – Oh die Tabakmarke kenne ich nicht, lass mal testen Kollega!“ So zumindest deute ich ihr Geschwätz. Mein Tetum besteht aus ein paar Phrasen, die ich mir vorgängig notiert habe, das reicht immerhin aus um meine Mission zu erläutern und um gewisse Banalitäten zu klären. Aber eigentlich spielt es keine grosse Rolle, hier sind sie zufrieden solange sie mich just anäugen, meine Beine streicheln oder an meinen Haaren zupfen dürfen. Die Malae-Euphorie verfliegt selbst dann nicht als ich ankündige schlafen zu gehen, im Gegenteil, salopp wird ein Kreis um meine Matratze geformt. Unter strenger Beschattung von zwei Dutzend Augenpaaren döse ich weg.

Nach Lebos. Was für ein furioser Auftakt gleich nach den Gruppenfotos, weder aufschirren noch aufzäumen nötig, einfachaufspringen und losreiten, genau so hatte ich mir das einst ausgemalt. Aber bereits nach einer halben Stunde entscheidet sich Xanana für ein ausgedehntes Päuschen. Wo bleibt das ausdauernde und willenlose Osttimor-Pony, das mir so oft beschrieben wurde? „Hoouu“, links am Strick zupfen, „Hoouu“, rechts am Strick zupfen, sanft in den Magen treten. Wir drehen einige Pirouetten, dann, ich kann es kaum fassen, gehen wir rückwärts. Zorro, Lucky Luke und der Lone Ranger würden sich biegen vor Lachen.

Die Mechanik begreifen -> failed

Zu lange hatte ich es mit Liebe, Lob und Hätschelei versucht, doch heute bin ich mit meiner Geduld am Ende. Xanana beginnt mit seinen Allüren den Tagesablauf zu dominieren. Das muss aufhören! Ich steige ab und schaue resigniert rüber nach Indonesien, auf die Steppe Manialas, auf Xanana der sich vergnügt im Gras rollt. Sehen wir der Wahrheit ins düstere Auge, sie haben mir einen flegelhaften Feinschmecker verkauft, der mein ambitiöses Projekt täglich zu einer Spritztour deklassiert und sich quickfidel durch die Vegetation Osttimors frisst. Marta und ihre beiden Kolleginnen rücken auf. Zu meinem Glück sind auch auf dem Weg nach Lebos und haben Mitleid. Penetrant mit einem Ästchen fuchtelnd scheucht das Trio meinen Gefährten die Hügellandschaft hinauf und hinunter. Nun taut das Pony auf und trabt willenlos voran. Irgendwie logisch, Xanana ist ein Männchen, er braucht die Frauenpeitsche um zu arbeiten!

So hatte ich mir das einst vorgestellt.
So sieht die bittere Realität aus.

 

 

 

 

 

Pferdeflüstern -> failed

Als wir den Fluss bei Gildapil erreichen, überlassen mich Marta & Co meinem Schicksal. Dafür kommt Marco hinzu. Er habe Meldung erhalten, dass ein vermeintlicher Terrorist die Gegend unsicher machen würde. Per Pony. Und sowieso, als zuständiger Polizist der Region müsse er seiner Pflicht nachkommen und ermitteln. Während mein Gepäck auf Splittergranaten und Kampfmesser gescannt wird, meldet sich Francisco aus Dili: „How are you Kollega?“ – Ich fasse mich kurz: „Ach, ich werde als Terrorist verdächtigt und mein Pony läuft rückwärts“. Beim Kaffee erklärt Polizist Marco die Hintergründe zur hiesigen Fremdenangst: „In Indonesiens Metropole Surabaya wurde kürzlich ein Terroranschlag auf eine Kirche verübt, 15 Christen starben. Und Osttimor ist bekanntlich Christen-Territorium. Darum müssen wir vorsichtig sein“. Nach Myanmars frommen Buddhisten, halten mich nun auch Osttimors Katholiken für einen bombenden Todesengel der ISIS. Ich frage mich woran das wohl liegt. Vielleicht am ungetrimmten Ziegenbart? Oder hat der lokale Pfarrer kürzlich aus dem sechsten Kapitel der Johannesoffenbarung über den Boten des Jüngsten Gerichts vorgelesen?

Es ist immer wieder verblüffend was die über Social Media viral verbreitete Schlagzeilen in den Hirnen der Landbevölkerung anrichten. Surabaya, die zweitgrösste Stadt Indonesiens liegt knapp 1’500 Kilometer entfernt, und der Anschlag war wohl eher politischen Hintergrunds um Chaos zu provozieren, die amtierende Regierung sollte kurz vor den anstehenden Wahlen geschwächt werden. Dann läuft ein lustig winkender Schweizer mit einem Pony durch das 100-Seelen-Kaff Gildapil und man befürchtet unmittelbare Lebensgefahr? Comon!! Denken ist kein Massensport, nirgends. Xanana gähnt im Minutentakt, daher ziehe ich ihn die verbleibenden paar Kilometer bis nach Lebos. Chris nickt anerkennend rüber und ist so freundlich mich heute Abend einzuquartieren. Leider seien Pony-Parkplätze rar im Dorf, daher bindet er Xanana an eine Palme gleich neben das Wohnhaus. Was sich eher als Fehler erweist, denn am Morgen darauf fehlt rund die Hälfte seines Gemüsegartens.

Xananas Spielchen folgen einem gewissen Schema. Morgens gibt er sich zäh, mittags bockig, und am Nachmittag selten gefügig. Es ist als ob ich jeden Tag eine neue Beziehung mit ihm aufbauen muss. Nach einer Stunde erreiche ich mit meinem vollgefressenen Pony im Schlepptau einen Militärposten. „Diak ka lae, Jesuuus? (wie läufts so Jesus?)“ Die fünf Grenzwächter haben allem Anschein nach selten Besuch und sehnen sich nach Unterhaltung. Zu Kaffee und Kuchen verfalle ich dann endgültig der atemberaubenden Szenerie. Schäfchenwolken werfen sporadisch ihren Schatten auf die knittrige Hügellandschaft, ein Rudel Wildpferde streift durch pastellgrüne Weideflächen, schlemmt sich feist und wiehert vergnügt. So muss sich Karl Friedrich May die Kulisse für seine Romane halluziniert haben als er an seinem Sekretär im sächsischen Kötzschenbroda die Schreibfeder ins Tintenfässchen tunkte.

Ab jetzt hilft kein ziehen mehr, weder grimmige Mimik noch ankeifen bewegen Xanana ein Mü vom Fleck. Ich komme nicht drauf, die Hälfte von Chris’ Garten sollte doch eigentlich bis Mittag ausreichen? Xanana schaut apathisch und peitscht dazu unruhig mit seinem Schweif. Ich erinnere mich, gemäss Wendy(das Magazin für pferdebegeisterte junge Mädchen) deutet ein peitschender Schweif entweder auf Fliegen am Hintern oder mentale Unruhe. Hm, hier oben ist es selbst den Fliegen zu kalt. Das Gefühl kommt auf, dass ich zur Vorbereitung ebenso gut Das pupsende Pony und andere Abenteuerhätte lesen können. Offizier João eilt nobel zur Hilfe und klärt auf: „Dort weiden seine Kumpel, das Pferd fühlt sich zu Hause“. Da gibt es eigentlich nur eine Lösung, João muss sich uns anschliessen und Xanana von hinten ansssschtn.So klappt es, nun rollt der Pony-Express. Einige Hügel später kehrt der Offizier zu angemesseneren Aufgaben zurück und ich steige auf.

Und steige wieder ab, da Xanana unverhofft zum Rodeo bittet. „Pferde reiten ist wie meditieren, spüre den Energiefluss zwischen dir und dem Pferd“, ach Dilyara, wärst du doch jetzt hier, ich hätte so viele Fragen! Erfolgreich abgeschüttelt, geht der Gourmet seiner Muse nach und knabbert an wohlfeinen Gräslein. Ich wechsle die Strategie: Drohgebärden! Während ich mich noch über die gelungenen Resultate freue, passiert es; Xanana erspäht eine Alpha-Stuteund braust davon. Normalerweise erahne ich das drohende Unheil von weitem und ziehe straff am Strick bis wir wieder ausserhalb der Gefahrenzone sind. Doch Xanana scheint geiler denn je und reisst sich los, ich habe ihn noch nie so schnell galoppieren sehen. Die hübsche Stute wiederum will ganz offensichtlich nicht begattet werden – bestimmt wittert sie die schlechten Gene. Um die Antipathie mittels Körpersprache zu unterstreichen kickt das Weibchen mit den Hinterbeinen, mal mit dem rechten, mal mit dem linken, und nicht selten mit beiden synchron. Xanana lässt nicht locker und folgt ihr in den Dschungel. Ich sehe noch, wie Kadeira samt Gepäck seitlich nach unten rutscht und Xanana die letzte Chance auf eine erfolgreiche Paarung vermasselt. Tölpelhaft verwickelt er sich mit allen Vieren in den Stricken und den beiden Reissäcken, wippt voller Empörung auf und ab, aber spurtet trotz allem der Stute hinterher. Gefühlte drei Stunden später finde ich ihn regungslos im Dickicht herumlungern, ausgelaugt, kaum erfolgreich. Mein Hab und Gut liegt irgendwo anders verstreut im Matsch. Ich schleife Xanana bergauf und gehe nochmals die Route durch. Wir haben heute gerade mal sieben Kilometer geschafft.

An der Coolness feilen -> failed

Schotterstrasse, Marode Holzhütten, Blechverhaue, Bauten aus Betonziegel ohne Anstrich, Kommunal-Toilette, grüssende Selbstversorger; der übliche Plot. Würde man sich die bunten T-Shirts wegdenken, so muss es hier bereits vor 100 Jahren ausgesehen haben. „Kollega, ba nebe…?“ Wohin ich wolle, wieso das Pferd, und überhaupt, erkundigt sich die Polizei von Suku Bele Kasak. „Ach, ich ziehe nur etwas durch die Provinzum gelegentlich eine hölzerne Dorfkapelle wegzubomben, sonst stehe heute nicht viel an.“ Wie erwartet folgt aufgrund mangelnder Englischkenntnisse allgemeines Schulterzucken. Dann wird mein Gepäck durchkämmt, die versifften Unterhosen analysiert und Kaffee serviert. Santos Gusmãostellt sich vor, ich hatte ihn und seine Einladung zum Plaudern ein Gemeinde zuvor ignoriert. Jetzt gibt er sich erneut die Ehre, auf Wunsch von Maukatars Bezirkschef Jorge Gusmão, der zwecks genaueren Abklärungen dazukommt und Santos als Übersetzer nötigt. Mir wird erklärt, dass keine westliche Zehe mehr die Gegend betreten hat seit die UN abgezogen ist, daher sei Vorsicht geboten. Da sind sie also wieder, die beiden Boten des Jüngsten Gerichts, der apokalyptische Todesreiter und sein Kampfpony. Was denn meine Motivation sei? Okay, mein Projekt ist schnell erklärt: „Mir ist bewusst, dass sich das Bedürfnis der Weltbevölkerung hier aufzukreuzen in Grenzen hält. Genau diese Tatsache spornt mich an. Ich toure per Pferd durch die Sukus von Osttimor weil ich unverfälschte Gastfreundlichkeit erleben will, nur so kann ich die eigentliche Seele des jungen Landes entdecken.“ Santos übersetzt, die Runde nickt unisono. Da nun bestätigt ist, dass ich weder ihren Töchtern nachstelle noch den Kirchlein etwas anhaben will, ziehen Santos und Jorge wieder Leine. Und Suku-Chef Christiano spendiert Reis mit Gemüse und einen Schlafplatz in seinem Haus. Ein fieser Wind schwirrt durch die zahlreichen Ritzen, die zehnköpfige Familie pfercht sich auf einer Strohmatte über dem Betonboden zusammen. Hin und wieder strolchen abgerissene Hunde durch den Raum auf der Suche nach Essensresten oder etwas Zuneigung, beides scheint unmöglich. Endlich darf ich meine schmerzkrummen Extremitäten entspannen, schreiben, für mich sein. Für mich, plus alle Kleinkinder die blitzartig zu meinem Kopfkissen schnellen als ich mein Tagebuch zücke, so nahe, dass ich ihren Atem an meinem rechten Ohr spüre. Jeder neu entstehende Buchstabe wird begeistert mitverfolgt als ob ein vollendeter Satz womöglich die Pforte zu einer anderen Welt aufstösst.

Klatschregen. Nieselregen. Dann wieder Klatschregen. Angewidert reite ich los. Nach einer Viertelstunde bricht mein Kadeira auseinander, und damit auch mein Wunschtraum heute reitend voranzukommen. Ich packe um, trage von nun an mein gesamtes Gepäck und ziehe dazu Xanana. Dass mein Pony nun vollkommen kilolos durch die Prärie tapst, trägt absolut nichts zu seiner Glückseeligkeit bei. „Sae kollega, sae!!“ ruft einer. Reiten?? Wenn du wüsstest Kollega! Ich peitsche mit der einen und ziehe mit der anderen bis wir am frühen Nachmittag völlig erschöpft in Suai auf der südlichen Inselseite eintrudeln. Somit habe ich immerhin quasi die Breite des Landes per Pony gemeistert. Ich kaufe mir ein Bier und setze mich an die Strasse, selbst die grausigste Pfütze der Welt schmeckt grandios nach solch einer Woche. Meine Ankunft interessiert nicht nur die Bewohner der Agglomeration, sondern auch Frans. „Ein schönes Pferd hast du da, Kollega!“ scherzelt der Cop, rückt seine Pilotenbrille zurecht und steigt aus dem Polizeiwagen. Er und seine drei Kollegen waren rein zufällig in der Gegend, da kam der Funkspruch rein. Ob ich denn so frei wäre mitzukommen?

So reite ich nicht wie bereits Monate zuvor erhofft „heroisch“ in das Dorf auf der anderen Inselseite, umgarnt von einer Garnison jubelnder Dorfschönen, sondern ziehe mein Pony verfolgt von einer Polizeidelegation zum örtlichen Revier.

Heroisch ins Dorf auf der anderen Inselseite reiten -> failed

Wie weit Phantasie und Realität doch auseinander liegen! Nathalia setzt sich mir gegenüber – „Die Chefin der Fahndungsabteilung, 48 Jahre alt und Single“, flüstert mir Frans zu. Auftakt zum Verhör Nummer vier innert sieben Tagen. Erneut die selbe Bagatelle: „Malae mit 1PS auf Abwegen“. Zwei Stunden später sind alle Details geklärt, jeder Gegenstand meines Gepäcks abfotografiert und der Fall ad acta gelegt. Ich bitte Frans, mich zu Rui Lopes zu begleiten. Mir sei zu Ohren gekommen, dass der Ex-Bezirkschef von Suai ein Pferdeliebhaber ist. Frans willigt ein, sonst stehe nicht dermassen viel an. Rui bürstet gerade einen stolzen Mustang als wir eintreffen. 60 Rennpferde hat er im Stall, daher bin ich zuversichtlich. Frans versucht ihn zu überzeugen, Xanana sei ein formidables Pferdchen, ausdauernd und trittsicher, wie gemacht für den Rennstall. Ich dopple nach, verweise auf die edlen Charakterzüge und zeige ihm dazu einige Fotos von Xanana beim weiden. „Kuda completo, good ne?“. Rui scheint die Probleme zu riechen und lehnt entschieden ab, er habe leider keinen Platz mehr auf dem Hof. Ich blicke auf eine eingezäumte Savanne so gross wie fünf Fussballfelder und dutzende glückliche Pferde, dann wieder zum sanft mit dem Kopf schüttelnden Rui. Dieses Paradies bleibt Xanana wohl verwehrt. Aber so ein gut vernetzter Pferdeliebhaber kennt doch bestimmt interessierte Käufer? „Na, die Normalos hier in Suai stehen eher auf 100 bis 150PS, weniger auf 1PS“, pointiert Rui. Ein gebrauchtes Motorrad wäre entscheidend einfacher zu verkaufen als ein gebrauchtes Pony.

Mit meinem einstudierten Mona-Lisa Lächeln und abgelaufener Schokolade bewege ich Nathalia dazu Xanana die Nacht durch in der Obhut der Polizei parkieren zu dürfen. Dann kontaktiere ich Francisco: „Hey Kollega, Che Guevara always wanted to have a horse right?“

The horse is a mirror to your soul. And sometimes you might not like what you see in the mirror.“ Pferdeflüsterer Buck Brannaman. 

Zur Bildgalerie vom „1PS Projekt“ Balibo nach Suai

Avo Lafeik – Grossvater Krokodil

Xanana ist per LKW unterwegs nach Dili. Wahrscheinlich knabbert er gerade unbekümmert an der Lastwagenplane. Kein grosses Geheimnis, ich habe mir meinen Pony-Exkurs einfacher vorgestellt. Dennoch war die Ungewissheit zu verlockend. Somit kann ich nun bürdenlos einem anderen Kult Osttimors auf die Spur gehen, dem „Avo Lafeik – Grossvater Krokodil“.

Eines Tages fand ein Junge ein Krokodilbaby, das versuchte, von der Lagune ins Meer zu kommen. Weil es sehr schwächlich war, nahm der Junge das kleine Krokodil und trug es zum Meer. Das Krokodil war sehr dankbar und versprach dem Jungen, sich zu revanchieren. Wann immer der Junge reisen wolle, solle er zur See kommen und nach dem Krokodil rufen, es werde ihm helfen. Nach einer Weile erinnerte sich der Junge an das Versprechen, ging zum Meer und rief drei mal nach dem Krokodil. Das Krokodil erschien und nahm ihn auf seinen Rücken. Von nun an meisterten sie zusammen etliche Reisen. Obwohl die beiden dicke Freunde waren, war das Krokodil immer noch ein Krokodil und fühlte ein starkes Verlangen den Knaben zu fressen. Das störte das Krokodil, somit bat es andere Tiere um Rat. Es fragte den Tiger, den Büffel und viele mehr, und alle rieten ihm das selbe: „Der Junge war so freundlich dir zu helfen, somit kannst du ihn nicht fressen!“ Dann ging das Krokodil zum weisen Affen. Nachdem der Affe die Geschichte hörte, fluchte er das Krokodil an und verschwand. Das Krokodil schämte sich und entschied, den Jungen nicht zu fressen. Stattdessen nahm es ihn wieder auf seinen Rücken und zusammen reisten sie bis das Krokodil sehr alt wurde. Das Krokodil fühlte, es würde niemals die Güte des Jungen vergelten können, und sagte deswegen zu seinem Gefährten:„Bald werde ich sterben, dann werde ich dir und deinen Nachkommen ein Land schenken“: Das Krokodil starb und wurde zur Insel Timor.

Unlängst ist das Krokodil zu einem Symbol Osttimors mutiert. Es ist omnipräsent als Logo, Graffiti, Busbeschriftung, Schnitzerei am Eingang traditioneller Häuser, und nicht gerade wenige seuchen live an der Südküste des Landes. Wurde es während der portugiesischen Kolonial- und indonesischen Besatzungszeit noch gejagt, steht es im unabhängigen Osttimor seit 2002 unter Artenschutz.

Suai Downtown. Ich stehe an einer unbefahrenen Kreuzung und warte auf ein „Ojek“ alias Mietmotorrad inklusive Mietfahrer. Aufspringen, in eine Richtung zeigen und los geht’s. Monica, die Kollega eines Kollega eines Kollega von meinem Kollega Francisco ist so frei mir die nächsten zwei Tage als Dolmetscherin beiseite zu stehen. Wir haben uns im Küstenkaff Suai Loro verabredet um der Saga auf den Grund zu gehen. Fälschlicherweise spukt das Gerücht, dass alle Osttimoresen glauben sie stämmen von Krokodilen ab. Dabei gibt es nur es wenige Orte im Land, in denen der Mythos bis heute gelebt wird, und je grösser der Radius zu diesen kulturellen Hotspots, desto mehr wird der Kult als Humbug abgetan. Monica teilt meine Vorfreude, denn sie weiss kaum etwas über ihre Vorfahren. Zusammen schreiten wir durch die Pforte des Gatters direkt in eine andere Epoche. Vor meinen Augen erwacht ein Völkerkunde-Museum zum Leben. Offenbar hat die Kommune über die Jahrhunderte kaum etwas an ihrem typischen Lifestyle geändert. Sie hausen in pittoresken Stelzenhäusern überdacht mit Palmblättern, kochen outdoor in improvisierten Küchen aus Bambus, ein Ziehbrunnen wird von mehreren Familien geteilt, und die Höfe sind so minutiös gefegt als ob ein japanischer Zengarten-Meister täglich zur Qualitätskontrolle vorbeikommt. Wie alt das Dörflein ist, weiss niemand. Einige behaupten ihre Ur-Ur-Ur-Urgrosseltern lebten bereits hier.

Insgesamt drei „Luruk Katehu“ sind für das Kulturerbe sowie je ein Uma Lulik (heiliges Haus) verantwortlich. Die Uma Lulik repräsentieren den Clan, sie sind das Symbol der Gemeinschaft und ihrer Identität. Eine des illustren Trios döst gerade im Schatten ihrer Holzhütte. Rosalinda Seu Fahik lugt uns schlaftrunken entgegen, Monica hilft ihr dabei sich aufzurichten. Grossmütterchen kennt ihr genaues Alter nicht, und ihre Identitätskarte sei bei ihrem Sohn. Aber selbst das darauf vermerkte Datum hatte sie damals nur geschätzt. Traditioneller Schnörkel und Embleme überziehen ihre ledrigen Arme. Die Tätowierungen versinnbildlichen ewige Schönheit und Weiblichkeit. Lange vor der portugiesischen Kolonialzeit wurden die Muster den verlobten Timoresinnen mittels Dornen oder hölzernen Spiessen (später Nähnadeln) gestochen um das Eheversprechen offiziell abzusegnen. Rosalinda ist die „Fau Lulik“ und somit zuständig für die sakralen Reliquien „Sasan Lulik“ der Gemeinde welche für die traditionelle Feste und Zeremonien verwendet werden. Darunter Steine, Musikinstrumente, metallene Brustplatten (Belak), altüberlieferte Federhüte, und ad infinitum absurdum eine kleine Statue der Rosenkranzkönigin Maria. Alles fein säuberlich verstau(b)t in ihrem Uma Lulik. Ich bitte Rosalinda um eine Pose in Front ihres heiliges Haus. Sie ist einverstanden und kämmt ihren weissen Haarschopf zurecht. Ich Glücklicher, denn nur mit dem Einverständnis der zuständigen Luruk Katehu darf ein sakrales Haus fotografiert werden. Wird dieses ungeschriebene Gesetz ignoriert, würde ein tragisches Schicksal über mich oder gar über das ganze Dorf kommen. Gleich fünf Meter neben Rosalindas Uma Lulik steht ein umgeknickter Strommasten. „Z z z zz“, spöttelt sie, „Heute Morgen sauste ein Kollega mit seinem Motorrad frontal in diesen Masten. Wer den heiligen Ort nicht respektiert, dem blüht Unheil. Ich sag’s doch!“

Dann die Geschichte von Avo-Lafeik aus der Sicht von Rosalinda:

Vor langer langer langer Zeit, niemand weiss es mehr, kam ein Krokodil in der Gestalt eines Menschen ins Dorf. Es bat um die Hand der Dorfschönsten, diese jedoch lehnte entschieden ab, worauf das Krokodil sie erblinden liess. Von da an glaubten die Timoresen, dass mit Krokodilen in Menschengestalt nicht zu spassen ist. Sie sollten daher verehrt werden. Die Krokodile kamen jedoch öfters zu Besuch, halfen bei der Arbeit, der Saat, der Ernte. Zu ihren Ehren wurden drei Uma Lulik errichtet, ein Rastplatz für die Krokodile. Sie sassen hier (Rosalinda deutet auf die Holzbank vor ihrer Hütte) und tauschten Geschichten aus mit anderen Dorfkollegen. Wir drei Luruk Katehu sind Nachkommen dieser Krokodile.

Mir wurde im Vorfeld bereits verdeutlicht, ein falsches Wort gegen die Grossväter Osttimors und sie würden mich hier windelweich prügeln. Daher werde ich nicht in Frage stellen, wie denn das Mädel aus der Geschichte und Rosalindas Vorfahren genau im Zusammenhang stehen, zumal ja offenbar kein Schäferstündchen stattgefunden hat. Was Mutter Maria kann, können Krokodilmänner und blinde Dorfschönen anscheinend auch. Nun, die Geschichte hört sich etwas anders an als die Überlieferung forschender Anthropologen. Offensichtlich variiert der Mythos je nach Ort und vielleicht sogar je nach Erzähler, das hat oral überlieferte Historie eben so an sich. Wir bedanken uns bei Rosalinda für ihre Zeit. Sie lächelt, das sei schon okay, Zeit habe sie genug, eigentlich warte sie nur noch auf den Tod, sonst gäbe es nicht mehr viel zu tun. Monica verweist auf die Gräber neben Rosalindas Häuschen, vorzugsweise werden die Verstorbenen gleich im Vorgarten bestattet. Und bevor die portugiesischen Missionare ihnen erklärten, wie ein sauberes Grab auszusehen hat, verscharrte man die Gebeine einfach irgendwo im Sand. Das gelte heute noch, zumindest für die toten Krokodile Suai Loros, welche von den Einheimischen geborgen und angemessen beerdigt werden.

Maria de Jesus, die andere Luruk Katehu sei heute nicht präsent. Dafür steht uns Tomasia Seu Fahik, Rosalindas Schwester und Dritte im spirituellen Bunde zur Verfügung. Als wir ihr Stelzenhaus erreichen, wird sie gerade von Tochter Anna entlaust. Daher bietet sich ein Chat mit Thomas an, ihrem gelangweilten Ehemann. Auch er ist grosszügig tätowiert. Mit den Portugiesen kam auch die Schrift auf die Insel, einige Timoresen liessen sich darauf den eigenen Namen tätowierten, damit ihre Leiche einfacher identifiziert werden konnte falls sie fernab von zuhause draufgingen. Thomas jedoch verewigte die Namen seiner Ex-Freundinnen. Nur die zwei traditionellen Muster inmitten von Schusswunden indonesischer Invasoren und all den ausserehelichen Trophäen bezeugen; es sich ausgecasanovat, der Herr ist nun offiziell verheiratet. Und das mit einem Nachkommen vom Grossvater Krokodil. Die Entlausung ist immer noch im Gange, daher schlendere ich mit Monica hinüber zu den Mangroven. Unterhalb der kleinen Brücke wo Suai Loros Kinder heute Morgen noch angeln waren, pirscht gerade das Krokodil „Boy“ durch die Gegend.

Kaum gesichtet, werfen manche einen Hosenknopf oder ein Stück ihrer Kleidung danach. Dabei nennen sie ihren Namen um sich quasi mit dem Lafeik anzufreunden. Um „Boy“ besser betrachten zu können, schlägt Monica vor ein Huhn zu besorgen, oder noch besser einen Hund, den wir dann mittels improvisierter Halskette über dem Reptil schwenken könnten. Krokodile lieben Hunde, das sei auch der Grund wieso die Kinder sie hin und wieder anbellen, um einen genauen Blick darauf werfen zu können. Wir flitzen zurück zum Dorfkern. Perfektes Timing, Thomas spielt indes mit seinem Welpen „Ronny“ aber zeigt sich leider wenig begeistert von Monicas Idee. Dafür hat die frisch entlauste Tomasia nun Zeit für uns.

Seitdem die Krokodile in Osttimor unter Schutz stehen, floriert deren Population und somit steigt auch die Chance einer risikoreichen Konfrontation. Keiner (nicht einmal die Datenbank-Junkies von CrocBITE) kennt genaue Zahlen, denn die Gläubigen empfinden den Verlust eines Angehörigen durch eine Krokodil-Attacke als soziales Stigma – eine Strafe der Ahnen. Daher werden die wenigsten Opfer offiziell bei der Polizei gemeldet. Verschleppt oder frisst ein Krokodil jemanden von Suai Loro, kommen Tomasina und Maria de Jesus ins Spiel. Ein Monat zuvor wurde ein kleines Mädchen geraubt, die beiden Luruk Kathetuermittelten am Tatort. Erst wurde erfolgreich die Leiche zurückverlangt, dann besänftigten sie das Krokodil mit einem rituellen Mantra. Auf schlechte Taten folge sinngemäss eine übernatürliche Vergeltung, erklärt Tomasina. Im Falle des Mädchens kam die Gemeinde zum Schluss, dass durch ihren Tod die Sünden des Dorfes bereinigt wurden.Wird eine Frau von einem Krokodil gerissen, könnte dies darauf deuten, dass Lafeik Gefallen an ihr fand und sie als Ehefrau geholt hat. Getöteten Männern wird Hochmut und Arroganz nachgesagt. Ich erkundige mich nach natürlichen Heilmethoden falls jemand „nur“ angeknabbert wird. Tomasina empfiehlt eine Behandlung mitOzean-Wasser und meeresnah wachsender Vegetation. Zur Sicherheit frage ich nochmals nach. „Nein, kein Krankenhaus“, bestätigt Tomasina. Bevor Monica und ich abziehen, bittet mich Thomas beim nächsten mal Hustenmedizin mitzubringen, sein Hals kratzt etwas.

Zur Bildgalerie von Suai Loro

Kollega, ba nebe?

Auf die Hupe des Buschauffeurs warten und hoffen, dass sie laut genug ist um mich aus dem Tiefschlaf zu holen. Wann er genau vorbeifährt und mich einsammelt ist unklar, irgendwann zwischen 2 und 6 Uhr morgens wurde mir prophezeit. Wer wann drankommt entspringt der Chaostheorie, immerhin muss niemand zum Busbahnhof laufen, den gibt es nämlich nicht. Mit dem Auflodern einer blutroten Sonne lässt sich auch der Bus nach Maubisse blicken. Wir kullern los. Wer jetzt noch zusteigt, muss entweder aufs Dach oder sich aus der offenen Türe lehnen. Ich bin mir sicher, irgendwann in ferner Zukunft wird diesem Mosaik aus Schotter und Furchen Gerechtigkeit widerfahren, doch bis dahin werden wohl noch Hunderttausende durch die siebenstündige Tortur müssen. Man nimmt es gelassen, viele der älteren Garde sind bereits dankbar, dass „rollen“ überhaupt möglich ist, denn sie haben eine Zeit ohne Schotter und Busse erlebt.

Maubisse ist eigentlich nicht wirklich eine Stadt (wie gerne hie und da erwähnt), eher eine staubige Kreuzung mit einem Umschlagsplatz für Güter aus den umliegenden Nestern. Hier hält vor allem, wer auf dem Weg woandershin ist, nach Dili, nach Ainaro, vielleicht nach Same, oder aber zum Tatamailau, Osttimors höchster und heiligster Berg. Das 30 Kilometer entfernte Dorf Hatu-Builico am Fusse des Massivs wäre auch mein heutiges Ziel. Nach zwei Stunden voller aussichtsloser Diskussionen bezüglich Minibus-Fahrplan oder Ojek laufe ich los. Es folgt ein 30 Kilometer Fussmarsch durch eine dramatische Hügellandschaft gespickt mit schlicht designten Hütten. „Kollega, ba nebe? (wohin bist du unterwegs mein Freund?)“ Ich bin mir durchaus bewusst, dass es in Osttimor und gewissen Teilen Indonesiens Sitte ist jedem stets anzukündigen, wo man hin will und wieso. Das beginnt mit dem Verlassen des Stuhls, des Hauses, des Dorfs und hält an falls man einen Fremden auf weiter Flur kreuzt. Ich habe mir mittlerweile angewöhnt, etwas kreativer zu sein als zu Beginn meiner Reise. Es juckt sowieso keine Menschenseele falls ich wahlweise mit: „Ich laufe nach Australien, Los Palos (am anderen Inselende), oder zurück in die Schweiz.“, auf die Floskelfrage antworte. Man gibt sich darauf gleichermassen kundig: „aaah, okay“.

Der 2’963 Meter hohe Tatamailau ist der „Grossvater aller“, die Heimat der Seelen der Verstorbenen aus der Region und unlängst Wallfahrtsort Nummer 1 des Landes. Hier wird für eine ertragsreiche Ernte gebetet, die Abenteuerlust gestillt und ebenso die Pflicht als Lamm Gottes erfüllt. Mir wurde bereits im Vorfeld geraten die Wochenenden in grosszügiger Entfernung zum sakralen Berg zu verbringen. Denn Samstag und Sonntag sind Pilgertage, dann werden sie lastwagenweise aus allen Landeszipfeln nach Hatu-Builico gekarrt. Heute ist Donnerstag und somit habe ich den Grossvater aller für mich ganz allein. Zumindest die drei Stunden Aufstieg sowie die Nebelwand, welche sich bis am frühen Nachmittag wie ein gespenstisches Bettlaken über die Aussicht legt. Neben der Statue von Mutter Maria, des felsigen Grossvaters neue Schutzpatronin seit 1997, lege ich mich ins Gras. „Kollega, ba nebe?“, klingt es im Gesprächston hinter mir. Die „Frage aller“ funktioniert sogar zehn Meter neben dem Berggipfel. Einige mit Osttimor-Flagge bewaffnete Pilgerer sind eingetroffen. Sie huldigen der Heilige Jungfrau, lugen kurz um sich, holen ihre Mobiltelefone raus, drücken ein paar Mal den Auslöser und kehren ihre Aufmerksamkeit zur virtuellen Realität. Ja die Zeiten wandeln sich, die Wirklichkeit scheint nicht mehr relevant, sondern wie viele Daumen-Hoch das digitale Abbild davon erreicht. Jetzt haben sie das Panorama archiviert, es ist ihr Eigentum. Der „Grossvater aller“, eine Koryphäe des Christentums, Nationalpatriotismus und das Mobiltelefon – ein komplexes Wechselspiel von alten wie neuen Göttern.

Tags darauf kommen sie in Scharen, auf den Ladeflächen der Lastwagen zusammengepfercht, zu zweit auf Motorrädern mit anmontierter Bannern, per überladenem Kleinbus; auf dem Weg zurück nach Maubisse zähle ich ungefähr 500 mehr oder weniger motivierte Pilgerer in Richtung Tatamailau vorrücken. Zeit für einen neuen Plan, ich will in noch tiefer in Osttimors Provinzen, zu den abgelegensten Sukus fernab von historischer Glorie oder Strassenanschluss. Dorthin wo die Missionare den Touristen anzahlmässig überlegen sind. Gemäss verfügbarem Kartenmaterial gibt es keine Route zwischen Maubisse und dem 50 Kilometer entfernten Bergnest Laclubar, das hört sich vielversprechend an.

Es dämmert bereits als ich in einem Vorort des Vororts Turiscai ankomme. „Kollega, ba nebe?“, Rosita Mendoza beweist Herz und lässt mich heute Nacht in ihrem traditionellen Schuppen aus Holz, Bambus und Stroh übernachten. Aber erst nach etwas Widerstand, Rosita erwähnt die „spezielle“ Situation, damit meint sie ohne es auszusprechen die spartanische Behausung der Kaffeebauerfamlie. Liebend gerne hätten sie so einen speziellen Besucher in ihrer Unterkunft nebenan untergebracht; Ein grauer Zementbuckel der aussieht als wäre ihnen mitten im Bauprozess das Geld ausgegangen. Mitten im Bauprozess sei ihnen das Geld ausgegangen, erklärt Rosita. Sie müssen sich bis zur Ernte vom nächsten Monat gedulden, mit dem Ertrag werden sie sich dann die Türe und zwei Fenster leisten, vielleicht reicht es sogar um eine Lampe zu verkabeln. Der restliche Gewinn lässt sie die neun Monate bis zur übernächsten Ernte überleben. „Ida ida (Schritt für Schritt)“, fasst Rosita ihre spezielle Situation zusammen. Die eigentliche Tragödie sei eher, dass sie hier vor Langeweile verkommen. Drei Viertel des Jahres gäbe es nichts zu tun als in eben diesem Raum zu sitzen und abzuwarten. Der traditionelle Dorfwecker rennt hinein und reisst mich pünktlich zum Morgengrauen aus dem Schlaf. Ich krieche aus dem Stapel alter Wolldecken und beabsichtige meiner Gastgeberin zehn US-Dollar in die Hand zu drücken. Die liebenswürdige Rosita lehnt beharrlich ab: „Kollega, wir helfen einander, Gott wird sich uns eines Tages erbarmen“.

Aus dickem Nebel taucht ein Polizei-Jeep auf. „Deputy Commander Special Police Unit Augustinho Gomes, ba nebe kollega?“ Die Visitenkarte bestätigt endgültig, der Signor Gomes hat nicht übertrieben. Ich ahne bereits was mir blüht und bereite mich auf die Inspektion meiner dreckigen Unterwäsche vor, doch heute erweist sich die Polizei als mein Freund und Helfer und nimmt mich mit nach Turiscai. Dann zu Fuss weiter nach Beremana, wo Augustinhos Gefolge gerade ein Spezialtraining absolviert. Elia prüft meine Absichten und lädt zum Kaffee. Dass ich auf dem Weg zu seinem Heimatort Fatumakerek bin, lässt den jungen Polizisten vor Freude strahlen. Ich solle mich bei meiner Ankunft als sein Kollega vorstellen, man werde sich dann um alles weitere kümmern. Die verschwenderische Berglandschaft geht fliessend über in einen Kaffee-Urwald. Arabica-Bohnen aus Osttimor enthalten deshalb so ein intensives Aroma, weil man die einst von den Portugiesen eingeführten Sträucher seit Anbeginn der Kolonialzeit ihrem wuchernden Schicksal überliess. Per se eine erfolgreiche Guerilla-Taktik, denn die Pflanzen wachsen bis zu fünf Metern. Im Gegensatz zu den Monokulturen in anderen Ländern werden sie hier nicht kontinuierlich beschnitten um mehr Ertrag zu garantieren. Es gibt auch keine eigentlichen Plantagen sondern nur organischen Wildwuchs. Bei der Ernte ist die ganze Familie präsent, selbst die Kleinsten touren durch die Büsche und helfen ihren Eltern beim Pflücken. Dann werden die Rohkaffeebohnen geschultert oder via Lastponys zurück nach Hause gebracht.

Nach Liurai schneidet sich der Wanderpfad durch einen duftenden Märchenwald direkt in eine subtropische Vegetation und schlängelt dann wieder hoch auf ein Bergpleatau mit Aussicht auf stolze Baumkronen. Nach einem sechsstündigen Marsch rückt eine Ansammlung aus Hütten ins Blickfeld. Fatumakerek? Vielleicht, denn dieser Ort ist nirgendwo vermerkt. Ich frage den erstbesten Dorfkollegen nach den Eltern von Elia. „Ah, Elia Polis?“ umgehend wird das Buschtelefon aktiviert. Versammlung im Vorgarten des Clans. Ein einsamer Plastikstuhl wird bereitgestellt, ich muss davon ausgehen, dass man mich so isoliert besser begutachten kann. Kinder jeglichen Alters traben an um ihren Respekt per Handkuss auszudrücken. „Tja, die meisten hier haben noch keinen Malae gesehen“, verdeutlicht Alois mit lückenlosem Englisch. Er und seine zwei Cousins sind gestern aus Maubisse angereist, denn für heute Abend sei ein Clan-Treffen ihrem Uma Lulik vorgesehen. Und ich Glücklicher bin eingeladen. Da das Justizsystem Osttimors mit all den minderschweren Verbrechen und Nachbarstreitigkeiten überlastet wäre, diskutiert man Lappalien traditionellerweise zuerst in den Uma Lulik. Ein Adat (Kulturchef) moderiert die Anhörung und entscheidet über eine faire Lösung.

Gesittet wurden die beiden Geschlechter voneinander getrennt. In der einen Hälfte des Uma Lulik kochen und tratschen die Weiber, und ihnen gegenüber rauchen und debattieren die Männer. Alois versichert, hier in Fatumakerek glauben sie nicht an Grossvater Krokodil, sondern an Grossvater Schlange. Die Reptilien gelten als heilig und dürfen nicht verletzt oder verhöhnt werden.Wird dieses ungeschriebene Gesetz ignoriert, käme ein tragisches Schicksal über …ich weiss, ich weiss… lassen wir es gut sein. Auf Anfrage bezeugt Alois, ausgewachsene Hunde kommen hier hin und wieder in den Kochtopf. Klar, das sind keine „böig news“, sondern gang und gäbe in den Berggebieten Asiens, ich wollte es nur besätigt haben, denn einige Dörfer weiter westlich huldigen sie Grossvater Hund (sic!).

Unter dem Deckmantel der Kultur werden die Männer und Gäste zuerst verköstigt. Dann erst dinnieren die Köchinnen. Mir wird berichtet, dass die Haupteinnahmequelle vieler hier im Dorf der Handel mit Arak ist. Und das funktioniert so: Alle paar Tage holpern sie mit ihren Motorrädern über Wurzeln und Schotter zur Distillerie im 25 Kilometer entfernten Laclubar, kaufen dort literweise gebrannten Palmschnapps, türmen die Ware auf ihr Gefährt, knattern dann via Wanderpfad rund 40 Bergkilometer in die entgegengesetzte Richtung nach Turiscai oder Maubisse, verkaufen dort den „Timor Brandy“ für 50 Centavos (50 US-Cents) Rendite pro Liter, und sind pünktlich zum abendlichen Reis mit Gemüse zurück in Fatumakerek. Als Dank für die Gastfreundschaft kaufe ich ein paar der hart erarbeiteten Liter zum Bruttoverkaufspreis, spendiere Tabak und beobachte wie die Männerrunde allmählich in die Kunst redelustiger Glückseeligkeit verfällt. Gibt es ein universelleres Kommunikationsmittel als Nikotin und Alkohol?! Bis zu 100 in allen Provinzen verstreute Blutsverwandte umfasst ihr Clan. Und heute kommen der Grossteil im Uma Lulik zusammen; von Wolldecken vermummte Enkel, der schnappsnasige Schwiegervater, der Cousin mit der komischen Zahnstellung, die konstant Betelnuss-Saft speiende Gross-Tante und viele andere. Elia’s Vater ist der hiesige Adat, mit Stolz präsentiert er mir seine heilige Brustplatte „Belak“, im Familienbesitz seit unzähligen Generationen. Auch sein traditioneller Federhut ist ganz hübsch, jedoch nur in Action während rituellen oder formellen Anlässen. Dann ergreift Alois das Wort. Als ein Gesandter des Village Development Programmswill er diverse Ideen für die Etablierung einer nachhaltigen Agrarwirtschaft verkünden. Vor allem aber, so macht Alois klar, sei es wichtig die Hoffnung nicht ausschliesslich an den Allmächtigen zu richten. Der helfe nämlich selten mit harter Währung. Somit liebe Kollega, es wird belohnt wer hart an seiner Zukunft arbeitet!

Szenenwechsel; wer nicht auf dem Boden des Traditionshauses kauert, singt fröhlich Kirchenlieder in der eigentlichen Unterkunft der Familie; ein Wellblechdach gestützt von vier Ziegelwänden. „Curaçao sagradu de Jesus“, eine uralte Tradition die seit 1996 aufgrund der Querelen mit Indonesien von der Bildfläche verschwand. Erst dieses Jahr, diese Woche, HEUTE entflammt der Kult um den von Bergnest zu Bergnest wandernden Mini-Jesus wieder auf. Jede Familie darf ihn einen Abend bei sich haben und anbeten. Sein Schrein nimmt ein Drittel des Raums ein, überlässt einen weiteren Drittel der auf einer Plastikplane versammelte Orgie blökender Lämmlein Gottes, und der letzte Drittel ist für zwei Bettrahmen mit eingelegten Spannholzplatten bestimmt. Einer dieser Schlafplätze wurde grosszügigerweise für mich reserviert. Doch hätte ich die Nacht vermutlich eher im verrauchten Uma Lulik verbringen sollen, denn der Singsang hält an bis 9:00 Uhr am nächsten Morgen, mit einer kurzen Erholpause zwischen 4:00 Uhr und 5:00 Uhr. Ich schlafe eine Stunde, wenn überhaupt.

„It is not down on any map; true places never are.“ (Herman Melville, Moby-Dick)

Nach dem Frühstück (gekochte Kartoffeln) breche ich auf. Eine sechsstündige Wanderung steht an, vorbei an streunenden Wildpferden, einer abwechslungsreichen Flora und grüssenden Fremden „Kollega ba nebe?“ – „Los Palos am anderen Inselende!“ – „Ah, okay.“

Laclubar, ein weiteres Kaff wie aus dem Bilderbuch. Die Kirche ist bereits aus drei Kilometer Entfernung zu erkennen, drumherum ein paar Häuser verstreut, ein Fussballfeld und ein Markt. Ich hinke zum „Centro de Salud“, um allfälligen Infektionen aufgrund meiner gut 20 Blasen an beiden Füssen vorzubeugen. Etwas Gratis-Antibiotika kann kaum schaden! Behandlungen und Medikamente sind dank des mehrheitlich staatlichten Gesundheitssystems Osttimors kostenlos für Einheimische, und draussen in den Sukus selbst gratis für wandernde Malae. Doktor Waldemar nimmt sich gerne Zeit, wir unterhalten uns in Spanisch. Er hat sich eines der 2’000 Stipendien in Kuba ergattert, welche der damals amtierende Präsident Xanana Gusmãovor knapp 15 Jahren mit Fidel Castro ausgehandelt hat. Bereits vorher hat Fidel seine Guerilla-Kameraden unterstützt.„Was in Timor passiert ist repräsentativ für ganz Asien!“, liess er verkünden und entsandte 400 kubanische Mediziner nach Osttimor um das Land beim Widerstand zu unterstützen. Noch heute hat praktisches jedes Suku seinen „Doctor Cubano“.

Wieder auf die frühmorgendliche Hupe vom Kollektiv-Bus warten. Auf dem Dach wurde eine Ziege festgebunden, stehend, sie schenkt mir einen vorwurfsvollen Blick. Da es keinen Platz mehr hat, klammern sich nebst der Ziege insgesamt acht Fahrgäste ausserhalb vom Bus fest, und das während voller Fahrtgeschwindigkeit, also durchschnittlich 10 Km/h. Umsteigen in Manatuto und gleich weiter nach Bacau. Eine 100 Kilometer lange Schotterstrasse verbindet die beiden grössten Städte des Landes; Dili ca. 250’000 Einwohner und Bacau 18’000 Einwohner. Der Zubringer wird grösstenteils durch chinesische Investitionen finanziert. Es verwundert daher, dass auf der gesamten Strecke lediglich 50 Personen hämmern, schweissen und noch viel seltener; etwas teeren. Ich erinnere mich an eine zehn Quadratmeter grosse Baustelle in Shanghai, an der die selbe Anzahl an Arbeitern tätig waren. Man munkelt, es fehle an Fachpersonal wie Aufsehern, niemand wisse was zu tun ist. Wer Agrarwirtschaft und Tourismus ankurbeln will, muss Städte wie Käffer ordentlich miteinander verbinden, das ist keine Raketenwissenschaft und der Regierung selbstverständlich bewusst. Doch bei so vielen „Baustellen“ gleichzeitig ist es schwierig den Fokus zu setzen. „Ida, ida (Schritt für Schritt)“, würde Rosita Mendoza sagen.

Eine Prise mediterraner Charme weht durch das Küstendorf Bacau, dennoch ist man hier noch weit entfernt von jeglichem „Entertainment“, zu sehen gibt es eigentlich auch nichts. Und dazu kommt, im ganzen Städtchen ist seit gestern der Strom ausgefallen, aber es stört niemanden hier, man ist ja vorbereitet. Als leidgeprüfter Reisender weiss ich bestens wann Pausen für Kopf und Körper angebracht sind, und genau jetzt ist so ein Moment. Achim sieht das genau so: „So ne schlechte Strasse habe ich selten erlebt“, er quält sich in Cowboy-Manier von seiner Maschine als ob er damit gerade von China nach Osttimor geritten wäre. Der Hesse ist damit gerade von China nach Osttimor geritten. Trotz seinen 60 Jahren und zwei Schlaganfällen auf dem Konto ist der Langhaarige wahrlich gut gealtert und sieht so aus wie viele 60-Jährige gerne aussehen würden. Ich wage ein paar Komplimente, auf seinen Mut und seine unendliche Wanderlust! Wir plaudern. Menschen wie Achim will ich wochenlang zuhören. Sie spriessen nur so vor Weltwachheit. Eben erfahrene Weltenbürger, die mich dazu animieren, den Irrsinn der Zeitläufe aus anderen Perspektiven zu betrachten. Wahlweise darf man Wissenslücken schliessen, lachen oder einfach nur staunen. Achim hat weder eine Kamera noch führt er einen Reiseblog, selbst ein Social Media Account ist ihm zu viel Firlefanz. Nur wer ihn unterwegs persönlich antrifft, dem gönnt er ein Stück seines Weltbewusstseins. Als ich zwei Tage später auf das Dach eines Kleinbusses mit dem Aufkleber „Los Palos“ steige, schraubt der Hesse gerade fleissig an seinem Motorrad. Mit der Euphorie eines Kleinkinds springt er auf und winkt er mir zu. Wie so oft, zwei gleichgesinnte Nomaden kreuzen auf dem Weg nach irgendwo, niemals werden sie sich wiedersehen, und das ist völlig okay.

Auf dem Busrücken in eine malerische Landschaft brausen. Links die türkisblaue Bandasee, rechts ragen die Berge Feto und Mane hinter neongelben Reisfeldern empor. „Get into the ark now, soon it will be to late: Jesus“, wurde in stattlicher Grösse auf den Bus gesprüht, visualisiert durch das Bild einer wackelnden Arche auf stürmischer See. Das kommt hin, wir wackeln fortan durch badewannentiefe Löcher und sind dazu gut bestückt mit verschiedenen Spezies sowie Cargo. Jedes mal wenn eine Stromleitung oder ein Palmendach bedrohlich tief hängt, rettet sich die gesamte Rooftop-Party unisono in die Säuglingsposition, fein kommentiert von meinem Nebenmann Amino mit einem „OOH MY GOD!“. Dann wieder Gelächter. Zumindest bis wir die Bezirksgrenze passieren, wo unverhofft die Polizei winkt. Einer mit Stiernacken und aufgrund Platzmangel leicht nach vorne gewölbter Oberarme schnauft auf uns zu und verharrt stoisch in Bodybuilder-Pose. Salopp werden alle Dach-Passagiere von der einten in die nächste Gefahrenzone zitiert. Jeder, der es wagt ein schelmisches Grinsen anzudeuten, erhält einen Magenbox. Frech daherkommen? Magenbox! Amino entwischt ein „OOH MY GOD“, und jep, kassiert dafür einen Magenbox! Ich werde von Magenboxen verschont, schlechte Publicity hilft Osttimor diese Tage kaum weiter. Unser Fahrer wird getadelt; Auf dem Dach mitfahren sei strikt verboten, zu viele fatale Unfälle wurden letztes Jahr registriert. Geldbusse für den Rest der Angeklagten scheitert aufgrund Geldmangel. Daher werden die Sünder in Reih und Glied beordert – Der Kommandant befiehlt 50 Liegestütze. Ich wate hinüber und mache mit, schlussendlich bin ich mitschuldig. Das gefällt sogar Stiernacken, dem jetzt sogar ein kleines Lächeln abhanden kommt. Die Lage entspannt sich, uns werden zwei Lösungen offeriert: die Hälfte wartet auf den nächsten Bus, der kommt vielleicht morgen. Oder aber, alle quetschen sich irgendwie hinein. Nachdem sich 37 Fahrgäste in Schichten auf die 20 Sitzplätzen verteilt haben, geht es weiter. Zur allgemeinen Erheiterung dreht der Fahrer nun Latino-Bässe auf Konzertlautstärke. Amino, mein treuer Nachbar mit dem ich einen Sack Reis als Sitz teile, schreit mir ins Ohr, ich zurück. Für fünf Minuten entsteht so etwas ähnliches wie eine Konversation, dann geben wir auf und siechen dahin in einem Meer aus Dezibel.

Los Palos. Ich toure entlang abgerissener Häuserskelette, zurückerobert von einer florierenden Vegetation, weiter zum vermeintlichen Markezeichen der Region, ein altes Uma Lulik, das allem Anschein nach bald auseinanderfallen wird, und raste etwas ratlos vor einer Statue regionaler Wichtigkeit. Also was tun im östlichsten Bezirk des Landes? Im einzigen Restaurant des Dorfs, erkundige ich mich nach den Sights. Fijay hat Zeit und ein Motorrad, wir verabreden uns für morgen um zusammen durch die Vororte zu ziehen. Der Tag verspricht kaum unverhoffte Highlights. Auch meine Hoffnung Osttimors Nationalsymbol in Natura zu sehen, schwindet zunehmend. Faktisch alle Reliquienhäuser von Los Pablos wurden von den indonesischen Invasoren verbrannt und aufgrund fehlender Einkommen der Kommunen kaum neu errichtet. Zum Trost besuchen wir die im Dschungel versteckte Schnapsbrennerei. Die anwesende Druidin erklärt den Prozess; Von der Areca Palme wird eine breiartige Flüssigkeit gezapft, dann über offenem Feuer verdampft bis der Alkohol via Bambusrohr in einen Kanister tröpfelt. Et voilà, fertig ist der betäubend starke „Suku Brandy“. Osttimor müsse die alten Werte neu definieren, findet Fijay. Auf die Regierung sei kein Verlass, sie müssen sich gegenseitig helfen. Ergo Gemeinschaft basierte Agrarkultur, Gemeinschaft basierte Tourismus,und als Nische; Gemeinschaft basiertes destillieren. Fijay ist ein Weiterer im Bunde der Gebildeten, welcher nach dem Studium joblos ins Heimatdorf zurückgekehrt ist um beim Reisanbau mitzuhelfen. Die Kosten für die Universität, eine riskante Investition für die Zukunft der gesamten Familie. Wir dümpeln noch etwas durch die idyllische Umgebung bis sich mein mulmiges Gefühl bestätigt; ich habe Osttimor durchschaut.

Zurück zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Beim Kaffee setzt sich Aghe zu mir an den Tisch. Er schwärmt von Europa, von Berlin, von London. Da war er noch nie. Dort gelte doch „Time is money“? Das höre sich genial an. In Osttimor hätten sie jede Menge Zeit. Aber kein Geld.

Zur Bildgalerie von Maubisse nach Los Palos


Temporäre Basis in Indo-Bali. Nur zwei Flugstunden vom ökonomischen Chaos liegt das universelle Synonym für „Komfortzone“ entfernt. Ein osttimoresischer Taxifahrer bringt mich nach Sanur. Ich schlürfe Kaffee und wälze mich durch die vielversprechende Speisekarte. Live-Musik unterstreicht das Ambiente aus Kerzen, vifen Kellnern und zeitgemässer Architektur. Dann kommt es über mich, ich muss weinen. Der Kontrast ist zu grausam. Meine Gedanken kreisen nach wie vor um die Erfahrungen in einem jüngsten Länder der Welt, wo jeglicher Aufschwung im Sinne des Betrachters liegt. Es gibt Orte, denen lassen wir erst spät Gerechtigkeit widerfahren, vielleicht sogar erst dann, wenn man sie verlässt. Die Identität Osttimors pulsiert sowohl in der Überlebenskunst als auch im Wandel seiner Gesellschaft. Eine Nation die dem Fremden mit nachhallendem Stolz und einer gnadenlosen Gastfreundlichkeit imponiert.


Danke an all meine neuen Kollega: Francisco Martin Martins, Mathilda, Che, Fidel Castro, Tracey, Morgan, Dr. Tim, Kate, Dilyara, Nelson, Benjamin, Apa Diru, Carlos, Alfonso Lopes, Chris, Monica, Ramelho, Frans, Fijay, Aghe, Amino, Dr. Waldemar, Alois, Elia, Rui Lopes, Augustinho Gomes, Rosita Mendoza, Thomas Tomasia, Rosalinda, Nathalia, Christiano, Jorge Gusmão, Marta & Co, João, Stiernacken, Achim, die hundert anderen Helfer und Gesprächspartner deren Namen ich mir nicht merken konnte, und natürlich mein freches Pony Xanana!

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