Don’t Panic!
Douglas Adams, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy

Der Nachtzug aus Bangkok trudelt in Padang Besar ein. Ich schlüpfe aus meinem Sarg im oberen Stock um rechtzeitig nach dem Kaffeemann zu grabschen. Es denkt sich besser mit Koffein. Ich halluziniere folgendes Szenario: Mein Fortbewegungsmittel soll nichts kosten und mich an Orte lotsen, die auf den ersten Blick nichts versprechen. Aber vor allem, soll es mich mit Geschichten beschenken. 65’877 km Strassenbelag laminieren den malaysischen Boden, also einmal rund um die Erde und den halben Weg zurück. 22 Millionen Autos fallen auf 29 Millionen Einwohner. Ausserdem ist Hitchhiking alias „Tumpang“ (malaiisch für „have a lift“) vielen Mobilisten ein Begriff.

Per Anhalter reisen, mag so alt sein wie die Erfindung des Rades. Die ersten Modelle der Automobil-Ära waren lahm, so lahm, dass ein Wanderer (der „hiker“) buchstäblich auf ein fahrendes Vehikel aufspringen konnte („hitch“ – festhaken). Der Wunsch, sparsam zu reisen und dabei neue Menschen kennenzulernen hat das 21. Jahrhundert erreicht. Doch ist der Wert hinter der Daumen-Geste stärker geworden als je zuvor, denn die Randgruppe schwindet. Die Rede ist von denen, die es bevorzugen auf dem Teer abzuwarten, anstatt Mitfahrgelegenheiten online zu checken. Für diese Menschen bleibt Hitchhiking eine Kunst, ein Lifestyle der nie Mode war und daher nie ausser Mode kommen kann.

Ganz offensichtlich, seit der jüngsten Tech-Revolution und nicht zuletzt dank Hollywoods Schwäche für Blutbäder in fremden Autos, mutierte das Phänomen bei irgendwem mitzufahren zu einem Spielplatz für wenige Nostalgen, Hartgesottene und Vagabunden. Am Horizont dämmern dabei zwei Extreme. Malt einer klassisches Hitchhiking oder „trampen“ in Gedanken, blitzt entweder eine Horrorstory auf oder eine romantisierte Art der Fortbewegung. Dabei spielt die Nationalität eine signifikante Rolle. Gerade in Paranoia-USA traut kaum jemand mehr dem Fremden. Mir fällt dabei die Schilderung meines Kollegen Jeromy aus Vermont ein, der allen Mut zusammennahm und sich an die Strasse stellte. Kurz darauf wird er mitgenommen. Von der Mutter eines Freundes. Sie steinigt ihn verbal mit Vorwürfen und Moralpredigten bis die beiden Jeromys Haus erreichen, risikolos, sorglos, unverwundet. Im Kontrast dazu die Gespräche mit Louis aus Frankreich, einem „homme du monde“ – einem Weltmann, der mit zarten 16 Jahren begann sein Leben karikativen Chauffeuren anzuvertrauen. Und gewann! Nicht nur Geschichten aus ganz Europa, nein besser, neue Freunde, neue Betrachtungsweisen und nachhaltige Erinnerungen.

Kein Wunder gibt es keine allgemeingültige Erfolgsformel, selbst die Lexika sind sich unschlüssig. Das eingedeutschte Wort „tramp“ wird übersetzt mit: per Anhalter reisen, Vagabund, Landstreicher, Hobo, Pennbruder, oder Flittchen. Wer denkt da nicht an die verlausten Hippies, die sich gelegentlich am Pannenstreifen europäischer Autobahnen aufstellen. Mit Rucksack und buntem Allerlei. Mit einem dreckigen Karton, auf dem München, Prag oder Wien gekritzelt ist. Nie hätte es mein struber Zeitplan erlaubt mit ein paar Fahrtkilometern auszuhelfen. So geht es den meisten, Ausreden gibt es kiloweise: Keine Zeit, es fahren ja Züge oder Busse, ein anderer nimmt die schon mit, Angst vor Raub oder Vergewaltigung. Dabei ist es lediglich die Bequemlichkeit, die den Ausreden Angriffsfläche bietet. Die „golden days of hitchhiking“ in ihrer puren Form sind ausgeglüht, lange vorbei die 1960er, wo man es als eine Art Gegenkultur zum Kapitalismus verstand und sich untereinander aushalf ohne dabei nachzudenken. Bleibt noch Kuba, wo „Fremde mitnehmen“ aufgrund Fahrzeugmangel per Gesetz vorgeschrieben ist, indes wird selbst da unlängst mit Geldscheinen unter Autobahnbrücken oder an Kreuzungen gewedelt um einen Fahrer zu erbarmen. Dann wäre noch die „Walz“, die Wanderjahre der Handwerker, von Zimmerleuten, Maurern, Schreinern und Steinhauern. Eine Tradition, welche die Zunft aus dem Spätmittelalter in die Zeit der Industrialisierung gerettet hat. Nach wie vor begeben sich mehrheitlich schweizer, deutsche, holländische und dänische Handwerker in typisch schwarz-weisser Kluft auf eine dreijährige Reise um neue Arbeitspraktiken und fremde Orte kennenzulernen. Die Bedingung: Zu Fuss, oder per Autostopp. Erst dann sind sie zur Meisterprüfung zugelassen. Jahrhunderte haben sie erfolgreich an diesem Markenwert gearbeitet, darum empfindet mancher es als Pflicht, diese ehrbaren Wandergesellen zu kutschieren.

Auch ich bin auf bestem Weg zur Meisterprüfung, nur bekomme ich für meine drei Jahre Weltwachheit kein Zertifikat, mein Markenwert als langhaariger Wanderer ist bescheiden. Bleibt mir der Appell an Nächstenliebe im ordentlich entwickelten Malaysia um die landläufigen Vorurteile Lügen zu strafen.

Perlis – Kedah – Penang

Ich schnappe mir ein Stück Karton und beschrifte es mit „South“. Die Inselstadt George Town im Bundesstaat Penang wäre mein Wunschziel, allerdings ist die Strecke von 190 Kilometern für den Anfang zu forsch. Meine ultimative Wunderwaffe? Geheimnisvolle Augen und ein neutrales Lächeln – Der „Mona-Lisa-Effekt“. Sogleich darf ich ernten. „Welcome to Malaysia“, schallt es aus den Führerkabinen. Nicht nur das, ich ernte ausserdem die Aufmerksamkeit von vier Polizisten, die mich zuerst mustern, dann in eine verheissungsvollere Ecke senden. Chong fährt links ran. Er hat genügend Platz und das gleiche Ziel. Süden.

Eine herrliche Zeit für eine Reise durch Malaysia. Ich versinke im Neongrün gedeihender Reisfelder, im Rosa blühender Kirschblüten. Chong hat derweil andere Sorgen. Der Händler von Mobiltelefonzubehör ist ein Sinnbild chinesischer Tüchtigkeit. Keine Sekunde vergeht in der er nicht an den Erfolg denkt, keine Mautstation ohne während dem Zahlprozess telefonisch Handelspreise oder Hersteller-Inventar abzuklären. Ich frage nach, wie sich denn die Malaien, die Chinesen und die Inder hinsichtlich Fahrstil unterscheiden. Ohne zu zögern, zitiert Chong:

Die Chinesen haben eine Hand am Steuer und die andere hält ein Mobiltelefon
Die Malaien haben eine Hand am Steuer und die andere hält eine Zigarette
Die Inder haben eine Hand am Steuer und die andere hält ein Kukri (traditioneller Dolch)

Es gibt kein Wahrheitsmonopol, aber jegliche Klischees nähren sich von einen Fünklein Wahrheit. Demnach sind die Malaien für ihre lebensleichte Nonchalance bekannt, die Chinesen für chronischen Tatendrang und die Inder für das Gangstertum. Einige Selfies und dutzende Geschäftstelefone später erreichen wir Alor Star im Bundesstaat Kedah. Chong deckt mich mit einer lokalen Simkarte ein und lädt zum Mittagessen. Nein, er zwingt mich zur Einladung in typisch chinesischer Manier: ich schaue kurz weg und er schleicht zur Kasse.

Erneut positioniere ich mich an den Strassenrand, strecke den Daumen gen Himmel und werde nach drei Minuten bereits wieder aufgegabelt. Tan Koon Yam „David“ und die hochschwangere Wong Soo Yin alias „Joey“ haben Mitleid. Wir fahren zusammen weitere 100 Kilometer südlich nach Butterworth. Gemäss meiner Einschätzung werden wir in einer Viertelstunde dort ankommen, denn David überholt links und rechts alles was ihm zu gemächlich erscheint. Ich frage daher sanft nach, ob Joey heute Nachmittag entbindet. David lächelt auf chinesisch. Kein Grund zur Sorge, denn ein Mini-Buddha wurde präzise in der Mitte des Armaturenbretts platziert, sein übersinnlicher Blick analysiert den vorbeischiessenden Verkehr. Wieder und wieder vergessen die Lämmlein Buddhas, dass keine Götze der Welt ihre Leiber retten wird.

Eine kleine Etappe fehlt noch. Der Malaie Abdul Halim schaut warmherzig aus dem heruntergelassenen Fenster seines Lastwagen und lädt mich auf. Er geht die Armada an Restaurants in George Town mit frischen Meeresfrüchten eindecken. Wir nehmen die 13,5 Kilometer lange Penang-Brücke hinüber zur Insel. Das lässt ihm entsprechend Zeit zum lästern, über die vorbeihetzenden Chinesen: „Chinese drive too fast – Malay drive easy“, dann über die modernen Appartments, denn die gehören den Chinesen, dann über die wuchernden Wolkenkratzer, jawohl, auch den Chinesen. Es ist kein Geheimnis, wer die Geschäfte hier leitet. Postskriptum: Nach jahrzehntelangem Gezänk mit den Portugiesen und den Holländern, schnappte sich die British East India Company 1786 unter Kapitän Francis Light das Gebiet. Der damalige Sultan von Kedah war unter Druck, denn burmesische und siamesische Invasoren rasselten mit ihren Säbeln. Rasch erkannten die Briten, dass die sesshaften Chinesen weitaus mehr Potential als Unterhändler hergeben als etwa die Schar indischer Lohntouristen aus dem Hinterland Tamil Nadus. Sie führten über Generationen hinweg bereits Handwerksunternehmen, waren in der Metallproduktion engagiert und kultivierten Pfeffer oder Zuckerrohr. Somit war die Hierarchie geklärt. Nun fehlte der Kolonie noch ein ordentlicher Hafen. Um die flügellahmen Tagelöhner zu animieren, die Insel möglichst schnell zu roden, wartete Mr. Light mit folgendem Kabinettstück auf. Er stopfte eine Kanone mit Silbermünzen voll und feuerte in den Dschungel. Im Nu wurde die Insel entwaldet. Die Geburtsstunde von George Town, der ersten britischen Siedlung in Südostasien.

„Bye-lah“, ich verabschiede mich von Abdul, der gerade eine Box mit Muscheln ablädt und streune durch das Zwielicht. Will nicht aufhören zu laufen, nicht aufhören zu staunen ab dem Treiben drei verschiedener Völker hinter viktorianischen Fassaden. Eine hübsche Stadt, und aufgrund der Vorgaben von UNESCO eine saubere Stadt. Hier leben sie zufrieden aneinander vorbei. Inder schmettern Kokosnüsse auf den Boden um metaphorisch von ihrem Ego abzulassen, Chinesen schieben Xiangqi-Steine übers Holzbrett um die Hirne auf Trab zu halten und die Malaien sitzen, quasseln oder trödeln in ihren Köpfen.

Perak – Kelantan

In Städte hineinzukommen ist einfacher, als aus Städten herauszukommen. Ich warte eine gute halbe Stunde bis Albert Tai Herz beweist und mich zum Highway fährt. Der Chinese leitet ein Robotik-Unternehmen. Wunderbar, einer der sich mit Ökonomie auskennt. Wir diskutieren über Malaysias jüngste Entwicklung. Notabene eines der schnellst wachsenden Ländern Südostasiens. „Bloss weil es von China finanziell nach vorne gepeitscht wird“, meint Albert. Gerade diese Tage steckt das Land in einem Wirtschaftsdisaster. Geld verschwindet auf oberster Ebene und taucht auf dem Privatkonto von Malaysias Präsident Najib Razak wieder auf, kein Grund zur Sorge meint der Premier, lediglich „Charity-Money“ aus Saudia-Arabia. Einen Privatjet vom „Charity-Money“zu kaufen, ist dem Volk dennoch zu viel. Dabei steigen allerhand Preise des täglichen Bedarfs. Ich musste kürzlich über den Twitter-Tweet eines malaysischen Parlamentariers schmunzeln, der sich hinsichtlich erhöhten Steuern, erhöhten Benzinpreisen, erhöhten Mautgebühren, erhöhten ÖV-Preisen und dabei schwächelndem Ringit rechtfertigte. Die Schuld falle offensichtlich auf die chinesischen Grosshändler, denn anstatt inländische Ressourcen zu berücksichtigen, würden lediglich Chinas Hartwaren und Naturalien eingeführt. Dabei ist klar, dass die korrupte Herrscherklasse von den Importsteuern profitiert. Nicht nur Albert freut sich auf die Abdankung des Premiers inklusive seiner snobistischen Gemahlin, die Wahlen Ende Jahr sind für das gesamte Volk ein Hoffnungsschimmer.

Albert beglückt mich mit folgender Erkenntnis. Die leichtlebigen Malaien (rund zwei Drittel aller Einwohner Malaysias) hätten keine Chance, sich in ihrem eigenen Land gegen die fleissigen Chinesen zu behaupten. Die malaysische Regierung kreierte daher ein Gesetz, dass den „Bumiputras“ (Söhnen der Erde) beträchtliche Vorteile im Konkurrenzkampf zuspricht. Ausländer dürfen Boden nur über malaysische Strohmänner kaufen und Firmen nur via Pseudo-Direktoren gründen. Die Malaien haben Erstrecht auf die wichtigen Posten – in Regierung, Armee und Industrie. Dabei spielt Artikel 160 der malaysischen Verfassung eine entscheidende Rolle. Er besagt folgendes: Nur wer Islam praktiziert, perfekt malaiisch spricht, malaiische Traditionen befolgt und vor der Unabhängigkeit von Grossbritannien 1957 in Malaysia geboren wurde (oder einen Elternteil hat, der vor der Unabhängigkeit in Malaysia geboren wurde), sowie deren Nachkommen gelten offiziell als Malaien und können von den Bumiputra-Privilegien profitieren. Muslime die zu einer anderen Religion konvertiert, dürfen sich offiziell nicht mehr zu den Malaien zählen.

Mit diesen Gedanken werde ich wieder nach draussen entlassen, kann sie kaum sortieren, denn nach einer Minute Wartezeit halten die beiden Malaiinnen Ida und Lyia an. Ich bin entzückt und etwas nervös zugleich, es sind meine ersten rein weiblichen Chauffeusen und mein pappiges Hinweisschild stammt von einer streng riechenden Dörrfisch-Schachtel. Wir einigen uns auf einige Kilometer. Das Duo tüftelt für Intel, einer der grössten Arbeitgeber in der Gegend. Dank der Freihandelszone pilgerten innert wenigen Jahren etliche Tech-Konzerne und Startups in das Silicon Valley des Ostens. Ich frage Ida nach der Bedeutung ihres Namens. „Ida“ heisse grob übersetzt „carrying“ (tragen). Die liebenswerte Ingenieurin schmunzelt zweideutig, es sei quasi ihre Pflicht dem Reisenden trotz seiner stinkenden Accessoires auszuhelfen.

Ich steige aus und gleich wieder ein. Beim 63-jährigen Malaien Saleh. In einem Alter, in dem andere ihre ersten Inkontinenz-Hosen anprobieren, ist der Herr nicht nur fit im Schritt, sondern auch fit im Kopf. Er bekennt sich schuldig, bereits vor hundert Metern habe er sich darauf gefreut, die Autotüre seines alten Protons zu öffnen. Saleh (entspricht „good man“) will zurückgeben, was ihm selbst Dutzende, ja hunderte zuvor ermöglicht haben. Seine Geschichte geht so. Mit 19 Jahren verlässt er sein Kampung (malaiisch für „Dorf“) und will per Anhalter nach Europa. Auch für die D-Mark, Pesons und Francs, aber vor allem dem Weltbewusstsein zuliebe. Er schifft über nach Kalkutta und trampt in Richtung Deutschland, nimmt den umkämpften Chaiber-Pass von Pakistan nach Afghanistan und verlässt Kabul während die Panzer der Revolutionäre das afghanische Königshaus zusammenschiessen. Sechs Katzenleben und neun Länder später hat er noch zwei österreichische Schilling in der Tasche und erreicht München. Er schaut sich um und erhält noch am selben Tag eine Anstellung als Hilfskoch in einem chinesischen Restaurant. Das Schwarzgeld hilft ihm zwei Jahre über die Runden. Er zieht weiter, versucht sein Glück in Somalia, der Türkei und Saudi Arabien, wird kaum fündig, trampt zurück und heiratet in Thailand. Saleh pausiert. Zu dieser Zeit gab es weder Mobiltelefone noch Internet. Seine Reise war ein Blindflug durch Gefilde, von denen er weder gehört noch gelesen hat. Dazu eine Anekdote: Welcher moderne Mensch kann sich heutzutage vorstellen, sich auf ein solches Wagnis einzulassen. Wir wissen bereits bevor wir ankommen, wie unser Wunschziel aussieht. Wir planen die Route in akribischer Sorgfalt, eliminieren jegliche Hürden und nutzen unsere Zeit vor Ort um das abzuhaken, was bereits über Jahrzehnte abgehakt wurde. Saleh ist ein Held vergangener Generationen, er suchte das Fremde ohne sich dabei eine Vorstellung darüber zu machen. Der gläubige Muslim resümiert. Das Traurige sei, dass seine Geschichte hier niemanden interessiert, es seien lediglich Erinnerungen, niemand kann sie monetär messen, sie entsprechen nicht dem Bürgertum. Die Gesellschaft schaue auf ihn, den waschechten Globetrotter, herab als ob er es nicht gepackt hätte. Denn kein prall gefülltes Konto, keine Firma trägt seinen Namen. Eine Pension für Abtrünnige wie ihn steht ausser Frage, Saleh blickt via Rückspiegel zu seinem schlafenden Töchterlein. Ein eingehülltes Mädchen – Saleh’s Altervorsorge. Zum Abschied frage ich meinen Meister nach seinem liebsten Vers aus dem Koran. Die Antwort kommt flugs:

„A grateful man is a rich man“ (ein dankbarer Mann ist ein reicher Mann)

Gerik, Perak. Ich werde gierig, habe ja innert zwei Stunden bereits einen Drittel der Tagesration gemeistert. Somit ziere ich meinen Karton mit „Kota Bahru“, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Kelantan. Das gibt Anlass zum Gelächter, Mohd Muaz Shah alias „Bobby“ äugt über sein Mittagsessen und tuschelt mit dem Nebenmann. „Okay-lah“, ich darf mit bis zur nächsten Autobahnraststätte, ein vielversprechender Ausgangspunkt wie er meint. Aber zuerst rauscht Bobby (der Spitzname passt fabelhaft zu seinen 80 Kilo Übergewicht) mit mir zu seinem Kampung, um vom Nissan Z in den gepimpten 4×4 Toyota Hilux zu wechseln. Wäre ich nicht in Malaysia, es könnte auch ein Vorort von Los Angeles sein. Wo Haus mit Veranda auf Haus mit Veranda antwortet und Allrad vor jeder Garage zu finden ist. Der malaysische Traum? Boby ist bereits 32 Jahre alt, gläubig, unverheiratet, partnerlos. Ich bin neugierig und konfrontiere ihn mit der These, dass der ganze Autoprunk kaum die konservativen Musliminnen in der Region bezirzen wird. „Genau, das sei der Punkt“, stimmt Bobby zu und rückt sein Baseballcap schräg. Denn sobald die Ehe droht, geht es den Männerspielzeugen an den Kragen. Ergo, musste er schnell handeln, hob alles verfügbare Geld ab und investierte in seine Jugendträume. Wer will es ihm verübeln? Ausserdem hat sein Toyota wohl mehr Dschungel als Strasse gesehen. Als Beweis darf ich in Bobby’s Video-Archiv stöbern – Die meisten handeln von seiner Allrad-Gang auf Tour durch mannstiefe Flüsse und kilometerlange Schlammpassagen. Steckt einer fest, kommt ein Reiter auf einem Elefanten und hilft aus. Auf das Feuer kommt, was erschossen oder gefangen wurde. Alles Gegebenheiten, die das Produkt (nicht die Liebe zur Natur) rechtfertigen. Habe ich auf meinem sechsmonatigen Roadtrip durch die USA gestaunt ab den mich ständig überholenden Strassenmonstern, welche nichts anderes als Autobahnbelag unter das Reifenprofil bekommen. Habe mich noch mehr gewundert, wie der Normalo nimmermüde auf die verlockenden Weltformat-Plakate und TV-Spots reinfällt. Klammer auf. Das Story-Bord zeigt folgendes Szenario: Ein Auch-Normalo, dreht abrupt von der langweiligen Strasse ab, schaltet schwungvoll auf 4×4, durchquert ein wadenhohes Bächlein, rumpelt über Schotter zu einer Lichtung, wo er neben seinem, mittlerweile dreckigen Blechkumpel in einen verschwenderischen Sternenhimmel schaut. Ach, wie wild! Mann, Maschine und die bezwungene Natur. Klammer zu. Da belehrt mich Malaysia gerade heute, dass die Werbeabteilungen der Automobilkonzerne zumindest hier die richtige Zielgruppe erreichen.

Ein winziger Halt und ich steige um zu Azhar und Salliza. Er Lastwagenmechaniker, sie Lektorin. „Just go with flow-lah“ frönt Azhar. Sie bringen mich nach Kota Bahru, zuvor müssten sie jedoch ihrem sonntäglichen „Programm“ beiwohnen. Ich sei herzlich eingeladen mitzukommen. „Programm“ hört sich unbequem und spannend an, ich kann schlecht ablehnen. Solle mir niemand nachsagen, ich gehe nicht mit dem flow-lah. So finde ich mich anstatt in Kelantans Hauptstadt in einem geborgten Sarong wieder und begleite die beiden zur einigen Lehrstunden über den Islam. Die Schar hockt bereits vorfreudig auf dem Boden. Schön gesittet wurden die frisch gewaschenen Frauen und Männer mittels faltbaren Wand voneinander getrennt. Ich hätte unfassbares Glück, flüstert mir Azhar ins Ohr. Denn zum heutigen Anlass wurde seine Ikone, der weitbekannte Imam Habib Abdullah Bin Ali Al-Habsyi aus dem zerrütteten Jemen eingeflogen. Meine Anwesenheit hat sich herumgesprochen, ich werde in die erste Reihe beordert, dort wo die fünf weniger weitbekannten Religionslehrer und Habib mich im Blickfeld wissen. Hinter mir sitzen reihenweise fleissige Muslime, versunken in esoterische Geschäfte mit Mohamed und Allah. Ich schaue entspannt in die Menge, heute droht keiner mit Säbeln Ungläubige zu köpfen. Stattdessen macht Ingwerkaffee die Runde, melodisch werden Phrasen aus dem Koran rezitiert, etwas abseits begleitet der Nachwuchs den Gesang mit taktvollen Trommelschlägen.

Zeit für den Beichtstuhl! Ich bin nicht talentiert für jegliche Art von Glauben und keineswegs ein Fan von unbequemen Kirchen-Holzbänken, Götzen oder Lobliedchen. Und schon gar nicht suche ich hier in einem Dorf, welchen Namen ich nicht kenne, nach einem neuen Gott. Religion ist lediglich ein Medium, ein Mittel zum Zweck. Weder gut noch schlecht. So ist sie Heilmittel und gleichzeitig Gift. Die Frage ist immer, wie der Gläubige damit umgeht, will er mit seinen Gedanken und Handlungen heilen oder vergiften. „Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen des Toren ist Gift.“ Der Satz stammt nicht aus einer der Glaubensfibeln, sondern aus Casanovas Memoiren. Ich richte mein Leben der nach Selbstbestimmung aus, träume als ob ich ewig leben würde, und lebe als ob ich morgen das Zeitliche segne, dabei halte ich meine Ellbogen im Zaum. Ich hoffe nicht an die ultimative Weisheit, sondern bin zufrieden mit dem Nichtwissen, dass mich täglich anfeuert. Eine Garantie dafür, dass meine Lebensfreude nicht erlischt. Weder will ich in der Vergangenheit noch in der Zukunft leben. Denn hier und jetzt ist das Paradies, wir erschaffen es, wir vernichten es.

Es ist die verborgene Mystik, die mich hypnotisiert und mit dieser unergründbaren Welt versöhnt. So berührten mich die Gebetsrufe der Muezzine von Istanbul, die swingvollen Gospel-Orchester in New Orleans, der Hindu-Singsang in Varanasi, oder die Rezitation buddhistischer Verse in Rangsit. Ich liebe es, Zeuge zu sein wenn sich andere zur kollektiven Glückseligkeit singen. Und da ich keine Silbe verstehe, erlaube ich mir, auch diesen Moment zu geniessen. Und das beste zum Schluss. Jetzt greift Habib nach dem Mikrofon. Er verteilt zuerst einige Weisheiten auf Arabisch, und holt dann Anlauf zur Preisung. Soll da noch einer sagen, Entertainment sei gemäss Koran verboten, denn der Imam stellt gerade die Kungfu-Zungen von Ice Cube und Busta Rhymes in den Schatten. Jetzt spricht er, nein, jetzt rapt er in Schallgeschwindigkeit und alle fallen in sich zusammen, brechen ein vor Ehrfurcht, ihm zu liebe, Allah zu liebe. Gute fünf Minuten lang (ein Blick auf die Azan Gebetsuhr genügt), komme ich nicht umhin den fleischigen Glaubensführer zu begnaden, ja will ihm dank meiner Sprachenblindheit insgeheim gar Beifall klatschen.

Erreiche ich heute noch Ostküste? Wahrscheinlich nicht, denn nun umzingeln mich die Jünglinge um die exotische Haut im Sarong zu begutachten, ausserdem gesellt sich Azhar mit der frohen Kunde. Habib wolle sich mit mir unterhalten, unter 60 Augen wohlbemerkt. Mein neuer Freund war so gutherzig, dass ich wissen will wer ihm die Güte beigebracht hat. Also kauere ich zwischen Imam und Dolmetscher und muss erneut beichten, dieses mal so, dass jeder es weiss. Ich stelle mich als analytisches, leicht meditatives Gemüt vor, das mit sich selbst im Einklang steht, trotzdem gerne alles hinterfragt und kaum von Legenden zu bekehren ist. Das sei absolut okay, er selbst habe ja diverse buddhistische Freunde (wohl auch auf der Konvertierungs-Liste). Das Verhör ändert die Richtung – Jetzt darf ich. Will aber nicht ketzern, es wäre der falsche Rahmen, auch will ich Habib nicht mit Lappalien aufhalten und schon gar nicht will ich kundtun, dass ich vom Koran in etwa gleich viele Passagen kenne wie von der Bibel. Zero! Also ein plausibles Thema. Ein Gedanke, der mich seit meinem Aufenthalt in Kaschmirs Hinterland verfolgt, als ich die muslimische Nächstenliebe enträtselt habe.

„Pahala“ Kredite fürs Paradies

Wer die Wohltäter nie darauf anspricht, wird es nicht zu hören bekommen. Echte Muslime vollbringen vorsätzlich gute Taten und sammeln nebenbei fleissig Kredite, gennant „Pahala“. Gläubige wie Ida, Mohd Muaz Shah, Saleh, Abdul Halim und Azhar sind der Grund, wieso ich jetzt umringt von Allahs Lämmern sitze und Habib folgendes fragen darf:

„Bin ich hier, weil der Islam meine Gönner zu Kreditsammlern gemacht hat,
oder weil sie ein gutes Herz haben?“

Der Imam grinst weise und streicht über seinen Bart: „Sünden können niemals radiert sondern nur aufgewogen werden, die Balance muss stimmen. Allah definiert was einen guten Menschen macht. Wer von Herzen gutes tut, der spürt die Nähe von Mohamed, dann schaut der Prophet hin“. Habibs Hand schweift durch den Gebetsraum: „Selbst jetzt wo wir alle mit dem Fremden sitzen, sammeln wir Nähe und Kredite. Der Koran lehrt uns den Verhaltenskodex. Halten wir uns daran, wird uns niemals Böses widerfahren und wir werden eines Tages alle sinnlichen Freunden des Paradieses geniessen. Du bist hier weil deine Freunde an Allah, Mohammed und den heiligen Koran glauben“.

Das wäre dann geklärt. Plötzlich fühle ich mich in der Rolle des Opfers und des Täters, mir wird geholfen damit ich helfe. Auf dem Weg zum Bessermenschen spielt die Fürsorge eine entscheidende Rolle, per se Binsenweisheit und keine Raketenwissenschaft. Wir ernten was wir säen. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann. Dabei sät jeder aufgrund einer anderen Motivation. Trotzdem haben wir alle etwas gemeinsam, wir erwarten eine Belohnung für unsere Saat: Ein Paradies mit 72 Jungfrauen, einen Himmel, eine aussichtsreiche Wiedergeburt, zumindest ein gutes Gewissen. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich persönlich den Typus Humanismus kennenlerne, der ohne jegliche Win-Win-Gedanken für das Glück anderer strebt.

Habib schnappt nach mir, Hand in Hand spazieren wir ins Esszimmer nebenan. Der Rest der Lehrerschaft wühlt bereits fröhlich in typisch arabischen Gerichten, die nach dem Gusto des Imam zubereitet wurden. Ich setze mich zur Männerrunde und greife unbeholfen zur gemeinsamen Platte. Während ich aufgrund der schieren Distanz von Mund und Essen Azhars Sarong abwechslungsweise mit Reis und Huhn kariere, werde ich erneut ausgehorcht. Ich ändere fidel das Thema und erläutere, dass Jemen weit oben auf meiner Wunschliste stünde, eine Visite wäre bestimmt lohnenswert, nur wüsste ich derzeit nicht wie in das kriegskaputte Land zu kommen. Während ich mir gedanklich Bilder von spektakulärer Lehmarchitektur, Drachenbäumen und liebenswerten Dorfschönen male, wird mir die Dar al-Mustafa School in Tarim ans Herz gelegt. Ich wäre dann einer von bereits 500 Ausländern, die dort gerade den Islam studieren. Da Flüge nach Jemen derzeit etwas „kompliziert“ seien, könne ich ganz einfach den Bus von Oman nehmen. Kontakte für einen einfacheren Grenzübertritt im Nordosten hätten sie genug, meiner Wissbegierde stehe nichts im Weg, sie können meinen Trip noch morgen organisieren. Ich hinterlasse auf Wunsch von Habibs Dolmetscher Ashif meine malaysische Telefonnummer und bezeuge, dass ich mich bei Interesse melde.

Irgendwo in Machang, frischer Morgen. Azhar war so freundlich, mich für die Nacht zu beherbergen. Wir fahren zur nächstbesten Kreuzung und gehen unserer Wege.

Wenig später: „No problem-lah“, Sufian will mich in die City fahren, gleich nachdem wir das Töchterlein bei den Grosseltern abgeladen haben. Diese verstecken sich zwischen 500 Quadratkilometer Kautschuk-Bäumen in Kelantans Agrarzone. Eine Frage brennt mir schon lange auf der Zunge, und Sufian muss es nun ausbaden. Gerade in Malaysia sind die Zeiten der arrangierten Ehen mehrheitlich passé (ja sogar im erzkonservativen Osten) und ausserdem verbieten die Koran-Klauseln den Hörigen Discos und Pub-Crawls. Wie lernte er seine Frau kennen? „Easy-lah, I go Shopping Center“. Kaum vorzustellen, denn im tiefgläubigen Kelantan, stellt man sich je nach Geschlecht an verschiedenen Kassen an (Kelantain ist einer von drei malaysischen Bundesstaaten, die von der oppositionellen islamischen Partei PAS kontrolliert wird). Ich fantasiere daher, wie Sufian durch die Mobiltelefonregale pirschte um seine Angebetete alibimässig bei der Qual der Wahl zu beraten. Oder hatte er mit seinem Lieblingsgedicht bewaffnet zwischen den Wühltischen die Aktionswochen ausgeharrt, dann wenn die modebewussten Malaiinnen steil gehen? Es bleibt sein Geheimnis. Eines ist sicher, das Einkaufszentrum ist kaum gleichbedeutend mit dem Marktsonntag von Nordvietnams Bergvölker. Die meisten Männlein und Weiblein treffen sich auf dem Campus, bei der Arbeit oder über den Freundeskreis. Aber wie lernen sich die Verklemmten kennen? Klarer Fall, Online. Die auf Muslime spezialisierten Partnerbörsen erfreuen sich grossem Interesse, man darf nach Sekte auswählen, Doktrin, Sprachen, Vorlieben, ja sogar nach den Kriterien der Eltern.

Kota Bahru. Einchecken in einem Verlies für drei Dollar die Nacht. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt perfekt, ich bin happy, habe seit Indien kein solch schönes Loch mehr betreten. Alles nötige ist vorhanden, eine bezogene Matratze und ein launischer Ventilator. Der 70-Jährige Japaner Hori teilt die Stube mit mir, ein Raum der gemäss meinen Beobachtungen zur Zeit von Horis Geburt das letzte mal einen Putzlumpen gesehen hat. Ach, was würde ich den Alten gerne unterhalten, nur ist sein Englisch so gut wie mein Japanisch. Was ich verstehe ist, dass ihn seine Krankheit und das mangelnde Budget für Medikamente im kalten Japan nicht überleben lässt. Deshalb verbringt er hier zehn von zwölf Monaten jährlich mit Sportfernsehen und Sudoku. Was für ein Überlebenswille! Ich bekomme einen Anruf von Ashif: Ob ich denn nun mehr über den Islam erfahren will? Er würde mich gerne treffen heute Abend. Ich verspreche zurückzurufen, falls mein gedrängter Zeitplan es zulässt und gehe allein zu einem Nasi Kerabu. Blauen Reis hatte ich noch nie.

Ein Muezzinruf hallt durch die Dämmerung, die Gläubigen verlassen ihre Geschäfte und verschwinden zum abendlichen Maghrib-Gebet. Das stört die Chinesen wenig, friedlich rauchen und trinken sie weiter. Blattwerk windet durch die Stahlgitter meines Fensters. Morgen bin ich weg.

Wird Hitchhiking zur Routine, freut sich der Reisende darauf wie ein Kind, dass eine Wundertüte öffnet. Ich stelle mich neben die Strasse, setze mein eintrainiertes Mona Lisa-Lächeln auf und halte einen Kartonfetzen mit dem bewährten Wort „South“ in die Luft. Meine Kreativität interessante Destinationen ausfindig zu machen, hielt sich heute in Grenzen – das fordert Revanche. Mehr als eine erfolglose halbe Stunde später, zehre ich von dem malaysischen Sprichwort, das ich gestern aufschrieb:

Wenn die Hoffnung aufwacht, dann legt sich die Verzweiflung schlafen

Ich hoffe. Und gewinne dafür den Jackpot: Den jungen Malaien Matin Fawaz. „Just helping-lah“. Wie untertrieben, denn Matin umrundete nochmals den ganzen Block um mich aufzugabeln. Er habe gerade viel Zeit, sein Rechtsstudium ist abgeschlossen. Ich verneige mich. Matin fragt verwundert nach, was denn los sei. Ich zolle lediglich Respekt, denn er habe sich wohl eine der kompliziertesten Studiengänge in Malaysia ausgesucht. „Haaha, true-lah“. Matin muss sich im dualen Rechtssystem bestehend aus zivilen Gerichten und den Schariagerichten (für Muslime in religions- und familienrechtlichen Fragen) zurechtzufinden. Dazu kommen aktuell die radikalen Islamisierungsideen der Oppositionspartei, wie die landesweite Einführung des Hudud-Gesetz – das islamische Strafrecht, welches Diebe, Ehebrecher und Homosexuelle per Steinigung züchtigt.

Ich frage nach, was Matin denn in dieser Ecke zu suchen hat, weit weg von der Anwaltskanzlei in Kuala Lumpur. Sogleich wird mir klar, wieso ich eine halbe Stunde warten musste, sie war nötig, damit er mich mitnehmen kann. Genau er, und kein anderer. Denn jetzt geschieht es erneut, ich werde Zeuge einer unfassbaren Menschenfreundlichkeit. Matin wird morgen heiraten und ich, der Fremde, der vor ungefähr fünf Minuten zugestiegen ist, soll dabei sein. Anstatt südlich fahren wir somit westlich nach Tanah Merah, einige Kautschuk-Wurzeln entfernt von den Fängen Habib und Ashif. Während wir durch das Ressort von Matins Familie zirkeln, erzähle ich ihm die Geschichte. Mein neuer Freund kichert, seine Geste habe zwei Motive, Kredite durch den Hilfeakt sowie die Tatsache, dass er allen eine nachhaltige Freude beschert, wenn er einen „Orang Puteh“ (einen weissen Mann, nicht zu verwechseln mit „Orang Utan“ – Dschungel-Mann) an seine Hochzeit schleppt. Ich bin etwas entmutigt, es ist demnach nur halbwegs etwas persönliches, dennoch unerklärbar aufregend. Dazu eine Fussnote: Seitdem die europäischen Kolonialherren Asien belagerten, schaut der braune Mann hinauf zum weissen Mann, jeder Fremdling wird stets als smart und wohlhabend (da smart) definiert. Und das schlimmste aller Übel, wir werden Jahrzehnte nach den Unabhängigkeitstagen mit „Sir“ angesprochen. Mein einziges Rezept bisher, ein tiefer Blick in das jeweilige Augenpaar und der Hinweis auf Falschaussage: „No sir – just a Friend“.

Wir vereinbaren, dass ich bei den Vorbereitungen helfen darf. Nicht nur das, mir gebührt eine Ehrenaufgabe, unter strenger Aufsicht von Matins Mutter bin ich verantwortlich für die richtige Positionierung der Plüschteppiche unter dem Pelamin – Die majestätische Couch auf der das frisch vermählte Paar morgen während dem Bersanding thronen wird. Mein Blick huscht zum Gemälde, dass die Wand hinter dem kitschigen Leuchtbogen ziert. Ich habe das Gesicht schon einmal gesehen und frage nach seinem Besitzer. Matin Mutter meint gleichgültig: nur ihr Neffe. Ach so, nur der Neffe. Ich finde sie malt klein, ist ihr Neffe doch der Agong, der amtierende König von Malaysia.

Jawohl, Malaysia ist eine parlamentarische Monarchie. Jeder Bundesstaat hat einen König (entspricht in Malaysia dem Titel eines Sultans). Von den insgesamt neun verschiedenen Kandidaten rotiert alle fünf Jahre einer zum neuen König der Könige und darf den Palast in Kuala Lumpur beziehen. Seit 2016 ist es Muhammad Faris Petra aus Kelantan. Ungeachtet ihrer rein zeremoniellen Rolle geniessen Malaysias islamische Könige enormen Respekt beim Fussvolk sowie staatliche Zulagen von monatlich 27’000 Ringit (6’000 USD). So lässt es sich leben, das Pflichtenheft ist überschaubar und der Zahltag üppig. Die wirklich glorreichen Zeiten der Sultanate findet vor allem in staubigen Geschichtsbüchern statt, und vielleicht noch im explodierenden Bundesstaat Johor (Singapurs Nachbarn), wo König Ibrahim Ismail Ibni Almarhum Sultan Iskandar Al-Haj ein eigenes Militär unterhält, im Immobilienmarkt mitmischt und zwecks Volksnähe die Staatssteuer abgeschafft hat. Die Volksnähe ist bitter nötig, denn jeder Untertan weiss wer mitscheffelt wenn Johor dank chinesischen Investments (kürzlich wieder eine Milliarde USD) zum nächsten Shenzhen mutiert – Allmächtiger erbarme dich den Malaien! Ich frage mich was wohl Abdul, der Bote von Meeresfrüchten, davon hält.

Zurück zu Matins Mutter, die gerade mehr Handlanger beordert hat um die Überlagerung der Plüschteppichen zu regeln. Sie ist der Spross von Kelantans ehemaliger Königin. Ich frage naiv, wie so ein Alltag als Prinzessin während den 60ern aussah, Malaysia war zu dieser Zeit mausarm. Kelantans Prinzen und Prinzessinnen hätten morgendlich für 5 Ringit (etwa 50 US Cent zu dieser Zeit) Fahrräder ausgeliehen um in die Vorschule zu radeln. Dann kamen sie wieder nach Hause zum täglichen Nasi und gingen schlafen. Wie ernüchternd, hätte ich zumindest Kutschen, Privatlehrer und abendliche Festspiele am Königshof in der Erzählung erwartet. Ich verziehe mich zum lauschigen Naturseelein nebenan, denn die Plüschteppiche stellen ein unlösbares Problem dar. Schaue auf den Steg, wo Matin vor drei Jahren seine Nurul bezirzt hat in dem er sie ins Wasser schubste. Seit dem darauf folgenden Facebook-Chat hat er sie innert drei Jahren vielleicht acht, vielleicht zehnmal gesehen. Nicht ganz unüblich in Malaysia, hier werden sittenwidrige und oder zu häufige Treffs unter Unverheirateten mit Haft bestraft. Und an der Ostküste werden selbst ausländischen Paaren ohne Trauschein die Doppelzimmer verwehrt. Ich kämpfe gegen die Gedanken, was wohl 25 Jahre Sexlosigkeit mit einem Mann anrichten und ob dies gar manch einen blind in die Ehe stürzen lässt – die hiesige Scheidungsquote würde meiner Vermutung unterstützen. Das Ausmass an gescheiterten Ehen gab kürzlich sogar Anlass zur Kreativität auf Regierungsebene, so wird gestressten Ehepaare eine „zweite Hochzeitsreise“ auf Staatskosten offeriert. Ja selbst der Koran pusht zur raschen Ehe, denn sie trage massgeblich zur geistigen Vervollkommnung bei. Welch noble Wortkonstellation im Hinblick auf die Einschränkung diverser Freiheiten. So oder so freue ich mich für Matin, seine geistige Vervollkommnung und die anstehende Entjungferung.

Die Hochzeit findet ohne Elefanten und Elfenbeinthron statt (zu sehen auf Hochzeitsfotos von Matins Bruder) und ist nur eine von drei Zeremonien – Eine für den Ehemann, eine für die Ehefrau, eine für das Dorf. Kaum verwunderlich, hat jeder Malaie durchschnittlich 30-50 Hochzeiten pro Jahr auf der Agenda. Wir schlendern alle zur resorteigenen Moschee, wo die festlich gekleideten Matin und Nurul unter dem Dauerfeuer von Mobiltelefonkameras den Segen des Imam erhalten. Ich verneige mich erneut von meinem neuen Freund und ziehe von dannen.

Terengganu – Pahang – Johor

Der Tag ist jung, ich ziehe mein Karton und erschrecke. Denn kaum oben, setzt Sulehman den Blinker. Geboren auf der Thai-Seite, hat er hier eine Malaiin geheiratet. Der Liftmonteur fragt mich hingegen aller vorgängigen Chauffeure nicht gleich nach meinem Kinderstand, das nährt meine Neugierde. Ich frage nach seinem. Noch keine, seit fünf Jahren üben sie, „no children, no happy“ fügt er hinzu – Ein minimaler Wechsel der Laune kann unglaublichen Einfluss haben auf die Stimmlage einer Person. Er fährt links ran zum mittäglichen Dsuhr-Gebet, nach fünf Minuten steigt er wieder ein. Schweigen. Ich versuche leichtere Themen durchzugehen und entlocke ihm hin und wieder ein Lächeln. „Here I work“, meint Sulehman und lädt mich aus. Ich wäge meinen Bestimmungsort ab, liebäugle mit der City Kuala Terengganu und suche nach meinen Marker. Warte nicht lange, denn Sulehman kommt zurück, „no work today“. Er wolle mich hinfahren. Hm? Ich stottere eine Hommage an den Wohltäter, will mich der grossherzige Mensch doch ganze 150 Kilometer in die falsche Richtung fahren. Soll ihm Allah beim helfen zuschauen? Hat Suleh in der Vergangenheit gesündigt? Habe ich überhaupt etwas damit zu tun? Hat sein Mangel an Kinder damit zu tun? Ist er einfach nur ein Held ohne Legende? Ich stelle mir vor, wie Sulehman in Zürich ein Schild mit der Aufschrift „Bern“ in den Himmel hält und ein St. Galler entscheidet, die wertvolle Zeit für den Unbekannten zu opfern. Eher würden Schweizer Bankiers Geld ethisch korrekt anlegen. Da muss einer ganz genau überlegen um dieser fremden Gedankenwelt Herr zu werden. Die Zeit habe ich, denn Sulehman ist ein schweigsames Gemüt. Ich bin mir sicher, er wird hinterher nicht vor Glück platzen, aber die Dämonen der Schwermut reissen ihn für eine Weile nicht mehr ins finstere Loch.

Am nächsten Morgen. Warten auf einen Gönner. Einer, der etwas mehr als die Fahrt zur Busstation offeriert, wie die vier letzten Mobilisten. Einer der das Konzept von Tumpang versteht und mich nicht fragt: „How much?“. Ibrahim Razali hält für mich und will mich an eine vorteilhafte Stelle bringen. Der 65-jährige erklärt begeistert, ich würde ihn mindestens an eines seiner sechs Kinder erinnern. Sein ganzer Stolz. Sie alle haben ein Stipendium in ausländischen Universitäten erhalten: in der Schweiz, in England, den USA. So geht er jährlich auf Besuch und schaut sich gleichzeitig die Welt an. „Eine Langzeitinvestition, die gute Rendite abwirft“, scherzelt Ibrahim. „Just breed what you can feed“ sagen sie in Neuseeland, hier funktioniert es bislang noch umgekehrt.

Nach einer dreiminütigen Pause auf dem Asphalt von Dungung wechsle ich in den Wagen von Sufiyan. „As salam alaykum!“ Erneut muss ich mich für meine zeugungslosen 35 Jährchen rechtfertigen, denn die Kinderfabrik ist gleichen Alters und hat bereits fünfmal befruchtet. Heiter frage ich nach, ob er sich vorstellen könnte, vier Ehefrauen zu unterhalten, was gemäss Koran ja absolut tolerierbar wäre. „Four wifes, four problems“, spöttelt Sufiyan ohne gross die Vorteile zu bedenken. Die Polygamie sei ein Privileg für die Oberklasse, Herzlose oder Planungsgenies. Denn das Gesetz sieht vor, allen Ehefrauen den gleichen Anteil an Aufmerksamkeit und Reichtum zuzusprechen. Also je 1.75 Tage pro Woche für jede, und im schlimmsten Fall bestehe dann ein Drittel des Monats aus Periodentagen. Vom Schwinden der Ersparnisse ganz zu schweigen. Die Zeit ist reif um seine Träume auszuhorchen. Ganz einfach, er wolle Europa auf die selbe Art bereisen, wie ich Malaysia. Ich wünsche ihm dabei alles Glück der Welt. Sufiyan muss weiter, ich auch. „I hope you can accept“, sagt er mit bittersüssen Mine und streckt mir die Hand entgegen, darin verstecken sich 50 Ringit.

Beim Frühstück unterhalte ich mich mit dem jungen Mediziner Aziz Haladin. Erfreulicherweise haben wir die gleiche Richtung. Er kennt sich aus mit Hitchhiking, hat sich so erfolgreich durch Sibirien und Europa geschlagen, daher sei es für ihn ein ungeschriebenes Gebot mich mitzunehmen. Aziz schaut auf die Uhr und sucht nach einer geeigneten Moschee, die Minarette weisen ihm den Weg. Geduldig warte ich ab und geniesse die Klimaanlage seines Autos. Mir ist bewusst, Moscheen gibt es überall auf der Welt, bei fünf Gebetsrunden pro Tag könnte es trotzdem passieren, dass für reisende Muslime gerade keine zur Verfügung steht. Also wohin? „In den Umkleideraum eines Kleidergeschäfts. Oder sonst wo, einzige Bedingung, der Boden muss sauber sein“, erklärt Aziz und zündet sich eine Zigarette an. Nichts was Allah stören würde, denn die Aussagen im Koran sind (wie so oft) etwas unklar.

Gemütliches Cherating, Pahang. Aziz besteht darauf mich direkt vor die Strandhütte zu fahren. Eine Strandhütte, die mich einige Tage über die jüngsten Erlebnisse nachdenken lässt.

Karton – Marker – Süden. Mein erster indischer Fahrer hält. Siva. Ein seltenes Exemplar in der vorwiegend von Malaien dominierten Ostküste. Er hilft mir mit einigen Kilometern aus. Nicht nur das, Siva erzählt mir auf Wunsch von seinen Vorfahren, die dem Klischee so mancher indischen Auswanderungsgeschichte entsprechen. Geübte Plantagenarbeiter aus Tamil Nadu wurden unter Aufsicht der Kolonialherren zu Tausenden importiert um Malaysias Palmöl- und Kautschuk-Plantagen zu kultivieren. Innerhalb weniger Generationen etablierten sie den Hindu-Gürtel, der sich entlang der Westküste Malaysias bis nach Singapur zieht. Es war die neue Herausforderung, welche Sivas Grosseltern motivierte in Malaysia sesshaft zu werden, aber vor allem die Aussicht auf ein besseres Leben, denn sie gehören zu einer der unteren Kaste. Die Klassengesellschaft Indiens hat schon einige verscheucht. In Malaysia wertet niemand den Familiennamen, man behandelt einander mit Respekt. Und die Kindeskinder wie Siva? Sie wachsen auf ohne einen Rang, dafür mit Chancengleichheit. Die Kurzgeschichte ist nicht unbedingt sexy, aber bei ungefähr zwei Millionen Indern in Malaysia erwähnenswert. Ich entschuldige mich bei Siva für mein verhaltenes Interesse an seiner Person. Jetzt strahlt der Mann. Und antwortet mit folgender indischen Weisheit:

„Der Wissende weiss und erkundigt sich, aber der Unwissende weiss nicht einmal, wonach er sich erkundigen soll.“ 

Irgendwo in Pahang. Das Paar Zali und Ain fahren mich weiter nach Endau. Zeigen mir auf dem Weg die königlichen Gärten der Pahang Royals, die pittoreske Moschee von Kuantan und Fotos vom Haddsch, der obligaten Pilgerfahrt eines jeden Muslimen nach Mekka (eine der fünf Säulen des Islam). Ain leuchtet, als er mir das Familienfoto präsentiert, welches gleich nach der Pflicht in Saudi Arabien entstand. Urgrossväter, Cousinen dritten Grades und Kindeskinder – alle dabei. Es sind so viele Familienmitglieder, dass sich der Fotograf dazu entschied das Bild per Drohne aufzunehmen. Ich erkundige mich nach einer malaiischen Liebesgeschichte, die Zalis Herz berührt hat. Und bekomme flugs diejenige zu hören, die ich schon von einem dutzend anderer in drei verschiedenen Bundesstaaten zu hören bekam. Es ist die Lovestory vom populärsten Mat Salleh (Ausländer ggf. Albino Mann) der Region, dem Briten Matthew, der sich in die malaysische Ostküste verliebte, dann in die malaysische Sprache, dann in eine malaysische Gläubige. Er sprach die Schahāda aus und konvertierte.

„Lā ilāha illā ʾllāh(u) لا إله إلا الله“: „Es gibt keinen Gott außer Gott“
„Muḥammadun rasūlu ʾllāh(i)“ – محمد رسول الله – „Mohammed ist der Gesandte Gottes“

Seither ist Matthew in aller Munde, aller Ikone, aller Facebook-Friend. Anders gesehen: einer hat genug von der westlicher Attitüde, nimmt seine Ersparnisse mit ins weniger entwickelte Ausland, dort wo möglichst wenige Albino Männer wüten, kauft sich ein Grundstück auf einer Paradiesinsel und lernt die Sprache, denn er will Geld verdienen, filmt zwei Jahre später für die malaysische TV-Gesellschaft, weiss sich viral zu vermarkten, konvertiert der Liebe wegen, ohne dabei Allah die täglich Ration Gebetsminuten zu opfern. – Basta! Ich bin nicht überzeugt. Ein Gedanke dazu, ich probiere Geschichten oft an wie Klamotten. Hier eine andere.

So bin ich der Mat Salleh, der in diesem Eck strandete. Einer, für den sich niemand schert. Ich bin der Tim aus Australien. Sie sagen mir einen alten Hippie nach. Einige Zähne fehlen, mit 65 nehme ich das in Kauf. Azurblau die Augen, ausgetrocknet vom südchinesischen Meer. Faltig und braungebrannt die Haut, jahrzehntelang gemartert von der malaysische Sonne. Habe als erster die Wellen der malaysischen Ostküste gesurft. Ich surfe sie heute noch. Nie war ich ein Fan von Klassenzimmern, daher habe ich sie mit 14 verlassen, lebte seither in Höhlen, Wäldern, im Dschungel. Bin in einer stürmischen Nacht vor meiner neuen Heimat Tioman Schiffbruch gegangen, paddelte auf meinem Surfboard 20 Kilometer zu einer unbewohnten Insel und überlebte dort für einige Tage. Mein Surfboard hängt immer noch in meiner Holzhütte. Ich schrieb darauf „Thank you FOR MY LIFE 2007“. Ich habe die Schahāda ausgesprochen, weil ich im Koran einen Sinn gefunden habe. Meine Frau ist eine der Prinzessinnen von Pahang. Sie sieht es weniger streng mit Allah und hat den Hijab mit einem Lächeln abgelegt.

Die virtuelle Selbstdarstellung hat einen Einfluss darauf wie wir Dinge wahrnehmen. In der Avatar-Ära darf es sich jeder aussuchen, Protagonist oder Statist spielen. Die Titelrolle im Untergrund zu bekommen, bleibt die wahre Kunst.

Neuer Tag neues Glück. Auf meinem Karton steht heute „Melaka“. Sukor Tomo schleppt seine Familie zum Überraschungsbesuch seiner Mutter. Ich darf mich für über 100 Kilometer mit ins Auto quetschen. Sukor ist Ingenieur für die Royal Army. Genaugenommen ist er dafür verantwortlich, dass im Fall der Fälle die Schleudersitze in den Kampfflugzeugen rechtzeitig auslösen. Mit 500’000 USD pro Exemplar wohl der teuerste Stuhl aller Zeiten. „Zwei Sekunden vom Entscheid des Piloten bis ihn die Explosion in die Sicherheit geschossen hat“, brüstet Sukor. Was würde ich geben, um den Test durchzuführen.

Heftiger Regen setzt ein. Sukor steuert durch endlose Palmölfelder. Eine Fahrt von Endau an der Ostküste nach Melaka an der gegenüberliegenden Westküste ist eine Offenbarung sondergleichen. Ich wusste es bereits, habe mir jedoch das Ausmass kaum vorstellen können. Hier stehen sie also, die bis zu 20-jährigen Mütter unseres rege genutzten Pflanzenöls. Malaysia ist weltweit Nummer eins, verantwortlich für 40 Prozent der Weltproduktion. Dafür opfern sie die Hälfte Ihrer Landflächen. Von hier aus werden sie weltweit beliefert, Fabrikanten von Biodiesel, Feuchttüchern, Putzmitteln, Tiefkühlpizzen, Schokoriegeln, Duschmittel etc. Wer es immer noch nicht begriffen hat, hier der Status Quo: Palmöl ist nicht von Grund auf böse, nur werden dafür Regenwälder (vor allem in Malaysia und Indonesien) gerodet. Babyaffen mit tränenden Kulleraugen sterben, der Monsun wird immer kürzer, der Wasserpegel immer höher, Fischbestände schwinden, Treibhausgase eskalieren – alles bekannt. Fortschritt und dessen Kollateralschäden. Ich frage Sukor, wie toll er Palmöl findet. Mein Chauffeur schaut emotionslos in den Rückspiegel und wägt seine Antwort ab, als ob er ahne, was ich hören will: „Wieso nicht? Denn es schafft Jobs.“ Stimmt! Allein das malaysische Unternehmen Felda, das den Wegrand mit Fabriken zupflastert unterhält 4’000 Quadratkilometer Palmölplantagen und entlöhnt damit 20’000 Arbeiter (500’000 malaysische Jobs sind indirekt in das Palmölgeschäft involviert). So sollten westliche Hetzer, ich eingeschlossen, bedenken, dass unsere Kolonien in Südostasien die Initialzündung geleistet haben. Länder wie Malaysia gehen nun den Weg des geringsten Widerstands. Apropos, glaubt man Extremisten wie Greenpeace, zerstören wir unsere Erde gerade im Eiltempo. Wohl kaum, wir zerstören nur die Menschheit. Die Erde wird uns überleben. Und unbeeindruckt von unseren Taten weiter mit 70’000 Km/h per Vortex durch das Universum rotieren. Nur vielleicht ohne uns.

Melaka

Kluang, im Bundesstaat Johor. Lediglich fünf Minuten lässt Dave Das auf sich warten. Ich erkenne gleich, das wird eine gute Fahrt. Denn Dave gehört zur Rasse der Entertainer, zur Sorte Inder mit denen man sich Stunden unterhalten will, weil sie über alles und jeden ohne Reuegefühl herziehen, solange das fleissige Mundwerk mit Themen gefüttert wird. Dave ist auf dem Weg nach Kuala Lumpur und will für mich einen Umweg über Melaka fahren. Für seinen ersten Hitchhiker, mache er das gern. Und meldet es auch gleich einigen Freunden per Videocall. 130 Kilometer stehen an. Perfekt, um die Motive der Inderinnen zu ergründen sich gleich nach der Hochzeit in Ballonform zu fressen, oder wieso der indische Premier Modi mit der Idee Cashless India das Land in eine blutige Revolution stürzen wird. Auch Reisen steht auf der Agenda. Ich sei sein Sifu (chinesisch für Meister), will er doch so dringend selbst die Welt erkunden. Aber derzeit ist seine Person anderweitig gefragt. Der kecke Vermittler handelt Tamilen, Begalen, Singhalesen und Nepali. Drei Jahre minimum, den Pass sieht der Kunde erst bei Vertragsablauf wieder, oder falls Ferien bewilligt werden. Falls! „Eine lukrative Möglichkeit für die Lohntouristen, um ordentlich Kohle anzuhäufen“, so Dave. Und ich will es ihm bestätigen. Die hier erwähnten Immigranten sind happy, sie verdienen zig mal mehr als den Hungerlohn in der Heimat. Ich habe es unlängst mitbekommen, wie in den Hinterhöfen der Entwicklungsländer kollektiv Geld für die Vermittlungsgebühr zusammengekratzt wird, um einen „Auserwählten“ in vielversprechendere Regionen zu entsenden. Im Austausch dafür folgt die Redite monatlich in wertvollen Ringit, Baht, Dirham oder Singapur-Dollars. Nicht jeder hat Glück bei der Auswahl des Schiebers. Ich erzähle Dave die Geschichte eines Inders aus Madurai, der auch scharf auf ausländische Währung war. Die übliche Gebühr von je 1’000 USD hatten er und drei weitere Kollegen bereits hinterlegt. Kurz nach der Banküberweisung verschwindet der Inhaber des Personalbüros spurlos. Ich traf den verstörten Mann an dem Tag, als er sich mit seiner Bande den Racheplan zurechtlegte. Es hörte sich ziemlich simpel an: Aufspüren, aufschlitzen! Dave winkt ab: „Alles Rechtens“, und wippt dabei lässig mit seinem Kopf.

Melaka, das Kolonialjuwel der Europäer. Abends in einem Café am Rande der historischen Altstadt. Ich ertappe meine Sinne inflagranti beim Multitasking. Muezzinrufe folgen auf den Singsang der Hindus, der Duft chinesischer Räucherstäbchen vermischt sich mit malaysischen Gewürzen – Irgendwie treiben sie alle hier ihr Unwesen. Ab und an werde ich beim staunen unterbrochen, denn regelmässig drehen aufgemotzte Velokutschen ihre Runden, die angehängten 500 Watt-Lautsprecher auf Töten eingestellt. Selbst das Auge kommt nicht ungeschoren davon, denn die Touristenattraktion wurde geschmacklos mumifiziert mit Pokémon, Hello Kitty oder Was-weiss-ich-Schnickschnack. Einmalig unnötig und trotzdem will jeder mitfahren.

Eine Info am Rande. Melaka war die Schleuse für die Islamisierung Malaysias. Hier heiratete der von China geförderte Hindufürst Paramesvara die Tochter des Sultans von Pasai (Sumatra) und konvertierte zum Islam. Er schien zu ahnen, mit der neuen Religion liess es sich deutlich besser regieren als mit Geistern, Buddha oder Shiva. Wie George Town war auch Melaka ein wichtiger Handelsplatz für die Kolonialherren aus Portugal, Holland und schlussendlich Grossbritannien. Einzig die schöngepinselten Gemäuer und zahlreichen Museen entführen den Besucher noch in jene Epoche. Denn wie in allen UNESCO-Städten kommt auch hier kaum mehr Weltentdecker-Feeling auf, doch finde ich Gefallen am charmanten Dorfcharakter, in dem sich alles Notwendige innert einem 200 Meter-Radius abspielt: Günstige Betten, abendliche Treffs am Flussrand mit den Underground-Boys von Melaka und ihren Gitarren, liebenswürdige Tanten, die für drei Ringit ein Nasi rausrücken. Ich geniesse vier Tage lang Leichtigkeit.

Nach Kuala Lumpur bitte! Glück liebt die Vergeltung, es will quittiert werden. Selten gleich, oft etwas später. In meinem Fall erst nach drei Wochen. Ich warte zwei Stunden, mit Grinsekatze-Gesicht, mit Tanzeinlagen, mit Mona Lisa-Pose plus Mimik. Nichts. Lediglich die Taxifahrer sind interessiert. Nicht einmal die Sonne kennt heute Erbarmen und hat mein Gesicht über die letzten Stunden tomatenrot gegrillt. Don’t Panic! Dann passiert es. Jasond Tseng winkt mich zu sich. Er hat mich bereits vor zwei Stunden erblickt als er per Moped auf dem Weg zur Nudelsuppe war. Dann erneut auf dem Rückweg. Von weitem fällt ihm meine ungesunde Hautfarbe auf, er entschliesst sich daher nach Hause zu fahren um sein Auto aus der Garage zu holen. Kommt zurück um Gutes zu tun. „Echte Güte bedarf keinerlei Revanche, weder Anerkennung noch Kredite für den Tag göttlicher Richter“, so der streng ungläubige Chinese. Pragmatisch aber unheimlich kompliziert. „Denn“, fährt er fort: „früher musste man dem ungebildeten Volk die Regeln erklären, Gebote aufzwingen um sich in der Welt zurechtzufinden. Tue gutes und man wird dir gutes tun. Heute seien wir gebildet genug um den Sachverhalt neu auszulegen“. Mein letzter Hitchhiking-Tag in Malaysia und ich treffe auf ihn, den Typus Humanismus, einen der mein atheistisches Gedankengut bestätigt, ja es gar für mich ausspricht. Ich erkläre ihn somit offiziell zu meinem Sifu und entreisse Jasond damit ein feierliches Lachen.

Kurz bevor wir die Autobahn erreichen, erkundige ich mich nach dem Zeitvertreib des frühpensionierten Ingenieurs, jetzt da er der Musse frönen könne. Jasond reicht mir einige Holzsplitter mit der Bitte sie anzuzünden, zu riechen, zu sinnen. Ein halbes Leben habe er damit verbracht alles rational zu erklären, Regeln aufzustellen, Regeln zu hinterfragen, Regeln zu verfeinern. Mit dem, was ich gerade in den Händen halte, funktioniere das nicht. Denn es gibt weder naturwissenschaftliche Erkenntnisse über das Wesen von „Adlerholz“ (Aloeholz), noch existiert eine fundierte Erklärung wieso Geist und Körper darauf ansprechen. Hier ziehen alle am gleichen Strang: Buddhisten, Hindus, Christen, Muslime, Atheisten, Zauberpriester, Chinesische Quacksalber, Gurus, Edelholzhändler – doch könnte der Anwendungsbereich kaum vielseitiger sein. Ich bin begeistert, hat der Tausendsassa nach Jahren der staubtrockenen Analytik eine neue Herausforderung für sich entdeckt, einen Fetisch den ihn das nächste halbe Leben begleiten wird.

Tankstellen sind optimale Tatorte. Die Opfer sind mir ausgeliefert, müssen zuhören, mir in die Hundeaugen schauen während sie ablehnen. Eine kleine Binsenweisheit: Jeder Mobilist benötigt mindestens fünf Sekunden um Moral, Angst, Zeitverlust, Neugier gegeneinander abzuwägen und zu entscheiden. Oft ist der Fahrer dann bereits vorbei und schüttet für den Seelenfrieden einige Endorphine frei. Bei einem Stillstand des Wagens, kommen für uns Tramps effektvolle Sekunden hinzu. Elin Chiang und Mei Yee gehen die Gefahr ein den Fremden einzuladen. Die chinesischen Popschnulzen haben keinerlei meditative Wirkung auf Elins Fahrstil. Innert 150 Kilometern rächen wir uns an allen, die mich während den zwei Stunden ignoriert haben. Zur unser aller Sicherheit zünde ich etwas Adlerholz an. So oder so, ich schätze mich glücklich, nicht nur weil die beiden das erste Lesbenpaar sind, das mich mitnimmt, aber vor allem. Tätowiererin und Kellnerin passt irgendwie, denke ich und erkundige mich nach der gesellschaftlichen Akzeptanz in Malaysia. Denn offiziell gesehen könne Ihre Liebelei ja mit bis zu 20 Jahren Haft oder Peitschenknall bestraft werden. Elin sieht es gelassen, und tätschelt dabei die Hand von Mei. Solange sie sich in der Öffentlichkeit etwas zurückhalten, ist das kein Problem. Ausserdem sei die Westküste deutlich liberaler. Sie berichtet mir von der malaysischen Zensurbehörde, welche vor fünf Jahren ihre Offenheit gegenüber Homosexualität feierte, indem sie den Film “

Elin Chiang und Mei Yee gehen die Gefahr ein und laden den Fremden ein. Die chinesischen Popschnulzen haben keinerlei meditative Wirkung auf Elins Fahrstil. Innert 150 Kilometern rächen wir uns an allen, die mich während den zwei Stunden in Melaka ignoriert haben. Zur unser aller Sicherheit zünde ich etwas Adlerholz an. So oder so, ich schätze mich glücklich, nicht nur weil die beiden das erste Lesbenpaar sind, das mich mitnimmt, aber vor allem. Tätowiererin und Kellnerin passt irgendwie, denke ich und erkundige mich nach der gesellschaftlichen Akzeptanz in Malaysia. Denn offiziell gesehen könne Ihre Liebelei ja mit bis zu 20 Jahren Haft oder Peitschenknall bestraft werden. Elin sieht es gelassen, und tätschelt dabei die Hand von Mei. Solange sie sich in der Öffentlichkeit etwas zurückhalten, ist das kein Problem. Ausserdem sei die Westküste deutlich liberaler. Sie berichtet mir von der malaysischen Zensurbehörde, welche vor fünf Jahren ihre Offenheit gegenüber Homosexualität feierte, indem sie den Film “Dalam Botol” mit einem schwulen Paar in der Hauptrolle zuliess. Seither hat die Behörde die Regeln etwas gelockert: Schwule und Lesben dürfen in Kinos gezeigt werden – jedoch nur, wenn die Protagonisten am Ende reumütig heterosexuell werden oder sterben.

Die Skyline von KL ist bereits zu erkennen. Ich flehe Elin um eine chinesische Weisheit, sie schreibt in mein Notizbuch:

„A journey of a thousand miles starts with the first step“

(„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“ – Ziele erreicht man nicht dadurch, dass man alles genau plant, sondern dadurch, dass man den Mut besitzt loszugehen)

2 Kommentare

  1. Hallo Claus,

    welch eine geniale Idee und ein außergewöhnlicher daraus entstandener Beitrag! Ich bin gerade mit jeder Zeile tiefer und tiefer in deine Reise per Anhalter und in die Malaysische Kultur und ihre Protagonisten eingetaucht. Und mich dabei weiter und weiter vom Alltag entfernt. Vielen Dank für den Ausflug! 🙂

    Grüße
    Eduard

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    1. Ciao Eduard

      Besten Dank für dein Lob. Es freut mich, dass ich dich virtuell entführen konnte. Zumindest kurzfristig. Und schön, hast du bis zum Ende durchgehalten, es ist mein längster Artikel bisher;-)
      Hitchhiking gehört für mich schon länger zur bevorzugten Art der Fortbewegung. Jeder Tag birgt eine Überraschung.

      Beste Grüsse
      Claudio

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