Hung Shwe bewaffnet sich mit abgelatschten Flipflops, rosa Mädchenmütze, Steinschleuder, Pfeil und Bogen. Wenn uns einer den Pfad zum Gipfel zeigen kann, dann er. Simon grummelt hinter seinem australischen Vollbart, er sieht die drohende Pein und wägt ab. Jesus, so huldigen ihm die christlich erzogenen Kinder von Mindat, hat nicht ganz Unrecht. Wir haben kaum Wasser, sind spät dran und der Weg wird uns acht Stunden bergauf peitschen. Steward würgt die letzten Gemüsefetzen von gestern hoch und stimmt ein. Die abrupte Planänderung sowie die Tatsache, dass der Pfad noch von keiner ausländischen Zehe betreten wurde, kitzelt seine Krieger-Gene. Wir verabreden uns mit Simon zum Bier übermorgen und ziehen los.

Ein Schuss ertönt, eine Wildsau weniger. Myanmars Chin State ist ein friedliches Gefilde, obwohl Hinz und Kunz mit einem Gewehr durch die Gegend tapst. Stets auf der Suche nach etwas Essbarem. Selbst die wenigen Bärchen sind nicht mehr sicher, denn die Chinesen sind scharf auf Pelze sowie Gallenblasen für ihre okkulte Medizin. Wir kreuzen ein Rudel Jäger. Mein Blick fällt auf undefinierbare Krallen, die aus ihren Beutel pendeln. Der Rest der Beute bleibt verborgen. Während ich den keuchenden Steward etwas aufpeppe, spannt Hung Shwe seine Schleuder. Nicht ohne zuerst dem hopsenden Federpaket gut zuzuzwitschern. Der Stein zischt einen Zentimeter am Schnabel vorbei. Die Vogelwelt scheint den erfolglosen Hung Shwe zu kennen, denn die allfällige Beute wahrt unbeeindruckt ihre Position. Das Schauspiel wiederholt sich bis unserem Jäger die Steine ausgehen. Ich knurre. Falls wir je einen Unterschlupf finden, wird uns bestimmt kein Fest-Dinner erwarten. Die Sonne verschwindet in ihr Nachtgefängnis. Wir stehen auf dem Gipfel des Mount Victoria, der höchste Stein des Chin Staats und schauen rüber nach Indien, nach Bangladesh und zum weit entfernten Bergrücken, den wir innert knapp vier Stunden erreichen wollen. Telefone werden zu Taschenlampen modifiziert, Hung Shwe schlägt erneut eine Abkürzung durchs Gebüsch vor. Uns bleibt keine Wahl. Gemartert schlurfen wir in Htang Shwe ein. Unsere greisenhaften Gastgeber frohlocken. Besuch ist rar. Grossvater hebt den Pfannendeckel – wohl um uns mental vorzubereiten. Irgendwie haben es die undefinierbaren Krallen samt undefinierbarem Körper in genau dieses Haus geschafft. Ich gönne mir eines der vier (sechs?) Beinchen, nage bestimmt und zärtlich, mustere dabei Hung Shwe, der bumsfidel eine der anderen Extremitäten mitsamt wulstiger Haut und Sehnen zerfetzt.

Mittlerweile habe ich mich an das Einwickeln in mehrere Filzdecken und den rauen Schlaf auf Bretterböden gewöhnt. Alltagstrott. Gut gelaunt latschen wir zurück nach Mindat. Teils auf der Schotterstrasse, die den Pauschaltouristen eine „Mount Victoria Schnellbleiche“ verpasst. Der Strassenchef aus Myanmars Hauptstadt Nay Pyi Taw äugt misstrauend aus seinem SUV als uns der Busch neben ihm ausspuckt. Er ist gerade damit beschäftigt dem unterbezahlten Fussvolk beim Steine klopfen und Teer köcheln zuzuschauen. Die Strasse müsse ausgeweitet werden um den dicken Bussen Platz zu machen. Die Kartoffelleiber sollen vermehrt durch den Staat der Chin geschoben werden. Gegensätze prallen aufeinander. Walkürenhaft posiert Hung Shwe für den Städter und erklärt ihm das Prinzip von Pfeil und Bogen.

Mindat. Die Marktfrau wiegt das Dörrfleisch gegen zwei XL-Batterien und nennt den Preis, ein Knirps schnappt sich Mamas Tabakpfeife und pafft zufrieden, die beiden Aussies verabschieden sich. Ich warte derweilen gespannt auf Jochen und Florian. Meeting-Point; Nasenflötenkonzert der 88-Jährigen Yun Eian, eine Koryphäe der Magan Ethnie. Zu gehackter Vogelspeise und Kornwein wälzen wir einen Grobplan. Mit seiner Reiseagentur Uncharted Horizons hat sich Jochen seit mehreren Jahren auf die abenteuerliche Gegend spezialisiert. Zusammen wollen wir neue Gebiete, neue Dörfer erkunden. Im Schutz eines Korps problemlösender Ninjas auf Motorrädern klappern wir über Stock und Stein durch die verschlafensten Weiler. Hier hat der Fortschritt 60 Jahre ausgesetzt. Schmutzige Kinder rollen Pneus um die Wette, ihre energischen Eltern verrichten täglich Knochenarbeit auf den Hirse-, Korn- und Reisfeldern.

Wer sich per Motorrad auf diese Pfade wagt, ist entweder masochistisch veranlagt oder trainiert für das nächste Motocross. Regen setzt ein. Motivation setzt aus. Wir stranden in Hinterhausen. Das ganze Dorf kommt zusammen, ausser ein Huhn, dass gerade versucht dem drohenden Genickbruch zu entkommen. Mehr „organic“ geht nicht. Dennoch, wir schöpfen Verdacht. Entweder serviert man uns einen ehemaligen Kickbox-Champion oder einen begnadeten Marathonläufer. Unser Rudelführer Naing Kee Shing übertüncht das zähe Mahl mit burmesischen Popsongs am Lagerfeuer. Der Weg zurück harzt. Reihenweise geht uns das Benzin aus, Räder verbiegen sich, Ölpumpen geben sich geschlagen.

Friedliches Zaudern in Mindat. Wieder aufsatteln. Naing Htang kritzelt eine Karte und übernimmt die Führung, Kee Htang assisitiert als Co-Fahrer. Wir flitzen vorbei an gestapelten und verzierten Ochsen-Schädel, deren bullige Besitzer dem Animismus zum Opfer fielen. Mittels traditioneller Zeremonie rüstet sich die Sippe für das Leben nach dem Tod – den Einlass zum „Monu Mountain“. Und dort soll es krachen. Pro geopfertem Skalp wartet ein neuer Ochse im nächsten Leben. So opfern einige ganze Herden. Damit ist es lange nicht getan. Richtige Animisten schaufeln sich ihr eigenes Grab. Die Grösse der Steinanordnung entscheidet dabei über die Grösse des zukünftigen Hauses. Die Chin bleiben jedoch genügsam – ich habe bisher noch keine fünfstöckigen Grabmale mit angrenzendem Pool entdeckt. Während die Männer um zukünftige Häuser und Herden buhlen, tätowieren sich ihre Frauen das Gesicht. Die Tätowierungen sind ihr Markenzeichen, nur wer eine Tätowierung trägt, erhält Einlass zum Monu Mountain – So die einte Geschichte. Andere Stories besagen, dass die Chin-Ladies mittels Gesichts-Tätowierung die burmesischen Prinzen und ihre Schlepper erschrecken wollten. Chin Frauen waren begehrte Konkubinen zu jener Zeit. Je nach Clan ziert eines von 17 verschiedenen Mustern (Linien, Punkte, Halbmonde, Spinnennetze oder komplett schwarz) die weiblichen Köpfe. Seit 1964 wurde das Tätowieren von der Regierung verboten, weshalb man kaum tätowierte Mädels sieht. Naing Htang meint es käme wieder in Mode, einige kämpfen für ihre fast tausend jährige Tradition, Verbot hin oder her.

Für die irdischen Kleinigkeiten, wie eine erfolgreiche Jagd, üppige Ernte oder Inzest ohne genetische Defekte sind weiterhin die Nats (die Naturgeister) zuständig. Während den Nat-Treffen liest der lokale Schamane aus einem Ei. Die ausgegossene Flüssigkeit wird nach Linien und Formen abgesucht. Die Interpretation des Schamanen entscheidet über das Tieropfer, das Tieropfer über den spirituellen Beistand. Spiritueller Beistand, den auch wir gerade gut brauchen könnten. Bedrohliche Flammen züngeln aus dem Auspuffrohr von Florians und Kee Htangs Motorrad. Naing Htang und ich lächeln verschmitzt und vergrössern den Abstand. Kurz darauf fliegt ihre hintere Bremse ab. Nichts was nicht wieder angebastelt werden könnte.

Wieder Regen. Wieder Schlamm. Gespenstische Äste blitzen durch die Nebelwand. Naing Htang hält bravourös die zwei Zentimeter breite Spur. Rechts wartet der Abgrund. Ein paar Jäger rutschen an uns vorbei, fallen, steigen auf, fallen. Zu gerne würde ich den Chef von Kenbo (Der chinesischen Motorradmarke) zu den Chin beordern. Er würde sich die Augen wundstaunen. Nach sechs Stunden auf und ab, zeigt sich ein Dorf. Wir sind die ersten ausländischen Besucher nach den Japanischen Invasoren. Mana Buu lässt uns in seinem Haus nächtigen und serviert alles was der Vorratsschrank hergibt. Die anschliessende Szene könnte kaum rührender sein. Mana Buu wickelt Florian in eine Decke und trällert ein Liedchen mit seinem museumsreifen Blasinstrument.

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