Cat Lai Port, Ho Chi Minh, Vietnam. Der Blick huscht hinüber zu den monströsen Frachtern, zu den Laufkatzen, die mit robotischer Genauigkeit ISO-Container zwischen Kai und Schiff umschlagen. Damit der vietnamesischen Effizienz Gerechtigkeit widerfährt wurden wir Roller- oder Motorradbesitzer von der Fähren-Crew fein säuberlich auf dem Deck zusammengepfercht. Innerhalb des Kokons aus Fortbewegungsmitteln gehe ich nochmals die Route durch: An der Küste entlang nach Mũi Né, hinauf nach Đà Lạt, irgendwie wieder runter, weiter nach Hội An, Đà Nẵng und Huế. Knapp 1’000 Kilometer Bitumen und Gesteinskörnungen, Küstenetappen, Hügellandschaften. Ein Warengeschäft für Sehnsüchte verschiedenster Art. Nostalgie, Fremdweh und konstante Entscheidungsfreiheit; bleiben oder weiterfahren. Dazu gesellt sich das Gefühl universeller Verbundenheit mit fremden Gefährten, welche selbige Strasse teilen, auch irgendwohin wollen. Die Motoren starten simultan, es geht los.

Musik?

Ein Road-Trip offenbart rasch die erfolgreichen Business-Modelle, an denen sich das Gros der über 90 Millionen vietnamesischen Eiferer orientiert. Agrarwirtschaft und Kaffeeanbau gehören zweifelsfrei zu den Wirtschaftsturbinen des Landes. Als zweitgrösster Kaffeeproduzent weltweit hat Vietnam seinen Mitstreitern jedoch etwas voraus – die Kaffeekultur an sich. Von den jählich 1,2 Millionen produzierten Tonnen Kaffee trinkt das Land einen Zehntel selber. Im Gegensatz zu renommierten Produktionsländern wie Kolumbien, wo multinationale Konzerne à la Nestlé das hinterletzte Böhnchen abnehmen, selber rösten, mit Milchpulver sowie Zucker anreichern und abgepackt in 3in1 Beuteln zurückschiffen. Jedoch weiss Vietnam nicht genau was Qualität ausmacht, Kaffeebohnen werden gerne mit anderen Bohnen angereichert. Daher der interessante Geschmack. Je nach Gusto trinkt Vietnam geeist oder heiss, mit ultrasüsser Kondensmilk, mit geschlagenem Eigelb plus ultrasüsser Kondensmilk, klassisch schwarz oder extravagant nach Zwischenlagerung im Darm des heimischen Wiesels Cy Hương. Unzählige Cà Phés stillen die Kaffeesucht der Bevölkerung. Sie sind die Wohlfühloasen der Nation, reizen mit Hängematten, WIFI und einer Pflanzenumgebung um die Gäste von der Unruhe der Strasse abzuschotten.

Ich bin guter Dinge, reite durch ein Dorado aus Drachenfrüchten, schaue auf das azurblaue Südchinesische Meer und freue mich, dass ich während den letzten tausend Kilometern nie einen Unfall hatte, ja nicht einmal ungewollt den Sattel verliess. Und dann passiert es. In einer Kurve kommt mir ein anderer Motorradfahrer entgegen, etwas zu sehr auf die Mitte der Strasse konzentriert. Ich weiche nach rechts, fokussiere die Kurvenabsperrung anstatt die Flucht, quäle die Vorderbremse und vergesse dabei, dass diese unwesentlich entschleunigt. So schleift mein rechtes Schienbein entlang der Absperrung, ich knicke ein und falle auf einen Stein. Mit blutenden Beinen richte ich auf, was einmal mein Motorrad war. Ein Fahrer eines motorisierten Verkaufsladens hält neben mir, wägt seine Reaktion ab und ruft lächelnd: „Kokosnuss?“. Ich blicke auf meine Gestalt, dann zurück zu ihm. Er lächelt immer noch und wartet ab, in der Hoffnung der Gemarterte kauft zur mentalen Heilung eine Kokosnuss. Sollte ich ihm böse sein, ich der Hilflose, der eine Sänfte in Richtung Werkstatt oder Apotheke erwartet und stattdessen in einem Verkaufsgespräch landet? Dankend wiegle ich ab, er zieht weiter. Schon stoppt der nächste mutmassliche Helfer. Auch er begutachtet meine geschundenen Extremitäten, grübelt und fragt: „Opium?“. Obwohl Opium nicht die schlechteste Idee wäre, ignoriere ich mein Gegenüber theatralisch und überlege, wie ich ohne die Unterstützung weiterer Opiumdealer oder Kokusnussverkäufer in das nächste Dorf komme. Der Crash hat zwar den vorderen Teil meines Bikes entstellt und den Lenker um 45 Grad verkrümmt, aber der Anlasser funktioniert noch. Zwecks Prüfung halte ich das zerschlissene Zündkabel an die Zündkerze und starte. Heftige Stromstösse schnellen durch meinen Körper. O-ka-aa-a-y-y-yy, eine Überbrückung scheint möglich. Mit angebasteltem Kabel und verdrehtem Lenker dümple ich in nach Phien Trang. Ein Mechaniker freut sich bereits über meine Ankunft. Ein neues Frontlicht inklusive Rahmen, neue Blinker, neue Fusstütze, neues Zündkabel, neue Zündkerze, Lenker ausrichten, hie und da etwas schrauben oder gerade hämmern – Kostenpunkt 18 Dollar. Er repariert mein Bike, ich meine Schürfwunden. Den Traum ein Beinmodel zu werden, lasse ich sausen.

Ankunft in Mũi Né. Ein Ort der Zuflucht für vietnamesische Fischer, die in der Bucht Schutz von der stürmische See finden und ihre Boote ankern. Genauso für Russen, die entlang der Küste Schutz vom Alltagsstress finden und ihre Rubel ankern. Ich tendiere zur Annahme, dass der Verkaufsleiter von Mũi Né Tourismus seinen Wohnsitz in Novosibirsk oder Moskau hat. Vorausschauend wurden bereits alle touristischen Angebote inklusive Menükarten auf kyrillisch übersetzt. Die wahren Fundstücke Mũi Nés liegen ausserhalb des Gammelorts – Im westlich gelegenen Hafenareal von Phan Thiet, wo die Fischkutter pünktlich zur Morgendämmerung eintrudeln um ihren Fang den Marktfrauen zu übergeben. Oder nordöstlich im feinsandigen Dünenmeer von Đồi Cát Trắng.

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Ich bin im Flow, will keine weitere Sekunde mit Borschtsch und masslos überteuerten Angeboten in Klein-Russland verschwenden und ziehe weiter zum Binh Lap Village nähe Cam Ranh. Ein Glückstreffer. Das 30 Seelen-Dörflein in Strandnähe entpuppt sich als Insider unter vietnamesischen Studenten von Ho Chi Minh. Perfekt für etwas Horizonterweiterung. Meine Gesprächspartner geben sich weltklug und nehmen kein Blatt vor den Mund. Sie kritisieren die vietnamesischer Kriegsgeschichten, in der sich jeder verstorbene Wurstsoldat sein Leben würdevoll dem Volk opferte, und Vietnam immer als Sieger mit erhobenem Haupt das Schlachtfeld verlässt. Yen Linh reisst das Wort an sich, die junge Ökonomiestudentin prangert die Lenin-Studien an. Schriften, die aus dem Russischen in ein unlogisches Vietnamesisch übersetzt wurden. Monate lang werden sie mit leninistischen Theorien gequält, bis selbst das aktivste Augenlied zuklappt. Themen wie die Gefahr, dass Vietnam als weitere Provinz Chinas enden wird, debattiert man ausserhalb der Klassenzimmer. Selbststudium mittels Internet und Social Media geben dem erlernten Schulwissen einen ideologischen Feinschliff. Auf der positiven Seite ist Informationsvorbehalt stets ein sinnvoller Motivator für Recherchen und persönliche Gespräche um das Recherchierte zu debattieren. Ich konfrontiere die Gruppe mit einer neuen Tatsache, dass kaum ein Khmer Sympathie für Vietnam empfindet (analysiert im Artikel „Das Lächeln der Khmer“). Wie erwartet, verschwendet kein Geschichtslehrer eine Silbe über die wahren Hintergründe, weshalb die vietnamesische Armee im Nachbarland einmarschierte. Vietnam wird als edler Befreier gepriesen. Basta! Dabei ist weitgehend bekannt, dass die smarten Vietnamesen, ja selbst die Ungebildeten, seit eh und je die naiven Khmer (und Laoten) übertölpeln. Ich liebe Gespräche mit Studenten aus Fernost, nicht nur weil sie stets masslos Bier anschleppen, sondern weil sie Asiens Wegweiser der Zukunft sind. Gerade in dieser Ecke, in denen nach wie vor politisch experimentiert wird, in denen Sinnkrisen stattfanden und stattfinden werden, entscheiden die wenigen Gebildeten über Gedeihen oder Untergang.

On y va! Vom Meeresspiegel über verschlungene Bergstrassen hinauf in das 1’500 Meter höher gelegene Đà Lạt, dass den Kolonialherren aus Frankreich einst als Kurort diente. Die Etappe präsentiert mir eine Galavorstellung vietnamesicher Nächstenliebe. Egal ob Kleinkind, Bauarbeiter oder Kaffeefarmer, jeder winkt, schmunzelt oder schreit mir zu. Dazu kommen all die hochgestreckten Daumen oder V-inger von Motorradausflüglern aus den Städten, die auch zur Abkühlung nach oben wollen. Durch breite Boulevards und verwinkelte Gassen verfolge ich ein Paar auf einem fahrbaren Barbecue-Stand. Er fährt, sie hält die glühenden Kohlen in Schach. Trotz dem vietnamesischen Tohuwabohu weht selbst sieben Jahrzehnte nach dem endgültigen Abzug Frankreichs ein Hauch esprit und savoir-vivre durch Đà Lạt. Einchecken in einem kleinen Hostel. Gastgeber Vu begrüsst mich als ob ich ein lange verschollenes Familienmitglied wäre. Standardgemäss wird mein Pass eingezogen. Eine Zwangsmassnahme für Herbergen jeglicher Art in Vietnam. Denn sporadisch kommt ein Justizbeamter vorbei, durchforstet die Computerdaten und kontrolliert die Pässe der Gäste sowie deren Anwesenheit. Ich verbringe den angebrochenen Tag mit meinem Zimmerkollegen Minh. Ah, der Flaneur, studieren war nie sein Ding, stattdessen analysierte er während den letzten drei Jahre die Strategien von Online-Casinos und die taktischen Schwächen anderer Spieler. Sein Erfolgsrezept ist simpel; Looser ausmachen und gegen sie setzen. Seither reicht ihm ein Zockerstündchen pro Tag um seine Rechnungen zu bezahlen. Glücksspiel ist eine verzwickte Angelegenheit in Vietnam, denn es ist illegal. Casinos sind zwar allgegenwärtig, jedoch ein Tabu für Einheimische. Diese pendeln wiederum visafrei nach Kambodscha. Vorzugsweise nach Bavet, eineinhalb Fahrstunden von Ho Chi Minh, wo die vietnamesische Mafia einen Sumpf von Spielhöllen für ihre Landesgenossen eröffnet hat. Der asiatische Fetisch für Zockerei endet selten in Glück und Wohlstand. Vong erzählt mir die Geschichte eines vietnamesischen Vaters, der seine 13-jährige Tochter als Pfand für seine Spielschulden von knapp 5’000 Dollar aushändigte. Die Kleine verbrachte über einen Monat im Gewahrsam eines kambodschanischen Casinos, bis sie nach erfolgreichen Verhandlungen zwischen Familie und Casino wieder freigelassen wurde. Ein Sonderfall versichert Minh, einen Finger oder ein Ohr abschneiden um den Druck auf Schuldner zu erhöhen, sei eher die Regel. Da erscheint das Online-Spiel definitiv sicherer. Nur den dicken Fischen sowie den Drahtziehern wird von der vietnamesischen Regierung nachspioniert. Wir verlagern weitere Gangster-Geschichten in die 100 Roofs Bar, das Folgeprojekt des Crazy-House Architekten Hang Nga. Bizarre Treppen führen in mystisch gestaltete Räumen, immer weiter nach oben, durch eine Bar oder in eine Sackgasse. Hin und wieder verlieren wir uns. Aus weiter Ferne höre ich Minh rufen, es könnten aber auch die Klagelaute verlorener Seelen sein, die noch immer nach dem Ausgang suchen.

Von all den Wasserfällen der Region, picke ich Pongour. Eine weise Entscheidung. Kaum angekommen, werde ich von einer Bande junger Vietnamesen abgefangen. Ein Geburtstag wird gefeiert. Die zahlreichen Schilder mit der Aufschrift „Nicht picknicken, nicht baden, kein Feuer, kein Alkohol usw.“ wird freudig ignoriert. Trotz Sprachbarriere führen sie mich durch das ganze Programm, verköstigen mich mit Grillade, Torte sowie Bier und scheuchen mich darauf ins Wasser. Ich frage mich derweilen, wie eine Gruppe Schweizer reagieren würde, wenn ein einsamer Vietnamese an ihnen vorbeischleicht. Würden sie gleich handeln, oder würden Sie den Fremden seinem Schicksal überlassen? Klarer Fall! In Gedanken versunken, weshalb westliche und asiatische Gastfreundschaft so dramatisch weit auseinanderdriftet, fahre ich zurück nach Đà Lạt. Und werde gleich nochmals überrascht. Ein Vietnamese schliesst zu mir auf, fuchtelt wild und zwingt mich zum Anhalten. Kaum abgestiegen, durchwühlt er seinen Plastikbeutel. Gebrochener Reis mit fleischiger Beilage kommt zum Vorschein. Mit einem gesichtsumspannenden Grinser schenkt er mir sein Abendessen, jedoch nicht ohne mir zuerst eine Kostprobe direkt in den Rachen zu drücken. Es sind Tage wie diese, an denen ich die Welt umarmen will. Zu oft werde ich gefragt, ob mich kein Heimweh plagt. Die Unbeschwertheit der zurückschiessenden Antwort erstaunt mich jeweils selbst. „Nein!“ Ich sehe es als fairen Tausch. Routine gegen masslose Leichtigkeit und die damit verbundenen Ereignisse. Das Leben hat mich in der heimeligen Vergangenheit selten warten lassen, es ist meistens schneller gefahren als ich. Bin ich hinterher gerannt, habe ich es selten eingeholt. Tage sind ineinander verschwommen, Monate, Jahre. Eingelullt in einem Treibsand aus Wiederholungen fiel es mir immer schwerer zu akzeptieren, dass ich nur ein paar Gramm Leben abbekomme, wenn ich doch kiloweise davon haben wollte.

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Via pompöse Hügel zurück auf Meereshöhe. Dann die hübsche Strandroute entlang. Durch Dörfer, die selbst Wikipedia nicht listen würde. Dörfer wie Chanh Loi, die höchstens dadurch Berühmtheit erlangten, weil Onkel Ho hier einmal zum Kaffe vorbeigekommen ist. Ich peile auf den Sa Ky Port, den Fährhafen für das Inslein Ly Son. Wie so oft wenn ein Ziel nahe scheint, bleibt mein Motorrad schlagartig stehen und weigert sich weiterzufahren. Wie so oft trifft mich kurz darauf der Monsun mit voller Härte. Klatschnass drücke ich meinen blechernen Märtyrer in die nächste Werkstatt. Der Dialog mit dem Mechaniker harzt:

Kannst du es reparieren?“

„No.“

„Muss ich ein Neues kaufen?“

„No.“

„Okay, dann kennst du jemanden, der es reparieren kann?“

„No“

„Hm, soll ich nach links gehen (inklusive Gestik)?“

„Yes“

„Sicher? Oder gehe ich nach rechts (inklusive Gestik)?“

„Yes.“

„Ich gehe also nach links oder rechts und jemand hilft mir (inklusive Gestik und Mimik)?“

„No.“

Meistens hilft abwarten kombiniert mit nachdenklich schauen. So auch heute. Nach einer Weile werde ich an Ort und Stelle zum Schnaps, dann zum Kaffee eingeladen und anschliessend zu einem anderen Mechaniker mit dem richtigen Werkzeug abgeschleppt. Ich solle nach zwei Tagen wiederkommen. Wunderbar! Ein Gratisparkplatz während meinem Inselaufenthalt. Die restlichen Kilometer laufe ich. Glücklicherweise findet sich im Hafenareal ein Loch, in dem ich für vier Dollar übernachten darf. Für den verhandelten Betrag muss ich dafür versprechen die Klimaanlage ausgeschaltet zu lassen.

Ich gehe davon aus, dass die westlichen Reiseführer Ly Son vergessen haben zu erwähnen. Oder es gibt andere Gründe, wieso kaum ein ausländisches Auge die Insel sehen will. Vielleicht ist es schlicht die Tatsache, dass es auf Ly Son nichts zu sehen gibt. Es gibt weder eine Strandbar noch einen dazu passenden Strand. Hier wird Sand lediglich dazu verwendet um die Knoblauch- und Zwiebeläcker zu kultivieren, welche die Insel in ein weissgrünes Schachbrett verkleiden. Ly Son ist dank der einzigartigen Zuchtmethode berüchtigt als das Garlic and Onion Kingdom (das Knoblauch- und Zwiebelkönigreich). Ich suche Unterschlupf bei Ming. Wir verstehen uns prächtig.

„Hast du ein Zimmer?“

„Yes.“

„Wie viel kostet es?“

„Yes.“

„Okay, ich bleibe für 150’000 Dong pro Tag (7 Dollar).“

„Yes.“

„Kann ich ein Handtuch haben?“

Fragender Blick – Keine weitere Reaktion

Gestikuliertes Abtrocknen

Fragender Blick – Keine weitere Reaktion

Gestikuliertes Duschwasser von oben, dann gestikuliertes Abtrocknen

Fragender Blick – Keine weitere Reaktion

Google Bildersuche, dann visuelle Präsentation von 12 Handtuchbildern

„Aaaaah“ – Lächeln, keine weitere Reaktion

Google Übersetzer (Deutsch – Vietnamesisch), Handtuch = khăn tm

Skeptischer Blick – Keine weitere Reaktion

Ming vermutet jetzt wohl, ich sei ein europäischer Handtuchhändler mit einem fragwürdigen Verkaufsgebiet. Ich beschliesse mich nicht abzutrocknen und schlurfe ins nächstbeste Lokal zu aufgeweichten Reisblätter mit Knoblauchknollen. Kaum hat die Köchin meinen Salat angerichtet, widmet sie sich wieder ihren Zweitjob und schneidet anderer Leute Haare. Bevor ich weiterziehe, frage ich sie nach einem Leih-Motorrad. Sie schickt mich zu Person A. Diese holt die anscheinend kompetentere Person B. Person B bringt mich zu Person C, welche Person D anruft um nach dem Motorrad von Person E zu fragen. Person D bringt das Motorrad von Person E. Ich bezahle bei Person C und verspreche das Gefährt von Person E in Topzustand zwei Tage später zurückzubringen. Rechtzeitig schaffe ich es zur Nachmittagsmesse der Caodaisten, nicht dass ich mich selbst in das weisse Gewand werfen wollte. Ich bin nicht talentiert für Spiritualität jeglicher Art, aber interessiert am Kult. So darf ich heute Zeuge der Predigt und des repetitiven Singsangs sein, der an buddhistische Sutren erinnert. Nach einigen Gebeten und Huldigungen schreiten die Teilnehmer gemeinsam zu mir, weniger um mich zu ihrem Glauben zu bekehren, mehr um mir die Hand zu schütteln und mich zum Essen einzuladen.

Orte wie Ly Son sind Balsam fürs Gemüt, zumindest für alle die ohne Rockstar-Potential geboren wurde. Bereits nach wenigen Stunden auf der Insel drohen mir Armkrämpfe vom vielen Winken. Es ist an der Zeit meinen Fans etwas zurückzugeben. So knie ich nieder und ernte Zwiebeln – zur Erheiterung der gesamten Sippschaft. Ein Bauer rumpelt mit dem Velo an mir vorbei, stoppt harsch, zeigt auf mich und wiehert vor Vergnügen. Anscheinend ist das Konzept neu, laufend schauen mehr Leute vorbei um die seltene Attraktion zu betrachten. Abends im Dorfzentrum treffe ich auf Cristian. Ein Held der modernen Gesellschaft, einer, der mit einem Lächeln im Gesicht von der kollektiven Denkstruktur desertierte um sich anderswo umzusehen. Vietnam offeriert ihm alles, was bis anhin fehlte. Als Englischleher in Da Nang sowie Barbesitzer in Hue erfindet er keineswegs ein neues Rad, sondern entspricht gleich zwei der typischen Klischees eines westlichen Ausbrechers, der es in Asien versucht. Das macht ihn nicht einen Deut weniger sympathisch. Sein Arbeits- und Privatleben stehen nun miteinander im Einklang. Menschen mit ähnlicher Vergangenheit sowie einer gemeinsamen Sprache haben allerhand Gesprächsfutter. So werden wir uns die nächsten Wochen häufig begegnen.

Zur Bildgalerie von Ly Son Island

Zurück auf dem Festland. Mein Motorrad wurde operiert und erfreut sich bester Gesundheit. Nächste Station: das von UNESCO-Batzen behütete Hội An. Bereits seit 1999 wird heftigst die Werbetrommel geschwungen um Altstadtfreunde im grossen Stil anzulocken. Dem Niedergang als grösster Handelshafen Südostasiens hat Hội An den Erhalt seines historischen Stadtbildes zu verdanken. Ein Mischmasch aus südchinesischer Verzierung und raffinierter französischer Linie. Dazu kommt, dass Hội Ans alter Dorfkern von Amerikas Bombern anscheinend übersehen wurde. Dennoch ist eine Hội An-Visite für Liebhaber asiatischen Treibens purer Verzweiflung geschuldet. Die alten Gemäuer wurden längst ausgeschabt um den Papplaternchen, Kitschsouvenirs und gesittetem Speisen Platz zu machen. Die Mietpreise wurden so erhöht, dass ja kein Funke vietnamesisches Flair mehr aufkommt. Gewohnt wird seither ausserhalb. Etwas, dass die meisten Weltkulturerben gemeinsam haben – Sie haben keine Kultur mehr. Es bleiben lediglich die angebotenen Postkarten, Bilder und Gemälde von einer eingefrorenen Ära, einem damals, wo es weder UNESCO-Batzen noch Tourismus gab. (UNESCO Touristendörfer wurden thematisiert travelbuddy Artikel „Helden des Alltags“.) Ich schleiche vorbei am Tickethäusschen, dass den Hội An Besuchern tatsächlich Eintrittstickets für die Souvenirschau verkaufen will. Nebenan quillt ein Ballen Touristen über die Cau Nhat Ban-Brücke, einst gebaut um das chinesische und das japanische Stadtviertel zu vereinen. Eine Marktfrau gesellt sich zu mir, sie balanciert eine mobile Garküche an der Schulterstange. Zu meiner Verwunderung schliesst sie aus, ich könnte ihren portablen Streetfood mögen. Nein, denn ein hübsches Foto von ihr lässt sich teurer verkaufen. Sanft erkläre ich ihr, dass ich etwas die Authentizität vermisse, insbesonders die Kulisse einer Schwimmwesten tragenden Reisegruppe irritiere. Wer könnte ihr böse sein, sie geht den Weg des geringsten Widerstands.

Aufstehen mit der obligaten Ho Chi Minh Lobeshymne einiger Primarschüler und weiter in das moderne Đà Nẵng. Designlastige Brücken, eine üppige Skyline und ein endloser Traumstrand zum Lümmeln – ich bleibe einige Tage kleben. Nicht nur weil Đà Nẵng ein mondänes Ambiente umgibt, auch weil Cristian die Stadt wie seine Vestentasche kennt und mich abends durch die lokalen Schauplätze führt. Tagsüber verstecke ich mich in einem unscheinbaren Cà Phê um meine Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren zu lassen und um zu schreiben. Das hastige Tastaturgeklimper weckt das Interesse von Phu, einem Touristiker der Region. Er setzt sich ungefragt zu mir und sprudelt ebenso ungefragt mit heiklen Informationen. Ich erinnere mich an meinen dreiwöchigen Trip durch das vom Kommunismus gegeiselte Kuba im Jahr 2004. Eine Zeit in der Fidel Castros Regierung den Kubanern noch immer keinen verbalen Freiraum liess. Die omnipräsente Vorsicht überschattete das Land bereits seit Jahrzehnten. Jeder könnte Gegner, jeder könnte Spion sein. Spitzel lauerten im Kaffeehaus hinter einer Zeitung, Cocktail schlürfend am Rande des Swimming Pools, auf dem Heimweg im Wackelbus. Wer zu viel kritisierte, redete oder hinterfragte, wurde abgeholt und verschwand auf unbestimmte Zeit. Daher erstaunt mich Phus Risikobereitschaft, mit mir in der Öffentlichkeit kritische Themen zu wälzen. Er erklärt lässig, dass trotz der kommunistischen Führung Vietnams, Redefreiheit vorherrscht. Die Regierung behält sich jedoch stilles Beobachten vor.

„Hast du einen Traum?“ Frage ich Phu. „Yes. Democracy“, hetzt die Antwort zurück – Er will mitreden und mitentscheiden dürfen, will Zeitungsartikel lesen, die nicht von staatlicher Hand zensiert wurden. Da Vietnam keine Pressefreiheit (freedom of press) toleriert, schauen sich Neugierige und Skeptiker im Internet um – und werden fündig. Auslandsvietnamesen (vor allem USA und Frankreich) machen mittels Blogs und Social Media auf Themen aufmerksam, welche in der vietnamesischen Medienlandschaft keine Erwähnung finden. Im Gegensatz zu Chinas Golden Shield ist Vietnams Bamboo Firewall toleranter, lässt unlautere oder ketzerische Inhalte gewähren. Der Inhalt soll „offener“ gelassen werden, denn nur so können heimische Reaktionäre bei Bedarf gefasst und mundtot gemacht werden. Phu weiss wovon er spricht. Seine Frau ist Parteimitglied, eine von fünf Millionen, die für den Staatsapparat arbeiten. Parteimitglied werden, ist nur mit viel Geld sowie Beziehungen oder indoktrinierten Vorfahren möglich. Paradoxerweise senden die Parteimitglieder ihren Nachwuchs zum Studium ins Ausland, vorzugsweise in die Schweiz, nach England, Frankreich oder Australien. Dort wo Wettbewerb und Kapitalismus gepredigt wird. Während die braven Lehrer das vietnamesische Fussvolk mit Sozialismus und Kommunismus (Lenin  Studien, Ho Chi Minh Geschichten und marxistischen Theorien) quälen. Phu schaut auf das spielende Mädchen neben uns: „Arme Kleine, bald werde sie mit ihren uniformierten Klassenkameraden Lobeslieder auf Ho Chi Minh singen.“ Ich komme nicht umhin Phu zu fragen, wie er mit seiner Frau die Erziehung ihrer drei Kinder regelt. Ganz einfach, er sei der Geldherr und verbietet ihr jeglich Propaganda dem Nachwuchs gegenüber. Arbeit ist ein Tabuthema zu Hause. Regelmässig versucht Phus Stiefvater (ein ausgedienter General, der eine ganze Berglandschaft mit Baumplantagen besitzt) seinen Schwiegersohn an Board zu holen – Kurs: Verheissungsvolle Parteikarriere. „Das Leben wäre bestimmt einfacher“, meint Phu, denn einmal Teil des Politzirkus, wird man von unten bestochen und darf anfangen Geld zu schäffeln. Wer es in eine höhere Amtsposition schafft, hat fünf Jahre Zeit um das ausgegebene Kampagnen- oder Bestechungsgeld wieder reinholen und mit dem Überschuss Länderein zu kaufen. Phu will nichts mit den kommunistischen Experimenten zu tun haben, stattdessen sauberes Geld verdienen. Dass er von seinem Umfeld konstant als Reaktionär beschimpft wird, stört in wenig. Er sieht es glasklar: „Sein Land muss die Problem von innen lösen, ohne Fremdeinwirkung. Genau darin liegt die Krux. Wer Macht hat, will sie nicht mehr hergeben. Vietnams Sorgenkinder sind nicht die Städter, es sind die kleingehaltenen Landsleute; die Fischer, die Reisbauern, deren Altervorsorge darin besteht Kinder am Laufband zu produzieren um Vietnams Agrarkultur am Leben zu halten. Der Ruhestand wartet nach 55-60 Jahren (zumindest für die registrierten Lohnempfänger). Pensionsmoneten erhält jedoch nur, wer sich aus Staatsebene abwrackt – die 100 bis 250 Dollar pro Monat sind daher kaum erwähnenswert.

Es dunkelt bereits, Phu zieht nach Hause und überlässt mich meinen Gedanken.

Zur Bildgalerie von Đà Nẵng und der Dragon Bridge

Über den Hai Van Pass nach Hue – Vietnams Kulturperle. Die von Cristian vorgeschlagene Alternativroute führt durch die Totenstadt An Bang. Ich oute mich schon länger als Friedhof-Fan, denn die Art und Weise der Bestattung, verrät mehr über Kultur des jeweiligen Volkes. Der Tod hat in Vietnam ohnehin eine wichtige Bedeutung, doch Sterben in An Bang setzt neue Massstäbe. Stundenlang schweife ich über den weissen Sand und bestaune die bunten Grabmale. Jedes einzelne, eine Augenweide. Welcher Vietnamese kann sich so etwas leisten?! Ich frage einen Totengräber. Rund 90 Prozent der Dorfbewohner haben Verwandte im Ausland, welche mittels Geldsendungen den Prunk finanzieren. Rund 20-25’000 Dollar wird in einen Totentempel investiert, während die Dorfbewohner weiterhin in bescheidenen Häusern leben.

Zur Bildgalerie der Totentempel von An Bang

Eine Schnellbleiche für ein Verständnis des letzten Jahrhunderts in Vietnam? In Hue präsentiert das emporstrebende Land seine multikulturellen Seite – französische Kolonialbauten antworten auf chinesischen Schnörkel inmitten vietnamesischem Treiben. Majestätisch thront die Palastanlage der Nguyen-Dynastie am Ufer des Parfümflusses. Die Zitadelle ist der Stolz der ehemaligen Hauptstadt und ergo Hauptziel des Pauschaltourismus, der täglich durch Hue plätschert. Während der Touristenbulk die angepriesenen Sehenswürdigkeit abhakt, bummle ich durch Hues Chaos-Märkte und chatte mit den Händlerinnen. Mein Auge fällt auf eine halbvermummte Vietnamesin, die sich durch einen Sack voller Frösche schnippelt. Im Akkord köpft und häutet anschliessend die noch zuckenden Körper – stolze 8 Stück schafft sie pro Minute. Andere spielen Karten und verhökern nebenbei eine Variation traditioneller Dreieckshut – die Non La. Hätte mir gegenüber jemand vor der Einreise behauptet, die Kopfbedeckung aus Palmenblätter und Bambusrahmen sei ein veraltetes Vietnam-Klischee. Ich hätte es geschluckt. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land, nach wie vor zieren die Dreieckshüte die Köpfe von jung und alt.

Zur Bildgalerie von Hue und Umgebung

Auf der Suche nach weiteren Alternativen zum klassischen Tourismus unterhalte ich mich mit Cristian und Hang, einer Spezialisten für vietnamesische Geschichte über Ho Thuy Tien, den seit 2004 stillgelegte Wasserpark nahe Hue. Zahlreiche Fehltritte überschatten die ambitiöse Geschäftsidee. Was steckt dahinter? Ist den Investoren das Geld ausgegangen? Mögen Vietnamesen keine Wasserparks? Seit den frühen Neunzigerjahren ist Vietnam offen für jegliche ökonomische Experimente. So investiert auch die Hue Tourism Company knapp 70 Milliarden vietnamesische Dong (3 Millionen Franken) in eine Freizeitanlage 10 Kilometer ausserhalb des Stadtzentrums. Kontinuierliche Missplanung hinsichtlich Infrastruktur sowie überhöhte Eintrittspreise waren hauptschuldig gewesen für das Fiasko, meint Hang. Denn kurz nach der Eröffnung fielen die Türen bereits wieder zu. 2013 sollte das Gelände in einen Eco-Park umgewandelt und der Landbesitz zu einer Firma in Hanoi umgeschrieben werden. Das Unterfangen scheiterte ebenfalls. Seither wird der Park einem ungewissen Schicksal überlassen. Zeit für eine bizarre Erkundungstour. Lagepläne gibt es nicht, ich pinne den Ort auf meinem Online Karten-App und tuckere über Stock und Stein zum Hintereingang des Parks. Es wird schnell offensichtlich, dass die Gestaltungsaufgabe einem Lehrling überlassen wurde – Die einzelnen Spassecken liegen schlicht zu weit auseinander. Ein Amphitheater mit knapp 600 Sitzplätzen für ein beleuchtetes Wasserspielchen? Wohl etwas übertrieben. Einige Hundert Meter entfernt, hat sich die hiesige Vegetation Rutschen sowie Planschbecken bereits zurückerobert, verrottete Skulpturen fristen. Ich gehe weiter, denn der Wind fegt einen fiesen Geruch durch den maroden Klettergarten. Im Zentrum des Parks haust der monströse Drache, welcher den Baggersee erfolgreich von vorbeischauenden Ufos verteidigt. In seinem Bauch, die Überbleibsel eines Aquarium. Ich schnappe mir einen vietnamesischen Besucher, gestikuliere ein zuschnappendes Maul und zeige auf den opaken Tümpel der bis vor einigen Jahren von drei Krokodilen bewohnt wurde. In typisch vietnamesischer Manier fuchtelt mein Gegenüber mit der Rechten. Das Zeichen für „No“ oder „Weiss nicht“. Rein zufällig treffe ich spätabends auf Locky. Der australische Wahl-Hueaner hat sich den aufgegebenen Tierchen angenommen, sie regelmässig gefüttert. Er klagt, wie Vietnamesen mit Ziegelsteine auf die Krokodile geworfen haben, um die Robustheit ihres Knochenpanzers zu testen. Auch mittels Halsschlingen das Krokodilgewicht testen, sei keine Seltenheit gewesen. So habe er die Riesenreptilien zuerst vor dem Hungertod gerettet und dann den Transport in ein Naturschutzgebiet organisiert.

Zur Bildgalerie von Ho Thuy Tien, dem stillgelegten Wasserpark

Lange hatte ich es hinausgezögert, aber heute fühle ich mich mutig und gehe zur Zahnkontrolle. Es braucht grundsätzlich keinen Mut um Zähne kontrollieren zu lassen. Da mir jedoch ein vietnamesischer Friseur vor wenigen Monaten mit einer Rasierklinge die Hälfte meiner Haarpracht weggeschabt hat, bin ich etwas misstrauisch. „Your smile is our smile“ begrüsst mich ein Schild im Empfangsbereich. Der letzte Satz, den ich in der Praxis verstehen werde. Das spielt keine Rolle, bin ja lediglich zur Kontrolle hier. Ich darf in einem Raum Platz nehmen, wo bereits fünf andere Mäuler durchsucht werden. Hin und wieder schreie ich auf und nehme nonchalant zur Kenntnis, dass Schmerzlaute global verständlich sind. Die Mutprobe ist bestanden. Um das Eis zwischen mir und der Dentalhygienikerin zu brechen, zeige ich nach auf den geschmückten Altar in der Ecke, in welcher der der kleine Money-God sitzt, deute dann auf mich und halte den Daumen hoch. Mein Gegenüber scheint die Satire zu verstehen und lächelt ausgiebig. Gegenüber der Figur, die für Vermögen und finanzielle Glückseligkeit verantwortlich ist, sitzt ein etwas dickerer Geselle, nicht weniger grinsend. Ich hake nach, den kenne ich nicht. Sie tippt im Google Übersetzer ein:

Vietnamesisch – nhà th = Englisch – brothel (deutsch – Bordell)

Ich schaue sie schief an. Sie versucht es nochmals und korrigiert den Akzent:

Vietnamesisch – nhà th = Englisch – church (deutsch -Kirche)

Sogleich wird auch offensichtlich, wieso ich die nächsten Wochen kein Vietnamesisch lernen werde. Da frage ich nach dem Verantwortungsbereich einer Mini-Götze und werde entweder eine Kirche oder ins nächste Puff abkommandiert.

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