Das ultra-moderne, ultra-urbane Kuala Lumpur. Einchecken in China Town, einige Nudelsuppen entfernt von Little India, wenige Chapati von Klein-Arabia. Hier schreiben sie offensichtlich Einwanderungsgeschichte. Andere Wandergeschichte. Begeistert lese ich im Flur meiner Absteige den eingerahmten Zeitungsartikel über Harry Lee McGinnis, einem wahren aber unbekannten Globetrotter, der hier vor elf Jahren das Etagenbett bestiegen hat. 129’000 Weltkilometer hat „Hank“ nach seiner Pensionierung abgelaufen, er quittiert 50 US-Staaten und 66 Länder in vier Jahren. Von Irland aus läuft er nach Afrika, durch den Mittleren Osten nach Asien und via Südamerika über die texanische Grenze zurück in seine Heimat Indiana. Andere beklagen sich über die Entfernung vom Parkplatz zur Shopping-mall. Der Wanderer klagt nicht, er singt ein Loblied auf die Distanz. Der malaysische Journalist fragt nach, wie er sich denn vor blutrünstigen Grobianen schütze, die danach lechzen den dünnen Zeltmantel aufzuschlitzen und vom Weissen zu rauben. Die Antwort beschämt, denn mit dabei im 40-Kilo Rucksack: Speer, Jagdmesser, Buschmesser, Wurfmesser, Metall-Nunchaku und Peitsche. Lediglich sieben mal musste Indiana Harry sich aufgrund gescheitertem Dialog mit seinem Waffenarsenal wehren. Der gläubige Christ bleibt trotz geballter Weltwachheit ganz Amerikaner. Dann, mit 78 Jahren übt Hank universelle Einsicht: „Woher auch immer wir kommen, alle sind wir gleich“. Wie klischeehaft und stumpf, ich bin mir sicher, hier lügt der Herr, aber ich wüsste auch nicht, wie dem Medientross salopp die Unterschiede der ungefähr tausend angetroffenen Volksgruppen innerhalb 67 Ländern zu erklären. Den Schlusssatz serviert der Wanderer dafür wie eine Praline nach dem faden Mahl: „The only thing that will stop me from walking is death.“ Yes! Hier spricht ein Nimmersatt! Einer der versteht, dass er alles haben kann, solange der Wille stark genug ist. Hank stirbt würdevoll im Jahr 2013, nicht wandernd, aber mit einem randvollen Erinnerungsbarometer.

Ein belangloser City-Nachmittag, KL’s Strassenküchen dampfen bereits. Sie dampfen immer. Hinter dem Hupkonzert der Blechlawinen türmt sich eine allzu austauschbare Galaxie des Konsums, verglaste Betonklötze, so viele Betonklötze, dass man sich fragt wo all der Beton herkommt. Auf dessen Ground Zero liegen die Kaputten, die Amputierten, die dubiosen Nichtstuer. Ein junger Malaie ist dem Leim auf die Spur gegangen, und hat verloren – Wie so viele Sniffer verlieren. Wimmernd fleht er jetzt zu Allah und kriecht dabei in Richtung Shopping-mall. Aber drinnen sind Durian und Kaputte verboten. Der Wachmann weist ihm den Weg zurück ins Strassenleben. Gleich um die Ecke verteilen die Hari Krishnas singend Gratisreis für jedermann. Ich schaue in Kuala Lumpurs Gesichter: Hindu-Bindi, Thanaka-Kreide, Sunna-Bärte, einsame Warzenhaare, Burka verhüllte Augenduos, Grummler und Lächler, Gewinner wie Verlierer. Dazu plärrt eine Metropolis-Melodie, die jegliches Nervenkostüm foltert: Singsang für Shiva, brodelndes Frittieröl, Allah-Gebetsrufe, Reifenquitschen, Mantras, Baustellen-Gepolter. Wer hier trotz konstanter Reizüberflutung mit seinem Gefühlsleben im Einklang ist und täglich gelassen durch den Schlamassel schlendert, vor dem verneige ich mich.

Zeit für einen Besuch des Infinity-Pools am Stadtrand um die Skyline aus gesunder Entfernung zu geniessen. „Kein Problem“, nickt der Uniformierte, als Nicht-Gast dürfe ich freilich passieren. Aber nicht baden. Darf den Liegestuhl besetzen. Aber nicht baden. Darf halbnackt herumtollen. Aber nicht baden. Nach etwas Schaulust frage ich mich wie hoch der Preis für das „Baden“ ist und fahre die 55 Stockwerke wieder hinunter in die Schnösel-Lobby um einen Bestechlichen zu finden. Einige Uniformierte tuscheln und schlagen 120 Ringgit (30 US-Dollar) vor, um für eine Badestunde die Kameras zu übersehen. Ich rechne, für den selben Preis darf ich bald nach Borneo fliegen und bezahle zudem meine zwei Übernachtungen im Mäuseloch, inklusive Dusche, Matratze, Toast und nicht zu vergessen die atemberaubende Sicht auf die nächste Hauswand. Wie so oft wäge ich Luxus gegen Unentbehrliches ab und ziehe luxuslos von dannen. Zumindest kurzfristig, denn die Skybar hat auch ein Schwimmbecken und dabei soll lediglich das Getränk kosten. Ich wähle eine Tasse Kaffee und darf im Tausch sechs Stunden lang bedenkenlos baden und schauen. Schauen wie die Sonne hinter dem Stolz der Städter verschwindet, den Petronas Towers – dank der malaysischen Medienzensur wissen nur die wenigsten, dass kürzlich einer der beiden Türme aufgrund der kriselnden Wirtschaftslage dem Sultan von Brunei verkauft wurde. Jede Grossstadt hat ihre Etikettenschwindel, ihre Geheimnisse – ein Grund mehr hin und wieder vorbeizuschauen und genau hinzuhören. Ausserdem braucht die Welt Monster wie KL, Neu Delhi oder Shanghai damit man das Draussen wieder würdigt. Selamat tinggal Kuala Lumpur!

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Flughafen Kuching, Hauptstadt des malaysischen Bundesstaats Sarawaks. Lustige Affen, dichter Dschungel und festlich verkleidete Bumiputra-Models (teils mit Blasrohr und Nashornvogel-Federn bewaffnet); die Reklamen der Tourismuslobby versprechen bereits während dem Gang zur Gepäckannahme ein Bilderbuch-Borneo. Dramaturgisch wird der Gast auf den Zauber vorbereitet. Ja allerdings, auch ich will verzaubert werden, doch will ich dem einst unabhängigen Königreich nicht nur deshalb einen guten Monat widmen. Das wäre unfair. Wer über den Ausverkauf unserer Regenwälder und Völkervertreibung klagt, sollte nicht mit Scheuklappen durch diese Gegend galoppieren. Dazu beschäftigt mich der Einfluss der Globalisierung sowie der britischen Kolonialherren auf die Traditionen der Dayak, den ehemaligen Kopfjägern Borneos. Der Schlüssel zum generellen Verständnis sind ihre Tattoos. Und da meine eigenen Ansichten, so ins Alltägliche verdünnt, selbst mich tödlich langweilen, will ich sie mit den Geschichten der Fremden würzen.

Kuching wurde unlängst zur saubersten Stadt Malaysias erkoren. Der Glanz bleibt zumindest heute aus. Ich komme rechtzeitig zum fogging (dem Einnebeln). Kein Ausnahmezustand – reine Routine. Um Dengue & Co. vorzubeugen, zieht die Insektenwehr regelmässig durch Kuchings Gassen, vermummt auf der Lade von Jeeps oder marschierend, ready um den hinterletzten Mücken-Rüssel wegzuräuchern. Jeder Freiwillige bekommt bei der Besammlung eine Alien-Waffe. Keine Waffe, die man in den Schirmständer stellt, oder etwa über den Kamin hängt. Eine Waffe um nach draussen zu gehen und das Fürchten zu lehren. Der Designer wollte mit seiner Erfindung dem Laien von Anfang an klar machen, dass die Waffe ein richtiges und ein falsches Ende hat. Wollte klar machen, dass es für jegliches Insekt, das sich vor dem falschen Ende befindet, böse ausgehen wird. Euphorisch hustend versuche ich im Giftnebel meine Unterkunft auszumachen.

Nach Sibu, an der Mündung des Rajang Flusses. Quasi die Vene zum Herzen Borneos. Noch längst nicht alle Dörflein Sarawaks wurden von Strassen erschlossen. Als Bootsfan freue ich mich umso mehr auf die nächsten Tage, beschlagnahme sogleich das Dach über dem Kapitän. Gibt es etwas Schöneres als mit Wind im Haar durch fremde Gewässer mit gespiegelten Wattewolken zu gleiten? Für die Nacht ankern in Song. Das Bedürfnis der Weltbevölkerung hier aufzukreuzen hält sich arg in Grenzen. Sharol der Dorfpolizist lädt mich ein zu einigen Bier um den angebrochenen Tag zu überbrücken. Und meint zum Abschied, falls ich ein Problem hätte, könne ich ihn jederzeit anrufen. Ich frage nach, wann er denn das letzte mal wegen eines „Problems“ angerufen wurde? Er zählt. Nicht Tage, nein Jahre. Aber es gäbe dennoch immer etwas zu tun. Ich frage nicht weiter nach, werde seine Autorität nicht gefährden. Küchenchefin Jenny will mir bei meiner Recherche helfen, heute Abend müsse sie jedoch einen Berg Hühner-Po-Spiesse (sic!) grillieren. So folge ich dem konvertierten Chinesen Simon und zwei Kakerlaken zu meinem Gemach. Ein wunderbar spartanisches Zimmer wird mir präsentiert: herunterfallende Tapete, flackernde Neonröhre, faustgrosse Käfer die sich in die flackernde Neonröhre werfen, ein Waschbecken schmückt die Wand, Wasser kommt keines, vielleicht weil die fehlenden Rohre es nirgendwohin leiten würden. Trotzdem, ich bin nicht geizig genug. Reuevoll erinnere ich mich an das Geizpotential, das ich wenige Minuten zuvor ausschlug – Zwei Kubikmeter absolute Leere für 1.25 USD die Nacht. Geschützt von vier hauchdünnen Wänden, Boden plus Decke, weder Mobiliar noch Schlüssel.

Am nächsten Morgen werde ich schlauer – man verschwendet meine Zeit. Auf Versprechungen folgen keine Taten. Immerhin treffe ich über Umwege denjenigen, der jemanden kennt, welcher dann einen anderen anruft und ein Treffen für mich vereinbart. Ich schiffe weiter nach Kapit, wo mich Nyalu bereits erwartet. Er gehört zur indigenen Ethnie der Dayak, genauer den Iban, die grösste Volksgruppe Borneos. Nyalu ist Tätowierkünstler und daher begeistert von meiner Recherche über die schwindende Traditionen seines Volkes. Als Lohn für meine Neugier darf ich für heute bei ihm einziehen, nicht nur das, ich darf mit seiner Familie die fangfrische Python teilen. Mit Eifer stöbert Nyalu in seinem Archiv und übergibt mir Kopien mit den ethnischen Tattoo-Sujets der Iban, meint dazu, die Träger dieser Symbole, verstecken sich entweder in den Büschen oder sind bereits verreckt. Es ist kein Geheimnis mehr, aufgrund der Christianisierung, der „Zivilisierung“ und der rapiden Entwicklung hätte die Ethnien schlicht die Symbolik hinter den Motiven vergessen. Ein jahrhundertelanger Kult wurde zu einem trivialen Modetrend. Ein Körperschmuck, von dem kaum ein junger Iban mehr den Hintergrund kennt. Selbst der Nostalge Nyalu hat das hölzerne Tätowierbesteck gegen Maschine getauscht und die traditionellen Motive unlängst modifiziert um am Ball zu bleiben.

A man without tattoos is invisible to the gods

Lange passé, die Zeit in der die Iban-Teenager von ihre Langhäuser zur Bejalai aufbrachen, um Erfahrungen zu sammeln, die Jagdkompetenz zu verfeinern oder gar Köpfe der Orang Ulu (Kayan, Kenyah, Kajang etc.) oder anderer Stämme zu erobern. Für die erworbenen Kenntnisse wurden die Diplome mittels zwei kleiner Stöcke und Farbstoff (in seltenen Fällen angereichert mit Meteoritenstaub) unter die Haut geprügelt. Über die Jahrzehnte entstand somit ein Körper-Tagebuch, lesbar von Freund wie Feind. Andere Gründe für die Tätowierungen waren die Träume (Mimpi) , in denen die Geister (Antu) dem Auserwählten zu einem Motiv bewegten. Für die ältere Garde der Iban ist klar, die Tätowierungen sind pure Magie und schützen vor so manch Unheil: „A man without tattoos is invisible to the gods“ (ein Mann ohne Tätowierung ist unsichtbar für die Götter). Wenige tragen sie heute noch, die Auberginen-Blume (Bungai terong), das erste Tattoo der Chronik, es symbolisiert den Übertritt des Jünglings ins Männerleben. Die Blumen-Illustration wird auf den Schultern und dem Rücken platziert, dort wo die Rucksacklaschen spannen, um den Träger darauf vorzubereiten das Gewicht seiner eigenen Welt zu stemmen. Je nach Status, variert die Anzahl Blütenblätter. Üblicherweise folgen dann die Krabben-Arme (Ketam Lengan) und der Krabben-Rücken (Ketupong), die harte Schale als symbolischer Schutzschild für den Tätowierten. Der Hummer (Pantang) Rekong ist das letzte Tattoo des Iban-Sets. Eine besonders ehrvolle Mutprobe, denn das Muster wird auf die Kehle gestanzt. Es soll das Haupt davor schützen nicht von anderen Jägern abgetrennt zu werden. Nur wer einen fremden Kopf geraubt hat, erhält ein Entegulun, das Krieger-Emblem, welches die schlachtende Hand verziert. Vereinzelt verdienten sich auch einige Iban-Ladies ein Tattoo mit fleissiger Webe- oder Feldarbeit. Falls ich Glück hätte, würde ich eine alte Frau finden mit dem Halskehle-Tattoo, meint Nyalu. Dies bedeutet, dass sie dafür zuständig war, ihr Haus vor Invasoren zu verteidigen, während ihr Mann auf Beutezug war. Jedes Langhaus habe seine eigenen Stories. Es gebe keinen allgemeingültigen Weg zum Tattoo, alle Senioren hätten andere Geschichten, wie sie zu ihren Trophäen gekommen sind. Unser Gespräch wird unterbrochen, denn die Zeugen Jehovas schreiten ein, zwei mit Broschüren bewaffnete Chinesen. Nyalu verscheucht sie umgehend, als zufriedener Protestant sehe er keinen Grund innerhalb der Sekte zu wechseln, per se reine Zeitverschwendung für die beiden, und sowieso, sie stellen lieber den Animisten nach. Der Konkurrenzkampf um die übriggebliebenen Gottlosen ist gross – es ist wie bei der Trüffelsuche. Gestern schlichen Vertreter des Islams mit Korankopien durch die Gegend, so Nyalu. Scheinbar vergeht kein Tag ohne Bekehrungsversuche. Noch im Jahr 1960 bekannten sich rund 95 Prozent der Iban zu ihrem ursprünglichen Glauben; huldigten Naturgeistern, verstorbenen Vorfahren, dem Kriegs- und Kopfjagdgott Singalang Burong und der Erntegöttin Pulang Gana. Auch alltäglichem Allerlei wie Steinen oder Bäumen wurde eine Seele nachgesagt. Die Ehre bezüglich Kulturerhalt gebürt dem weissen Raja, Charles Brooke, der die Massengehirnwäsche durch christliche Missionare weitgehend verhindern konnte, bis Sarawak offiziell an Grossbritannien übergeben wurde.

We stuff natives with a lot of subjects they don’t require to know
and try to teach them to become like ourselves, treating them as
though they had not one original thought in their possession. Charles Brooke

Regnerischer Morgen. Ich bin guter Dinge, denn bald werde ich Zeitzeuge eines der letzten authentischen Langhäuser der Dayak, dem Rumah Uluyong – Ein Tipp von Nyalu. Dafür fahre ich per Sammeltaxi bis zum Ende der 17 Kilometer kurzen Strasse. Weiter wurde um Kapit bislang nicht gebaut. Eine Verbindungsstrasse nach Song sei zwar in Planung, meldet mein Fahrer, jedoch stehen demnächst Wahlen an, das veranlasst die Politiker dazu, etwas zögerlicher mit dem Fortschrittsgeld umzugehen. Man hält die Trümpfe, Stimmen gebe es diese Tage nicht mehr umsonst.

Dann, plötzlich da, auf den Brettern stehend, auf den selben Brettern, die sie bereits seit 100 Jahren auf und ab gehen. Ach wie hübsch, es hängen sogar noch einige Trophäenschädel im Gemeinschaftsflur! Wieso ihre ursprünglichen Besitzer wohl den Kopf verloren? Sich mit dem Falschen angelegt? Aus Versehen in das falsche Gärtlein gestapft? Zur falschen Rasse gehörend? Rache? Gründe zur Enthauptung gab es viele, die Dayak machten aus der Kopfjagd einen populären Massensport. Man hat übrigens bereits erforscht, dass die Art und Weise der Schädelerbeutung nebensächlich war, einen Feind im Zweikampf zu köpfen war nicht ehrenvoller als eine Schwangere oder eine Leiche zu enthaupten. Einen frischen Kopf mit nach Hause bringen, und der Prestige ist Genüge getan. Vorbei die Märchenstunde, die Zeiten haben sich geändert.

Wie Lemuren, gucken sie sippenweise – Selbstverständlich kann ich keinen Reservierungscode aushändigen, selbstverständlich sehe ich etwas verloren aus, und gerade deshalb bevorzuge ich Orte an denen all die Booking.coms noch nicht hingelangt sind. Ungeachtet dem Mangel an webbasierten Reservationssystemen ist man scheinbar auf verloren aussehende Traveller vorbereitet; schnurstracks lädt eine der Familien in Ihr Kabäuschen. Es folgt ein Kurzinterview mit dem 65-jährigen Oberhaupt des Rumah Uluyong über die Dorfgemeinschaft, die sich auf den holzigen Pfahlbau aufteilt. Insgesamt 22 Familien pferchen sich hier aneinander. Kaum mehr lange, denn das Haus wird bald zum Museum. Umfunktioniert in ein Cultural Village wie es in der Tourismussprache heisst. Noch einige Monate, dann werden auch sie umziehen in einen der gestreckten Betonbuckel, welche die Regierung spendiert. Jetzt kommt das grosse Aber, denn die Familien wollen trotz Mangel an Privatsphäre unter dem selben Dach weiterleben, keiner will sich von der Gemeinschaft isolieren. Welch rührender Gedanke, auf immer Reihenfamilienhaus! Obschon, etwas habe sich geändert, berichtet der Chef von Rumah Uluyong. Vor wenigen Jahrzehnten noch gab es weder Geld, noch Strassen, noch Entwicklung. Die Nachbarn im Langhaus kamen abendlich zusammen um das Erjagte zu teilen. Heute sei trotz gemeinsamen Dach jeder für sich. Nicht mal seine Geschwister würden noch teilen. Es gehe um Bares, ums Vorwärtskommen. Früher war Vorwärtskommen kein Begriff innerhalb den Iban-Kommune. Sein Volk lebte in den Tag.

Ich trödle beim angrenzenden Fluss und sehe von weitem einen mit Kegelhut und Speer bewaffneten Greis. Also hinterher, hinein in den Dschungel. Mit Mühe hole ich den Barfüssigen ein und bettle darum, beim überprüfen der Fischfallen zu helfen. Opa nickt wohlwollend und spurtet los als ob das Flussbett nicht aus unbequemen Steinen sondern kuscheligem Moos bestehen würde. Nach zwei Stunden analysieren wir die Beute; eine Mini-Krabbe und etwas das wie eine Schnecke aussieht. Trotzdem, ich freue mich auf meine Belohnung, ein Foto seiner traditionellen Körperverzierung. Sogar er, viel zu jung um eine Entegulun-Tätowierung zu tragen, denn die rituelle Kopfjagd wurde bereits in den 30er Jahren, lange vor dem zweiten Weltkrieg, vom Clan der Brooke verboten. Einige Japaner, so wird gemunkelt, hätten ihre Häupter dennoch in Borneos Urwäldern verloren. Und, dann wäre da noch die eingewanderte Ethnie der Maduresen, die sich um 2001 auf der anderen Seite der Grenze, in Indonesiens Kalimantan (auch Dayak-Territorium), breitmachen wollten. Diese Info wurde mir von einem geschenkt, der dabei gewesen sein will. Ein Augenzeuge, der die Schamanen bei der Geisterbeschwörung beobachtete, kurz bevor die Krieger vom Berg herunterrollten, die Macheten neben ihnen schwebend, sich hin und wieder unsichtbar machend. Der Zwischenfall wird als „der Krieg um Sampit“ in die Geschichtsbücher eingehen. Eine Geschichte, die mit unzähligen Kopflosen endete.

 

Eine Notiz am Rande: „Tattoo“ ist ein verenglischter Begriff des tahitischen Wortes „tatu“. Salopp übersetzt „etwas markieren“. Waren die Polynesier die ersten? Wer weiss, Tattoos haben eine 4’000 Jahre alte Geschichte, so zumindest der älteste Fund einer tätowierten Mumie in Ägypten. Griechen, Römer, Ägypter, tausende Ethnien aller herren Inseln – ein jeder sah im Einstechen von Mustern und Bildern in die Haut soziale, rituelle oder magische Kraft.

Weiter auf dem Rajang nach Belaga. Hin und wieder säumt ein Langhaus das Ufer, nach einer Stunde dann der Rekord, ich zähle bis zu !55! Eingänge verteilt auf 200 Meter. Ein Krankenhausboot kommt uns entgegen. Der Kapitän bestätigt meine Vermutung, sie grasen die vom Teer unerschlossenen Dörfer ab. Er fügt etwas Sarkasmus hinzu: „Am besten frühzeitig die Arztvisite reservieren, sie kämen nur alle drei Wochen vorbei.“ Weiter staunen, hinein ins unendliche Grün, ins unendliche Blau, ins unendliche Braun. Ins unendliche Braun? Die Strömungen und Wirbel betrachtend, frage ich mich derweilen, ob der bräunliche Fluss schon immer diese Farbe hatte. Die Antwort muss bis Belaga warten. Nahe dem Steg setze ich mich in die erstbeste Kneipe mit Flusssicht und schnappe mir einen weisen Alten (Alte sind meistens weise). Arus, Sicherheitsinspektor des hiesigen Elektrizitätswerks, schwärmt von kristallklarem Gewässer, schwimmbar, ja trinkbar. Als kleiner Bursche, erinnert sich Arus, ging er von 3 bis 5 Uhr morgens mit seinem Vater fischen, um die Proteine fürs Frühstück zu sichern. Wirklich, damals gab es noch Fische. Niemand musste in eine Stadt zwecks wasauchimmer, heute kaufen sie Fisch vom Markt und rennen für Zaster. Das chinesisch-thailändische Dammprojekt Bakun am Long Murum See veränderte nicht nur das Dolce Vita der zwangsumgesiedelten Dörfler Murums. Sondern von jedem, der den längsten Fluss Malaysias mit seinem Überlebensquell gleichsetzte. Neuerdings wurden entlang dem von Erosion gebeutelten Rajang Ölpalmen en masse angebaut, die eingesetzten Pestizide versickern im Boden und verschmutzen konstant das Gewässer. „Fortschritt hat bekanntlich nicht nur Vorteile“, spöttelt Arus. Aber immerhin hätten Sie jetzt Energie im Dorf. 5 Prozent der Stromgewinne dürfe Sarawak behalten, den Rest verscherbelt Kuala Lumpur dem Meistbietenden. Das Szenario gilt auch für Sarawaks andere Schätze wie Erdöl und Gas. Notabene der Grund für den bürokratischen Amoklauf auf die Regierung, der gerade stattfindet (Apropos; „Amok“ kommt aus der malaiischen Sprache, ursprünglich „Amuk“ heisst „wütend, rasend“). Die Bumiputras Sarawaks haben ihre Gründe amuk zu sein. Der damalige Chef ihrer Provinz (von Dorfschullehrern gebildet und vom Wohlwollen seiner Malai-Kollegen in KL überzeugt) hat beim Zusammenschluss mit der Föderation Malaysia die Dokumente nicht genau studiert. Und unterschrieb. Zum Leid seiner Enkel und Team-Sarawak, welche die Misere bis dato ausbaden. Hätte er aufgepasst, wäre Sarawak heute vielleicht ein souveräner Staat wie das superreiche Singapur oder gar Brunei und könnte den Ausverkauf seiner Ressourcen selbst regeln. Und noch eine Arus-Weisheit zum Schluss, er kenne da jemanden, der mir helfen kann tätowierte Senioren und die Schamanen der Gegend aufzuspüren. „Melde dich bei John mein Junge.“ Ich melde mich bei John. Wir treffen uns zu Hühner-Po-Spiess im Quartiercafé. Und reden. Reden stundenlang, so wie ich es immer mache, bevor ich einen anheure. Der Familienvater gehört zur Volksgruppe der Kayan, spricht 14 Dialekte und hat als Ingenieur die Geologen und Bauarbeiter am Bakun-Staudamm orchestriert. Eine gute Aura umgibt die 54-jährige Hülle – ich sage zu. Zum Morgentau sind wir startklar. John hat seinen Roller vollgetankt, Schweinefüsse fürs Mittagessen besorgt und eine Karte gezeichnet – ich liebe es wenn ein Guide die Karte zuerst zeichnen muss, kein „local experience“ ohne „local chaos“! So soll es sein.

Vorbeischauen im Rumah Nyaving, bei einem Schamanen der Kayan. John hat mich vorgewarnt, die Gesundheit meine es nicht mehr so gut mit dem über Hundertjährigen. Aber er freue sich sicherlich über meinen Besuch. Das tue er immer wenn ein Tuan, ein Sir vorbeikommt um Hallo zu sagen. Ein löchriges Lächeln umspannt sein Gesicht, das Pflanzengift des Upasbaumes mit dem er die Blasrohrpfeile tränkte, hat sich seinem Gebiss angenommen. Hinter ihm, oh Schreck, baumelt ein Kruzifix. Ich bin enttäuscht, sogar den örtlichen Glaubensführer haben sie sich geholt. John angelt nach seiner Hand, zeigt auf den Ringfinger. Der Todkranke trägt das Krieger-Emblem. Hingegen der komplett verzierten Hand der Iban, wird der Kopfraub bei den Kayan lediglich mit einem schwarzen Strich auf dem Fingerrücken honoriert. Was bewegt einen Geisterbeschwörer und gelegentlichen Mörder kurz vor dem Abdanken, einer invasiven Weltreligion beizutreten? Er will es uns nicht verraten. Fest steht, er ist kaum stolz auf seine Taten; die Missionare haben ihn wohl gelehrt, dass Fremde köpfen und Tiere opfern nicht mehr up to date ist und darüberhinaus mit Fegefeuer bestraft wird. Ein Jahrhundert lang hat ihn das Brauchtum geheilt, 100 gottlose Jahre hat er überlebt ohne Pharmakonzerne, ohne Pensionskasse, ohne Reuegefühle, ohne Beichtstühle. Dabei war klar, der Wiedergeburt als Tier oder Grass, oder vielleicht sogar als Mensch steht nichts im Weg. Trotzdem will er gen Schluss bei den Christen mitmachen und sich dem Gericht stellen. Er wird sein Geheimnis mit ins Grab nehmen. Amen!

Bevor wir abziehen, melden wir uns kurz bei Lady Deng Utuk von der Kajang-Ethnie ein altes Weiblein, winzig wie ein Gnom, der Buckel dimmt ihr Blickfeld. Auch Deng hat fünf Generationen aufwachsen sehen. Während bei den Iban vorwiegend Männerkörper geschmückt werden, so sind es bei jeglichen Orang Ulu-Untergruppen die Girls. Deng’s Arme und Hände sowie die Fussrücken sind beinahe vollflächig tätowiert. Im zarten Alter von 16, berichtet Deng, wurde ihr während zwei Wochen die Asche per Knochenstück und Holzpickel unter die Haut geprügelt. Geweint habe sie. Vor Freude! Denn von da an, gehörte sie dazu, die Jungs begannen sich nach ihr umzudrehen. In ihrer Kultur war es gang und gäbe eine pubertierende Schönheit zur Reife zu martern. Das Symbol, welches sich in der faltigen Haut von Deng Utuk versteckt, repräsentiert eine königliche Zugehörigkeit. Die Normalos erhalten das klassische Farn-Muster (die Spiralen des Lebens) und die sozial besser betuchten tragen das Muster eines Drachen, eines Geistergesichts, eines Nashornvogels, oder eines Hundes – was dem Schamanen gerade so einfällt, ergänzt John. Denn das Symbol wird über den Traum empfangen und vom Schamanen interpretiert. Die Tätowiertradition stoppte vor ungefähr 30 Jahren, daher sei leider kein (unkonvertierter) Seher mehr übrig um mehr Fakten beizusteuern.

Zeit für die Rückkehr in die Zentrale. Zeit für Schweinsfüsse. Ich bin nicht ganz zufrieden mit der Ausbeute der Altersheim-Tour, so bitte ich John um einen weiteren Tag seiner Dienste. Wir starten mit dem Rumah Kahai und statten der blinden Livan Lisut einen Besuch ab. Die alte Dame gehört wie John zur Ethnie der Kayan. Livan trägt ähnliche Tätowierungen wie Deng Utuk. Die langgezogenen Ohrläppchen sehen etwas einsam aus, ihre traditionellen Ringe habe sie schon lange abgelegt, wie alle sie ablegten. Ich frage sie nach ihren Lieblingsmomenten. Die Antwort ist wunderschön und kann nur aus dem welkenden Mund einer Greisin kommen. Levit vermisst die Leichtigkeit ihrer Teenager-Zeit, die Freude am säen, am häckeln, am ernten. Das unbeschwerte Leben fernab vom Fortschrittsfirlefanz. Sie singt ein Loblied auf den geldlosen Tauschhandel und den damit verbundenen Seelenfrieden. Das Leben war nicht leichter, aber alle waren sie reich an irdischen Freuden.

Wir rollen zu Abit Agang, einem Schamanen-Lehrling für das Volk der Kenyah. Abit ist noch nicht reif um mit der Geisterwelt zu flirten – ein spannender Gesprächspartner ist er allemal. Seine Religion ist und bleibe Pagan, Christentum hin oder her! Ihn werden sie nicht kriegen, meint der fleischige Rekrut. Es stimme ihn traurig, beobachte er die Lämmer beim Marsch zum sonntäglichen Gottesdienst. Ihre Erdmutter und Göttin Bugan (endlich mal eine Frau!) verliere laufend an Reputation, er wundere sich nicht, denn Jesus und sein Vater geniessen einen entscheidenden Vorteil. Sie haben ein Buch publiziert. Die heilige Schrift, Verse und Erzählungen gespickt mit Beispielen und Beweisen. Fragwürdigen Beweisen, sicher, doch für viele seiner Leute Indiz genug, dass ihr bisheriger Glaube Humbug ist, und der andere stimmen muss. Wer glaubt schon dem Weitersagen-Prinzip, das zwar Jahrhunderte standhielt, doch schlussendlich mit dem himmlischen Schwarz auf Weiss konkurrenziert. Ein Almanach, in dem jeder neuerdings Alphabetisierte die Fakten nachlesen kann. Scheint, als hätten die Missionare ihre Pflicht erfüllt. Abit geht seine Ölpalmen sprühen, wir fahren weiter nach Asap, zur Umsiedlungszone.

20 Dörfer wurden aufgrund dem Bakun-Projekt hierher verschoben, denn sie befanden sich auf Dammhöhe. Die Regierung spendierte die Landfläche (das sowieso den Bumiputras gehört) und Wohnungen. Aber keine Arbeit, keine Fische. Die neue Generation soll es richten, sich geeignete Jobs erfinden (Ölpalmen?), schliesslich leben wir ja in modernen Zeiten. John führt mich in die Wohnung seines Langhauses Rumah Belor, zugänglich über die Aussentreppe eines Nachbarn, via Küche seiner Stiefschwester, vorbei am Kiosk und durch die Stube seines Neffen. Wer durchschnittlich vier Kinder auf die Welt setzt, braucht sowieso keine Privatsphäre, denke ich mir. Es bleibt etwas Zeit um weitere Besuche zu machen. Grossmütterchen Ino Udau, von der Kenyah Volksgruppe lebt gleich nebenan und präsentiert uns mit Stolz ihre verzierten Schrumpelbeine. Wir kommen nicht gross ins Gespräch, da ihr Nachmittagsschlaf ansteht. Dafür will uns der Schamane Egang Ego etwas mehr Zeit schenken. Egang ist der Meister (Manang) von Abit und leitet seit einem halben Jahrhundert die Zeremonien für die Kenyah. Kein Wunder, gleicht seine Wohnung einem ethnologischen Museum: Helme, Masken, Hüte mit Nashornvogel-Federn, Kampfschilde hängen. Die Pflichten als Zeremonienleiter sind mittlerweile stark eingeschränkt, übersetzt John, lediglich beim Ernteritual werde er noch gerufen. Dabei verteile er systematisch 16 Eier, schlachtet eine Sau sowie einige Hähne und stellt dabei den Kontakt zu Bungan her, sie wird die Opfergaben dann unter den restlichen Göttern verteilen. Den Rest des Jahres hat er frei. Der Ü90-Jährige spürt, er muss mehr auspacken um John und mich zu begeistern. Also holt er die Heldengeschichte raus, schildert uns wie er und seine Leute während dem zweiten Weltkrieg von einem Kommando Japaner als Fährtenleser und menschliches Schild in den Dschungel verschleppt wurden. Monatelang mussten sie ausharren, bis die Nachricht aus Hiroshima kam. Die geschlauchten Japaner waren auf dem Weg zurück in die Zivilisation, die weisse Fahne wehend. Dann ging es schnell, in der Nacht fallen Egang und seine Leute über sie her, Macheten fliegen, Köpfe rollen. „Jaa, die Köpfe rollten“. Der Manang lächelt als er die Story auftischt. Man spürt, ihn wird kein Missionar je in die Finger bekommen.

Ein erneuter Tag mit Kumuluswolken und einem Himmelblau, das weltweit seinesgleichen sucht. John und ich gehen unsere Wege. Asag offeriert mir die Fahrt zu einer befahren Kreuzung, nicht jedoch ohne vorher bei seiner Palmölplantage zum Rechten zu sehen. Asag klagt über den schwächelnden Ringgit, und den damit niedrigen Palmöl-Verkaufspreis auf den internationalen Märkten. Ein Kilo seiner Ölpalm-Früchte verkauft er derzeit für gerade mal 12 US Cent, produziert dabei monatlich um die 10 Tonnen (die Fruchtstände von rund 200 Palmen). Doch der Allmächtige werde das schon regeln. Welche Religion ich denn hätte? Er sei seit über 20 Jahren zufriedener Christ. Meine Liebe für Götter halte sich in Grenzen, gebe ich Auskunft. „Heaven!!! Du solltest auch eine Religion haben, sonst steht deiner Fahrt in die Hölle nichts im Weg.“ Ich hätte mich mit diesen Tatsachen bereits abgefunden, erkläre ich Asag, und drehe den Dialog wieder zu ihm. Wieso er konvertierte? „All der Schwachsinn mit diesem Geisterglauben und der Traumdeutung. Weisst du, hatte ich früher einen schlechten Traum, erlaubte mir Bugan nicht tags darauf im Dschungel jagen zu gehen. Grosses Unglück hätte mich erwartet. Und noch schlimmer; zwitscherte der falsche Vogel aus der falschen Richtung, musste ich umkehren und meinen Beutezug verschieben. Jetzt, da ich den richtigen Gott kenne, kann ich sorgloser mit meiner Zeit umgehen“.

Weiterhin gottlos werde ich wieder abgeladen. Routiniert schnellt mein Daumen himmelwärts, will heute noch nach Miri, an der Grenze zu Brunei. Richard fährt links ran. Tumpang (per Anhalter fahren) ist nichts Neues für ihn. Wie gewohnt biete ich als Gegenleistung etwas Wissensaustausch, schildere ihm meine Erfahrungen der jüngsten Tage, rede von misslungenen Recherchen, vom Aussterben der ethnischen Kultur und von konvertierten Schamanen. Und treffe damit den wunden Punkt meines Fahrers, er sei ohnehin bestrebt die Tradition seines Volkes zu wahren und wird sich als Beweis bald die Bungai terong stechen lassen. Ob wir zusammen einen Hundertjährigen mit dem ganzen Iban-Tattoo-Set aufspüren wollen? Er kenne da einige vielversprechende Nester in der Region. Wie könnte ich ablehnen. Kurz darauf parken wir vor seinem Langhaus. Kaum die Siebensachen abgelegt, gibt Richard mit Stolz bekannt, dass im Bett nebenan einer mit Traditions-Potential haust. Der Herr schlurft verschlafen zutage. Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Ein Spinnennetz auf den Oberarmen, eine Militärjet auf der Schulter, auf der Brust eine geballte Faust, darunter steht „I love you Bruce Lee“. Richard ist selbst etwas enttäuscht und verspricht mir einen authentischeren Gesellen. Wir gehen weiter auf Seniorensafari. Und werden halbwegs fündig in einem Holzverhau am Dorfrand, bewohnt vom 78-jährigen Jawan Ana Alin. Ein waschechter Jäger. Unzählige Hirsche haben die Ausbildungen seiner fünf Kinder finanziert. Jawohl, er habe sich den Hummer auf der Halskehle redlich verdient, brüstet sich Jawan, auch wenn er die eigentliche Symbolik hinter dem Tattoo vergessen habe. Was er weiss, ist das seine Sippe diejenigen ohne Halstätowierung als Mädchen verspotteten, das Risiko wollte kein tapferer Iban eingehen.

Ich darf vorübergehend bei Richard und Familie einziehen. Seine drei Onkel sind sofort Feuer und Flamme, spendieren weichgekochte Eidechse, dann einen Kübel hochprozentigen Tuak (die umgekehrte Reihenfolge wäre mir lieber gewesen). Da ich die ibanische Sprache nicht wie gewünscht innert zehn Minuten erlernen kann, lenke ich ab und frage die kirchernden Brüder, wie lange das schon so läuft mit dem abendlichen Saufgelage, denn das ganze erscheine mir zu routiniert. 30 Jahre nicken sie einstimmig. Abend für Abend. Andere beklagen sich über mangelnde Abwechslung im Leben! Neben mir sitzt der Inbegriff von glücklichen „Saufbrüdern“, eine Clique, die 10’957 Abende hintereinander nichts anderes vollbrachte als zusammen zu sitzen, über die Jagd zu plaudern, und sich mit Tuak abzuschiessen. Was für ein unbequemer Gedanke. Richard greift ein und lädt mich zur morgigen Jagd. Perfekt, betrunken kann selten etwas ausschlagen.

Am nächsten Nachmittag ziehen wir los. Ich erwarte kein Spektakel altmodischer Jagdkünste. Denn Richard bringt weder Blasrohr, Holzfalle oder Steinschleuder, sondern lediglich seine Flinte und eine Machete. Stundenlang tippeln wir durch das Dickicht, über Wurzeln, unter Wurzeln, hacken Geäst entzwei. Hie und da lungern wir eine Weile um Ausschau nach Wildschweinen und Muntjaks zu halten. Ich überlege, wie viel Zeit vergeht bis sie hier eine Hashing-Piste in den Wald schlagen (Dschungel-Rennen, sind der neuste Trend in Borneo). Dann wieder weitertippeln. Bis der Jäger abrupt stehen bleibt, sich zu mir umdreht und behutsam aus dem Dschungel schreitet. Sein Blick gefällt mir nicht besonders. Es ist ein neuer, unbekannter Blick, den ich in seinen Augen wahrnehme. „Later, I’ll tell you“, ich folge schweigend, mein Bauchgefühl befiehlt, der unbehaglichen Situation nichts Verbales beizusteuern. Die Tatsache, dass Richard neben seinem neuem Gott auch Übersinnlichem Platz einräumt, lässt mich nachdenken. Was spürt er, was ich nicht spüre? Millionen Wurzeln später verlangsamt Richard, beginnt zu reden. „Drei mächtige Geister bewohnen den Wald, alle Jäger Sarawaks fürchten sie, ob sie nun Christen sind oder nicht. Es sei das Kinde. Man erkenne es am irren Lachen. Versuchst du es zu finden, verläufst du dich und gehörst dem Dschungel. Es sei der Ngelansat. Mit seinen viel zu grossen Armen zieht er seinen beinlosen Rumpf den Bäumen entlang. Sein verfaulter Geruch verrät dir seine Nähe. Sieht er dich, wird er deinen Körper hochheben und zerreissen. Es sei das nackte Mädchen. Der gefährlichste Geist von allen. Sie betört dich mit ihrem lieblichen Geruch, damit du dich ihr näherst. Steht sie mit dem Rücken zu dir, hast du Glück und kannst unbemerkt davon. Sieht sie dir aber in die Augen, verlierst du den Verstand. Renne niemals, fällst du, fällt dein Geist mit dir und das Böse nimmt sich ihm an.“ Richard pausiert, und schaut in seinen leeren Jagdbeutel: „Genug für heute. Das Mädchen stand auf der Lichtung, hat uns aber nicht gesehen.“

Zur Bildgalerie der ziehmlich erfolglosen Tattoo-Jagd


Kein Paradies ohne Hölle

Was denkt einer, wenn er Bildwelten der Schweiz halluzinieren soll? Milchfeiste Kühe vor einem gezackten Bergpanorama. Prima. Und alle kommen sie Kühe und Bergpanoramen anschauen. Wie sieht es mit Borneo aus? Abgeholzte Regenwälder oder eine üppige Vegetation mit posierenden Tierchen? Halt. Innehalten. Nachdenken! Stereotypen werden genährt von ausgefeiltem Destinationsmarketing, von Tourismusprofis, unterbezahlten (oder gesponserten) Reisejournalisten sowie den Geschichten der Dagewesenen. Dabei ist jede Geschichte eine Erfindung, jedes Ich, das sich ausspricht, eine Rolle. Und da wir doch von Natur aus gierig sind nach Stories, kommt Nachschub per Dauerfeuer. Vielleicht sind es zwei oder drei Erfahrungen die ein Erzähler hat. Wenn’s hochkommt. Sobald einer von sich oder von der Welt erzählt, handelt es sich um Erlebnismuster – selten um dreidimensionale Geschichten. Ich bin nicht gefeit von den Tücken der Meinungsmache. Denn ich bezeichne mich nebenbei als Fotograf, und meine Fotografie erzählt losgelöste Geschichten, einige sagen sie verführen. Selbstredend, auch meine Auge wollen verwöhnt werden. Doch per Vokabular soll die Ohrfeige folgen. Ausdauernd Gutgelaunte können nerven wie rastlos Depressive. Ab und zu will man beide Spezien über den Haufen knallen. So heavy, das Fehlen jeglicher Tiefen und Widersprüche. Borneo ist gerade deswegen eine Knacknuss, könnte ich doch den Stadtneurotikern von dramatischen Sonnenuntergängen, lustigen Affen und wucherndem Grün vorschwärmen. Könnte ignorieren, dass innerhalb der 125’000 Quadratkilometer Sarawaks gerade mal 9 Prozent des wuchernden Grüns übrig ist und der Grossteil lustiger Affen vom Dschungel bereits in kontrollierte Zufluchtsorte wegtransportiert wurde (wahrscheinlich während einem dramatischen Sonnenuntergang). Könnte wie andere im gediegenen 4-Sterne Resort einchecken und die Spaziergänge durch den rollstuhlgängigen Dschungel mit einem Tequila Sunrise ausklingen lassen. Ja das wäre fein.

Per Flug zum Mulu Nationalpark im Südosten Sarawaks. Eine beängstigende Offenbahrung, denn man sieht das Ausmass der Entwaldung von oben. Ich habe auf Reservationen jeglicher Art verzichtet, da ich vor Ort den einen kennenlernen will, der unabhängig führen darf und dabei keine ausgelutschten Lobliedchen auf die Schönheit der Natur und die Parkverwaltung singt. Und habe Glück. Willie Kajan sitzt einsam hinter einem Berg Dokumente und lächelt hinüber. Wir kommen ins Gespräch. Der 60-Jährige Umwelt- und Menschenrechts-Aktivist protestiert seit 1990 gegen die Holzmafia und hat bereits den verschollenen Laki Penan („the lost man“ alias Bruno Manser) durch die Gegend geführt. Er ist mir auf anhin sympathisch, denn er verführt jeden der herkommt zum nachdenken. Aber nur wenn einer verführt werden will.

Dreimal wurde Willie wegen seinem Aktivismus bereits verhaftet. Das letzte mal, vor einem halben Jahr. Erneut ging es um die üblichen Themen; Apokalyptischer Waldmord, die Lebensraum-Zerstörung der Ethnien, und darum, das nach dem Ausverkauf der Hölzer, nicht wieder aufgeforstet wird, sondern stattdessen Palmölplantagen den neuen Boden laminieren.

Nach acht Tagen Gewahrsam führt der aufsehende Polizist einen Holz-Magnat in das von einer Bürolampe kaum erhellte Verhörzimmer. Der Tycoon schlägt ein neue und langfristige Freundschaft mit dem immer noch handgeschellten Willige vor. Fragt nach, wo denn sein neues Haus und Auto hinsolle. Kuala Lumpur? Ein nobler Vorort von Miri? Er legt den mitgebrachten Koffer auf den Tisch, öffnet ihn und lässt die Hunderttausenden von Ringgit-Scheine etwas atmen. Nein, kein nachgespielte Filmszene, sondern Erzählungen die zu Drehbüchern führen. Die Szene lässt mich bestens phantasieren, David kitzelt den Goliath. Willie, das Aushängeschild der Penan-Nomaden vs. die Ultra-Mächtigen von der Holzmafia. Jetzt setzen Willies Augenbrauen zur Landung an, sein Blick starr, ja er ist zu allem bereit, lediglich die Handschellen beschützen ihn von weiteren Jahrzehnten in der Zelle. Er polarisiert weiter, rät dem Strohmann das Abholzen zu stoppen. Jetzt. Dann die Koffermoneten an all seine Leute zu verteilen, den ihnen gehört das Land.

Beschäftigt mit Selbstbeherrschung fügt Willie hinzu: „Einer meiner Freunde ist bereits verschwunden, so handhaben sie das, wenn einer zu laut wird. Meine Frau hat diesen Stress nicht mehr ausgehalten, und sich trotz der drei Kinder scheiden lassen.“ Die Niederlagen beschäftigen zwar, können ihn jedoch nicht aufhalten für die rechte der nächsten Generationen zu kämpfen. Willie legt nach, drückt mit weiteren Tiraden auf mein Gemüt. Ab und zu eine Atempause, lange genug um die Verschränkung der Beine zu ändern, etwas Asche der Bananenblatt-Zigarette abzuklopfen, vielleicht noch eine Runde der Fledermaus auf Mückentour mitzuverfolgen. Dann weiter, Spritzer um Spritzer. Ich werde darüber informiert, wie Mulu zum „World Heritage“ wurde.

Vom Ethnie-Land zum UNESCO World Heritage 

Postskriptum: Nein, die Infos stammen nicht aus Wikipedia. 1963. Sarawak gehört neu zu Malaysia, der hiesige Chef der Penan-Ethnie wird zum runden Tisch mit Botschaftern der malaysischen Regierung gebeten. Man möchte zwecks Forschungsstudie ein Stück Land der Ethnien. Eine Offerte folgt, doch der Rudelführer lehnt ab, das Gebiet sei ihr „Supermarkt“, es sichere ihr Überleben. Der Staatstross gibt nicht nach, schiesst mit leeren Versprechungen und bietet „finanzielle Vorteile“ für den Unterschriftsberechtigten. Der Chef gibt nach, sein Sohn geht ins Ausland studieren. 1977 fliegt die Royal Geographical Society ein. Mit an Board, 100 Forscher aus allerlei Ländern, unter anderem der Schweizer Ethnologe und Umweltaktivist

1963. Sarawak gehört neu zu Malaysia, das hiesige Stammesoberhaupt wird zum runden Tisch mit Botschaftern der malaysischen Regierung gebeten. Man möchte zwecks Forschungsstudie ein Stück Land der Ethnien. Eine Offerte folgt, doch der Rudelführer lehnt ab, das Gebiet sei ihr „Supermarkt“, es sichere ihr Überleben. Der Staatstross gibt nicht nach, schiesst mit leeren Versprechungen und bietet „finanzielle Vorteile“ für den Unterschriftsberechtigten. Der Chef willigt ein, sein Sohn geht ins Ausland studieren. 1977 fliegt die Royal Geographical Society ein. Mit an Board, 100 Forscher aus allerlei Ländern, unter anderem der Schweizer Ethnologe und Umweltaktivist Bruno Manser. Nach 15 Monaten ziehen die Forscher wieder ab, Bruno verweigert den Rückflug und versteckt sich im Dschungel, entscheidet sich für das Leben mit den Penan und bekämpft mit seiner Bruno Manser Foundation die dreckigen Geschäfte von Politiker und Holzmafia.

Wärenddessen; Die „Forschungszone“ wird in kommerziell nutzbares Gebiet umgewandelt und wenig später zum Tourismusgebiet erklärt. Das Unternehmen Borsamulu übernimmt die Verwaltung und erhält das Monopol für die Tourismusentwicklung. Da Verwaltungsarbeit nicht gratis ist, werden jährlich 50 Million Ringgit (16 Million US Dollar) von der Regierungskasse in das Unternehmen gepumpt. Eingetragener Miteigentümer von Borsamulu ist der langjährige Ministerpräsident (und gleichzeitig Finanzminister) von Sarawak; Abdul Taib Mahmud. Mahmud wird bereits die Kontrolle über die Holzmafia, den Energiesektor und das Landmanagement nachgesagt. Ihm gehören mittlerweile 80% des Bundesstaates Sarawaks. Mahmud will ein weiteres Stück Boden ausserhalb der Nationalpark-Zone. Fairerweise erhält der damalige Besitzer 1’800 Ringgit (450 US Dollar) für den grösseren Flecken, auf welchem das Nationalpark-Hauptquartier gebaut wird. Die Langzeitstrategie ist jedoch eine andere, die Büros schliessen kurz darauf und machen Platz für das Royal Mulu Resort, eine Aussenstelle der Borsamulu. Mahmud sucht nach Investoren. Die japanische RIHGA Royal Hotel-Gruppe investiert in den Touri-Regenwald und investiert 7.5 Millionen US Dollar (Man erinnere sich an den Verkaufspreis von 450 US Dollar für die Landfläche). Die japanische Liebe zum Dschungel hält nicht lange, zu oft ist die Rede von Korruption und Machtmissbrauch, die Welt beginnt hinzuschauen. Ergo, RIHGA wirft das Handtuch. Zwei weitere Verhandlungen mit Investoren scheitern, bis die US-Hotelkette Marriott den Laden kauft.

Im Jahr 2000 wird der Park offiziell UNESCO Weltkulturerbe. Im selben Zeitraum verschwindet Bruno Manser. Für immer. Der Bevölkerung Sarawaks ist klar, kein Dschungel der Welt könnte ihn aufhalten. Dutzende Dialoge mit Einheimischen bestätigen, er verschwand nicht – er wurde verschwunden. Nach seinem Landesverweis (Bruno segelte mit unlauteren Banner über das Regierungsgebäude in Kuching) hätte er sich besser von Sarawak ferngehalten. Jedoch kam er zurück. Nicht ganz klar ist, ob er via Brunei oder Indonesiens Kalimantan über Grenze schlich. Fest steht, er wollte hinauf zum Gipfel des Bukit Batu Lawi und kam nie an. Oder doch? Ein Todeskommando zu entsenden, sei für Sarawaks Regierung kein Budgetposten, meint Willie. 2017. Bürgermeister Abdul Taib Mahmud fliegt nach China. Er ist erneut auf Investorensuche. So sei es also, bald wird hier ein Busparkplatz so gross wie die Sahara vor die Regenwald-Oase hingeteert, gut erreichbar durch die Allee an Ölpalmen, Seilbahnen werden moderne Gipfelstürmer inklusive Sauerstoffmasken zum Karst hochgondeln und so manch einer wird sich fragen, wann genau Sarawaks Werbespruch „where adventures begin“ an Glanz verloren hat.

Mehr zu diesem Thema www.sarawakreport.com (in Malaysia geblockt von der Regierung).

Jetzt etwas Heiteres erzählen, eine Anekdote, die ins Gesellige überleitet, es scheint dringend nötig. Doch fällt mir nichts ein. Ich denke an Held Bruno, Denke an Plakate mit lustigen Affen, dichtem Dschungel und festlich verkleideten Bumiputra-Models (teils mit Blasrohr und Nashornvogel-Federn bewaffnet), denke an die wenigen Tage mit Willie im Nationalpark, die Höhlen, den Dschungel, denke an meinen neuverliehenen Namen „Lanyau“, den ich mir während der letzten Tage verdiente. Ah, und noch ein prinzipielles Wort, da Anmerkungen von mir zum Thema „Reisen“ missverstanden werden könnten. Weltwachheit gibt es noch nicht als App fürs Smartphone, sie muss nach wie vor hart erarbeitet werden. Dabei ist es absolut irrelevant ob einer im 4-Sterne Resort oder im 0-Sterne Zelt übernachtet, auch egal ob er mit zehn Paar Flipflops und fünf Rollkoffer unterwegs ist, solange der Mensch eine gesunde Neugierde mitbringt um damit hin und wieder einen Blick hinter die Fassade zu riskieren. Dann ist er ein guter Tourist und kann vielleicht etwas verändern.

Zur überschaubaren Bildgalerie von Sarawak (Sonnenuntergänge und so)

Der demütigende Abstand, die Unfähigkeit, die Gegenwart zu begreifen, die das Wanderleben deutlich zutage treten lässt, gehören zu den wertvollsten Lehren der Reise. Nicolas Bouvier

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