Schrankenlose Euphorie nach wenigen Minuten im Chaos von Hanoi. Hier werde ich mich temporär einnisten, gleich nach einer ausgedehnten Visite des Hochlands.

„Made in Vietnam“ versprechen die Schriftreklamen omnipräsenter Ausrüster und Kleiderläden. „Made in Vietnam“ ist höchstens der scheinheilige Shopbesitzer – Die Replika kullern lastwagenweise hinein vom grossen Bruder China, bestätigt mein Freund Truong kurz später beim Eierkaffee. Seine Familie klärt Patente ab für Unternehmen aus dem Westen und zerrt Copyright-Missachter vor Gericht. Vietnam teilt wenige Gesetze mit der restlichen Welt, geistiges Eigentum basiert jedoch auf der gleichen Rechtslage. Truongs Firma hat alle Hände voll zu tun. Jährlich werden im Land über 10’000 Markenrechtsverletzungen registriert, davon aber nur knapp 14 Prozent geahndet. Dubiose Logos, die stark an Starbucks erinnern hängen aus,  Microsofts Betriebssystem Windows wird in 90 Prozent aller Fälle raubkopiert, Tripadvisor-Kommentare werden eingekauft, Marken-Alkohol verursacht übelstes Kopfweh, ganze Produktlandschaften werden nachgeahmt, ja selbst die offiziellen Anti-Fälschungs-Kleber auf Gütern werden gefälscht. Ich gehe nochmals meine Packliste durch.

  • Gefälschtes Motorrad (Honda Win) – check
  • Gefälschte Patagonia Hose – check
  • Gefälschte Ray Ban Sonnenbrille – check
  • Gefälschter Jack Wolfkskin Sweater – check
  • Gefälschtes Exped Zelt – check
  • Gefälschter Northface Rucksack – check

Virtuelles Logbuch – Erdzeit 2016 – Koordinaten 21° 2 N, 105° 51 O Hanoi, Vietnam – Captain Claudio S. – Auftrag für die nächsten Wochen: Kulturelle Affären, Erforschung der Umgebung und Kontaktaufnahme.

Tempomat auf gute Laune, Kickstart, Musik an.

2’000 Bergkilometer durch Vietnams multikulturellen Flickenteppich stehen bevor. Mein erstes Ziel ist die Provinz Son La, acht Fahrstunden nordwestlich von Hanoi. Grösstenteils Territorium der ethnischen Tày. Ich bin schlecht informiert über hiesige Bräuche, es fällt jedoch rasch auf, dass die Dutt-Einheitsfrisur eine typische Sitte ist. Derzeit läuft eine Präventions-Kampagne der AIP (Asia Injury Prevention Foundation) mit finanzieller Unterstützung diverser NGOs und der Weltbank. Offensichtliches Ziel ist die Senkung der horrenden Unfalltotenrate von Motorradfahrern. So zieren Plakate mit lebenslustigen Helmträgern so manchen Strassenrand. Dass Helme im Fall der Fälle über weitere Lebensjahre entscheiden, leuchtet auch den modebewussten Tày-Ladies ein.

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Rustikales Landleben. Hier darf man als Knirps noch nackt durch die Gegend rennen und perplex Fremden auf Motorrädern nachstarren. In mitten der Teeplantagen von Moc Chao finde ich ein hartes Bett. Nebenan liegt ein in Stücke gehackter Hund aus. Geschlachteten Hühnern, Ziegen oder Schweinen entweicht ein sentimentaler, etwas tölpelhafter Todesblick. Nicht so bei Hunden, deren letzter Gesichtszug bestialisches offenbart: „Keiner bewegt sich und niemandem passiert was!“ Die Fratze rührt jedoch daher, dass Hunde entweder lebendig gekocht oder in einem Sack totgeknüppelt werden. Auf dem Schleichweg ins Jenseits jagt eine gute Portion Adrenalin durch den Körper, das verleiht dem Hundefleisch einen optimalen Geschmack. Der Henker gestikuliert vorfreudig „Welches Stück darfs sein“? Heuchlerisch deute ich auf den Kopf, bin jedoch nicht sicher ob dieser nur den Tisch dekoriert oder tatsächlich in den Topf soll. Weiter zum nächstbesten Schuppen mit roten Plastikhockern, ich gehe wie üblich die Küche und zeige auf Dinge, die ich reuelos schlemmen kann. Reis und Tofu. Der Zeitpunkt meine Inbox zu überprüfen, ist perfekt gewählt – die News des Tages kommen aus Bangkok. Mein Aussteiger-Freund Teddy benennt eine Pizza nach mir. Es muss ja nicht gleich ein neu entdeckter Planet, eine lebensrettende Medizin oder eine Paradiesinsel sein. Die Tatsache, dass Bangkok ab sofort die Pizza Claudio bestellt, ist für mich eine der höchsten Weihen.

Tags darauf düse ich weiter und weide mich. Weide mich am Pinsel der Natur, an den verschwenderischen Lachern mehrerer Generationen. Je abgelegener die Dörfer, desto intensiver die Freude über den vorbeirollenden Besuch. Ich habe im Vorhinein ein paar Spielregeln für den Trip aufgestellt, mir geschworen Städte zu meiden (das ist kaum schwierig, denn eine Stadt kündigt sich nur alle vier bis fünf Fahrstunden an). Ausserdem werde ich, sobald sich auf der Nebenstrasse eine andere Nebenstrasse mit mehr Abenteuerpotential anbietet, diesen Weg einschlagen. Bei der nächsten Gabelung wartet bereits eine wunderbare Gelegenheit. Knapp vier Stunden später baue ich während der Dämmerung mein Zelt auf, der nächste Unterschlupf liegt in nicht absehbarer Entfernung. Unter mir das weite Tal, über mir die grosszügig funkelnde Milchstrasse – Endlich wieder draussen. Um Mitternacht sehe ich plötzlich Stimmen aufblitzen, einige Taschenlampen rufen – Äh umgekehrt, schlaftrunken schlendere ich zu meinem Motorrad, dass gerade von drei alkoholblöden Ganoven gestohlen wird. Mit einem Ästchen haben sie den Anlasser in die Startposition gefummelt. Eigentlich wäre nur noch ein Kickstart notwendig gewesen um davonzubrausen und mich einem ungewissen Schicksal zu überlassen. Wäre, hätte ich nicht vergessen die Batterie in Hanoi zu wechseln. Mangels Feingefühl wurde so lange gekickt bis die Tretkurbel abbrach. Ich will nicht böse sein, ein unbemanntes Motorrad auf einer verlassenen Bergstrasse, wer will da nicht zugreifen?! Wir vereinbaren, dass meine Maschine am selben Ort stehen bleibt. Mit dumpfem Gemurr trotte ich in mein Zelt zurück.

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Morgentau perlt durch das Innenleben meines gefälschten Markenzelts. Es ist wie den Wecker auf Schlummermodus zu stellen – eine Frage der Zeit bis der nächste Tropfen droht und den Halbschlaf unterbricht. Eine gute halbe Stunde nötige ich den Elektrostarter um wieder rollen zu dürfen. Via Mechaniker im Kriechtempo hinauf zum 1’000 Meter höher gelegenen Sìn Hồ. Eine Kuppe lädt zum spähen auf die pompöse Hügellandschaft und auf eine Urgrossmutter der Hmong Ethnie, die gerade in farbige Tracht gehüllt aus dem Unterholz kriecht. Auf dem Buckel einen Bruchteil des benötigten Forsts um den drohenden Winter zu überleben. „Sìn Hồ – Eine Prinzessin, die in den Bergen schläft“, titelt eine Reiseagentur auf ihrer Website. Es erstaunt mich immer wieder, wie aus „nichts“ eine Urlaubsdestination gezaubert wird. Viel tragischer ist aber die Tatsache, dass Bergvölker mit ihrem rauen Leben den Tourismusabteilungen dieser Welt als Werbeikonen dienen. Dabei will der Durchschnittsbetrachter lediglich knipsen – jedoch allzu selten wissen, was für reiche Traditionen, Motive, Ängste, Träume die Hmong, Tày, Dao und andere Minderheiten haben. Schlampig wird inspiziert, was fremd ist. Wie Zebroide, Waldgiraffen oder rote Pandas bei einem Zoobesuch. in Sin Ho eingetrudelt, werde von einem Rudel Kleinkinder begrüsst: „Hello. How are you? What is your name? What is your Facebook?“ … aber vor allem: „What the Fuck?!“ Man sollte den Idioten, die Vietnams Nachwuchs solchen Jargon beibringen, kräftig eine vors Maul hauen. Es ist tragisch genug, dass der Schulkorps es nicht fertig bringt, die Sprachwissenschaft nach gut sechs Dekaden kontinuierlichen Scheiterns dem derzeitigen Niveau anzupassen. Ich hatte letzten Monat einen Tag mit dem kleinen Bruder von meinem Freund Nhat verbracht und mit ihm Englisch gepaukt. Dabei die Schulbücher des Achtjährigen inspiziert; Eine Odyssee aus komplizierten Sätzen zu unsinnigen Themen. Die Idee ist, ganze Sätze auswendig zu lernen ohne dabei den Inhalt, die einzelnen Worte oder gar die Satzbildung zu verstehen. Aussprache oder gar ein Dialog – Fehlanzeige. So kommt es, dass der Grossteil der Bevölkerung in Steinzeit-Englisch kommuniziert oder es einfach sein lässt.

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Würde ich einige Bergflanken später links abbiegen, ich käme nach Sa Pa. Das Hochland wurde unlängst von Vietnams Regierung zum ethnischen Hotspot inmitten üppiger Reisterrassen erkoren. Im Stundentakt werden busweise Touristen und Backpacker in behaglicher Infrastruktur abgeladen, für einen Quickie mit Nordvietnam und einer Prise ethnischer Vielfalt. Ich fahre rechts. Obwohl meine Reiseplanung vor allem durch Spontanität beeinflusst ist, wusste ich bereits vor einem halben Jahr, dass ich anfangs Oktober genau hier stehen will – Auf einem Hügel in Mù Cang Chải wenige Tage vor der Reisernte. Ich säume für mehrere Tage die majestätischen Reisterassen und mustere die ockergelbe Agrarkunst aus allen Perspektiven – Hätte ich doch eine Staffelei und Ölfarben mitgebracht. Während meinen Exkursionen plagt mich andauernd die selbe Frage. Wie sieht der Selbstversorger sein Werk? Der Reisbauer, welcher hier seine Nahrung pflanzt. Hat er nur den Hauch einer Ahnung von der pittoresken Schönheit seines Schaffens, von den perfekten Linien, die sich an die Hügel schmiegen? Ich verbringe eine Weile im Dorfkern um mittels Google Übersetzer mehr über die hiesige Sichtweise zu erfahren. Das geht am besten dort, wo Reiswein in Strömen fliesst um den zwölfstündigen Arbeitstag auszuklingen zu lassen. Die Interviews harzen, einige starren Fragezeichen in die Luft, andere jedoch nicken befremdend. Nach gut zehn Probanden und ebenso vielen Gläsern Reiswein gebe ich auf – Die Ästhetik eines Reisfelds verdingt sich lediglich als Sinnestherapie für Stadtmüde und Ortsfremde, nicht aber der Wahrnehmung seiner Künstler.

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Zur Bildgalerie von Van Chan

Die nächste Gabelung taucht auf. Ich bin mir sicher, es ist die ultimative Abkürzung. Ein Duo Zeitloser lümmelt neben dem verrosteten Wegweiser. Ich frage zur Sicherheit nach: „Lào Cai?“ Keiner weiss es. Nein halt, beide wissen es. Einer nickt, der andere schüttelt vehement den Kopf. Nach wenigen Kilometern ist den Strassenbauern der Asphalt ausgegangen, ich wetze über zusammengetrümmerte Steine. „Cool, Rock and Roll!“ eine gute Stunde später schwindet jegliche Zuversicht. Dieses mal schüttelt der Aufseher eines Staudamms den Kopf. Ich Tor, reise ich doch bereits zwei Jahre kreuz und quer durch Asien und habe immer noch nicht gelernt mich mindestens dreifach abzusichern. Der Arthrose näher als je zuvor komme ich wieder an den beiden Lungerern vorbei, die mir nonchalant nachschauen, als wollten sie sagen „Muss wohl wieder dieser Wichtigtuer von Staudamm-Inspektor sein.“ Etwas verspätet erreiche ich Muong Khuong, gleich neben dem Grenzübergang zu China. Einige Laster schnaufen an mir vorbei, bestimmt mit der neuen Northfake-Lieferung. Schulkinder sprudeln aus den Bildungsstätten, jeder mit einem roten Shirt, der gelbe Stern auf Brusthöhe. Vietnam züchtet grossflächig kleine und grosse Patrioten. In den meisten Ländern werden lediglich zum Nationalfeiertag euphorisch die Fahnen geschwungen, in Vietnam sind sie festinstalliert. Böse Zungen klagten mir gegenüber einst, die Polizei schaue hin und wieder vorbei um den Flaggenaushang zu überprüfen. Ausserdem ist die Propaganda allgegenwärtig, Plakate mit illustrierten Bauern, Soldaten, Ethnischen Minderheiten – alle in Aufbruchstimmung, der Wohlstand ist in Sichtweite. Im Hintergrund der Illustrationen weht ein Banner mit Sichel und Hammer (die Werkzeuge der Bauern und Mechaniker) – das Triebwerk einer kommunistischen Nation.

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Es gibt Orte, die spürt man nicht, Orte bei denen die Anfahrt sinnlicher ist als der Aufenthalt. Muong Khuong ist einer davon. Im Leergang rolle ich zurück ins Tal um den Kaffeemann wiederzutreffen, der mir vor wenigen Stunden neben bestem Kaffee auch ein veritables Lächeln servierte. Eine phänomenale Entscheidung, denn gleich nach dem Blickkontakt werde ich in das freistehende Zimmer der Mutter der Freundin seines Bruders gewiesen, dann von der Sippe zum Essen eingeladen. Mit Händen und Füssen verständigen wir uns prächtig. Ich bekomme ein Schälchen mit der hiesigen Spezialität; Entenblut-Gelatine und gehackter Entenhals. Zum Glück wurde mir zuvor reichlich Reiswein eingeflösst. Jetzt ist Opa dran, er will mir demonstrieren wie toll er rauchen kann. Das geht so, er inhaliert zehn Sekunden lang von der điếu cày (Bambuspfeife), ohne dabei ein Rauchpartikel zu verpassen. Der Clou? Er atmet nicht aus. Der Rauch verschwindet komplett in seinem 72-jährigen Körper. Ergo umgekehrter Darwinismus – wer stirbt zuerst?! Der asiatische Bauerntabak Thuoc Lao enthält bis zu neun mal mehr Nikotin und schädliche Stoffe als gewöhnlicher Tabak. Während Grossväterchen einige Lebenstage opfert um mir zu imponieren, ernte ich schallende Beipflichtung für den gemimten Totenkopf mit verdrehten Augen.

Bac Ha, unweit östlich. Eine Nudelsuppenbesitzerin hilft ihrem Nachwuchs gerade dabei den Gehweg zu düngen, mit der freien Hand winkt sie nach potentiellen Kunden. Winkt nach mir, der gerade umringt von irrenden Zicklein und einem Pferdewagen mögliche Unterkünfte ausmacht. Ich finde eine Gastfamilie mit kleinem Restaurant ausserhalb vom Dorfkern. Perfektes Timing, denn ein gutes Dutzend Lehrer und Lehrerinnen feiert heute den Abschied einer Berufskollegin. Es dauert keine Minute und ich stecke inmitten von Kinh, Tay, Thai, Dzao, Nung und Hmong, von Saufgelage und Essensbergen. „Một, Hai, Ba, Zôôôôôôô “ („1,2,3, cheeeers“) – Kontinuierlich werde ich zum persönlichen Ritual aufgefordert, dabei hütet eine strenge Abfolge von Regeln die Tradition: Trinkpartner auswählen, Gesundheit predigen, auf einen Schluck austrinken, der linke Arm führt die rechte Hand zum Gegenüber, kräftig schütteln und Dank aussprechen, Glas wieder auffüllen und bis zur nächsten Herausforderung ausharren.

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Wie es weitergehen wird, war mir bereits im vorhinein klar. Ich werde auf dem Rücksitz eines Mopeds deponiert und ins nächstbeste Karaoke-Etablissement abgeschleppt. VIP Room Nummer 5 wird aufgeschlossen, quasi ein kleiner Disco-Bunker – Niemand kommt mehr rein, niemand darf mehr raus. Die Innendeko ist simpel; gestapelte Bierkästen, ein 150 Zoll Bildschirm sowie dreifache Schalldämmung an Decke und Wänden. Die ist nötig, denn nach einigen Gesangslektionen und Bierrunden singe ich bestens gelaunt Liebesschnulzen im Duett (auf vietnamesisch), gefolgt von einem Freestyle-Rap über die Schönheit Vietnams.

Bac Ha schlummert. Ausser sonntags, dann mutiert die Kleinstadt zum treibigen Markt. Ein Grüpplein ambulanter Friseuren verzierte den Gehweg unlängst mit Haarbüscheln geschorener Kinder. Kunterbunte Flower Hmong verkaufen ein Kaleidoskop aus Stoffen, Früchten, toten und lebendigen Tieren. Alternative Schmerztherapisten haben sackweise komische Pilze, suspekte Wurzeln und getrocknete Heilkräuter angeschleppt. Gute und strenge Geruchsfetzen wechseln sich ab. Ich liebe Märkte, das Essen der Strasse, die Nahrungsaufnahme „on demand“. Während ich durch die vielseitige Palette schreite, denke ich an die westlichen Einkaufsgewohnheiten, den Consumerism, den Gang durch einen verkaufspsychologisch optimal gestalteten Supermarkt. Man fühlt sich schuldig etwas nicht zu kaufen. Man fühlt sich schuldig wenn man etwas kauft und nicht isst, Man fühlt sich schuldig wenn man es im Kühlschrank sieht, man fühlt sich schuldig wenn man es wegwirft. Ach sind wir smart, klicken den Warenkorb bereits virtuell zusammen. Keine lästigen Live-Märkte mehr, keine Treffpunkte, keine direkte Kommunikation, keine menschliche Interaktion – Lediglich in den Account einloggen, anonym klicken. Dabei verleiht das Portraitfoto einer lächelnden Kundenserviceangestellten einen Hauch Persönlichkeit. Die Wahrheit ist hart, denn die lächelnde Kundenserviceangestellte schuftet im outgesourcten Callcenter in Oerlikon (oder in Polen), im achten Stock eines lieblosen Gebäudes, in einer mit Wänden abgetrennten Kabine – ein Schaltraum der Lebensfreude.

Eine listig grinsende Greisin zeigt auf den Hocker vor ihrer Garküche. Ich setze mich neben Xu. Die süsse Flower Hmong reisst mich aus meiner Tagträumerei, auf Englisch warnt sie mich vor dem scharfbitteren Beigeschmack des Korianders. Tracht und Bildung gehen zu selten einher im Norden Vietnams, umso neugieriger stürze ich mit Fragen auf sie. Früher hat Xu in der hochgepriesenen Sa Pa gearbeitet und versucht den Touristenhorden die Kultur ihres Volkes näherzubringen. Ein dünnes Eis. Denn diese Tage jagen Hmong-Kinder auf Befehl ihrer Eltern Touristengeld anstatt die Schulbank zu drücken. Kaum ein Homestay wird von der heimischen Bevölkerung betrieben, sondern wurde während den Boom-Jahren von investierfreudigen Städtern aufgebaut. Niemand wisse genau, wo die Eintrittsgebühren für die Dörfer hingehen. Wer jedoch von der Seilbahn profitieren wird, die in naher Zukunft alle Wandermuffel direkt von Sa Pa auf die Spitze des Fansipan katapultiert (notabene der höchste Berg Südostasiens), sei dafür ziehmlich klar.

Ich spreche Xu auf die schleppende Entwicklung an, bevorzugen Bergvölker per se ein einfaches Leben, oder liebäugeln sie mit dem Fortschritt? Falls ja zum Fortschritt, mit welchen Kompromissen? Der Sachverhalt sei klar, die Regierung unterstützt lediglich mit einem Minimum an Bildung, dafür bis in den hintersten Bergzipfel. Das Zukunftsziel von Hanoi sei die Urbanisierung der Ethnien und eine Kooperation mittels Abhängigkeiten. So bleiben sie vorzugsweise Selbstversorger und wuseln bis zum Scheintod anstatt „entwickelt zu werden“. Niemand will sich auf unlautere Versprechen einlassen, keine Verpflichtungen eingehen. Xu resigniert: „Weisst du, die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass wir am besten überleben wenn wir uns selber vertrauen“.

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Via Quang Ba nach Dong Van. Knapp zwölf Stunden brauche ich für die 340 Kilometer. Selten habe ich so viel nachgedacht, war mir meines Daseins, meines Lebens so intensiv bewusst wie während der Zeit im Sattel. Das Dirigieren eines Motorrads durch einsame Bergpässe feuert Gedanken an, es belebt. Scheinbar muss mein Körper in Bewegung sein, wenn es mein Geist ein soll. Ich habe wenig Gutes gehört über Dong Van, und genau so wenig Schlechtes. Wie wunderschön vielversprechend! Dong Van ist sowohl dem Zeitgeist als auch dem Massentourismus grösstenteils entgangen, die Strecke ist zu unbequem um den Bulk an Kurzaufenthaltern für eine Schnellbleiche hochzukarren. Vor einer 200 jährigen Holzhütte der Tày Ethnie sitzt der rebellisch anmutende Mat Hâu auf einem russischen Motorrad, weht das lange Haar zur Seite und ruft mir zu: „Need a room, sir?“ Wie könnte ich das Angebot ausschlagen. Ich buche eine Woche. Mat Hâu und ich sind im selben Alter, nicht ganz, denn Vietnamesen werten auch die Fötus-Monate, so bin ich technisch gesehen circa ein Jahr älter. „Ob wir im Westen länger als neun Monate im Mutterleib verbringen, wir seien ja bedeutend grösser als die Asiaten“, fragt Mat Hâu versonnen. Ich staune, was für kreative Ideen dem Unwissen zu Grunde liegen. Auch Mat Hâu ist Single, ich deute an, dass wir zusammen den Love Market im naheliegenden Khau Vai besuchen sollten. Nun fliegt mein Unwissen auf. Märkte, so ist mir bewusst, sind seit eh und je die Partnerbörsen der Bergvölker – Girls takeln sich auf und nehmen tagelange Märsche auf sich um die Männerwelt auszukundschaften. Die Mehrheit der Komunen ist schlicht zu klein um innerhalb fündig zu werden. In Khau Vai läuft es hingegen etwas anders. Der einmal jährlich stattfindende Event richtet sich an die einzig wahre Liebe. Die Vergangene, die Verpasste, die Sündige. Mann wie Frau pilgert nach Khau Vai um die wahre Liebe wiederzusehen, für einen Schwatz mit der Person, die einem aus Traditionsgründen untersagt wurde.

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Für Dokumentation auf Bild klicken

Mat Hâu’s Kumpel Dung schaut zum Tee vorbei. Ob ich heute was vorhabe? Fünf Minuten später sitze ich bereits auf dem Motorrad und folge ihm zusammen mit einer handvoll anderer Nomaden aus Italien, Malaysia, Tschechien, Südkorea, Frankreich sowie Vietnam. Nicht weniger als 259 Jahren steht das Elternhaus von Dung bereits in Ma Le – wenn das verwitterte Holz nur Emotionen zeigen könnte. Würde es weinen, oder wäre es eingebildet? Dungs Motivation uns hierher einzuladen ist nicht ganz durchschaubar, vor allem da kein monetärer Hintergrund erkennbar ist. So kauern wir zusammen mit dem Dorfchef und einer Bande ethnischer Tày auf dem Wohnzimmerboden, werden gefüttert und mit 4-jährigem Reiswein abgefüllt, dann zum Fischen abkommandiert. Die Stimmung ist grandios, ich schreibe es der spontanen Attitüde der internationalen Clique zu, sich genau auf dieses Nest einzulassen, in einen unspektakulären Ort ausserhalb von ausserhalb. Niemand weiss davon, niemanden kümmert’s. Ausser uns, hier und jetzt. Ich verkrieche mich in den Keller, geselle mich zu den zwei uralten Tày-Ladies, die sich für uns alle in der Küche ausgetobt haben, bringe guten Tabak für ihre Bambuspfeife. Einfach nur sitzen und die fremde Gesellschaft geniessen. Und den Tatsachen mit Realismus begegnen; ihr Tag wird morgen identisch aussehen. Meiner nicht. Dennoch frage mich, wer insgeheim wen mehr für des anderen Lebensstils bewundert. Ich sie, oder sie mich? Denn immerhin motiviert mich etwas hierher zu kommen um kurzfristig Teil ihres Lebens zu sein.

Frühmorgens fahre ich zurück nach Dong Van, denn heute findet die ethnische Bad Taste Party statt. Oscar Wilde bemerkte einst klug; „Die Mode ist so hässlich, dass man sie alle sechs Monate ändern muss“. Ich pflichte zu gerne bei, verpasse dabei bewusst jeglichen Trend, bin weder hip noch out. Gar schlimmer, ich trage seit bald drei Jahren die gleichen Shorts, wechsle meine T-Shirts nur im äussersten Notfall, repariere meine Schuhe bis selbst der vifste Schuster abwinkt. Was mir modisch wirklich imponiert sind die jahrhunderte alten Trachten der Minderheiten. So dachte ich bisher, bis ich die White Hmong das Feld betreten sehe. während die Black Hmong und die Flower Hmong ein Flair für Farbkombinationen haben, gehen ihre Kollegen einen absurden Weg. Sie mixen goldene Pailletten-Oberteile mit grünen Bleistiftröcken, kombinieren knallige Töne mit pastellfarbigen Rüschen und mumifizieren das Haupt mit einem bunten Wollschal. Wieso? Ganz einfach, um dem anderen Geschlecht zu imponieren.

Als Abschiedsgeschenk lädt mich Mat Hâu zu seiner Familie ein. Heute sei ein wichtiger Tag, der frisch geerntete Reis wird aufgekocht. Dabei huldigen wir der Familie Vuong, den ehemaligen Königen der Hmong Ethnie in Dong Van. Jedes Reiskorn, eine Geschmacksexplosion! Ich kaue nachdenklich, denn heute Morgen las ich von einer Mexikanerin, die ganz spontan entschloss, die dickste Frau der Welt zu werden. Seither füttert sie ihr Freund via Trichter. Gewisse Dinge werde ich nie verstehen. Ich drücke meinem neuen Freund und nehme Kurs auf Bau Lac.

Zur Bildgalerie von Dong Van und Lung Cu Market

Zum preisgekrönten Film „The Story of Pao“

Kurz vor Bau Lac gibt es eine Nebenstrasse. Die Spielregeln besagen abbiegen. Ich will ehrlich sein, diese Nebenstrasse nehme ich geplant. Okay, dass Reiseschriftsteller Neuland entdecken, vom Deck eines morschen Frachters zum nächsten springen, mittels Machete eine Piste durch den Dschungel schlagen, diese irre Zeit ist passé. Was gibt es noch zu berichten über eine Welt, in der es praktisch keine Geheimnisse mehr gibt? Bleibt die Faszination Fremdes zu erleben, Teil davon zu sein. Meine Passion führt mich in das Gebiet der Lu Lu. Genauer, der Schwarzen Lu Lu. Eine Randgruppe der Randgruppe. Ich wurde vorgängig informiert, dass ich hier etwas Rares vorfinden werde – Den Kult schwarzgefärbter Zähne. Die Region ist berüchtigt als eine der bitterärmsten von ganz Vietnam, um nicht mit leeren Händen aufzukreuzen, decke ich mich vorgängig ein mit Schreibutensilien, Tabak, Nudeln und Shampoo. Einige Kilometer später tummeln sich bereits nostalgische Pfahlbauten. Ich bin auf Handel eingestimmt, Dokumentation gegen Mitbringsel. Wissbegierde gegen Zugänglichkeit. Jeder soll irgendwie überleben.

Mit der Idee die Welt mit abstrusen Bräuchen fremder Kulturen zu begeistern, stehe ich nun etwas verloren im Dorfzentrum. Ein Mann Marke untrennbare Neugier in einer von der Moderne abgeschotteten Kommune. Ich platze in einen Kindergarten voller ethnischer Knirpse, schüttle dutzende kleine Finger und lade Material ab. Die Lehrerin strahlt über beide Ohren. Wieder draussen, ruft mich Ninh zu sich, lässt mich sein Stelzenhaus mustern und seinen selbstgebrauten Kornwein degustieren. Seine Frau begrüsst mich mit einem herzlich schwarzen Lächeln. Der Hunger, Gesehenes festzuhalten martert. Ich verklemme und kaue mit der Hauschefin Betelblätter, Kleister und Baumrinde, spucke orange und hoffe schwarze Zähne gibt es erst nach einigen Jahrzehnten. Ninh (So interpretiere ich seinen Namen, denn er kann weder lesen noch schreiben) offeriert mir einen Schlafplatz. Moralisch gebeutelt winke ich ab und flüchte zurück nach Bau Lac. So viel Gastfreundschaft ist unerträglich. Ein Junge begleitet mich zu meinem Motorrad, das einzige englische Wort, dass er kennt ist „Money“. Auf halbem Weg ins Tal stoppe ich das Motorrad, schnappe Luft und schaue ins Leere. Wieso zum Teufel stelle ich die Fotografie über die Erlebnisse? Was war ursprünglich die Motivation meiner Langzeitreise? Und wieso spucke ich immer noch orange?

Ich kehre um, reiche Ninh ungefragt 500’000 Dong (rund 25 Dollar, die bisher teuerste Übernachtung in drei Monaten Vietnam) und bitte ihn dafür das Dorf zu einem Festmahl einzuladen. „For Na Van!“ Er willigt ein. Kinder begleiten mich zum Motorrad um meine Siebensachen zu holen und repetieren dabei: „for Na Van, for Na Van…“. Ich setze mich wieder an den Tisch für einen weiteren Kornwein, der Neunjährige „Money-Junge“ zündet sich eine Zigarette an. Dann noch eine. Nach und nach kommt das Dorf zu Ninh’s Haus, ein lustiger Abend bahnt sich an. Knapp zwei Stunden später haben sich bereits 20 Leute auf dem Boden versammelt. Die Lu Lu Frauen kauen munter auf ihrem Betel-Mix, Männer inhalieren von der Tabakpfeife. Währenddessen beübe ich die Kinder mit Schere, Stein, Papier. Für die Herren zeichne ich einige Schweizer Kulturgüter, unter anderem einen Alphornbläser. Die Menge feuert Lachsalven ab „Schaut, die Schweizer sind so krass, die ziehen sich den Tabak mittels zehn Meter Pfeife rein“. Nach dem Essen spiele und singe ich einige Lieblingssongs. Die Ladies werden euphorisch und trällern Lu Lu-Folklore. Nach unzähligen Kornwein taut auch Ninh auf, holt seinen traditionellen Dress und führt unter rund 10 vorfreudig blitzenden Augenpaaren den Lu Lu Volkstanz auf. Danach wieder Trinkrituale, Zähne färben. Schere, Stein, Papier hat mittlerweile das letzte Kindsgemüt begeistert. Ich beobachte die Situation mit Begeisterung, das Fegefeuer der Schuldgefühle habe ich längst ertränkt. Plötzlich schwingt sich Ninh aus der Lotus Position und räumt den Altar. Wickelt sich ein Bandana um den Kopf und enthüllt mit akribischer Sorgfalt einen altes Schwert. Das Gelächter wird abrupt in Watte gepackt, alles ist ruhig. Vier Räucherstäbchen werden angefeuert, vier Glas Kornwein auf dem Opfertisch gedeckt. Es folgt ein mystisches Gebet, dann rammt Ninh mit Wucht das Schwert in den Holzaltar, rechnet ab mit den bösen Geistern in diesem Raum und verneigt sich. Auf das uns vier Betrunkenen weder Krankheiten noch Bauchkrämpfe blühen. Für den Rest der Nacht fackelt ein Kerzlein über dem Altar, der Hausgeist soll wach bleiben, mich beschützen vor dem Bösen.

How is it possible to feel nostalgia for a world I never knew? Ernesto Guevara – alias „Che“

Weiter nach Ban Gioc im äussersten Zipfel der Provinz Cao Bằng. Seit China und Vietnam den Grenzkonflikt 1979 ad acta gelegt haben, wandert die Grenze auf wundersame Weise jedes Jahr rund fünf Meter südlich. Den Bergvölkern ist die Grenze grundsätzlich egal, sie haben keinen Pass und bewegen sich rechtsfrei zwischen China und Vietnam. Eine Geschichtslehrerin in Hué klärte mich einst darüber auf, dass die Strassen im Norden nicht gebaut wurden um den Minderheiten eine komfortable Reisemöglichkeit zu bieten, sondern um die Grenze zum Nachbarland zu beschützen. Ein gutes Beispiel für den leisen Klinsch mit den Nachbarn ist der Ban Gioc Wasserfall, denn er gehörte früher ganzheitlich Vietnam. Diese Tage hat China das Anrecht auf die Hälfte des Wasserfalls. Würde ich also bis zur Mitte schwimmen, ich wäre in der Provinz Guangxi. Es ist einfach erkennbar wer wem zehn Entwicklungsjahre voraus ist. Alle drei Minuten legt ein motorisiertes Floss von Chinas Seite ab, um die mit Schwimmwesten eingehüllten Fotohascher möglichst nahe an die Action zu befördern. Gleichzeitig schlendern hier einige Vietnamesen entlang dem Ufer, rollen die Picknickdecke aus oder gehen angeln. Auf Chinas Seite wimmelt es von Busparkplätzen, Hotelkomplexen und Ferienwohnungen mit Blick auf die Fälle. Seit meinem zweiten Besuch bei den vietnamesichen Nachbarn letztes Jahr habe ich gehörigen Respekt vor Team China. Denn sie kommen in Horden, haben keine Zeit und wollen sich kaum irgendetwas körperlich verdienen. So muss zwingend Infrastruktur in die Natur hineingebaut werden.

Hoch oben erspähe ich ein buddhistisches Kloster. Etwas Nächstenliebe meditieren kommt jetzt genau richtig. Jing, ein angehender Mönch empfängt mich mit Sanftmut und weist mir den Weg zu einem Aussichtspunkt. Ich zeige nach China und mime Schlitzaugen. Jing schmunzelt argwöhnisch. Ausser mir schert sich niemand um diesen Ort des Seelenheils. Fünf Stunden umgibt mich ausser das Geplätscher des Wasserfalls eine behagliche Stille. Bevor ich aufbrechen darf, schreibt mir Jing eine wohltuende Phrase in mein Notizbuch (aus dem Vietnamesischen übersetzt):

Be joyful on seeing other’s success or other’s good deeds – As if they were ours

Er schaut mich an und ich wusste genau was er meinte. Und er wusste genau dass ich wusste was er meinte.

Zur Bildgalerie der Cao Bằng Provinz

Bac Son versteckt sich zwischen Ban Gioc und Hanoi und bietet sich daher als letzter Ankerpunkt auf meiner Nordenroute an. Bac Son hat noch nicht geerntet und überrascht mich mit einem goldgelben Meer aus Reisfeldern, während sich prächtige Farmhäuser an die Karsthügel reihen. Wie so oft sind die unbeworbenen Orte, die lukrativen Orte. Nach der Naturschau schlendere durch den kleinen Markt um einige Happen zu sammeln, komme jedoch nur langsam voran, da mir jeder etwas aus dem Sortiment direkt in den Mund drücken will. Ich werde in einen kleinen Schuppen geschickt, zum Armdrücken gegen die Metzger von Bac Son. Ein Kanister Reiswein wird angeschleppt. Ich beschliesse meiner Leber zu liebe, das muss aufhören. „Một, Hai, Ba, Zôôôôôô!“

Zur Bildgalerie von Bac Son

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