Stimmt meine Rechnerei, so habe ich heute vor 1’152 Tagen das Flugzeug nach Patagonien bestiegen. Nach gut drei Vagabundenjahren ist an der Zeit nochmals einige Gedanken und Momente Revue passieren zu lassen. In Wort und Bild.

Das Postskriptum gleich am Anfang; mein Ausstieg war keineswegs eine spontane Entscheidung, sondern eine Mission auf die ich mich sieben Jahre finanziell und mental vorbereitet habe. Bin weder auf Gap Year-Safari, um zwischen Bachelor- und Master-Studiengang ein Stück wahres Leben zu erhaschen, noch bin ich ein burnoutgefährdeter Workaholic der kurzfristig das Weite sucht. Ich folge einer unerbittlichen Sehnsucht – einem Traum, der vor ungefähr drei Jahren Realität wurde. Meine Grundgedanken waren; die limitierte Frühpensionierung, ein Langzeitausflug ins Ungewisse und ein besseres Weltbewusstsein. Ganz ehrlich – mein Leben schien mir zu organisiert, zu routiniert und zu komfortabel. Ich wusste, dass ich etwas ändern muss, nur nicht genau was. Es gab drei ausschlägige Reiseerfahrungen, die meine Nomadendurst anfeuerten. Ein spontaner Ausflug nach Südafrika, ein Argentinien-Trip und eine Soloreise durch Japan. Und egal wohin oder mit wem ich reiste, der schlimmste Moment war immer, den Rückflug anzutreten. Reisen ist einmalig im Konzept, aber oft fehlerhaft in der Ausführung. Die befristeten Ausbrüche aus dem heimeligen Gefilde führten häufig dazu, kurz darauf ein Loblied auf die eigene Komfortzone zu leiern. Kontinuität und Weitsicht liess mich zwar wunderbar funktionieren, trieb mich sogar an. Dennoch habe ich immer etwas vermisst.

„Hätte ich doch…“ – Die Umfragen in Altersheimen besagen, dass Menschen auf dem Sterbebett das missen, was sie nicht getan haben. Nicht was sie erlebten. Ich liebe die Schweiz und ihre gebotenen Vorteile, erkannte während dem Karriereweg jedoch auch die Schieflage der Work-Life-Balance (schweizweit, nein weltweit das gleiche Desaster). Ich sehe es als Privileg 30 Jahre in einem der schönsten Länder verbracht zu haben. Es gibt Orte, denen lässt man erst spät Gerechtigkeit widerfahren. So einiges an der Schweiz imponiert mir mehr, seitdem ich es von aussen betrachte. Die Sicherheiten, die Möglichkeiten, die direkte Demokratie und die kulturelle Vielseitigkeit auf engstem Raum. Die Schweiz ist tadellos organisiert, mittlerweile jedoch einen Hauch zu perfekt für meinen Geschmack. Nicht zuletzt führte uns der Perfektionismus zu mehr Wohlstand, jedoch nicht zwingend zu mehr Wohlbefinden. Doch gibt es Licht am Ende des Tunnels, denn die Zeit des eingeimpften „Hast du was, bist du was“ gilt für meine Generation als passé. Besitz aber auch Selbstverwirklichung liegt nun mehr im Sinne des Betrachters.

Eigentlich sollte ich bereits einen Rückflug buchen, mein ursprünglicher Plan war auf drei Reisejahre ausgelegt. In der Zwischenzeit hat sich jedoch vieles geändert, ich habe mich während der Reise persönlich weiterentwickelt, weiss besser was ich will und nicht (mehr) will und darüber hinaus fühle ich mich in Asien pudelwohl. Jeder Tag ist unberechenbar vielseitig. Die Menschen leben mehr im Jetzt, lächeln öfters und sind mit bedeutend weniger zufrieden. Das beschwingt mein Gemüt. Ich habe aus der Vergangenheit gelernt, reise vorzugsweise im Schneckentempo und interagiere dabei mit allem was fremd ist. Täglich spreche ich Fremde an oder sie mich. Daraus entwickelt sich ein Wissensaustausch und nicht selten eine neue Freundschaft. Ich bleibe grundsätzlich bis ich ein minimales Verständnis für die hiesigen Eigenheiten entwickle, bis ich die Menschen spüre; ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihre Zukunft, ihre Ängste und ihre Träume. Ich demonstriere, dass Wissen aber auch Wissensdurst vorhanden ist, und werde schnurstracks integriert. Soloreisende haben dabei einen entscheidenden Vorteil, sie wecken automatisch Interesse (oder Mitleid?).

Wer mit Offenheit und Charisma auf die Welt prallt, wird kaum Anschlussprobleme haben. Ich glaube unter anderem daran, dass Kommunikation auf Wissensmangel basiert. Wer also den Austausch forciert, wird den Tag kaum allein verbringen. Ich bin eher ein Individualist und suche mir meine Gesprächs- wie Reisepartner sehr sorgfältig aus. Während den vergangenen drei Reisejahren hatte ich selten für längere Zeit einen Gefährten. Das hat verschiedene Gründe. Ich versuche mich in kulturelle Affären zu verstricken, lasse mir Zeit um das wirkliche Land zu erkunden und liebe es, unterwegs verloren zu gehen. Ausserdem treffe ich gerne meine Entscheidungen ohne dabei Rücksicht nehmen zu müssen. Die Erlebnisse, die ich jedoch mit Gleichgesinnten teilen durfte, sind dafür umso wichtiger für mich. Einsamkeit verstehe ich mittlerweile als ein sehr relatives Gefühl. Ich verbringe gerne Zeit in meinem Kopf. Selten habe ich so viel nachgedacht, war mir meines Daseins, meines Lebens so intensiv bewusst wie während der letzten Jahre. Grundsätzlich will man ja, was man nicht hat. Ich erkenne eine interessante Wechselwirkung zwischen dem Streben zur gesellschaftlichen Integrität und befreiender Isolation. Das lässt sich prima mit dem Reisen vereinbaren. Suche ich die Isolation, bekomme ich sie tags darauf. Fühle ich mich wiederum zu einsam, kehre ich zurück an gut frequentierte Orte, buche einige Nächte in einem Hostel oder gehe in das nächstbeste Kaffeehaus.

Farewell meine Lieben! Meine Siebensachen sind gepackt, ich folge weiterhin meinem Traum. In Bangkok habe ich während den letzten Wochen eine Route für die kommenden 1-2 Reisejahre geplant. Mein Wissensdurst wird mich durch Malaysia, Indonesien, die Philippinen, Osttimor und Papa Neuguinea führen.

Einst hatten wir Zeit! Ich weiss nicht, wer sie uns genommen hat. Ich weiss nicht, wessen Sklaven wir sind. Wir leben wie die Ameisen, drüben im Abendland. Max Frisch (1911-91)

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