„Wenn man sich erst einmal auf den Weg gemacht hat, entwickelt die Reise ein Eigenleben und liefert uns je nach unserer Neugierde, unserem Staunen oder unserem Aufbegehren genügend Gründe, um sich anderswo umzusehen. Was ganz besonders für die Reise in Asien gilt.“

Nicolas Bouvier

Musik? 

Same same (but different) sagen sie hier. Eine überirdische Floskel, komplett richtig und völlig falsch. Die Ironie liegt in der Interpretation. Nach etwas mehr als einem Reisejahr in den verschiedensten Ecken Asiens, ist mir bewusst, ein Wahrheitsmonopol für das „Konzept Asien“ sucht man vergebens. Was heute als selbstverständlich verklärt wurde, steht morgen wieder Kopf. Asien ist mit einer logischen und gleichzeitig abstrakten Logik gepudert. Die amerikanische Kulturanthropologin Cora Alice DuBois wagte es vor ungefähr 60 Jahren die Menschheit mit einen neuen Begriff zu konfrontieren. Der „Kulturschock“. Ein schockartiger Sturz aus der Euphorie in das Gefühl, fehl am Platze zu sein. Einst ein unbenanntes Privileg für Entdecker, neu ein alltagskompatibles Zauberwort für den Reisejargon. Denn Kulturschocks sind erschwinglich geworden. Gerade Asien bietet uns Suchenden erstaunlich viel Angriffsfläche. Selten liegt das Gefühl, sich verloren zu fühlen und Teil von allem zu sein, so nahe beieinander. Asien reflektiert – Wer sich einlässt, wird bereichert. Wer quängelt, wird ignoriert.

Grenze zu Kambodscha, irgendwo im Norden. Aufstellen zur Gesundheitsinspektion. Ich kreuze zum Spass „Womiting“ an (sporadische Magenentleerung) sowie „fiever“. Schon schnellt die Temperatur-Messpistole hoch. Negativ. Ein Dollar wäre zu entrichten. Kaum eine Zehe ins Land gesetzt, darf ich bereits einen hochklassigen Schachzug zur Arbeitsbeschaffung miterleben. Die Weltbank schrieb kürzlich in einem Bericht, dass Kambodscha innert nur sieben Jahren ihre Armutsrate halbiert habe. Kreativität ist ein wichtiger Teil der Überlebenskunst, diese wird begünstigt von der Armada an NGOs. Trotz Menschenrechtsverletzungen, einer maroden Justiz und massiver Korruption wird eine Milliarde Dollar an Spenden jährlich in Kambodscha gepumpt. Kürzlich erschien der Global Peace Index 2016. Kambodscha belegt Platz 104 von 163 gelisteten Ländern. Die Meldung lässt staunen, denn Armut ist selten mit Gewalt oder Schurkerei gleichzusetzen. Seit dem Umsturz von Pol Pot’s Herrschaft des Fegefeuers trottet das Land gemächlich in Richtung Demokratie, stets ein Blick Richtung Myanmar, das grosse Vorbild in punkto Umbruch. Die nächsten Monate führen mich in die verschiedensten Landesteile Kambodschas, zu seinen Alltagshelden und zu seiner finsteren Vergangenheit.

Verwaschener Horizont über Stung Treng. Kurz bevor der Minibus losfährt, schenkt mir der Tag Nhek. Ein Kambodschaner mit Hoh Chin Minh Zottelbart und leuchtenden Augen. Ich ertappe ihn mehrmals inflagranti beim Bewundern der vorbeiziehenden Welt. Eine Welt, die er nicht kennt. Sein Vater, ein gutbetuchter Konsulatangestellter, hatte Insider-Wissen über den drohenden Sturz von Lon Nol’s korrumpierter Regierung und somit der Start zum lange geplanten Rachefeldzug gegen jeden, der Geld, Wissen, Bildung oder ein wenig von allem hat. Mitte März 1975, täglich fährt Vater mitsamt Familie zum Flughafen von Phnom Penh. Nach einer Woche werden dem dreijährigen Nhek, seinen Eltern und seinem Bruder die Ausreise gewährt. In einem der letzten Flugzeuge, welche die Hauptstadt verlassen. Zwei Tage später wird allen khmang (Feinde der Khmer Rouge– alias die eigene Bevölkerung) befohlen Phnom Penh innert 24 Stunden zu verlassen.

Das Radio sendete in voller Lautstärke „Diesmal sind wir die Sieger. Nicht wegen der Verhandlungen, sondern wegen den Waffen. An alle Marionettensoldaten: Legt eure Waffen nieder und ergebt euch mit gesenkten Köpfen. Wenn ihr euch weigert, wird Angkar euch nicht vergeben!“

Vann Nath, Überlebender

Dann macht die Khmer Rouge den Laden dicht. Keiner geht mehr raus, niemand will mehr rein. Die sich ergebenden Marionettensoldaten sowie ein Drittel der kambodschanischen Bevölkerung werden während der kommenden fünf Jahren hingerichtet – darunter Ärzte, Rechtsanwälte, Lehrer, Studenten, Musiker, Künstler, Mönche, Nonnen, Brillenträger. Pol Pots neuer Mensch soll Bauer sein, ungebildet und klassenlos zu Kreuze kriechen. Die Nationalbank in Phnom Penh wird gesprengt, das Geld abgeschafft. Das Jahr 0. Seither lebt Nhek in einem Vorort von Montreal als gezwungener Wahl-Kanadier. „Würdest du an deiner Vergangenheit etwas ändern, wenn du könntest“, frage ich Nhek. Lange sinnt er nicht. Er hätte mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen sollen. Um die Familie zu ernähren, schuftete der Neuankömmling die letzten drei Jahrzehnte in Kanadas Fabriken. Energie, ein limitiertes Gut. Täglich vertröstet Nhek seinen Erstgeborenen: „Jetzt nicht spielen – später – morgen vielleicht.“ Nun sei der Junge in der Pubertät, die Dinge laufen anders. Die Kindheit der Nachkommen zu verpassen – eine moderne westliche Sitte, auf welche die meisten Kambodschaner mit vehementem Kopfschütteln reagieren würden. Denn hier sind die Kleinen stets mit dabei – auf den Rücken festgeschnallt, in einer Hängematte hinter der Verkaufstheke deponiert und in vielen Fällen bereits als Mitarbeiter des Familienbetrieb engagiert. Nhek verabschiedet sich mit einem herzlichen Khmer-Lächeln und zieht weiter Richtung Dschungel: „Take care Mr. Claudio. I like you, you’re like a leave in the wind“.

Ein Blatt, dass es gerade durch Banlung weht. Gibt es bewegendere Dinge beim Reisen, als durch eine fremde Stadt zu flanieren und zu schauen, was sie zu bieten hat? Mekong Erkunder Francis Garnier schrieb einst in seine Memoiren: „A day without an emotional experience is a disappointment“. (Ein Tag ohne ein emotionales Erlebnis ist eine Entäuschung.) Fremde Orte geizen selten mit emotionalen Erlebnissen. Der zerzauste Ruf eines Gockels von der Spitze eines Misthaufens, das ehrliche Lächeln eines Zahnlosen von links, von rechts das euphorische „hello“ kleiner Schönheitsprinzessinnen. Wie simpel und zeitlos solche Glücksmomente sein können. Ein Abenteuer zeichnet sich ab. Kürzlich habe ich erfahren, dass in Vuen Sai nördlich von Banlung Flossbauer ihr Unwesen treiben. Mittels purer Manneskraft den kambodschanischen Teil des Mekong durchqueren? Ich starte „Operation Bambusfloss“. Meine Nachforschungen führen mich zu Narim. Der 36-Jährige war Übersetzer für die lokale Interessengemeinschaft und das Damm-Projektteam aus China. Ein Damm, der mein Vorhaben bereits frühzeitig zum scheitern verurteilen könnten. Narim wohnt etwas ausserhalb, in einem selbst gebastelten Holzschuppen à zehn Quadratmeter. Mehr könne er sich derzeit nicht leisten. Vor einigen Monaten hat seine Frau die Scheidung gefordert. Die Zeiten in denen der Tod eine Beziehung scheidet, sei anscheinend auch in Kambodscha vorbei. Narim erwähnt die Zwangsehe seiner Eltern, initiiert von der Khmer Rouge. Jeglicher Widerstand wäre mit einem sicheren Platz in einem der ungefähr 20’000 Massengräber belohnt worden. Selten ist die Wahl so erschreckend einfach. An besonders geschäftigen Tagen wurden bis zu 100 Paare gleichzeitig verheiratet, insgesamt 250’000 Zwangsehen wurden während 1975 und 1979 arrangiert. Seine Eltern seien jedoch immer noch zusammen und er habe es vergeigt. Da er keinen ordentlichen Job hat, sieht er die Felle immer weiter wegschwimmen. Derzeit sind Bewerbungsschreiben an alle möglichen NGOs unterwegs. Dazu schaut er täglich beim Geisterhäuschen vor seinem Bretterverhau vorbei, spendiert was Ess- oder Trinkbares, betet zu den Glücksgeistern für einen künftigen Erfolg.

Zu Dörrfisch, Aalsuppe und Angkor-Bier diskutieren wir über den Damm sowie die kambodschanische Politik. Denn in wenigen Monaten stehen Kommunalwahlen an. Ein Trugbild dem niemand so richtig traut. Denn Premierminister Hun Sen würde gerne den Rest seines Lebens im Amt verbringen und kambodschanische Riel scheffeln. Das trifft auch auf seine Söhne zu, die Media und Militär koordinieren. Weiteren Mitglieder der Sippe steht es offen, sich einen Platz innerhalb der Regierung zu kaufen. Dann wäre da noch der 63-jährige Samdech Preah Bâromneath Norodom Sihamoni, gegenwärtig König von Kambodscha. Nicht verheiratet, kinderlos und nebenbei Balletlehrer. Unter Beobachtung von einem ausgesuchten Medientross unterschreibt der Monarch alles, was Hun Sen vorlegt. Das die Wahlen getürkt werden, ist bereits beschlossene Sache. Da kann auch das „Anti-Corruption Unit“, oder die Kommunalbüros nichts bewegen – denn auch sie sind Lohnempfänger der Pyramiedenspitze. Geld kann und wird jedes Gesetz aushebeln. Die Oppositionspartei von Sam Rainsy kämpft mit der Unterstützung diverser NGOs an allen Fronten. Bisher erfolglos, Hun Sen lehnt den Dialog konsequent ab. Symbolisch für die gegenwärtige Skepsis bezüglich den Wahlen 2018 ist die „Black Monday“ Bewegung. Mit der Idee sich montags schwarz zu kleiden und friedlich zu demonstrieren, soll die Bevölkerung wachgerüttelt werden. Im Interview mit der Khmer Times warnt Militärchef Hun Manith (Sohn des Premiers) das Volk vor weiteren Demonstrationen. Bereits innerhalb der ersten Zusammenkunft schwarz gekleideter Demonstranten wurden von der Regierung Spione eingeschleust um Chaos zu sähen. Währenddessen formen sich via Facebook laufend mehr Gruppen (Kritiker, Revolutionäre, Linke). So hat auch Premierminister Hun Sen einen Account erstellt. Zu sehen in seinem Feed gibt es Strandbilder von ihm im Tanktop. Oder mit Cappy und Pilotensonnenbrille auf dem Golfplatz. Seither sollte offensichtlich sein, dass Hun Sen ganz ein cooler Typ ist. Quasi ein Mann fürs Volk.

„Ein Mann mit der Moral eines Mafia Don“, meint Narim. Hun Sen war Kommandeur der Khmer Rouge. Aufgrund ideologischer Auseinandersetzungen, setzt er sich 1977 nach Vietnam ab, formt eine Gegenpartei und kommt mit der Unterstützung der vietnamesischen Volksarmee zurück nach Kambodscha. Vietnam vertraut ihm. Er wird fest installiert (und kontrolliert). Geschützt wird der Premier durch ein 1’500 Mann starkes Ensemble aus Bodyguards – eine Spende des kürzlich verstorbenen Gummi-Baron Theng Bunma (die US Drogenvollzugsbehörde DEA hatte Theng unlängst auf die schwarze Liste gesetzt). Im Gegenzug durfte Theng Bunma sein Gummi befreit von Exportsteuer aus dem Land schaffen, inklusive den versteckten Drogen versteht sich. Diverse solcher Meldungen schlichen trotz Zensur ans Tageslicht. Wie der Anschlag auf den Kongress einer Konkurrenzpartei. Hun Sen liess verlauten, dass es eine Granatenattacke geben könnte (nicht „wird“, eher „könnte“). Er hätte, falls es tatsächlich einen Anschlag geben würde, jedoch nichts damit zu tun. Hun Sen hatte überraschenderweise Recht, es gab eine Granatenattacke auf das Sitzungszimmer – 16 Politiker starben. Wenige Zeit später erhält Hun Sen den Friedenspreis. Nicht den Friedensnobelpreis. Den Friedenspreis von der Institution WPC (World Peace Corps) in Südkorea. Eine Unternehmung von Baron Vaea, Prime Minister of the Tonga Kingdom and Commanding General of World Mongolians. World of Mongolians? Eine Farce sondergleichen, denn das Volk kennt keinen Unterschied zwischen dem Friedensnobelpreis und einem frei erfundenen Preis um den Möchtegern politisch zu stärken. Okay, alles lange her,  doch Intrigen, Korruption und tote Widersacher pflastern weiterhin den autoritären Weg Hun Sens. Vor wenigen Tagen wurde Kem Ley, Aktivist und Gründer der Grassroots Democracy Party, in einem Tankstellenshop erschossen. Er war unbequem, zu unbequem im Hinblick auf die kommenden Wahlen. Premierminister Hun Sen reagierte via Facebook auf den Tod des modernen Revoluzzers. „Ich spreche den Angehörigen von Kem Ley mein Beileid aus. Er wurde von einem Killer umgebracht. Ich verurteile diesen brutalen Mord“. Postskritpum, eine Leiche ist in Kambodscha nach wie vor für 50 Dollar zu haben.
Eine Blutrache am korrumpierten System? Vorstellbar. Narim hat Angst vor einem Bürgerkrieg, Kambodschas Bevölkerung hatte genug Elend erlebt in jüngster Vergangenheit. Wirtschaftlich gesehen, gäbe es keinen Grund zur Klage, Kambodscha hat ein Wachstum von knapp 8 Prozent (Europa liegt je nach Land bei 0-5 Prozent). Jedoch wandern gute 80 Prozent des Profits in die Hosentaschen von 3 Prozent der Bevölkerung. Die Zeit für eine Demokratie sei reif. Eine Demokratie, die auch unsinnige Dammprojekte verhindern könnte. Dammprojekte, die unter dem Druck leerer Versprechungen zu Zwangsumsiedlungen führen. Narim rät mir „Operation Bambusfloss“ abzublasen, die Bauarbeiten seien fast abgeschlossen. Kein Durchkommen. Sabong und seine Freunde schauen vorbei. Obwohl ich ahne, was mich erwartet, begleite ich die Bande zum KTV im Aussengürtel von Banlung. Karaoke in Asien kann wunderbar nach dem Prinzip same same (but different) bezeichnet werden. Es gibt gute Gründe, wieso sich viele Karaoke-Etablissments ausserhalb der Stadt befinden. Mann ist für sich. Keine Ehefrau vermutet einen hier. Ausserdem verlieren viele ihre Unschuld für knapp 30 Dollar an ein KTV-Girlie – Kein Grund sich zu schämen, Alltag bei den Khmer. Niemand käme auf die Idee, Puffbesuche zu verurteilen. Draussen wird kontrolliert, weder Handgranaten, noch Drogen oder Schmetterlingsmesser sind erlaubt. Kurze Frauchen mit Stöckelschuhen und im Ohr versteckten Funk-Audio-Übertragungs-Geräten weisen uns zu VIP Room Nummer fünf. Das Konzept ist kinderleicht. Eine Bildschirmwächterin wählt einen von zehntausend bittersüssen Khmer-Schnulzesongs, weitere Girls kommen in den Raum. Dieses mal sechs scheue Nutten. Gefällt eine, darf Sie bleiben und im Duett singen. Noch besser, mit jemandem tanzen. Ein herrliches Ambiente. Ein Ort, an dem Amerikas New School Hip Hop und Schranz-Techno noch nicht angekommen ist. Ein Ort, wo Käufer und Kunde noch Arm in Arm zu Herz erweichenden Khmer-Pop tänzelt. Wunderbar ironisch, denn dazu zeigt der überdimensionale Bildschirm die Liebesgeschichte der Protagonisten, total aus dem asiatischen Leben: Junge chatet mit Mädel, will ihre Telefonnummer speichern, sein Mobile hat kein Akku mehr, sie bringt ihm ein Ladekabel, aufladen und singen, Freundin ruft an, er fliegt auf, Duett und Ende.
Neuer Tag, neues Pech. Per Zufall treffe ich Dave beim Kaffee. Der Amerikaner ist Chefberater der NGO Rivers Protection Network 3SPN, eingestellt um Damm-Projekte zu stoppen. Ein aussichtsloses Unterfangen (leicht erkennbar an den leeren Bierflaschen neben seinem Frühstücksteller). Ich verlege „Operation Bambusboot“ nach Siem Pang. Minibus Reihe vier (vier Reihen à je fünf Personen – Kinder zählen nicht, die verstreuen sich quer drüber). Der Weg nach Siem Pang ist ein kambodschanisches Paradebeispiel schlechter Strassen. Alle fünf Sekunden wechseln wir die Seite um den Minibus vor dem Zerschellen in einer badewannentiefen Furchen zu schützen. Hier hat noch keiner der reichen Nachbarn eine Strasse finanziert. Nach drei Stunden und vielleicht 690 Schlaglöcher erreichen wir das verschlafene Fischerdorf Siem Pang am Tonle Kong Fluss. Plakate visualisieren dass Fische weder gesprengt noch elektrisiert werden dürfen. Ich mache Platz, denn ein zehn Meter langer Allesladen will vorbeirollen. Hinter mir schwingt eine Marktfrau  mittels Hängematte durch das Metzgerkabäuschen während ein selbst gebastelter Deckenventilator Fliegen vom Fleisch kräuselt. Eine technische Revolution, denn ihre rückständigen Nachbarn wedeln immer noch mit Plastikfetzen an einem Stock, den linken Fuss an der Wiege um ihren Spross ruhig zu wippen. Hinter der nostalgischen Szene grenzt ein geschütztes Stück Wald. Ich staune, dass es tatsächlich „geschützte“ Wälder gibt in diesem Land. Das sollte insofern Erwähnung finden, weil Hun Sen’s Regierung bereits 70 Prozent des „Holzhimmel Kambodschas“ schnellem Geld aus Vietnam geopfert hat. Stattdessen wuchern nun überall Gummibäume, Ölpalmen sowie Sojabohnen. (So nebenbei, ein guter Drittel aller Ölpalmen wird in die Schweiz geliefert – oder via Schweiz weitergehandelt.)

Weder ein Bambushalm noch ein unmotorisiertes Kleinboot steht zur Verfügung. Ich verschiebe „Operation Bambusfloss“ auf unbestimmte Zeit. Nach einer Stunde sind alle eingesammelt, wir fahren eine Ehrenrunde um jeden mit Essen zu versorgen. Und um einen Korb müffelnden Dörrfisch einzuladen.

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Ankunft in Siem Reap. Checkliste für die nächsten Tage: Zerfallene Khmer-Ruinen erforschen. Aber vor allem, ein Motorrad für die nächsten Monate in Kambodscha und Vietnam auftreiben. Nicht irgendeines. Die Win. Ein Stück japanische Ingenieurskunst, mit billigstem Material nachgebastelt von China um den vietnamesischen Markt zu versorgen. Zeitgleich reiten Graham und Dominique auf ihren Honda Wins durch Siem Reap. Ihre Checkliste für die nächsten Tage: Zerfallene Khmer-Ruinen erforschen. Und vor allem, ihre Motorräder loswerden sowie jemandem mit Boot-Trip-Know-How finden. Von den 700 Unterkunftsmöglichkeiten in Siem Reap haben wir uns die gleiche ausgesucht. Die beiden Kanadier wollen mittels eigenem Motorboot den Mekong abfahren, wir finden uns irgendwie sympathisch. Der Deal scheint absolut fair, so tausche ich nautische Kenntnisse, etwas Seemannsgarn und 250 Dollar gegen Dominiques Metallbestie (ihr Bike ist weniger kaputt). Noch traue ich mich nicht auf die Strasse, denn Dominique hat diverse Flächen mit einem femininen violett überzogen. Drei leere Spraydosen mit Gemeinschwarz 212 später kann es losgehen.

Zum Travelbuddy-Artikel von Siem Reap & Angkor

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Über staubige Pisten nach Battambang. Landflucht ist in Asien ein brisantes Thema, kaum eine Stadt kann dem schnell wachsenden Chaos Einhalt gebieten. Dennoch laufen die Dinge in Battambang etwas anders. Eine moderne Infrastruktur, Sauberkeit und Umweltbewusstsein wurden kürzlich mit dem „Clean City Award“ sowie dem „ASEAN Environmentally Sustainable City Award“ honoriert. Der laufenden Modernisierung fallen aber auch nostalgische Attraktionen zum Opfer. Bald wird der allseits beliebte Bambuszug „Norry“ abgeschafft. Ein Grund mehr, die Gaudi noch mitzuerleben. Frühmorgens flitze ich zum unscheinbaren Bahnhof. Im Hintergrund scherbelt mystischer Singsang – Ein buddhistisches Klagelied für die Trauerfamilie, deren zweijähriges Kind am Vorabend in einen Waschtopf gefallen ist und ertrank. Während zweiachsige Metallgestelle, Motoren und Bambusrahmen auf die maroden Schienen gehievt werden, schaut der ehemalige Immigrationsoffizier Yim zum Rechten. Beim gemeinsamen Tee zitiert Yim in lupenreinem Englisch Phrasen aus der buddhistischen Lehre. Sein Wörterarsenal verwundert etwas, denn Bildung sowie Religion war während seiner Jugend ein Tabu. Der alte Knabe plaudert über seine Vergangenheit als Mönch in einem Kloster etwas ausserhalb der Stadt. Wenig bevor Bruder Nummer 1 Pol Pot beschloss, dass sich Religion und Steinzeitkommunismus nicht vertragen und die blutrünstigen Grobiane seine Khmer Rouge systematisch alle Mönche wie Nonnen exekutierten. Etliche Klöster wurden in Gefängnisse oder Leichenhäuser umfunktioniert, der Buddhismus offiziell abgeschafft. Keinerlei esoterischer Firlefanz solle den Geist des „neuen“ Kambodschaners trüben. Yim hatte seine orangefarbene Robe gerade noch rechtzeitig abgegeben. Die folgenden Jahre verbrachte er gezwungenermassen auf den Reisfeldern um die utopischen Ertragsziele der Kommunisten zu erreichen. Nachdem Vietnam einmarschierte, war Englischunterricht weiterhin verboten – Battambangs Übergangsregierung schaute jedoch bewusst weg. In geheimen Gruppen wurde Englisch gepaukt. Wer erwischt wurde, den bestrafte der Fiskus anhand Körpergewicht, je mehr Kilos, desto mehr Riel wurden gefordert. Yim besuchte die privat organisierten Treffs regelmässig. Gleichzeitig werden diejenigen, die es nach Thailand geschafft haben, in den Camps weiter unterrichtet und kommen einige Jahre später entsprechend gebildet wieder nach Kambodscha. Als eine neue kambodschanische Regierung entstand, fiel auf, dass Battambangs Aspiranten deutlich besser abschnitten als der Durchschnitt. Viele NGOs bevorzugten daher Battambang als Rekrutierungsort.

Khem gesellt sich zu uns. Er ist hier um für die Transportdivision einige Bodenproben zu entnehmen. Wie lange Norry noch durch die Reisfelder preschen wird, weiss niemand. Bald sollen neue Gleise nach Poipet zur Thai-Grenze führen und Norry ablösen. Dank gut ausgebauter Strassen ist die Zeit ohnehin bereits passé, in welcher Schulkinder, Mönche, Bauern, Reissäcke sowie Vieh allesamt auf den Bambuszug getürmt wurden. Ich befrage Khem über Battambangs Geisterschienen, die sporadisch auftauchen, sporadisch in Beton übergehen. Die Antwort ist pragmatisch, sie wurden zerstört um die Khmer Rouge daran zu hindern bequem die Stadt zu erreichen. Ich nehme Platz bei Ra, dem Zugführer. Sofern ich richtig gezählt habe, hat er bereits drei Bier intus. Die Fahrt gleicht einer Achterbahn. Mit bis zu 50 Kilometer pro Stunde lottern wir entlang der eingleisigen Strecke. Begegnet uns ein anderes Gefährt, wird eines der beiden von den Schienen genommen und anschliessend wieder aufgeladen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, denn nach konstantem drängeln lässt Ra mich die sieben Kilometer zurückfahren.

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Einer der Hauptgründe für die Macht des historischen Khmerreichs ist der reichhaltige Tonle Sap, das grösste Binnengewässer Südostasiens. Wenig entfernt von den Ufern des Tonle Sap dümpeln diverse Dörfer. Eines davon ist das selten besuchte Kompong Luong. Um Kompong Luong mit Stil zu erkunden, tarne ich mich mit einem brüchigen Ruderboot. Zur Freude der Dorfbewohner – Jeder lächelt mir entgegen, alle paar Meter solle ich ankern, Schnaps trinken, oder einfach nur mein weisses Fleisch zur Schau stellen. Schwimmende Dörfer haben durchaus etwas besonderes, sie versprechen ein surreales Ambiente. Monsunwolken spiegeln sich auf der seichten Tunke während Marktfrauen die schaukelnden Häuslein abrudern. Spielzeug, Kleider oder frische Kost wechselt den Besitzer. Etwas entfernt bimmelt die Pausenglocke der Schule, kurz darauf springen die Kinder in ihre Boote und rudern um die Wette. Doch auch in Kompong Luong hat der Zeitgeist zugeschlagen. Während draussen Fischerboote tuckern, flimmern selbst in den vom Zerfall geplagten Holzhütten ein Flachbildfernseher. Auf dem Weg zum Billiardschuppen begegnen mir unzählige Showrooms für Mobiltelefone. Selten waren sich Moderne und Nostalgie so nahe. Ich vereinbare einen Termin mit Hung. Der Vietnamese schneidet Haare mit Aussicht auf das treibige Seeleben. Kürzlich las ich von Markteintritt des ersten In-Ohr Sprachübersetzers, welchen der verstorbene Schriftsteller Douglas Adams bereits vor Jahrzehnten in „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ erwähnte. Ein Gerät, dass jegliche Aliensprache im Nu übersetzen kann. Heute will ich einen, und ich wünsche auch Hung einen. Denn der selbsternannte Friseur versteht weder meine Gestik noch meine Mimik und zückt ein Bambusstöcklein mit festgeklebter Rasierklinge. Schroff arbeitet er sich durch das was einmal eine Frisur war. Etwas demoralisiert rudere ich an einem Pfalhaus vorbei, in dem eine Gruppe Kambodschaner sitzt. Und Lachsalven abfeuert. Penyutha ruft heraus und lädt mich spontan zu seiner Hauseinweihungsparty. Fünf Stunden und unzählige Bier später, versucht mich Penyutha wird seiner unverheirateten Schwester zu verkuppeln. Ich stelle mir vor, wie mein Leben in Kompong Luong aussehen würde. Welche Chancen, welche Gefahren lauern. Ich bedanke mich bei meinen mittlerweile schunkelnden Gastgebern und im gondle im Schutz von zwei, drei flackernden Glühbirnen durch die Nacht.

Inspiriert von den Ereignissen trödle ich ein paar Stunden in meinem Bett und meinem Kopf. Unter dem Vorwand, dass Reisen in den meisten Fällen Flucht bedeutet, entledigt man sich auf grausam billige Weise des Reisens und der Reisenden. Was hin und wieder stimmen mag, scheitert an intimen wie zeitlosen Tagen. Tagen wie dieser.

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Hinter Böen von Kohlenmonoxid und Staub ist bereits etwas Phnom Penh erkennbar. Nach vorne schnellen, hin und wieder auf den Gehsteig ausweichen, nicht selten Vortritt stehlen. Wer zaudert, wartet bis ganz Kambodscha an einem vorbeifährt. Und nur wer alle Sinne auf 360 Grad der unmittelbaren Umgebung konzentriert, wird heil sein Bett erreichen. Kambodschas emsige Hauptstadt ist eine Liebelei aus treibigen Strassen, kolonialem Touch und fader Fliessbandarchitektur. Ein kurzlebiger Moment. Denn jeden Tag wird sie etwas anders aussehen. Grösser, höher, austauschbarer. Seit der Vertreibung der Khmer Rouge im Januar 1979 begann Phnom Penh mit dem Wiederaufbau. Die aufs Land verbannte Bevölkerung wanderte zurück und hauste jahrelang in Baracken und zerschlissenen Gebäuden bis Kambodscha der UNO unterstellt wurde und grosse Mengen an Devisen ins Land schwappte.

Der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart, liegt wie so oft in der Vergangenheit. 1970 putscht Non Lol gegen Ex-König Norodom Sihanouk und setzt sich auf den Präsidentenstuhl. Seine ultrarechte Partei wird unterstützt vom amerikanischen CIA. Währenddessen formt Pol Pot die Khmer Rouge und Angkar (Angkar – die gesichts- und namenlose Führung hinter der Communist party of Campuchea). Rebellen der Khmer Rouge (unterstützt und bewaffnet von Rotchina) gewinnen laufend an Territorium und schlussendlich die Macht über Kambodscha. Nach einem Bombenregen und Sirenengehäul überfällt die Khmer Rouge am 17. April 1975 mit einer Horde Kindersoldaten Phnom Penh. Jeder der laufen kann, flieht aus der Stadt. Ruhe legt sich über die Trümmer. Fünf Jahre Schrecken ziehen über das Land. Vielleicht drei Millionen tote Kambodschaner später marschieren Truppen des wiedervereinigten Vietnam in Phnom Penh ein. Der Menschenfresser-Kommunismus hätte wohl länger angedauert, hätte sich Pol Pot nicht mit dem starken Nordvietnam angelegt. Säuberungsaktionen gegen alle ethnischen Vietnamesen im Land (auch die mit Kambodschanern verheirateten) sowie mehrere Scharmützel an der Grenze provozierte die Nachbarn zunehmend. Ausserdem war die Zeit reif, um Kambodscha im grossen Stil auszubeuten.

1998 stirbt Pol Pot im Norden Kambodschas. Sein Leichnam verbrennt auf einem Berg alter Gummireifen. Suizid oder Vergiftung, darüber rätselt die Welt. Seit dem Tod von Pol Pot existieren die Khmer Rouge als politische und militärische Kraft nicht mehr. Ein paar Folterknechte leben noch, jetzt vergreiste Ex-Folterknechte. Viele wurden in die unsichere Selbstjustiz übergeben. Rachelust stets als mörderischer Schatten. Die meisten Schlächter kamen nie vor Gericht. Einige werden jedoch gerade juristisch gejagt von Jean und Margot – ich treffe das dynamische Anwaltduo aus Frankreich rein zufällig, sie trinken sich gerade etwas Kummer weg. Für ein Spesengeld, dass gerade ausreicht um mit dem Chef zu telefonieren gehen die beiden „Lawyers without Borders“ (Anwälte ohne Grenzen) auf Beweisjagd, fragen Hinterblibene aus und versuchen die Peiniger vor das Tribunal zu zerren. Über die grossen Kaliber liest man gerade wieder in der Zeitung. Kürzlich berichtete die Khmer Times erneut über die gerichtliche Aussagen von Kaing Guek Eav (Genosse „Duch“), Kommandant und Chefmonster der Folterkammer S-21 (Tuol Sleng). An die 20’000 Leben hat der verurteilte Duch auf dem Gewissen. Wer einmal in das umgewandelte Schulgebäude eingeliefert wurde, kam nicht mehr zurück. Duch gibt sich heute als Geläuterter. Er ist Christ geworden.

Einer der !sieben! Überlebenden des S-21 war der Maler Vann Nath. Obwohl faktisch alle Künstler umgebracht wurden, liess Bruder Duch Vann Nath (sowie eine Hand voll anderer Branchenkollegen, Tischler, Bildhauer) am Leben – um für das Regime Zementbüsten zu kleistern oder Pol Pot-Portraits zu malen. Unbegabte Künstler überlebten die Probezeit selten. Aus dem schockierenden Buch von Vann Nath „A Cambodian Prison Portrait“ bediene ich mich einiger Sätze:

  • Dann erhielten wir alle eine neue Aufgabe zugeteilt: eine acht Meter hohe Betonstatue von Pol Pot, der von Fahnen schwenkenden Bauern umringt ist – Sie sollte die Geschichte des Klassenkampfes darstellen. Man wollte das Werk oben auf dem Tempelhügel Wat Phnom aufstellen, und dort die buddhistische Stupa und alle Pagoden abreissen.
  • Die Aufseher und Wärter von S-21 kamen aus den ärmsten und ungebildetsten Teilen der Bevölkerung. Das hatte System bei der Khmer Rouge. Wie ihre Entsprechung in Maos China, so machten auch die Khmer Rouge aus der Unerfahrenheit und der Unwissenheit dieser Menschen eine Tugend, indem sie junge Leute vorzogen, die, um mit Mao zu sprechen, ‚arm und unverbildet‘ gegenüber denen waren, die durch den Kapitalismus oder extensive Bildung ‚korrumpiert‘ waren. Nach Maos Überzeugung ‚trägt ein leeres Blatt Papier keine Last, und man kann darauf die schönsten Buchstaben schreiben und die schönsten Bilder malen‘. In Kambodscha sorgten die ‚Oberen Brüder‘ für solche Beschriftungen. Und die ‚Brüder‘ die das Gefängnis leiteten und daran gewöhnt waren, Respekt zu fordern – einen Respekt, der in den meisten Fällen von ihrer eigenen durchaus gründlichen Schulbildung bestimmt war, genoss es, andere mit ihren Ideen zu ‚beschriften‘. Sie suchten ihre Untergebenen aus der am wenigsten gebildeten Gesellschaftsschicht aus und verlangten von ihnen Respekt. Viele der Gefängniswärter von S-21 stiessen erst 1975 nach den Einmarsch der Khmer Rouge in Phnom Penh zur „Revolution“.
  • Die Revolutionstheorie der Khmer Rouge: Besser jemanden irrtümlich umbringen als jemanden irrtümlich leben lassen
  • Täglich fuhr ein Lastwagen vom Todeslager zur Exekutierstätte. 5 bis 150 Personen täglich. Jeder Lastwagen beförderte drei bis vier Wächter und zwanzig bis dreissig ängstliche und stumme Gefangene nach Choeung Ek (eines der Killing Fields). Dort wurden sie getötet. Meistens mit Schlägen ins Genick. Kugeln waren zu teuer. Dann wurde der Hals durchgeschnitten oder der Körper mit Chemikalien übergossen, zur Sicherheit.
  • Gefunden wurde eine Liste mit Beispielen für Folterungen: Schlagen mit der Hand, mit Knüppeln, mit Ästen, mit Stromkabeln. Verbrennungen mit Zigaretten zufügen, Elektroschocks, Exkremente essen und Urin trinken lassen, Zwangsernährung, Aufhängen an den Füssen, einen Tag lang die Arme heben, mit Nadeln gestochen werden, Ehrerbietungen erweisen, Ausreissen von Fingernägeln, Ritzen, Stossen, Ersticken mit Plastiktüten, Wasserfolter.
Pol-Pot-Regime-Survivor-Vann-Nath-Testifies-At-His-Ex-captor-s-Trial-Phnom-Pen
Gemälde von Vann Nath, „Einlieferung in Tuol Sleng“

 

Kürzlich las ich von einem Unfall in Marokko. Eine Tafelrunde mit zwölf Superreichen wurde von einem Kran in einige hundert Meter Höhe gehievt. Damit der Krösus mit Blick über Stadt und Fussvolk gesittet dinnieren kann. Bis das Stahlseil riss und die Gesellschaft in den tödlichen Abgrund segelte. Man kommt nicht umhin über die Tragödie etwas zu schmunzeln. Menschen sterben aus den unterschiedlichsten Gründen. Viele weil sie im falschen Land geboren wurden, wenige weil ihre Gier sie zu immer mehr Feudalität anspornt. Eine Reise durch das Reich der Khmer erinnert den Reisenden täglich an die Ungerechtigkeit der Welt und löchert selbst die Hornhautmenschen mit der Frage, wieso die einen Glück und so viele anderen Pech haben. Phnom Penh liefert da einige Denkanstösse.

In der Street 51 werfe ich einen Blick in die verruchten Hurenstrassen, wo bereits früh nachmittags kambodschanische Mädchen westliche Halbglatzen massieren und sich weiteren Wünsche im Tausch gegen ein paar Riel fügen. Gleich nebenan eine ordentliche Auswahl an Guesthouses die pausenlos weissen Mann nachliefern. Das Schreckensbild wird hin und wieder ergänzt durch Kriegsveteranen, die einen Arm oder ein halbes Bein der politischen Ideologie ihrer Rudelführer geopfert haben. Nicht selten pilgern kleine Kinder vorbei, betteln oder verkaufen Kaugummi. Andere kriechen durch Phnom Penhs Müllberge auf der Jagd nach Brauchbarem. An die 20’000 Strassenkinder schwirren durch die Hauptstadt. Ihre Eltern sind überwiegend mittellose und ungebildete Bauern, die kein Jahr ohne Ernte überleben würden – Gerade in den Dörfern, wo die Armut am grössten ist, können viele Eltern ihre Kinder nicht ernähren oder sich um sie kümmern. Die Kleinen müssen dann entweder arbeiten, um ihre Familien finanziell zu unterstützen oder sie werden komplett verstossen und sind folglich auf sich allein gestellt. Sie sehen einer finsteren Zukunft entgegen. Viele beschuldigen die politische Führung, oder die Tatsache, dass ihr Land eine ganze Generation an gebildeten Menschen verlor. Während Europa gegen die Vergreisung kämpft, hat Kambodscha Probleme mit dem Verjüngungseffekt – knapp die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt ist. So oder so, das Schicksal der Strassenkinder entlarvt den Dauerpatienten Kambodscha, der nach diversen Operationen immer noch an Krücken geht. Da ich seit geraumer Zeit als ohnmächtiger Fassungsloser unterwegs bin, akzeptiere ich, dass ich daran weniger ändern kann. Die Situation könnte schlimmer sein. In den 90er Jahren war Phnom Penh das Gotham City Asiens. Einfach ohne Batman. Eine Schlundstadt bestehend aus einigen Staubstrassen, Umschlagplätze für Waffen und Drogen, aber vor allem aus Puffs. Blutjunge Mädchen ab 13 Jahren waren für 2-4 Dollar erhältlich. Die meisten beendeten ihre Karriere frühzeitig aufgrund AIDS. Die Prostituierung der Töchter war für viele verarmte Familien der einzige Weg an Geld zu kommen (neben dem direkten Verkauf von Kindern). Zur Debatte stand, nächsten Monat verhungern, oder das Töchterlein eine Dekade später an AIDS verlieren. Nicht nur Auswanderer profitierten von den widrigen Zuständen, sondern auch gut verdienende UN-Hilfskräfte (Ansatz 140 Dollar pro Tag), die täglich durch die Bordelle bummelten. Nach diversen Eskapaden wurde jedoch angeordnet, per sofort die UN-Fahrzeuge nicht mehr vor den 2-Dollar Kartonhütten zu parken“. Dem guten Ruf zu Liebe.

In einem unscheinbaren Indie-Kino, das zu einer Zeit entstand als noch keine Cineplexes Hollywood-Müll in die hinterletzen Köpfe hämmerte, treffe ich auf Lorenzo. Italienischer Aussteiger und nebenbei Architekt. Er hilf mit all die Appartements zu planen, die in naher Zukunft Phnom Penh’s Skyline prägen werden. Public Investments Fehlanzeige. Gerade jetzt sind schnelle Riel à gogo. Die Zeit in der ein ganzer Appartementblock noch 30’000 Dollar zu haben war, ist vorbei. Der Immobilienmarkt wurde unlängst zum Becken für chinesische, vietnamesische und kambodschanisch-elitäre Haie erklärt. Lorenzo gibt mir noch einige Hinweise zum „White Building“. Der letzte Kontrast im Modernisierungs-Dorado von Phnom Penh. Der damalige König Norodom Sihanouk engagierte in den sechziger Jahren einen russischen Plattenbau-Architekt mit der Idee Platz für einkommensschwache, urbanisierte Familien zu schaffen. Kurz nach der Massensäuberung der Khmer Rouge besetzten Mittellose, Drogenabhängige, Nutten wie Nonnen das Gebäude. Das hat sich bis heute kaum geändert. Die Einheimischen nennen die Ecke liebevoll „Struggle Street“, der letzte Slum von Phnom Penh.

Tags darauf schlendere ich durch das vermeintliche Ghetto. Ein Bauarbeiter lässt gerade Fleisch abtropfen – in einem umfunktionierten Betonmischer. Auf der Lade eines Lasters rumpelt eine Hochzeits-Clique vorbei, hin und wieder kuschen sie, um nicht Opfer tief hängender Äste zu werden. Im Schuppen eines Schreiners versammeln sich ältere Herren für eine Partie Ouk Chatrang (Khmer Schach). Die Figuren hat der Schreiner selbst geschnitzt. Dan wird gerade matt gesetzt. Wir kommen ins Gespräch. Dan fragt mich aus, ich ihn. Heute seien sie happy, sie können die Wochenenden mit Freunden verbringen, hin und wieder eine Party schmeissen, essen was und wann sie wollen. Während des Genozids hat Dan auf den Reisfeldern gekrüppelt. Zum Lohn für die täglich zwölf Arbeitsstunden gab es zwei Becher Reissuppe. Als die Vietnamesen das Zepter übernahmen, floh Dan nach Thailand, die Zeiten waren zu ungewiss. So wurde er in einem Camp fünf Jahre lang zum Doktor ausgebildet. Auch komplexe Operationen konnte er durchführen. Danach arbeitete er einige Jahre in Bangkok. „Wieso er nicht in Thailand geblieben sei“, frage ich ihn. Sein Herz gehöre hierher, er wollte beim Wiederaufbau dabei sein. Dann schüttelt Dan meine Hand und lächelt das typische Khmer Lächeln. Zum Abschied empfiehlt er mir ein Kambodschanerin vom Land zu bezirzen, die Eltern würden lediglich 2-3’000 Dollar Mitgift erwarten. Da draussen seien die Frauen noch loyal, die „Downtown-Girls“ von Phnom Penh hätten es nur auf Geld abgesehen. Ich denke zurück an Penyutha’s Schwester, die wohl gerade in einem Boot zum Einkaufsladen rudert. Hätte ich zuschlagen sollen? Ich verspreche Dan, mir seinen Rat zu überlegen.

Keine Ahnung, woher die Aufmerksamkeit für mich kommt, einige Meter später werde ich zur nächsten Männerrunde beordert. Kim, ein ehemaliger Büroarbeiter der Khmer Rouge, führt mich durch das verweste Gebäude, in einige Wohnungen, aufs Dach. Von oben kann man zuschauen wie Horden hipper Jugendlicher in den umliegenden Einkaufszentren shoppen bis ihre Schultergelenke auskugeln. Die Massenwohnungen liegen direkt neben der Spasszone für Kambodscha’s Chic. „Seit einigen Jahren kreisen die Geldgeier über dem White Building“, meint Kim. Es sei eine Frage der Zeit bis sie den Plattenbau in einen modernen Betonbuckel verwandeln. Ohne gründliche Renovation werden die Fassadenrisse das Gebäude bald in mehrere kleinere Gebäude teilen. Doch Renovation ist nicht im Sinne des hiesigen Baudepartements. 1’500 Dollar wurde den Bewohner geboten, um auszuziehen, die wenigsten machten davon Gebrauch. Kim drückt mir ein Bier in die Hand. Der langhaarige Musiker Nou spurtet und holt seine Gitarre. Wenige Jahrzehnte zuvor wurden Besitzer eines Instruments oder langem Haar dem Henker übergeben, die aufblühende Musikindustrie komplett ausradiert. Die Zeiten haben sich geändert. 2016, umzingelt vom Chaos sitzt ein ehemaliger Scherge, ein Kreativer sowie ein lebender Werbebanner des Kapitalimus (ein Schweizer) und singen zusammen traurige Khmer Songs. Wenn es eine heile Welt gibt, sie umgibt mich hier und jetzt.

Zeit, Lebensfreude, Nächstenliebe, Neugierde, Ehrlichkeit – manifestiert im Lächeln der Khmer.  Ich hoffe, niemand wird es ihnen jemals wieder nehmen.

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