Krungthepmahanakhon Amonrattanakosin Mahintharayutthaya Mahadilokphop Noppharatratchathaniburirom Udomratchaniwetmahasathan Amonphimanawatansathit Sakkathattiyawitsanukamprasit. Einige nennen es „Bangkok“. Air Asia landet sanft und Myanmar hat somit das Problem erfolgreich an die Nachbarn abgeschoben. Wie denn der Name meines Hotels laute, fragt mich die thailändische Grenzerin. Ich wäge ab, ob sie an der Geschichte der vierwöchigen Flussfahrt und dem improvisierten Bambuszelt interessiert wäre. „Das Kaosan-Inn“, meine ich bestimmt. Sie durchforstet das Internet nach den Hotelnamen und will mir für die seichte Dreistigkeit den Einreisestempel verwähren. Will hilft mit einem echten Namen aus. Das reicht anscheinend um die Bürokratiehungrige zu befriedigen. Für meinen letzten Kaosan-Besuch hatte ich gute Gründe. Hier gibt es gefälschte Studenten-, Presse- und Führerausweise im Paketpreis. Will hat es jedoch weniger auf funktionale Utensilien abgesehen, er will nach Backpacker-Weibchen Ausschau halten. Nach einem Monat auf Myanmars Flüssen, kann ich ihm dies kaum verübeln.

Einchecken in ein Loch für 3.50 Dollar die Nacht. Das einzig übriggebliebene Flügelblatt des Deckenventilators müht sich durch die Luft, entlang dem Flur kullern einige Bierflaschen, drei Punks sitzen auf dem Boden. Neben billigen Matratzen und billigem Alkohol gibt es in dieser Ecke aber auch etwas zu lernen. Wer von der Chakraphong Road in die Thanon Khaosan einbiegt, der bekommt die Gelegenheit, seinen Menschenliebe-Quotienten zu messen. Männer mit rot gerösteten Bäuchen tragen ihre Bierdosen durch die Gassen, lallen und rülpsen hin und wieder. Boxentürme feuern Schall in alle Richtungen. Restaurants sind vollgepfärcht mit Orchideenhemden und Chang-Tanktops. Bangkoks Backpacker-Ghetto ist nicht meine grosse Liebe, denn hierher kommen die „Bangkok Transit Tourists“. Nur sehr wenige Thais verirren sich in das White man’s land. Und falls doch, verkaufen sie den Touristen Käfer, kneten openair westliche Muskeln oder servieren Alkoholkübel. Wer die Kaosan mit einem guten Gefühl verlässt, darf als unheilbarer Menschenfreund bezeichnet werden. Tags darauf ziehe ich weiter und überlasse Will seinem Schicksal. Symbolisch schneiden wir die Piratenflagge entzwei und schwören auf vereinte Kräfte in einem anderen Land.

Zurück im Viertel Bangrak, dem Epizentrum der Metropolis. Die kommenden Tage werde ich mit meinen Freunden verbringen. Thais wie Ausgewanderte. Geschichten austauschen, Pläne schmieden, ausgehen. Vor allem ausgehen. Denn Bangkokians sind ziemlich gut im ausgehen. Egal ob freitags oder montags. Dabei haben Partylöwen die Qual der Wahl. Festivals, treibige Nachtmärkte, Fresstempel, Bars, Clubs und Afterhours. Es verwundert kaum, dass die Stadt jährlich von knapp 17 Millionen Farang besucht wird. Dazu kommen 300’000 Aussteiger aus aller Welt, die sich hier fix niedergelassen haben. Findige Entwickler haben bereits eine „Expat-Dating App“ entwickelt um beim Massenkuppeln zu unterstützen. Was ist der Grund für den Ansturm? Reden wir nicht von denen, die hierherkommen weil das Wetter warm ist und die Nutten billig sind. Reden wir von den Glücksjägern. Von denen, die zuhause unzufrieden waren. Unzufrieden mit der Lebenssituation, mit den Mitmenschen, mit dem täglichen Drill. Jedes Land stellt sich dem Neugierigen entgegen, mit einer fremden Sprache, den fremden Gesichtern, den fremden Geheimnissen. Bangkok ist neben New York und London wohl eine der internationalsten Städte auf dem Globus und trotzdem voller Geheimnisse. Hier erfährt der Fremde, wie er mit diesen Forderungen, Kollisionen und seinem Staunen fertig wird. Oder nicht fertig wird. Mittlerweile kenne ich diverse Schicksale, positive wie negative. Nicht alle finden hier ihr Glück. Aber ausprobieren und mitmachen darf jeder. Streng gesehen machen schlussendlich diejenigen das Geld, die bereits Geld haben. Egal ob Farang oder Thai. Die grosse Mehrheit wuselt sich irgendwie durchs Leben. Kürzlich las in einer Kolumne der Bangkok Times über den offiziellen Wahlspruch der Stadt; „Hilf den Unterprivilegierten -
Beende die Luftverschmutzung -
Löse die grossen Verkehrsprobleme,
Jeder in der Stadt ist freundlich.“ – Ach, wie die Realität doch anders aussieht. Die Hälfte von Bangkoks Bewohnern gilt offiziell als arm, die Luftverschmutzung erreicht während dem täglichen Verkehrsinfarkt horrende Zustände, das U-Bahn und Hochbahnnetz wird nur schleppend ausgebaut und ein Lächeln findet sich eher in den Aussenbezirken. Die „Stadt der Engel“ entwickelt sich rasant, vielleicht zu rasant. Bangkok will aufschliessen zu Tokyo und Singapur. Strassenverkäufer sollen zunehmend verschwinden, das Chaos der Organisation weichen. Zum Glück gibt es noch die Korruption. Für ein paar Baht teilen die Ordnungshüter gerne Bewilligungen aus.

Es dunkelt. Ratten übernehmen, Masseusen winken, ein verstörter Truthahn jagt in meine Richtung. Wunderliches Bangkok – Ich bin vernarrt in die Stadt, sie ist nicht zu dreckig und nicht zu sauber. Bangkok vibriert und schläft selten. Das passt zu meinem wirren Tagesablauf. Auf dem Weg nach Hause rollt eine Disco an mir vorbei – Mr. Sutthi macht auf sich aufmerksam. Einer der über 10’000 Tuktuk-Fahrer in Bangkok. Wir feilschen, ohne das sich ein Sieger abzeichnet. Dann überrascht er mich mit einer verwegenen Preispolitik. Wir einigen uns auf eine Gratisfahrt, nicht jedoch ohne einen Umweg zu seinem Sponsor zu fahren. Sutthi ist scharf auf die Benzin-Coupons. Das Spiel ist mir seit Indien bekannt und spiele immer gerne mit. Sehen wir es als Revanche für all die übers Ohr Gehauenen, eine Rache an den Halsabschneider. Der Besitzer des Massanzug-Ladens durchschaut mich jedoch bereits als ich die Glastüre öffne (liegt wohl an meinem eher lässigen Auftreten). Ich erkläre, wie viele Events auf mich warten würden, hätte ich einen Massanzug würde meiner Zukunft als Geschäftsmann nichts mehr im Weg stehen. Wir durchforsten einige Stoffe und vereinbaren ein Treffen in drei Wochen. Sutthi strahlt mir entgegen als ich wieder ins Tuktuk steige und winkt mit seinen Coupons. Am nächsten Tag fahre ich zur TukTuk Forweder Company Ltd. dem Hauptexporteur für dreirädrige Fahrzeuge in Thailand. Pong grüsst mich herzlich und erklärt mir die Bedingungen für den Kauf eines Tuktuks. Es braucht eine Zeit, bis Pong versteht, dass ich kein Transport- oder Taxiunternehmen gründen will. Sondern „nur“ Südostasien durchqueren möchte. Der Papierkram und die nötigen Botschaftsbesuche hindern mich vor einer sofortigen Zusage. Wir bleiben in Kontakt.

Bangkok hat auch seine brachialen Seiten. Damit meine ich weniger die verruchten Sois, wo sich der Sextourismus breit macht, meine die Hintergassen von Old Town, wo der Zeitgeist des letzten Jahrhunderts noch spürbar ist. Hier schweissen sich Normalos durch Motorenschrott, tricksen Sepak Takraw Akrobaten mit dem kleinen Kunststoffkneuel, verstecken sich Marktfrauen hinter Blumenbergen und reparieren Hobby-Elektroniker vergilbte Röhrenfernseher. Noch eindrücklicher für eine ausgedehnte Schlendersafari ist das liebliche Viertel Thonburi. Hier ist Bangkok noch Bangkok. Leute schmunzeln mir entgegen, Spiesse und Wasser wird mir geschenkt. Im Schatten eines 100 jährigen Bretterverschlags winkt mir ein Greis mit einen hölzernen Phallus zu – einmal um den Hals gehängt, täusche das Geschnitz bösen Geistern Kraft und Reife vor. Ich verneine dankend, bezüglich Kraft und Reife sei alles in Ordnung. „Later problem“ grinst mir der Strassenverkäufer nach. Genialer Animismus. Was Buddha nicht richten kann, organisieren die Geisterlein.

Niemand will es sich mit dem Spuk verscherzen. Wird den Erdgeistern der Platz geraubt, entflammt der Geisterzorn erst so richtig. Somit hat jedes Haus, jede Einzimmer-Wohnung, jeder Wolkenkratzer und jedes der mittlerweile !150! Shopping-Malls ein ausgelagertes Geisterhaus. Die San Phra Phum. Je grösser der Bau, desto grösser der Schrein. Kleine Puppen symbolisieren die Erd-Geister. So lassen sich täglich Ehrfürchtige beobachten, die den Schattenwesen kleine Essenshappen, Schnapps oder Blumen vorbeibringen, sich verneigen und hie und da beschwören. Ein Geben und Nehmen.

Thonburi wurde von General Taksin 1772 zur neuen Hauptstadt von Siam erklärt, da das nördlich gelegene Ayutthaya von den Burmesen weitgehend niedergetrampelt wurde. Zehn Jahre später verlegte der neue König Rama den Regierungssitz auf das östliche Ufer und begann damit das Gebiet namens Rattanakosin mit dem damals grösstenteils von Chinesen bewohnten Dorf Bang Kok nach und nach zur Hauptstadt auszubauen. In jener Zeit war die ganze Stadt von einem dichten Netz von Kanälen „die Klongs“ durchzogen. Der Verkehr spielte sich zum Grossteil auf diesen Klongs ab. Selbst die Märkte fanden auf dem Wasser statt. Strassen gab es kaum. Die meisten Klongs wurden seit den 1950ern laufend zugeschüttet um Raum für den stetig zunehmenden Strassenverkehr zu schaffen.

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Wer den Hochglanzbroschüren der Reiseveranstalter glaubt, so existieren sie nach wie vor, die authentischen „schwimmenden Märkte“ in und um Bangkok. Dabei ist nicht die Rede von einer einzelnen Marktfrau, die via Holzboot Tomaten ausliefert. Ich versuche mein Glück ausserhalb. Der Bummelzug bringt mich nach Maeklong, knapp zwei Stunden entfernt von den Stahlungeheuer der City. Die von hier aus erreichbaren Märkte wie Damneom Saduak oder Amphawa haben ihre Seele schon länger dem Teufel verkauft. Horden von Menschen fluten entlang der braunen Flüsse, eine Armada aufgemotzter Sightseeing-Boote schnellen durch die Kanäle. Ein ökologisches Desaster. Vor zehn Jahren wurden die Flüsse noch zur täglichen Pflege genutzt, heute würde wohl ein Tropfen der Tunke bereits Haarausfall verursachen. Aber es gibt ihn – es gibt ihn „noch“. Etwas abseits liegt der kleine aber feine Markt von Tha Kha, der seine Öffnungszeiten nach dem buddhistischen Mondkalender richtet. Während ich diese Zeilen schreibe, geht das „Tha Kha-Werbevideo“ einer amerikanische Filmcrew in die Nachbearbeitung. Die Hauskost der paddelnden Ladies war genial, aber das verdutzte Gesicht einiger Marktfrauen als eine ferngesteuerte Drohne über ihre Köpfe schwebte, unbezahlbar.

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Ich habe bereits alles mögliche gesehen, denke ich mir oft und werde dann kurz darauf wieder mit einer asiatischen Kuriosität überrascht. Wie heute Morgen in Bangkoks Bahnhof Hua Lamphong. Während ich auf meinen Zug warte, werden auf Gleis 2 gerade Frisuren zurechtgeschnitten. Sieben ambulante Friseure stehen auf der Plattform bereit um denjenigen einen Haarschnitt zu verpassen, welche die übliche Zugverspätung effizienter nutzen wollen. Der Zug stottert nördlich, zur alten Hauptstadt Siams. Heute eine moderate Stadt mit den üblichen Schar an Tempeln und Pagoden. Eindrücklich sind jedoch die Überbleibsel des alten Königreichs Ayutthaya. Einige Backsteine stehen noch.

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