„How do you feel about walking over fire?“ Fragt Mitto von Vietnam TV und streckt mir das Mikrofon entgegen.


Hanoi, drei Tage zuvor. Ich binde meine Siebensachen fest und gehe nochmals die Route durch. Einige hundert Kilometer nördlich soll ein eigenartiges Fest stattfinden. Ich weiss weder den genauen Ort, noch den genauen Zeitpunkt. Doch ein Volk, dass sich zwecks Geisterglauben ins Feuer wirft, verdient jegliche Zuversicht. Ich notiere mir gedanklich bei Viet Quant links abzubiegen. Einst als Abkürzung vom allseits bekannten Sa Pa nach Ha Giang deklariert, entpuppt sich die einst idyllische Landstrasse als ein Chaos aus badewannentiefen Löchern und einigen Teerfetzen. Die Tatsache, dass die hier wohnhafte Dörfler gezwungen sind tagein tagaus über diese Piste zu schaukeln, versöhnt. Sie wissen bereits seit ihrer Kindheit, Vietnam repariert in Zeitlupe. Kein Murren, sie nehmen es gelassen, ich tue es ihnen gleich. Einfache Hütten markieren den Horizont. Ich parke vor dem sterilen Gebäude mit Verwaltungscharakter, wische mir den Dreck vom Gesicht und schnappe mir die erstbeste Person.

Der Bürgermeister schenkt mir einen warmen Händedruck, dann Tee, dann Bambuspfeife, dann die Gewissheit – die Festivitäten starten morgen. Ich kann mir den Jauchzer nicht verkneifen. Ein Datum aufgrund Hörensagen vom Mondkalender in den gregorianischen Kalender umzurechnen und dann tatsächlich früh genug im vage beschriebenen Kaff des Geschehens zu landen – die Kür jeglicher Reiseplanung. Hoa, ein Beamter torkelt in den Raum. Die geweiteten Blutgefässe in seinem Augenpaar verraten, Hoa hat die morgendliche Ration Reiswein bereits intus. Sogleich macht ihm der Bürgermeister klar, dass er auf mich aufpassen muss, denn das Dorf geizt mit zahlbaren Betten für Durchreisende. Ich begleite ihn zum Stelzenhaus seiner Eltern. Ein architektonisches Meisterwerk der Thai-Ethnie. Der Bauplan kommt zwar aus der Schublade, das austauschbare Resultat jedoch kitzelt die Herzen der Nostalgiker. Unbehandeltes Holz, grosszügiger Wohnraum, Gemüsegarten, Reisfelder, Palmen, ja ein eigener Fischteich ziert die Länderei.

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Wenig später kauern wir zu sechst, zu acht, zu zehnt auf dem Fussboden alias Küche alias Schlafgemach alias Esstisch. Wir verstehen uns prächtig, die Reisweinkübel trösten über die Sprachbarriere hinweg. Meine Gastgeber geben Vollgas, zur Feier des Tages wird ein Kaleidoskop von Reisgerichten aufgetischt. Wie töricht von mir zu glauben, es gäbe lediglich weissen oder braunen Reis. Weit gefehlt – Vietnam zaubert roten, lila, gelben und grünen Reis. Frittierter Fisch aus dem hauseigenen Teich rundet das Galadinner ab. Ich bitte um Abstinenz, suche per Taschenlampe den Abort und stelle mit Gräuel fest, dass der anmutige Weiher gleichzeitig Toilette ist. Die Fische scheinen zu ahnen, was sie erwartet und versammeln sich vorfreudig. So hat wohl jegliche Romantik einen Haken.

Katermorgen. Opa von nebenan kommt vorbei und will mir sein Haus zeigen. Ich trotte ihm nach, er redet, ich glaube zu wissen, wann Nicken angebracht ist. Er öffnet zwei Bier und schaltet den Fernseher an. Wir schauen zusammen Reportagen über die Naturschönheiten von Ha Giang. Es berührt mich, wie der knapp Hundertjährige seine direkte Umgebung per Fernseher geniesst. Dennoch bin ich überzeugt, er hatte ein reiches und erfülltes Leben. Die Bilder an der Wand verraten, 13 Kinder, alle bereits abgehauen, nach Hanoi, Ho Chi Minh oder Da Nang, nur weg vom Provinzleben. Ich beginne zu zappeln, bald starten die Rituale. Ich schnalle Grossväterchen hinten auf dem Motorrad fest und fahre zum Verwaltungsgebäude. Der Gemeindeammann erwartet mich bereits und macht wortlos klar, ich soll ihm folgen. Die ethnischen Pa Then, mit knapp 6’000 Köpfen eine der kleinsten Minderheiten Vietnams, sind bereits versammelt und begrüssen mich mit Neugier. Die mutigsten unter ihnen sind die Hauptdarsteller des heutigen Tages. Der hiesige Schamanen stellt sich vor. Wie alle Geisterbeschwörer umgibt ihn etwas mystisches. Er ist allen Beteiligten einen Zug an Grazie voraus. Niemals wird er sich tölpelhaft verhalten, sich nie masslos betrinken und falls doch, wird er es mit Stil tun. Zu Ehren der Geister werden Hühner aufgeknöpft, Räucherstäbchen angezündet, monotone Liedlein rezitiert. Wir alle bewegen uns nun zum Dorfkern wo bereits ein Scheiterhaufen aufgebaut wurde. Lässig setzt sich der Schamane auf ein Brett mit integriertem Holz-Xylophon, klimpert und trällert zu Ehren der Geister, dabei wirft er hin und wieder einen Blick auf das überdimensionale Lagerfeuer. Sobald er damit zufrieden ist, erteilt er seinen Volksvertretern die Absolution sich in die fauchenden Kohle werfen zu dürfen.

Die Pa Then glauben, dass das Universum vom Gott Quơ Vo und der Teufel-Göttin Me Quơ O geschaffen wurde. Ihre Kosmologie teilt das Universum in vier Teile.

  • Der Himmel; wo die Sonne, der Mond, die Sterne, die Ahnen, der Donnergott, der Blitzgott, der mighty Buddha thronen.
  • Die Erde; auf der sich Menschen, Pflanzen, Tiere, nicht in den Himmel gekommene Ahnen und verschiedene Geister tummeln.
  • Das Wasser; Zufluchtsort verschiedener Najaden, Drachen sowie Götter von Flüssen und Quellen.
  • Die Unterwelt, wo die Teufel-Göttin und ihre Dämonenbande hausen.

Der Feuertanz soll Gefahren und böse Geister mit der Kraft des Feuers abwehren, Himmel wie Erde huldigen und die Jugend ermutigen, den richtigen Pfad zu gehen – Den Pfad der Mutigen.

Showtime! Der Schamane geht steil und ruft nun nach den Göttern, die traditionell gekleideten Tänzer hocken sich zu ihm, schütteln sich im Rhythmus des Trommelwirbels in einen Trancezustand, fallen wie von Dämonen befallen zu Boden, räkeln sich ungestüm, zittern sich aufrecht und springen in die Glut. Ich bitte den Geisterbeschwörer um Erlaubnis, auch ich will meinen Mut beweisen. Zeit für die Feuertaufe.

Zur Bildgalerie des Pa Then Feuerfestivals (farbig)

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