Hải Phòng. Hafencity. Irgendwo unter den wuchtigen Holzmöbeln verstecken sich wenige Quadratzentimeter steriler Fussboden. Reliefbilder in goldig schimmernden Rahmen lenken von der maroden Wand ab. Einige Fischlein dümpeln durch das grün beleuchtete Aquarium. Der Gedanke, dass sie an angeborener Kurzsichtigkeit leiden, beruhigt. Vietnams Gasthäuser haben alle etwas gemeinsam; Sie offenbaren einen Mangel an begabten Innendekorateuren. Seit Beginn meiner Vietnamreise frage ich mich, wie man den Bau eines fünfstöckigen Betonbuckels finanzieren kann, und dann die Einrichtung den Dämonen des schlechten Geschmacks überlässt. Eine Bürde, welche meine Hausherrin mit Millionen anderen Vietnamesen teilt. Stilempfinden war noch nie ein Massensport. Der Grund wieso das Bett hier etwas weniger kostet als bei der Konkurrenz wird rasch offensichtlich. Denn die Nachbarn sind Inhaber einer Wiegestation für Lastwagen. Alle zehn Minuten verlässt ein Vieltönner die Waage und löst damit ein Erdbeben der Stärke 3.0 auf der Richterskala aus. Einverstanden, wer sparen will, bekommt als Ohrfeige das Wackelmotel. Wer den Fahrplan der Fähren missachtet, dem blüht eine Nacht im Moloch.

Weiter in Richtung Halong. Nicht hinein, das wäre Zeitverschwendung. Ich will nach Cát Bà, ein Inselchen im Golf von Tonkin. Kaum phantasiereich, denn ich bin einer von knapp sechs Millionen, die jährlich durch die Parade von Karstfelsen gondeln wollen. Die Trips werden hauptsächlich vom Festland angeboten, ein Ansporn um auf die Fähre auszuweichen und somit dem Dschungel von Fremdenführern vorzubeugen. Es gibt eine simple Antwort auf die Frage, wieso es in dieser vernetzten und transparenten Welt nach wie vor Reisebüros gibt. Sie übernehmen lästige Planungsarbeit und optimieren den Zeitaufwand um Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Zeit – ein Gut, dass dem „Reisenden“ längst verloren ging. Ich erinnere mich an die Worte eines etwas jüngeren Amerikaners, der mir im entfernten Da Nang seine Reiseplan offen legte: „Soon I’ll be flying up north to explore Ha Long Bay“. Ein lupenreiner Explorer, mit allen Wassern gewaschen. Das Flugzeug schleudert ihn innert weniger als einer Stunde von Zentralvietnam’s Musterstrand zur Unesco-Bucht im Norden, ein paar Minuten später hat er ein Ticket für die dreistündige Kreuzfahrt in der Hand und geht entdecken. Am Morgen darauf wird er weiter nach Laos fliegen. Vietnam – Check.

Flanieren durch die florierenden Hotelklötze von Cát Bà, die vor wenigen Dekaden durch Auslandsvietnamesen subventioniert wurden. Ich habe mir vorgenommen, das Biosphären-Reservat per Lupe zu beäugen und jegliche Schiffdecks zu meiden. Doch die Preisverhandlung mit dem örtlichen Kajakvermieter scheitern kläglich. Es ist ungefähr das tausendste Mal, dass wir beiden, Vietnam und ich, es nicht zum Deal schaffen. Ein tückischer Stolz steht uns im Weg, zu meinem Nachteil ist das nächste Opfer nie weit. Ich versuche mein Glück auf der anderen Inselseite. Von den 30 wohnhaften Seelen in Ben Beo freut sich einer ganz besonders auf meinen Besuch. Minh winkt bereits aus der Ferne, er beherrscht ein Wort auf Englisch. „Kajak“. Kaum ausgesprochen, schwingt sich hinten auf mein Motorrad und fuchtelt den Weg zu seiner Cousine. Hoan spricht etwas Englisch und weiss mit Leuten wie mir umzugehen. Sie offeriert mir das Sparpaket „3 Tage Kajak inklusive Unterkunft im schwimmenden Fischerdorf“ für 24 Dollar. Sie verspricht ausserdem, dass der Preis weder unnötige Führer, Schwimmwestenzwang, Lageplan, Nahrung noch Elektrizität in meinem Refugium beinhaltet. Ja noch besser, es erwarten mich keine lästige Unterschriften zur Kenntnisnahme des Haftungsausschluss im Falle des Schiffbruchs, des Ertrinkens, des Verlorengehens. Der Deal steht, ich gehe shoppen.

Nach wenigen Paddelminuten rücken bereits morsche Hütten ins Blickfeld. Um die 800 Fischer sowie Muschel- und Garnelenzüchter wuseln im Schutz dieser Bucht. Ein raues Leben ausgerichtet auf die Gezeiten. Mein Unterschlupf ist nicht einfach auszumachen, zumal ich bewusst auf das Beiboot verzichtet habe. Dafür habe ich einen Zettel mit einen Namen darauf, das soll reichen. So dachte ich zumindest.

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Unmissverständlich, dass hier nicht jeder des anderen Freund ist. Pro schwimmenden Haushalt zähle ich mindestens zwei Wachhunde. Blutrünstige Kläffer, denen beim kleinsten Blickkontakt sogleich schäumender Speichel über die Zähne rinnt. Allzeit bereit auf die Boote mutmasslicher Piraten oder vorbeischaukelnder Neugieriger zu springen. Ich bin mir nicht sicher, ob es die antrainierte Wut auf potentielle Diebe ist oder schlicht die Tatsache, dass sie ihr ganzes Hundeleben auf 15 Quadratmeter fristen müssen. Nach Stunden der Orientierungslosigkeit finde ich meinen Gastgeber. Truon passt auf die wenigen Muscheln auf, die hier feist werden sollen. Für die nächsten Tage teilen wir uns den schwimmenden Bretterverhau. 17:30 Uhr, es dämmert bereits und Truon weist mich zu meinem Gemach. Einfache Möblierung; eine Pritsche und ein Aschenbecher. Bevor sich mein Mitbewohner schlafen legt, zeigt er mir mit Stolz sein Moskitonetz und gestikuliert Mücken im Sturzflug. Dass in meiner Zelle keines installiert ist, stört ihn wenig. Wer bedenkt, dass vor einiger Zeit eine Dengue-Epidemie innerhalb der kleinen Gemeinde ausbrach, nimmt die Satire mit Unbehagen zur Kenntnis. Kaum bricht die Dunkelheit über uns herein, übernehmen die Köter und bellen sich gegenseitig nieder. Zwei Hunde je Haus, macht rund 252 jaulende Bestien. Ein Duo Ratten kann auch nicht schlafen. Es muss sich wohl herumgesprochen haben, dass jemand Vorräte angeschafft hat. Somit verbringe ich meine Nacht damit, strategisch kluge Orte auszumachen, wo kein Rattenzahn hingelangt.

Glücklicher Vormittag, Hoan’s Schwester Thuy kommt per Boot um zu kochen. Nicht für mich, chinesische Touristen werden erwartet. Gut zahlende Touristen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, selten habe ich mich so über ein Rudel Chinesen und ihre Tischsitten gefreut, denn wenn China isst, bleibt ein Drittel übrig. Gleich nach dem Hallo erkundigt sich die zierliche Vietnamesin nach meinem Zivilstand. Um weitere Annäherungsversuche zu meiden, gebe ich mich verheiratet und binde das Kajak los. Ob ich ihr noch einen Rat geben könne? Sie zeigt mir eine Kette von Nachrichten von ihrem neuen Facebook-Freund. Tscheche, kantige Gesichtszüge, Anzug. Woher sie den kenne, frage ich perplex. „Weiss nicht“, die Freundschaftsanfrage kam aus heiterem Himmel. Und nach einigen Tagen intensiver Texterei, verspricht der Charmeur (plötzlich blind vor Liebe) bereits Haus und Auto. Der Heirat stehe also nichts mehr im Weg. Auch wenn Thuy sich durchaus ein Leben als Gattin eines tschechischen Geschäftsmanns in Jungbunzlau vorstellen kann, beginnt sie zu zweifeln. Sie wolle ihn zuerst hier in Vietnam treffen, reine Sicherheitsvorkehrung meint sie. Ich nicke zustimmend, als leichten Seitenhieb verweise ich auf gescheiterte Liebschaften mit ausländischen Geldherren, aber auch auf die Tricks der Schlepper, die so manch ein vietnamesisches Landmädchen mit Wohlstand und Möglichkeiten bezirzen. Thuy ist ehrlich, sie will einfach nur weg. Sie ist kaum die einzige.

Ich lege ab und paddle los, verbringe Stunden des Staunens. Hin und wieder kreuzt ein anderer Kapitän meinen Weg und lächelt mitfühlend.

Zur Bildgalerie von Cát Bà und der Halong Bucht

 

 

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