„Wer seinen Träumen folgt, wird kurz darauf lernen müssen, dass die Wirklichkeit wenig mit dem Schwachsinn unterbewusst geformter Erwartungen harmoniert.“ Claudio Sieber, Reisender


Nur vereinzelt keimen die Charts meiner Lebensträume aus dem Mainstream. Und ganz andere reifen erst über die Jahrzehnte. Von einem ist hier die Rede.

Anno 2005 – Tokyo, Japan. Eine Ära als sich westliche Kulturschock-Jäger über sechsspurigen Strassen hinweg Applaus zunickten, dabei eine selbstgefällige Hommage an die Neugier halluzinierend. Reise-Solisten auf weiter Betonflur, durch wundersame Metropolen marschierend, in der undechiffrirbare Kanji-Symbole entweder auf Kugelfisch-Sashimi oder frittierte Hühnerknorpel, Kapselhotel oder Stundenhotel hinweisen. Ergo, erste prägende Lehrstunden in punkto Individualtourismus. In einem Szeneclub Ecke Shibuya stiess ich auf einen weiteren Lehrling; Alvaro, hipper Andalusier, die Rumflaschen und Dreadlocks zur Hypnose aus Bass wie digitalisierter Melodie schwingend. Wir finden uns auf Anhieb sympathisch. Das Mini-Botellon hält Stand bis uns die Bahnhofspolizei am nächsten Vormittag schlafen schickt. Eine Dekade später wähle ich seine Nummer.

Projekt Robinson – 10 Tage Castaway

 Alvaro führt mittlerweile die erfolgreiche Unternehmung „Docastaway.com“. Salopp zusammengefasst; Isolationsfreunde werden für eine abgemachte Zeit auf eine einsame Insel verfrachten und was von ihnen übrig bleibt später wieder eingesammelt. Hört sich simpel, aber galaktisch genial an, ausserdem bin ich jederzeit bereit kreative Freunde zu unterstützten. Bleibe dabei jedoch ganz Sonderfall, mit eigenen Ideen, eigenen Sehnsüchten, eigenen Erwartungen. So will ich lediglich Basiswissen und ein Minimum an Werkzeug einschleusen und dabei auf Refugium, vorbereitete Gourmetkost, Holzkatamaran, Harpune, Solarbatterien, Schnuller et cetera verzichten. Schliesslich ist das Projekt auf zehn Tage begrenzt und soll mir neue Gedankengänge garantieren. Wir kommen ins Geschäft. Der Spanier verspricht, ich gelte als Testobjekt mit Freundschafts-Privilegien für die Beta-Insel in seinem Produktportfolio. Ich verspreche, der Inselname bleibt top secret, damit ja kein Backpacker das Geschriebene nachliest und unangemeldet rüberschleicht falls ich den Garten Eden finde. Nennen wir sie daher „Isla Incógnita“.

Etwas Formalität muss dennoch sein. Ich quittiere folgendes Email:

„Hey Claudio, this email is just to confirm that you are perfectly aware that I have never been on the above mentioned island off Sumatra. I have no idea how much water or food will be available there. Neither do I have any idea of the dangers you will be facing. However, staying on a desert island has always risks, specially if you don’t bring any water nor food. Please note the dangers of landing (operation) on the island, sea currents, poisonous food etc etc etc etc. – Alvaro“

Mein Alter Ego liesst die Haftungsausschlüsse mit Bedenken. Doch werde ich bestimmt nicht auf einen vegetationslosen Steinhaufen geschickt. Bin zwar töricht aber nicht lebensmüde. Ich will meine Grenzen erforschen und dabei ungewohnte Ängste bewältigen. Ach, und nebenbei birgt eine Isolation vom Rest der Menschheit zweifelsohne eine neue Erfahrung. Seit Wochen fesseln mich Tagträume; treffe ich auf einen unbekannten Stamm hetzender Nymphen? Oder bloss auf eine unbekannte Spezies hetzender Giftschlangen? Piratenschätze oder Schatzjäger-Skelette? Früchtedorado oder Ödland? Dann die Erinnerungsfetzen an die Treffs mit Borneos Überlebensprofis. Der Spaziergang mit dem erfolglosen Opa der Iban-Ethnie, der mir stundenlang leere Fischfallen präsentierte. Selbst er hat bereits ein gutes Jahrhundert mit primitivster Technik und seiner Mini-Beute überlebt. Ich denke an Mark, ein Seher, einer der mit den Toten kommunizieren kann, beruflich jedoch an Schiffsmotoren auf Pulau Tiga schraubt. Er hat mich beübt mit einigen Hölzern ein Feuerchen zu reiben. Ich erinnere mich ausserdem an Edson, der mir in Kota Kinabalu die Jagdstrategien seiner Ahnen anvertraute. Er motivierte mich mit Steinen auf Adler zu zielen. Nicht nur dem leckeren Raubvogel wegen, wenn ich Glück hätte, lasse der Adler seine frisch erbeutete Schlange fangen. Meine Online-Recherche ergab zudem, der Mensch überlebt bis zu 40 Tage ohne Nahrung, aber in den seltensten Fällen zehn Tage ohne Wasser. Dabei gilt die Faustregel; ein Durchschnittstyp verliert je nach körperlicher Anstrengung knapp einen Liter Wasser pro Tag (600ml via Urin, 400ml über die Haut, 200ml durch die Atmung). Der Körper besteht bekanntlich zu 70 Prozent aus Wasser, das macht bei meinem Gewicht mindestens zehn lebensunwichtige Liter Wasser. Wenn ich also nur schon weniger atme, seltener uriniere und mich starr in den Schatten lege, würde mein Leib unbeschadet die zehn Tage überstehen. Solch eine würdelos herbeigeführte Nahtoderfahrung geizt per se an intellektuellen Aspekten. Ich will querdenken, jagen, herausgefordert werden, mir beweisen, dass ein Cityboy ausserhalb vom Industralisierungskomfort autonom überleben kann, falls er denn muss. Dazu reiht sich folgende Überlegung: Diese Tage benötigt der bequeme Sapiens allein zum Essen eine verwirrende Anzahl von Gegenständen, und zwar nicht nur Gabel und Teller, sondern auch Genlabors und Containerschiffe. Die Zeit ist reif, dem ganzen Schnickschnack Einhalt zu gebieten, wenn auch nur zur Belebung des eigenen Bewusstseins.

Basierend auf fragwürdigen Überlegungen bleibt meine Packliste daher überschaubar; eine rostige Machete, ein Strandtuch, ein kaputtes Zelt, Adidas „Kampung“ (die Gummischuhe der Armen), ein Angelhaken aus Karbon (Size 11), ein Feuerzeug „made in China“, drei Plastikbeutel, eine Badehose, eine Nikon D750, und zu guter Letzt meine mentale Vorbereitung inklusive einer Trickkiste voller Überlebensraffinessen.

Tag I – Inspektion

Ankunft im tiefgläubigsten Teil Sumatras, Indonesien. Ramadan geht in die Endphase, bestens erkennbar an den passionierten Freiwilligen beim abendlichen Open-Mic, das bis in die frühen Morgenstunden andauert. Ich kenne die gewöhnungsbedürftigen Tücken für Nicht-Muslime und habe mich daher am Vorabend mit einer Take-away-Henkersmahl eingedeckt.

Ein Kleinboot verfrachtet mich gen Mittag zur Isla Incógnita. Projekt Robinson kann beginnen.

Ich müsste lügen, ein mulmiges Gefühl beschattet die Fahrt. Doch mit dem Inslein überschaubarer Grösse rückt gleichzeitig auch das Palmendach wuchernder Kokosnüsse ins Blickfeld. Heureka! Meine Lebensversicherung, falls der zahnlose Kapitän nicht wie abgemacht nach zehn Tagen wieder aufkreuzt. Nasslandung und schnurstracks zur Qual der Wahl, links oder rechts. Links, der feinsandige Bilderbuch-Strand aus dem Hochglanzkatalog mit türkisblauem Wasser, rechts, die schroffe Küste. Ich wähle intuitiv rechts, denn die Chance etwas essbares zu angeln, stehen besser bei den wenig romantischen Steinpools. Wer will schon jeden Tag eine Stunde zum Supermarkt laufen? Auf dem Weg durchforste ich den Kamm zwischen Vegetation und Sand, wie üblich trägt die Flut nicht nur abgestorbene Korallenstücke an Land. Nach zig Inselbesuchen im Pazifik, dem Atlantik, dem Indischen Ozean wage ich zu behaupten; je weniger Hotelpersonal fürs morgendliche Aufräumen bezahlt wird, desto dramatischer die Ansammlung von angeschwemmtem Schrott. Kein Grund zur Beschwerde, zumindest nicht heute, denn ich benötige noch ein paar Kleinigkeiten für mein Camp. Das Angebot ist üppig; Muschelpfannen, Muschelteller, Muschellöffel, zerrupfte Seile, ein Eimer, Plastikflaschen, etwas Angelleine, ja sogar eine Zahnbürste.

Nach gut eineinhalb Kilometern werde ich fündig, eine kleine Erhöhung mit Schutz vor Wind und Flut. Aufgrund Negativ-Erfahrungen mit wildem campieren nahe unberechenbarer Gezeiten, bin ich schlauer geworden. Vor allem an Indonesiens Südküsten, wo Wasserschwellungen von Australien her ungebremst hochdrücken, kann der Meeresspiegel willkürlich um einige Zentimeter variieren. Ich checke daher zur Sicherheit die Beschaffenheit des Sandes. Binsenweis: Ich will nicht morgen bereits wieder umziehen. Mit der Musse einer Schweizer Haushälterin putze ich mein Revier und knüpfe aus Seilstücken und meinem Strandtuch eine Hängematte. Unweit segelt ein Willkommensgeschenk in Kokosnussform aus der Palmkrone. Mein Freudenfeuer leitet über in einen pittoresken Sonnenuntergang und somit zur Schlafenszeit. Ich will mich ganz der Inselzeitzone hingeben und folge dem natürlichen Rhythmus des Lichts.

Tag II – Töten

Heute opfere ich meine Jungfräulichkeit, die Jungfräulichkeit das Tierschlachten aus Feigheit und Bequemlichkeit anderen zu überlassen. Bastle mit Eifer an meinem Waffenarsenal, an einem Speer, einer Angelrute und am Chef der Fischfallen; der Automatic Fisherman für Leute vom Fach. Es muss kurz nach Mittag sein, die Sonne steht 90 Grad zum Horizont. Also abwarten, denn Fische sind morgens und abends aktiv. Bleibt um nach tief hängenden Kokosnüssen zu spähen. Et voilà, drei Meter klettern für einen Wochenvorrat geht in Ordnung. Eine Machete macht das Castaway-Leben deutlich galanter, ja ungefährlicher; anstatt mich hochzuseilen, schlage ich Stufen in den Rumpf und gleite geschmeidig palmauf- palmabwärts. Auf dem Weg zurück kreuze ich mit einem Landeinsiedlerkrebs, Typ Coenobita clypeatus, nicht einer der mikroskopisch-kleinen, die unbeholfen über die sandigen Zehen eines Sonnenbadenden stolpern, sondern ein faustgrosser Hüne. Unbeeindruckt von meiner Anwesenheit schert er sich durch den dicken Mantel einer Kokosnuss. Ab in den Eimer damit und weiter, sich dabei fragen, ob ältere Geschwister in der Gegend wohnen. Ich bin kein Fan von geschalten Tieren, da sie meist mehr Arbeit als Genuss versprechen. Doch während Survival-Tagen wandelnde Eiweisse vom Boden zu pflücken hat etwas Logisches. Ich finde einen weiteren, dann noch einen. Prioritätenwechsel, ich werde morgen den grossen Fang an Land ziehen und heute Scheren grillieren.

Erschlagen oder zu Tode glühen. Welches Todesurteil würde ich bevorzugen? Hitzschlag oder Steinschlag? Plötzlich huschen Eduard’s Worte durch meinen Kopf: „Ich entschuldige mich bei jeder Sau, der ich einen Eisenpickel ins Herz ramme“. Macht Sinn, Ich entschuldige mich bei meinem Opfer und schlage zu, analysiere das Wirrwarr aus zuckenden Beinen und Innereien – Mein Abendessen.

Tag III – Unerfüllte Ereartungen

Das Leben des Selbstversorgers, eines Sammler und Jägers. Ich erkenne mit Staunen, dass ich weder über nächste Woche noch über den Verlauf kommender Tage sinne. Das Jetzt rückt ins Rampenlicht, der quengelnde Magen, Hunger, Durst. Gewiss würde ich anderswo aufstehen, würde weniger sorglos Geldstücke gegen Frühstück tauschen, würde Emails schreiben oder auf Emails warten, würde mich wie gewohnt einem aufgezwungenen Tatendrang unterjochen und über künftige Ereignisse grübeln, Naturell und Krankheit der Moderne einher.

„Erfindungsgeist, Tatkraft, Fleiss und Geduld
 gestalten das Los des Einsamen erträglich“ (Daniel Defoe, Autor des Romans Robinson Crusoe). Ich definiere meinen Aktionsradius auf 200 Meter um mein Camp und analysiere die Situation. Die Ebbe deutet auf mögliche Fischverstecke vor dem eigentlichen Riff, dort wo die Wogen brechen. An strategisch bester Lage baue ich meinen Automatic Fisherman auf. Wage ich zu glauben. Hatte ich die Bauanleitung missinterpretiert und versehentlich ein Automatic Raft gebaut? Meine Falle ist so stabil, dass nicht einmal mein ganzes Körpergewicht ausreicht um sie in Fischnähe zu drücken. Statt nebenan zu hocken und zu beobachten, wie sich automatisch Fische hineinverirren, reite ich auf meinem Automatic Fisherman durch die See auf der Suche nach einer Lösung. Stunden vergehen bis ich eine Passage finde, wo die Gezeiten mein Werk nicht in seine Bestandteile zerlegt. Ich hänge ein durchlöchertes Säcklein mit Krebsdärmen hinein, schliesse den Deckel und bedecke alles sorgfältig Steinen. Abends wird geerntet! Währenddessen aufstellen zum Angeln. Einen Angelhaken aus Karbon (Size 11) mitzubringen ist keineswegs eine schlechte Idee, nur sollte das Potential richtig eingeschätzt werden. Ein Angelhaken aus Karbon (Size 1) hätte allemal gereicht. Zahlreiche Aquariumfische schwirren zu meinem Köder, beissen sich feist und ziehen zufrieden von dannen. Ich erinnere mich an das Etikett auf dem Produkt; „The Ultimative Hook Technology“. Ich stelle mir vor, wie die Product Manager der ultimativen Hakentechnologie aus Karbon die Szene mustern. Sie würden sich biegen vor Lachen. Die süssen Versprechen der Marketingabteilungen dieser Welt, nie werden nur annähernd war. Mit dem Tageslicht schwinden auch meine Träume als Testimonial für ihre Unternehmenskommunikation. Zeit die erbarmungslose Fangmechanik meines Automatic Fisherman zu prüfen. Man nimmt es bereits an, nicht eine müde Flosse hat sich darin verfangen. Also zurück zum Ausguck, den Pinsel der Natur bestaunen, zurück in die Hängematte, dem Rauschen des Blattwerks frönen, etwas Kokosfleisch ausgrübeln und wieder auf Krebs-Pirsch. Der geringste Weg des Widerstands soll genügen.

Wie sagte Kurt Tucholsky: „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.“ Wie ein besessener Visionär, handwerksdumm aber ambitiös, denke ich weder an Jagdhürden noch Misserfolg, sondern spinne stattdessen verheissungsvolle Bilder von Fisch am Spiess und gar einem eingekesseltem Fischrudel in meinem Automatic Fisherman. Aber was kann die Realität dafür, dass ich keine Ahnung von ihr habe. Die eigene Fantasie zaubert zu jedem definierten Wunschziel ein Luftschloss aus Farbe, Form und Anmutung. Luftschlössern nachjagen ist geradezu menschlich, mögen sie auch noch so irreal sein, sie sind das Placebo des labilen Geistes. Dabei liegen Wahn und Vision oft nahe beieinander. Jagende entwickeln unterbewusst Bedürfnisse, woraus Erwartungen entstehen – diese sind bewusst und daher das Schlimmste aller Übel. Bedürfnislos durchs Leben zu rauschen ist unvorstellbar, jeder braucht sporadisch einen virtuellen Orgasmus, etwas das motiviert die Ironie des Alltags zu ertragen. Doch wer seinen Träumen folgt, wird kurz darauf lernen müssen, dass die Wirklichkeit wenig mit dem Schwachsinn unterbewusst geformter Erwartungen harmoniert.

Tag IIII – Alternativen

Routinierter Tagesbeginn; Zähne mit Meerwasser putzen, Kokosdrink, zum Denken in die Hängematte. Dann nach alternativen Ressourcen Ausschau halten. Ich bin noch nicht am Ende meines Jagd-Latein. Wer in der Wildnis lebt, müsste jetzt beipflichten; Jeder Tierlaut, eine potentielle Nahrungsquelle, jedes abrupte Aufblitzen eines Fells, einer Schuppe, einer Feder, stimuliert den Überlebenstrieb. Ich blicke hinauf zu den Eisvögeln, zu weit entfernt. Blicke zum Riff, zu unbequem. Blicke ins Dickicht, wo die Eidechslein spielen, hoffnungslos. Ich wandere stattdessen rüber zum Strandabschnitt um Schildkröteneier aufzuspüren. Im Juli soll die Brut der Meeresschildkröten schlüpfen, das lässt volle Nester im Juni vermuten. Ich nehme mir vor, nicht alle zu essen, lediglich drei vier. Wie einfältig von mir zu glauben, dass ein Tier, egal welcher Gattung, sein Nest mit einem Schild „Achtung Nachwuchs!“ versieht. Ich überlege, wo würde ich meine Eier legen? In gelegentlichen Abständen grabe ich bubenhaft Löcher in den Sand um, oh welch Überraschung, nichts zu finden ausser noch mehr Sand. Dafür läuft es prima an der Krebsfront. Ich habe mittlerweile eine kleine Farm angelegt und begonnen vergorene Kokosnüsse zu füttern um dem Krebsgebein eine gewisse Geschmacksnote zu verleihen. Ich nenne das Gericht „Drunken Crab“.

Hinter mir raschelt es – gute eineinhalb Meter Reptilienfleisch äugt mich an. Verflixt, mein Speer ist nicht in Reichweite, und die Monsterechse rennt mit Lichtgeschwindigkeit. Ideen trudeln, Pläne, Träume. Wie immer, der Traum zuerst: Ich mit „Kiss the cook-Schürze“, die Echse über den Flammenzungen drehend. „Medium“ oder „well done“? Schulter oder Schenkel? Meersalz oder pur? Ich baue eine „Củ Chi-Falle“ (made in Vietnam), welche bereits manch einen Amerikanischen Soldaten verstümmelte. Das Prinzip ist einfach: Ein Loch, die Tiefe der Opfergrösse entsprechend, aufwartend mit reichlich zugespitzten Holzspiessen, bedeckt mit Blättern und Astwerk. Ich modifiziere die Củ Chi-Falle und hänge eine Kokosnusschale mit stinkendem Krebskadaver darüber. Alles festlich angerichtet, quasi Fine Dining für Monsterechsen. Würden Werbehinweise in naher Umgebung helfen? Mit der Aufschrift; „DRUNKEN CRAB THIS WAY“ oder „LIZZARDS WELCOME“? Wer weiss. Abwarten, Fische füttern gehen, Kokosnüsse spalten und Schalentiere erschlagen.

Tag IIII – Tage wie dieser

Mit abstrakten Träumen von mir in einem Käfig umringt von hausgrossen Eidechsen wache ich auf, blinzle schlaftrunken. Jetzt hätte ich gerne Zeugen, denn die Situation könnte ironischer nicht sein, die selbe Echse von gestern Abend züngelt gerade in mein halboffenes Zelt. Als ob sie mir beweisen will, dass nur sie hier anschafft. Die Falle bleibt leer, das Aas ist weg. Es geht noch schlimmer. Ein Sturm zieht auf, der Himmel ändert von hellblau nach weiss nach schwarz. Jetzt orgelt der Wind. Mit Skepsis beobachte ich den wütenden Indischen Ozean, in dem die Wellen kreuz und quer schnellen. Ich verstecke mich für den Rest des Tages im Zelt, knabbere Coco und fühle mich im Stich gelassen. Schwermut macht sich breit, ich bin mir bewusst; keinen interessierts, niemand ausser mir greint hier. Nicht das Meer, nicht die Aquarienfische, nicht die listige Echse. Was wünschte ich mir gerade einige wohltuende Buchstaben herbei, eine Ballade, Tabak, ein Chat mit Freunden, einen Pizza-Insel-Lieferservice, etwas, dass über die Tristesse hinwegtröstet, Stimuli für gelangweilte Hirnzellen. Ich rette mich ins Vipassana und halte dabei den kaputten Zelteingang zu.

Common Sense, Soloreisende sind süchtig nach „Solitude“ nicht zu verwechseln mit „Loneliness“ (Einsamkeit) – kein deutscher Begriff vermag annähernd die Magie von Solitude zu übersetzen. Auf einer einsamen Insel findet sich Stoff mit Überdosis-Potential – Der eigentliche Garten Eden. Jeder sollte hin und wieder Zeit in seinem Kopf verbringen, Erlebtes verdauen, Wissen neu strukturieren und an seiner Weltanschauung feilen. Am besten in einer friedlichen Umgebung, in welcher keinerlei Notstand entsteht omnipotent Sprüche in die Umlaufbahn zu schleudern um kurzfristig Respekt zu erhaschen. Ein Ort des Seelenfriedens, wo das Ego nicht angestachelt wird, wo kein Sammelsurium an Facebook-Post zeigt, dass es irgendwo anders gerade besser ist. Das Ich und die Macht seiner Gedanken, Wunderwaffe und Alptraum zugleich. Draussen faucht die See, irgendwie finde ich Schlaf, irgendwie überhaupt nicht.

Tag IIII I – Ablenkung

Nach einem Tag im Zelt ohne jegliche Form der Unterhaltung durchströmt mich neuer Enthusiasmus. Ich spitze meine Lanze und durchforste die Pools nach Beute. Ein Aal ist mit selbiger Idee unterwegs. Und wird prompt vom Jäger zum Gejagten, ich steche und verfehle. Fairplay! Er gibt mir noch eine Chance – wieder daneben. Wir gehen unsere Wege, der geübte Jäger fischt fern der Gefahrenzone fröhlich weiter, logischerweise erfolgreich, während ich resigniert Krebsbeine sortiere.

Ich brauche Ablenkung von all den Pleiten und schlage eine Piste hinein in den Mangrovenwald um eine natürliche Mücken-Abwehr aufzuspüren. Eigentlich hoffe ich nicht zu finden, nach was ich suche, doch lande ich bereits nach wenigen Machetenhieben am Ort des Geschehens. Ein Termitenbau. Der dicke Knollen sagt nichts über die genaue Spezies aus, doch gehe ich davon aus, dass die Sumatra-Termiten den gleichen Zweck erfüllen, wie die Amazonas-Termiten. Ich hacke hinein und warte auf den Exodus. Zögerlich lege ich meinen linken Arm auf den Bau und halte inne bis sich dutzende Termiten darauf versammeln, verreibe die Armada und kehre zurück. Ein weiterer Einfall. Ich beschliesse den angebrochenen Tag der alternativen Wassergewinnung zu widmen. Zur Mittagshitze binde ich meine drei Plastiksäcke um die saftigste Vegetation der Region. Nichts leichter als das. Erwische ich die richtige Pflanze, sollte ich je Plastiksack 100-200ml frischen Tee erhalten. Das funktioniert! Und, da die Mücken jetzt nur noch beide Beine und den rechten Arm leersaugen, wage ich sogar zu behaupten, mein Tag war ein voller Erfolg.

Zur Belohnung hinauf in die Milchstrasse träumen. Es gebe so viele Himmelskörper wie Sandkörner auf der Erde, behaupten Astrologen. In einer Gegend voller Sterne und Sand fühlt man sich unbedeutend klein. Ich lasse mich darauf ein und bin ganz einverstanden, mit dem jetzt, mit allem was war und kommen mag. Aus dem Latein: „Per aspera ad astra“ – Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen.

Tag IIII II – Tagträume

Ein weiterer Tag in Paradiesgefangenschaft. Ich muss zugeben, der Tatendrang schwindet. Weder Seeigel noch Muscheln oder gar Algen sind ohne Freitauchen innerhalb tobender Wellen auffindbar. Ich könnte zwar weiter an meinem Waffenarsenal schrauben und noch mehr Stunden über spitzes Gestein waten um doch noch einen grätigen 3-Zentimeter-Fisch zu angeln, doch sind es noch gute drei Tage bis zum Projektende. Ich werde es nicht übertreiben und meine Energie sparsam einteilen. Mein knappes Körperfett schwindet sichtbar. Kein Wunder, denn Krebs-Eiweiss und gesättigte Fettsäuren versprechen wenig Nährwert. Mein Hirn flüchtet bereits des Öfteren in die Fantasie, zu den Marktständen in Bangkok, zu den Nudelsuppen Hanois, aber auch hin und wieder zu Schweizer Bäckermeistern. Fragen wurden bereits im Vorfeld laut, ob ich denn nicht das heimische Essen misse? Oje, lebe ich doch im Schlaraffenland Asien. Ich habe mir aber in jüngster Vergangenheit ein feines Talent angeeignet, für die seltenen Momente in denen ich rückfällig werde. Mein Konzentrationsvermögen ist darauf geschult, und das ist kein Scherz, einen bestimmten Geschmack gedanklich zu imitieren, so intensiv, dass sich das Gespinst praktisch essen lässt. Mein Hirn schüttet dann ein paar Endorphine aus, ist wieder happy und kümmert sich um Wichtigeres. Diese Taktik ist günstiger und verbrennt weitaus weniger Energie als Sklave der eigenen Bedürfnisse zu sein. Das Auftauchen solcher Empfindungen ist selten erklärbar, denn sie wurzeln in den komplexen Tiefen des Unterbewusstseins und mutieren via Bewusstsein zu Verlangen. Heftiges Verlangen mental zu besänftigen oder gar zu ignorieren, ist hohe Schule, und hört sich herzlos wie umständlich an. Doch hilft es die Bedürfnisse auf Sparflamme zu halten, das gilt für Nahrung und alles andere, dass gerade nicht zur Verfügung steht.

Ich agiere demnach ganz als Minimalist, gehe wieder Krebse pflücken, klettere zu den Kokosnüssen und schwinge in meiner Hängematte. Zum Spass verlege ich hin und wieder meine Machete, auch das lenkt ab und vertreibt die Zeit.

Tag IIII III – Zeitlos

Vom Meeresrauschen aufgeweckt und grellen Himmelsfärbungen schlafen gelegt zu werden, hat etwas idyllisches. Musste ich dazu 35 werden um eineinhalb Wochen komplett zeitlos vegetieren zu dürfen. Nicht etwa, dass ich mich innert den letzten Jahren intensiv mit Zeit beschäftigte, keineswegs, aber ausserhalb einer Welt von Zeitmessern und deren untertänigen Mitmenschen zu leben, könnte kaum befreiender sein. Ab und zu ertappe ich mich dabei, dass ich an das Phänomen „Zeit“ denke, unterbewusst, indoktriniert. Aber dann gleich wieder feststelle, dass dieser Gedanke weder Kraft noch Einfluss auf weitere Fiktionen hat. Ob es 8 Uhr morgens oder 3 Uhr nachmittags ist, verrät mir höchstens der Sonnenstand. Und nun, da ich der Jagd und somit dem Selbstversorgerdasein abgeschworen habe, bin ich der Zeit voraus, und ihr dabei fremder denn je. Tagträume erhalten mehr Gewicht, sie lassen sich weiterspinnen und bis zum Ende auskosten. Die Gefühle, die man Orten und Menschen zuschreibt, erhalten neue Intensität.

Ohne Zeit mehr Zeit? Zeitlose einfache Gemüter definieren Langeweile übrigens komplett anders als privilegierte Menschen. Langeweile (oder lang-weilen) kommt in ohnehin mit einem negativem Unterton, heisst aber nicht unbedingt keinen Spass am Nichtstun zu haben, sondern sich zwangsweise mit dem eigentlichen Moment des Nichtstun ausseinanderzusetzen. Ist die Langeweile als solche identifiziert, sieht sich der gebildete Verstand automatisch nach Alternativen um. Stillsitzen und länger in der Vergangenheit kramen, gar in eine unvorhersehbare Zukunft blicken? Ach was. Ich sinne darüber nach, wie es sich für den Typus „Asiatischer Tagträumer“ verhält, einer der niemals aus diesem Kostüm kann, weil er bereits zeitlos aufwuchs und nebenbei schlicht die Möglichkeiten nicht kennt, weder die Opfer noch die bittersüssen Belohnungen. Sie sind die Gefangene des zyklischen Zeitbewusstseins. Enthusiasmus und Weitsicht kann nicht eingeimpft werden, sondern entstehen zwangsweise durch Bildung und Wettbewerb.

Zeitdruck ist ein Geist der Moderne! Als ehemaliger Verkauf- und Projektleiter mit 13 Jahren Berufserfahrung in einem perfektionistischen Land wie der Schweiz habe ich den Zeitdruck in einem Ausmass wahrgenommen, der für dünnhäutigere Individuen tödlich enden würde. Habe erlebt wie ganze Branchen den Zeitdruck vom Top-Management bis zum Hauswart durchprügeln, bis der Hinterletzte das selbe Klagelied pfeift: Zeit ist Geld – Kein Geld, kein Fortschritt – Kein Fortschritt, kein gesichertes Überleben – Alias Freifahrt in den sozialen Abgrund. Das alles ist keine Offenbarung sondern eine bekannte Tatsache, und stört längst nicht jeden im selben Ausmass. „Work-Life-Balance“, „Burnout“ und „bedingungsloses Grundeinkommen“ sind Fremdwörter im Vokabular von Entwicklungsländern. Das hat Gründe, die Dinge laufen noch anders, noch zeitloser.

Zurück in der Inselzeitzone. Ich fasse einen Zukunftsgedanken: Als strenggläubiger Anhänger des linear geschlossenes Zeitbewusstseins werde ich persönlich etwas revidieren. Die Pläne im Kopf kleiner zu halten, wird jedoch nur dann gelingen, wenn die subjektive Vorstellung Zeit an Bedeutung einbüsst. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur inneren Ruhe und damit auch zu einer souveränen Bescheidenheit.

Tag IIII IIII – Dienstag

Der vorletzte Tag plätschert dahin in bewährter Routine. Ich grilliere die letzten Krebsbeine und schaue mich an der Umgebung satt. Wie immer vor einem Abschied, schenke ich der Szenerie meine geballte Aufmerksamkeit. Ihren Geräuschen, ihrem Aroma, ihrer ganz eigenen Ästhetik, und werde inflagranti beim Bewundern ertappt. Ein Bursche kommt zu Besuch. Wir mustern uns, sichtlich überrascht von der jeweiligen Existenz, wechseln dazu diverse Worte. Das heisst, er spricht indonesisch, ich englisch und beide täuschen vor einander zu verstehen. Ich taufe ihn „Dienstag“, zur Feier des heutigen Tages. Sein Nicken sehe ich als Einverständnis. Ich biete etwas Krebsbein an. Der Junge hält zwar den Daumen hoch, lehnt aber entschieden ab. Als wollte er sagen: „Ich steh nicht so auf deine angebrannten Krusten“. Dann, das Lehrstück sondergleichen: Ich sehe zu wie Dienstag barfuss über die rasierklingenscharfen Steine marschiert, hinaus zu den brechenden Wogen, und sich mit seinem Speer in die Flut wirft. Eine halbe Stunde später kehrt er zurück mit zwei Fischen stattlicher Grösse, legt sie neben das Feuer, hält wieder den Daumen hoch und verschwindet in der Dämmerung.

Mir wurde oft Mut zugesprochen, für Projekt Robinson, aber vor allem für das Projekt Weltreise. Man verwechselt gerne Mut mit Privilegien innerhalb der westlichen Welt. Ganz ehrlich, habe ich meine Erkundungen satt, gehe ich wieder nach Hause, starte neu und warte auf die staatliche Vorsorge. Kommt es düster, wartet Arbeitslosengeld. Vielleicht gehe ich mit 50 wieder studieren. Nichts mehr als eine Frage von Fleiss und Prioritäten. Den echten Mut finde ich täglich hinter der Fassade asiatischer Leichtigkeit. In pubertierenden Zeitlosen wie Dienstag, und in all den Helden, die von jung auf zu Selbstversorger gedrillt wurden und bis dato dem eintönigen Alltag mit einem Lächeln, Stolz und Freude am Leben entgegentreten. Denn wenn sie ausrücken, ziehen wir die Windeln an. Bricht morgen ein Weltkrieg aus und die Städte fallen (wir sind sehr nahe dran), ziehen Dienstag, der Iban-Opa, Mark, Eduard und Co. einfach wieder in die Wildnis und jagen sich feist, während unsere modernisierte Gesellschaft mit wehenden Fahnen untergeht.

Tag IIII IIII – Abschied

Der Kapitän sammelt mich pünktlich mit einem High-Five wieder ein. Was habe ich sogar sein zahnloses Lachen vermisst. Ich blicke nostalgisch auf mein kleines Inselgefängnis und die vergangenen zehn Tage. Kein Garten Eden, keine hetzenden Nymphen, keine Monsterechse am Spiess und schon gar keine Adler mit Schlange im Schnabel, dennoch verlasse ich Isla Incógnita mit einem vehementen Ja-Wort ans Leben, bin zwar ein paar Kilo leichter, dafür um Tonnen neue Erkenntnisse schwerer. Nicht auszumalen, welche Gefühlswelt echte Schiffbrüchige (oder freiwillige Castaways) durchlaufen. Etwas Anregung gefällig?

  • Der australische Aussteiger David Glasheen lebte 20 Jahre das Leben eines Castaways (Artikel Alvaro Crezero, via Daily Telegraph)
  • „The Vietnamese Tarzan“ alias Ho Van Lang dachte bis vor kurzem der Vietnamkrieg sei immer noch im Gange (Video Dokumentation, Alvaro Crezero)
  • José Salvador Alvarenga ging Schiffbruch und überlebte 438 Tage auf hoher See (The Guardian)

Ein Geheimnis zum Schluss; Ferien interessieren mich nur bedingt. Die Hauptmotivation hinter meinem eisernen Reisewillen ist jegliche Art von Konfrontation, die eine Auseinandersetzung erfordert. Zum Baden brauche ich mich nicht für zwölf Stunden lang in ein Flugzeug zu zwängen. Da reicht eine Fahrradtour von wenigen Minuten zu den Drei Weihern in Sankt Gallen. Ich habe mir unlängst geschworen, die snobistischen Wohlfühl-Oasen mit Wonnepools und 20-Meter-Buffet werde ich mir für mein Leben als Hundertjähriger aufsparen. Dann, vielleicht, kann ich mich auch mit denjenigen tummeln, die ihre Ersparnisse in „Wellness“ tauschen. Vielleicht werde ich dann auch den beklemmenden Verdacht los, dass man sich dem Reichtum des Lebens nur nähert, wenn man die unwohlen Zustände, wie Ratlosigkeit, wie Frust, wie Wehmut, als Mitgliederbeitrag akzeptiert. Unermüdlich tätige ich Klein-Investments in einem Markt der 24-Stunden offen hat, balanciere mit hart Erspartem zwischen Jubelschreien und Klagelauten. Die Opfer sind oft unscheinbar leise. Wer in die Haut des Langzeitreisenden schlüpfen will, sollte berücksichtigen, dass ausufernde Biersafaris oder Matratzen über fünf US-Dollar pro Nacht die Reise erheblich verkürzen und daher weitgehend Tabu sind. Aber trotz aller Bescheidenheit, wenn Lebenserfahrung einen Preis hat, egal wie hoch, ich bin bereit ihn zu bezahlen.

„Furcht vor Gefahr ist zehntausendmal beängstigender als die Gefahr selbst.“ (Nochmals Defoe)

Zur Bildgalerie von Isla Incógnita

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s