Phnom Penh. Ich nenne ihn „George“. Ein jüngerer George Clooney mit türkischem Einschlag. Wir sitzen spätnachts am Preah Sisowath Quay und blicken auf den selbstzufrieden gluckernden Tonle Sap River. Kürzlich haben sich einige Todesboten des Dschihad entschieden sich selbst sowie 50 von George’s Landsleuten ins Jenseits zu sprengen. Wenig später wählt sich England aus der EU. „Was ist die EU?“ erreicht daraufhin Spitzenresultate bei Google Search. Europa geht an Krücken. „Wir leben in einer interessanten Zeit“, meint Sayan (so sein richtiger Name), und gibt Gesagtem Nachdruck mit einem seichten Kopfschüttler. Ich schüttle mit. Kaum ein Tag vergeht, in der die Medien nicht Schüttelfutter nachliefern. Es ist schwierig diese Tage die Welt und ihre Eigenheit zu verstehen; die Gier, die Verblendung, der Hass von Menschen auf andere Menschen.

Hinter uns schlummern Tuktukfahrer in ihren Motorradkutschen. Es ist alles was sie haben. Sie können sich die 100 Dollar Miete pro Monat nicht leisten. Die Kreativen, die Listigen, die Schlawiner, die Fleissigsten überleben. Einige Strassenkinder passieren. Sayan schaut ihnen nach. Die Härte der Strasse ist ihm nicht fremd. Sein Vater, ein Säufer, löste die Familienprobleme regelmässig per Faustrecht. Bis sich die Mutter von ihm trennt und mit den zwei Kindern in eine 30 Quadratmeter-Wohnung in Tarlabasi zieht. Der Slum Istanbuls. Sayan und sein Bruder gehen auf den Strassen um den Süssigkeitenhandel anzukurbeln. Und um zu überleben, denn Geld schickt der Schläger nie. Mittels finanzieller Starthilfe von Verwandten besucht Sayan die Schule. Seine Gelegenheitsjobs am Abend sowie an Wochenenden füttern die Familie über die Runden. Sayan bleibt dran, er will es allen beweisen. Kurz bevor er den Master of Bussiness Administration erwirbt, stirbt seine Mutter an Krebs. Sayan resümiert: „Er habe viel an Suizid gedacht. Schlussendlich hat ihn die Beziehung mit einer Französin wohl gerettet“. Etwas später bröckelt die Beziehung auseinander. Er habe erfahren, sie sei momentan in Kambodscha. Also kam er her um sie zurückzuerobern. Treffpunkt Siem Reap. Er bringt als Überraschung ein nachkoloriertes Portrait von ihr. Sie ihren neuen Freund. Selten ist so es herzzermübend andere Reisende zu verabschieden. George war einer von ihnen.

Ziellosigkeit belebt die Spontanität – diese führt zum ersehnten Freiheitsgefühl. Wenig könnte dieses Klischee besser visualisieren, als ein Langhaariger im Sattel eines Motorrad, auf dem Weg ins irgendwo. Ein Ritt durch die gesamte Farbpalette. Die rötliche Piste unter dem Gummi, neongrüne Reisfelder im reduzierten Blickfeld, flauschige Cumuluswölklein am blauen Himmel. Die schnöde Realität? Der Monsun klatscht mir gerade Wasser mit Windstärke 8 entgegen und erneut fällt meine Gangschaltung ab. Zum sechsten Mal innert fünf Tagen. Im ersten Gang röhre ich zum nächstgelegenen Reifenzeichen. Wie immer liegt es nur wenige Fahrminuten entfernt. Ein hängender Reifen; das asiatische Symbol für mechanische Nothilfe. Ein hölzerner Emergency-Room für Motorräder und Mopeds. Darin wuselt eie Gruppe von Selfmade-Mechaniker. Das Handwerk von älteren Selfmade-Mechanikern abgeschaut, sind sie mit jeder Fiber bereit zu biegen, hämmern, verdrahten und schweissen. Bis ein neuer Patient hineinrollt. Dann verwirft jeder abrupt das Operationsbesteck und verlässt die Intensivstation, um zu sehen was der Neue zu bieten hat. Ab sofort gilt Teamwork – Schraubt einer in die falsche Richtung, wird er abgelöst und zur Begutachtung des anderen Patienten geschickt. Erkennt jemand eine effizientere Methode, darf er jederzeit eingreifen. Wer der „Unternehmung Kambodscha“ nicht hilft die unzähligen Äckern zu bestellen, hilft die Mobilität am Leben zu erhalten. Denn hier fahren drei Generationen hintereinander mit dem selben Viertakter, alias Volksmobilmacher, Verkaufsladen, Familienkutsche und Gütertransporter. Zwanzig Minuten und zwei Dollar später ist mein Gangschalter wieder justiert (vorläufig). Ich schlüpfe wie gewohnt in den zerschlissenen Regenponcho und fahre weiter, hinein in den Sturm, dorthin wo der Pfeffer wächst.

Ein Steak au Poivre ohne importierten Pfeffer aus Kampot, das Gold Kambodschas? Welch Malheur. Aufgrund jahrzehnte langem Bürgerkrieg ging der Küstenregion die Tradition des Pfefferanbaus fast verloren, nur wenige halten die Stellung. Aber Kampot hat ohnehin mehr zu bieten als Gewürz. Ramponierte Gebäude aus der Kolonialzeit Frankreichs reihen sich am Ufer des Teuk Chhou. Gleich dahinter, die typisch asiatischen Klötze mit Edelstahlgeländern und Blick ins Wohnzimmer. Der zeitlose Charme hat sich unlängst herumgesprochen. Bereits 2’000 Ausländer suchen Zuflucht in Klein-Kampot. Eine Spielwiese, wie viele von ihnen behaupten. Es liegt unbestritten ein Hauch internationale Kreativität in der Luft. Ich kaufe einen Berliner bei Patrick, dem belgischen Bäcker. Ein paar tausend Dollar habe er in den fahrbaren Verkaufsladen investiert. Das habe sich bereits doppelt ausbezahlt, denn früher schlief er auch darin. Ein Armloser gesellt sich zu uns. Brüderlich hängt im Patrick ein paar Brote an einen seiner Stummel. Ich reiche Moneten nach. Patrick wirft ein, ich solle besser nicht zu viel geben. Falls seine Frau ihn nach einer Betteltour mit zu viel Geld erwischt, prüget sie sein Gesicht blau. Der Arme habe immer noch nicht gelernt die Noten sorgfältig zu verstecken. Der Belgier empfiehlt mir zudem einen Abstecher bei Diego. Dessen Schlamassel aus Brettern und Kochgeschirr im Schutz einer überdachten Mauer ist mir bereits tags zuvor aufgefallen. Streetfood mit Merlot, Gnocci à due formaggi und Kampot Pfeffer – La dolce vita wo man es am wenigsten erwartet. Gegenüber zieht jemand das Garagentor hoch. Ein raumfüllendes Stereosystem kommt zum Vorschein. Auftakt zum Ein-Mann-Karaoke. Für den Rest des Abends dröhnen klebrig süsse Liebesschnulzen durch die Gasse.

Mobilfunkanbieter Metfone meldet mir via SMS, dass weder betrunkenes Fahren, noch Drogen zu empfehlen sind. Kein Absender. Kein „Freundlicher Gruss, Ihre fürsorgliche Telefongesellschaft“. Nichts. Am kommenden Abend kontrollieren die Ordnungshüter. Kürzlich sind neue Gesetze in Kraft getreten, wird mir mitgeteilt. Neu dürfen nur noch drei Leute gleichzeitig auf einem Motorrad fahren. Auch die Helmpflicht werde nun strenger geahndet. Ich bin zwar alleine unterwegs, jedoch ohne Helm. Grundsätzlich ist jedem klar, die erste Trillerpfeife kann getrost ignoriert werden. Die zweite ist reine Empfindungssache. Bei der dritten, sollte man vorsichtshalber anhalten und die 4-Dollar Pauschale abdrücken. Während ich das Geld zusammenkrame, torkelt ein betrunkener Hippie mit den obligaten 4 Dollar zum Bussenpult. Mehrmals wird ihm erklärt, wie das mit dem Daumenabdruck funktioniert. Der Clou? Jederzeit könnte er sich mit „Trinkgeld“ aus der brenzligen Situation kaufen. Trinkgeld, nicht Bestechungsgeld nennen sie es zumindest die Expats. Die Polizistenzunft in dieser Ecke der Welt nimmt gerne an, sie ist ein grosser Teil der Puk roluoy“ (Khmer für Korruption) – wer will es ihnen verübeln. Die wenigsten haben eine Hochschulausbildung und verdienen ungefähr gleich viel, wie eine ambulante Strandmasseuse. (Nicht, dass ambulante Strandmasseusen keinen achtbaren Beruf gewählt hätten.) Mickrige Tages- oder Monatslöhne sind Kambodscha-Alltag. So schlängeln sich die meisten Polizisten eben mit Trinkgeld durchs Leben. Und wer gut ist, kann Korruptionskarriere machen. Nicht weit entfernt raste kürzlich ein Betrunkener mit seinem Lexus zuerst in ein geparktes Auto und dann in einen schlafenden Tuktukfahrer. Der Familie des Opfers werden 2’000 Dollar Trinkgeld überwiesen.

Nach dem üblichen Besuch beim hängenden Reifen fahre ich die Umgebung ab. Ein Blick über den Lenker; selten gesellt sich Salz- und Pfefferplantage so nah zueinander. Eine Hand voll türkis angemalter Fischerboote schaukelt fotogen im Wasser. Reisbauern hocken, gucken und tratschen. Es hat mich immer geärgert wenn reiche Westler das harte Leben selbstversorgender Farmer romantisieren, ich selbst bin dem nicht gefeit. Aber hey, wenn ich die Leute beobachte, wie sie die Welt betrachten, sie lassen mich immer mit dem gleichen Gefühl zurück. Dass sie etwas haben, dass ich nicht habe. Neben Kep liegt ein vielversprechendes Inselchen von überschaubarer Grösse. Mit mir an Board sind einige Khmer. Unter anderem Dalan. Sie kommt das erste Mal raus aus ihrem Dorf für limitiertes Insel-Feeling. Die Bootsfahrt inklusive fünf Stunden Aufenthalt auf „Rabbit Island“ kostet sie 10 Dollar – Ein stolzer Preis für Khmer-Verhältnisse. Mir fällt ein kürzlich publizierter Zeitungsartikel über Leonardo di Caprio ein. An einem Tag Ferien lasse Leo rund 70’000 Dollar springen. Für Insel, Koch und gediegenes Ambiente. Ich wäge ab, ob ich Dalan davon erzählen soll und spreche stattdessen das Wetter an. Rabbit Island hat eigentlich nichts zu bieten. Ein Grund mehr herzukommen? Strom gibt es nur sporadisch und die Monsunwolken scheinen vorzugsweise hier zu bersten. Reisende lassen sich derzeit selten blicken. Ab dem zweiten Tag wird meine Anwesenheit ignoriert, der Generator gar nicht mehr eingeschaltet. Also mittels Stirnlampe lesen und aus dem Fenster schauen. Schauen wie meine fünfköpfige Gastfamilie dicht aneinander gekuschelt die gleiche Matratze teilt. Die meisten Khmer haben notgedrungen einen ausgeprägten Familienzusammenhalt. Jeder bekommt von klein auf Dienstgrad und Verantwortungsbereich zugewiesen. Erstgeborene trifft es am härtesten. Sie sind für die Eltern verantwortlich. Schulbildung ist eine Zukunftsinvestition, sie soll lebenslang Rendite abwerfen. Für die Jugend eine finanzielle Bürde sondergleichen. Selten bleibt etwas übrig. Je länger ich die Kuschelszene betrachte, je mehr rührt sie mich. Der kleine Röhrenfernseher flimmert entspannt im Hintergrund. Modernes Opium, es wiegt selbst hier die Leute in den Schlaf.

Zurück in Kampot. Ich habe ich einen kleinen Endorphin-Booster. Johannes, ein deutscher Tausendsassa, erzählt mir vom Woman-Yoga ein paar Häuser weiter. Männer ausgeschlossen, ausser in der ersten Morgenlektion. Eine gute Gelegenheit für meine erste Yoga-Klasse als Single. Ein Schild mit den Worten „ a refugee for women’s transfirmation“ begrüsst mich am Eingang. Hört sich so an, wie es aussieht. Als ich hereinkomme befinden sich bereits fünf Mädels in Adho Mukha Svanasana (der Hundeposition). Geschmeidig führt uns die Yoga-Lehrerin durch die eineinhalb Stunden. Ich entscheide noch während dem räkeln, dass ich einen schattigen Baum zur Entspannung vorziehe. Adho Mukha Svanasana sieht bei mir einfach nicht ordentlich aus, und nebenbei stossen die motivierenden Weisungen auf innige Ablehnung. Ich habe bis heute noch nicht verstanden, ob es die Weisungen generell sind, die mich irritieren oder die Atmosphäre in der Weisungen ausgesprochen werden. Selbstständiges Wirbeln macht glücklich, ob beim Entspannen oder bei der Arbeit. In Brasilien lernte ich von Désirée, einer „Maluca“ (Verrückte), wie das so läuft mit den modernen Wanderjahren. Maluca verkaufen vorwiegend selbstgebasteltes Kunsthandwerk und überleben von Tag zu Tag. Gefällt der Ort nicht mehr, ziehen sie woanders hin – Keine Weisungen, wenig Verpflichtungen. Habe ich Désirée insgeheim beneidet! – Meine Selbstständigkeit fängt offiziell heute an. Mit digitaler Post, darin enthalten die Nachricht, dass eines meiner Bilder ein schweizer Magazincover zieren wird. Wenig später, die Anfrage aus Australien. Eine Landschaftsaufnahme soll für eine weltweite Werbekamagne eingesetzt werden. Ab sofort nenne ich mich „International Freelancer“. Aus free (frei) und lance (Lanze) – Früher die Bezeichnung für einen Söldner, der nach Beendigung der Kreuzzüge seine Dienste offerierte. Jedem der Münzen rausrückte. Als Schweizer Erbe darf ich also aus Erfahrung reden. Das können wir. Die Gefahren haben sich seither leicht geändert; schlechtes WIFI, Firewalls, Trojaner, Speichergrenzen und yxdfxxxxxxxx……., uups, eingeschlafen. Kann passieren, denn ein „International Freelancer“ mit mobilem Büro bleibt bis spät abends wach und klimpert auf der Tastatur. In der Bar. In der Hängematte. Auf einer Insel. Oder in der Hängematte neben der Bar auf einer Insel. Asien machts möglich. Nach einigen Reisejahren, krempel ich das Konzept „Ferien“ um. Ab sofort nehme ich mir Ferien um zu arbeiten.

Die Tage in Kampot plätschern dahin. Ich erkenne mit Verwunderung, dass ich bald drei Wochen hier bin und mir eine neue Komfortzone eingerichtet habe. Heute ist Wochenende und die Parties gehen steil. „Steil“ während der Monsunzeit bedeuted, es kommen knapp 15 Leute. Mehr ist jedoch auch nicht nötig. Phanat gesellt sich zu mir. Der Junge Khmer kam unlängst aus Kalifornien zurück und will nun hier bauern. Seine Besinnung verwundert, stehen ihm mit Englisch und abgeschlossener Ausbildung doch einige Türen offen. Phanat jedoch will Kamodscha in ein Biofeld verwandeln. Früchte mit verdorbenen Früchten füttern. Der von Chemikalien zermürbte Boden brauche nur ein bis zwei Jahre zur Regenerierung. Die Farmer wüssten das nicht und ausserdem würden die wenigsten von ihnen ein Jahr ohne Ernte überleben. Ich hätte so viele Fragen, komme aber nicht dazu sie zu stellen. Denn Elly balzt um Aufmerksamkeit. Famous sei sie. Wir kennen uns keine zehn Sekunden. Famous dank Bollywood. Ausgestattet mit Schauspielkünsten sondergleichen. Notabene werde kein Film mehr ohne sie gedreht. Ich hake nach. Sie tänzelt im Hintergrund, Zur Sprecherrolle habe es noch nicht gereicht. Ich erinnere mich gut an einige Bollywood-Streifen, in den meisten schiessen um die 100 Statisten durch das Bühnenbild. Trotzdem freue ich mich mit Elly für ihre Berühmtheit. Der Job sei aber auch anstrengend. Eine harte Woche habe sie hinter sich. Koks und Meth in den Clubs von Phnom Penh, wenn ich wüsste was sie meint. Der belgische Bäcker Patrick frägt mit lahmen Sarkasmus; „Wie sie es denn geschafft habe so famous zu werden?“ Keine Antwort, Elly verabschiedet sich, sie muss morgen früh zu einem Shoot in Mumbai. Patrick geht auch, die Backstube ruft. So ist das eben. Würde man zehn Menschen ausserhalb des indischen Subkontinents zur Wahl stellen: Berliner oder Bollywood? Mindestens neun würden den Berliner wählen. Langsam trudelt auch der Rest nach Hause. Ein Grauhaariger mit einem dreimal jüngeren und dreimal kleineren Khmer-Mädchen ist noch da. Ein Taxi Girl, eine, die er sich beim herumhuren geangelt hat. Wieso nur muss der weisse Mann fortan in arme Länder reisen um sich auf billigste Weise Selbstwertgefühl zu erkaufen? Immerhin ist Vincent noch präsent. Ein halbes Leben hat der Franzose den Restaurantgästen dieser Welt geopfert und nun steht der Ex-Kellner vor seinem grossen Traum. Ein Guesthouse mit Flusszugang. Grenzenlose Freude. Bis heute – Neben seinem kleinen Grundstück ist die Singlegende Kambodschas eingezogen. Es besteht ernstzunehmender Verdacht, dass der Sänger Vincents Land will, wahrscheinlich um seine zehn Autos zu parkieren . Khmer-Freunde raten ihm besser sofort zu verkaufen. Sonst habe er die Polizei auf den Fersen. Die Popikone gibt einfach mehr Trinkgeld.

Ein guter Tag, denke ich mir, dann fällt die Gangschaltung wieder ab. Kürzlich notierte ich mir einen Satz: „Fear a fear and it shall come upon you (was du fürchtest, soll über dich kommen)“, so sagen sie in Thailand. Genug Billigreperaturen! Ich suche nach dem weisesten, ältesten und begabtesten Selfmade-Mechaniker, den Kampot zu bieten hat. In einem unscheinbaren Hinterhof etwas ausserhalb finde ich ihn. Weise liest er gerade Zeitung in seiner Garage, oder Wohnung. Meine Gestik lässt erraten, ich will eine nachhaltige und saubere Lösung. Jetzt! Der Weise holt das übliche Operationsmaterial, einen Hammer und einen Schraubenzieher. Analysiert und hämmert fröhlich drauf los. Ich gehe spazieren. Unweit von dem Schuppen liegt eine Moschee. Fein säuberlich getrennt leben die Buddhisten links von der Strasse, die Muslime rechts. Es herrscht gute Stimmung für einen Moschee-Freitag. Zu gut. Ich gehe auf Inspektion. Salam aleikum! Razaki blickt interessiert, und bittet an den festlich gedeckten Tisch. Seine Schwester wurde soeben verheiratet. Die meisten meiner Tischfreunde sind Lehrer oder Fischer. Fischer, die jeden Tag um 5 Uhr Nachmittags hinaus aufs Meer kuttern. Um morgens um 6 Uhr Kampot mit frischem Fang zu versorgen. Ich werde gefragt, ob ich wegen den hübschen Khmer-Girls schon so lange hier bin. Razaki selbst dürfe ja offiziell vier Frauen haben. Tja, das schon, aber nur wenn er zu beiden gleich grosszügig ist. Ich habe bisher nur relativ wenige getroffen, die nur schon eine meistern können. Razaki stimmt zu. Eine Frau ist genug. Stunden nach dem Hochzeitsessen verabschieden sich die meisten ins Chutba, zur Freitagsrede des Imam. Nebenan sprudeln vermummte Kinder aus der Schule, einige auf dem Weg zum Flussufer, wo sich zwei Rudertaxis um das Fahrtengeld streiten. Ich bezahle die obligaten zwei Dollar für meine angeflickte Gangschaltung und ziehe weiter.

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Nach Sihanoukville. Oder besser, kurz vor Sihanoukville. Erneut Polizeikontrolle. Diese Situation ist eine Reinkarnation von Millionen polizeilichen Trinkgeldsafaris im Land. Nur dieses mal gibt es kein leichtes Entfliehen. „Smoke?“ Der Polizist fummelt nach meinen Hosentaschen. Mit unschuldiger Eleganz gleitet ein kleines Zauberbeutlein von Tasche zu Tasche. Es ist wie bei Trickdieben, mit drei Bechern und einer Kugel. Während ich noch überlege wie hoch wohl das Trinkgeld ausfallen muss, schnappt sich der kecke Wachmann die richtige Tasche und somit den Jackpot. „Ooouh“, freut sich mein Gegenüber, als ob er Onkel Dagoberts Safe entdeckt hat. „No good, this illegal in Cambodia“. Ich werde über die Folgen eines Polizeireports instruiert. Eine Nacht auf der Pritsche ihres Postens, 1’000 Dollar Busse und … Und Schlimmeres, das würde jedoch die kambodschanische Justizbehörde mit der Schweizer Botschaft ausmachen. Anscheinend besteht auch die Möglichkeit auf eine Ausschaffung in Handschellen – So zumindest präsentiert es mir sein Mobile-Video von einem handgeschellten und grimmig dreinschauenden Briten. Das müsse jedoch alles nicht sein. Ich schlage vor, dass wir zum Punkt kommen. Etwas „happy“ solle ich zahlen. Auf dem Weg zum Rest des Gefolges hatte ich bereits 40 Dollar in einer Hemdtasche verschwinden lassen. Zwei frisch vom ATM gezapfte Hundertdollarscheine sind sicher zwischen Kreditkarten versteckt. Ich lege 30 Dollar auf den Happy-Tisch. Sie lachen, ich lache. Wir alle lachen zusammen. Es ist wie beim Poker, nur das bei Spielbeginn die Einsätze unfair verteilt sind. Nach weiteren Bluffs und Untersuchungsrunden werden meine zwei Hunderter entdeckt. Sofort ist klar, dass diese unter dem Happy Tisch verschwinden. Ich interveniere, es wäre wie Geld von den eigenen Leuten nehmen. Geld, das dem Ferienbudget fehle und somit nicht mehr an Team-Kambodscha ausgegeben werden kann. Kein Täuschungsversucht, reine Logik. Es folgt eine Rücksprache mit dem Chef – Ein älterer, gut genährter Polizist. Er durchstöbert gerade mit hochgelagerten Beinen kompetent seinen Facebook-Feed. Der erfolgreiche Schatzjäger flüstert zu ihm ins Ohr. Wahrscheinlich etwas wie; „Weisst du, ich mag ihn, er ist irgendwie anders als die 57 anderen, die wir heute bereits abgezogen haben. Lassen wir ihn mit der Hälfte ziehen, okay?“ Kurz darauf verschwinden 100 Dollar – „Okay, you go. You happy, me happy.“ (Ich werde später lernen, dass 200 Dollar für einen Jackpot das Minimum ist, je nach Opfer wird bis zu 800 Dollar verlangt).

Sihnoukville hat viele Gesichter. Nach Kambodschas Öffnung 1997 kamen die ersten Rucksacktouristen in die Hafenstadt. Sie berichteten von Trümmern und von Kugeln durchlöchertem Gemäuer. Nachhaltige Geschenke der Khmer Rouge. Einst ein Hort der Entspannung für die gesellschaftliche Elite, mutierten Sihnoukvilles idyllische Strände in menschenleeres Ödland. Mit der Öffnung trudelten laufend mehr Ausländer ein, um mit ihren geplünderten Rentenkassen Bars und Restaurants zu eröffnen. Auch viele Pädophile kamen, um die erschwinglichen Kinder abzugreifen. Zum Glück sieht die Russenmafia mittlerweile zum Rechten. Sören war von Anfang an dabei. Der Finne erlebte eine Zeit, in der man am Strand für einige Dollar Rentengeld eine AK-47 leerballern, oder in den Shooting Ranges mit Panzerfäusten nach Kühen schleudern durfte. „Eine unvergessliche Zeit“, sinnt Sören. Ich nicke verständnislos und fahre zur Otrez Beach. Steige ab, für drei Dollar die Nacht. Dafür darf ich meine Privatsphäre mit einem Dutzend netter Menschen teilen. Die Hälfte unter 20 Jahren, auf dem Bett neben mir liegt sogar ein Teddybär. Wieso nur, tue ich mir das immer wieder an? Trotzdem treffe ich jemanden, der meinen Geist anfeuert, meine Geduld, meine Fähigkeit still zu sitzen. Nur zu sitzen und zu akzeptieren, dass es nicht um den Gesprächsanteil sondern ums Zuhören geht. Christoph aus Nizza, Lehrer für pubertierende Franzosenkinder, 40 Jahre alt und Autist. Auf einem Trip durch Südostasien, angespornt von einem Impuls, einem heftigen Verlangen – der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Viele Autisten haben eine „Inselbegabung“ (das Savant Syndrom). Christophs Inselbegabung ist das Aneinanderreihen von Worten, das filigrane Verpacken von Satzgliedern. Bald wird sein zweites Buch erscheinen. Die Geschichte über ein bewegtes Leben, die Behinderung, seine autistische Freundin und den Selbstmord seines Kumpels. Erzählungen ohne roten Faden trudeln auf mich ein. Dabei rollt er eine Tüte. Ganja dämme seinen sprudelnden Kopf und verhilft zur inneren Ruhe, zu klaren Gedanken. Christoph ist das erste Mal in seinem Leben alleine unterwegs. Während er mir erzählt, mit was für Gefahren ein Autist auf Soloreise konfrontiert wird, erreicht ihn eine Nachricht aus der Heimat. Vor wenigen Stunden pflügte ein IS-Terrorist mit einem Lastwagen die belebte Promenade des Anglais. Um die 100 Ungläubige, genussfreudige Franzosen und sonnengeile Touristen werden überfahren. François Hollande verlängert den Ausnahmezustand. Ich lasse Christoph einige Leute anrufen. Er verabschiedet sich nicht ohne eine dicken Umarmung, eine Marke Bruderliebe: „Die Aufmerksamkeit, unser Gespräch sei äusserst wichtig für ihn gewesen“.

Gelegenheit macht Diebe. Die Gelegenheit? Ein Ausländer auf etwas mit Rädern. Die Diebe? Das Polizistenpack. Auf dem Weg zum vietnamesischen Konsulat, darf ich insgesamt drei mal rechts ran fahren. Anhalten, absteigen, auspacken. Mein abgelaufener Internationaler Führerschein ist mir dabei nicht gerade hilfreich. Gar Grund genug für ein paar Happy-Dollar. In der ersten Kontrolle gebe ich Bescheid, dass ein neuer Internationaler Führerschein in Bangkok auf mich wartet und ich gerade auf dem Weg dorthin sei. Sie würden bestimmt verstehen, dass ich dem kambodschanischen Postsystem misstraue. Obwohl bereits ein halbes Dutzend Postbüros im Land den Betrieb aufgenommen haben, nutzt die Bevölkerung lieber den privaten Service. Und der funktioniert so: Der Sender startet eine Telefonkette. Der Minibusfahrer, welcher gerade Zeit hat, nimmt das Paket beim ausgemachten Treffpunkt entgegen und chauffiert es in die richtige Richtung. Beim Zwischenstopp schnappt der nächste bereitwillige Fahrer die Sendung, macht das selbe oder übernimmt die Feinverteilung. – Die Polizei nickt verständnisvoll. „You pay little money“. Der Motor startet, das Sackgeld haut ab, klagende Rufe hallen nach. Nur die Staubwolke im Gesicht der Polizei fehlte. So oder so ein befreiendes Gefühl, eines von intensiver und rebellischer Natur. Bei der nächsten Kontrolle, wiederholt sich das Spiel. Bei der Letzten bleiben sie stur. Ich verlange nach einer „sombot“ – (einer Quittung) für die Bagatelle. Beschämt erkenne ich, dass mir nach zwei Monaten Kambodscha nur fünf Khmer-Wörter geblieben sind; „Hallo, Wie geht’s, Danke, Cheers und Quittung“. „Sombot“ hilft insofern, da dann ein Standardformular mit Standardpreisen ausgehändigt wird. Scheint der Standardpreis zu hoch, darf über Bestechungsgeld diskutiert werden. Die Polizei rechnet jeweils kurz durch, was für beide Parteien das Beste ist. In der Phnom Penh Post hiess es kürzlich, dass die Polizisten 70 Prozent vom allen eingesammelten (und per Quittung bewiesenen) Bussgeldern behalten dürfen. Quasi ein Trick um die eigenen Leute zu ehrlicher Polizeiarbeit zu bewegen und dabei mehr zu verdienen. 70 Prozent für den Korps, 25 Prozent für den Posten und 5 Prozent fürs Finanzamt. Fazit nach sechs Monaten Feldstudie: Die Corpus Delicti nehmen dramatisch zu. Welch Überraschung?! Jetzt gibt es also noch mehr Gründe, auf der Lauer zu sein. Mir kommt ein Gespräch mit dem Brasilianer Pedro in den Sinn. Wir hatten kürzlich die Gefährdung von Pokémon Go Spielern in Rio de Janeiro analysiert. (Virtuale Realität für das Mobiltelefon, worin die allseits beliebten Pokémon durch die reale Umgebung des Spielers gehetzt werden.) Der Diebstahl von Mobiltelefonen hat sich in Rio innert wenigen Tagen verdoppelt. So ist das eben, in Rio fürchtet man Langfinger und in Kambodscha die Schmierfinger.

Ich verschanze mich auf Koh Rong Samloem. Auf der kleinen Insel gibt es weder Polizeikontrollen, Selfmade-Mechaniker, noch Internet um Schreckensmeldungen zu empfangen. Um Abstand zur Gesellschaft zu gewinnen, kann ich grundsätzlich nur folgendes tun: Sie von aussen betrachten und soziale Inkompetenz vorspielen – Könnte man zumindest so deuten. Pausen finden eben auch im Kopf statt. Ich liebe es geradezu, für mich zu sein und dabei Gesellschaft zu haben. Ich schreibe es als Einzelkindsyndrom ab. Koh Rong Samloem: ein kleines Paradies am Golf von Thailand, wo selbst Leonardo di Caprio auf seine Kosten käme (weitaus günstiger wahrscheinlich). Dass die Insel dem Militär gehört, stört anscheinend niemand. Weiss auch keiner. Wie auch? Es ankern keine Flugzeugträger im kristallklaren Wasser. Nicht einmal Soldaten auf tarnfarbenen Bananenbooten flitzen vorbei. Ich bleibe fünf Nächte, geniesse die Ruhe und rotiere durch das Angebot an weissem Pulversand, versteckten Sonnendecks, Schaukeln und Hängematten – Ab und zu streunt ein Rudel Chinesen, meist zum Massenbaden, oder für ein Kussmund-Selfie auf einer Barke. Täglich zaubert der Monsun ein anderes Wolkenspektakel, aber erst nach den farbintensiven Sonnenuntergängen zeigt sich das eigentliche Highlight. Sobald die Finsternis über den Garten Eden hineinbricht, gehört das Meer dem Plankton (altgriechisch für das „Umherirrende“) – Die Mikroorganismen irren überall, stehen nie still, tauchen schlagartig auf und verschwinden unverhofft. Durch sanfte Bewegungen im Wasser glitzert es entlang dem ganzen Körper. Ich tauche ab und gleite mit offenen Augen durch ein verschwommenes Feuerwerk.

Am Pier von Sihanoukville. Ary gestikuliert das Zeichen für einen motorisierten Ausflug: Arme lässig nach vorne ausgestreckt, die rechte Hand eine Drehbewegung repetierend. Ich sitze hinten auf. „You go bum bum?“ Kaum weg von der Insel hat mich die Realität wieder. Ich; der weisse Mann, zurück vom faulenzen. Was kann der schon wollen nach einigen Tagen Abstinenz von den Sünden des kambodschanischen Festlands – Klar! Er will ins Puff. Wie bauernschlau. Ari formt ein kleines Loch mit der linken Hand – in Kambodscha seien sie klein. Ich bestehe darauf, vorher beim vietnamesischen Konsulat vorbeizuschauen. Ary setzt das typische Khmer-Lächeln auf und übergibt mir eine Kappe, einen Helm. Etwas, dass schon flüchtig zehntausend andere Köpfe beschützt hat, wohl hauptsächlich vor Happy-Gebühren. Wir düsen los.

Zur Bildgalerie von Otrez Beach & Koh Rong Samloem (nichts für Leute mit schwachen Nerven)

Trinkgeld-2

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