Im Rückspiegel schwindet Kambodscha. „You have to know the rules“, diese doppeldeutigen Worte schenkte man mir vor wenigen Stunden, zusammen mit einem Handschlag. Ich, der Geächtete. Er, das vermeintliche Gesetz, dass gerade einige Dollarnoten in einer schwarzen Tasche verschwinden ließ. Regeln – eine fragile Sache im Reich der Khmer. Werden sie gebrochen, freuen sich die nächsten Brecher um das Regeldomino weiterzuspielen. So gibt es eigentlich nur Gewinner. Jeder will überleben, jeder hat eine Strategie, niemand murrt. Habe ich die Blitzlichter des Tagesgeschehens richtig gedeutet, werden sie einen Weg finden. So oder so, das haben sie immer. Dabei ganz Mensch. Ein pubertierender Khmer meinte einst zu mir; „Weißt du, wir versuchen nicht zu viel zu erwarten, einfach und bescheiden zu bleiben“. Seine Worte durchfuhren mich wie ein Silberbolzen. Im selben Alter wollte ich die Welt, nichts war genug. Geduld, Bescheidenheit, Empathie – Fremdworte. So fremd wie die Welt selbst. So musste ich erst aufbrechen, um bei mir selbst anzukommen. Und um zu verstehen, dass in westlichen Kinderzimmern aufzuwachsen, mehr als nur ein Privileg ist.

Zeit für einen neuen Lehrer. Die nächsten Monate wird mich das willensstarke Vietnam unterrichten. „Nothing is more precious than independence and liberty“ (Nguyễn Ái Quốc alias Ho Chi Minh) – das war schon immer die Devise. Niemand konnte die Vietnamesen je in die Knie zwingen. Weder die reichen Thais, noch Frankreich, Japan oder China. Nicht einmal die USA. Seit der Wiedervereinigt 1975 ist Vietnam eins. Schaut man genauer hin, ist Vietnam nach wie vor zwei. Der kommunistische Norden, und der freisinnige Süden. Die Chiffre „Vietnam“ steht für unterschiedliche Phänomene: für eine zwiespältige Zweisamkeit, für Protest in der westlichen Welt, für ethnische Diversität, für 91,5 Millionen Überlebenskünstler und für eine kriegsgeschundene Bevölkerung. Wer „Vietnam“ googlet, bekommt als Top-Vorschlag „Vietnam War“ angeboten. Meine erste Konfrontation mit Vietnam fand ausserhalb statt, als ich vor zwei Jahren in Washington D.C. vor der Gedenkstätte für die 58’220 gefallenen US-Soldaten stand. Der Reisende kommt nicht umhin, sich mit den Auswirkungen politischer Ideologien auseinanderzusetzen, vor allem wer die Vereinigten Staaten oder eben Vietnam besucht. Kaum wurden die französischen Kolonialisten mit chinesischer Unterstützung verdrängt, investiert die USA unter Führung von Lyndon B. Johnson in das Land. In Form von 14 Millionen Tonnen Bomben und 80 Millionen Liter Herbizide. „Wir werden dem Land aus dem Bürgerkrieg helfen„, so wurde die Idee der Welt verkauft. Siebzehn Jahre und fünf Millionen tote Vietnamesen später, kriecht die Grossmacht gemartert zurück. Zwei Drittel der vietnamesischen Opfer sind Zivilisten; Babies, Greise, Schwangere, Habenichtse, Reisbauern. Das eigentliche Ziel der USA, den von China hinunterrollenden Kommunismus zu stoppen, ist kläglich gescheitert. Dafür hinterlassen die Invasoren dem Land einen von Dioxin verseuchten Boden, Horden von Krüpeln und kaputte Gebärmütter. Napalm war zwar effektiv, aber es brannte sich nicht genug fest, nicht genug lange in die vietnamesische Haut ein. So wurden ganze Landstriche sowie die Hälfte der Mangrovensümpfe mit den Umweltgiften Agent Orange, Agent Green, Agent Purple etc. zugebombt. Nur sehr langsam erholt sich die Natur von dem Inferno. Die GIs verlassen Vietnam mit einem Trauma, genötigt durch den Kriegshorror, falsche Versprechungen, konstante Desinformation und nicht zuletzt aufgrund eines unberechenbaren Feindes. Denn Charly, so der Deckname für den Vietkong versteckt sich im Dschungel, baut primitive Fallen, verkriecht sich in Tunnelsystemen, schleicht sich im Schutz der Nacht unerwartet zu den Camps. Der Vietnamkrieg war ein Konflikt der traurigen Superlative, notabene die längste militärische Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Der Teufel liegt im Detail versteckt. Nicht jeder identifizierte sich mit der Denkweise der Politiker aus Hanoi. So kämpften etliche liberal gesinnte Südvietnamesen Seite an Seite mit den GIs gegen den Vietkong. Als Lohn wurden Unabhängigkeit und westliche Ideale versprochen, oder gar ein Freiticket für die USA, mit dem Vorteil einer besseren Bildung sowie vielfältigeren Möglichkeiten für die nächste Generation.

Ich werde mir Zeit lassen um das abwechslungsreiche Vietnam zu erkunden. Vielleicht drei, vielleicht vier Monate. Das Land per Motorrad einmal längs abzufahren, ist schon länger keine ausserordentliche Idee mehr. Viele freiheitsliebende Reisende handeln zwischen Ho Chi Minh (Ex Saigon) und Hanoi ihre Honda Wins zum Marktwert von 200 bis 300 Dollar. Der Fahrtenschreiber ist jeweils eine ausgediente Dekoration – niemand weiss, wie viele Male die altehrwürdigen Maschinen die rund 3’000 Kilometer hinauf oder hinunter gedonnert sind. Das spielt auch keine Rolle, ein Besuch beim Mechaniker (meistens alle 150 Kilometer) kostet knapp zwei bis drei Dollar. Vielfach ist das Problem dann gelöst, meistens jedoch nur vertagt.

Unspektakulärer Grenzübertritt bei Ha Tien. Der Unterschied zwischen Vietnamesen und Khmer wird ziemlich schnell offensichtlich. Auf der Seite der Khmer; dunklere, weniger orientalische Ausprägung. Viele Elemente der Lebensweise wurden vom indischen Subkontinent beeinflusst. Drüben, auf der vietnamesischen Seite ist Aussehen und Kultur stark von China geprägt. Ich düse durch treibige Strassen auf der Suche nach einem Hafen, einer Anlegestelle, einem Ort an dem Kapitäne ihre Fähre parken könnten. Von der anderen Kanalseite hallt ein Schiffshorn. Mein Reiseseismograph schlägt aus, ich beschleunige. Die zierliche Vietnamesin am Zahlschalter schaut mich fragwürdig an und meint bestimmt; „Impossible. Tomorrow you go.“ Ich erkläre, dass ich seit meiner Geburt keine Zeit verlieren will – also die oder keine. Das scheint fair und logisch, jetzt spurtet sie, reisst den Hörer in die Hand, schreit das Team zusammen, fungiert selbst als persönliche Dong-Wechselstube. Ich brettere auf die Fähre und lächle zurück, dann in die rein vietnamesische Runde. Wir drehen ab, die rote Flagge mit dem gelben Stern wedelt ungestüm im Wind – Kurs Phu Quoc. Zufrieden hockt das Gros an Passagieren auf dem Deck zwischen Lastwagen und Whiskyflasche, andere werfen sackweise Müll über die Reling und ich werde gerade zum Gruppenfoto gebeten. Die Hobbyfotografen wollen nichts dem Zufall überlassen, als Hintergrund soll der neue Toyota eines Fremden hinhalten. Luxus aus dem fortschrittlichen Japan, ein Bleichgesicht – Yes, wir sind international! Immerhin werden mir diverse Posen zur Auswahl überlassen. Als wir endlich anlegen, ist es stockfinster und sogleich wird mir klar, wieso der Fahrpreis so bescheiden war. Die Fähre spuckt uns auf der falschen Inselseite aus. Der Unentwickelten. Eine Fahrstunde über einen Pfad aus Matsch und Furchen trennen mich vom Tohuwabohu aus Hotelkomplexen und Cocktailschirmchen. Das sorgt insofern für Schwermut, da mein Frontscheinwerfer dem Strahl eines Teelichts ähnelt. So halte ich mich dicht an die Töffli-Equipe vor mir und drehe ab und zu im ersten Gang den Gashahn auf um maximale Teelichtstärke zu erreichen.

In Kambodscha redet man nicht gerne über Koh Tra (alias Phu Quoc), denn es gehörte neben grossen Teilen des Mekongdeltas vor langer Zeit zum Reich der Khmer. Ein Paragraphendilemma führte dazu, dass Vietnam schlussendlich das Sorgerecht erhielt. Dann indoktrinierte Überläufer Hun Sen hier das vietnamesische Militär und startete den Angriff auf seine ehemaligen Brüder der Khmer Rouge. Jetzt, einige Dekaden später, wird nur noch geschwärmt: This peaceful tropical paradise, floats in the warm turquoise waters in the Gulf of Thailand“. Ach, wie ich die Marketingabteilungen dieser Welt liebe. Im Jahr 2020 sollen rund drei Millionen friedlich im warmen türkisen Wasser planschen. So viele, wie vor zehn Jahren ganz Vietnam bereisten. Allmächtiger, hilf dieser armen Insel! Wie so oft ist Tourismus Fluch und Segen zugleich. Casinos, luxuriöse Meetingrooms und Appartements seien die grosse Zukunft auf Phu Quoc, erklärt mir mein Tischnachbar Ly zu frischem „Seaweed Juice“ und „Beef Leather Ball“ (so ködert die Menükarte). Der Elektroingenieur wurde von einer chinesischen Hotelkette angestellt und hilft das Inselchen in ein Paradies für chinesische Zocker, Geschäftsleute und Schnöseltouristen zu verwandeln. Macau, das asiatische Spieler-Mekka nahe Hong Kong hat anscheinend an Reiz verloren. Ein kleiner Appetithappen folgt kurz nach den Ly’s Insights. Eine Chinesin erwischt mich inflagranti beim Wellenkucken. Dann eine zweite. Mit je einer Spiegelreflex Marke Nikon D810 und 400 Millimeter Superzoom „Nano Edition“ werde ich rundum abgelichtet. Die Tatsache, dass die beiden Chinesinnen mit Seidenrock und Gucci Täschlein dreimal teureres Equipment besitzen als ich, lässt mich baff zurück. Wer weiss, vielleicht ziere ich ja schon bald eine Plakatwand in Hangzhou und werbe unbewusst für Tsingtao Bier. Aber es gibt sie noch, die Normalos. Einer von ihnen schreit mich gerade zu sich. Der junge Vietnamese stellt sich als Neil vor, sein richtiger Name sei zu kompliziert. Ich stehe ihm Rede und Antwort; woher ich komme, wohin ich gehe, was ich zum Mittagessen hatte und so weiter. Neil will mir seinen Rückzugsort zeigen, fernab vom Touristenstrom. Er sitzt hinten auf. Wir nehmen die Abkürzung über die Piste eines stillgelegten Flughafens, ich beschleunige auf maximale Geschwindigkeit, also rund 60 Stundenkilometer. „I’m flying“ schreit Neil mit ausgebreiteten Armen während wir am Geisterflughafen vorbeirasen. Hat es die Kitsch-Szene mit Leo und Kate Winslet am Bug der Titanic gar nach Phu Quoc geschafft? Wenig später erreichen wir unser Ziel; ein Bächlein und ein paar Bäume. All seine Freunde lümmeln sich bereits und veranstalten einen ungezwungenen Grillplausch. Typisch vietnamesisch. Um die Truppe stapeln sich leere Bierdosen, Speisereste fliegen durch die Luft. Endlich bekomme ich eine genaue Anleitung um Gemüse, Kräuter und Fischhappen ordentlich in die Salatblätter zu wickeln. Wir wälzen diverse Themen, eines davon ist die Religion. Zwei der Gruppe gehören zu den knapp zwei bis sieben Millionen Caodaisten (wie viele es genau sind, weiss niemand so genau). Cao Dai ist eine Glaubensrichtung, die hier auf Phu Quoc einst das Licht der Welt erblickte. Ein Mischmasch aus Hinduismus, Judaismus, Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Katholizismus und Islam. So kommt es, dass die bunten Cao Dai Gebetsstätten Götzen oder Symbole jeglicher Religionen unter ein Dach quetschten; eine Swastika, ein Halbmond, Kreuze, eine Menora, Devas, Ikonen vietnamesischer Poeten – eigentlich alle ausser das Spaghetti-Monster. Hoch oben ziert ein offenes Auge den Glaubenstempel. Der Röntgenblick des einzig wahren Gottes. Cao Dai strebt danach, alle Religionen zu vereinen und ein friedliches Zusammenleben der Menschen zu erreichen. Ein kompliziertes Unterfangen wird mir erklärt. Ich nicke nachsichtig – Keine Religion der Welt wird jemals etwas vereinen. Im Gegensatz zu ihren streng buddhistischen Nachbarn Laos und Kambodscha, bevorzugen 80 Prozent der Vietnamesen keinen Göttern zu huldigen (Geister sind okay). Der Rest verteilt sich auf einige Buddhisten, Christen, Anhänger des Konfuzianismus und eben Caodaisten.

Es dämmert, wir reiten zurück. Neil will als Erinnerung ein Foto. Nicht von uns beiden, eines von sich auf meinem Motorrad. Es wird das letzte Foto sein, dass meine Kamera aufnimmt.

Eine Woche zuvor: Sihanoukville Kambodscha – Aufgrund eines technischen Defekts habe ich meine Präzisionsmaschine den Händen eines Bastlers überlassen. Seine rollbare Vitrine und die abgewrackten Kleinkameras, die sie beherbergt, liessen mich mit einem unguten Gefühl zurück. Dass er den Preis für die Reparatur (35 Dollar) aber nicht das Problem kannte, beunruhigte mich zusätzlich. Als ich nach einiger Zeit zwecks Prüfung vorbeikam, war das Innenleben meiner Kamera offengelegt, der Herr am löten diverser Schaltkreise. Als Mikroskop diente ihm ein altes Objektiv. Immerhin schützte der aufgespannte Schirm über seiner Vitrine einen Grossteil der filigranen Teile vor der Regenschauer. Trotzdem, die Bastelstunde schien gelungen.

Jetzt, eine Woche darauf lässt sich der Apparat nicht mehr starten. Ein Reparaturservice auf der Insel wird hoch gelobt – ich schaue vorbei. Der Chef höchstpersönlich nimmt sich meinem Problem an und analysiert das suspekte Gehäuse. Ich werde gefragt, ob ich den Akku aufgeladen habe. (Anscheinend sind die beiden Chinesinnen kürzlich mit dem ‚gleichen Problem‘ vorbeigekommen.) Schnurstracks buche ich ein Ticket zum Festland, verschiebe den geplanten Delta-Bummel und fahre direkt nach Ho Chi Minh. Gleich nach einer Kaffeepause in Rach Gia, dem Transit für Phu Quocs Schnellfähren. Von den zigtausend Cafés habe ich mir das unspektakulärste aber genau das richtige ausgesucht. Denn es wird geführt von Ms. Hiên. Die liebenswürdige Vietnamesin schenkt mir ihre Zeit, dann einen Sack frisch gemahlenen Kaffee, Kuchen für die Reise und eine Einladung zur Geburtstagsfeier einer Freundin. Sofern ich am selben Abend Ho Chi Minh erreiche. Ich versichere rechzeitig und geschniegelt am Ort des Geschehens zu sein und hetze los. Die achtstündige Etappe führt durch das Revier der chin rong den „neun Drachen“, sinnbildlich für die Ausläufer des Mekong. Eine abwechslungsreiche Fahrt über diverse Brücken und vorbei an endlosen Reisfeldern. Inmitten der neongrünen Äcker liegen Gräber für die verstorbenen Reisbauern. Anscheinend dürfen sie nicht einmal nach dem Tod dem Arbeitsort entfliehen. Seit einiger Zeit begleitet mich ein unbekanntes Geräusch. Augenblicke später fliegt mein Auspuff ab und kullert über den Asphalt. Ich kicke das heisse Teil zum Schuppen um die Ecke. Nichts, das nicht innert Kürze wieder geregelt werden könnte. Das nächste Problem trifft härter. Auf einem Landweg wenige Kilometer vor Ho Chi Minh stoppt mein Motorrad urplötzlich. Mein Glück; Es stoppt neben einer Bretterbude, in der ein Vietnamese mit Hammer und Schraubenzieher haust. Mein Pech; nachdem der Hobby-Mechaniker Hand anlegt, funktioniert der Frontscheinwerfer nicht mehr. Ergo mit „Teelichtstärke null“ hinein in den nächtlichen Stossverkehr des zehn Millionen Monsters. Mir wurde im Vorfeld mehrfach versichert, dass Ho Chi Minh nichts für Warmduscher ist. Denn die Henker lauern überall. Von den rund zehn Millionen Einwohnern fahren acht Millionen ein Motorrad. Ein Schlamassel aus Fleisch, Blech und Gummi, der irgendwohin jagt, sporadisch Verkehrssignale und Strassenmarkierungen ignoriert, schlagartig überholt um kurz darauf ohne Vorwarnung rechts abzubiegen. Selbst Fussgänger auf Gehwegen sind nicht sicher, auch da fahren Motorräder. Wenige Zentimeter neben uns Schutzlosen keuchen Lastwagen-Karawanen und dauerhupende Lotterbusse, die sich alle, so scheint es, einem teuflischen Zeitplan verdingen. Weiter entfernt hebt ein Flugzeug ab, ich wünschte ich sässe darin.

Dass ich keine Ahnung habe wo ich eigentlich hin will, spielt keine Rolle, bin zu fest verkeilt im Strom um mir darüber Gedanken zu machen – Hauptsache Zentrum. Hin und wieder drehe ich ab und dümple durch chaotische Marktgassen wo Dampfsäulen aus unzählbaren Suppentöpfen fliehen. Nicht nur das übliche Getier sondern auch Frösche liegen aus, als zusammengeknüpfter Knäuel hüpfen sie abwechslungsweise in diverse Richtungen. Ihre hockenden Besitzer linsen steil unter den Kegelhüten empor. Gerade so, dass die Strassenlaternen ein kaltes Licht auf die halb verdeckten Gesichter werfen können. Selbst wenn die Zeit heute auf meiner Seite wäre, ich wüsste kaum wo zuschlagen. Die konstante Reizüberflutung lässt keinen Slot um rationale Entscheidungen zu treffen. Erschöpft erreiche ich District 1, erspähe ein Hostel-Schild, werfe meine Siebensachen ab und wähle die Nummer von Ms. Hiên. Wir treffen uns in einem nahegelegenen Bierclub. Der Kontrast zu den letzten Stunden könnte kaum diffuser sein. Ich bin umzingelt von einem Komplex aus Saufgelage, Fingerfood und einer lasziven She-DJ auf einem rotierbaren Musikpult. Dass rund die Hälfte von Ms. Hiêns Gefolge der englischen Sprache mächtig ist, tut wenig zur Sache – dank dem schrillen Bassgemetzel ist plaudern keine Option. Bleibt prosten, nachfüllen, wieder prosten und rumschauen. Trotzdem geniesse ich die Atmosphäre – sie ist authentisch. Zumindest für die selbstbewusste Mittelschicht Vietnams. Da ich das einzige westliche Gesicht in der Gegend bin, werde ich von Tisch zu Tisch gereicht, um zu prosten und zu schunklen. In den meisten Clubs des Landes ist um zwölf Uhr nachts Sense, so auch hier. Ich sehe es als Rettung vor dem Hinsiechen durch Dezibel. Zu meiner Verwunderung gehen wir nun gepflegt essen. Auch das, alles auf Kosten meiner Gönner, jeglicher Einwand zwecklos.

Ho Chi Minh – Nicht sieben Leben würden ausreichen um all die Restaurants, Garküchen und Cafés auszuprobieren, die sich in der Metropolis tummeln. Mein Freund Ramos, der gerade in Kamerun für die UNHCR und 23’000 Vertriebene aus Zentralafrika ein Flüchtlingslager organisiert, hat sich trotz 80-Stunden-Woche einige Minuten genommen, um für mich einen Schlachtplan zu entwerfen. Zumindest für die Nächte. Ein Jahr hat er hier verbracht. „Keine City für Sightseeing, eine City um zu wohnen“, bemerkte er lässig. Meine Aufgabenliste für die nächsten Tage liest sich staubtrocken; eine Lösung für mein Kamera-Problem finden, Spitalvisite um eine Lippenzyste zu entfernen, das Teelicht reparieren, ein Besuch im Postgebäude und dem Kriegsmuseum. Ich setze je einen Tag ein. Das kommt hin, denn die Distanzen sind enorm, laufend verliere ich mich in den verstopften Strassen, den vielfältigen Districts und vor allem in der Komplexität der jeweiligen Aufgaben. Beispielsweise darf eine externe Festplatte das Land nicht ohne ein Zertifikat vom Kontrollamt verlassen. Dieses Amt befindet sich im Hinterhof eines schwierig auffindbaren Gebäudes (logischerweise in einem anderen District als das Postgebäude). Sobald die 100 mehrheitlich deutschsprachigen Dokumente und 10’000 Fotos auf dem Datenspeicher nach unlauterem Inhalt durchkämmt wurden, näht ein Beamter das Gerät fein säuberlich ein, zertifiziert es und schickt den Verwunderten zurück zum Postamt. Ausserdem kann ein kambodschanischer Bastler mit rollbarer Vitrine und Lötkolben einer Spiegelreflexkamera erheblichen Schaden zufügen. Schaden, der nur mit teuren Ersatzteilen aus Hong Kong oder dem Kauf einer neuen Kamera behoben werden kann. Sunden, Tage ziehen ins Land.

Bereichert durch einige neue Erfahrungen freue ich mich auf das Wiedersehen mit Phi. Wir haben uns auf Phu Quoc kennengelernt. Der gleichaltrige Energieingenieur ist offen, direkt, sarkastisch, smart und realistisch – Quasi mein Wunsch-Gesprächspartner. „Nicht wenn du den Rest deines Lebens hier verbringst, würdest du Vietnam verstehen“. Er hatte das ausgesprochen, was die wenigsten seiner Landsleute wagen würden Fremden gegenüber auszusprechen. Wie Recht er damit hat. Seither ist er mein Mentor. Seine Geschichten nähren mein Verständnis für dieses verflixte Wunderland. Wir verabreden uns in einer Suppenküche an der Pasteur Street, benannt nach dem französischen Chemiker und Mikrobiologen Louis Pasteur, dessen erforschte Impfstoffe gegen diverse Infektionskrankheiten auch im fernen Osten Anklang fanden. (Seit Frankreich seine Indochina-Träume aufgeben musste und abzog, wurden praktisch alle französischen Strassennamen ohne honorierbaren Hintergrund wieder in vietnamesische geändert). Phi ist bereits da, umgeben von spärlichem Plastikmobiliar und verkachelter Wand wie Boden. Sich in Vietnam zu einer Phở (Brühe, Nudeln, Fleisch und Kräuter) zu treffen, ist mit einem Kaffeekränzchen vergleichbar. Unsere Gespräche trudeln bis in die späte Nacht. Viele davon können hier nicht erwähnt werden, da die Bamboo Firewall Vietnams sonst dauerhaft meine IP Adresse blocken würde. Was mich jedoch am meisten verblüfft und auch erwähnt werden darf, ist die Angst vor dem wachsenden Einfluss Grosschinas. Sie ist allgegenwärtig, egal mit wem ich spreche, jung oder alt, ungebildet oder gebildet. „Das nächste Tibet“, stöhnt Phi – die Zeichen seien eindeutig. Hanoi fällt bereits zu viele Entscheidungen unter dem Druck der Nachbarn. Ich erhalte noch einige Tipps für meine Route und schwöre unserer virtuellen Brieffreundschaft treu zu bleiben.

Die Neun Drachen. Ich stehe mit Vietnam auf, in der Hoffnung dem Stossverkehr von Ho Chi Minh zu entfliehen. Was wenig bringt, denn bereits um 6 Uhr morgens möchten mich einige Hunderttausend ins Mekongdelta begleiten. „Eine Bambusstange mit zwei Reisschalen“, so die geografische Assoziation für Vietnam. An jedem Ende weitet sich das Land zu einer fruchtbaren Flussebene. Neben satten Reisfeldern geizt das Terrain etwas an Varietät. Der Hauptgrund für einen Besuch in diesem Teil des Landes, sind die Floating Markets, die schwimmenden Grossistenmärkte von My Tho, Vinh Long oder Can Tho, welche je einen der Ausläufer des Mekongs säumen. Alles moderne Städte, die bereits heftiger Entwicklung zum Opfer fielen. Ich verbringe einige gemütliche Tage in dieser Ecke, schweife durch Aussenbezirke, erkunde Märkte, sammle Grinser herzlicher Vietnamesen und besuche hin und wieder einen Mechaniker. Meine Route nach Nordvietnam führt mich erneut durch die Mega-City, schnuppe, denn selbst auf der Autobahn gibt es dauernd zu staunen. Ich überhole gerade einen Typ, der ein Mosaik aus 26 Vogelkäfigen und doppelt so vielen irritierten Vögeln auf seinem Moped arrangiert hat. Versunken in Gedanken über lokale Transportsitten merke ich nicht, dass sich eine Schraube löst. Anscheinend eine wichtige, denn als ich sie verliere, sprudelt mein ganzes Öl über die Strasse. Wunderbar, denke ich mir, ich müsste es sowieso bald wechseln. Ich habe gelernt solchen Situationen mit reifer Gelassenheit zu begegnen, schlussendlich war mir schon von Anfang an bewusst, auf was ich mich einlasse. Der Vogeltransporter fährt an mir vorbei und zwinkert mir zu, er weiss, wir werden uns bald wiedersehen.

Zur Bildgalerie vom Mekongdelta & Phu Quoc

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s