Die vorbeiziehende Schäfchenwolke wirft ihren Schatten auf das Tempeldach, eine Trupp Südkoreaner mimt Küsse mit Buddha Götzen, Trommel- und Souvenirverkäufer stellen chinesischen Reisegruppen nach, neuzeitliche Entdecker schwirren – mit Objektiv anstatt Machete, Siem Reap T-Shirt statt Archäologenveste. Angkor anno 2016 – vielleicht ein Jahrtausend nach dem Spatenstich und knapp 115 Jahre nach dem ersten Besuch französischer Weltenbummler. Seither wurde der Trümmerhaufen mit ausländischen Geldern fein säuberlich wieder zusammengebastelt, fit getrimmt um den Armeen von Touristen eine historische Show zu garantieren.

Im 10. Jahrhundert wurden in der Gegend etliche Bewässerungsanlagen und Stauseen angelegt, damit mehrmals pro Jahr Reis geerntet werden konnte. Ergo Nahrungsüberschüsse und grosser Reichtum für das Königreich der Khmer. So kam es, dass südlich von China ein neues Machtzentrum in Südostasien entstand. Beeinflusst vom Hinduismus wurden prächtige Tempelanlagen errichtet – Angkor. Innerhalb der religiösen Revolution konvertierten die Khmer zum Buddhismus, somit wurde die hinduistischen Kultstätte nach und nach in eine buddhistische Anlage umgestaltet. Der Zerfall von Angkor kam nur wenig später. Aufgrund der religiösen Revolution bestand keine Notwendigkeit mehr hinduistischen Schutzgöttern zu huldigen. Und als die Thai Mitte 14. Jahrhundert aus Ayutthaya zwecks Plünderung vorbeischauten, hatte Angkor nicht viel entgegenzusetzen. Das Zentrum des Khmer-Reiches wurde aus wirtschaftlichen wie politischen Gründen nach Phnom Phen verlegt, das zu einem wichtigen Handelszentrum am Mekong wurde.

Vor wenigen Tagen verkündeten Archäologen, dass Angkor weitaus grösser ist als bisher angenommen. Mittels spezieller Lasermessungen aus der Luft, wurden Strukturen auch unter bewaldeten Böden erkannt. Eine Fläche, die der Grösse von Phnom Phen entspricht. Gemäss „Guardian“ gehen die Forscher davon aus, dass es sich bei der neuen Entdeckung um die grösste Metropolregion des 12. Jahrhunderts handeln könnte.

Angkor, ein Symbol für die kambodschanische Identität und mit eineinhalb Milliarden Dollar Einnahmen pro Jahr (ein Zehntel des BIP)  die Wirtschaftsturbine des Landes. Der Dorfcharakter von Siem Reap ist längst Vergangenheit, heute tummelt sich eine Seuche von rund 700 Hotels, tausende von Touristenbussen schnaufen durch die Strassen. Dennoch zeigt sich Siem Reap in jeglicher Hinsicht charmant, ist kaum aufdringlich. Um die zwei Millionen Touristen strömen jährlich hierher, durchschnittlich 6’000 pro Tag (260 Mal mehr als vor 20 Jahren). Fünf Kilometer von der Stätte entfernt wurde unlängst ein Flughafen errichtet um die Kurzverweiler im Eiltempo durch die kambodschanische Geschichte zu schleusen. Ein Besuch innerhalb der Nebensaison verspricht somit nur Vorteile. Allem voran kein Lebenslust raubendes Gezwänge innerhalb des archäologischen Parks sowie permanenter Verhandlungsspielraum. Ausserdem müssen Liebhaber ästhetischer Lichtbilder bedeutend weniger Selfie haschende Asiaten von den Tempelfotos retouchieren. Das Problem mit der Nebensaison? Die schätzungsweise 3’000 Gaukler, Masseusen, Dealer, Menukartenbesitzer, mobilen Köche und Tuktukfahrer teilen sich auf die ebenso viele Touristen auf.

Nach wie vor geht das Gerücht um, Angkor gehöre vietnamesischen Investoren. Folgendes ist der Fall. Nach dem Einmarsch vietnamesischer Truppen in Kambodscha 1979 wurde „Sokimex“ gegründet, mit der Idee die Versorgung des Landes mit Treibstoffen zu sichern. Sokimex ist mittlerweile ein Petrolium-Gigant sowie Inhaberin diverser Luxushotels. An der Firmenspitze sitzt Sok Kong, ein Spross vietnamesischer Eltern, jedoch geboren in Kambodscha. Mittlerweile ist Sok Kong der reichste Mann Kambodschas, ein dicker Kumpel des Premiermenisters und bis 2007 Präsident der kambodschanischen Handelskammer in Phnom Pen. Seit den frühen 90er Jahren ist Sokimex zuständig für das Ticketmanagement und kassiert somit die Eintrittsgelder von Angkor (je nach Aufenthaltsdauer 20 und 60 oder US-Dollar pro Besucher). Dass wiederum nur 15 Prozent für die Konservierung der Stätte genutzt werden, ist ein anderes Thema.

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