Aristoteles meinte, das Urteil einer grösseren Gruppe sei oft zutreffender als die Einschätzung einzelner. Das Phänomen der „Schwarmintelligenz“ – (Gruppendenken, oder „Doppeldenk“ gemäss George Orwell). Schwarmintelligenz ist behaglich, vielschichtig und trotzdem meinungsbildend. Ist sie deswegen auch intelligent? Der Schwarm ist zweifelsohne effizient, da er mehr Augen und Ohren hat als nur ein Individuum. Als Solo-Reisender wird mir gerade in Asien häufig die Frage gestellt; „just one?“ Jawohl, nur einer! Einer, der täglich, ach immer, seine Entscheidungen als Individuum, als sozial Rücksichtsloser treffen kann, ja treffen wird. Kein Abstimmen, keine Massenträgheit, keine Kompromisse. Reiner Seelenfrieden. In den USA wurde ich einmal auf das Abilene-Paradox aufmerksam gemacht. Der Urheber ist kein besonders kreativer Geselle, aber einer, der die berechtigte Frage stellt, wieso die Gruppenkommunikation immer wieder versagt, wenn es um das Wohl aller Beteiligten geht. Viele von uns Reise-Solisten wissen Bescheid – Weniger ist mehr. Mehr ist weniger. Zugegeben, ein authentischer Einblick in ein Land braucht sowieso viel zu viel Zeit. Als Gruppe eine „Mission Impossible“. Kein Problem, denn um die gegebenen Wochen durchzuplanen, hilft dann die Windel in Buchform. Kollektives Wissen schwarz auf weiss. Bald auch Promopaket mit eingeschweisstem Schnuller erhältlich. Der Schwarm-Almanach. Dabei gibt es kaum einen Reiseführer, der uns dorthin lotst, wo sich der Schwarm noch nicht ausgetobt hat. Innerhalb der letzten Nomadenjahre musste ich leider feststellen, dass die kulturell Interessierten, die Analysten des Fremden und die stillen Beobachter häufig allein unterwegs sind. Ihre Sehenswürdigkeiten sind die Delikatessen des Alltags, die Begegnungen und die nicht kalkulierbaren Ereignisse. Reiseprofis eben. Wäre ich Pro-Schwarmintelligenz, wäre ich mit einigen guten Gesellen von Luang Prabang südlich nach Vian Vieng unterwegs. Wo Schwimmreifen darauf warten uns Betrunkene entlang dem Mekong zu treiben, wo es French Fries gibt und sich niemand Sorgen um die WIFI Geschwindigkeit machen muss. So richtig Laos eben. Ich fahre in den Norden. Terra incognita.

Dämmerung in Muang Sing, nahe der Grenze zu Yunnan. Windhosen wirbeln Sand auf, vereinzelt flackern chinesische Schriftzeichen im Dunst, am Wegrand fristen verkohlte Hühnchen und längs aufgespiesste Nagetiere. Der wilde Westen Asiens. Hätte ich doch länger als 25 Minuten im südlich gelegenen Wanderparadies Luang Namtha verbringen sollen? Dort wo mir der Chef der Holzofenpizzaria zuwinkte, oder Reiseagenturen mit einer „satisfaction guarantee“ nach abenteuerlustigen Wanderer schielen. Ich zähle mich zwar zur Zielgruppe, aber misstraute – Reine Intuition. Zu bequem schien mir der Ort, zu schön um wahr zu sein. Also Bummel durch Muang Sing. Sekunden später buhlt eine traditionell verkleidete Akha mit eingefallenem Körper um meine Aufmerksamkeit. Leider dürstet sie keine tiefgründige Unterhaltung über ethnische Besonderheiten. Armbänder will sie loswerden. Oder noch besser, Opium. Oder noch viel besser, Opium versteckt in Armbändern. Sie ist mit Abstand die älteste Labor-Aussendienstlerin, dir mir bisher begegnet ist. Wer hätte gedacht, dass es einfacher wäre Opium als Nahrung aufzutreiben. Ein chinesisches Restaurant hat noch geöffnet, das einzige im Umkreis von 30 Fussminuten. Spartanischer Hausrat, denkfaules Personal, laut debattierende chinesische Gesellschaft – ergo Nagetier am Spiess? Aus der Ferne höre ich verheissungsvolles Gelächter. Ein Fest für den 80-Jährigen Grossvater und die nächsten drei Generationen. Ich frage und darf bleiben, werde herumgereicht, verköstigt und unterhalten. Som Dy, der 50-Jährige Sohn von Granpa stellt sich vor. Er sei „teacherrrrr“, dabei rollt er mit stolzgeschwellter Brust das „R“, als ob er es gerade erfunden hätte. Da das „R“ nicht zum phonetischen Repertoire der Laoten gehört (ja sogar vor einiger Zeit aus dem Alphabet gestrichen wurde!), hätte er eigentlich tosenden Applaus verdient. Interessanter als sein gerolltes Zungenspitzen-R ist jedoch seine ehemalige Arbeit als Fremdenführer für das einzige Reisebüro in Muang Sing. Wo er die Willigen zu den Opiumplätzen der Akha führte, bis er deswegen seinen Job verlor. Die Ära des Opium-Tourismus ist vorbei, nur zwei kleine Labore nahe des Mekong halten erfolgreich ihre Stellung. Aber auch nur, weil sie niemand findet. Oder weil sich die Behörden da eindecken. Den genauen Grund will mir Som Dy jedenfalls nicht nennen, wir schliessen das Thema mit einem weiteren Lao Lao. Ich habe schon lange aufgehört mich dagegen zu wehren, denn der Gesichtsausdruck des Gastgebers beim „Nein“ zum selbstgebrauten Reis-Whiskey ist betäubender als das Trinken selbst. (Der typisch laotische Schnaps wurde von einer Vergleichs-Webseite zum günstigsten Alkohol weltweit erkoren.)

Muang Sing galt einst als Nabel für Erkundungstouren in die umliegenden Dörfer der Akha-, Tai Lue-, Tai Neua- oder Yao-Ethnien. „Seit sich die Chinesen hier breit machen, verirren sich nur noch wenige in die Grenzregion“, klagt Chiofin. Er hat den Tourismus kommen und wieder verschwinden sehen. Dennoch fände ich bestimmt was ich suche. Bedingung; ein „motorrrrrbike“ (offensichtlich, bei wem Chiofin zur Schule gegangen ist) und eine selbstgekritzelte Lagekarte. Deal! Einige Stunden später lande ich in einem Dorf der Yao. Eine geschniegelte Yao-Lady freut das besonders, sie ist sozusagen für die Touristen zuständig. Sogleich werde ich in die Hütte zitiert um traditionelle Kleider oder Hüte zu sichten. Als ich gestehe, dass ich der hiesigen Mode nichts abgewinnen kann, verliert mein Gegenüber schnurstracks das Interesse und zieht sich zurück. Noch besser, ich muss zuschauen, wie die Dame ihre Tracht gegen Schlabberrock und ein Werbe-Shirt von Kenbo tauscht. Kein Kauf, kein Blick auf unsere Tradition! Vorbei an abgehackten Berghängen und Bananenplantagen führt ein unscheinbarer Holperweg nach Laokhao, Akha Territorium. „Hooow are you?“ Ich liebe solche unverhofften Momente, bin weit ab vom Schuss und werde von jemandem abgefangen, der die gleiche Fremdsprache teilt. Pone studierte Tourismus und wurde kurzzeitig zum Guide. Aufgrund der Flaute verscherbelt er nun wieder Krimskrams und wartet auf bessere Zeiten. Was er denn von der chinesischen Invasion auf die Agrarwirtschaft in der Region halte? „Gute Frage“, meint Pone, und liefert die Erklärung gleich mit. Yunnan will Bananen, das schafft Arbeitsplätze. Seit einigen Jahren verdingt sich jeder an die chinesischen Plantagenbesitzer, pflanzt und erntet Bananen. Das Problem sei der verseuchte Boden, denn die Bananen wachsen im Norden von Laos nur dank einem ordentlichen Mix an Dünger, Pestizide und Herbizide (geliefert aus China). Wie der Boden nach einigen Jahren aussieht, lässt sich bereits erahnen. Dazu kommt, dass sich viele bereits über ihre Gesundheit in der toxischen Umgebung sorgen. Aber auch dafür hat China eine Lösung parat. Aus Angst die Arbeiter könnten auf den Feldern sterben, wird das Arbeitsverhältnis nach drei Jahren frühzeitig beendet.

Finale Vorbereitungen in Muang Sing. Die Rampe wird nochmals auf ihre Statik geprüft, Som Dy grrrrrinst vom Tisch der Jury hinüber und die Tanztrüpplein einiger Ethnien zupfen sich gegenseitig die Tracht zurecht. Fanfare erklingt. Der Bürgermeister tritt ans Podest und heisst die Gäste willkommen. Das Buon Bang Fai kann starten. Jedes Jahr werden über ganz Laos verteilt Bambusraketen gezündet und damit die Regenzeit begrüsst. Die Zeit massloser Euphorie, denn ohne den lange ersehnten Regen würde die gesamte Landbevölkerung (knapp 90 Prozent des Landes) verhungern. Kein Regen, keine üppige Reis-Ernte. Diese Bauernschlauheit gilt bereits seit Jahrhunderten, so sollen die Raketen den Regengott Phaya Thaen kitzeln und zum Schütten motivieren. Sicher ist sicher. Tin Pong winkt mich an den Tisch seines Raketenteams. Ab sofort würde ich zu ihnen gehören. Die unschöne Narbe an Tins linkem Unterarm macht mich neugierig. Tin erzählt ohne zu zaudern. Auch er wollte das streng kommunistische Laos in den späten Siebzigern verlassen, den Mekong überqueren und via Thailand raus aus dem politischen Desaster. Er und seine drei Freunde waren bereits kurz vor der Hauptstadt Vientiane, als der Fahrer eindöst und das Fluchtauto in einem Baum parkiert. Tin überlebt den Unfall als einziger, muss aufgrund der Verletzungen jedoch in Laos bleiben. Kurz darauf beginnt er ein Buddhismus-Studium und verschwindet für ein paar Jahrzehnte anstatt im Ausland im Kloster. Heute arbeitet er auf dem Gemeindeamt und einmal jährlich als professioneller Raketenbastler. Wir inspizieren das Sortiment. Zwei mit Sturmgewehr und Bier bewaffnete Sicherheitsleute verbreiten die Aura letzter Wichtigkeit. Mit acht Metern Länge und 90 Kilo Schwarzpulver zählt ihre Bambusrakete zu den grösseren Kalibern innerhalb der Kollektion. Knapp 480 USD (4 Millionen Kip) muss ein Gönner investieren. Quasi das Quartalseinkommen eines durchschnittlichen Laoten. Die Raketen werden dann von der Jury beurteilt nach erreichter Höhe, Entfernung des Aufschlags und Eleganz der Rauchspur. Es gibt jedoch auch persönliche Auswirkungen für den Investor – die Reichweite ist gleichzusetzen mit dem zu erwartenden Glück im neuen Jahr. Nach einigen Kinderraketen, wird das Geschoss von Tin’s Team gekauft. Der Käufer, Sohnemann eines chinesischen Händlers, wird auf einer hölzernen Sänfte zur Abschussrampe getragen. Das Team wuchtet die Rakete hoch und verbindet das Zündkabel. Das Fussvolk äugt gespannt und wartet. Die Rakete explodiert noch am Boden.

Zur Bildgalerie vom Buon Bang Fai in Muang Sing

Weiter nach Oudomxai. Ich bin zu spät. Der Bus nach Phongsali ist zwar noch da, aber kein Sitz mehr. Nein halt, zählen lose Schaumstoffbrocken oder rostige Sitzrahmen ohne lose Schaumstoffbrocken, dann habe ich eine gute Auswahl. Ich gönne mir den losen Schaumstoffbrocken direkt über dem Hinterrad. Nach einigen Kilometern frage ich mich, was lebensgefährlicher ist; im Bus sitzen oder innerhalb der Fahrstrecke wohnen. Ich blute bereits an drei Stellen, denn jeder Hops katapultiert mich vorbei an spitzen Metallkanten bis nahe ans Busdach. Zum Glück sind es nur noch elf Fahrstunden. Ich habe bereits gehört, dass man sich Phongsali zuerst verdienen muss. Was mich jedoch etwas irritiert, ist das Leiden meiner laotischen Mitreisenden, die gerade reihenweise Plastiksäcklein mit Mageninhalt abfüllen. Müssen sie sich Phongsali wieder und wieder verdienen? Es ist bereits spät als wir ankommen, aber immerhin hat noch ein Restaurant offen. Chinesisch. Die Fratze des Schlächters Mao Zedong ziert die Wand. Der wäre stolz gewesen auf sein Land, denn Jahrzehnte nach seinem Tod wimmelt es in Laos von chinesischen Investments sowie chinesischen Restaurants um über chinesische Investments zu debattieren. Letztes Jahr sollen es um die 6 Milliarden gewesen sein, davon kommt eine Milliarde allein aus der Ecke Yunnan (Quelle Vientiane Times). So oder so, ich bin happy, habe die Fahrt überlebt und bewohne seit längerem wiedermal ein Zimmer mit Ausblick.

Um sieben Uhr morgens verfliegt die Glückseligkeit. Denn ich schlafe nahe dem Lautsprecher, der das Dorf mit den täglichen Provinz-News versorgt. Das darf man sich folgendermassen vorstellen. Eröffnet wird die Propaganda mittels Marschmusik. Dann folgen die Schlagzeilen; aktuelle Beerdigungen, der Stand laufender Regierungsprojekte und Besuchsankündigungen wichtiger Parteikollegen. Ausgefuchster Kommunismus. Zeitungen, Fernseh- sowie Radiostationen und ja, auch Lautsprecherdurchsagen werden in Laos allesamt von der Partei oder parteinahen Institutionen kontrolliert. Deren PR Abteilung hat es bereits in mein Zimmer geschafft, in Form eines stilvollen Kalenders des örtlichen Wasserkraftwerks. Ein Sammelsurium ästhetischer Bilder von Strommasten, gestautem Wasser, Turbinen sowie dem Handshake von chinesischen und laotischen Politikern. Wasserkraft wäre eine feine Sache, sofern die richtigen davon profitieren. Auch Laos braucht Elektrizität. Aber Yunnan braucht sie dringender. So fand folgender Deal statt: Laos leiht Geld von der China Development Bank. China darf dafür den Mekong sowie den Nam Ou mit Staudämmen zubetonieren und den Strom 15 Jahre für sich selbst behalten – ungefähr solange wie Laos braucht den Kredit zurückzubezahlen. Der Standpunkt von Laos ist offensichtlich. Der Strom soll Devisen bringen. Thailand klopft regelmässig an. Die ökologischen Folgen sind verheerend; Fischbestände schwinden, Bootskapitäne verlieren ihren Job, ganze Dörfer werden zwangsumgesiedelt und aus dem einst schönsten Fluss von Laos wird bald eine braune Pfütze. Auch meine grandiose Idee von Phongsali aus den Nam Ou hinunterzutreiben – passé. Also Teefelder und Dörfer erkunden. Viele kommen anscheinend nicht vorbei, denn meine Ankunft wird hin und wieder auf Video festgehalten.

„Sabaideeeeee!!“. Euphorisches Winken kleiner Kinder im südlich gelegenen Boun Tai. Einchecken in einem heruntergekommenen Guesthouse. Neben der Türe hängen die obligaten Benimmregeln (offiziell signiert vom Polizeidirektor und dem Chef des Tourismusbüros). „For a stronger society“, für eine strengere Gesellschaft, heisst es in der Überschrift. Ich habe mir erlaubt den Text eins zu eins ins Deutsche zu übersetzen.

  • Kein relaxen nach 23:00
  • Pass auf deine Gäste im Speisesaal auf. Falls du auf deine Gäste in deinem Zimmer aufpassen willst, informiere vorher Personal
  • Keine illegalen Materialien ins Gästehaus nehmen, ausgenommen die Polizei oder Personen mit Spezialbewilligung
  • Keine Videos oder Fotos in das Gästehaus machen
  • Beim auschecken: Vergiss nicht deine Armut nochmals zu prüfen
  • Nichts stehlen
  • Du trägst die Konsequenzen falls du Regeln nicht befolgst

* Weitere Punkte konnten aufgrund mieser Satzstellung nicht dechiffriert werden.

Also… wer nach elf müde ist, muss woanders hin. Keine Schlampen mit aufs Zimmer. Drogen nur wer Polizist ist oder einen gefälschten Ausweis hat. Wenn ich beim Anblick des Zimmers wieder einmal realisiere, wie arm ich bin, soll ich nicht dem Diebstahl verfallen. Diebstahl? Als ich überlege, was ich mit einer geraubten Glühbirne oder einem Kissen anfangen soll, schaut Bounlod vorbei. Den Guide zuerst persönlich zu inspizieren, ist nie falsch, schliesslich verbringe ich die nächsten Tage mit ihm. Der dreissigjährige Vater war ein Drittel seines Lebens Novize, das heisst er wird meinen Fragen stets wahrheitsgetreu Rede und Antwort stehen. Buddhistische Maxime! Das Studium in Touristik verspricht Basiswissen über Geschichte und Umwelt. Ich rücke die Moneten raus.

Typischer Morgen in Laos. Man schleppt sich zur Arbeit. Oder schläft bereits während der Arbeit. Täglich überrascht mich Laos mit einer krisensicheren Gelassenheit. Nichts bringt das Laotenherz aus der Ruhe. Es scheint als gäbe es keine Vergangenheit, keine Zukunft, gerademal das jetzt. „Die Vietnamesen pflanzen den Reis, die Khmer schauen zu, und die Laoten lauschen, wie er wächst“, so ein asiatisches Sprichwort. Mehr als nötig ist unnötig, basta! Wir ziehen los. Heute stehen einige Dorfsvisiten an, zuerst wandern wir jedoch einige Stunden in der prallen Sonne. Am Rande eines kleinen Reisfeldes werden wir bereits zum Tee erwartet. Der Reisbauer freut sich über etwas Gesellschaft, viel gäbe es gerade nicht zu tun. Ob er trotzdem glücklich sei, frage ich nach. „Aber selbstverständlich, die Unabhängigkeit ist sein Glück“. Also ist ein laotischer Bauer, der jeden Abend das Sternenmeer bestaunen kann und genügend Essen auf dem Teller hat tatsächlich glücklich? Himmel, ja ist er! Denn er hat alles was er braucht und arbeitet nur 50 Prozent, den Rest des Jahres hat er frei. Er interessiert sich einen feuchten Furz, wie der Sonnenuntergang auf den Malediven aussieht, welche neuen Features das nächste Iphone hat oder was Hillary Clinton und Donald Trump gerade verbrechen. Rentenkassen Defizit im kommenden Jahr? Kein Thema, denn seine zehn Kinder sorgen irgendwann für ihn. Kürzlich las ich etwas verwundert einen Kommentar von Patrick H. zu meinem Myanmar Artikel in einer Schweizer Tageszeitung. Herr H. meinte, ich soll die Haare abschneiden und arbeiten gehen, worin ich lediglich den Neid eines überarbeiteten (haarlosen?) Bürohengstes erkenne, der die Zeit verpasst hat, sich aus der Komfortzone zu begeben und nun als Voyeur durch fremde Augen die Welt zu begreifen versucht (und kritisiert). Nun gut, kann passieren, mich verblüffte mehr, dass er mich als arrogant und alle meine Reisebegegnungen in Myanmar als mausarm bezeichnet. Ohne zu wissen, wo er überhaupt ansetzt. Denn es liegt ganz im Sinne des Betrachters. Achtung; wir reden nicht von Ghetto-Kids aus Mumbai, Kriegsflüchtlingen aus Syrien oder afrikanischen Minderjährigen, die über Müllberge kriechen. Wir reden von asiatischen Selbstversorgern, die auf eine unverschämt romantische Art glücklich sind. Menschen, die sich eher für mich schämen, dass ich Armer keine feste Bleibe habe, immer noch nicht verheiratet bin und keiner meiner Liebsten in Gehweite ist. Okay, jeder der Weltbewusstsein entwickeln will, soll raus gehen und damit meine ich nicht die Shopping Mall in Dubai oder das Resort an der Algarve Küste. Aber Couchpotatoes wie Herr H. (und mit ihm Hunderttausende) bleiben lieber zuhause und spenden Ende Jahr 100 Franken fürs gute Gewissen, anstatt sich ein Bild vor Ort zu machen. Okay, nicht wenige Laoten würden gerne mit uns tauschen, sie haben keinen Schimmer von den Altersheimen, wohin wir unsere Eltern abschieben, dem ungesunden Leistungsdruck oder einer Scheidungsquote von über 40 Prozent. Ich kann es ihnen nicht vergönnen.

April ist offensichtlich der ungeeignetste Monat für eine Wanderung durch die Hügel von Laos. Einerseits weil die Temperaturen über 40 Grad ansteigen und den Naturliebhaber statt neongrüne Hügel, verkohlte Steppen erwarten. Die Zeit des „slash & burn“ (abhacken und abbrennen). Gerade die Akha sind Spezialisten in diesem kontroversen Thema. Kurz vor der Saat und der darauffolgenden Regenzeit werden unzählige Hektaren Wald gerodet. Oktober ist Erntezeit. Da das Land nach nur einer Ernte unbrauchbar ist, ziehen sie weiter und starten von vorne. Nach fünf Jahren, so wird mir versichert, kommen die Landwirte wieder zurück zum Ausgangspunkt. Solange dauert es bis der Boden wieder eine geeignete Ernte zulässt. Da das Land faktisch seit mehreren Generationen den Ethnien gehört, kann die Regierung nichts dagegen unternehmen. Würde sie trotzdem, müssten die Bergvölker wohl verhungern, denn eine andere Technik gibt es anscheinend nicht.

Selten besuchte Akha in abgelegenen Dörfer werden gerade deshalb selten besucht, weil sie in abgelegenen Dörfern wohnen. Das macht natürlich Sinn, denke ich mir, als wir uns durch die Dornbüsche kämpfen. „Was mit so einem Pfad passieren kann, wenn man ein halbes Jahr nicht durchgelaufen ist“, meint Bounlod sarkastisch. Am Dorfeingang hackt sich eine halbnakte Frau der Akha gerade durch einen Baumstamm. Ich staune, bereits während den letzten Stunden habe ich nur Frauen auf den Feldern wuseln sehen. Dazu gibt es mehrere Theorien, entweder arbeiten die Männer alle in Höhlen und ich sehe sie daher nicht, oder die Rollenverteilung ist hier umgekehrt. „Ja, umgekehrt“, versichert Bounlod. Immerhin wird das Essen heute von männlicher Hand serviert. Bittere Bambussprossen, Reisklumpen und Eichhörnchen-Suppe. Eichhörnchen-Suppe? Wie kommt es, dass ich immer wieder in solchen Situationen lande? Gut zu wissen, dass das obligates Glas Lao Lao bereitsteht. „Das Hirn nicht vergessen“, wird mir mit ernster Mine empfohlen. Einverstanden, mein Geschenk an das Land ist der Mut das zu essen. Ein gemütlicher Abend. Männer saugen Tabak durch Bambusrohre, die Frauen füttern ihre Babies, mehr Lao Lao macht die Runde. Ein paar Häuser weiter feuert jemand eine Gewehrsalve ab. Kein Grund zur Aufregung, nur ein Zeichen, dass jemand krank wurde. Ich erfahre von einer traditionellen Hochzeit im Nachbardorf und dränge darauf uns vorstellen zu dürfen. Nach einigen Lao Lao mit Kamla, dem Bräutigam, ist die Sache bereits geritzt, wir sind dabei.

Die Eltern von Pantit, der 16-jährigen Braut, haben entschieden. Kamla ist der Auserwählte. Eigentlich könne man auch noch etwas warten, aber wie Kamla bereits am Abend zuvor erwähnte, streunte der Playboy zu oft durch andere Dörfer, das müsse aufhören. Festlich gekleidet kauern die engsten Verwandten und der Dorfschamane um den kniehohen Holztisch. Die Zeremonie ähnelt unserem Saufgelage vom Vorabend, ausser, dass sich die Beteiligten den Lao Lao gegenseitig einflössen (auch den Kindern) und dabei einige Worte herunterbeten. Unterdessen wurde das dickste Schwein der Region hergeschleift. Kaum zerlegt, schnappt sich der Schamane die Leber. Mit der Hilfe von Taschenlampen wird der Lappen beurteilt. Grosses Glück werde dem jungen Paar widerfahren. Somit sind die Festivitäten offiziell freigegeben. Ich biete den beiden als Geschenk ein gedrucktes Hochzeitsfoto an. Kamla lehnt entschieden ab. Nach dem letzten Hochzeitsfoto starb unerwartet jemand im Dorf. Armer Wicht, unzählige Alkohol-Ekstasen und Tonnen von Tabak hat er überlebt, und dann rafft ihn ein Hochzeitsfoto dahin. Ich nicke verständnisvoll und spendiere ein Huhn. Einige Stunden später platzt das Erdgeschoss des Holzhauses vor Leuten. Alle kommen vorbei, ausser Pantit und Kamla, die beiden müssen auf ihr Zimmer, so besagen es die Regeln. Die Party geht steil, die männliche Fraktion schlägt sich den Wanst voll, labt sich abwechslungsweise an Reisschnaps und Bambusrohrpfeiffe und dann… eine Szene, die ich auf meiner Grosshirnrinde einbrennen wird; plötzlich ziehen die Frauen durch den Raum und stürzen sich auf uns Männer, genauer, auf unsere Beine und beginnen zu massieren. Während ich etwas verdutzt über das Ritual nachdenke, schweift mein Blick zu Grossväterchen im düsteren Eck, der gerade seine Opiumpfeife startet, weiter zum Schamanen, der gerade ein Liedchen schnurrt und zu Bounlod, der sich vor lauter Lao Lao kaum mehr auf dem Schemel halten kann. Ein vehementes Ja-Wort an die Welt, hier und jetzt, ich will mit niemanden tauschen.

Am nächsten Morgen ist alles wieder beim Alten. Vierjährige waschen ihre Kleider, zwei nackte Kinder schaukeln auf einem Motorrad, die Männer machen es in ihren Sesseln bequem und ihre Frauen ziehen auf die Felder.

Zur Bildgalerie vom Boun Tai Trek

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