Medan, Haupstadt von Sumatra. Ich krieche ins Hobbit-Sammeltaxi. Eine eine kurze Analyse lässt vermuten, dass sich die Armada an ausgehöhlten Kombis einer gewissen Systematik unterwirft, oder zumindest eine Himmelsrichtung fokussiert. Die moderne Technik macht solche Mobilitäts-Experimente zu einem Kinderspiel. Eine lokale Simkarte für 5 USD einschieben, den Wunschort auf Goolge-Maps pinnen und hoffen, dass sich der Fahrer an die Theorie hält. Selbst wenn ich falsch liege und mich total verirre, wird mich ein Teilzeit-Arbeiter von UEBER oder GRAB für einen Dollar wieder auf den richtigen Pfad kutschieren.

Liebe auf den ersten Kick!

 „Hello Mister“, von der fünfköpfigen Familie auf dem Moped, „Hello Mister“, von der Economy-Class auf dem Dach eines maroden Busses, „Hello Mister“, von Hijab verschleierten Girlies am Strassenrand – Der erfahrene Vagabund staunt grosszügig ab der schieren Exklusivität, die ihm Sumatras Zwei-Millionen-Stadt entgegenbringt. Für wahr, westliche Herren sind rares Gut in der Gegend und geniessen daher vollste Aufmerksamkeit. Dieses Gefühl vom Knecht im Goldmantel lässt mich die lieblos zusammengewürfelte Zementorgie mit Wonne überstehen. Aber ganz ehrlich, würde ich nicht dem Traum eines eigenen Motorrads nachjagen, ich hätte kaum Motive, der grossstädtischen Müllkippe einen Besuch abzustatten. Naturschauplätze sind mir deutlich lieber als die Bauwut expandierender Moloche, die sich rational betrachtet alle gleichen, und der Kulturverlust aufgrund der Globalisierung am dramatischsten erkennbar ist. Von der örtlichen Kulinarik und einer Hand voll architektonischer Relikte einmal abgesehen, wird es in 50 Jahren keine Rolle mehr spielen ob einer durch die Strassen von Madrid, Chicago oder Medan marschiert.

Einige Ampeln später gebe ich das Zeichen (klopfe ans Autodach) und winde mich nach draussen. Ich habe es mir in Metropolen zur Routine gemacht, die billigste aller Absteigen im voraus zu buchen, und dann mittels UEBER oder GRAB meine Wunschorte anzupeilen. Weitaus wichtiger scheint mir die Charakteristik des temporären Büros. Im Idealfall ist dies ein hippes Café mit starkem WLAN, in dem der Barista versteht, wie ein perfekter Kaffee aussehen muss, von der Bohnenwahl, über den Röstprozess, zur morgendlichen Kalibrierung der Kaffeemaschine, bis hin zum feinen Schaum auf der Brühe. Die Innenarchitektur soll nicht zu poppig und nicht zu asiatisch sein, vorzugsweise eine Mischung aus Retro und Industriell. Huch, fast vergessen, noch wichtiger als Kaffeekunst und Einrichtung – die Musik. Soll man mich wählerisch stempeln, doch sobald ich die ersten Klänge von „Treat you better“ oder noch lästiger „Shape of you“ höre, packe ich mein Zeugs und hau ab.

,,Musik ist ein moralisches Gesetz. Sie schenkt unserem Herzen eine Seele, verleiht unseren Gedanken Flügel, und erfüllt unser Leben mit Harmonie und Glückseligkeit.” (Platon)

Liebe Asiaten, so glaubt dem Herrn Philosophen. Sein Zitat gilt bis heute. Nur weil bereits eine Milliarde Menschen auf Shawn Mendes’ oder Ed Sheeran’s Hit geklickt haben, bedeuted dies noch lange nicht, dass Ihr die nächste drei Milliarden anführen müsst. Neben besagten Songs gibt es derzeit eine nette Auswahl an über 30 Millionen künstlerisch arrangierten Tonkreationen, jederzeit online abrufbar. Rhythmen die entspannen, Melodien die verzaubern, Stimmen die betören und Lyrik die fesselt! Je nach Gusto, ich verspreche, ihr werdet fündig. Nach einigen „Shape of you“ Refrains werde auch ich fündig. Von dieser Oase aus werde ich operieren, schreiben, lesen und recherchieren. Top Priorität: Ein Motorrad auftreiben. Wenn irgendwie möglich, ein verlässlicheres Gefährt als die chinesische Kopie einer Honda Win. Denn es soll mich durch einen Grossteil des indonesischen Archipels begleiten, mich über einsame Landwege zu Vulkänen führen, geduldig neben dem Bilderbuchstrand warten bis ich bronzebraun zurückkehre und mir jegliche Flexibilität über kommen und gehen zusprechen. „Weise sein, ist zu wissen, was man NICHT braucht um glücklich zu sein.“ Demnach soll man mir alles nehmen, doch nicht die Mobilität. Aber wo mit der Suche anfangen? Ich frage einige langhaarige Rocker-Typen, wo sie denn kaufen würden. Etwas später finde ich mich auf OLX.COM.ID wieder. Motorradläden verkaufen keine Secondhand-Fahrzeuge, der Markt spielt ausschliesslich online. Wie praktisch, so kann ich die gesamte Recherche von meinem neuen Office erledigen und dabei sumatrischem Spitzenkaffee fröhnen.

Wer sich etwas auskennt, wird jetzt jubeln. In Medan sind die Klassiker Honda CB und Honda GL die Zugpferde für Rikscha-Beiwagen, und daher in Hülle und Fülle erhältlich. Nach einem Tag Recherche habe ich zehn potentielle Verkäufer sortiert, deren Online-Posts nicht älter sind als zwei Wochen (wären sie älter, sind sie entweder weg, überteuert oder Schrott), im Preisrahmen von 500 Dollar liegen und hinsichtlich Qualitätszustand für mein langfristiges Roadtrip-Projekt in Frage kommen. Am Folgetag kontaktiere ich den Prioritäten nach Verkäufer via Messenger. Das ist besonders spannend, denn per Internet übersetze ich meine Fragen von englisch auf indonesisch und starte so einen Dialog. Die Antworten kommen selbstverständlich auch auf indonesisch, nur jedoch als abgekürzter Indo-Slang, was sich wiederum selten ins Englische übersetzen lässt.

Während der Chats  stellt sich heraus, zwei haben keine STNK-Karte (das ultimative Dokument, welches klar macht, der Halter hat die Steuern bezahlt und das Fahrzeug zur vorgeschriebenen Frist eingelöst). Kaum eine Tragödie für risikofreudige Ausländer, immerhin hätten beide das Besitzerbuch BPKB (Buku Pemilik Kendaraan Bermotor), welches beweist, dass das Gefährt nicht gestohlen wurde. Also eine Bagatelle, über welche die Polisi mit etwas Happy-Money hinwegschaut. Doch werde ich es schwierig haben, das Motorrad weiterzuverkaufen. Daher setze ich auf die dritte Option. Musa Siregar arbeitet gemäss seinem Facebook-Profil für die Marketingabteilung von Playstation Sumatra, das verspricht zumindest kaufmännisch gesehen auf einen reibungslosen Ablauf. Ich penetriere ihn eifrig mit Fragen und dränge auf ein baldiges Treffen. Wunderbar, er hat heute Nachmittag Zeit. Also buche ich UEBER hinaus zum Dorf, wo mein Wunschobjekt wartet. Dabei hoffe ich, das mein Fahrer bilinguale Sprachfähigkeiten besitzt, das würde alles etwas vereinfachen. Einige Minuten später stoppt Muhammed Raichan (Rayhan). Ich komme kaum zur Vorstellungsrunde, denn ein aufgebrachter Randsteinwächter legt sich mit meinem Fahrer an. „This is Indonesia“, erklärt Rayhan, während er unbehelligt einige Rupien rausrückt. Der Typ habe seinen Job als Taxifahrer verloren, auf Druck der neumodischen Konkurrenz. Somit galoppiert der Abgezockte zu den geschäftigen UEBER- oder GRAB-Fahrern sobald diese ihre Gäste einladen, um einen Trostbazen abzukassieren. Rayhan ist ehrlich, würde er nicht zahlen, er hätte Angst vor Prügel. Auch hier werden die UEBER- und GRAB-Jungs hin und wieder von ketzerischen Branchenkollegen verhauen. Das erstaunt nicht, dem Wandel in der Taxiindustrie ist nicht jeder gewachsen. Wer die Zeichen der Zeit unterschätzt und nicht rechtzeitig umsattelt verliert die Lebensgrundlage. Und, man sollte nicht unterschätzen, dass die eigentlichen Profiteure vielfach die Studenten und Rentner sind oder solche, die etwas Topup-Money zuverdienen wollen. Ich erinnere mich an Perus Haupstadt Lima, wo knapp zehn Prozent aller Jobs auf die Taxifahrer fällt. Das kann ja nur ein kurzfristiges Chaos verursachen. Diverse europäische Länder haben die technologiebasierten Franchise-Systeme aufgrund „Unfairem Wettbewerb“ sowie „Illegaler Geschäftstätigkeiten“ komplett verboten oder werden es in Zukunft verbieten. Und im konservativen Malaysia ist das Konzept nur durchgekommen, weil die Frau des Präsidenten die Franchise-Lizenz gekauft hat.

Der angehende Ökonom checkt die Route. Seine Freude hält sich in Grenzen, denn es sind rund 50 Minuten zu einem Dorf ohne weitere Kundschaft. Aus Sicht der Fahrer ist dies die Schattenseite des Business-Models, denn der Zielort wird erst ersichtlich, wenn der Gast zusteigt und die Fahrt besätigt wird. Doch ist Rayhan mein Jackpot und ich wohl seiner. Mit ein paar Rupien kompensiere ich seine Dienste als persönlichen Berater und Übersetzer. Rahyan hingen muss den restlichen Tages nicht weiteren 20 Passagieren nachstellen. In der Ferne grinst einer, das muss Musa sein, der zu ahnen scheint, dass der Deal bereits paletti ist. Sein Motorrad übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Es ist eine modifizierte Honda GL aus dem Jahr 1984 in top Zustand. Ich sitze auf, trete den Kickstarter und jaule im Chor mit der Maschine. Liebe auf den ersten Kick! Wir diskutieren einige Details, ich flitze zum nächstbesten ATM und komme wieder als siebenfacher Millionär (496 US Dollar), Musa wiederum besorgt derweilen Quittungsblock plus Verifizierungs-Kleber um die Unterschrift juristisch zu besiegeln. 

Als Ausländer mit Touristenvisa innert gut eineinhalb Tagen offizieller Eigentümer eines modifizierten Caferacers werden? Ich mag Länder in denen solche Situationen möglich sind. Helm auf, Kickstart und hinein in den ungewohnten Linksverkehr, dabei die Worte von Rayhan und Musa nochmals abspulen „Hati Hati Di Jalan (Vorsicht auf der Strasse)!“ – Die wichtigsten Worte, die man jemandem in Indonesien wünschen kann.

El diario de Motocicleta 2.0

Vielleicht nicht der beste Tag um von Medan aufzubrechen. Die Fastenzeit ist zwar überstanden, aber auf den Ramadan folgen die staatlich gesponserten Ferientage, damit sich die Gebeutelten ordentlich entbeuteln können. Ein jeder muss zu irgendwelchen Verwanten um Geschenke abzuliefern und sich gesellig zu zeigen. Ist die Pflicht erledigt, steht ein Ausflug an und damit haben wir alle das gleiche Ziel: Das 200 Kilometer entfernte Naherholungsgebiet Lake Toba.

Vietnam war ein strenger aber guter Lehrmeister in puncto Verkehrspsychologie. Wenige Kilometer Asphalt reichen somit aus, bis ich in den Strassenraudis keine bereiften Henker mehr sehe, sondern lediglich vorwärts orientierte Geschosse. Hier ist man jedoch besonders rauh, vor allem was die Spurnutzung betrifft. Die schmale Fahrbahn ist allzu selten mit einem Mittelstreifen getrennt. Trifft einer auf ein Hindernis in seiner (undefinierten) Spur, wird er mit hunderprotzentiger Wahrscheinlichkeit beschleunigen und auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Das lässt dem entgegenkommenden Trödler ohne jegliche Knautschzone drei Möglichkeiten zur Wahl: auf Konfrontationskurs bleiben, abbremsen und hoffen oder sich gleich in den Graben retten. Letztere beide Varianten sind die einzigen Hoffnungsschimmer, um nicht nach einer Frontalkollision als Fetzlein vom Strassenbelag gekratzt zu werden. Ich verbiete mir hier den Einwurf, dass solch unschöne Szenen nicht den Spielregeln entsprechen. Denn in Asien spielen alle die gleichen. Dabei ist die Polisi voll und ganz damit beschäftigt, die Mobilität am Leben zu erhalten und kann sich kaum mit dem unlauteren Verhaltenskodex seiner 255 Millionen Schelgen abmühen. Das überlässt man getrost dem Gesetz der Strasse.

Einmal den weltgrössten Vulkansee zu umrunden hat durchaus seinen Reiz, knapp zwölf Stunden reichen aus. In Samosir, einem idyllischen Inslein in der Mitte des Tobasees, versöhne ich meinen gemarterten Hintern mit etwas Ruhe. Wie sich die westlichen Christen hier ein Mini-Gallien aufgebaut haben, kann mir keiner wirklich erklären. Auch sonst gibt es zu staunen, denn trotz der rigoroser Drogenpolitik Indonesiens, werden an jedem Gemäuer halluzinogene Pilze beworben: Benzin und magische Pilze, Pizza und magische Pilze, oder nichts ausser magische Pilze – Was für ein Hippie-Kaff! Nicht nur der magischen Pilze wegen, bleibe ich ein wenig, Verkehrschaos und Knechtskammern mit Kübelduschen erwarten mich noch genug. Es gibt insgesamt drei Hauptrouten, die vom Norden Sumatras in den Süden verlaufen. Wahlweise Mitte, Westküste und Ostküste. Ich fahre einen Teil auf dem zentralen Trans-Sumatra-Highway. Highway ist leicht übertrieben, besten Falls zeigt sich besagte Autobahn eins bis zwei Kilometer ohne wannengrosse Löcher im Belag, ohne Hochzeitsgesellschaften, die Ihre Zelte bis zur Strassenmitte abstecken, und ohne „Hati, Hati-Schilder“, die auf teerlose Etappen hinweisen. Daher ist es reine Utopie zu glauben, dass Google-Maps mit der Distanzmessung Recht behält. Aus suggerierten fünf Stunden werden neun. Aus Tageszielen werden Teilstrecken. Doch trösten mich die malerischen Landschaften und mittelalterlichen Muslimdörfer allemal über die leeren Versprechen des Pseudo-Highways hinweg. Kurzer Halt in Kota Panyambunga, in einem unscheinbaren Kaffeehaus, dass sich als Rösterei entpuppt. „Can I take a selfie of you?“ Röstmeister Riki Wijayadi lässt mich nicht abziehen ohne ein Selfie von mir, ihm und seinem Kaffee, den er manuell von seiner Rok Espresso-Machine zapft. „Ein Selfie“, so nennt Indonesien alles was auf den Speicher kommt. Ein Wort, dass durch die Smartphone-Generation so populär wurde, dass es sogar „Foto“ aus dem Vokabular ersetzte. Wohlgemerkt, für drei bis vier Selfies pro Tag hinhalten, ist das Minimum. Dabei spielt es dem Hobbyfotografen keine Rolle ob mir noch Soto im Bart hängt oder Strassendreck vom Gesicht tropft. Als Buleh (Ausländer) muss man da durch, egal ob ausgelaugt oder mürrisch. Kaum geknipst, rast der Avatar des Fremdlings mit Hashtags wie #my_new_friend oder #buleh_loves_our_shop in Lichtgeschwindigkeit durchs Indo-Netz. Es kommt mir vor, als sei ich ein seltenes Pokemon, dass es zu fangen gilt um digitale Sympathie-Punkte zu ergattern. Sobald sie von mir erfahren, darf ich in ihrem digitalen Olymp Platz nehmen. Aber selbst während die Mobiltelefone vor lauter Pixelportraits platzen, sind Selfies per se keine Modeerscheinung. Das älteste Selfie ist nicht wie bisher angenommen das Selbstportrait von Robert Cornelius aus dem Jahr 1839, sondern entstand vor ungefähr 30’000 Jahre und wurde unlängst im Dunkel der Chauvet-Höhle in Südfrankreich entdeckt. Offensichtlich, der Steinzeitmensch wollte mit seinem Handabdruck melden: „ich war hier, und ihr nicht, ätsch“.

Etwas fahren geht noch, ich werfe jeweils erst das Handtuch, wenn sich die dünne Haut über meinen Gesässknochen ins weinrot verfärbt. Zur Dämmerung erreiche ich Nopan. Ein Dörflein sondergleichen. Nicht weil es weniger staubig oder hübscher strukturiert ist als andere. Nö, es ähnelt den anderen 347 Dörfern, die ich bisher durchfahren habe bis auf die letzten Nagel. Doch bleibt es das Geheimnis Nopans, wie es all die kultigen Vespa Piaggos der 60er Jahren von Europas Schrottfriedhöfen ins zentrale Hochland Sumatras geschafft haben, um hier als Zugpferde für Seitenwagen wiedergeboren zu werden. Liebevoll wurden Vespa wie Passagierkabäuschen farblich angeglichen und in einen munteren Zustand gehämmert. Die Fahrer blicken cool über ihre Lenker wie venezianische Gondolieri, Zigarette rauchend, lässig abwartend.

Zur Bildgalerie vom Vespa Himmel Nopan

Beim abendlichen Makanan Padang überlege ich einen würdigen Spitznamen für meinen treuen Gefährten. Ich habe mir geschworen, damit ungefähr tausend Fahrtkilometer zu warten. Denn normalerweise zeigen sich Eigenschaften und Eigenheiten der Maschine erst nach einer ausgedehnten Tour. Da ich gerade durch das Gebiet des Panthera Tigris Sumatrae rausche, und meine Honda GL 100 genau so auf die Liste aussterbender Arten gehört, wie die knapp 500 übrigen Könige des sumatrischen Dschungels, taufe ich mein Gefährt „Harimau (Tiger)“ oder kurz „Hari“ – Ich behalte mir vor, je nach Streckenabschnitt auf „Dirty Hari“ zurückzugreifen. Ausserdem, beide machen sich durch ein lautes Röhren erkenntlich und fauchen andere an um ihr Territorium zu markieren. Mit der Namenswahl bin ich mutig, doch sehen mich indonesische Mechaniker bisher lediglich aus der Ferne, und in ausserordentlichen Fällen um das Motorenöl zu wechseln. Das deutet auf Stärke und Ausdauer. In Indonesien glaubten Muslime lange, dass Allah den Tiger bemächtigte, seine Gläubigen zu schützen und jegliches Pack zu bestrafen, das die Gesetze des Islams ignoriert. Dazu reiht sich die Saga, von Tiger reitenden Frömmlingen. Solange sich Religion nicht in die Politik einmischt, bleibt es ja meistens gemütlich. Man konzentriert sich aufs Märchen rezitieren, feiert Spielregeln sowie die daran geknüpften Belohnungen und formt eine sich liebende Gruppe aus Brüdern und Schwestern, die allesamt etwas gemeinsam haben: Der Glaube an Mythen. Eine effiziente Art die sozialen Strukturen von Abermillionen Erdenbürgern zusammenzuhalten.

Ein Ritt durch Sumatra ist dabei eine Offenbahrung was die Verbreitung des Islams innerhalb Südostasien betrifft. Alle 150 Meter (und das ist kein Scherz) steht eine Moschee. Nicht wenige der 300-Seelen-Käffer kommen auf bis zu vier Moscheen. Auch der Islam hat sich in diverse Sekten mit ihren eigenen Koran-Interpretationen zersplittert. Kein Kilometer vergeht, ohne dass Allahs Lämmer sich in die Strasse stellen um mit Fangnetzen für ihre Gebetshorte zu betteln. Die Flut an Moscheen wird zwar von den Rupien der Regierung gebaut und sarniert. Doch Extra-Budget für neue Lautsprecher, Teppiche oder ein hübscher Anstrich wird nicht immer genehmigt und muss somit gesammelt werden. Auch von Kindern. Die Penetration himmlischer Huldigern einmal ausser Acht, es darf ein positiver Aspekt erwähnt werden. Die Armen erhalten ordentlich Almosen, entweder durch nicht obligatorische Steuerabgaben, via Opferstock oder direkt von Person zu Person. Waise werden dabei zuerst berücksichtigt. Der Spender darf es sich aussuchen. Dass die Angehörigen der christilichen Kirche kaum eine Ahnung haben, wohin ihre göttlichen Zwangssteuern verschwinden, war mir als Ex-Mitglied schon immer ein Dorn im Auge. Die religiöse Wohlfahrt sollte es ihren Glaubensgemeinschaft zumindest offen lassen, in welcher Form oder wohin sie spenden wollen.

Real Life Cowboys

„Anda Melintasi Khatulistiwa. You are crossing the equator“. Fantastisch! Ich habe die Mitte der rund 1’700 Kilometer langen Insel erreicht. Ein fliessender Übergang von der Ethnie der Batak zur drei Millionen starken Volksgruppe der Minangkabau. Einige Kilometer fehlen noch bis Bukittinggi. Die Motive zur staubigen Stadt in Westsumatra aufzubrechen, halten sich in Grenzen (das gilt eigentlich für alle Städte Indonesiens). Ich spähe nach spartanischen Unterkünften. Mein labiler Stolz erlaubt es mir heute Abend nicht für 6 USD einen Menschenstall mit anderen Geizhälsen zu teilen, die im Kanon entspannt durch die Nacht sägen, während ich schlaflos die Preis-Leistung hinterfrage. Bin ich mir doch Privatlöcher mit ausgelagerten Kübelduschen gewohnt. Immerhin die heiligen vier Wände; das Minimum an Reiseluxus. Ms. Min hat vollstes Verständnis und lässt mich im Foyer ihres Sternehotels nächtigen. Zwar trennen das Zustellbett keine heiligen Wände von der Wendeltreppe, wo die weniger Sparsamen auf und ab gehen, doch ein Vorhang kann das richten. Als Dank für das offerierte Schnäppchen verspreche ich Ms. Lin, nicht nackt durch die Aula zu flanieren und ihre muslimischen Hotelgäste zu erschrecken. Auf zur Informationshatz, morgen soll das traditionelle Pacu Jawi stattfinden, irgendwo in einem Aussenbezirk des Aussenbezirks. Aber, wo erkundigt man sich über ein Bullenrennen in einer City, wo kaum jemand dem exotischen Englisch mächtig ist? Common Sense, in einem trendigen Café. Denn hier weilen die Kulturbegeisterten auf, Mediapeople, Hipsters, hilfsbereite Künstlertypen mit Fremdsprachen-Know How. Nach einigen „Cold Brews“ (fermentierter Kaffee mit Soda) gebe ich die Hoffnung beinahe auf, bis Rifki Fauzan eintrudelt, das lange Haar zur Seite drückt und mich anspricht. Bingo! Ich treffe unverhofft denjenigen, der für Malaysias TV die Doku „Go fast or go home“ kreierte: Eine 20 Minuten-Reportage über den Rennfahrer Daniel Woodroof, welcher im Vorjahr die selbigen Nester Westsumatras abgraste, und sich der Reputation zu Ehren zwischen die Bullenhintern klemmte. Ich erhalte Routenangaben sowie alle nötigen Hintergrundinfos.

Früher Morgen im Kuhdorf Padang Luar, Tanah Datar Distrikt,. Hier draussen fährt Sumatra alle Klischees synchron auf. Links der Marapi, rechts der Sago Vulkan. Neongrüne Reisfelder umzingelt von Kokospalmen säumen die Ländereien während die pittoreske Rumah Gadang-Architektur das Idyll abrunden. „Rumah Gadang“ heisst „Grosses Haus“ und dient Familientreffen und zeremonielle Aktivitäten. Traditionellerweise stehen diese Häuser im Besitz der Frauen und werden von Mutter zur Tochter weitervererbt. Einige Wattewölkchen fahren durch das Himmelblau. „Es ist wie verhext, niemals würde Regen den Event begleiten“, schwärmt Organisatorin Santi, „die paranormalen Fähigkeiten der Bauern liessen dies nicht zu“. In der Sprache der Minangkabau wird „Jawi“ mit „Bulle“ übersetzt, im indonesisch Bahasa wäre „Sapi (Kuh/ Rind)“ treffender. Westsumatra ist nicht der einzige Ort, wo hetzende Stiere mit hinterher surfenden Farmern seit Jahrhunderten die Massen erfreuen, auch in den einigen Gefilden Javas oder Balis, ja sogar in Pakistan gehört der Rinderwahn fest auf die Agenda. Doch nur hier ist die Rennstrecke ein frisch gepflügtes Reisfeld, was einen Action-Epos mit Matsch und dramatischen Szenen verspricht. Wer nach einem tieferen Sinn hinter den Festivitäten jagt, wird bitter enttäuscht. Es ist nur Entertainment für die Bauerszunft, welche das Ende der Reisernte-Zeit feiert.

Die Jockeys treiben bereits lässig ihre Jawis zum Meeting-Point. Prächtige Mannsbilder mit sehnig-muskulösen Körpern und semi-heroischem Blick, allesamt emsige Landwirte der Region. Ich gehe zum Cowboy-Lager um mich etwas zu tummeln. Dabei erinnere ich mich an den Besuch eines Pferderennens im Grossraum Zürich, wo die Fliegengewichte die Koryphäen des Elitesports mimen, kaum jemand vom Fussvolk wird den Jockeys je die weissen Handschuhe schütteln dürfen. Hier wiederum gammeln die Real-Life Cowboys im Schatten einiger Palmen, tauschen Bauerngeschichten und rauchen dabei Kette, dabei mit dem Pöbel witzelnd, weder sensationslüstern noch divenhaft. Ich habe Glück, Hamid passt mich ab und stellt nach etwas Tratsch als Gewinner des letzten Jahres vor. „Berapa banyak?“, frage ich ihn. Für 42 Millionen Rupie (3’000 USD) ist er bereit, eine der beiden Cashcows herzugeben. So der Marktwert für Gewinnerbullen auf dem Viehmarkt, und somit knapp doppelt so teuer wie ein normaler Stier. Wie er denn seine Konkurrenten besiegte? Beim Pacu Jawi zählt neben ästhetischem Spurhalten auch die maximale Geschwindigkeit (30 bis 40 Stundenkilometer), was wiederum direkt mit dem ästhetischen Spurhalten zusammenhängt. Dabei hat das Organisationskomitee (auch Bauern) ihre liebe Mühe ohne Radarpistolen oder gar einem ausgefeilten Bewertungssystem einen Sieger zu küren. Das spielt aber auch nicht so eine Rolle, denn Preisgeld gibt es sowieso keines. So bleibt es der Willkür vorbehalten, wer schlussendlich gewinnt. Ich bin mir sicher, die Sumatra-Cowboys haben ihre Erfolgsgeheimnisse. Hamid verrät mir zumindest eines: Die Nahrung macht es aus. Unter das frische Gras mischt er proteinfeiste Enteneier und etwas Honig fürs Durchhaltevermögen. Ich gebe Hamid einen High-five und wünsche „Hati Hati Di Jalan“.

Mit den ersten Rennen starten auch die festlich gekleideten Musikanten. Sie klimpern mit Schellen-Hanschuhen auf einem Set Porzellanteller, dazu begleitet ein Xylophonist. Wer will da schon nicht rennen? Es bleibt ein Rätsel, wie die Landwirte die Siegercharaktere unter ihrer Herde ausmachen. Doch scheinen sie ein Flair dafür zu haben, die Richtigen auszulesen. Der erste von knapp 50 Jockeys betritt den Matsch, stellt sich auf die Papik, die beiden losen Holzdielen, schnappt nach den beiden Stierschwänzen und skatet mit seinem Gespann bravourös bis zum Ende der 100 Meter langen Rennstrecke. Hin und wieder am Tier-Schweif nagend um einen Turbo einzulegen, ab und an in letzter Sekunde den Spagat abwendend, wenn das Bullenduo wieder in zwei verschiedene Richtungen driftet. Und alle freaken aus. Ganz offensichtlich, es ist der Event keine reizüberflutende Art des Entertainements, wie eine Partie der L.A. Lakers gegen die Chicago Bulls, wo man für den Preis eines Sitzplatzes im hintersten Eck eine sumatrische Kuh kaufen könnte, oder wo sich ein einzelner Gummiballwerfer mehr verdient pro Jahr als das gesamte Heer an Reisbauern von Indonesien zusammen. Es ist ein Fest für einfache Landsleute, und gerade deshalb unvergleichbar hip.

Das Leben ist verdammt kurz, ich will es, und mich, ausbeuten, solange die mentalen wie physischen Kräfte reichen. Will dazugehören und ausprobieren, was ich noch nicht ausprobiert habe. Kultige Feste bieten dazu einen perfekten Rahmen. Man hat mich gewarnt, die gehörnten Biester können Angst riechen und versuchen den Leihen umgehend abzuschütteln. Dennoch kann ich nicht widerstehen, als mich Hamid zum Ende des Rennens hinter die Ärsche seiner Glücksbullen zitiert. Ich muss es erleben, die Erinnerung mit Geräusch, Emotion und Schlamm zwischen den Zähnen abspeichern. Here we go! Ich platziere je einen Fuss auf den beiden Papik, greife nach den Schwänzen und starte durch. Zwei Meter später liege ich kopfüber im Schlamm, ja schlimmer, ich verfange mich im Gehölz und werde zur Freude der Meute regelrecht abgeschleppt. Und sogleich bestätige ich die allgegenwärtige Vermutung, dass westliche Tölpel nicht für indonesischen Männersport geschaffen wurden. Ich wische mir den Matsch aus dem Gesicht, sammle neuen Mut, steige wieder auf und gleite elegant bis zum Ziel. Zwar ohne dem Lachsalven abfeuernden Volke dabei Handküsse zu verteilen, oder gar in einen der Stierschwänze zu beissen, dafür bin ich viel zu sehr auf die Flucht nach vorn fokussiert.

Zur Bildgalerie des Bullenrennens Pacu Jawi

Nach ungefähr 87 Selfies mit dem ganzen Dorf, dem Onkel, den Cousinen, den Säuglingen und Grossvätern, den Schwiegereltern und Stiefbrüdern werde ich zur nächstbesten Moschee delegiert. Diese ist keine 50 Meter entfernt, kein Wunder, denn in Sumatra gibt es gemäss meinen Beobachtungen mehr Moscheen als Kühe. Im sakralen Waschraum schrubbe ich die gröbsten Schlammschichten ab, springe auf Hari und brause davon. Gedehnte Daumen, Jubelschreie, Gelächter, Preisungen – der Weg aus dem Dorf fühlt sich an, als ob ich das Rennen gewonnen hätte.

Orang Pendek

Was für ein Streckenabschnitt! Spiegelnde Seen auf drei Uhr, üppige Teeplantagen auf neun Uhr und der prächtige Kerinci Vulkan auf der zwölf. Würde ich nicht als Fernziel Jakarta anvisieren, ich wäre gewillt, die Strecke mehrfach abzufahren. Ab und zu stellt sich die Frage, wie viele Gasthäuser denn innert den nächsten zwei bis drei Stunden auf mich warten. Sehe ich einen geeigneten Unterschlupf in romantischer Gegend (wie gerade jetzt), und entscheide dagegen ergo für weitere Fahrtstunden, könnte ich es allenfalls bereuen. Heute bereue ich meine Entscheidung, denn es dunkelt bereits und Dörfer werden spärlicher den je. Nein, ich habe keine Angst im Dunkeln, aber bei der Stärke meines Scheinwerferlichts könnte ich genau so gut eine Kerze vor mich hinhalten. Selbst für solche Situationen gibt es eine Lösung, ich warte jeweils geduldig am Strassengraben bis ein Lastwagen mit geeigneter Geschwindigkeit vorbeikeucht, um mich hinter dessen Auspuff zu klemmen. Meistens rücken dann von hinten einige andere Verkehrsteilnehmer nach und ich habe genügend Lichtquellen um die Fahrt heil zu überstehen. Da selbst nach zwei Stunden eingezwängt in der rollenden Kleinkolonne kein Nest mit Schlafmöglichkeiten auftaucht, werde ich etwas zappelig. Zu meinem Glück hält mein Vordermann vor einer schiefen Kaschemme, wo sich die Trucker schlafen legen. Perfekt. Der Hausherr überreicht mir einen Schlüssel, ich ihm 50’000 Rupie (3 USD). Keine Schnäppchen ohne Opfer – die Regeln der Marktwirtschaft. Mir ist wohl bewusst, das wird übel! Doch bekomme ich sogar zwei Betten für den Preis, beide à 30 Zentimeter Breite. Könnte ich Indonesisch, ich würde unverblümt einen Aufpreis von 5’000 Rupien vorschlagen. Die zusätzlichen Einnahmen könnte man dazu verwenden, die überquellenden Aschenbecher hinter und neben dem Bett nach jedem Check-out zu entleeren.

Mit den ersten Sonnenstrahlen wache ich auf. Nicht, dass sich Sonnenlicht in mein fensterlosen Verlies verirren würde, eher unterschwellige Bettflucht zur richtigen Zeit. Das kommt gelegen, heute will auch ich Kilometer machen! Zig Haarnadelkurven geiseln mich hinauf zum Plateau des 3’805 Meter hohen Kerinci. Ich komme nicht umhin vor Freude zu johlen, gehört die tadellose Strasse doch mir ganz allein. Freie Fahrt mit Sichtkontakt auf einen Vulkan in perfekter Trapez-Form und die schier endlosen Teppiche aus Teesträuchern! Encore, encore! Über spitze Serpentinen geht es wieder hinunter, nicht weniger faszinierend, denn ich durchfahre den Kerinci Seblat Nationalpark, eines der am wenigsten erforschten Gebiete unserer Erde. Etwas Strasse wurde verlegt um die Westpassage zu erschliessen, auch wird in Flussnähe stellenweise Lehm abgetragen, doch das war’s auch schon bezüglich menschlichem Einfluss. Der Rest der knapp 1’500 Quadratkilometer ist bis dato undurchdringbare Wildnis. Nährstoff für einen Evolutions-Mythos, der weltweit seinesgleichen sucht.

So viel ist heute bekannt: Zwei Millionen Jahre lang, bis vor rund 10’000 Jahren lebten gleichzeitig mehrere Menschenarten auf unserem Planeten. Auch hat sich der weiter entwickelte Homo sapiens sporadisch mit dem Homo neanderthalensis gepaart, doch schlussendlich waren die Neandertaler-Gene zu schwach um sich langfristig zu behaupten. Eine andere Theorie besagt, die Sapiens hatten die Neandertaler als Konkurrenz identifiziert und sie während einem Jahrtausende andauernden Genozid systematisch ausgelöscht. Darüber hinaus weiss man von den Vorgängern der Neandertaler, dem Homo Erectus oder dem Homo Floresiensis. Zwei Gattungen, welche die Weiten Asiens bevölkerten und sich über die Zeit anders entwickelten als der Homo sapiens in Afrika und Europa. Der Homo Erectus war auch die erste Gattung, welche Steinwerkzeuge benutzte. Doch blieb es nach Millionen von Jahren bei dieser Errungenschaft, so starben letztlich auch sie aus oder reihten sich in den Genpool der Neandertaler und somit den invasiven Sapiens ein. Professor George Church von der Uni Harvard kündigte an, bald eine rekonstruierte Neandertaler-DNA in die Eizelle eines Homo Sapiens einzupflanzen (freiwillige Sapiens-Weibchen haben sich bereits gemeldet) um mit dem Neandertaler-Baby all den offenen Fragen auf die Spur zu gehen. Solche Experimente scheitern indes an dem benötigten Budget von 30 Millionen USD und an ethischen Blockaden religiöser Lobbys. Doch ist es lediglich eine Frage der Zeit bis die Genforschung auch diese Hürde nimmt. Wie dem auch sei, Yeti und Big Foot mal ausgeklammert, was wäre, wenn eine sich eine kleine Randgruppe mit dem Erbgut des Homo Erectus über die Jahrtausende gerettet hat und unbeschwert durch Sumatras Wälder streift? Die Geschichte müsste neu geschrieben werden. Ausser ein paar verwackelten Selfies und einem verpixelten Video gibt es aber noch keine Beweise, dafür kursiert umso mehr Hörensagen vom Orang Pendek, dem „kleinen Menschen“ Sumatras.

Im Nationalpark treffe ich auf Suwandi, einer der regionalen Kaffeebauern, und frage ihn aus. Er erzählt mir wie er sie einst bei der Tränke beobachtet hätte, erzählt von gekrümmten Riesenfüssen, deren Fersen schräg abfallen – daher der aufrechte Gang. Er beschreibt detailliert eine haarige schwarze Haut und eine Grösse von 80 Zentimetern. Umso erstaunlicher sei, dass ihre sehnigen Körper tonnenschwere Gesteinsbrocken heben könnten. Er wolle ihnen keineswegs in die Quere kommen. Suwandi ist nicht der Letzte, bei dem ich mich unterwegs erkundige und nicht der Letzte, der mir die gleiche Beschreibung abgibt. Eine Verschwörung einheimischer Bauern um die Region zu pushen? Sie alle definieren die Orang Pendek als aggressive und gleichzeitig scheue Gemüter. Weiter zu den Fakten. Hie und da wurden gefundene Haare und Erdproben geheimnisvoller Fussabdrücke an westliche Forschungsinstitute geschickt. Daraus haben Kryptozoologen jedoch nur das Erbmaterial langweiliger Alltagsviecher wie Bären oder Kühen extrahiert, oder es schlicht als undefinierbar abgestempelt. Daher gibt es bislang keine aussagekräftigen DNA-Spuren.

Deborah Martyr, eine Orang-Pendek-Forscherin, konnte Fauna & Flora International (FFI) davon überzeugen, sie bei der Suche nach dem Orang Pendek zu unterstützen. Sie und ihr Team geben an, mittlerweile vier Individuen anhand ihrer Fussabdrücke unterscheiden zu können. Die längste Fährte, bestehend aus zwanzig Fussabdrücken, hinterliess dabei „Marathon Man“. Die Expedition förderte unzählige Fussabdrücke und Haarbüschel zutage, die keiner bekannten Art zugeordnet werden konnten. -> In Search of Orang Pendek

Über einer makellose Dschungelpiste, verlasse ich Mythenzone und somit auch Nationalpark in Richtung Monokultur aus Ölpalmen. Würde ich mich von meiner selbstgefälligsten Seite zeigen, könnte ich jetzt von herrlichen Strassenverhältnissen entlang der Westküste Jambis und Selatans schwärmen. Denn all die LKWs brauchen geschmeidigen Teer um die Palmfrüchte zu den Fabriken zu transportieren, ohne dabei die Hälfte an eine löchrige Sandpiste zu verlieren. Ich kann nicht aus meiner Haut, 200 Kilometer lang nichts anderes zu sehen als Ölpalmen regt den Denkapparat an. Doch da ich bereits in Malaysias Borneo über das meistverwendete Pflanzenfett gewettert habe, werde ich mich hier kürzer halten. Etwa die Hälfte der 60 Millionen weltweit produzierten Tonnen Palmöl verteilt sich auf 13 Millionen Hektar indonesischen Ex-Dschungel (drei mal so gross wie die Schweiz). Das macht das Schwellenland zum Spitzenreiter der Palmöl-Liga. Vor allem Kalimantan (Indonesiens Teil von Borneo) und Sumatra fielen dem Exportschlager zum Opfer. Fleissig wurde über Jahrzehnte Regenwald abgeholzt und Reisfelder stillgelegt um der Ölpalme Platz zu machen. Innert Kürze mauserte sie sich die Pflanze zum drittwichtigsten Exportgut des Landes. Gemäss Untersuchungen der Umweltorganisation WWF befindet sich mittlerweile in praktisch jedem zweiten Supermarktprodukt Palmöl. Ganz zu schweigen von den Agrartreibstoffen. Die Aussichten für Natur und deren Einwohner sind düster. Trotz einiger dürftigen Naturschutzmassnahmen der Regierung bleibt das Pflänzlein ein Millardengeschäft, die Nachfrage steigt weiter und die Anbauflächen werden laufend ausgeweitet. Dann kommen neben korrupten Teppichetagen auch noch die politische Machtspielchen hinzu. Was haben Medien und Regierungen Indonesien kritisiert als die Rauchschwaden bei der Feldverbrennung bis hinüber nach Kuala Lumpur, Singapur und Bangkok schwappten. Ach ja, ich war zu dieser Zeit in Krabi und habe kaum 100 Meter weit gesehen. Gerade Malaysia zeigte zu gerne mit dem Finger auf seine bösen Nachbarn, doch sollte hierbei erwähnt sein, dass es die malaysischen Investoren waren, welche die Indo-Bauern motivierte ihre Ländereien innert Dreimonatsfrist zu räumen, um die Profite hochzukurbeln. Abfackeln war die einzig logische Konsequenz. Tja, was könnte man machen? Ein Hackerangriff von Anonymus auf die IT-Abteilung von Grossabnehmern wie Unilever? Handelsembargos? Selbst wenn sich die EU ab morgen weigert, indonesisches Palmöl zu importieren, die indonesische Regierung würde wegen Wettbewerbsbehinderung bei der Welthandelsorganisation klagen, logischerweise gewinnen und weiter produzieren. Der Teufelskreis ist bereits geschlossen, der Konsument kauft blind und der Markt spielt sein tückisches Spiel.

Tage wie dieser

Eigentlich will ich nach Krui. Zum wellenreiten. Doch heute ist nicht mein Tag. Innert weniger Minuten bricht zuerst mein Gepäckträger in mehrere Teile, dann fällt das CDI (Zündsteuergerät) aus, und als Krönung der Misere gibt eine der Kupferspulen auf. Anstatt an der hübschen Beach strande ich in einem Dorf ohne Namen. Doch man sorgt sich um mich: Der Eismann klingelt mit einer Version von Van Beethovens „Für Elise“ vorbei, schlägt Eiscreme zur Schadenslinderung vor, Selfie-hungrige Teens fluten herbei, dazu gesellen sich die Dorfalten und werfen mit Ratschlägen. Ob ich denn aufgetankt hätte? Wie es um meine Zündkerze steht? Vielleicht das Öl? Szenen die vielleicht etwas später zum Schmunzeln anregen, doch nicht jetzt, denn ich will einfach nur weiter. Sechs Stunden und fünf übende Selfmade-Mechaniker später, ist alles wieder zusammengeschweisst, ausgetauscht und neu verdrahtet. So schaffe ich es heute immerhin noch bis nach Bengkulu. Ach wie schön, 30 von 30 Hotels sind ausgebucht. Gleichzeitig mit der Gewissheit, dass dieser Tag einfach nicht zu Ende gehen will, lässt meine Kette nach. Mit letzter Kraft lenke ich meinen störrischen Esel zu einer 24-Stunden Freiluft-Garage. Und jammere dem Mann im Mechaniker-Kitel ein Klagelied über einen verschwendeten Tag und den Mangel an verfügbaren Betten. Denny versteht sofort. Niemals hätte ich gedacht, dass Pahala (die Allah-Kredite) mich heute retten würde. Selbstverständlich dürfe ich bei ihm nächtigen. Aber erst nach einigen Selfies. Ich folge dem Patron in seine Hütte. Das Mobiliar besteht aus einer Matratze, einem Teppich und zwei Stühlen. Mein Gönner deutet auf die Matratze, ich zeige wiederum auf Denny und starre ein Fragezeichen in die Luft. Er gestikuliert, dass er sich neben mir auf den Teppich legen wird. Ha! Kommt nicht in Frage, ich stürze mich auf den Fussboden, rolle mich in die Embryostellung und recke den Daumen nach oben. Denny zeigt sich verständnisvoll und schwirrt ab. Nur um kurz darauf mit Verstärkung zurückzukehren. Mutter Eli und Schwager Warsito schauen mich vorwurfsvoll an und bestellen mich umgehend ins Elternhaus, für ein Mitternachtskaffeekränzchen, weitere Selfie-Runden sowie bequemeren Schlaf. Bevor ich mich endlich von diesem Tag verabschiede, muss mir Warsito aber noch die Kratzspuren auf seinem Oberarm erklären. „Masuk Angin“, mit einer 500 Rupien-Münze habe er sich vorsätzlich wund geschabt, seither sei das Fieber gesunken. Masuk Angin (übersetzbar mit „eindringendem Wind“) ist eigentlich eine Grippe. Doch vermuten viele Indonesier dahinter böse Quälgeister, die via Wind in den Körper reiten. Auch ein Grund dafür, wieso alle Fenster über Nacht geschlossen bleiben. Am Fussende von Opas Himmelbett wartet bereits meine Matratze inklusive der 40 Zoll Fernseher, welchen Opa anscheinend braucht um sich in den Schlaf zu wiegen. Ich darf die Augen immerhin drei Stunden zudrücken bis mein Zimmernachbar lautstark zum morgendlichen Fajr Gebet antritt.

Über einen ausgedehnten Zwischenstopp in Krui erreiche ich nach 2’300 Kilometern den Fährhafen von Lampung. Zwei von ungefähr 17’500 indonesischen Inseln – Check. Warten also noch 17’498 auf meinen Besuch. 

Zur Bildgalerie des Roadtrips durch Sumatra 

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