Mystische Sulusee; Ferienparadies, Tauchparadies, Piratenparadies? Malaysias Bundesstaat Sabah, genauer die Region um Semporna; ein Nimbus für üppige Riffe, für kristallklares Nass und den spartanischen Seefari-Lifestyle der Bajau. Doch wird es zunehmend lauter um das Idyll seit die Moro-Bande sowie Freibeuterchef Abu Sayyaf und seine Buddies von den Philippinen aus rüberkommen und nach Touristen angeln. Man nuschelt von einem neuen Somalia.

„Nothing travels faster than the speed of light, with the possible exception of bad news, which obeys its own special laws“ (Douglas Adams). Gestrafft: „Nichts reist schneller als das Licht, ausser vielleicht schlechte Neuigkeiten.“ Ein jeder kennt jemanden, der jemand anderes kennt, welcher von jemanden gehört hat, dass einem im Ausland etwas passiert ist, einer der angestochen, beraubt, verschleppt, angefasst, oder einfach nur beschissen wurde. Zudem katapultieren die Newsrooms der Welt nimmermüde Negativschlagzeilen per copy/paste in die Menschenhirne, Social Media viralisiert den Inhalt in Echtzeit bis nach Entenhausen und bringt die hinterletzten Synapsen zum funken. Also besser, man sichert sich vor dem Reiseantritt mehrfach ab und riskiert einen Blick auf die Website des ausländischen Amtes, um die Bedenken mit noch mehr Bedenken zu strafen. Egal ob amerikanisches, englisches, schweizerisches oder bulgarisches Gremium, sie warnen, warnen grundsätzlich vor allem, was ausserhalb der Sofa-Fernseher-Zone auf den Neugierigen lauert. Also sich zuhause verschanzen und den Mutigsten der Mutigen das Reisen überlassen? Zweifelsohne, die Sulusee ist kein Shangri-La für leichtlebiges Flanieren, man hat sich ja vorgängig erkundigt. Dabei handeln selbst Piraten nicht willkürlich. Ihre Motivation liegt politischer Ideologie zugrunde. Es geht um Regierungsmoneten um das Waffenarsenal und somit Einfluss zu finanzieren, Lösegeld, das von den Staatskassen vorselektierter Geiseln (ausgelesen von illegal eingewanderten Filipinos) erpresst wird.

Um der Gegend Verständnis einzuräumen, hier etwas Hintergrundwissen: Sabah ist mit seinen ungefähr 200 verschiedenen Volksgruppen ein Potpourri ethnischer Kultur. Wie der Rest von Borneo (Malaysias Sarawak, das abtrünnige Brunei und Indonesiens Kalimantan) ist das Gefilde reich an Öl und Edelhölzern. Da gab es einen, der sich als Chief Minister Sabahs für die Unabhängigkeit des ressourcenfeisten Staates einsetzte nachdem die Briten von Malaysia abzogen, einer der den Weg Singapurs und Bruneis einschlagen wollte und einer der schlussendlich vom Himmel fiel weil er zu viel Souveränität anstrebte. Am 6. Juni 1976 stürzt das Kleinflugzeug mit Fuad Stephens alias Muhammad Fuad an Board unnahe vom Flughafen Kota Kinabalu in die Fluten. Kurz vor Erteilung wichtiger Weisungen. Niemand überlebt. Der Clou? Fuads Posten wird neu vergeben, an Freunde von Team-Malaysia. Und, der zwei Jahre zuvor gegründete Mineralölkonzern Petronas zapft fleissig Sabah-Öl für Kuala Lumpur. Sabah wird endgültig malayifiziert. Jahrzehntelange politische Misswirtschaft und Schlamperei in der Immigrationskontrolle von Manila, Kuala Lumpur und Jakarta schürte schlussendlich Kriminalität wie Armut im maritimen Dreiländereck und machte das Terrain zu einem Hub für organisiertes Verbrechen. Die Extremisten (vor allem die Moro, die Sulu und die militante Abu Sayyaf-Gruppe) können sich mit der Grenzaufteilung bis heute nicht abfinden und sehen Ost-Sabah aus historischen Gründen als einen Teil der Philippinen bzw. des Sulu-Reichs. Gerade diese Tage wird der Sicherheitslevel massiv erhöht, Gesetze unter Druck vom philippinischen Präsidenten Rodrigo Duerte verschärft und trilaterale Patrouillen innerhalb der Sulusee eingeführt. Der Schnöseltourismus in Sabahs Osten stellt sich somit einem komplexen Konflikt zwischen Regierungen und Idealisten.

Aber! Die wenigsten Besucher gehören wirklich in die Opferdemografie. Für die Realitätsmuffel habe ich ein Hochrechnung zusammengestellt. Keine empirische Studie, lediglich ein Zahlenspiel für chronische Beweisliebhaber – Ein Indiz dafür, dass Piratenphobien oft in wenig Zusammenhang mit der Wirklichkeit stehen. Im Zeitraum 1985 bis 2017 starben im Grenzgebiet 50 Zivilisten aufgrund eines Attentats oder gescheiterten Erpressungsversuchen. Gleichzeitig durchfuhren knapp 576 Millionen Passagiere unversehrt die Sulusee. Zwischen 100’000 bis 200’000 Touristen trotzen den Gefahren und kommen jährlich nach Semporna, Innert 32 Jahren sind dies 5 Millionen. Defacto gingen 581 Millionen Menschen seit 1985 in „Neu-Somalia“ ein und aus, ohne dabei enthauptet zu werden. Die Chance innerhalb der Sulusee (beim Island-Hopping, bei Unterwasser-Safaris, beim Piña Colada-Schlürfen oder natürlich beim leichtlebigen Flanieren) von Abu Sayyafs Sippe entführt zu werden und dabei draufzugehen, liegt demnach bei rund 0.0000000017 Prozent. Im Supermarkt von einem Einkaufswagen tödlich angefahren zu werden, ist statistisch wahrscheinlicher. Und noch ein bestialischer Vergleich; Jährlich werden rein in den USA 18’000 Menschen von umfallenden TV-Sets schwer verletzt, und dabei 41 getötet.

„Die Bajau“

Mitten im Sog der Ereignisse, die mystischen Bajau. Die Meinungen gehen auseinander; Flüchtlinge, Nomaden, Illegale Inselbesatzer, rekordverdächtige Freitaucher, maritime Selbstversorger, heimatlose Riffbewohner. Es scheint kein Wahrheitsmonopol zu geben.

Semporna. Im unschicken Hafenambiente betteln Filipino-Kinder, andere kauern in ihren Schubkarren auf der Suche nach einem Gelegenheitsjob. Dahinter türmen sich genug Läden um alle Taucher der Welt mit einem Trip einzudecken. China ist Ferienstimmung und hat sichtlich das ganze Dorf mitsamt aller verfügbarer Matratzen gebucht. Nach Stunden der Schlenderei finde ich das wohl letzte Kajütenbett, und mache mich auf zum Stelzendorf Bangau-Bangau, unweit entfernt vom Superlativ aus Angebot und Nachfrage. In Bangau-Bangau leben 3’800 Bajau. Falsch, „Bajau Sampulna“, „Bajau Kubang“ oder „Bajau Darat“ (alias Land-Bajau, einige mit Bezug zum derzeitigen Wohnort) werde ich prompt korrigiert vom Fischhändler, der ein kunterbuntes Kaleidoskop an Snappern, Papageienfischen, Brassen und Seegurken feilscht. Ich sei herzlich willkommen in ihrem Dorf, Allah wäre mit mir. Die ehemaligen Animisten wurden bereits im grossen Stil von muslimischen Missonaren konvertiert, allmächtige Barmherzigkeit inklusive 50 Ringgit Startkapital für eine Unterschrift? Kein schlechter Deal! Mit Allahs Segen im Nacken spaziere ich durch ein Fiasko maroder Pfahlhütten, tipple unbeholfen über Bretterwege, denen so manch ein Stück Weg fehlt. Hin und wieder wird es knapp in der Breite, und die Gefahr steigt, dass einer der sich gegenüberstehenden Drängler in ein undefinierbares Dunkel aus Matsch und Ebbe verschwindet. In der selben Tunke schlurfen einige Kids auf Suche nach Rankenfüsser oder Krebslein, etwas dass sich in Ringgit tauschen lässt. „Salam Aleikum“ von rechts, „One Ringgit“ von links, „What is your name“ von vorne, „Where you go“ von hinten – Düfte von frittierten Bananen, nassem Abfall, frisch geseifter Wäsche irritieren – erfreuen – irritieren. Getönte Sonnenbrillengläser lassen so manch einen Gangster vermuten, einen Kontaktmann, den Freund eines Schleppers. Doch stellt sich heraus, sie alle weisen durch die Irrwege, laden zum sitzen und zum Geplauder. Unzählige Male bleibe ich hängen, versuche mich erfolglos als Glücksjäger in einem der illegal organisierten Mini-Casinos, bestaune die prunklose Handwerkskunst und rede dabei mit Alt und Jung. Koltis, der pensionierte Staatsdiener, setzt seinen Gegner Schachmatt und grinst rüber. Einfältig erkundige ich mich, wieso die Bajau Pfahlbauten favorisieren. „Ganz einfach, um das Boot zu parken“. Auffällig an der Naivität ist ja, dass man diejenige der anderen eher erkennt als die eigene. Mit der eigenen lebt man in Harmonie. Die Bajau waren und sind Fischjäger, einige haben einen sauberen Immigrationsprozess hinter sich und besitzen somit die malaysische Identitätskarte. Das einzige Türchen zur garantierten Bildung für die Folgegeneration. Dabei bleiben sie jedoch ganz sich selbst. Weiter laufen, mich weiter über die Gegebenheiten wundern. Kubikmeter Gerümpel rottet in jedem Eck, dahinter liegen lachende Weiber. Ein 6-jähriger raucht zufrieden, schnorrt nach einem Batzen. Für heute habe ich genug unverdorbene Romantik und suche nach einem Rückweg durch das hölzerne Labyrinth. Ein Junge begleitet mich mit seiner Gitarre musikalisch nach draussen. Und an Dostojewskis Satz erinnern: „Schönheit wird die Welt retten.“ Kaum immer, aber jetzt, als ich mit berauschender Musik im Ohr abrupt vor einem Bretterverhau stehen bleibe, ja stehen bleiben muss. Denn dieser befindet sich da, wo die Flut den Müll von Bangau-Bangau deponiert und während der Ebbe eine Seuche an Plastik, halben Kinderwagen, undefinierbarem Allerlei offenbart. Doch der Hausherr kennt das Gegengift und dekorierte seinen Steg inklusive Hauseingang mit einem Meer an Blumen um die Dämonen der Armut zu bändigen. „Jalali“, so stellt er sich vor, Bootskapitän inklusive Englischkenntnisse und somit mein Wunschkandidat für eine private Erkundungsrunde zu geeigneter Zeit.

Überschiffen nach Pulau Mabul. Eine der einzigen Inselchen hier, wo sich Ausländer auch über Nacht aufhalten dürfen. Einchecken bei Azhar Bin Adnan und den Rest des Tages in den stillen Ozean starren. Eine Sportübertragung auf Spanisch scherbelt aus dem Weltempfänger meines Mitbewohners. Das macht neugierig: „Cual equipo es tu favorito?“ („welches ist dein Team?“) erkundige ich mich bei Mash um das Eis zu brechen. Am Abend, als wir zusammen hinauf in die Sterne träumen, erzählt er aus seinem Leben. Mit 32 bricht der heute 64-jährige Malaie auf, von seinem Dorf in Kedah will er nach Barcelona. Nicht der Pesos wegen. Nein, der Herr kommt aus königlichem Hause. Er will es lediglich mit einer fremden Gesellschaft aufnehmen. Musiker werden. Auf unbestimmte Zeit nur Saiten zupfen. Fünf Jahre später ist er mehr Spanier als Malaie. Es war zur Zeit des Ramadan als er zum Gefängnis „La Model“ fährt. Sieben Hochsicherheitsschleusen später steht er mit seiner Gitarre im Gemeinschaftsraum, wo den Halunken zur Feier des Tages Besuch von Geschwistern, Ehefrauen, Söhnen und Töchtern gestattet wird. Er spielt und singt, spanische Folklore über die Freiheit und das süsse Leben, blickt dabei in die tränenden Augen von Vergewaltigern, Mördern, Reuelosen und Reuevollen. Jeder, der jetzt dem Alchemisten mit seinem Instrument lauscht, erhält einen letzten Trost, vielleicht ein Verlangen, aber zumindest eine Erinnerung. Mash weint auch, innerlich, sonst steht er für eine Sunde den selbstlosen Erlöser. Gutes tun, habe er nie verlernt. Mit zarten acht Jahren haben ihn die muslimischen Eltern zum Fasten abgerichtet, zum Edelmut, um Mohammed und Allah etwas näherzukommen. Völlig egal, was genau seine Motivation war, hier spielt einer sein eigenes Powerplay. Einer, der von zuhause aufbrach, um eines Tages in fremder Sprache die Seelen von Kriminellen zu heilen, wenn auch nur für kurz.

„Ramadan Mubarak.“ Völlerei um 3 Uhr morgens, Sonnenaufgang und offizieller Auftakt zum Fastenmonat. Ich plane einen Schnupperkurs von drei Tagen und folge Mash in die Dorf-Moschee. Die versteckt sich einige Meter entfernt vom transsexuellen Figaro, der sich die drei Quadratmeter Ladenfläche mit einer Masseuse und dem Nähmeister teilt, und gleich hinter den kaputten Behausungen der Bajau. Gegenüber, das pompöse chinesische Resort, dass die Verbotene Stadt in Peking alt aussehen lässt. Beide Parteien haben Aussicht auf den jeweiligen Lebensstil. Wer wohl wen mehr beneidet? Schlussendlich ist die paradiesische Sulusee der Swimmingpool der Bajau, ihr Himmel ist blau, ihre Luft sauber und gleich vor der Hütte schwimmt die Nahrung. Keine stundenlange Staus, keine Kohlenmonoxidvergiftung, kein Stress sich gegenüber den anderen 1,371 Milliarden behaupten zu müssen. Doch wird der Kontrast zwischen arm und reich dann hässlich, wenn die chinesischen Möchtegern-Fotografen am späteren Nachmittag mit ihren Nano-Superzoom-Objektiven ausrücken um nackte Buben beim Reifenrollen abzulichten. Ohne jegliche menschliche Interaktion, feige hinter Büschen versteckt um das Bild mit etwas Bokeh neben den bammelnden Schnideln zu gestalten.

Tage der Fasterei folgen, Tage der universellen Trägheit unter Gleichgesinnten, Tage der Beobachtung von den vielleicht 200 Bajau, die hier siedeln, oder nicht siedeln und stattdessen nebenan in ihren Booten gondeln. Letztere sind die eigentlichen Seafari-People, das Nomadenvolk der Bajau Laut (oder Sea Bajau, Sea Gypsies). Sie ankern in den seichten Gewässern der Philippinen, von Malaysia, Indonesien, Thailand und Myanmar. Hätten Ihre Urväter eine Geburtsurkunde, es würde Südphilippinen draufstehen. Doch weder ihre Urväter noch sie haben eine. Weder eine Geburtsurkunde, noch einen Pass oder eine Identitätskarte. Heimatlose, ja staatenlose Seefahrer. Ihr gesamtes Leben findet innerhalb der selbstgebastelten Holzbooten statt, den Lepa Lepas. Dort werden sie geboren, dort leben und dort sterben sie. Bei Ebbe wate ich durch das mit Seeigel verseuchte Wasser hinüber um mich zu erkundigen. Landbewohner dürfen nun gerne stutzen, denn einige Bajau Laut melden, sie würden bei zu langem Aufenthalt an Land gar landkrank (Gegenteil von seekrank). Hin und wieder setzen sie jedoch einen Fuss auf die Insel. Vor allem dann, wenn der Mundvorrat gedeckt ist und der Überschuss an Frischfang gegen Wasser, Reis oder Tapioka (gemahlene Maniokwurzeln) eingetauscht wird. Selbsternannte Kundige behaupten, die Bajau Laut können sich kein anderes Leben vorstellen, und sich für ewig in ihren Booten verbarrikadieren. Doch höre ich heute auch von Träumen, einem Stelzenhaus-Upgrade, aber zumindest etwas Bildung für die Folgegeneration. Während die Eltern fischen, gehen die Kinder in Einbäumen auf Seegurken- oder Seeigel-Tour oder planschen im türkisblauen Wasser. Sie treten eines Tages in die karrierelosen Fussstapfen ihrer Eltern, denn ohne Geburtsurkunde oder Identitätskarte gelten sie für das Ministry of Education Sabah als staatenloses Balg. Selbstverständlich gibt es Fröhlicheres als die Schulbank zu drücken, aber begünstigtere Kindern vom Einbaum aus beim gescheiter werden zu betrachten, kann selbst das einfachste Gemüt demotivieren.

Nach drei Tagen Schnupperkurs entscheide ich mich gegen die einmonatige Fastenlehre. Nicht etwa da ich denn Sinn einer inneren Reinigung leugne, nein, sondern weil es ohne den Glaubensaspekt hauptsächlich eine ungesunde Verschiebung der Nahrungsaufnahme ist. Zurück nach Semporna. Fressalien und Spielzeug besorgen. Hat mich Mash, Ramadan und das Gesehene der jüngsten Tage doch immerhin motiviert Gutes zu tun. Ich werde kaum die Welt verändern, und schon gar nicht den Lebensstandard der Bajau, doch werde ich immerhin einige Lacher zaubern. Über zahlreiche Umwege finde ich zu Ibnu, der uns ein Bootsmanifest besorgt und mich von der Insel Selakan aus zu ausgesuchten Schauplätzen nahe des Tun Sakaran Marine Parks bringen wird. Via Algen-Plantagen braust Ibnu zur Insel Maiga, die, so erklärte man mir, nur per Militäreskorte zugänglich ist. Ibnu ignoriert diese Gegebenheit oder es interessiert ihn nicht. Kaum angelegt, versammeln sich die ersten Neugierigen. Ich frage nach dem Dorfchef und staune – Niemand ist zuständig. Bajau-Kommunen bestehen aus einem Haufen Individualisten, deren Nächstenliebe bei einem Sack mit Früchten und Tapioka aufhören. Jetzt wird abkassiert! Alle eilen aus Ihrem Unterschlupf und grabschen eigennützig nach der kostbaren Fracht, vertuschen das Ergatterte und greifen erneut zu oder fragen gleich nach Cash. Nicht meine Lieblingszene, bin ich mir doch gewohnt meine Spenden einem weisen Rudelführer auszuhändigen. Nachdem klar ist, dass nichts Essbares mehr nachgeliefert wird, folgt der eigentliche Höhepunkt – Ich präsentiere den mitgebrachten Fussball und rufe zum Turnier aus. Sogleich taugt der Fremde nicht mehr als Geldheini, gilt plötzlich ganz als Mensch.

Und dann passierts, ich werde entführt. Nicht von Piraten, dafür von einer Kinderbande. Das Trio zerrt mich einmal rund um die Insel, nur um mir einen vielseitigen Blumenstrauss zu pflücken, ausgewählte Blumen, die sich von der ersten bis zur letzten voneinander unterscheiden. Ein herzerweichender Moment. Ibnu startet den Schiffsmotor, ich steige ein und winke, das gesamte Dorf winkt zurück. Weiter zur Insel Bodgaya, wo ich meinen Kapitän samt Wasserkutsche gegen ein Miniatur-Holzboot tausche und mit meinen Mitbringseln Pfahlbau um Pfahlbau abgrase. Uferloses Lachen schallt mir bereits vor dem Erklimmen der Holzleitern entgegen, Ausländer in Einbäumen sind rar in der Gegend. Ausserdem sinke ich zweimal in der Mitte des Stelzendorfs, da ich nicht gleichzeitig rudern und Wasser ausschöpfen kann. Einige würden mich gerne behalten (stimmt die Übersetzung von Ibnu), andere offerieren mir Kasaba Panggykayu (Tapioka) mit Seeigel-Sauce. Eines haben sie aber alle gemeinsam, sie betören mich mit ihren Gesichtern, ihrem bescheidenen Lebensstil. Niemand greint, alle sind sie nur sich selbst.

Zentrale Semporna, Busse aus Tawau liefern gerade fleissig chinesische Touristen nach. Schnell weiter, der Invasion entfliehen. Jalali freut sich auf meinen Anruf. Tags darauf sitze ich wieder mit Snacks, Früchten und Spielzeug gewappnet im Boot und düse in Richtung Tibba Lanos, eine 80 Quadratmeter kleine Insel mit einer einsamen Palme. Wären die Bajau nicht präsent, es wäre die Sorte Insel, die ein jeder beim Stichwort „Robinson“ halluziniert. Gewohnte Kennenlernprozedur; Anlegen, Kinder-Attacke, Frau-mit-an-der-Brust-hängendes-Kind-Attacke, Greisin-Attacke, nichts mehr zu holen ergo zurück zum Alltagsbusiness. Mein Kapitän hilft mit die Dorfälteste auszufragen. Die 90-jährige Jumpatia wohnt seit zwei Dekaden auf diesem Sandhaufen. Medikamente braucht sie keine, die wenigsten Bajau trauen modernen Ärzten und machen sich Ihre Medizin selber. Beispielsweise aus Seegurken, diese steigern die Potenz, heilen Demenz und verringern Krebs-Risiko. Auch sonst sehe sie kein Grund auf dem Festland aufzukreuzen, das Meer ist ihr Supermarkt und der Regen sichere den Wasservorrat. Dann die alles entscheidende Frage; „Was sie an ihrem Lebensstil verändern würde, wenn sie könnte?“ Schweigen. Stirnrunzeln. Noch mehr schweigen. Dann doch: „Nein, wir schätzen das einfache Leben. Und morgen sehe es ähnlich aus.“

Jalali steuert nach Nusa Tengah, ein allzu sinnliches Bajau-Dorf im Schutze eines Berghangs. Nalu lackiert gerade sein neues Boot. Ein Mann, der mit 60 aussieht, wie alle 60-Jährigen gerne aussehen würden. Ich klettere hoch und bestaune sein Schaffen. Die Handwerkskunst in den Bajau-Genen, fantasiert er sich das Endprodukt und wirkt darauf hin. Keine Montage-Anleitung unterstützt den Selbstversorger, der innert weniger als zwei Wochen ein Fischerboot zimmern kann. Nalu ist bekennender Staatenloser, mit 40 ist er aus den Philippinen illegal eingewandert. Sabah sei einfach sicherer; weniger Diebe, weniger Taifune, weniger Unruhen. Einige seiner Kollegen hätten es auch versucht und wurden von der Grenzwache zurückgeschickt. Nicht alle haben das Glück durchzuschlüpfen. Ich nicke ratlos, das Gehörte zu kommentieren scheint unnötig. Wir schauen rüber zu den Nachbarn. Sie rammen Pfeiler für ein neues Pfahlhaus in den seichten Meeresgrund. Jeder Handgriff passt, sie wissen haargenau was sie tun, als hätten sie bereits ein Leben lang Pfeiler in den seichten Meeresgrund gerammt. Eine Hütte weiter wohnt Nora Sita mit ihrer Familie. Sie mischt in gewohnter Manier Reispulver-Brei an für das Borak Buas, die Sonnencreme der Bajau-Ladies. Im Gegensatz zur Baumrinden-Thanaka in Myanmar erfüllt das Borak Buas keinerlei Make-Up Funktion, sondern wird lieblos ins Gesicht geklatscht um die gnadenlose Sonne fernzuhalten, ein Markenzeichen alleweil.

Letzter Besuch bei der Jalalis Tante und ihren !drei Dutzend! Mitbewohnern, die sich irgendwie innert den 15 Quadratmeter Wohnfläche stapeln. Ich äuge zu meinem Kapitän und Jalali ahnt sichtlich über was ich grübeln muss. Wohin zum Teufel schickt man seine 35 Zimmergenossen falls einen die Fleischeslust überfällt? Welches arme Schwein ist für den Abwasch zuständig? Und wer darf beim wöchentlichen Moschee-Besuch im Boot vorne sitzen? Ach überhaupt, je näher ich dem vergessenen Volk und ihrer speziellen Lebensweise komme, umso mehr Fragen tauchen auf.

Die Wirklichkeit war wie so oft überraschender, verstörender, erstaunlicher, farbenprächtiger und weitaus grosszügiger als die schlampig kolorierte Bilderwelt, die ich mir vorgängig erfunden hatte.

 

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