„Vientiane ist aussergewöhnlich und unbequem. Die Bordelle sind preiswerter als die Hotels, Marihuana günstiger als Pfeifentabak und Opium ist einfacher zu finden als ein Glas kaltes Bier.“ – Ein Fragment aus den Memoiren von Paul Theroux, anno 1975. Der amerikanische Reiseschriftsteller kam gerade rechtzeitig zu den Nachwehen des Vietnamkriegs. Vientiane wurde Monate zuvor zur Hauptstadt von Laos erkoren.

Seither hat sich das laotische Wirtschaftszentrum gut erholt. Keine (offensichtlichen) Bordelle und (fast) kein Drogenumschlagplätze mehr. Der Zeitgeist haucht durch in die Stadt. Allem voran; Internet und Mobiltelefon, seit wenigen Jahren Nationalsport Nummer eins. Vientiane besticht durch Gegensätze. Mutig stellt sich altes neuem entgegen. Hölzerne Nudelsuppenecken gegen asiatische Klotzgebäude. Von Sonnenschirmen beschützte Mönche flanieren entlang dem Mekong (auch mit Mobiltelefon), ein motorisierter Eisverkäufer bimmelt vorbei, Motorrad-Tuktuks mit ausgelutschten Bremsen quietschen durch Strassen mit französischen Namen und dazu passenden Kolonialbauten. Die kommunistische Pathēt Lao entschied sich im Gegensatz zu den kambodschanischen und vietnamesischen Genossen die französischen Strassennamen zu behalten, dafür etwas mehr Monarchisches zu verbannen. Wie die Briefmarken mit dem Vermerk „Königreich Laos“. Die Druckerei konnte aber nicht schnell genug produzieren. Kurzerhand wurde das Volk informiert, dass ab sofort nur noch Briefmarken mit durchgestrichenem „Königreich“ akzeptiert werden. Auch das „Royal“ bei der Flotte von „Royal Lao Air“ musste sofort weg. Da es jedoch an weisser Farbe mangelte, wurde das „Royal“ von den Flugzeugen einfach abgekratzt. Ein Wunder, dass es all die buddhistischen Wats ins 21. Jahrhundert geschafft haben ohne dabei von kommunistischer Faust zerbröckelt zu werden. Die marxistische Lehre meidet bekanntlich Religionen. Mit dem Hauptargument, dass die Religion ein Instrument der Oberklasse sei um das Fussvolk gefügig zu machen. (Atheisten müssten jetzt eigentlich Beifall klatschen.) Leider sehen die Schlächter in Karl’s Fibel eher einen Aufruf die Religionen auszurotten. So erklärte Rotchinas Mao Zedong nach gewonnenem Bürgerkrieg jegliche Art von Religion zum Tabu. Worauf buddhistische Klöster in ganz China (und natürlich Tibet) verwüstet und verbrannt wurden.

Die Pathēt Lao hingegen fand ihre eigene Interpretation. Beide, der Marxismus als auch der Buddhismus lehnen den Kapitalismus ab. Passt also doch irgendwie zusammen. Trotzdem wurde versucht den Buddhismus wenigstens vom Lehrplan der Primarschulen zu streichen, und dafür vielleicht etwas mehr zensierte Geschichte lehren. Die empörte Bevölkerung wehrte sich erfolgreich. Somit wurde der Entscheid wieder revidiert und Feind zu potentiellem Freund erklärt. In den Folgejahren des Bürgerkriegs suchte man innerhalb der Sangha nach guten Lobbyisten um sie in innerhalb der Propaganda-Kampagnen zu nutzen. Wer nicht kooperierte, fand sich in einem Umerziehungslager wieder. Um die 1’000 aufmüpfige Mönche verschwanden in solchen Camps. Weitaus schlimmer traf es ihre Spirituellen Brüder im Nachbarland Kambodscha, wo die Khmer Rouge praktisch alle Mönche verschwinden liess. Von 50’000 Mönchen überlebten 3’000.
Downtown Vientiane – Die Qual der Wahl: Bibliothek und Café oder Bowlingbahn und Einkaufszentrum. In der Bibliothek Lao Insight Books finde ich Stoff für zwei Wochen. Der 70-jährige Robert Cooper nimmt sich Zeit für mich. Nach einem Studium in Genf kam der Brite 1985 nach Laos. Im Auftrag der UN. Zu dieser Zeit waren die Gebildeten bereits geflüchtet oder verschwunden. Bald darauf erschienen Roberts Bücher unser Mann in Laos, Kulturschock Laos sowie Kulturschock Thailand. Sein Erstwerk jedoch beschreibt eines der brisantesten Themen im Land. Die Hmong. Das laotische Bergvolk wurde von der CIA ausgebildet und bezahlt um gegen die Pathēt Lao sowie das kommunistische Nordvietnam zu kämpfen – Amerikas geheimer Krieg in Laos. Da die Verluste auf Seiten der Hmong stark zunahmen, wurden Kindersoldaten nachgeliefert. Das Resultat? Schlussendlich gab es fast keine Hmong-Männer im heiratsfähigen Alter mehr, um Familien zu gründen oder Reisfelder zu bestellen. Nachdem die Kommunisten 1975 die Macht erlangt hatten, flohen Zehntausende Hmong in die USA. Bei der letzten Volkszählung gaben 260’000 Amerikaner als ethnischen Hintergrund Hmong an. Die Jahre darauf arbeitete Robert mit und für die „vergessenen Krieger Amerikas“, welche seither von der Regierung verfolgt und denunziert werden.

Frühmorgens erreicht mich ein Insidertipp. Im nördlich gelegenen Dorf Thongmang sollen Raketen steigen, dem Regengott Phaya Thaen zu Ehren. Er soll dafür eine üppige Ernte spendieren. Einige Minuten später bin ich stolzer Mieter eines Motorrads und unterwegs. Leider bin ich zu früh, gezündet wird morgen. Heute findet lediglich die Road-Show statt – Johlende Laoten tuckern auf geschmückten Traktoren durch die Dorfstrassen und präsentieren mit infantilem Stolz ihre Bambusraketen. Eine Gesellschaft winkt mich in ihren Vorgarten. Zu Völlerei und laotischem Tanz. Nach einigen Runden Bier, wird mir die Tochter angeboten. Ich erkundige mich, ob die Schweiz wirklich der ideale Ort für die 18-jährige Sakina sei und stelle fest, dass niemand weiss, wo die Schweiz liegt. Auch die Tipps „Europa“, oder „gleich neben den Ex-Unterdrückern aus Frankreich“ helfen wenig. Hauptsache raus aus dem Schlamassel fehlender Möglichkeiten. Schwierige Situation für mich, denn eine kommunikationslose Ehe mit einem Mädchen aus Thongmang wäre sicher aufregend, trotzdem lehne ich ab und flüchte ins nirgendwo. Dabei mache ich einen entscheidenden Fehler, denn ich erkundige mich nach dem Weg, die liebevolle Mutter wiederum nach meinem Zivilstand. Sinnbildlich umarmt sie sich selber und zeigt dabei auf ihr Töchterlein. Wir kennen uns zehn Sekunden.

Zur Bildgalerie von Vientiane (Tempel und Skulpturen)

Per Nachtbus nach Pakse. Nachtbusse mit Doppelbetten sind eine edle Sache. Sofern man den Bettgesellen neben sich bestimmen kann. Kann man nicht. Ich teile die Matratze mit einem bärtigen Hühnen. Zwei Meter pure Männlichkeit. Gerade zurück vom letzten Saufgelange. Sein Vang Vieng T-Shirt verrät ihn. „Ob ich auch ein Valium wolle, er nehme drei.“ Kurz darauf döst mein neuer Vikinger-Freund weg und drückt mir seinen Ellbogen ins Auge. Eine lange Nacht bahnt sich an. Ich denke an Valentina. Meine ehemalige Reisegefährtin würde sich bei diesem Anblick ins Fäustchen lachen – das Grössenverhältnis war ausgeglichener, die nächtlichen Gespräche kultivierter.

Reisende kommen nach Pakse um wieder zu gehen. Zu den Wasserfällen in der Region des Bolaven Plateaus oder in die umliegenden Dörfer. Dörfer wie Champasak nahe dem gut erhaltenen Khmer Tempel Wat Phou. Am Mekong treffe auf den Ex-Pariser Jaques. Mit 1’000 Euro Erspartem rettete er sich 1980 von der Trostlosigkeit der französischen Versicherungsbranche via Ko Samui nach Laos. Vor neun Jahren hat der 60 jährige mit seiner laotischen Frau zwei Kinder gezeugt und ein stattliches Haus gebaut. Ob er glücklich sei mit seinen Entscheidungen? Jaques nickt nonchalant: „La joie prolonge la vie“ (Freude verlängert das Leben). Frankreich liess ihn zu schnell altern, das habe er früh genug erkannt. Asien gab ihm das, was fehlte. Lebenslust. Er sei auch toleranter geworden. Mittlerweile habe ihn seine Frau sogar zum Animismus konvertiert (zumindest solange ihm niemand das Gegenteil beweise). Ein Schritt zurück? Es gab eine Zeit, in der sich Herr und Frau Schweizer dem Animismus widmeten. Eine Ära in der böse Geister im Berg hausten, der Grättig zum Beispiel, der das Vieh in die Abgründe lockte. Es gab auch paar gute Geister wie das Wildmannli, ein Zwitter, dessen pralle Brüste immer voll Milch waren um die Kinder gegen Höhenkrankheit zu schützen. So denn, aus einem engstirnigen Versicherungsverkäufer wurde also ein duldsamer Lebemann? Jaques definiert Glück als ein limitiertes Gut, das kommt und geht. Denn nichts ist permanent. Ich bin selbst überzeugt von dieser Theorie. Sie lässt mich Höhenflüge geniessen, aber auch die Bruchlandungen überstehen.

Gerade Asien präsentiert mir abwechslungsweise verlorene Glücksjäger und zufriedene Ausbrecher. Täglich. Wer hier mitmachen will, ist keineswegs weniger mutig als jemand, der sich in gewohnter Umgebung die Karriereleiter hochackert. Er ist mutiger. Denn er stellt sich täglich exotischen Herausforderungen entgegen, muss sich in einer fremden Gesellschaft etablieren und sich selbst beweisen, dass er, der zuhause aufgegeben hat, die richtige Entscheidung traf. Der Franzose beglückt mich zum Abschied mit einer gewagten Frage. „Wieso reist du mein Freund?“ Eine Frage wie eine Ohrfeige. Sie rüttelt wach, regt den Denkapparat an. Klassischerweise verfallen Reisende daran, sich immer in die gleichen verbalen Sackgassen zu begeben, zu erläutern woher man kommt, wohin man geht, welches Land das beste und welches das Günstigste ist. Interessiert nicht. Ich erkläre Jaques, dass ich bei mir selbst ankommen will und nebenbei einen Ansporn für das nächste halbe Jahrhundert suche. Der Flaneur lächelt charmant – „et voilà, chacun est l’artisan de sa fortune“. Präzis. Jeder schmiedet sein eigenes Glück. Oder Unglück.

Nahe der kambodschanischen Grenze. Ein Set aus fünf Fröschen wird mir entgegengestreckt. Fein säuberlich aufgespiesst. Wer hat nun wem abgekuckt? Lange war für mich „Frosschenkel“ gleichbedeutend mit „Frankreich“, heute hält man mir die gespiesste Wahrheit direkt vors Gesicht. Mein Urlaubsziel ist Don Khon, eine der 4’000 Inseln hier in der Gegend. Ich beziehe ein lauschiges Zimmer direkt am Mekong. Heile Welt. Einige Bötlein mit Schulkindern tuckern nach Hause, ein Fünfjähriger steuert ein Motorrad mit Seitenwagen durch den Schotter, Palmenblätter rascheln. Auf der anderen anderen Seite der Staubstrasse huscht ein weiser Mönch in senfgelber Robe vorbei – und rotzt in die Ecke. Wieso der Spirituelle gerade während diesem paradiesischen Moment so etwas irdisches verbricht? Nun gut, Don Khon ist nicht das Paradies. Aber für mich und meine fünf Kilo Buchstaben reicht es vollkommen. Es ist Nebensaison, das heisst 27 Köche werben um zehn Touristen. Nebenan donnert der Mekong über diverse Fälle nach Kambodscha. Ein wilder, ein historischer Ort. Denn hier zerplatzten die Kolonialträume Frankreichs. Die Grande Nation wollte ihre Stellung innerhalb Indochina stärken und suchte nach einem geeigneten Handelsweg von Tibet nach Vietnam. Gewiefte Marineoffiziere wie Francis Garnier und Ernest Doudart de Lagrée gingen auf Mekong-Erkundungstour. 1866 war jedoch ein für allemal klar, die Stromschnellen und Mekongfälle sind unpassierbar.

Dramatische Cumuluswolken, schiefe Hütte, Gespräch mit „Tiger“. Morgen sei Sonntag. Wetttag. Ich grinse misstrauisch und versichere frühmorgens bereitzustehen. Tiger ist Besitzer eines Kampfhahns, derzeitiger Marktwert: fünf Millionen Kip (600 Dollar). Das kommt hin, Züchter Keophothong hat mir einst in Vientiane seine Verkaufspolitik erklärt: 500 bis 1’000 Dollar schlägt er aus einem erfolgreichen Deal. Besonders blutrünstige Gockel verkaufe er für bis zu 1’000 Dollar und in Thailand zahlen sie sogar das Doppelte. Ein verlockender Nebenverdienst bei durchschnittlich 300 Dollar Jahreseinkommen. Per Boot setzen wir über zur Nachbarinsel Don Dhet. Tiger wirft mir seinen „Fighter“ in den Schoss, schick verpackt in einer Art Zwangsjacke für Vögel. Ich überlege überfordert: streicheln, retten oder aufhetzen. Liebe Tierschützer, nein ich habe ihn nicht gerettet, aber gestreichelt. Als wir ankommen warten bereits 17 Hähne und um die 40 wettfreudige Männer in einem Hinterhof. Tiger checkt ab und fordert schlussendlich einen würdigen Gegner heraus. Sofort werden die Tiere hergerichtet, der Körper in eine aerodynamische Form gekämmt, die Henkersmahlzeit eingeflösst. Jede Runde dauert 20 Minuten. Wer nicht mehr kämpft, schwer verletzt wurde oder stirbt, hat verloren. Tiger nimmt die Wetten entgegen. Kaum in den Ring bugsiert, starren sich die Tiere in die Augen und checken ab. Plötzlich ist er da, der natürliche Aggressionstrieb des Gockels, sich gegenüber seinem Artgenossen um jeden Preis durchzusetzen. Beide überleben Runde eins. Die Besitzer schnappen sich die kaputten Federpakete und beginnen zu operieren. Augenlieder und Kämme werden wieder angenäht, das Resultat begutachtet, immer noch blutende Kopfwunden leergesaugt. Zur Beruhigung folgen ein dampfender Zitronengraswickel. Und ein paar Schlucke Energy-Drink. Nach zwei weiteren Runden akzeptiert Tigers Gegner einen technischen K.O. – und macht ihn damit um 300’000 Kip (35 Dollar) reicher. Danach das übliche Sonntags-Thaiboxen. Und weiter wetten. Interessant, denn Glücksspiel und Wetten sind in Laos faktisch verboten. Bussen wurden 2006 demonstrativ erhöht. Kurz darauf eröffneten nahe der Grenze legale Casinos für die spielsüchtigen Thais und Polizisten gehen „in zivil“ an Hahnenkämpfe. Wundersames Asien!

Nach einer Woche Wolkenmeer, Gewitter und Sonnenuntergänge analysieren, kommt das Boun Ban Fai gerade recht. Kurzerhand wird das örtliche Kloster zum Schauplatz für Schaulustige umfunktioniert. Bier und Schnapps wird angeschafft und in spiritueller Umgebung Raketen gezündet. Ich schliesse mich einem Trupp an, der von Xai, meinem vertrauten Bootskapitän angeführt wird. Sie werden den Rest des Tages damit verbringen, von Haus zu Haus zu ziehen um böse Geister zu vertreiben. Das funktioniert folgendermassen; Der geschminkte und weiblich gestylte Chanh wird die Bambusrakete (geschmückt mit einer finnischen Flagge) in Richtung der Mäzen schwingen, Xai dabei die „evil spirits“ mittels Blattwerk und Sprüchlein verscheuchen. Sobald die Säuberung abgeschlossen ist, zeigt man sich gerne grosszügig und spendet der Klicke Almosen und Schnapps (Lao Lao). Aki, der Japaner, der unlängst auf unsere Bande aufmerksam worden ist, setzt jeweils noch einen drauf, zum Erstaunen der Sponsoren. Denn er betet – auf japanisch. Zum japanischen Kami-Gott Daikokuten, zuständig für Wohlstand und Ernte. Laotische und japanische Götter vereint, was soll da noch schief gehen.

Zur Bildgalerie von Champasak, Bolaven Plateau & 4’000 islands (blutige Hähne unterliegen der Zensur)

Zur Bildgalerie vom Boun Ban Fai in Don Khon

Laos, ein spärlich besiedeltes Land mit einem Haufen erbarmungslos Glücklicher? Eine andere Art von Glückseeligkeit. Weil bei uns die bescheidene Armut weniger geduldet ist als hier, wo sie letzlich nur eine Art ist, sich nicht von den anderen zu unterscheiden. Bald stellt sich die entscheidende Frage, wer profitiert vom Fortschritt? Zwei Drittel aller Laoten (die Bauern) hat weniger als zwei Dollar pro Tag zur Verfügung obwohl der Agrarsektor die Hälfte des BIP ausmacht. Die anderen 50 Prozent entfallen zu fast gleichen Teilen auf Dienstleistungen, Bergbau, Tourismus und Industrie. Detailierter? Lao Bier, Mekongstrom für Thailand sowie China und das Verscherbeln des Luftraums an Vietnam. Investoren aufgepasst, ihr seit alle herzlich willkommen bei der Kuchenverteilung, aber nur wenn ihr euch im Rahmen der politischen Verhältnisse des Landes bewegt und euch in die ach so fremde Gesellschaft integriert. Und hier fängt für viele das Problem an.

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