Im Büro der Pelni-Beamten, Hafen Tajuk Priok (Jakarta). Ruben reicht mir die Quittung. Dass der Kollege nebenan mit Rubens Name unterschrieb, darüber sieht Indonesien hinweg. Der Zündschlüssel wandert zu einem weiteren Amtshüter. Dann Kaffee, Selfies, Geplauder. Die Situation erklärt wunderbar, wie das Land all seine 255’000’000 Mäuler stopft. Ich werde mein Motorrad in Makassar wiedersehen, falls das Hafenpersonal die Luke der Dobonsolo aufbringt. Auf die Botschaft folgt ernste Mine, die Reederei könne keine Haftung für den unberechenbaren Seegang übernehmen.

Tagelang habe ich recherchiert, ob eine Passage wie Hanoi-Singapur oder Manila-Bangkok per Containerschiff möglich ist. Zwei drei Wochen Kartoffelberge in der Schiffskombüse enthäuten um die schiere Distanz erfahren zu dürfen, das Ausmass eines Ozeans im Schneckentempo zu tilgen – eine Schuld gegenüber dem labilen Durchhaltewillen. Bislang wurde ich über 60 mal enttäuscht; von Spamfiltern, von unbeantworteten Anfragen, oder von Hinweisen auf das firmeninterne Reisebüro. Eine Hand voll Reedereien haben den Markt erkannt, und würden meine Pseudo-Seemannsträume für 100 USD pro Tag befriedigen. Dafür wartet feines Gedeck am Kapitänstisch plus ein ansehnliches Gemach. Doch will ich selbst Hand anlegen, mit Köchen und Maschinisten abhängen und in Mehrstockbetten schaukeln. Ich nehme zur Kenntnis, Muskelkraft als Währung ist passé. Sicherheitsvorkehrungen und allerhand neue Gesetze haben dazu geführt, dass Meeresüberquerung in rostigen Schaluppen nur denjenigen mit Hochseeschein sowie blinden Passagieren, Flüchtlingen und der Schiffbesatzung vorbehalten ist. Als Appetithappen für rustikales Reisen taugt jedoch das Indonesische Gewässer, wo Container versetzen zig mal mehr kostet als Passagier sein. Ich inspiziere die Lage.

Wieso mich der zuständige Schiffsoffizier nicht in die Economy-Class einquartiert, bleibt mir ein Rätsel. Das Ticket schreibt eindeutig vor: Menschenstall! Zwei Gedanken touren durch meinen Kopf. A, Er will den edlen Ausländer nicht mit dem Fussvolk mischen. Oder aber B, er ahnt, wie schnell sich meine Horrorgeschichten über die Zustände im Bauch der Dobonsolo medial verbreiten könnten. Ich werde in eine Einzelkabine gesteckt, ohne Toilette, dafür mit Bullauge. Der Gang zum Abort führt durch die Allee von gestapelten Menschen, vorbei am vergitterten Infoschalter (ich gehe davon aus, die Gitter beschützen den Pelni-Mitarbeiter vor sich beschwerenden Passagieren), via Treppe und kreuzundquer liegenden Körpern hinunter zum Verlies. Dann lediglich dem Geruch folgen.

Jede Sekunde zählt in der Marina, selbst Klein-Reedereien wie Pelni bezahlen extraorbitantes „Kaigeld“ für Hafenanläufe und Liegeplatz. Mit fünf Stunden Verspätung stechen wir in See. Gerade noch rechtzeitig erwische ich einige Signale und sehe mir das Video vom Bau des AIDA Kreuzfahrtschiffs „Prima“ an. Sechs Monate Eisen verschweissen, Decks zusammen führen, anmalen et cetera, zusammengefasst in einem fünfminütigen Timelapse. Ach, wäre Neptun stolz! 900 Angestellte bemuttern die 3’300 Passagiere. Tausende Liegestühle laden zum Wundliegen ein. Ein Wonneort um sich mental auf die halbtätigen Kulturausflüge vorzubereiten. Die fahrende Stadt offeriert Steaks, Sushi, Pasta und Tapas verteilt auf 15 Speisesäle. Dazu gesellen sich 18 Bars (ua. ein Brauhaus, eine Distillerie und eine Vinothek). Für den Zeitvertrieb warten Kunstgalerie, Bibliothek, Casino, Theater, Fitness, Spa, Kino, Felswand zum Klettern, Golfsimulator, Infinity-Pools, sowie ein improvisierter Strand mit UV-durchlässiger Kuppe und nächtlicher Lasershow. Schwimmende Hotelbunker haben für mich noch nie Sinn ergeben.

Bild geklaut von AIDA

Nun zur Ausstattung der Dobonsolo: Ein Filmraum mit Platz für 10 Personen in dem jedes Schaltjahr ein Film vorgeführt wird, eine Moschee, eine 2-Meter Rutsche auf Deck 6, drei ambulante Kaffee-Männer die zu unbestimmten Zeiten an unbestimmten Orten operieren, eine Snackbar für Kentucky (das indonesische Synonym für frittierte Hühner), eine Kantine im Keller (deren Schleuse öffnet von 11:00-11:30 und 17:00-17:30) sowie ein schiefer Pingpong-Tisch, welcher den Offizieren vorbehalten ist. Die Motivation für Herr und Frau Indo dem zweistündigen Flug zu entsagen und stattdessen via Schiff in rund 50 Stunden hinüber nach Makassar zu schiffen, ist offensichtlich der Preis oder das mitgebrachte Gepäck. Das Ticket für die Economy-Class kommt auf 400’000 Rupiah (28 USD), Stehplätze sind weitaus günstiger zu haben. Ein Flug kostet da schon 47 Dollar pro Kopf.

3 Uhr morgens, Makassar. Ich habe Glück, die Luke lässt sich öffnen.

Die Verlängerung meines zweimonatigen Indo-Visums steht an. Ich wurde bereits vorinformiert, die hiesigen Gegebenheiten könnten anstrengen. Grundsätzlich stehen zwei Wege zur Wahl. Erstens, knapp zwei Wochen in Makassar verweilen, einen Firmensponsor finden und mit diesem persönlich bei der Immigrationsbehörde vorbeischauen. Darauf folgen drei weitere Besuche, für Fotos, Unterschriften und Zahlungsprozess. Nur wer diese bürokratische Hölle meistert, darf einen Monat länger im Land bleiben. Oder aber, man findet einen Visa-Agenten mit Beziehungen um den Zeitaufwand zu vierteln. Ich tendiere zur letzteren Option und beginne online Kontaktangaben von Reisebüros mit Visa-Service zu sammeln. Tags darauf klappere ich 17 verschiedene Agenten ab. Niemand hilft weiter. Dann doch, Reisebüro-Inhaberin Holga erklärt nüchtern die Tatsachen. „No service anymore“, die Immigrationsbehörde habe kürzlich die Spielregeln geändert. Frustriert ziehe ich von dannen. Ein Mitarbeiter schleicht mir nach und drückt mir ein Zettelchen mit einer Telefonnummer in die Hand, dazu schlitzt er symbolisch mit dem Daumen quer über den eigenen Hals – Nichts der Chefin sagen, so die Anekdote. Rico von der Immigration meldet sich am anderen Ende. So einfach wäre es dann doch nicht, ich bräuchte einen Sponsorenbrief, die Sponsoren-Identitätskarte und und und. Ich stelle mich blöd, will vorwärts machen, „time is money“, bluffe ich ins Telefon. Das scheint zu funktionieren. „Money“ war schon immer das Stichwort um die Korruptionsmaschine in Gang zu bekommen. Rico sendet mir eine SMS mit einem neuen Kontakt. Eine halbe Stunde später übergebe ich Pass und Moneten in die Schmierfinger von Mr. Joseph, einem der Immigrations-Chefs und gleichzeitig Inhaber einer ausgelagerten Firma, die als Sponsor fungiert. Die Fotosession vor Ort darf ich nicht auslassen, dafür fliegt am nächsten Tag bereits der vermaledaite Stempel. Mr. Joseph’s Firmlein, die „Company Pehusaran“ ist von aussen nicht beschriftetet, nichts deutet darauf hin, dass hier täglich um die 20 Pässe durch die Service-Agentur rotieren. Ein florierendes Nebengeschäft für das Schlitzohr, dass die Spielregeln für Visafragen selbstständig geändert hat.

Helm auf, Musik an, weiter zu den Toten von Toraja.

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