En route nach Maumere. Mir werden gerade die Leviten gelesen, meine Kopfhörer stören den Seelenfrieden der herbeistöckelnden Flugbegleiterin. Ich finde ihre Rechtschaffenheit etwas übertrieben und reagiere daher rational; der Flugmodus sei an, der Player nicht, kein Grund zur Sorge. Ich sei lediglich zu träge sie abzunehmen. „Ja schon Sir, aber nun stellen Sie sich vor, wir haben einen Notfall und Sie hören es nicht!“ Ich halluziniere folgendes Szenario; Ein Flügel fällt ab und wir rasen unaufhaltsam in Richtung Bandasee, der plötzliche Druckabfall löst die Sauerstoffmaske aus, penetrant hopst sie auf meinem Gesicht auf und ab, alle Warnsignale fiepen und leuchten synchron, Rauch schwabbt durch das Flugzeuginnere, die Passagiere kreischen vor Todesangst. Und ich verdöse seelenruhig meine letzten Lebensminuten. Okay, das wäre tragisch, ich kapituliere.

Flores, die Rastafari-Seele Indonesiens, Heimat der gekrausten Locken, Kirchengängern und Lebemenschen. Ein herrlicher Flecken Welt, wo das dunkelbraun gegrillte Völklein mit unerreichbarem Charme das Herz eines jeden Fremden erwärmt. Ich will in den Dorfkern, nichts leichter als das! Die „Ojek“ (frei übersetzt; ein Typ mit einem rostigen Moped auf dem Weg nach irgendwo) buhlen fleissig um jeden, der es wagt mehr als zehn Meter zu Fuss gehen zu wollen. Ab 30 Schritten sattelt Maumere die Feuerstühle. Das haben sie gemeinsam mit den Kollegen in Phnom Penh, Hanoi oder Bangkok. Die Motorräder haben das Leben auf der Insel beschleunigt wie einst die Metro in Paris. Scheinbar warte ich etwas zu lange, Regina rollt gerade aus dem Innenhof ihres Hauses und fragt nach: „Dimana? (Wohin?)“ Ich zeige Richtung Kota. Abrupt steigt sie ab, übergibt mir die Zündschlüssel und sitzt hinten wieder auf, ganz als ob das alles einer klaren Logik entspricht. Wir kennen uns gerademal 10 Sekunden. Nach etwas Small Talk steige ich wieder ab und laufe die restlichen Meter bis Octa mich abpasst. Die neugierige Schülerin fühlt sich verpflichtet zu helfen, am liebsten soll ich gleich zu ihr nach Hause kommen um mit ihrer Familie zu dinnieren, zumindest aber will sie mir den Weg weisen zum nächsten Bakso-Express – einer der ambulanten Fleischbällchen-Versorgern der Nation. Ich versuche allen Fragen des Mädchens gerecht zu werden, doch kämpft meine Aufmerksamkeit parallel an der Nebenfront; „Hey Missssterr!“ – „My name is?“ – „I love you!“ Ob Portugals (und später Hollands) Kolonialherren oder ihre Missionare den Floresianern soche Marotten eingebläut haben? Der „Buleh“ (Ausländer) geniesst auf den Kleinen Sundainseln nach wie vor eine fragwürdige Vorrangstellung, selbst nach 500 Jahren europäeischer Unterdrückung.

Kaffeepause bei Mane, der hat eigentlich zu, macht aber für mich auf. Sein Ruf als Kaffee-Guru der Region eilt ihm voraus. Ein weiterer Gast schneit an diesem Sonntag Abend ins Café. Richard, er hat bald eine Verabredung beim Traditionshaus des örtlichen Adats (quasi der Ortsvorsteher der Region) und will sich daher mit Koffein schlagfertigt rinken. Ich frage zaghaft nach, was er denn verbrochen hat? Denn der Adat ruft grundätzlich erst dann zum Verhör, wenn jemand dem Gesellschafts-Credo geschadet hat. Wie z.B. Rufmord, Seitensprung, Sexuelle Nötigung, oder wenn eine Familie die Mitgift für das Töchterlein auf 20 Pferde festlegt hat, der Bräutigam jedoch nur 15 liefert. In vielen ländlichen Teilen Indonesiens wird bei solchen Bagatellen weder Polizei noch Gerichtshof aktiv. Dafür gibt es das Traditionshaus und den Adat. Im Falle Richard, ist es nicht ganz so tragisch, wie er erklärt: „Mein Nachbar hat seinen Grossvater gleich neben dem Haus beerdigt, das ist gang und gäbe bei uns, nur haben meine Schweine die Grabdekoration und dazu einige Rüben gefressen. Das war anscheinend Grund genug für diesen Lump, mich dafür haftbar zu machen.“ Urteilt der Adat milde, muss Richard lediglich für das Essen des Pseudo-Tribunals aufkommen und sich öffentlich beim Kläger entschuldigen. „Falls der Adat aber einen schlechten Tag hat, muss ich einige Hühner oder eine Ziege abliefern, und im allerschlimmsten Fall; Cash!“

Frühmorgens zur Hafenstadt Larantuka. Abwarten bis der herausbaumelnde Kundschafter eines Kleinbusses mich erspäht. Die Musiklautstärke wurde vorsorglich auf Disco eingestellt. Es ist davon auszugehen, dass die Passagiere den Fahrstil des Chauffeurs so lange bemängelt haben bis er sich entschied die Kritik in Bass zu ertränken, oder aber, unser Fahrer glaubt, dass er allein durch die permanente Vibration schneller ans Ziel rückt. Epilog: Nach fünf Stunden Fahrt beim Jetty auszusteigen, ist vergleichbar mit dem Verlassen eines Berliner Techno-Clubs nach Sonnenaufgang! Einer winkt, ich springe auf das Slow-Boat mit Kurs auf Lembata. „God bless you,“ orakelt die Mutter eine Holzbank hinter mir, ich fühle ich mich gerüstet.

Lewoleba. Wir gehen sammeln. Sobald alle bits and pieces die Lamalera nicht hat (Gasflaschen, Benzinkanister, Wassertanks, Reissäcke, und Holzplatten) per ausgeklügelter Tetris-Strategie in den Lastwagen gedrückt wurde, quetschen wir Passagiere uns dazwischen. Die Routenplanung von Fidelis folgt wiederum keiner Logik. Selbst die enthusiastischsten Kleinkinder hören bei Runde sieben durch Lewoleba „City“ auf zu winken. Luftlinie wären es ungefähr 20 Kilometer bis hinüber nach Lamalera. Fidelis rechnet mit ca. vier bis fünf Stunden. Bald wird auch klar wieso die Tacho-Nadel nur sporadisch über die fünf Stundenkilometer-Marke zittert, allzu selten streift einer der Reifen einen Flecken Teer, meistens aber zirkelt Fidelis fröhlich singend um die badewannegrosse Löchern. Die Verbindung mit der anderen Inselseite feiert 2019 ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Das macht bei Hin-und Rückfahrt (Sonntag exklusive) 63’000 Stunden Zirkelei! Wer da dem Alltag noch singend entgegen tritt, der verdient Berwunderung. Und wer auf dieser Strecke das morgendliche Nasi Champur bei sich behält, der gleich auch.

Lamafa – Jagd auf die Geschenke der Ahnen

Die Clans, welche das winzige Dorf Lamalera auf der sonnengebackenen Insel Lembata (Provinz Nusa Tenggara Timur) bewohnen, jagen mittels Bambusharpunen nach Pottwalen seit mindestens sechs Jahrhunderten. Hier hat der indigene Subsistenzwalfang den starken missionarischen Einfluss, die japanische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs sowie ein gut etabliertes katholisches Bildungssystem überwunden. Und weil die Lamaleraner dies seit Anbeginn der Zeit tun, halten sie an ihrer Tradition fest, und das sogar mit einer Erlaubnis der indonesischen Regierung. Dies könnte sich jedoch bald ändern, denn Naturschutzorganisatoren wie der WWF fordern striktere Regulierung für die Jagdpraktiken innerhalb der Savu-See und der Ombai-Meeresenge; ein Migrationsengpass von regionaler Bedeutung. Bis jetzt haben die Umweltaktivisten nur begrenzte Wirkung auf die Judikative in Jakarta, vor allem aufgrund langwiriger Engscheidungsfindung und nicht zuletzt wegen den widerspenstigen Clans von Lamalera. Obwohl viele Lamaleraner während der letzten Jahrzehnten in die Bildung ihrer Kinder investierten, bleiben die meisten Familien Selbstversorger mit nur sehr geringer Bereitschaft and der Geldökonomie teilzunehmen.

For we are all killers, on land and on sea; Bonapartes and Sharks included. It is not, perhaps, entirely because the whale is so excessively unctuous that landsmen seem to regard the eating of him with abhorrence; that appears to result, in some way, from the consideration before mentioned: i.e. that a man should eat a newly murdered thing of the sea, and eat it too by its own light. But no doubt the first man that ever murdered an ox was regarded as murderer; perhaps he was hung; and if he had been put on his trial by oxen, he certainly would have been; and he certainly deserved it if any murderer does. Herman Melville, author of Moby-Dick

Kontroverse

Das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs erlaubt einigen indigenen Völkern, Wale zu jagen, wohingegen der kommerzielle Walfang anno 1986 verboten wurde. Etwas das die Lamaleraner allzu gerne hervorheben; Nichts wird verschwendet – ein elementarer Punkt im Kontrast zur fanatischen Massenfischerei und die damit verbundenen Beifang-Abfälle. Lamalera’s Waljäger verwenden bis heute ähnliche traditionelle Jagdmethoden, welche schon die westliche Seeleute im frühen 19. Jahrhundert praktizierten. Eine Ära, in der mutige Waljäger auf der Suche nach Pottwalen und deren Öl für Monate ins Meer hinaus segelten – lange bevor bestimmte Arten bis nahe der Auslöschung gejagt wurden. Jährlich migrieren Pottwale („Ikan Paus“ in Bahasa oder „Kote Kelema“ in Lamalerisch) sowie andere Meeressäugetiere zwischen dem Indischen Ozean und dem Pazifik. Während der Jagdsaison (von Mai bis Ende Oktober auch „Leva Season“ genannt) passieren diese riesigen Meerestiere die Savu-See und laben sich an den grossen Tintenfischen etwas südlich von Pulau Lembata, wo die Lamaleraner bereits auf sie warten.

 

Bis Ende der 90er Jahre wurde nur mit traditionellen Segelbooten namens „Paledang“ gejagt, doch nun ziehen motorbetriebene Boote („Johnson“) die Paledang hinaus ins Meer sobald ein Wal gesichtet wurde. Zudem werden die Motorboote für die täglichen Beutezüge genutzt. Die Naturschützer sind alamiert, denn die Bewohner Lamaleras spähen schon lange nicht mehr nur nach Pottwalen, sondern auch nach Mantas, Orcas, Schildkröten, Delfinen und Hochseehaien.

2010 schwirrten WWF-Aktivisten mit Botschaftern des Ministerium für Tourismus (East Nusa Tenggara) nach Lamalera, um über Natur- und Artenschutz zu debattieren. Noch während sie ihre Rede hielten, machten sich einige Lamaleraner auf den Weg zu ihren Hütten und kehrten kurz darauf mit einem Arsenal an Walfangmessern zurück, um die Umweltschützer aus ihrem Dorf zu hetzen. Sie behaupteten, dass sie soweit ein gutes Leben ohne Regierungsinstitutionen geführt hätten, somit gebe es keinen Grund zur Diskussion. Dann kamen zehn Militärsoldaten angerollt und standen hundert empörten Dorfbewohner und ihren Messer gegenüber. Weitere Debatten folgten, aber keine Lösung. Seither wagt man sich eher selten nach Lamalera um das „Naturschutzthema“ aufzuwerfen.

Gemäss Spiegel Online: Dass Lamalera Wale fängt, stört weder die IWC noch die Tierschutzorganisation WWF. Die IWC erteilt den Inuit regelmäßig eine Sondererlaubnis für traditionellen Walfang, die wohl auch Lamalera bekommen könnte, wenn Indonesien der Kommission beitreten würde. Den Walfang, so sagt Dewi Satriani von WWF Indonesia, habe man aber nie unterbinden wollen. Der WWF habe „vollen Respekt“ für das traditionelle Recht der Gemeinde, Wale zu fangen. 

…Hier geht es ums Überleben!

Interview mit Yosef Bataona „Jeffrey“ – Dorfchef von Lamalera und einer der wichtigsten Adats (uralte traditionelle Judikative/ Exekutive bezüglich Bräuchen und Praktiken) 

Wir leben in der Maschinen-Ära! Die Zahl der Pottwale, die wir jährlich töten, hat trotz der Verwendung von Motorbooten (zur Unterstützung der Paledang Crew) nicht zugenommen. Letztes Jahr haben wir 25 Wale erlegt. In einigen Jahre konnten wir bis zu 40 fangen, aber in anderen nicht einmal einen. Im Durchschnitt müssen wir drei Pottwale pro Jahr fangen, um alle unsere Familien zu ernähren. Wir Lamaleraner glauben, dass die Wale ein Geschenk von unseren Vorfahren, Mutter Maria und Gott sind. Die indonesische Regierung erlaubt uns offiziell mit dem traditionellen Walfang weiterzumachen, nur so können wir unseren Lebensunterhalt sichern. Es wird lediglich diskutiert, ob wir den Aktionsradius ändern müssen, und das Ministerium für Fischerei und Seefahrt will die Jagd Manta-Rochen und Schildkröten verbieten. Wir befolgen diese Regeln jedoch nicht, denn hier geht es ums Überleben! Wir kommen nicht über die Runden, wenn wir uns nur auf die Wale verlassen. Somit müssen wir unsere traditionelle Lebensweise beibehalten und praktizieren was wir von unseren Vorvätern gelernt haben. In letzter Zeit stehen wir unter Druck der gesamten Medienwelt, aber niemand scheint den tieferen Sinn unserer Situation verstehen. Unsere Leute hier mühen sich ab für einen Löffel Reis oder ein Stück Mais. Es gibt keinen fruchtbaren Boden und die gesamte Topographie ist steinig, was den Anbau von Getreide unmöglich macht. Deshalb haben wir keine andere Wahl, als das anzunehmen, was das Meer uns bietet. Solange uns niemand eine Lösung zur Verfügung stellt wie wir anders überleben können, müssen wir so weitermachen. 

Wale jagen um zu überleben – verurteilen oder bewundern?

Während wir uns in der modernen Welt durch landwirtschaftliche und industrielle Revolutionen gemausert haben, ist diese Frage sicherlich mit Unbehagen beschattet. Traditioneller Walfang ist unglaublich schwierig und daher ein sehr „unpraktischer“ Weg des täglichen Überlebens.  Schaut man genauer hin, hat das winzige Dorf Lamalera nicht nur tapfere Harpunier zu bieten, die sich an der Meeresmegafauna laben. Ganz und gar nicht. Lamalera kann der modernen Welt einige wichtige Lektionen lehren. Beispielsweise wie der Übergang von einer Sharing-Community zu einer Cash-Ökonomie viele Menschen auf der Strecke lässt. Ihre Walfang-Tradition geht weit zurück, noch bevor die transkontinentale Republik Indonesien überhaupt existierte. Historische Geschichten weisen darauf hin, dass die Lamaleraner ursprünglich aus Sulawesi stammen, wo sie einst mit Netzen nach Makrelen oder anderen kleinen Fischen fandeten; etwas erfahrener stiessen sie ihre Booten zur See und nahmen grössere Beute in Angriff; und schliesslich, machte sich ihre kleine Flotte von Segelbooten auf zur Banda See um die Wasserwelt zu erforschen, bis sie das erreicht haben, was heute Lamalera ist. Der erste europäische Bericht ihrer Existenz ist ein anonymes portugiesisches Dokument von 1643.

 

 

 

 

 

 

 

Gezählt sind ihre Tage …  

Kurzinterview mit Dr. Lawrence Blair – Anthropologe, BBC Filmemacher und Autor der berühmten Dokumentationsreihe „Ring of Fire“ 

„Lamalera war einer der interessantesten Stopps während 80er und 90er Jahre. Die Kinder faszinierten uns, da selbst die ganz Kleinen sich furchtlos in die wilde Brandung stürzten und immer mit viel Gelächter lebten. Lamalera war mit dem Rest der Insel Lembata nur durch einen Fussweg verbunden, den lediglich wenige Experten mit dem Motorrad befahren konnten. Die Dorfbewohner lebten ausschliesslich von Walen und Öl, die sie mit dem Rest der Inselbevölkerung gegen Notwendigkeiten tauschten. So wanderten sie tagelang mit riesigen Speckblöcken auf dem Kopf. Viele der Häuser hatten Dächer aus Walhaut und Stützbalken aus Walrippen, und statt Gartenzwerge zierten Walwirbel, Schädel und die Überreste riesiger Stachelrochen ihre makellosen Gärten. Sie gehören zu den wenigen Gemeinschaften in der Welt, die noch legal Wale per Hand spiessen und an Land ziehen. Gezählt sind ihre Tage als die letzten traditionellen Pottwal-Jäger – vom Ruhme Moby Dicks.“

Mai 2018 – die Dächer mit Walhaut und Stützbalken aus Walrippen sind verschwunden, aber der Rest scheint von Modernisierung weitgehend unberührt. Die Kultur feinster Teamarbeit sowie der Tauschhandel ist bestens erhalten geblieben. Jede Woche marschieren die Hausfrauen schnatterned zum lokalen Minimarkt, wo sie ihren sonnengedörrten Fisch (Fliegender Fisch) oder Walstücke gegen Mais, Gemüse, Früchte oder sonstige Waren anderer Siedler tauschen. Somit erhält das Dorf ein geschlossenes Ökosystem aufrecht. Einige Fische werden jedoch für Geld verkauft. „Es hängt von jeder Person ab, ob die der Anteil aufbewahrt, getauscht oder an andere verkauft wird. Es gibt kein Gesetz oder eine Regel, auf die wir uns je geeinigt hätten“, erklärt der Dorfchef Josef Bataona. Gemäss Aussagen der Dorfbewohner wurde Walfleisch jedoch nie auf andere Inseln ausserhalb von Lembata verkauft.

Noch heute erstrecken sich brüchigen Bootshäuser über die gesamte Breite des Strandes. Sie beherbergen 14 hölzerne Paledang- und 20 motorisierte „Johnsons“, die alle zum Meer ausgerichtet sind, geduldig wartend auf das nächste „Ba leo, ba leo! – Trage das Seil!“. Natürlich hat die Zeit einige Veränderungen gebracht. Lamalera A und Lamalera B mit den rund 4’000 Einwohnern, hängt jetzt am Stromnetz, hat seit 3 Jahren ein löchriges Telefonsignal und die örtliche Mittelschule bietet sogar einen WiFi-Spot, der von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends gleichzeitig mit dem Strom anläuft. Obwohl die lokale Wirtschaft weitgehend durch Tauschhandel funktioniert, hat das Strässlein, welches Lamalera mit Lewoleba auf der gegenüberliegenden Inselseite verbindet, etwas Fortschritt provoziert. Die Aussenwelt ruft, und so machen sich die Jünglinge häufig auf in Städte wie Jakarta oder Kupang, um zu studieren und schliesslich ihre Familien mit dem Lohn besser bezahlter Jobs zu unterstützen. Das ist zweifellos der Grund, warum sich hier eine Handvoll hübscher Häuser zwischen all den rustikalen Ziegelbauten ohne Anstrich versteckt. Für die Verbreitung von Wohlstand sind jedoch viele Hindernisse zu bewältigen. Die Lamaleraner leben das einfachste Leben, das sich ein moderner Mensch vorstellen kann. Normalerweise teilt eine sechsköpfige Familie eine Fläche von 30-40 m2 plus etwas Garten. Zu ihren Möbeln gehören ein paar Plastikstühle, die sie kontinuierlich wieder zusammenflicken. Schränke habe ich selten gesehen – Es gäbe sowieso nicht viel darin zu verstauen. Eine kleines Kredit-Unternehmen hat vor zwei Jahren eröffnet, es bietet den Dorfbewohnern Darlehen an – Geld, dass die Lamaleraner für moderne Bedürfnisse wie Benzin, Stromrechnungen und die Bildung ihrer Kinder investieren. Seitdem haben viele Dorfbewohner bereits gelernt, dass Geld pumpen andere Probleme verursacht. Sie entscheiden sich daher mehrheitlich von der Schuldenfalle fernzubleiben. Ein paar erfolglose Tage auf hoher See, so gestehen sie, und sie würden mit ihren Ratezahlungen zurückfallen und somit tiefer ins Defizit abrutschen. Darlehen bergen einen ungesunden Druck, und Druck stört den erfolgreichen Fischfang. Daher ziehen sie es vor, wenig zu verdienen, Schritt für Schritt, das lasse sie besser schlafen. Postskriptum: 30-40 Prozent aller indonesischen Bürger haben kein Bankkonto, verstecken ihr Bargeld zu Hause und leben von Tag zu Tag. Geld ist Zwang. Obsession. Die gefährlichste Droge unserer Zeit.

„Es gab dieses bestimmte Jahr, in dem wir kaum Fische gefangen haben, erst Ende des Jahres waren wir erfolgreich und konnten somit das nötige Geld scheffeln, um unsere Rechnungen zu bezahlen. Damals habe ich gelernt, dass wir konzentrierter aber auch glücklicher waren, als es ums Überleben ging. Je mehr Fische es gab und je mehr Wettbewerb wir hatten, desto gieriger wurden wir alle. Daher glaube ich, dass zufriedene Menschen nicht das Beste von allem haben – Sie machen das Beste aus allem. Mark, Inhaber einer erfolgreichen kommerziellen Fischerei in Alaska

Ba leo, Ba leo! – Trage das Seil!

Ein Schwall „Eau de Dörrfisch“ zieht durch die Hinterhöfe, vorbei an den zum Trocknen aufgehängten Unterhosen in Richtung Dorfkern, wo mich Fidelis gerade in die Freiheit entlässt – Endstation Lamalera. Ich darf bei Maria wohnen, die Mutter des Dorfchefs Yosef Bataona führt mich sogleich zu Tisch und füttert mich mit weichgekochten Flügelstücken eines Mantarochen. Erst später werde ich erfahren, dass ich mir das selbe Zimmer ausgesucht habe, wie kürzlich der Herr Sassin, ein Ambergris (Wal-Kotze)-Händler aus Dubai. Sohnemann „Jeffrey“ habe ihm kiloweise AmbergrisWal-Kotze verkauft, für die Parfumeure von Armani, Dior oder Yves Rocher. Ich schlendere zum Strand, dem Ort des Geschehens, gerade rechtzeitig um zu erleben wie die Fischerszunft ihre frische Seeernte landen. Alle versammeln sich, um die Johnsons (Motorboote) zurück in die Unterstände zu wuchten, ja auch die kleinsten Kinder und der einarmige Greis. Es scheint, als ob sie heute ziemlich erfolgreich waren; Etwa ein Dutzend Mantarochen, ein Delfin, eine schwarze Riesenschildkröte und ein Hai werden an Land gezogen, um kurz darauf fein säuberlich zerhackt zu werden. Ein Junge schaut sich das Gebiss eines halben Hais genauer an. Ich würde zu gerne wissen, was er jetzt gerade denkt. Mit Blick auf den Schlamassel an Tierstücken und dem kleinen Mädchen, das eifrig mit einem Rochenschwanz nach Knaben peitscht, erinnere ich mich plötzlich an meine Tauchgänge im Komodo National Park. Eine heile Welt für die Meeres-Fauna, wo Horden von Mantas spielen und aufgrund des aufstrebenden Unterwassertourismus sehr wertvoll sind. Indonesien beherbergt das grösste Mantarochen-Schutzgebiet der Welt, was der Tourismusindustrie eine langfristigen Rendite verspricht; aber in Lamalera bleibt diese Spezies ein sehr beliebter und köstlicher Fang.Familienvater und Bootsmotoren-Spezi Vincet zeigt mit Stolz auf seine Ware, die hängenden Delfinhappen, dann den knochigen Ring aus Orca-Zahn, den er für seine Frau Veronica Maria angefertigt hat. Naja, hier hat niemand je etwas von „Flipper“ oder „Free Willy“ gehört. Ich mache einige Fotos von zerhacktem Getier, die Jugend im Gegenzug will ein Selfie mit mir, dem leibhaftigen Jesus, so spötteln sie.

Ein Spielplatz der anderen Art. Die Jungs paddeln fröhlich auf ihren Styroporblöcken, gehen auf Holzbrettern bodysurfen oder üben möglichst grazil mit einem Bambusstöcke einen schwimmenden Sack zu treffen, ganz so wie die ehrenvollen Lamafa – die Harpunier. Hier in Lamalera sehnt sich kaum ein Jüngling einmal Feuerwehrmann oder Rennfahrer zu werden, man träumt vom ruhmreichen Leben als Waljäger.

Das verspricht Ansehen und die Dorfschönsten. Augenblicke später schläft der Zeitgeist zu, Mobiltelefone werden ausgepackt, Motorräder bestiegen. Gegen 19:00 Uhr haben die meisten schon zu Abend gegessen; etwas Reis, ein Stück Mais und ein Portiönchen sonnengetrockneter Fliegender Fisch. Eine Tasse Tuak (roher Palmwein) oder manchmal der etwas stärkere Arak (destillierter Tuak) wiegt die Männer in den Schlaf – Einige Jugendliche werden für eine Youtube-Session aufbleiben, dazu wandern sie hinüber zur Schule, dem einzigen WLAN-Spots in Lamalera. Aber bereits gegen 21:00 Uhr hört man nur noch zweidrei quietschende Ferkel und die Wellen, die sich kontinuierlich am Meeresufer aufwühlen.  Dämmerung an einem der letzten Tage vor der offiziellen Leva Saison-Eröffnungszeremonie. Wie ein Schweizer Uhrwerk krähen die disziplinierten Dorfhähne, um jeden pünktlich aus dem Bett zu holen – manchmal im Chor, dann wieder in Schicht. Die Fischer haben keine andere Wahl, sie waten zu ihren Johnsons als hätten sie nie etwas anderes getan. Logo, sie haben noch nie etwas anderes getan. Die meisten Crews verlassen das Ufer jedoch nicht, ohne zuerst ihr Boot mit gesegnetem Wasser zu besprinkeln, gefolgt von einem Gebet an den Allmächtigen, Mutter Maria und die wehrten Ahnen.

Auf „Satu, Dua, Tiga … (1,2,3)“ schieben die Schiffskameraden ihr Boot über ausgelegte Holzstämme direkt in die Brandung. Routinemässig werden sie am späten Nachmittag von der Jagd heimkehren, oder viel früher, falls ein „Ba leo“ angekündigt wird.

„Ba leo, Ba leo! – Trage das Seil! „, …brüllt der Typ vom Ausguck hinunter, fuchtelt dabei wild mit seinem weissen T-Shirt um die Seeleute zu informieren, dass ein Wal gesichtet ist und so schnell wie möglich in die Bucht zurückzukehren. Wer noch im Dorf lungert, sprintet nun voller Euphorie zum Strand um bei den Vorbereitungen zu helfen. Sobald die Clans die Küste erreicht haben, werden die traditionellen Paledang-Boote ins Wasser gerollt. Dank etwas Glück darf ich die Crew von Petrus Glau Blikolulong „Papa Petro“ beim heutigen Walfang begleiten.

Erfahrene Lamafa wie Papa Petro, geniessen enorme Wertschätzung, da sie eine Verantwortung für die gesamte Gemeinschaft schultern. Die Lamafa Tradition wird innerhalb der zehn Clans weitergegeben, sofern möglich innerhalb des Kerns der Familie. Routinemässig arbeitet sich ein junger Fischer vom Posten des Spähers oder Köder-Meisters über die Jahre in die ehrenhafte Position des Harpuniers. Aber nur falls er der Mannschaft seinen Mut beweisen kann, wird er einen der 20 routinierten Lamafa in Lamalera eines Tages ersetzen dürfen.

Unser Paledang gleitet ins Meer. „Usu Teti Lepe Hau – ich komme von der Insel Lepe“, wurde fein säuberlich auf unser Boot gepinselt. Der Name bezieht sich auf die Insel, auf der die Ahnen vor Hunderten von Jahren ankerten, bevor sie sich schliesslich in Lamalera niedergelassen haben. Vielleicht hatten sie ein Leben auf Lepe vorgesehen, aber die Insel verschwand wegen eines Tusnami von der Karte. Ich setze mich zwischen Seile und blutverkrustete Bretter. „Wenn du dich nicht benimmst, benutzen wir dich als Hai-Köder“, scherzelt der alte Papa Lausan und zischt dazu ein Lächeln durch seine zwei übriggebliebenen Zähne. Es ist ein wilder Trupp von sonnengebackenen Seefahrern mit denen ich unterwegs bin. Vor mir sitzt der „Breung Alep“ der Assistent von Lamafa Petrus. Er ist fast genauso wichtig wie der Harpunier, da er die Verantwortung über das „Leo“ trägt, das heilige Seil, das am Haken der Harpune befestigt ist. Im Hintergrund ein weiterer VIP, der „Tuan Perahu“ – alias Novin unser Boot-Chef, der das Paledang steuert. Valentinofungiert als Wasser-Ausschütter, Marcus und Foxy als Späher. Auf dem Weg zum Ziel schleift Petrus, ein Hühne mit dem Kreuz eines Bullen, den überdimensionalen Haken, und stopft ihn schliesslich auf das vier Meter lange Bambusrohr. Dann, für den Rest der Verfolgungsjagt, klebt der Lamafa am Buck, heroisch schauend.

Nach einer halben Stunde Wasser ausschöpfen haben wir Fährte aufgenommen, der Wal zeigt sich nur hin und wieder, aber irgendeines der ausgrückten 100 Augenpaare erspäht ihn unverzüglich. Hat einer Lunte gerochen, nehmen alle Kurs auf. Was für ein glücklicher Zufall,obwohl unsere Crew als allerletztes ausrückte, sind wir jetzt am nächsten dran. Sogleich wird das Boot abgekoppelt, nun hilft nur noch Ruderkraft, was sich anhört wie beim letzten Satz eines Tennistourners; „Uuuhm, Ahhhm, Ouuh“. So ein Wal hat ganz schön Tempo. Papa Petro macht sich startklar, streckt die von einer gnadenlosen Indo-Sonne geschwärtzten Oberarme, Umfang Marke Bodybuilder. Der Blick bleibt unbeirrt, gar stoisch. Und plötzlich ist es mucksmäuschen still, alle harren vor sich hin. Nur einige fliegende Fische trauen sich jetzt noch an die Wasseroberfläche, aber selbst die sind auf dem Weg woanders hin. „Da ist er!!!“, schreien sie im Chor. Sofort geraten alle in Rage, auf dem schmalen Bootsdeck herrscht eine Raubtierstimmung, getrieben von jahrzehntelanger Erfahrung kollektiver Hetze. Nun wird geschimpft, gerudert, geschwitzt. „Ayeee gib Gas, Gaaaaas! Links! Links habe ich gesagt, weisst du nicht wo links ist? Bei Gott dem Allmächtigen, brems gefällig, siehts du den Wal etwa nicht du Dummauge, wie gross muss das Tier denn noch sein?! Gas, nein Bremse!

 

Stopp – Petrus nimmt Anlauf und springt ab, sticht, aber nicht fest genug, die Spitze mit dem Wiederhaken trifft zwar, doch schleudert die Schwanzflosse des Wals das heilige Seil weg, und das Opfer taucht ab. Wäre die Harpune samt Leo stecken geblieben, wäre unsere Mini-Galeere im Saus und Braus abgeschleppt worden, eine Situation die westliche Waljäger als die „Nantucket Schlittenfahrt“ bezeichneten. Ich habe Geschichten gehört, von Waljägern hier in Lamalera, die eine Freifahrt bis ins 100 Kilometer entfernte Timor bekommen haben, fünf Tage auf hoher See ohne Nahrung? kein Wunder haben sie nur überlebt, in dem sie ihre Shirts gegessen haben. Andere hatten etwas mehr Glück und der Wal ist mitsamt Boot abgetaucht. Petrus klettert hurtig wieder ins zurück ins Paledang, verletzte Wale würden wie wild täubeln, wird mir erklärt.

Ich werde derweilen ins Motorboot zitiert, denn Foxy fürchtet um meine Sicherheit. Wir nehmen die Verfolgung auf, das Paledang mal im Schlepptau des Motorboots, mal ohne. Kaum vorstellbar, wie sie vor gerademal 30 Jahren noch alles nur per Ruderkraft erledigt hatten. Immer wieder taucht eine Fontäne am Horizont auf, ab und zu eine Schwanzflosse. Aber es hilft alles nichts, wir sind mittlerweile rund zehn Kilometer weg von Lamalera und der Wal spielt immer noch Verstecken. So also sieht die raue Wirklichkeit aus. Rohtabak rauchend stundenlang ins Nichts äugen – Lediglich Petrus raucht nicht und mustert wie besessen auf die Wogen. Nur das Geräusch der Wellen, die sanft auf das gierende Paledang treffen und das Knistern einer selbstgerollten Zigarette aus Tabak und getrockneten Palmblättern stört die perfekte Stille.

All men live enveloped in whale-lines. All are born with halters round their necks; but it is only when caught in the swift, sudden turn of death, that mortals realize the silent, subtle, ever-present perils of life. And if you be a philosopher, though seated in the whale-boat, you would not at heart feel one whit more of terror, than though seated before your evening fire with a poker, and not a harpoon, by your side. Herman Melville, Moby Dick

Sicherlich ist es für Papa Petro & Co. hin und wieder ein Kampf um Leben und Tod, ganz genau so wie es in Herman Melvilles berühmtem Roman über die Waljäger von Nantucket beschrieben wird – aber meistens ist die Lebensgefahr begrenzt, man könnte sich zwar im Leo verheddern, oder zwischen dem Wal und dem Paledang eingequetscht zu werden. Aber da ist der Abbau von Schwefel auf dem Ijen-Vulkan in Java, oder gar ein stressbelasteter Manager-Job in Jakarta wohl risikoreicher. Fest steht, einen Wal zu harpunieren ist keineswegs ein einfaches Unterfangen. Die traurige Realität ist, dass ein guter Teil der Jagd darin besteht, dass die Seeleute stundenlang einer gnadenlosen Sonne ausgesetzt sind, und dabei verzweifelt nach einem auftauchenden Walschwanz spähen. Mit leeren Händen kehren wir nach sechs Stunden auf hoher See wieder zurück.

Leva Saison – Kulturelles Erbe vermischt mit christlicher Sitte

Die Waljäger-Kapelle, ein heiliger Ort, lange bevor die Missionare herkamen um das Wort Gottes zu verkünden. Vor einigen Jahrhunderten nutzten die Lamaleraner diesen Strandabschnitt, um ihre Verstorbenen zu betten. „Die Körper wurden jedoch nicht begraben, sondern am einfach an den Strand abgesetzt, bis die Haut steif und ausgedörrt war. Dann wurden sie von einem spirituellen Guru mit Meereswasser gereinigt und zum faulen in den Sand gelegt. Genau hier … „, erklärt Gusti, ein Experte für Soziologie, und deuted dabei auf die kleine Kapelle vor uns.

Heute Abend versammeln sich die Männer am Strand, um neue Regeln für die bevorstehende Jagdsaison zu diskutieren und den Zank zwischen bestimmten Clans zu klären. In Lamalera haben sie drei grosse Clans, die von drei Brüdern abstammt; Die Bataona sind die Adat (bzw. Regierung) des Meeres, dieser Clan verwaltet alle Aktivitäten vor der Küste. Die Blikololong kümmern sich um die Regentschaft, sie sind per se die spirituellen Führer und somit verantwortlich für alle traditionellen Rituale im Dorf. Zuguterletzt; die Levotukan, die für die Entwicklung (Bau oder Instandhaltung der Strasse usw.) verantwortlich sind. Darüberhinaus gibt es sieben weitere Clans mit kleineren Aufgaben. Heute Abend geht es vor allem darum, wie man als Team agiert. Man habe gelernt, dass zuviel Motorengeräusche die Wale erschreckt. Somit stehe fest, je mehr Johnsons einem Paledang zur Hilfe eilen, desto kleiner ist die Chance einen Wal zu erlegen. In der neuen Leva-Saison wird die Crew, die am nächsten an einem Wal dran ist, entscheiden ob und wann sie Unterstützung von ihren Kameraden benötigt. Die anderen Seeleute sollen derweilen ihren Gedulds- und Aktionsradius ausdehnen und in angemessenem Abstand auf ein Zeichen warten.  Sonntag Morgen. Ein gnadenloser Hahnen-Clan alarmiert die Lamaleraner pünktlich zur Morgendämmerung. Sonntags erzielt ihre Kirche eine Quote, die den Papst zum weinen brächte, knapp die Hälfte von Lamalera pilgert zur Kapelle. Die Dorfbewohner sind mittlerweile allesamt hingebungsvolle Schäflein Gottes, ein Vermächtnis, das weitgehend von einem deutschen Priester beeinflusst wurde, der vor etwa 100 Jahren in Lamalera eintraf. Trotz aller missionarischer Anstrengungen haben sie hier eine Koexistenz ihres ursprünglichen Glaubens und dem Christentum etabliert.

Don’t whale it too much a‘ Lord’s days, men; but don’t miss a fair chance either, that’s rejecting Heaven’s good gifts. Herman Melville, Moby-Dick

Sonntags laden die Waljäger ihre Energiebarometer auf, dösen auf ihren Paledang oder trinken Arak mit ihren Kumpels. Trotzdem scheuen manche Männer die Ruhe, und restaurieren stattdessen ihre Boote, streichen sie neu oder reparieren die Lecks. Andere entwirren die Fischnetze, während die Kinder am Strand herumtollen.

Beim Blick auf das friedvolle Treiben ist es schwierig vorstellbar, dass morgen einer der wichtigsten Tage des Jahres bevorsteht. Doch einige bereiten sich mental bereits auf die lange Wanderung zum Ile Labalekang vor, wo sie den heiligen Walstein ehren werden. Selbst die tapfersten Waljäger brauchen ausserweltliche Unterstützung. Während der „Ie Gerek“ Zeremonie marschieren die Anführer der drei grossen Clans auf den Berggipfel um den Grundbesitzer zu erbitten, die neue Leva-Saison offiziell zu eröffnen. Der spirituelle Führer des Lango Fugon Clans wird dann ein Huhn in unmittelbarer Nähe des heiligen Steines opfern, um den Wal-Geist zu bezirzen. Ausgesuchte Blätter der Bergvegetation, die den Walgeist in sich tragen sollen, werden dann zum Strand getragen, um schlussendlich in der Brandung ertränkt zu werden. Falls innerhalb von drei bis vier Monaten keine Wale erlegt werden können, werden sie das Ritual wiederholen und somit um zusätzlich Beihilfe bitten.

Ich habe eine Verabredung mit Jakobus, der mir gestern versprochen hat, mich zum heiligen Walstein zu führen. Er schläft gerade auf dem Boden vor seiner Hütte. Nach einer Kanne Kaffe ziehen wir los. Wir schauen noch bei seinem Bruder Yohanus vorbei. Nochmals eine Kanne Kaffee. Langsam schlüpfen auch die Kinderlein aus ihren Löchern. Zum Frühstück gibt es Reis von gestern, in Kaffee-Sauce, damit es nicht so trocken ist. Mein Blick schweift durch den Raum auf der Suche nach neuem Gesprächsstoff, ich luchse auf den kargen Erdboden, die stählerne Hängevorrichtung für die Babywiege um Kind Nummer 7 in den Schlaf zu schaukeln, das vergilbte Bild von Jesus und Maria, die zum Trocknen aufgehängten Unterhosen, die Live-Säugung von Kind Nummer 7, und schlussendlich die kleine Kokospalme in der Nachbarschafts-Kollektiv-Toilette, die offensichtlich etwas Ambiente verleihen soll. Dann rühme ich den Geschmack des Kaffees. „Makelos!“ Yohanus und Jakubos gestehen, sie arbeiten weiterhin fleissig an ihrer Altersvorsorge, Yohanus hat Glück, fünf der sieben Kinder sind Boys, eine rosige Zukunft erwarte ihn. Er gibt mir einen Highfive. Bald stellt sich heraus, dass nur geladene Gäste der drei Haupt-Clans auf die Bergspitze dürfen. Das Fussvolk jedoch müsse unten abwarten, ich eingeschlossen. Einverstanden, ich helfe dabei die Walschädel zur Dekoration der Kapelle aufzurichten. Ein Dutzend Mannsbilder sind dazu nötig. Die Mischung aus spirituellem Aberglauben und Weltreligion wird zunehmends sichtbar – Während der katholischen Messe erinnert der Bischof die Dorfbewohner daran, dass schlechte Taten ihre Vorfahren verärgern würden und dies logischerweise schlechte Resultaten provoziert. Im Gegensatz dazu werden alle guten Taten dazu beitragen, ein glückseliges Leben zu führen. Die Ahnen sind von grösserer Bedeutung, da sie alle Wünsche der Lamaleraner zu Gott tragen.

Postskriptum, bevor die katholischen Missionare in Lamalera ankamen, glaubten die Dorfbewohner an Lara Wulan „der Gott des Himmels“, Tana Ekan „der Gott der Erde“ und „Ina Leva“ die Mutter des Meeres. Zusätzlich verehrten sie ihre Vorfahren (die mit dem Aufstieg des Christentums zu den Heiligen „Saints“ erkoren wurden). Diese Urväter geben ihre Wünsche an Lara Wulan weiter. Die Priester erklärten, dass Wasser von Gott erschaffen wurde. Dies wurde akzeptiert, da es sehr einfach war, Ina Leva durch die heilige Mutter Maria zu ersetzen. Ina Leva, alias Mutter Maria, und die Vorväter schenken Lamalera das Essen um zu überleben. Das sind die Wale – ein Geschenk der Ahnen.

Begleitet vom Singsang eines Chors wird der Leib Christi verteilt, dann ruft der Bischof die Namen der Fischer auf, die während dem Dienst umgekommen sind. Wie eine Gruppe des Batafor Clan, die 1925 auf die Jagd ging und spurlos verschwand. Lediglich ihr Boot wurde gefunden. Die Zeremonie endet mit dem verstummenden Flackern der Kerzen, welche die Lamaleraner als Opfergabe für ihre Vorfahren ins Meer entsenden.

Als letzter Teil der zeremoniellen Leva Saison Eröffnung, segnet der Bischof die Paledang und symbolisch wird eines davon mit gehisstem Segel zur Jagd entsendet.

 

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Es kommt häufig vor, dass ein Wal von der Harpune eines Lamafa getroffen wird, dann entkommt und schliesslich von einem anderen getötet und ins Dorf zurückgeschleppt wird. Im Westen kam es dabei oft zu heftigsten Auseinandersetzungen wer nun welchen Anteil bekommt – doch in Lamalera folgt das einfachen aber strengen Regeln. Heute wird der Wal, den Papa Petro eine Woche zuvor angespiesst hatte, tot auf dem Meer treibend aufgefunden. Die Crew um Lamafa Goris hat ihn quasi zurückerobert. Der Zufall will es, dass genau diese Truppe gestern Abend ihr „Leo“ (das heilige Seil) geweiht hat.

Des gigantischen Fangs bewusst, spurte ich zu Petrus, der gerade gemächlich sein Boot pützelt. Als ich ihm Glückwünsche zusprechen will, bemerke ich, dass er nicht in der guten Laune ist, die ich von ihm erwartet habe. Das hat Gründe, denn obwohl er Wal de facto erlegt hat, darf er weder bei der Zerlegung teilnehmen, noch wird er einen Anteil bekommen. Denn über den toten Wal bestimmt nur die Crew, welche den Fang an Land bringt.  Wahrlich ein heiliges Geschenk der Vorfahren und Ina Leva. Denn der Pottwal stattlicher Grösse wurde vor der eigentlichen Leva Saison getötet und gleich nach der offiziellen Eröffnung ins Dorf gebracht. Mehr als ein Dutzend Männer sind vonnöten, um dieses tonnenschwere Geschenk festzubinden.

Während der Clan auf die Ebbe wartet, schärfen sie fleissig ihre Messer. Wie man sich vorstellen kann, ist die Metzgerei eines 15 Meter langen Pottwals eine ziemlich hässliche Szene.

Mir wurde gesagt, dass sie für grössere Wale Kettensägen benutzen würden. Aber für diesen „kleinen Kerl“ sollten gut geschärfte Messerchen den Job erledigen. Die Entscheidung welche Partie welchen Walanteil erhält, kommt vom Bootsbauer des traditionellen Paledang, dem „Ata Molan“. Er zeigt routinemässig auf Teile und erklärt, wie diese geschnitten werden müssen. Normalerweise wird folgendermassen verteilt:

  • Lamafa (er wird den grössten Anteil bekommen, obwohl er seinen Anteil nie behalten oder konsumieren darf, er muss ihn der Familie weitergeben, da der lokale Glaube ihn stets daran erinnert, dass falls er es für sich nehmen würde, seine Kinder dumm werden würden)
  • Der Clan des Grundbesitzers
  • Der Harpunenmacher
  • Die Crew- Der Clan des Bootes
  • Die Crew, welche assistiert hat um den Wal vor Ort zu töten
  • Die Witwen und Waisenkinder (der Teil in der Nähe des Schwanzes ist für sie reserviert)

Einige werden ihren Anteil auf den Märkten nahe gelegener Dörfer wie Posiwatu, Imulolong, und manchmal Lewoleba tauschen. Dabei gilt ein ungeschriebenes Gesetz; Tausche Walfleisch nur gegen andere Nahrungsmittel, aber niemals gegen Geld – trotzdem werden ein paar Lamaleraner ihren Anteil an andere Dorfbewohner verkaufen, um schliesslich ihre Rechnungen zu bezahlen.

Die Waljäger schneiden sich durch den Speck und zerlegen den Wal in seine Einzelteile. Es riecht wie in einer anderen Welt, als hätte der Ozean das Land erobert. Und in diesem tobenden Tumult aus Blut und Messern finden die Kinder reichlich Gelegenheit zu spielen, sofern sie nicht damit beschäftigt sind, die Schwarten zu waschen. Fröhlich kichernd bauen sie kleine Dämme aus Sand, um das sickernde Blut einzudemmen.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde sogar das Blut zum Kochen einer herzhaften Suppe verwendet. Während einige exotische Teile wie der Wal-Penis nur für eine Viagra-ähnliche chinesische Medizin verwendet wird, ist der Speck zusammen mit den Innereien von grösserem Nutzen. Einige dieser Wale enthalten mehr als 30 Gallonen Öl. Der grösste Teil davon fliesst aus dem Kopf, und eine bescheidenere Menge wird von den Familien aus dem Speck gerieben.

Der nützlichste Teil des Wals ist sein leicht entzündliches Öl, das als Feuer-Kickstarter oder altmodisches Lampenöl dient, manchmal wird es jedoch als Speiseöl verwendet, oder sogar als Nahrung für Kinder (da reich an Omega-3-Fettsäuren). Mit 500 Millionen Rupiah (35’000 USD) pro Kilo der wertvollste Teil; „Ambergris“, das nur im Verdauungssystem von Pottwalen produziert wird. Verdauungssystem? Yes, Wal-Kotze! Ambergris oder in altfranzösischem „Amber“ wird in Düften von Parfummarken wie Armani, Dior oder Yves Rocher verwendet. Ambergris wurde vor allem früher von Parfümeuren sehr geschätzt, weil es mit zunehmendem Reife einen süssen, erdigen Duft entwickelt. Doch für Lamalera ist der wichtigste Teil eines Wals offensichtlich sein Fleisch, das in Form sonnengetrockneter Lappen vielen Familien helfen wird, die kommenden Tage zu überleben.

 

Zur Bildgalerie der Waljäger-Reportage

Wieso rütteln an einer gut etablierten Mikroökonomie?

Während wir in der westlichen Welt Fortschritt mit Glückseligkeit gleichsetzen, mögen die Lamaleraner Veränderung nicht zu sehr, in erster Linie da sie Stolz und Identität haben. Sie wissen ganz genau, wo ihr Platz auf dieser Welt ist. Lese mehr zum Thema „Identität“ in der Rubrik – Geschichten der Lamafa.

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