Die Hitze betäubt wie eine sanfte Keule. Der Zug bummelt im sommerlichen Chiang Mai ein. Wenn ich den Thais gegenüber die treibige Stadt in Thailands Norden erwähne, ernte ich gerne einen Seufzer, nicht selten ausgefallenes Schwärmen. Hier würden sie gerne leben – Umgeben von hippen Cafés, interessanter Architektur und den zahlreichen Nationalparks direkt vor der Haustüre. Ich verbringe den angebrochenen Nachmittag mit Mobile App-Entwickler Nik, einem der 20’000 Expats in Chiang Mai. Wer dieser Welt mit so viel Gutmut und Vertrauen begegnet, hat es wohl verstanden. Ich werde sogleich Kunde von Nik. Von nun an erinnert mich sein Dienst „Recognition Meditation (RM)“ zwölfmal täglich daran, für einige Sekunden innezuhalten und mein Gedankengut zu entleeren.

Während sich das Gros der Rucksacktouristen innerhalb der antiken Mauern von Chiang Mai einquartiert, bleibe ich etwas ausserhalb nahe der Nimmanhaemin Road. Dort wo Chiang Mai ausgeht. Heute Abend soll mich das „Warm Up“ inspirieren, der angesagte Club für die Thai-Jugend. Das Partykonzept läuft folgendermassen ab; man platziert sich an einem der mit Whiskyflaschen überfüllten Stehtischen vor der Popband oder dem DJ, welche abwechslungsweise die Meute anfeuern. Anfeuern ist jedoch ein schwieriges Unterfangen, denn die Stehtische wurden bereits zu Social Media Zentralen umfunktioniert. Damit das die ganze Nacht so weitergehen kann, hat der Stehtischlieferant Ladestationen für die Mobiltelefone mitgeliefert. So lässt sich beobachten, wie die nächste Generation total aufgetakelt an die Tische schwirrt und anstatt die Atmosphäre zu geniessen, in die digitale Aussenwelt abtaucht. Hin und wieder ein Selfie vom Ausgehdress, der Whiskey Flasche oder einem scheuen Kussmund und ab ins Netz damit. Ich denke, Nik hat eine interessante Zukunft vor sich. Ich programmiere die App auf den Satz: „Erinnere jemand anderen daran den Moment zu leben“. Noch ein Farang hat sich in den Club verirrt. Ollie, der Amerikaner ist auf dem Visa-Run von Chinas Yunnan. Der Sänger stellt sich mir als kultivierten Gesellen vor, geistreich und ausgeglichen. Quasi ganz anders als seine Landskollegen. Malie setzt sich dazu, nein, sie wirft sich hin. Die junge Thai ist auf Ecstasy, in drei Stunden geht sie wieder arbeiten. Das war zumindest der Plan, denn einige Minuten später setzt ihre Atmung aus und der Harndrang ein. Ein Ladyboy stöckelt vorbei und meint mit tiefer Stimme „I love you“ zu mir. Genug Satire, nachdem wir sicher gehen können, dass Malie nicht an Ort und Stelle stirbt, ziehen wir weiter. Wir verhandeln mit einem Tuktukfahrer und einer Thai, die offenbar für die Kommunikation verantwortlich ist. Die Verhandlungen scheitern aufgrund überhöhter Preise. Während meine Art der „Erziehung“ weiterlaufen ist, entscheidet sich Ollie für einen kultivierten Mittelfinger. Die Kommunikationsverantwortliche schnappt sich den geistreichen Ami und erteilt ihm eine Lektion mittels 20-30 Thai-Kicks (ich habe irgendwann aufgehört zu zählen). Wunderbar, sie lebt den Moment und Ollie hat wohl etwas gelernt.

Zeit das Weite zu suchen. Per Motorrad starte ich den Mae Hong Son Loop. Kein angeberischer, geschwindigkeitsbetonter Macho-Trip, etwas für Easy-Rider. Ein Riesenslalom mit 1864 Haarnadel-Kurven, hinauf zum höchsten Hügel Thailands, vorbei an Mae Hong Son, Pai und zurück nach Chiang Mai. Nach einem kurzweiligen Aufenthalt im Wasserfall-Mekka Doi Inthanon lande ich im Kaff Chan Maen, wo ich mich nach dem Weg erkundige. Thaw ignoriert mich zuerst, das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sie blind ist. Den Weg kann sie mir zwar nicht weisen, dafür bietet sie mir ihre Dienste als Masseurin an. Ich kann zu einer Blinden schlecht nein sagen. Sie führt mich in das chaotische Innenleben Ihres Elternhaus. Direkt neben der Liege strahlt der Fernseher ihren greisenhaften Eltern die neusten Seifenopern entgegen. Thaw wälzt sich bereits 17 Jahre entlang der zehn Energielinien fremder Körper. Da helfe kein Greinen. Als Einzelkind muss sie da durch. Sie ist eine von rund 3’000 blinden Masseurinnen im Land. Blinde haben es in der Thaigesellschaft schwer, die meisten sind gezwungen, ihren Lebensunterhalt als Bettler oder Verkäufer von Lotterielosen zu verdienen. Ich sei ihr erster Ausländer, meint Thaw und schenkt mir ein bezauberndes Lächeln zum Abschied.

Mein Blick schweift nach links, nach Myanmar. Gerade die Grenzregion zum Nachbarland ist nach wie vor ein brisantes Thema. Diverse Flüchtlingslager säumen die Hügel. Flüchtlinge einer rigorosen Militärdiktatur. Viele der Asylanten haben die eingezäunten Camps seit 30 Jahren nicht verlassen, andere wurden da geboren und kennen kein anderes Leben. Ein Leben ohne Rechte. Nahe Mae Hong Son lassen sich die exotischsten aller Flüchtlinge begutachten. Das Volk der Padaung (die Giraffenfrauen). Tagein tagaus werden Touristen in die „Cultural Villages“ verfrachtet um die Padaung Frauen bei der Verrichtung künstlicher Arbeit zu bestaunen und natürlich zu fotografieren (Mehr zum Thema „Menschenzoo“ im Travelbuddy Artikel Einigung oder Peinigung). Aber gerade heute könnte es in den Camps ein Grund zum feiern geben. Denn die NLD hat ihre neue Marionette präsentiert. Den bislang unbekannten Htin Kyaw, seit Mittwoch im Amt für Aung San Suu Kyi. Kurz darauf hat die Myanmar Times die zehn Herausforderungen der neuen Regierung publiziert:

Handhabung kommender oder begonnener China-Projekte/ Agrarkultur und Landrechte/ Beziehung zwischen Regierung und Militär/ Rakhine State Rohingas/ Vorgehen gegen den Drogenhandel/ Aufräumen im Jade-Business/ Gesundheitsreform/ Zentralbank Strategie/ Korruptionsbekämpfung/ Friedensabkommen mit den Ethnien

Das alles wird dauern, aber die Richtung stimmt. Ob die rund 50’000 Flüchtlinge wieder nach Myanmar ziehen werden bleibt dennoch ungewiss.

Mae Hong Son. Als ich ankomme, wird gerade geschoren. Keine Schafwolle. Nein, die Köpfe der Lämmlein Buddhas. Den „Juwelenkindern“. Alle Gläubige senden ihren Spross im Alter von 7 bis 12 Jahren für einige Wochen ins Kloster. Da erlernen die Novizen das Basiswissen des Buddhismus. Der zweite Aufenthalt steht vor Vollendung des 40. Lebensjahr an. Das Poy Sang Long ist eine Tradition der Shan Ethnie, die sich in Myanmar, aber auch im nördlichen Thailand niedergelassen haben. Ich darf am Folgetag Nathapong, einen Kokosnussverkäufer aus Chiang Mai begleiten. Wie alle anderen Väter trägt er seinen Sohn auf den Schultern zuerst durch das Dorf, dann von Pagode zu Pagode. Genau so, wie auch Prinz Buddha vor seinem Pfad zur Erleuchtung auf einer Sänften getragen wurde. Die männlichen Verwandten Nathapongs spenden dem Kind Schatten mittels einem geschmückten Schirmchen. Ein Kaleidoskop aus Farben, ausgelassener Freude und mystischen Rhythmen. Und Schweiss. Nathapong ist bereits klatschnass, es sind an die 40 Grad und sein Juwelenkind wiegt 70 Kilo. Dagegen hilft auch sein übermässiger Konsum des thailändischen Energydrinks „Krating Daeng“ nicht viel. Krating Daeng kurierte vor 30 Jahren das Jetlag von Dietrich Mateschitz, welcher auf Kundenbesuch in Thailand unterwegs war. Der Österreicher war so begeistert, dass er mit dem Erfinder und ehemaligen Entenzüchter Chaleo Yoovidhya eine Partnerschaft einging und die Exportversion mit dem Namen „Redbull“ kreierte. Yoovidhya war zum Zeitpunkt seines Todes vor vier Jahren der drittreichste Thai. Ich verabschiede mich von Nathapong und seinem Sohn, der gerade Blumenpracht gegen Novizenrobe tauscht und rausche nach Pai. Direkt neben mir lodern Waldstücke und Felder. Teilweise züngeln die Flammen sogar auf die Strasse. Es ist die Zeit der „Brandrohdung“. Die Bergvölker nutzen die lange Trockenzeit, um ihre Felder von überwucherndem Gestrüpp zu reinigen und vernichten angrenzende Waldbestände. Die Konsequenz? Die Sichtweite beträgt teilweise nur 100 Meter, das Gesundheitsministerium verteilt Atemmasken, Flüge werden gestrichen und Wasserkanonen zur Klärung der Luft eingesetzt. Vielleicht nicht die beste Zeit für einen Road Trip.

Zur Bildgalerie des Mae Hong Son Loop (Achtung: 90% davon sind geschminkte Kinder)

Während Backpacker davon schwärmen, haben mich meine Thai-Kollegen vorgewarnt. Pai ist nicht mehr das liebliche Idyll, sondern mutierte unlängst zum Khaosan des Nordens. Was den Thais und Hippies lange als Erholungsort diente, hat sich innert nur vier Jahren zu einem Zentrum der leichten Unterhaltung gemausert. Ein Tummelplatz für Zwanzigjährige, die sich mit Elefantenhose und Vollmondparty T-Shirt bewaffnet durch die unzähligen Bars saufen. Thais sieht man nur noch selten und die Hippies haben sich weiter in den Norden gerettet. Dennoch treffe ich ein paar gute Gesellen und sehe über den Rahmen hinweg. Meine App programmiere ich auf „Es könnte schlimmer sein, stell dir vor du müsstest arbeiten“. Mein Freund Steven aus Bangkok meinte zu mir einst, als er vor sechs Jahren nach Pai kam, war es noch angebracht, täglich dem König zu salutieren. Egal ob auf dem Sitz eines Motorrollers, in der Küche eines kleinen Restaurants oder beim Fischen – jeder sprang auf um während der Nationalhymne Respekt zu zollen. Alles andere wäre illegal gewesen. Heute erklingt nicht einmal mehr die Nationalhymne. Mit Thais über das Königshaus zu diskutieren ist eine gefährliche Angelegenheit. Sozusagen ein NoGo. Ich versuche es trotzdem hin und wieder. Meine Fragen zur Gegenwart sind selten kritisch, denn Bhumibol macht seit Jahrzehnten einen guten Job. Mein Interesse gilt der Zukunft, denn bald wird Kronprinz Maha Vajiralongkorn übernehmen. Und davor fürchten sich nicht nur die Thais. Das hat mehrere Gründe. Kürzlich ist ein lange vom Militär geblocktes Video in Thailand aufgetaucht, welches den Erben an einer Party zeigt mit Srirasmi Suwadee (Ehefrau Nummer drei). Auf Kommando servierte die Prinzessin den Gästen Kuchen. Obenrum nackt. Kurz nachdem das Video publik wurde, erhielt Srirasmi Suwadee die Scheidung unter Vorwürfen der Korruption. Dann wäre da noch der kürzlich verstorbene Pudel Fufu, den der Prinz zum Luftwaffenmarschalls der Royal Thai Air Force ernannte. Den Tag, an dem die Regentschaft von Bhumibol endet, und die des exzentrischen Prinzen anfängt, will sich niemand ausmalen.

Zurück nach Chiang Mai und weiter per Bus nach Chiang Rai, nahe dem goldenen Dreieck. Ich teile die Sitzreihe mit dem 60-Jährigen Kalifornier Eric. Seine Geschichte ist die Geschichte vieler. Nachdem er sich mit seinen Landsleuten durch Vietnam geschlachtet hat, fand er hier seinen verdienten Spass. Bestehend aus einer willigen Thai-Dame, Alkohol und Drogen. Dreissig Jahre, ein ungeplantes Kind und einige Rehas später sieht der Herr gezeichnet aus. Seine Bar läuft nicht besonders und Freunde hat er so gut wie keine. Immerhin sei er das Drogenproblem los. Das ist bewundernswert, denn Eric lebt direkt an der Quelle. Die Zeiten in denen Frank Lucas das Rohopium in den Särgen gefallener US-Soldaten versteckt und nach New York verfrachtet hat, sind lange passé. Heute führen die Wege zuerst nach Bangkok und von da aus in die Welt. Das Problem „Goldenes Dreieck“ ist nach über 60 Jahren aber immer noch existent. Vielfach gab es zu lesen, dass Tee- und Kaffeeplantagen sowie Tourismus den Drogenanbau weitgehend verdrängt haben – zumindest für Thailand mag das stimmen. Dennoch arbeiten die Bergvölker der umliegenden Regionen Hand in Hand mit dem Militär – das Business mit der Ware bleibt lukrativ.

Ein Halt in Chiang Rai wäre wohl kaum vollendet ohne einen Blick auf die skurrile Arbeit des Architekten Chalermchai Kositpipat, der wohl Kurse bei Gaudi wie auch Hansruedi Giger besucht hat. Sein verschnörkelter Tempel „Wat Rong Khun“ ist einer der wenigen weissen Tempel im Land, denn „weiss“ bedeuted Trauer in Thailand. Hier will der Künstler jedoch die Reinheit Buddhas symbolisieren. Der Weg zum Schrein führt zuerst durch den „Übergang vom Zyklus der Wiedergeburt“ – oder kurz, die Hölle. Im buddhistischen Sinne ist die Hölle alles was den Gläubigen an der Erleuchtung hindert. Am anderen Ecken der Stadt wirkte Kositpipats Schüler Tahwan Duchanee. Sein Openair-Museum ist in schwarz getaucht. Alles dreht sich um die unterschiedlichen Facetten des Todes. Gehäutete Krokodile, Elefantenskelette, Ochsenköpfe und düstere Tempel. Eine feine Sache, dennoch finde ich mein Highlight des Tages im Hinterhof bei einigen betrunkenen Museumsarbeitern. Sie laden mich ein, einige Bambus-Bazookas mit ihnen zu zünden.

Zur Bildgalerie von Chiang Rai

Regen setzt ein. Grundsätzlich versuche ich so wenige Silbe wie möglich an das Wetter zu verschwenden, aber nach nun 180 Tagen ohne Regen, ist dies ein bewegender Moment. Sozusagen ein Appetithäppchen für was noch kommt. Die Winde schleichen sich gerade über das Andamanische Meer in Richtung Thailand und nehmen dabei allerhand Feuchtigkeit auf. Die Monsunzeit droht.

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