Schmelzwasser tröpfelt von den Eiskuppen des Guozongmucha im Tibetischen Plateau – Kurs Chinas Yunnan, ein kurzer Abstecher nach Myanmar, vorbei an Laos und mir, entlang der Grenze Thailands, durch Kambodscha und nach 4’350 Kilometern ins Delta bei Ho Chi Min.

Der Mekong, die Lebensader Südostasiens. Auf eine geheimnisvolle Weise bringt Bootfahren meine Endorphine zum Sprudeln. Das gleichmässige Knattern des Motors, der einlullende Rhythmus, das vorbeiziehende Flussleben. Happy life, kein Grund zur Klage, bin seit kurzem zweifacher Millionär in lokaler Währung und gondle auf Mekongwasser. Ein Speedboat jagt vorbei. Darin quetscht sich eine laotische Grossfamilie, entschlossen in sechs anstatt 15 Stunden nach Luang Prabang zu rasen. Immerhin werden Rennfahrerhelme (und höchstwahrscheinlich Beruhigungsmittel) verteilt. Irgendwann verliert wohl selbst die Gemächlichkeit einer Flussfahrt ihren Reiz. Die um 60Km/h langsameren Passagierfrachter pausieren diese Nacht nahe einiger grauslichen Gasthäusern und lieblosen Fressbuden. Kaum angelegt, haschen die Aussendienstler und grabschen nach jedem der weder Kissen, Restaurant oder Opium hat. Das spornt die Vorfreude an. Noch ein Tag bis zum Jahr 2559!

Es wird gemunkelt, das buddhistische Neujahrsfest „Pi Mai“ in Luang Prabang sei das Schönste, wenn nicht das Traditionellste in Asien. Und sowieso, die Metropole des historischen Königreichs Lan Xang gehört zu den „must sees“ in Laos. Buddhistische Tempel inmitten französischer Kolonialbauten, cool. Die kommunistische Regierung bewirbt Luang Prabang als prächtige, alte Tempelstadt. „Ja, wir haben eine Geschichte“, heisst es auch auf der Webseite der Regierung. „Daher haben wir eine Gegenwart und eine Zukunft.“ – Patriotische Worte von den selben Kommunisten, die den letzten laotischen König Savang Vatthana 1975 in den Dschungel verbannten. Fünf Jahre überlebt der Monarch als Selbstversorger bis sich Malaria in seinem Körper ausbreitet. Er stirbt in einer einsamen Höhle. Seine Frau und die zwei Söhne verschwinden in einem Umerziehungslager zum Steine klopfen. Nach einem Jahr sterben alle drei den Erschöpfungstod. Seither ist der Name Savang Vatthana ein Tabu und die Erinnerung an die Königsfamilie verboten.

Der 70-jährige Khamnouan erzählt mir seine Geschichte, und die von rund 350’000 anderen Laoten. als sich der Kommunismus von Vietnam auch nach Laos ausbreitete, stand westliches gegen kommunistisches Gedankengut. Jeder Ketzer wurde von der Pathēt Lao zum „Studium“ abgezogen – Steine klopfen, gelegentliches foltern. Einige kamen gebrochen zurück, andere verschwanden für immer. Khamnouan hatte die Wahl; auf die andere Seite des Mekong zu gelangen oder „Studium“ im Umerziehungslager. Er schwamm. Mit ihm rund zehn Prozent des Landes. Vorwiegend studierte Laoten sowie Businessleute. Wer nicht von schiesswütigen Thai-Grenzpolizisten oder der kommunistischen Pathēt Lao Army entdeckt wurde, hatte gute Chancen zu ertrinken. Trotzdem erreichten viele das Camp. Khamnouan verbringt ein Jahr im thailändischen Auffanglager, bevor er nach Kanada einreisen darf. Nach fünf Jahren Bewährung folgt der kanadische Pass. Als sich die Situation in Laos beruhigt, kommt Khamnouan wieder – als Ausländer im eigenen Land. Der Familie zu Liebe.

Sozialistische Experimente nehmen nur selten ein gutes Ende. Und vor allem nicht in einem Land, dass zu 80 Prozent aus Bauern besteht und keine Industrie hat. Die Laoten haben bereits vor der Ein-Partei-Regierung einiges durchgemacht. Das Land wurde besetzt von Siam (Thailand), Frankreich und Japan. Während dem Vietnamkrieg blieb Laos zuerst neutral. Die Nordvietnamesen nutzten das Land jedoch als Durchgang um den Südvietnam zu verwüsten. Der „Ho-Chi-Minh Pfad“ wurde zu Amerikas „geheimen Krieg“. Ende der sechziger Jahre beschliessen der amerikanische Präsident Nixon und Sicherheitsberater Kissinger – später Träger des Friedensnobelpreises – acht Milliarden US-Dollar in Laos zu investieren. In Form von 270 Millionen Bomben. Der grösste Teil fällt auf den Vietcong und den Ho-Chi-Minh Pfad. Zudem regnet es Metall in angeblich unbewohnten Gebieten von Laos, da die US-Piloten nichtverbombten Balast abwerfen. Ein Drittel detonierte nicht. Wer Pech hat, findet eine der knapp 75 Millionen Blingänger im Land. Und Pech haben einige; jährlich explodieren an die 500 Bauern und Kinder während ihrer Arbeit auf den ungeklärten Feldern. So sieht es aus, in Laos ist nach Jahren der Repression der politische Widerstand ausgeblutet. Man akzeptiert das Unvermeidliche, ackert weiter.

Pi Mai Lao – Laos Neujahrsfest, Luang Prabang

Tag 1 – Letzter Tag des alten Jahres – Erneuerung steht an.

Programmhinweis

  • Reinigung des Hauses
  • Einen Kübel Wasser über den Kopf der Alten giessen um für Gutes im neuen Jahr zu bitten
  • Willkürliches Nassspritzen

Die Ruhe vor dem Sturm. Verdächtig zivilisiert fängt es an, mit Baguette, Beure et confiture umgeben von kolonialer Architektur – alles Geschenke der Besatzer aus Frankreich. Kleine Kinder bewaffnen sich, grosse Kinder schleppen Bierkästen an, Mönche pützeln die Tempelhöfe, Fässer werden mit Mekongwasser gefüllt, Boxentürme in der Grösse von Stonehenge werden in Plastik gewickelt. Ich besorge mir die alienmässigste und zielsicherste Wasserpistole, welche Chinas Ingenieure bisher entworfen haben. Feinste Technik, elegant gebogener Plastik, fieses Abschussgeräusch. Kurz darauf beginnt der Wasserkrieg, niemand wird verschont, jeder wird nass. Babies, Mönche, Greise, die Eierverkäuferin, vorbeifahrende Tuktuk-Passagiere, Motorradfahrer, selbst die Bier trinkende Polizei. Wann genau entschieden wurde, die spirituelle Reinigung in eine landesübergreifende Wasserschlacht umzuändern, weiss heute keiner mehr. Es wird schnell offensichtlich, dass die Teenager den Event als eine Entschuldigung für masslosen Alkoholkonsum nutzen. Kein esoterisches Gebimmel. Das ist okay, bin immer nur Mensch und geniesse die Schlacht, spritze alles nass was sich bewegt. Meine Lieblingsopfer? Rennende Kinder (sie haben angefangen), das Touristenpack, das versucht unbemerkt vorbeizuschleichen und die Tuktuks, die trockene Touristen nachliefern. Aber auch das wird langweilig, also springe ich auf die Lade eines zirkulierenden Lasters, was den Spassfaktor multipliziert. Wir haben genügend Wasservorrat, Bier, gute Schützen und einen kleinen Jungen, der jedes getroffene Auge mit einem teuflischen Lacher kommentiert. Wer auf der Lade eines Lasters mitfährt, sollte sich jedoch auch den Konsequenzen bewusst sein. Neben dem Spassfaktor multipliziert sich auch der Anspritzfaktor. Alles was sich unmittelbar „auf“ der Strasse bewegt, ist Zielscheibe Nummer eins. Von Schläuchen, Wasserschalen, Pfannenfett, Farbpulver, Backpulver oder Bier. Wir haben Luang Prabang unlängst verlassen und sind auf Dorftour, wo nicht weniger nassgespritzt wird. Jeder macht mit, selbst der ältere Herr, der einsam auf einer selten befahrenen Landstrasse mit seinem Wasserschlauch wartet.

Tag 2 – Zwischentag – Nichts spezielles

Programmhinweis

  • Markstände mit Kunsthandwerk (verkauft von Bergvölkern, eingekauft in China)
  • Sandstupas am Rande des Mekong basteln um böse Geister zu besänftigen
  • Willkürliches Nassspritzen

Ich erkundige mich nach Savahn, der heute eigentlich mit mir aufs Schlachtfeld kommen wollte. Sein Chef entschuldigt ihn, er werde gerade mit 40 Stichen am Schädel wieder zusammengeflickt. Er ist gestern betrunken mit dem Motorrad in einen Baum gefallen. Nummer 207 in der „Pi Mai Lao Verkehrsunfallstatisitk 2016“. Wie vielen Asiaten in seiner Altersklasse fehlt Savahn das Selbsterhaltungs-Gen. Täglich flitzen sie auf den Rücken ihrer Motorräder durch die Strassen, zu zweit, zu dritt, zu viert. Kein Helm, dafür hin und ein Bier. Ich verdränge die Situation und steige ein bei Nalongkone und seiner Gang. Jedes Jahr lötet die Truppe den rostigen Citroen Deux Chevaux wieder zusammen und machen damit die Strassen unsicher. Wunderbar! Ich streiche somit folgendes von meiner Wunschliste: „Auf einem ausrangierten Mad Max Gefährt durch ein Kulturgut der UNESCO rauschen, dabei Bier trinken und Wassersalben auf Passanten feuern“. Nach einigen Stunden verabschiede mich von meinen Gangmitgliedern und versuche mein Glück in einem Club. Nur kurz fühle ich mich einsam unter den 500 Laoten, werde bald an einen Tisch geladen, dann herumgereicht. Jeder will anstossen, auffüllen, wieder anstossen. Nicht so die Chinesen, die decken mich mit Sonnenblumenkernen ein. Wer einst die Böden der Trödelbusse Chinas begutachtet hat, kann sich vorstellen, was das Putzpersonal morgen früh erwartet. Ich rette mich in gesittete internationale Gesellschaft. Da in Luang Prabang keine Gastro- oder Entertainement-Bewilligungen ausgestellt werden nach 1 Uhr, treffen sich die Schlaflosen im örtlichen Bowlingcenter. Ein Etablissement der Regierung, wo sich total Betrunkene samt Kugel auf die Bahn werfen. Was für ein Spass.

Tag 3 – Der erste Tag des neuen Jahres – Vollgas?

Programmhinweis

  • Buddha Götzen waschen um die Sünden des vergangenen Jahres wegzuspülen
  • Krönung der Miss Lao New Year (nur Jungfrauen werden zugelassen)
  • Willkürliches Nassspritzen

Das ganze beginnt sich etwas zu wiederholen. Aufstehen, einen Meter laufen, nass werden, nass machen, trocknen, einen Meter laufen, nass werden (okay, dieses mal mit gelbem Wasser), nass machen etc. Daher kommt das kulturelle Rahmenprogramm gerade recht. Heute sind bereits viele Laoten auf traditioneller Mission. In Gala geworfen, grasen sie die Tempel ab um die Buddhastatuen zu bewässern und um etwas zu sinnen. Lanai ist mit ihrem Mann seit heute Morgen unterwegs, fünf Tempel à fünf Götzen fehlen ihnen noch, vier haben sie bereits durch. Anscheinend gibt es einiges ins Reine zu bringen. Mir wurde mehrfach versichert, dass ein Buddha befeuchten völlig ausreicht und wer Quantität vor Qualität stellt, der scheint grobe Probleme beseitigen zu wollen. Als grosse Ehre gilt jedoch „Phra Bang“ zu nässen. Die Buddhastatue und Namensgeber der Stadt kam vor 650 Jahren als Krönungsgabe aus Angkor und wird bald aus dem Altar geholt.

Zur Bildgalerie von Pi Mai Lao in Luang Prabang

Postskriptum: Wie sieht der Event im Nachbarland aus?

Bangkok Post. Gewagt sarkastisch zum Thema „Songkran“ (ins deutsche übersetzt):

Willkommen im Land des Lächelns und der Lebensfreude. Wir sind überglücklich, dass du hier bist um mit uns das traditionelle Thai Neujahrsfest zu feiern. Ja, wir wissen unsere Nachbarländer feiern es auch. Aber wir feiern es am besten. Weil wir Thailand sind, das Synonym für „Sanook – Lebensfreude“ oder „Spass haben“. Songkran ist das einzigartige farbenfrohe Festival wo du Fremde mit Wasserpistolen, Wasserschläuchen oder Plastikschalen nass spritzen darfst. Du hast die Bilder gesehen, wieso wärst du sonst hier?! Nass werden, ist ein Riesenspass oder Sanook, weil es mit bis zu 40 Grad die heisseste Zeit des Jahres ist. Gibt es einen besseren Weg um abzukühlen als sich in ein paar Kleiderfetzen zu werfen und ordentlich nass zu werden? Du hast die Qual der Wahl, wo du nassspritzen willst. An der Strassenecke aber auch von der Lade eines zirkulierenden Pickup Trucks. Du kannst einfach hinten aufspringen und mit deinen neugewonnenen Thai-Freunden durch die Strassen streifen, eine Wasserpistole in der einten Hand und ein Lao Bier in der anderen. Gelegentlich wirst du mit Farbe angemalt. Die Hotspots in Bangkok sind Silom und Khao San, wo es so überfüllt ist, dass du dich kaum bewegen kannst. Laute Musik, viel Tanz und Gelächter. Was für eine Party! Was für ein Erlebnis! – So ungefähr…

Dieses Jahr hat die Regierung einiges geändert. Als erstes, kein Wasser spritzen. Wir befinden uns in Mitten der Trockenzeit und unsere Dämme sind leer. Dann also mehr Alkohol trinken? Auch verboten! Wer mit einer Leo- oder Singha-Flasche durch die Gegend tölpelt, wird eingebuchtet. Und sowieso, viel Glück beim Alkohol finden, da die Regierung das Alkoholverbot während Songkran verhängt hat. Also kein Nassspritzen oder Alkohol trinken. Tut uns leid für die Wasserpistole, die du gerade gekauft hast. Auch verboten! Anmalen? Verboten. Du erinnerst dich an die Trucks und das zirkulieren? Strengstens verboten. Die Polizei hat sicherheitshalber bereits alle 35 relevanten Strassen abgesichert. Einige Kleiderfetzen? Solange du mehr als 35 Prozent deines Körpers verdeckst, geht das in Ordnung. Also Ladies, bedeckt Hals, Schultern, Wangen, Bauch, Arme, Knie und Knöchel. Männer, es ist nach wie vor OK halbnackt zu sein, da Männer-Nacktheit die alternde Junta weniger stört als die weibliche. Wir wissen, was du jetzt denkst. Wieso sagt ihr mir das erst jetzt? Könnt ihr mich nicht frühzeitig vorwarnen? Nun, du hast dich selbst dazu entschieden, in einen vertrockneten, von der Militärjunta kontrollierten Staat zu reisen, richtig?

-> Anhang: knapp 20’000 Verdächtige wurden vorsichtshalber schon vor dem Fest eingebuchtet.

ein Kommentar

  1. Danke vielmol für die Enführieg in es spektakelriechs und traditinells Erreignis imene Teil uf dere Welt wo Mensche no Spass, Freud und Zit händ eimol im Johr sich wie es Kind fühle. Alles vergässe wo de Alltag sicher nöd immer liecht macht und einfach mol d‘ Sau useloh, find ich super.

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