Miri. Abwarten bis die Pappe mit dem Hinweis „Brunei“ das Mitleid schürt. Ein Rentner-Duo hat Herz wie Platz für Anhalter und fährt mich zur Grenze. Wie erkläre ich den Eltern von !elf! Kindern, wieso ich noch nicht losgelegt habe? Ich versuche es mit dem „Pilgergedanken“, quasi der Himmel für Leute die nicht an Himmel glauben, das funktioniert meistens bei Gläubigen. Dafür schenken mir Haman und Eliz eine Erkenntnis aus ihrem Lieblings-Reiseführer, dem Koran: „Jeder soll vier Monate die Welt bereisen um sich von der Schöpfungskraft Allahs zu überzeugen.“ Okay, endlich ein Paragraph, dem ich halbwegs zustimmen kann. Selbstverständlich haben die Schreiberlinge kaum die Tristesse Royale in Brunei gemeint. Denn dessen Schöpfung kann kein Allmächtiger gewollt haben. Ja, man warnte mich vor. Jeglicher Besuch sei purer Verzweiflung geschuldet. Es gäbe genügend Gründe warum sich jedes Wochenende halb Brunei zum Exodus nach Malaysia aufmacht. Unisono kommen sie in Autokarawanen rüber um kurzzeitig die Kälte des abendlichen TV-Programms zu vergessen – Entertainment ist nicht die Stärke des Sultanats.

Brunei Darussalam. Bis 1983 britisches Protektorat, dann unabhängig, seit 1991 abstinent. Eine weise Entscheidung, nicht bei Team-Malaysia mitzumachen und stattdessen die üppigen Erdölvorkommen wie Erdgasfelder eigenständig zu verwalten, denn mittlerweile hat das Reich von Sultan Hassanal Bolkiah ein Pro-Kopf-Einkommen, das innerhalb Asien lediglich die Superreichen von Singapur überbieten. Bildungs- und Gesundheitssystem ist jedem kostenlos zugänglich und ausserdem füttert der Staat seine wenigen Arbeitslosen mit 800 Brunei-Dollar durch den Monat. Einzig die Homosexuellen, Ehebrecher und Diebe sollten achtsam sein, dank der vor wenigen Jahren eingeführten Scharia werden je nach Frevel Hände gehackt oder Steine geworfen. Sonst lebe es sich gut hier, nicht aufregend, aber gut, bestätigt mein Fahrer. Umsteigen nach dem Grenzposten. Ich werde in Brunei gleich zwei Premieren feiern (im Stillen, ohne Bier und ausgelassene Parties), erstens, ein Visum per Rollstopp und zweitens, mein bisher kürzester Aufenthalt in einem Land. Doch bin ich Brunei wohlgesinnt und plane satte 18 Stunden und 35 Minuten. Sehen wir es als ein Mini-Investment, denn für die Durchfahrt werden mir drei weitere Monate Malaysia geschenkt.

Unweit entfernt vom Grenzübergang lungert eine 14-köpfige Gang in ihre gepimpten Toyota Passos. Die Auto-Kennzeichen sind vielversprechend, sie müssen zum malaysischen Bundesstaat Sabah und damit zwangsweise vorbei an Bruneis Hauptstadt Bandar Seri Begawan. Mas, scheinbar der Alpha weil an der Kolonnenspitze, fackelt nicht lange, lädt mich ein, dreht den Bass auf Hörverlust und röhrt los. Wir fokussieren Landstrassen um prüferischen Polizei-Augen zu entgehen, das passt, denn so erhalte ich gleichzeitig einen Blick auf Bruneis Hinterhöfe – Hinterhöfe, welche die Lebensqualität der Mittelschicht offenbaren. Endlose Erdgasleitungen schiessen vorbei, hin und wieder etwas Grün, dann erneut pompöse Villen mit je drei bis !acht! eingaragierten Karossen – mir wird gerade versichert, drei pro Haushalt sei das Minimum. Kurzer Stopp um feinstes Benzin für 43 Brunei Cent pro Liter nachzufüllen. Nach ungefähr eineinhalb Stunden sind wir bereits quer durch das Land gefahren, ich verabschiede mich von Mas und seiner Gang und marschiere die letzten Kilometer zum Fluss Brunei (welch einfallsreiche Namensgebung), der das Wasserdorf Kampong Ayer von der Betonia auf der anderen Seite trennt.

„Hello-Rufe“ locken zur Feuerwehrstation, perfekt, denn ich brauche Rat, habe weder Brunei-Dollar, noch eine Ahnung wie geldlos das Ufer zu wechseln. Antreten zur Beichte. Prompt wird mir ein Bootsmann geordert, die Rechnung vom Captain der Brigade im Voraus bezahlt. Ich bin entzückt und wage mein heutiges Glück herauszufordern. Ich deute auf ihre Feuerwehrrutsche, notabene ein unerfüllter Bubentraum und Teil meiner imaginären Bucket List. Euphorisiert mache ich gedanklich gleich drei Häklein dahinter, springe aufs Boot und flitze kreuz und quer durch pittoreske Pfahlbauten, die locker an die 10’000 Menschen beherbergen. Ab und an dreschen wir in ein kreuzendes Touristenboot – was für eine Ziel-Einfahrt!

Es ist Freitag, der wichtigste Gebetstag für Muslime. Der Muezzin ruft zur Besammlung, die Leute verlassen seelenruhig ihre nun unbewachten Marktstände und Läden, zotteln allesamt routiniert in Richtung Sultan Omar Ali Saifuddin Moschee. (Unbewacht? Welcher Ganove will schon die langen Finger riskieren. Routiniert? Vom Freitagsgebet fernbleiben ist ebenso strafbar.) Ich schlüpfe in meinen Sarong und zottle nach. Auf dem Hinweg finde ich ins Gespräch mit Rashid. Da ich nicht weiter am Koran interessiert bin, lenke ich das Thema auf etwas Boulevard-Klatsch. „Ob er je den Sultan getroffen habe“, frage ich naiv und ernte ein stolzes Grinsen. „Yes-lah!“ Es war vor knapp einem Jahr, beim Freitagsgebet, kein menschlicher Schild aus Bodygards schwärmte aus um die Lage zu sichern, Sultan Hassanal Bolkiah stolzierte allen voran, stand und bog sich wie seine Glaubensbrüder zum Chutba. Jetzt das Märchen, welches sich ein jeder sein Eigen wünscht. Rashid erklärt, dass ihn Geldsorgen plagten. So tippte er einen Bettelbrief ab, mit freundlichen Grüssen, Name plus Kontonummer. Nach den Preisungen schlich er gebückt zum König und übergab fallenden Hauptes sein Zettelchen. Drei Stunden später wurden ihm 15’000 Brunei-Dollar auf Konto überwiesen. Was er denn mit dem Spendengeld anfing? „I buy new car“ – Et voilà, in dieser heuchlerischen Welt ist der cleverste Heuchler meist der Überlebende, und in Brunei per se ein Gewinner. Ich weiss, warum ich schon vor Jahren dem Klub der Fassungslosen beigetreten bin. Jeder Tag bestätigt die kostenlose Mitgliedschaft aufs Neue. Wieso auch tüchtig sein, wenn schnorren mit Autos belohnt wird? Später werde ich inne, dass es in Brunei gang und gäbe ist, beim Herrscher hausieren zu gehen. Schlange stünden sie vor dem Palast. Und der Volksheld zeigt sich wohlwollend, trotz (Achtung, lange Aufzählung) 20 Lamborghinis, 134 Koenigeggs, 11 McLaren F1s, 160 Porsches, 600 Rolls Royces, 450 Ferraris, 170 Jaguars, 180 BMWs, 360 Bentleys, 530 Mercedes-Benzes, der Rennstrecke um das Königshaus, 2 Boeings 340-200, einem Airbus 340-200, 6 Kleinflugzeugen, zwei Helikopter, 200 Polo Ponies, hat Hassanal Bolkiah stets einige Groschen übrig für sein Fussvolk. Nicht der Rede wert, denn der Sultan verdient 100 US-Dollar pro Sekunde. Wer nachfragt, erhält Geschichten per Fliessband, vor allem jedoch diejenige, vom gutherzigen Monarchen, welcher seinen Kopf in die Hütte der Untertanen streckt um Hallo zusagen oder sich nach dem Wohle der Familie zu erkunden. Zurück in der Realität, gewohntes Reinigungs-Prozedere für die Lämmer Allahs, Gesicht und Extremitäten waschen, ich platziere mich derweil im Bethaus-Eck und schaue ins Glaubenpanorama, kann es aber nicht lassen, mein Blick schweift immer wieder zum Eingang. So viel Grazie will man live erleben. Heute kommt es nicht dazu.

Unspektakulärer Morgen in einem unspektakulären Land. Die Fähre legt glücklicherweise pünktlich ab und bahnt sich ihren Weg durch einen Flickenteppich von Öltürmen und Öltankern in Richtung Sabah. Postskriptum: In der Gegend wurden kürzlich neue Ölfelder entdeckt. Somit steht einer Erweiterung des Karosserie-Harems nichts im Wege.

Zum Sonnenuntergang hinter der Omar Ali Saifuddin Moschee

ein Kommentar

  1. Pingback: Die Vergessenen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s