Tote füttern, Tieropfer, Mumifizierung: Für die meisten von uns ist es per se anstrengend sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, doch für das Volk der Toraja ist es eine Lebensaufgabe. Die Verstorbenen werden über Jahrzehnte im Haus der Familie aufbewahrt bis die Ersparnisse für eine ordentliche Beerdigungszeremonie ausreichen. Die Toraja glauben, dass die Toten lediglich krank sind und erst während den traditionellen Ritualen des Rambu Solo’ den Weg ins Jenseits finden. Und zwar genau dann, wenn der erste Prunk-Büffel geopfert wird. Doch der Kult geht selbst nach der Beerdigung weiter, wenn die Verstorbenen für die Ehrerbietung wieder aus ihren Särgen geholt werden. Völker, die derart bizarre Bräuche trotz dem Stigma der Massenreligionen über die Jahrzehnte retten konnten, sind rar.


Die Toraja

Um Leben und Tod

Von Makassar hinauf zur Hügellandschaft Torajas. Man spürt, wenn das Motorrad dabei ist aufzugeben, man kennt das mit Unheil drohende Blubbern, das sporadische Nachlassen der Energiezufuhr. Präventiv besuche ich einen Mechaniker. Dabei helfen mir folgende Indizien um in Sekundenschnelle die Laien von Profis zu unterscheiden: ein ratloser Blick, unnötiges Gefummel, die Erkundung nach meinem Benzinstand, der Zündkerze oder dem Öl. Dieser Geselle lässt mich jedoch nicht gar nicht erst ermitteln, unbeholfen verschwindet er unter dem Gewicht meines Motorrads. Ich helfe ihm auf die Beine. Khaeril, auch stolzer Honda CB Besitzer, rollt rechtzeitig vorbei um dem Bastler auf Bahasa klar zu machen, dass kein Hammer oder Schraubenschlüssel ihm aus dieser Patsche helfen werden – Aufgeben ohne während dem Akt der Hilflosigkeit noch mehr Gesicht zu verlieren, scheint dem Amateur die liebste Option, er geht rauchen. Khaeril tätigt derweilen einige Anrufe. „Friends coming“, werde ich informiert. Und wie die Freunde kommen! Es dröhnt im Dorf, Passanten spurten aus dem Weg, Kleinkinder werden in die Häuser gescheucht, jetzt müsste nur noch einer das „Open-Schild“ auf die andere Seite drehen und die Szene wäre perfekt. Allen voran reitet der langhaarige Moses, der ehrenamtliche Präsident der Honda-CB Community Sulawesi, gefolgt von seiner Clique. Jeder macht einen auf cool. Wallende Mähnen hängen über die Akne, geknüpfte Dreieckstücher statt Helme schützen die Häupter. Ich wurde schon zig Male abgeschleppt, aber noch nie von einer Bikie-Gang. Links wie rechts positioniert sich ein Fahrer mit frisierter Maschine, um mich per Lichtgeschwindigkeit zum „Hondamergency-Room“ zu schieben. Khaeril besorgt Kaffee und Kuchen, die Spezialisten machen sich ans Werk. Mitzuerleben wie ein Rudel Tüftler aus purer Nächstenliebe um zehn Uhr nachts mein Motorrad heilen will, wäre bereits Genugtuung, aber Moses legt noch einen drauf. Ich sei jetzt Gang-Mitglied, ein Anruf plus Lokalitätsangabe genüge, und mir wird geholfen. Euphorisiert notiere ich die CB-Notfall-Nummer. Für den Fall der Fälle.

„Tana Toraja“ verspricht ein beschrifteter Torbogen. Die speziellen Behausungen und Reisspeicher der Toraja machen sofort klar; hier bist du im Wunderland, hier wird dir etwas geboten, das mit nichts zu vergleichen ist. Nicht mit anderer Architektur, nicht mit anderen Kulturen, und schon gar nicht mit anderen Traditionen.

 

In Rantepao setze mich in ein idyllisches Café und bestaune das Treiben auf der Strasse. Ein 6-Jähriger kauft von ambulanten Eisverkäufer, leckt und raucht dazu synchron Zigarette. Hier gehen sie gleich nach der Geburt in die Pubertät über. Halbe Motorräder mit angeschweissten Passagiergehäusen sind für den Nahverkehr verantwortlich. Ganze Familien finden darin Platz. Im Hintergrund bimmeln die Kirchenglocken den hörigen Schafen ins Gewissen. Heute ist Sonntag, Messetag für die Christen. Mittlerweile machen sie in der Region Toraja über 80 Prozent aus. Die Zahl darf erwähnt werden, denn in Indonesien sind die Jesus-Fans zahlenmässig weit unterlegen. Eine schwarze Tafel im Hausinneren lädt zum Nachdenken, sie visualisiert eine Übersicht der angesagten Beerdigungen für den Monat August. „It’s peak season for funerals“, verkündet die liebenswerte Barista Jessica beiläufig, während sie bedacht Heisswasser in das Kaffeepulver gibt. „Tote müssen gefeiert werden, so handhaben wir das hier in Toraja“, weiht mich der Jurist Ringgi ein. Genialer Café, gemütliches Ledersofa, wohlgesinnte Informanten – was könnte ich mehr von einem Büro erwarten. Von hier aus werde ich operieren. Die Jagd auf die Toten kann beginnen.

Rambu Solo’ in Lo’Ko Uru

Mit Büffelblut auf die Seelenautobahn

Toraja ist berüchtigt für bizarre Rituale und einen unvergleichbaren Ahnenkult. Gemäss Archäologen sind die Bräuche über 900 Jahre alt. Es könnte kaum einfacher sein eine Beerdigung auszumachen. Unlängst haben sich zahlbare Guides auf das Geschäft mit dem Jenseits und das „Funeral Crashing“ spezialisiert. Oder aber, man wartet ab bis ein Lastwagen gefüllt mit ein paar Dutzend dunkel Gekleideter durch Rantepao klappert und schliesst sich an. Mir ist jedoch bewusst, die intimeren Abschiedsfeiern finden irgendwo auf einem unscheinbaren Bergzipfel statt. Lo’Ko Uru bietet sich an, denn die Strasse dorthin sei steil und in „very bad condition“, ergo ein minimales Ausmass an Totentourismus. Zur Morgendämmerung breche ich auf, komme jedoch kaum weit, denn die Aussicht auf die verschleierten Reisfelder lenkt zu sehr vom manövrieren durch die wannentiefen Löcher ab. Bedacht inhaliere ich die feuchte Luft und halte inne. Gedanken trudeln, Gewissenskonflikte, Vorfreude. Beerdigungen fremder Familien nachzustellen, um dabei mehr über das Leben zu erfahren, ist ein biederes und gleichzeitig faszinierendes Unterfangen.

Unzählige Haarnadelkurven und Dreckspisten später; Lo’Ko Uru. Es lässt sich unmittelbar erkennen, die Toraja geizen nicht, wenn es um die Verabschiedung ihrer Verwandten geht. In den vergangenen Monaten wurde eine temporäre Arena aus Bambus gefertigt um die Schar von rund 800 Gästen während !fünf! Beerdigungstagen zu verköstigen. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie, um das Ehepaar Uru Philippus Possali und Albertina Allo gebührend zu verabschieden. Philippus starb vor drei Monaten und seine Frau folgte ihm ein paar Wochen später. Wohlgemerkt, drei Monate Wartezeit bis zur Beerdigung sind hier eher ein Negativrekord. Ringgis Familienclan brachte es vorletzten Montag auf !40 Jahre!. Eine Dreierbeerdigung für den vor 40 Jahren verstorbenen Grossvater, dessen seit 15 Jahren toten Sohn, sowie den seit fünf Jahren toten Bruder.

Durch die pittoreske Anlage streunen. Billy und Noël, die Enkel der beiden Verstorbenen fangen mich ab. Beides stramme Kirchengänger, gestern eingeflogen von Jakarta. Eine gute Gelegenheit um zu klären, ob ich denn willkommen sei. „Mehr als das!“ Wird mir versichert. Einen Bule (übersetzt west alias Westler) dabei zu haben, schmeichelt dem Familien-Prestige. Ausserdem sei es kein Tag der Trauer, sondern ein Tag der Freude. Ich solle doch auch morgen wiederkommen, denn heute würden sie nur symbolisch zwei Wasserbüffel opfern. Morgen sind es dann weitaus mehr. Ganz zu schweigen von all den Mastschweinen. Zu beobachten wie eine Büffelherde zerhackt wird, um den Toten zu huldigen, sei nicht unbedingt das Hauptmotiv meines Besuchs, erkläre ich so rücksichtsvoll wie möglich. Aber die Hintergründe würden mich interessieren. „Easy“, erläutert Noël: „Der Tod des ersten Büffels kurz nach zwölf Uhr mittags, wenn sich die Sonne zu senken beginnt, markiert den Startschuss für die Reise der Seele nach Puya (Rambu = Rauch/ Solo =hinunter). Dort wird sie vom Schöpfer Puang Matua erwartet und darf ein ähnliches Leben wie hier weiterführen. Wir glauben, dass auf den letzten Hauch eines Menschen die Übergangsphase folgt. Der Leib ist nur krank und dessen Seele verweilt auf Erden bis wir den auserwählten Büffel lynchen.“ Und, je mehr Büffel sterben, desto rasanter findet die Seele ihren Weg in den Himmel? „Yes“, bestätigt Billy: „24 Büffel ist die magische Anzahl, die vorgeschriebene Mapasa‘ Tedong für unsere Kaste. So will es Aluk To Dolo, dem Weg unserer Ahnen.“ (Eine Lehre die nie niedergeschrieben, sondern nur oral überliefert wurde). Was über der idealen Anzahl an Opfern liegt, sei reine Angeberei. Da fällt mir Jessica ein, sie erwähnte gestern einen Familienclan, der im Vorjahr hunderte Büffel, dazu Pferde und einen vom Aussterben bedrohten Vogel aus Papua Neuguinea opferte. Angehörige einer niedrigen Kaste sind derweilen happy, wenn sie zwei drei Büffel opfern können. Der Büffel – Kultsymbol für Erfolg und Status.

Ein Blick in die Manege: Der Kaste entsprechend wurden die Gäste in nummerierte Bambustribünen platziert, nahe der Familie sind die wichtigeren Besucher untergebracht, unter anderem der protestantische Priester, der gerade mit dem Zeremonienmeister tuschelt. Vielleicht reden sie über die gerade präsentierten Seelentaxis, die Büffel mit Namensbeschriftung und lustiger Verzierung. Kastensystem, Religions-Humbug, Geisterglauben – Jeder Kubikmeter ein Flickenteppich des übernatürlichen Wahnsinns. Das Ritual scheint zu beginnen, Tomina Arthur ergreift das Mikrofon und legt eine Gedenksrede hin als ob ihn ein brasilianischer Sportkommentator trainiert hat. Währenddessen bindet jemand den auserwählten Büffel fest. Der Henker betritt die Bühne, gewappnet mit Grinsen, Mützchen, Lasso und traditioneller Machete. Lässig wie ein argentinischer Gaucho watet er in Richtung festgebundenes Tier, dann geht es schnell. Ein gezielter Schlitzer und der Büffel weicht murrend rückwärts, warmes Blut spritzt in alle Richtungen, auf meine Hose, nicht doch, auch ins Gesicht. Kinder kreischen. Vor Freude. Die Senioren nehmen es gelassen, laben sich am Reiswein und tratschen unbekümmert weiter. Wer will es ihnen verübeln, sie haben schon tausende aufgeschlitzte Büffelhälse gesehen. Mit letzter Kraft bäumt sich das Tier nochmals auf, stolpert schräg zur Seite und fällt wieder in sich zusammen. Ein letztes Stöhnen entweicht dem Rachen und kurz darauf versiegt auch die quellende Blutfontäne aus der Halsschlagader. Das Ritual „Aluk Bembilakan“ für Philippus ist vollbracht, somit ist der zweite Büffel dran, damit auch Albertinas Seele ins Jenseits findet. Die gefesselten Schweine quietschen auf, der Henker macht sich auf den Weg. Jetzt eine heitere Szene, etwas das über das Blutbad hinwegtröstet, wenn auch nur kurzfristig. Parallel zum finalen Röcheln von Büffel Nummer zwei, schwärmen traditionell gekleidete Damen mit Kaffeekrügen und Gebäck aus. Ein Akt der weiblichen Grazie, die sich wie ein sanftes Seidentuch über das Massaker legt. Während die Metzger mit dem Zerlegen beginnen, versucht ein Grüpplein Kleinkinder per Plastikbecher kreisende Fliegen über den Kadavern zu fangen. Hin und wieder schleicht einer der Hunde zum Stapel kaputtgehackter Mastschweine, um einen Fetzen abzuschleifen, andere begnügen sich damit den Tatort zu lecken.

Ich wische das Büffelblut ab und gehe essen. Henry kommt dazu und beginnt mich auszufragen, das irritiert, denn eigentlich will ich ja ausfragen. Gibt es etwas langweiligeres als in einem fremden Land über die eigene Person zu reden? Ich lenke ab und teste sein Kulturverständnis. Was sich denn über die Zeit geändert hätte bezüglich der Rituale? Henry erwähnt das rigorose Kastensystem der Toraja vor dem Einfluss der Kolonialmacht. Bis im Jahr 1909 liess sich die niedrigste Kaste (die Sklaven) freiwillig abfackeln, um als ehrwürdige Asche über dem Leichnam ihrer verstorbenen Besitzer verstreut zu werden. Seien wir ehrlich, es gibt auch positive Aspekte europäischer Kolonialisierung. Henry verbrachte ein halbes Leben in den Goldminen von Papua und Kalimantan. „Wie praktisch alle hier“, scherzelt er nonchalant. Rund 450’000 Menschen leben in Toraja, 200’000 sind weggezogen. In die Stollen der Nachbarinseln oder in die überlaufenen Metropolen. Nur um an das nötige Geld für die pompösen Abschiedsfeiern zu kommen. Eine Beerdigung einer Familie mittlerer Kaste kostet locker über 100’000 USD. Für Noblemen, Mitglieder höherer Kasten, sind Ausgaben von 500’000 USD nicht selten. Davon fällt ein Drittel der Kosten auf die Wasserbüffel, die 10’000 bis zu !40’000! USD pro Exemplar kosten (je heller und einzigartiger das Fell, desto mehr will der Verkäufer) – Das macht mindestens ein Jahr Stollen in Papua pro Opferbüffel.

Ausserdem sei es üblich, ein Schwein oder einen Büffel mitzubringen, wenn man zu einer Beerdigung eingeladen ist. Dies sei jedoch eher ein langfristiger Tauschhandel. Spende ich dem Gastgeber einer Gedenkfeier einen Top-Büffel mit hübschem Design und langem Gehörn, wird mir der Beschenkte zu meinem Fest ebenso einen Top-Büffel mit hübschem Design und langen Gehörn anschleppen. Dann all die Kleinigkeiten, die sich summieren. Nur schon die Ausgaben um den Kaffeekonsum der Freiwilligen zu decken, welche wochenlang an der Todesarena schrauben, kommt auf drei Minen-Monate in Papua. Hingegen sind die Gehälter für Torajas Reisbauern, die kaum exportieren, sondern den grössten Teil selbst konsumieren, eher bescheiden. „We basically live to die“, meint Henry, nun eher ernüchternd mit einem Hauch Sarkasmus. Hierzu passt Ringgis Anekdote vom Vorabend; Mindestens einmal pro Monat erhalte er ein Akquise-Telefon von seinem Bankberater, welcher ihm Länderein anbietet. Ländereien die von der Bank übernommen wurden, da die Kredite nicht zurückbezahlt werden können. Wieso Kredite aufgenommen werden? Um Beerdigungen innerhalb der Verwandtschaft zu finanzieren, oder um die Büffelschuld zu tilgen. Natürlich hat die lokale Bank weder Beerdigungs- noch Büffelkredite im Produktportfolio. So wird unter dem Deckmantel einer genialen Geschäftsidee Geld beantragt. Gerade heute erfahre ich von der Tragödie des angehenden Ökonomen Windy, der auch mit mir im Café abhing. Seit gestern sitzt er im Gefängnis. Sofern Ringgi ihn nicht rausholen kann, bleibt er da für vier Jahre. Der Hintergrund? Mit seinem Temporärjob bei der Polizei war er für die Besteuerung der Fahrzeugs-Registrationszertifikate (STNK) zuständig. Anstatt die üblichen Bestechungsgelder einzuheimsen, um den trägen Amtsprozess zu beschleunigen, verkaufte Windy die STNK stattdessen auf dem Schwarzmarkt. Schnelles Geld für… Muss ich es noch hinschreiben? Die Bürde kommt vor der Würde. De facto gibt es zwei Gründe, wieso Beerdigungen bis auf zehn Jahre hinausgezögert werden. Erstens ist es schwierig die gesamte Sippe zu einem Termin zu bewegen, denn die meisten leben oder arbeiten irgendwo in Asien verstreut. Und zweitens, die Festivitäten kosten ein Vermögen. Jedes Geld verdienende Familienmitglied, sollte Opferbüffel beisteuern. Dabei hat kaum einer das Ersparte zusammen. Nur wer sich komplett der Kirche hingibt, dabei dem Weg der Ahnen entsagt und alle ausstehenden Büffelschulden zurückzahlt, wird die Ketten zu Torajas Erbe kappen. Bleibt die Frage, wieso in Aluk’s Namen der Büffel, und nicht das Gürteltier oder der Schopaffe? Henry klärt auf: „Vor der Ankunft Niederländischer Missionare in Sulawesi, hatten die Toraja ihren Gott Puang Matua, und dieser seinen irdischen Propheten, der Prophet war das erste Wesen auf Erden, und gleich danach kam der Büffel.“ Einverstanden, niemand hier wird das Gegenteil behaupten. Nicht nur, dass Henry weitere Fragen bis ins Detail beantwortet, nein, er schreibt die Gedankenlücken in sein Notizbuch, um sie später mit Tato Dena’, dem Ur-Zeremonienmeister von Toraja, zu klären. Und woher die Tüchtigkeit? Es sei ihm wichtig, die Traditionen weiterzuführen, denn Aluk To Dolo verliert laufend Anhänger.

Action! Die Särge mit Philippus Possali und Albertina Allo werden aus dem Familienzimmer gehievt um sie für einige Tage auf einem speziellen Thron zu parken. Erst am fünften und letzten Tag wird die Familiebande mittels mit einer Parade den Sarg zum Mausoleum tragen. Ganz der Ahnenlehre entsprechend. Würden die Toraja keine Rambu Solo’ Zeremonie durchführen, die Seelen der Verstorbenen wären dazu verdammt als Bombo (Geister) auf Erden zu weilen und die Lebenden zu belästigen. Das will ja keiner.

Büffelmarkt

Eine neuer Kleinwagen oder doch ein Büffel?

Bolu-Markt in Rantepao. Ich habe Pech, heute ist er nicht hier, der rare 40’000 USD Tedong Salego (ein fast weisser Büffel mit leicht gepunktetem Körper und hellblauen Augen). Dafür hat Viehhändler Marcus etwas Zeit für mich. Ich mime den potentiellen Käufer, eine Beerdigung stehe an, und ich wolle mich nicht lumpen lassen. Sein Büffel sei genau was ich suche: stramme Stummelbeine, längliches Gehörn, sowie eine exklusive Fleckenpartie unterhalb des rechten Auges. Marcus greift nach seinem Taschenrechner: 150’000’000 Indo-Rupiah (knapp 11’000 USD). „Die Flecken machen den Preis“, so der Besitzer. Ein Schnäppchen! Etwas handeln gehört jedoch ins Pflichtenheft. Als Marcus verspricht zwei Schweine plus fünf Hühner draufzulegen, schlage ich zu. Bevor ich mit dem Sack voller Rupiah wiederkomme, müsse ich noch bei der Bank anrufen und meine Aktien verkaufen. Er solle schon mal alles sauber einpacken. Wer wohl das grosse Geld mit dem Schlacht- und Opfervieh macht? Jessica weiss die Antwort, gewiefte Muslime nahe Palopo unterhalten riesige Schweinsfarmen um dem Bedarf aus Torajas nachzukommen. Postskriptum, der Islam verbietet zwar den Verzehr von Schweinen, aber nicht deren Haltung. Selbst Büffelzuchtbetriebe seien im Vormarsch. Das unaufhaltsame Geschäft mit dem Tod.

Toma Kula’

Die Kranken

Henry ruft an. Es sei dringend. Er habe von einem Dipopa’Doko erfahren, einer sitzenden Leiche. Eine sitzende Leiche? Sicherlich sei ich interessiert, sehe jedoch keinen Grund zur Eile, da Leichen, ob sitzend oder liegend ja kaum davonrennen. Tags darauf mache ich mich auf nach Sereale, zum Tongkonan Rondo. Daisy führt mich in den oberen Stock des traditionellen Hauses, wo ihre 106-jährige Urgrossmutter Nene’ Tiku liegt. Ja liegt, nicht mehr sitzt, das Sitz-Ritual wurde gestern durchgeführt. Körper verbiegen trotz Leichenstarre? Ich Tor, verpasse ich doch das Ereignis, worüber man in Toraja wohl noch lange reden wird. Die vor drei Tagen verstorbenen Nene’ Tiku gehört zur höchsten Kaste, daher ist es dem Familienclan erlaubt ihren Körper für kurze Zeit in eine Sitzposition zu krümmen. Draussen stimmt sich der Chor der Kirchgemeinde ein. Ich frage Daisy, wieso denn niemand trauert. „Ganz einfach, es ist uns nicht erlaubt zu weinen in Gegenwart der Verstorbenen. Und sowieso, für uns ist Nene’ Tiku krank – eine Toma Kula’.“

Jahrestag der Unabhängigkeit von den Niederlanden. Regnerischer Morgen in Rantepao. So wie alle Morgen in Rantepao regnerisch sind. Henry begleitet mich zur Familie des verstorbenen Pong Masak. Doch vorher gehen wir Zigaretten und Betelnüsse kaufen. Als Mitbringsel für das Familienoberhaupt. Das weisse Fähnlein am Eingang des Tongkonans kündigt an, dass ein Toma Kula’ anwesend ist. Selbstverständlich dürfen wir eintreten, begrüsst uns Pairuan herzlich, er sei gerade dabei seinem Vater Essen zu servieren. „Wach auf zum Frühstück“, meldet Pairuan, als er den Sarg öffnet. Ich äuge auf die Reisschale, dann auf den knochigen Pong Masak, der vor elf Jahren abdankte, wieder auf die Reisschale, zu Pairuan, zu Henry, der irgendwie erwartet, dass ich etwas zur Szene beitrage. „Ähm, ja, wir haben etwas mitgebracht“, erkläre ich feierlich. Henry beginnt die Betelnüsse zu schälen und richtet dabei seine Worte an Pong Masak. Macht ihm klar das Besuch da ist. „Wir glauben, die Seele ist in diesem Raum, auch sie muss essen und will ab und zu Betelnüsse kauen oder rauchen“, resumiert Henry und zündet sechs Zigaretten an; eine für sich selbst, eine für mich, eine für Pairuan plus drei weitere für Pong Masaks Seele sowie deren Kollegen aus dem Jenseits. Wir alle sollen zusammen rauchen: die vom Teer Dahingerafften, und die mit dem bösen Husten. Rauchen verbindet, das stimmt immer wieder. Obwohl ich mir dem Ernst der Situation völlig bewusst bin, muss ich innerlich etwas schmunzeln.

Frische Luft. Wir machen es uns unter dem Dach des Reisspeichers (dem Alang) gemütlich, dort wo die Toraja üblicherweise ihre Gäste empfangen. Ich bin vor allem darauf gespannt, was die Familie gedenkt Herrn Pong Masak mit auf die Reise zu geben, sofern sie sich irgendwann auf den Termin für die Beerdigung einigen können. Doch Pairuan will es nicht preisgeben, aus Angst jemand könnte das Grab plündern. Grabraub ist in Toraja keine Seltenheit. Was jedoch noch tragischer ist, sind die hin und wieder verschwindenden Mumien. Antiquitätensammler haben keine Skrupel hiesige Schlepper anzuheuern um sich ein gut erhaltenes Gerippe für ihre private Ausstellung zu besorgen. Man vermutet in Bali wohnhafte Ausländer, die gestohlenen Baby-Mumien wiederum sollen auf das Konto von Fans okkulter Medizin gehen. So das Hörensagen. Zum Abschied schenkt mir Henry die Geschichte eines Liebespaares:

Mann und Frau verlieben sich. Doch aufgrund des Kastensystems passen sie rein technisch gesehen nicht zusammen. So entschliessen sich die Eltern einzugreifen um würdige Partner für ihre Erben zu finden. Das klappt soweit, beide heiraten. Doch die zweite Liebe entflammt nicht wie die erste. 50 Jahre später stirbt der Mann. Und die Frau, deren Liebe zu ihm nicht geduldet wurde, geht schnurstracks zu seiner Familie. Und bittet darum, ein kleines Geisterhaus in der Nähe des Sarges aufstellen zu dürfen. Damit sie dann später, im Falle ihres Todes, zu ihrem Geliebten findet.

Quasi ein Treffpunkt für Seelen im Jenseits. Wie unendlich schön. Am nächsten Tag besuche ich Esther Paseru. Sie starb vor drei Tagen im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt. „Ein spezieller Gast kommt dich besuchen“, werde ich von Neffe Andy angekündigt. Die frisch gepflückten Pflanzen überschatten den beissenden Formalingeruch. Esther wurde im südlichen Raum des Tongkonan untergebracht, die Toraja glauben Puya (der Himmel) liegt im Süden, während der Norden für das Leben steht. Ich kann mir die Frage nicht verkneifen, wieso Esther denn nicht gegen Süden ausgerichtet wurde? Andy weiss Bescheid: „Der Kopf muss in den Westen zeigen, denn sie ist gefangen in der Übergangsphase, weder hier noch in Puya. Am ersten Tag des Rambu Solo’ werden sie Esther gegen Süden drehen“.

Ma’Nene

Tot mit Stil

Pong Rumasek streift durch die Berge. Er ist auf der Jagd. Unter einem Baum entdeckt er ein verkommenes Skelett. Er hüllt die Knochen in Kleider und bestattet es sorgfältig. Daraufhin entwickelt sich sein Leben prächtig, er wird von Glück und Reichtum verfolgt. Seither glauben die Toraja, dass die Geister sie belohnen würden, falls sie ihre Toten entsprechend gut behandeln. Ein Märchen? Auf jeden Fall. Doch Märchen werden wahr, wenn man daran glaubt. Sie werden zu Geschichten. In der Wunderwelt von Toraja bestimmen Geister und Übersinnliches den Alltag. Was wurde ich bereits mit unglaublichen Geschichten konfrontiert: Von toten Babies, die weiter wachsen, so das die Familie jährlich einen neuen Sarg bestellen muss. Von just Getauften, die sich ekstatisch schütteln sobald das Weihwasser auf die Stirn tröpfelt. Von spazierenden Toten, ja ganzen Paraden die durch Dörfer marschieren. Vom Wettermann und seiner Kontrolle über den Regen. Von verstörten Seelen, die den Lebenden nachstellen. Ja von Werwolfsgeistern und gezieltem Mord per schwarzer Magie. Doch zunehmend verschwinden die Geschichten, und werden zur fantastischen Mär. Und, eine neue tritt an ihre Stelle – die Bibel. Genauso grotesk, nur besser formuliert und in gedruckter Form erhältlich. Die Kirche bemüht sich redlich, den Narren ihren Humbug auszutreiben. Doch ist der Ahnenkult zu tief verankert in der Kultur der Toraja, den Vorfahren muss auf ewig gehuldigt werden. Das Thema wurde bereits durch die internationale Presse gereicht. Trotzdem sehe ich es als eine Ehre, vor Ort dabei sein zu dürfen, wenn die Toten aus ihren Särgen geholt, um entstaubt und neu eingekleidet zu werden. Ma’Nene (die Pflege der Ahnen) ist wohl eines der bizarrsten Rituale, die sich in die Neuzeit retten konnte.

Einchecken im Bergdorf Panggala. Die Hände von Endri, Klaus und Wesley schütteln. Allesamt gestandene Fotojournalisten. Unsere Checkliste für die nächsten Tage: recherchieren, Friedhof-Hopping und einfangen, was einzigartiger kaum sein könnte. Wir formen die Ghostbusters von Panggala, einfach mit Spiegelreflexkameras anstatt Protonpack, mit Motorrädern anstatt Cadillac ECTO-1. Nur während der kurzen Zeitspanne von eins bis zwei Wochen, nach der Reisernte und vor der nächsten Saat, sei es erlaubt die Ahnen zu „pflegen“. Rein aus Glaubensgrundsätzen, versteht sich. Dabei bleibt es der jeweiligen Familie vorbehalten, wann, ob und wie sie Ma’Nene praktizieren. Und dazu kommt, in Panggala wird anders vorgegangen als in den Nebendörfern Baruppu oder Sesean. Gleich um die Ecke wird heute Morgen eines der Familienmausoleen geöffnet. Als wir eintreffen, liegt die Opfersau bereits steif über dem Feuer. Die traditionellen Särge werden herausgeschleppt. Unverzüglich kniet Tochter Merlin nieder und trauert neben Martha, die zwei Jahre zuvor verstarb. Mundschütze werden aufgesetzt, Ehemann Yohannes öffnet den Deckel. Die Sonne strahlt auf die leblose Martha Rantelimbong. Den Gegebenheiten entsprechend, könnte man behaupten, sie befinde sich in gutem Zustand. Kaum ausgepackt, beginnt Yohannes seine Geliebte zu pützeln. „Ich freue mich, sie wiederzusehen“, kommentiert er und lässt dabei den Pinsel sorgfältig über Marthas Gesicht gleiten. Wenig später wird Martha aufgerichtet, um gereinigt und poliert zu werden. Merlin hat sich wieder gefangen und posiert nun neben ihrer Mutter für einige Selfies. Andere verwandte Leichen werden für Familienfotos dazugestellt. Anschliessend gilt die Aufmerksamkeit der neu eingekleideten Ne Christina Bane’, die von ihrem Sohn herumgeführt und präsentiert wird. Währenddessen wird Ne Pua ausgepackt. Es ist das erste Mal, das Enkel Sang Rappu seinen Grossvater sieht. Er zündet ihm eine Zigarette an. Sobald alle wieder fein säuberlich gebettet in ihre Grabstätte verfrachtet wurden, gehen wir gemeinsam zum Mittagessen, die mit Schweinsstücken und Reis gefüllten Bambusstangen (Pa’piong) sind gar.

Neuer Tag, neuer Friedhof. Wieder werden wir warm begrüsst. Wieder sind wir nicht die einzigen Ausländer vor Ort. Ab und zu erreicht ein Tipp Rantepao und die Guides führen Touristen hoch, das spielt den Familien keine Rolle, im Gegenteil, es sei eine Ehre einige Bules dabei zu haben. Es geht los, Angga exhumiert Grossvater Tandi und legt ihn zum Trocknen auf einen Bund maroder Decken. Sehe nur ich es so, oder ist es allgemein gesehen lustig, wenn ein Enkel dem Skelett seines Opas die Unterhosen auszieht? Glücklicherweise lässt sich Fremdscham, wie auch Anteilnahme und Sarkasmus durch Lächeln ausdrücken. Unkundige werden den feinen Unterschied kaum erkennen.

Dann geschieht etwas, das sich wohl für länger auf meiner Grosshirnrinde einbrennen wird. Juli drückt mir unerwartet den brüchigen Leib ihrer Schwester in die Arme. Ein totes Baby. Und schiesst einige Fotos. Möge man mich als prüde bezeichnen, doch Baby-Mumien fremder Familien zu halten, geht eine Spur zu weit. Ich rette mich wieder zu Angga, der in der Zwischenzeit die gesamte Männerrunde Tandi, Songa und Todeng wiedervereint hat. Doch selbst hier soll das namenlose Baby (namenlos, da noch keine Zähne) dazu präsentiert werden. Im Hintergrund triumphiert das lateinische Kreuz, Symbol der Kirche, Symbol der Sünde. Gäbe es einen Allmächtigen, ich bin mir sicher, er würde jetzt eingreifen. Eifrig werden die Grabbeigaben durchleuchtet: Mobiltelefone aus den 90ern, Identitätskarten, Geldstücke, Handtaschen, Strickzeug, und natürlich die Lieblingszigarettenmarke. Die Realsatire erreicht ihren erneut Höhepunkt kurz vor Mittag. Die Gerippe werden mit frischen Hemden, Hosen oder Ausgehrobe gestylt, Sonnenbrillen werden getauscht, Zigaretten in steife Münder gesteckt. Haben alle genügend Gruppenfotos von der toten Grossmutter, von der toten Grossmutter zusammen mit der toten Cousine zweiten Grades, von der toten Grossmutter zusammen mit der toten Cousine zweiten Grades und dem toten Typen den Grossmutter nie wirklich mochte, werden wieder alle wieder ordentlich verstaut.

 

Ich brauche eine Ma’Nene-Pause und fahre für zwei Tage nach Rantepao. Als ich wiederkomme, ist der Hund verschwunden, der mich verlässlich jeden Morgen aus dem Bett gekläfft hat. Gastgeber Vegas will es mir nicht beichten, ich erfahre erst später, dass Grossvater ihn gegessen hat. Hätte er sich doch zähmen lassen! Die Frage bleibt, wie der an einen Rollator gebundene 85-Jährige den quirligen Hund erwischen konnte. Zum Kaffee unterhalte ich mich Esram Jaya, der lupenreines Englisch beherrscht. Er gönnt sich eine Pause von den Goldminen in Laos um seine Familie bei Ma’Nene zu unterstützen. Wie es denn so war? Hätte ich gerne gewusst. „Well, it’s basically like cleaning the room.“ Wie ein Zimmer sauber machen?! Was ihn so richtig traurig stimme, ist die Tatsache, das sein Manado-Gockel gestern den Kampf in Baruppu verlor – 2’000 USD dahin. Ich muss es zusammenfassen: „Du hast mit deinem Ersparten aus einem Jahr Minenarbeit in Laos einen Kampfhahn in Manado gekauft und diesen gestern in die Schlacht auf Leben und Tod gegen einen Lokalmatador aus dem 1’000 Meter höher gelegenen Baruppu geschickt?“ Esram: „Yes, better than spending it at the next funeral“. Mitleid zeigen oder losprusten? Ich bin mir unschlüssig. Doch würde mir sein Galgenhumor alles erlauben. Esrams Beitrag hat keinerlei Tiefe, er erhandelt indes einen Allerweltswahnsinn. Ich glaube nicht an eine spezifisch indonesische Dummheit, bin mir ganz bewusst, dass die Geistesarmut global ihr Unwesen treibt. Der Unterschied ist lediglich, dass sie hier darüber lachen.

Montag, 28. August. Vor zwei Wochen wurde ein Tomina zum Friedhof Balle’ geladen. Er hat per Massabu-Ritual die Geister um Erlaubnis gebeten, das Massengrab öffnen zu dürfen. Dazu wurde an dessen Pforte ein Huhn, ein Schwein und ein Hund exekutiert. Die Geister sagten zu. Heute ist es soweit, die rund 50 Särge werden herausgeholt, um sie ins neue Mausoleum zu tragen. Eine gute Gelegenheit für die Familien gleich auch ihre Ahnen zu putzen. Es beginnt etwas makaber, überall liegen undefinierbare Leichenteile, die zuerst sortiert werden müssen. Hundertjährige Skelette, von denen niemand mehr genau weiss, welcher Rippe zu welchem Schädel gehört, werden auf Tüchern gesammelt. In den umliegenden Mausoleen beginnt gleichzeitig die Routinearbeit: Deckel auf, Gebeine abpinseln, klebrige Kleider wegschneiden, Körper zum Trocknen aufstellen und anschliessend frisch einkleiden. Dieser Tag überfordert selbst routinierte Ma’Nene-Enthusiasten. Wo mit dabei sein? Beim Veteranen Djim Sambara, der ehrenvoll in seiner Uniform bestattet wurde? Beim Typen, der Leopardenunterwäsche trägt? Bei der kleinen Clara, welche ihre Schwester hütet, die sie nie lebend gesehen hat? Zeit etwas zu schaudern, plötzlich belagern unzählige Krähen die Baumkronen. Die Vorboten des Todes und Überbringer der Seelen. Man munkelt; sind Krähen nach dem Tod anwesend, ist dies Symbol für eine besondere Botschaft der Verstorbenen und eine Bestätigung für die Wiedergeburt, das Vergiessen vom Alten und das Erwachen in das Neue.

Ma’Nene ist vorbei. Zumindest für die Kommune von Panggala. Bevor die neue Saat beginnt, wird aber nochmals der Ernte gedankt. Christliche Lobliedchen erklingen, Büffel und Schweine werden geschlachtet, Dorfchefs schwingen ihre Reden, Schweinsköpfe werden versteigert. Männer saufen Bolak, rauchen und furzen zufrieden. Die Ladies reichen Reis und Pa’piong. Allen gemein, sie lachen, witzeln, haben gute Laune – der Tod ist in Toraja längst alltagskompatibel. Ich habe bereits zu viel gesehen und zähle mich daher zu den Hornhautmenschen. Selbst der Sensenmann kann mir nicht mehr sonderlich imponieren. Trotzdem wäre es illusorisch zu behaupten, ich könnte das Erlebte der vergangenen Tage bereits richtig einordnen. Mögen diese Gedenkstage für mich noch so befremdend gewesen sein, aus dem Blickwinkel der hier anwesenden Familiebanden waren es Tage der innigen Freude, eine Gelegenheit um sich selbst zu feiern und um ihren Liebsten die Ehre zu erweisen. Vielleicht sollte ich die Frage in die Runde werfen, was man hier von bezahlter Grabpflege inklusive Giessdienst hält. Der Schock wäre ausgeglichener.

Tato Dena’

Halte die Geister glücklich!

Tato Dena’ habe heute Zeit für mich, meldet Henry per SMS. Viel hatte ich bereits im Vorfeld gehört vom weisen Tomina, der sich erfolgreich gegen die Fänge der Christen stemmt. Es wäre töricht, die Gegend zu verlassen ohne den Schlamassel aus Geisterglauben und Religion etwas besser zu verstehen. Und wer kann mir besser auf die Sprünge helfen als der Meister persönlich. Ein Meister, der gerade beschäftigt ist, ein Huhn zu zerrupfen. Puang Pantan hat um seine Dienste gebeten. Denn die Ernte seines 1.7 Hektar grossen Feldes muss gesegnet werden. „Ma’Karoen-Roen – Thanksgiving for spirits“, erklärt Henry. Eines der 7’777 Rituale von Aluk To Dolo. Die Gaben werden den Reisgeist Takkebuku gütig stimmen. Tato Dena’ flüstert einige Preisungen in Richtung Reisfeld. Die Szene könnte kaum rührender sein, inmitten herrlicher Natur spricht ein Greis mit dem Vermerk „Hindu“ in der Identitätskarte zum Takkebuku, direkt hinter ihm, auf dem Buntu Hill bei Makale, spreizt die weltweit grösste Christus-Statue ihre Arme. Und das alles im islamischen Musterstaat Indonesien. Ich werde eingeladen auch morgen wiederzukommen, dann hätten sie auch das spezielle Opferschwein mit dem gepunktetem Kopf dabei, der zweite Teil des Rituals stehe an.

Auf dem Alang darf ich Tato’ Dena einige Fragen stellen. Natürlich interessiert mich seine Sicht auf die Zukunft Aluk To Dolos am meisten. Der achtfache Vater gibt sich informativ und fängt weiter vorne an. Gerade in Indonesien ist es schwierig für die Ethnien sich mit ihrem Animismus (Allbeseeltheit der Natur) zu behaupten. „There must be a god“ gibt die Regierung seit 1965 ihrem Volk zu verstehen. Wenige Jahre nach der Unabhängigkeit von den Niederlanden stehen folgende Massenreligionen zur Wahl: Hinduismus, Islam, Christentum (Protestantismus und Katholizismus), Konfuzianismus und Buddhismus. Ein jeder Einwohner Indonesiens, muss sich zu einer dieser Religionen bekennen. Nach einigen Revolten wurde Aluk To Dolo im Jahr 1969 als eine Sekte des Agama Hindu Dharma (Hinduismus) anerkannt. Dieser Entscheid transformierte alle Toraja, die bis dato noch nicht dem Christentum verfielen offiziell zum Hinduismus. Ohne dass dies einen Einfluss auf das Leben oder die Glaubensvorstellungen der Toraja gehabt hätte. Gleich erging es auch diversen anderen Ethnien in Indonesien. Doch die niederländischen Missionare sind seit 1906 bestrebt die Toraja zu konvertieren. Der Clou? Die invasiven Priester schnappten sich die Tominas und motivierten sie einen Vertrag zu unterschreiben. Ein Vertrag, der ihnen offiziell erlaubt das Volk der Toraja zu konvertieren, jedoch nicht dessen reichhaltige Kultur abzuschaffen. Wenige hielten dem Druck Stand. Die Bibel wurde auf die Sprache der Toraja umgemünzt, Puang Matua wurde eins mit dem Christen-Gott und der Prophet mit dem Büffel zu Jesus und seinem Esel. Seither hat sich wenig geändert. Obwohl die Mehrheit ein Kreuz um den Hals trägt und am Sonntag geschniegelt die Kirchenbank drückt, die Bräuche und Traditionen sind nach wie vor zentraler Bestandteil der Toraja. Und solange sich die zwei drei übriggebliebenen Tominas wehren und ihre Weisheiten an ihre Kinder weitergeben, hat Aluk To Dolo vielleicht eine Chance zu überleben. Vielleicht auch nicht.

To Ma‘ Pamanta‘

Mit Magie gegen die Wolken

Bei sechs Monaten Regenzeit pro Jahr und Kosten für Beerdigungszeremonien im Bereich von 100’000 bis 500’000 USD ist es fast undenkbar, sich nicht mit ihm vorgängig abzusprechen. Der Wettermann gehört genau so zu den lebenden Mythen der Toraja, wie vom Büffelherdentod nach Puya katapultierte Seelen, oder Skelette vergrabende Jäger, die vom Glück heimgesucht werden. Henry begleitet mich frühmorgens zur Rambu Solo’ in Sereale. Ausser der Familie ist noch niemand anwesend. Genau so hatte ich es geplant, denn so viel ich weiss, ist der Wettermann „undercover“ unterwegs. Niemand darf von seiner Anwesenheit erfahren, man fürchtet Sabotage. Von anderen Wettermännern, die nicht engagiert wurden, oder Feinden der Familie. Henry ist ein geübter Schnüffler und geht proaktiv nachforschen, während ich die allgemeine Stimmung erheitere. Unsere Bemühungen bleiben jedoch erfolglos. Ein Wettermann hätte er zwar vorgesehen, klagt der Sohn des Verstorbenen, doch habe seine Familie interveniert. Zu modern seien sie für solch Absurditäten. Also beten sie zu Gott für gutes Wetter.

Weiter zum Toppo‘ Sarungallo, ein Verwandter von Detektiv Henry und selbsternannter Wettermann. Toppo’ nimmt sich Zeit und unterbricht dafür die Arbeit an seinem neuem Haus. Ich schaue auf den Grundriss, und stelle fest, dass seine Geschäfte gut laufen müssen. „No rain today“, versuche ich da Eis zu brechen. Toppo’ grinst: „Yes, I make ritual yesterday“. Henry lenkt ein und lässt ihn wissen, dass ich gerne mehr über das Ritual erfahren würde. „A lot of rain in Switzerland“, ergänze ich. Toppo’ ist bereit mir sein Geheimnis anzuvertrauen. An Ort und Stelle. Ich bin perplex, hätte ich doch mehrere Schulungen erwartet.

Toppo’: „Um drei Uhr morgens solltest du beginnen. Geh zum Fluss und suche dort nach einem Wirbel, schöpfe von dort Wasser in ein Bambusrohr. Zupfe einige Blütenblätter der Pa’passakke Blume, drücke diese ebenfalls in das Bambusrohr und laufe einen Umkreis von eins bis zwei Kilometer rund um den Ort an dem es nicht regnen soll. Platziere dann das gefüllte Bambusrohr in der Küche des Tongkonan (der Mittelpunkt des Lebens).“ Mit grösster Sorgfalt schreibe ich mit. Was werde ich ein Schweinegeld verdienen als Wettermann in der Schweiz (sofern ich die Pa’passakke Blume finde)! Wie gut er denn für seinen Dienst bezahlt werde? „Not bad.“ Henry löchert nach. Eine Trauerfamilie bezahlt um die 3.5 Millionen Rupiah (250 USD) pro Rambu Solo’. Oder eine Kuh. Und bei Scheitern? „Money Back Guarantee!“ Und der Wettermann hat gut verhandeln, seine Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent. Es gehe um Stunden, ja Quadratmeter, manchmal müsse er den Regen von drei bis vier Uhr nachmittags stoppen, damit die Sarg-Parade trocken das Grab erreicht. Angenommen, es gäbe mehrere Beerdigungsfeiern an einem Tag (das geschehe ja bekanntlich öfters) und somit auch mehrere To Ma‘ Pamanta‘, wie könne er dann seinen Service garantieren? „Easy, we fight with magic.“ Und die Regenwolken gehen dann automatisch dorthin wo kein Magic ist? „Yes!“. Ich bin begeistert, aber Frühschicht nicht so mein Ding. Es muss einfacher gehen.

Wir setzen unsere Nachforschungen fort im Dorf nebenan. Und werden bald fündig mit Bara, hauptberuflich Schreiner und nebenbei Wettermann. Auch hier regnet es seit Tagen nicht. Binsenweis, dass er seine Fähigkeiten einsetzt, um den Bau seines neuen Tongkonan voranzutreiben. Bara willigt ein und wird mir sein Ritual zu zeigen, doch nur wenn ich einige Bier besorge, damit die Männer ihren nachmittäglichen Alkoholpegel halten können. Nichts leichter als das. Nachdem alle Biere verteilt sind, führt mich Bara zur Feuerstelle. Ganz grosses Kino, ich kann es kaum erwarten, wohl das Highlight meiner Toraja-Erkundung, der Moment um den mich alle beneiden, denn ich werde höchstpersönlich das Wetter zu kontrollieren wissen. Bara öffnet den Topfdeckel und blickt mit neutraler Mine auf den darin köchelnden Stein. „Batu Asan“, erklärt er besonnen. „Batu Asan?“„Batu Asan!“ Tatsächlich, einen lumpigen Stein kochen und gut ist? Jawohl, nickt Bara, und klettert wieder zurück auf sein Bambusdach.

Kurre Sumanga, Toraja

Thanks

Zurück nach Rantepao. Mein Hinterrad fliegt ab. Ich verschiebe meine Pläne heute noch nach Makassar zu fahren. und peile auf den Folgemorgen. Ein phänomenaler Tag für eine Tour de Sulawesi, es scheint als ob Barra und Toppo‘ Sarungallo beste Arbeit geleistet haben. Über vier Stunden brause ich über leere Bergstrassen hinunter ins Flachland. Doch dann… Man spürt, wenn das Motorrad dabei ist aufzugeben, man kennt das mit Unheil drohende Blubbern, das sporadische Nachlassen der Energiezufuhr. Präventiv besuche ich einen Mechaniker. Dabei helfen mir folgende Indizien um in Sekundenschnelle die Laien von Profis zu unterscheiden: ein ratloser Blick, unnötiges Gefummel, die Erkundung nach meinem Benzinstand, der Zündkerze oder dem Öl. Dieser Geselle lässt mich jedoch nicht gar nicht erst ermitteln, er sagt gleich ab. Ich winke einen Lastwagen herbei und wähle die CB-Notfall-Nummer von Moses.


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Videos & Interviews (englisch)

 

 

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