„Anda Melintasi Khatulistiwa. You are crossing the equator“. Einige Kilometer fehlen noch bis Bukittinggi. Die Motive zur staubigen Stadt in Westsumatra aufzubrechen, halten sich in Grenzen (das gilt eigentlich für alle Städte Indonesiens). Ich spähe nach spartanischen Unterkünften. Mein labiler Stolz erlaubt es mir heute Abend nicht für 6 USD einen Menschenstall mit anderen Geizhälsen zu teilen, die im Kanon entspannt durch die Nacht sägen, während ich schlaflos die Preis-Leistung hinterfrage. Bin ich mir doch Privatlöcher mit ausgelagerten Kübelduschen gewohnt. Immerhin die heiligen vier Wände; das Minimum an Reiseluxus. Ms. Min hat vollstes Verständnis und lässt mich im Foyer ihres Sternehotels nächtigen. Zwar trennen das Zustellbett keine heiligen Wände von der Wendeltreppe, wo die weniger Sparsamen auf und ab gehen, doch ein Vorhang kann das richten. Als Dank für das offerierte Schnäppchen verspreche ich Ms. Lin, nicht nackt durch die Aula zu flanieren und ihre muslimischen Hotelgäste zu erschrecken. Auf zur Informationshatz, morgen soll das traditionelle Pacu Jawi stattfinden, irgendwo in einem Aussenbezirk des Aussenbezirks. Aber, wo erkundigt man sich über ein Bullenrennen in einer City, wo kaum jemand dem exotischen Englisch mächtig ist? Common Sense, in einem trendigen Café. Denn hier weilen die Kulturbegeisterten auf, Mediapeople, Hipsters, hilfsbereite Künstlertypen mit Fremdsprachen-Know How. Nach einigen „Cold Brews“ (fermentierter Kaffee mit Soda) gebe ich die Hoffnung beinahe auf, bis Rifki Fauzan eintrudelt, das lange Haar zur Seite drückt und mich anspricht. Bingo! Ich treffe unverhofft denjenigen, der für Malaysias TV die Doku „Go fast or go home“ kreierte: Eine 20 Minuten-Reportage über den Rennfahrer Daniel Woodroof, welcher im Vorjahr die selbigen Nester Westsumatras abgraste, und sich der Reputation zu Ehren zwischen die Bullenhintern klemmte. Ich erhalte Routenangaben sowie alle nötigen Hintergrundinfos.

Kuhdorf Padang Luar, Tanah Datar Distrikt, früher Morgen. Hier draussen fährt Sumatra alle Klischees synchron auf. Links der Marapi, rechts der Sago Vulkan. Smaragdgrüne Reisfelder umzingelt von Kokospalmen säumen die Ländereien während die pittoreske Rumah Gadang-Architektur einiger orthodoxen Muslime dem Idyll den letzten Schliff verleihen. Dazu fahren Wattewölkchen durch das Himmelblau. „Es ist wie verhext, niemals würde Regen den Event begleiten“, schwärmt Organisatorin Santi, „die paranormalen Fähigkeiten der Bauern liessen dies nicht zu“. In der traditionellen Sprache der Minangkabau (die grösste Ethnie Sumatras, zu der sich rund drei Millionen Menschen zählen), wird „Jawi“ mit „Bulle“ übersetzt, im indonesisch Bahasa wäre „Sapi (Kuh)“ treffender. Westsumatra ist nicht der einzige Ort, wo hetzende Stiere mit hinterher surfenden Farmern seit Jahrhunderten die Massen erfreuen, auch in den einigen Gefilden Javas oder Balis, ja sogar in Pakistan gehört der Rinderwahn fest auf die Agenda. Doch nur hier ist die Rennstrecke ein frisch gepflügtes Reisfeld, was einen Action-Epos mit Matsch und dramatischen Szenen verspricht. Wer nach einem tieferen Sinn hinter den Festivitäten jagt, wird bitter enttäuscht. Es ist lediglich Entertainment für die Bauerszunft, welche das Ende der Reisernte-Zeit feiert.

Die Jockeys treiben bereits lässig ihre Jawis zum Meeting-Point. Prächtige Mannsbilder mit sehnig-muskulösen Körpern und semi-heroischem Blick, allesamt emsige Landwirte der Region. Ich gehe zum Cowboy-Lager um mich etwas zu tummeln. Dabei erinnere ich mich an den Besuch eines Pferderennens im Grossraum Zürich, wo die Fliegengewichte die Koryphäen des Elitesports mimen, kaum jemand vom Fussvolk wird den Jockeys je die weissen Handschuhe schütteln dürfen. Hier wiederum gammeln die Real-Life Cowboys im Schatten einiger Palmen, tauschen Bauerngeschichten und rauchen dabei Kette, dabei mit dem Pöbel witzelnd, weder sensationslüstern noch divenhaft. Ich habe Glück, Hamid passt mich ab und stellt nach etwas Tratsch als Gewinner des letzten Jahres vor. „Berapa banyak?“, frage ich ihn. Für 42 Millionen Rupia (3’000 USD) ist er bereit, eine der beiden Cashcows herzugeben. So der Marktwert für Gewinnerbullen auf dem Viehmarkt, und somit knapp doppelt so teuer wie ein normaler Stier. Wie er denn seine Konkurrenten besiegte? Beim Pacu Jawi zählt neben ästhetischem Spurhalten auch die maximale Geschwindigkeit (30 bis 40 Stundenkilometer), was wiederum direkt mit dem ästhetischen Spurhalten zusammenhängt. Dabei hat das Organisationskomitee (auch Bauern) ihre liebe Mühe ohne Radarpistolen oder gar einem ausgefeilten Bewertungssystem einen Sieger zu küren. Das spielt aber auch nicht so eine Rolle, denn Preisgeld gibt es sowieso keines. So bleibt es der Willkür vorbehalten, wer schlussendlich gewinnt. Ich bin mir sicher, die Sumatra-Cowboys haben ihre Erfolgsgeheimnisse. Hamid verrät mir zumindest eines: Die Nahrung macht es aus. Unter das frische Gras mischt er proteinfeiste Enteneier und etwas Honig fürs Durchhaltevermögen. Ich gebe Hamid einen High-five und wünsche „Hati hati di jalan“ (Vorsicht auf der Strasse, gute Reise).

Mit den ersten Rennen starten auch die festlich gekleideten Musikanten. Sie klimpern mit Schellen-Hanschuhen auf einem Set Porzellanteller, dazu begleitet ein Xylophonist. Wer will da schon nicht rennen? Es bleibt ein Rätsel, wie die Landwirte die Siegercharaktere unter ihrer Herde ausmachen. Doch scheinen sie ein Flair dafür zu haben, die Richtigen auszulesen. Der erste von knapp 50 Jockeys betritt den Matsch, stellt sich auf die Papik, die beiden losen Holzdielen, schnappt nach den beiden Stierschwänzen und skatet mit seinem Gespann bravourös bis zum Ende der 100 Meter langen Rennstrecke. Hin und wieder am Tier-Schweif nagend um einen Turbo einzulegen, ab und an in letzter Sekunde den Spagat abwendend, wenn das Bullenduo wieder in zwei verschiedene Richtungen driftet. Und alle freaken aus. Ganz offensichtlich, es ist der Event keine reizüberflutende Art des Entertainements, wie eine Partie der L.A. Lakers gegen die Chicago Bulls, wo man für den Preis eines Sitzplatzes im hintersten Eck eine sumatrische Kuh kaufen könnte, oder wo sich ein einzelner Gummiballwerfer mehr verdient pro Jahr als das gesamte Heer an Reisbauern von Indonesien zusammen. Es ist ein Fest für einfache Landsleute, und gerade deshalb unvergleichbar cool.

Das Leben ist verdammt kurz, ich will es, und mich, ausbeuten, solange die mentalen wie physischen Kräfte reichen. Will dazugehören und ausprobieren, was ich noch nicht ausprobiert habe. Kultige Feste bieten dazu einen perfekten Rahmen. Man hat mich gewarnt, die gehörnten Biester können Angst riechen und versuchen den Leihen umgehend abzuschütteln. Dennoch kann ich nicht widerstehen, als mich Hamid zum Ende des Rennens hinter die Ärsche seiner Glücksbullen zitiert. Ich muss es erleben, die Erinnerung mit Geräusch, Emotion und Schlamm zwischen den Zähnen abspeichern. Here we go! Ich platziere je einen Fuss auf den beiden Papik, greife nach den Schwänzen und starte durch. Zwei Meter später liege ich kopfüber im Schlamm, ja schlimmer, ich verfange mich im Gehölz und werde zur Freude der Meute regelrecht abgeschleppt. Und sogleich bestätige ich die allgegenwärtige Vermutung, dass westliche Tölpel nicht für indonesischen Männersport geschaffen wurden. Ich wische mir den Matsch aus dem Gesicht, sammle neuen Mut, steige wieder auf und gleite elegant bis zum Ziel. Zwar ohne dem Lachsalven abfeuernden Volke dabei Handküsse zu verteilen, oder gar in einen der Stierschwänze zu beissen, dafür bin ich viel zu sehr auf die Flucht nach vorn fokussiert.

Nach ungefähr 87 Selfies mit dem ganzen Dorf, dem Onkel, den Cousinen, den Säuglingen und Grossvätern, den Schwiegereltern und Stiefbrüdern werde ich zur nächstbesten Moschee delegiert. Diese ist keine 50 Meter entfernt, kein Wunder, denn in Sumatra gibt es gemäss meinen Beobachtungen mehr Moscheen als Kühe. Im sakralen Waschraum schrubbe ich die gröbsten Schlammschichten ab, steige auf mein Motorrad und brause davon. Gedehnte Daumen, Jubelschreie, Gelächter, ja Preisungen – der Weg aus dem Dorf fühlt sich an, als ob ich das Rennen gewonnen hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s