Ein Hobby-Stuntman bäumt sein Motorrad auf, schwingt sich auf den Lenker und manövriert mit verdrehten Armen. Die gespreizten Beine seiner !beiden! Mitfahrer stabilisieren notgedrungen. Eine lottrige Pferdekutsche pendelt in die entgegengesetzte Richtung. Ich wünschte Will könnte diese herrliche Szene miterleben, aber unser lang geplantes Wiedersehen harzt. Das „Express-Boot“ meines australischen Freundes hat sich in eine Sandbank gegraben. Langzeitnomaden mit Esprit und vielseitigem Gedankengut sind rar. Seit Ladakh sind wir Email-Freunde, tauschen Stories und Ratschläge über Routen abseits der Trampelpfade. Nun wollen wir zusammen ein Stück Welt erkunden. Etwas dubios scheint daher unser erkorene Treffpunkt: Myanmars Touristen-Hotspot, Bagan.

Bagan könnte mit „Zerbrecher der Feinde“ übersetzt werden. Von hier aus wurde vereint, unterjocht und besteuert. Obwohl der Theravada-Buddhismus bereits im ersten Jahrhundert ganz Myanmar überflutete, blühte er im ehemaligen Königreich Bagan erst so richtig auf. Ein Mon-Mönch konvertierte den damaligen König Anawratha zum Buddhismus, welcher kurz darauf all die Schlangenkult-Priester aus der Gegend verscheuchte. Über die Jahre wurden innerhalb weniger Quadratkilometer an die 6’000 Pagoden, Stupas und Gedenkstätten errichtet. Viele davon funktionierte man zu Schutzmauern um als die Mongolen durch das Land metzelten. Trotz all der mystischen Ziegelpracht ist die zentrale Frage der Trolley-Roller und Fotohascher immer die Gleiche: „Wo ist der Sonnenuntergang am schönsten?“ Niemand scheint sich mit Historie belasten zu wollen.

Mit Decken, Wein und Lautsprechern bewaffnet ziehen wir los, auf den kleinsten und verbeultesten E-Bikes, die sich finden lassen. Eine Privat-Ruine für die kommenden Nächte – eine zu verlockende Idee. Wer in Bagan jedoch den beworbenen Klischees nachjagt, könnte bitter enttäuscht werden. Sujets mit lichtdurchfluteten Tempeln und lächelnden Novizen unter roten Stoffsonnenschirmen schmücken allerlei Reisekataloge sowie Postkarten. Schöner Fake! Dass die Schauplätze mit qualmenden Rauchkerzen aufgemotzt werden und Fotografen für ein Mönch-Shooting 130 Dollar pro Tag „Spendengeld“ an die Klöster abdrücken, ahnt kaum jemand. Würden Reisebüros einen rauchenden Mönch abbilden, der gerade sein Status-Update auf Facebook publiziert – kein Tourist würde buchen. Die Realität ist erschreckend und unästhetisch. Ad infinitum absurdum, die buddhistischen Richtlinien zensieren nicht die Freuden des Alltags, nur deren Abhängigkeit. Man könnte also rein theoretisch einem Frömmling das technische Sammelsurium, Betelnussvorrat sowie Glimmstängel abnehmen ohne dabei seinen Skalp zu riskieren.

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Wenige Kilometer neben dem streng buddhistischen Bagan, liegt das spirituelle Hauptquartier der Geisterbeschwörung. Der erloschene Vulkan Mount Popa. Der einzige Weg mit den 37 Top-Geistern zu kommunizieren, ist die feminine Seele eines schwulen Schamanen. Zur Vollmondnacht stehen die Chancen gut, dass die „Nats“ hinhören. Trotz Buddhismus und Christentum geniessen die Geister in ganz Myanmar Kult-Status, wollen gehätschelt und besänftigt werden. Auf meine Frage, wann die Bitte (oder die Spende) an Geister gerichtet wird und ab wann Buddha oder Gott eingreifen soll, konterte jemand einst keck: „Das funktioniert wie bei den Behörden. Wenn ein Problem schnell gelöst werden muss, sollte man die niedrigen Beamten bestechen“.

Am Heck eines Kleinlasters hängend jagen wir in Richtung Mrauk-U, der alten Königsstadt im Staat Rakhine. Beginn der Schulferien. Eine Bande Kinder schiesst sich mit Plastikwaffen gegenseitig scheintot. LKWs wurden zu rollenden Diskotheken umgerüstet, auf deren Dächern Mrauk-U’s Jugend johlend durch die Gassen zirkelt – „Blockies“, kommentiert Will. Nebenan scherbelt Tanzmusik in Orkanlautstärke aus gestapelten Boxentürmen. Welch Bombenstimmung! Ein pubertierender DJ, drei Partylöwen, dazu dutzende Unbeteiligte mit blutenden Ohren. Während die einen ihre Ferien nutzen um durchzufeiern, werden andere in die Mönchsschule zitiert und geschoren. Zweimal im Leben sollte ein richtiger Buddhist zumindest für einige Wochen das Kloster aufsuchen, das erste Mal vor Vollendung des zwanzigsten Lebensjahres.

Der Staat Rakhine rutscht immer wieder in die internationalen Schlagzeilen. Hier vegetiert knapp die Hälfte der am stärksten verfolgten Minderheit der Welt. Die staatenlosen Rohingya. Keiner will sie – Weder Bangladesh, noch Indien und schon gar nicht Myanmar. Die Regierung begegnet der bengalischen Ethnie mit Vertreibung, Sondersteuern, Zwangsarbeit, illegaler Inhaftierung und Folter. Die prekäre Situation verschärfte sich nochmals vor einigen Jahren als die 26-jährige Buddhistin Thidar Htwe von drei Männern der Rohingya vergewaltigt und getötet wurde. Die Rache folgte postwendend. Ein dreihundertköpfiger Mob aus Yangon meuchelte ein Dutzend muslimische Pilgerer. Mrauk-U und die Hafenstadt Sittwe wurden vorübergehend zum Sperrgebiet erklärt. Seither herrscht inoffiziell Krieg zwischen radikalen Buddhisten und dem Islam. Pagoden und buddhistische Klöster wurden an Stellen errichtet, wo zuvor muslimische Stätten standen. Laufend werden wilde Gerüchte gesät und unwissende Dörfler zur Hetze gegen Muslime angestachelt. Mein Freund Florian, der drei Jahren in Rakhine lebte, staunte nicht schlecht als sich während seiner Abwesenheit heimlich eine buddhistische Flagge in seinen Garten schlich. Der nationalistische Mönchsorden mischt schon länger mit im hiesigen Politgeschehen. Allen voran der selbsternannte „Bin Laden des Buddhismus“ – Ashin Wirathu. Durch seine Rohingya Hasstiraden auf Youtube und das kontroverse Interview mit Time Magazin wurde er berüchtigt. Früher trotzten Myanmars Mönche noch dem Regime und wurden für unlautere Predigt jahrelang weggesperrt – Heute halten sich diverse Klosterbrüder vermehrt an die Gegner der Demokraten. Ashin Wirathu meinte vor ein paar Monaten, er begehe Selbstmord falls Aung San Suu Kyi’s NLD die Wahlen gewinnt. Gewagte Worthülsen – Wirathu lebt und polarisiert weiter.

Will und ich spähen nach einem Führer. Einer, der das touristische Programm für Kurzbesucher überspringt und uns zu den unbefleckten Chin-Dörfern entlang des Lay Mro Flusses bringt. „Can you do it?“ – „Yes“, antwortet Aung Zan (alias Mr. Fix-it) bestimmt und kritzelt eine Karte. 30 Minuten später verlieren wir uns im Dschungel. Zwei mit Steinschleudern bewaffnete Kids führen den Führer zurück auf den richtigen Pfad. Notabene eine der Situationen, in der man hofft nicht im Kochtopf einer unerforschten Ethnie zu landen. Einmarsch in Teaint Chen. Kein Topf wartet auf uns, dafür ein euphorisierter Dorfjunge, der mit Speer und Schild einen Tänzchen aufführt. Der lokale Ältestenrat bekommt Wind von der Sache und organisiert Trommel, festliche Bandagen und Reiswein. Mit sanftem Druck werden wir aufgefordert zu hampeln, zu trommeln und die Meute zu unterhalten. Das gesamte Dorf gackert vor Vergnügen. Entertainment von Besuchern für Einheimische – ein neues Reisekonzept? Wir streifen weiter, passieren pittoreske Bambushäuser und schütteln unzählige Hände. Kräftige Hände. Hände, die seit Jahrzehnten in den Bambusplantagen wuseln. Jeder der Region hackt, verarbeitet oder verschifft das vielseitige Riesengras. Der Markt ist immens; Snacks, Möbel, Kleider, Baumaterial, Brennstoff, Kosmetika. Die ansässigen Chin haben sich entlang dem Lay Mro ein kleines Monopol aufgebaut. Monströse Bambus-Geflechte mit ambulanten Schlafplätzen und Feldküchen gondeln an uns vorbei. Eine gediegene Art die Ware zu befördern.

Flussaufwärts nach Khin Chng. Tätowierte Frauengesichter stellen uns nach. Im Vergleich zu ihren Nachbarn sind die in Rakhine lebenden Chin ausnahmslos fromme Lämmlein Gottes oder Buddhisten. Kein Jagdinstinkt, kein Geisterzirkus, kein Afterlife im Monu-Mountain (zum Artikel Jagdrevier). So erklärt sich der Tätowierungs-Kult hier pragmatisch. Die hübschen Chin-Girls wollten burmesische Schlepper und japanische Invasoren von unkollegialen Aktivitäten abschrecken. Ob das Aussterben der Tattoo-Künstler, das Verbot der Regierung oder gar die Thanaka-Lobby für die Flaute unter den Nachkommen verantwortlich ist, bleibt ungewiss.

In Phalt Chen werden wir bereits am Flussufer herzlich empfangen. Wir sind die ersten Gäste von ausserhalb. Ein Trog gefüllt mit Chin-Wein ist bereits startklar (kaum verwunderlich, denn damit beginnt und endet jeder Tag). Uns zu Ehren gesellen sich jedoch einige Flaschen Reis-Whiskey und Reis-Killerschnapps dazu. Und etwas Reis. Die unvergleichbare Gastfreundschaft der Chin verblüfft mich seit Wochen. Zehn weitere Tage sollen wir bleiben, auf ihre Kosten essen und vor allem; mit ihnen saufen.

Zur Bildgalerie von Mrauk-U und dem Dorfleben entlang des Lay Mro

Kokosnüsse, Fruchtsäfte, Seafood und Beachlife. Um das Jahr mit Stil zu wenden, verabschiede ich mich vorerst von meinem Gefährten und nehme den nächstbesten Schaukelbus nach Ngapali an der Andamanensee. Entlang dem Strassenrand plärren Megafone, Opferstöcke rasseln. Wer seine Chance verpasst hat frühmorgens einem Mönch zu spenden, der hält in einem der zahlreichen „Kloster-Drive-In“. Bremsen, abdrücken, Gewissen bereinigen.

Chilliges Ngapali. Kontra: Horden von Luxusgeschöpfen lümmeln herum und verstopfen die Resorts. Pro: Da keine Prunkmatratze mehr zu haben ist, lassen sich die Provinzpolizisten von den Besitzern brachialer Guesthouses (die ohne Touristenlizenz) bestechen. Myanmars Öffnung sowie der Zugang zu westlichem Entertainment hat viele Gesichter. So zähle ich den Countdown zu schlechtem Techno mit Blick auf eine brennende Bar, rekelnde Myanmar-Girls und zwei angeleuchtete Motorräder. Happy New Year!

Zur überschaubaren Bildgalerie von Ngapali Beach

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