Sanfte Busfahrt nach Loikaw, Hauptstadt des Kayah Staats. Kaum zugestiegen, klappt der Novize Pyo Oo auf dem Sitz neben mir in die Lotusposition und döst davon. Ich bewundere jeden, der sich per Knopfdruck von der Aussenwelt ausklinken kann. Neben Personen wird ebenso Gemüse und Baumaterial in die umliegenden Nester verfrachtet. Nach acht Stunden und 150 Kilometer trudeln wir in Loikaw ein. Jeder zoomt auf mich. Wen wunderts, der kleine Staat ist erst seit kurzem für Individualtouristen offen, noch vor zwei Jahren war es selbst für Landsleute aus Myanmar schwierig herzukommen.

Ein bizarres Gefährt knattert durch die Nacht, der Beifahrer weist seinem Steuermann den Weg per Taschenlampe. Eine Frau trägt den Wocheneinkauf nach Hause. Auf dem Kopf. Von der Spitze eines fahrenden Strohberges winkt ein Knoten aus Feldarbeitern. Ich liebe diese ersten Momente in fremden Orten und begegne ihnen routiniert. Streifen, beobachten, Unterschlupf suchen. Die nächsten Tage feiert auch Loikaw das „Tazaungdaing“ (Feuerballone, Rummel, Folklore). Grund genug einige Tage zu verweilen. Lee aus Luxemburg und der Belgier Pieter sehen das genau so. Zusammen durchkämmen wir Loikaw. Eine Parade mit Kindern verschiedener Ethnien zieht an uns vorbei. Die Kleinen wurden von ihren Eltern in Tracht gesteckt und mit Kerzen ausgerüstet. Gerade hier und jetzt scheint die Welt in Ordnung. Pieters Stimmung bleibt getrübt. Vor einigen Minuten kam die Nachricht aus Brüssel. Seine Regierung hat Alarmstufe 4 über diverse Orte verhängt, da die IS Terroristen von Belgien aus die Pariser Attentate planten. Alarmstufe 4 bedeuted so viel wie: „Jederzeit kann etwas oder jemand explodieren“. Aber selbst in Kayah explodiert nicht nur das Feuerwerk. Die Grenzregion zu Thailand hat nach wie vor ihre Konfliktzonen, wo sich radikale Buddhisten und Christen befeinden und sich die ethnische Armee gegen den Resourcenklau der Regierung wehrt. Ich staune kaum, dass die Kleinkinder von lokalen Verkaufsbuden mit Plastik-AK47 und Spielzeug-Raketenwerfer eingedeckt werden.

Meine Reise nach Loikaw hat einen bestimmten Grund. In der Region leben die letzten authentischen Padaung (Untergruppe der „Red Karen“), bekannt durch ihren masochistischen Halsschmuck. Schätzungen über die Anzahl verbleibender Padaung gehen weit auseinander. Es wird von 130’000 gemunkelt, andere sprechen von wenigen hundert. Viele Padaung fielen dem Genozid des Militärregims in den späten Achzigerjahren zum Opfer. Der Standpunkt des Militärs könnte als „Einigung oder Peinigung“ beschrieben werden. Wer sich also nicht „einigen“ lassen wollte, floh zur thailändischen Grenze. Riesige Flüchtlingslager entstanden. Innerhalb der Flüchtlingslager gab es eine „Langhals-Zone“, welche über die Jahre zu einer touristischen Gaudi mutierte. Der Identitätsverlust offenbahrt sich vor allem in den überlaufenen Bergdörfern Thailands (wie in der Provinz Mae Hong Son), wohin viele Padaung und andere Minderheiten von der Junta verschleppt wurden. Es entstanden „Cultural Villages“ wo gleich mehrere Ethnien in Freiluftmuseen zusammengewürfelt und (noch heute) präsentiert werden. Alle Padaung, die nach Thailand kamen, endeten in synthetischen Menschenzoos und verrichten seither synthetische Arbeit. Das selbe gilt für Myanmar, faktisch alle Padaung leben in „Cultural Villages“, wie dem Kaff nahe Inle-Lake, dass den Schnappschussjägern ein an den Webstuhl gekettetes Padaung-Model vorführt. Nur ein kümmerlich kleiner Haufen von Padaung konnte ihre Kultur über die Jahrhunderte retten und lebt ein authentisches Leben. Einige von ihnen werden ich heute treffen.

Joseph weist uns zu ihnen. Er wurde wie die meisten Padaung (und anderen Minderheiten der Region) von christlich italienischen Weltenbummlern konvertiert. Trotzdem bleiben sie Animisten, glauben an Drachen- und Naturgeister. Die Nats. Diese Geister sind allgegenwärtig, können gehört und gesehen werden. Neben dem gegebenen Schulstoff lehren die Grossmütter und Grossfäter ihren Enkeln die ethnischen Weisheiten. Der Name „Padaung“ bezieht sich auf den Halsschmuck der Frauen. „Pa“ lässt sich mit „drumherum“ übersetzen und daung mit „glänzendes Metall“. Der Brauch der Ringe entspringt vielseitiger Hintergründe. Eine Geschichte besagt, dass die „Giraffen-Frauen“ sich durch das Halsstrecken die Erinnerungen an ihre Drachen- und Schlangenmütter behalten können. Um die Nachkommenschaft zu diesen Geistern visuell auszudrücken, werden die Hälse mit Goldringen so weit gedehnt, bis sie mit den Hälsen der Schlangen und Drachen übereinsimmen. Andere Erzählungen deuten auf die Zeit der Anarchie im Land (vor der Britischen Kolonialisierung) als die Padaung-Frauen von Birmanen verschleppt wurden. Mit den Ringen konnte sich die Rasse bei allfälliger Wiedervereinigung einfacher gegenseitig identifizieren. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sich sie sich vor Hals fokussierenden Raubtieren wie Tigern schützen wollten. Und noch eine Story erklärt, wie das aus Chinas Hochland migrierte Volk ihre Besitztümer absicherte indem es sich all das Silber, Gold und Messing einfach um den Hals schnallte. So richtig weiss es heute wohl niemand mehr. Die Tradition stirbt langsam aus. Viele Mädchen verzichten auf die Rolle aus Silber, Gold und Messing. Verständlich, denn der Padaung-Kult ist eine Tortur. Mit einem Jahr werden die Kinder bereits mit Reiswein genährt um die Muttermilch abzugewöhnen. Mit zarten fünf Lebensjahren beginnen sie mit dem Umschnallen des tragbaren Familiensschreins. Je älter das Mädchen, desto mehr Ringe werden aufgestockt. Bei Heirat werden grössere Ringe oben und unten zugefügt. Anfassen ist nur den Familienangehörigen erlaubt (um eine Krankheit zu heilen oder eine Reise zu segnen). Eine derbe Strafe gab es früher für untreue Padaung-Frauen. Ihnen wurden die Halsringe ratzfatz abgenommen. So mussten sie entweder grotesk ihren Hals auf unbestimmte Zeit mit den Händen stützen oder den Rest ihres Lebens im Liegen verbringen.

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Zurück in Loikaw. Ich treffe auf Ryan. Der Nomade reist von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und verdient sein Geld mit dem Verkauf von Kleidern aus China. Er handelt gerade mit einer Interessentin. Ryan will 3’000 Kyat (knapp zwei Dollar) für die brandneue Jacke ab Fliessband, sie bietet 2’000 Kyat. Ryan und ich verabreden uns für morgen, seine Kollegin wird uns ein Motorrad leihen. Zusammen erkunden wir die unberührte Umgebung von Loikaw. Erster Halt beim „Umbrella Lake“. Ich bin etwas erstaunt, da es offensichtlich nichts zu sehen gibt. Der Tümpelwächter erklärt euphorisch, dass sich in der Mitte des Beckens ein vulkanogener Minidreckhaufen um bis zu !einem Meter! aufbäumt (an guten Tagen). Ich kann den Lacher nicht unterdrücken, vor allem da hier Busse aus Yangon reihenweise Touristen ausspucken. Es wird noch besser. Ryan deutet auf das Verbotsschild neben mir. Es verbietet lüsternen Paaren, sich im Schutz des Baumes weder mit einem Hand-, noch einen Blow-, oder irgendwelchen anderen Jobs zu vergnügen. Wir düsen weiter, blicken auf endlose Reisfelder, schwimmen in Naturseen und retten uns rechtzeitig zum Regenstart in eine begehbare Höle. Vielseitiges Kayah.

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Mandalay, um tyrannische 4:00 Uhr morgens. Der chinesische Zug wartet bereits. Reisende schnüren ihre Siebensachen fest. Wir rollen nicht, wir stechen in See. Elf Stunden schaukeln, schauen wie farbenfrohe Felder vorbeiziehen. Und naschen, denn im Stundentakt fluten ambulante Händler vorbei. Hsipaw im Shan Staat ist keine kleine Nummer mehr. Hier darf man schon seit geraumer Zeit ohne Genehmigung wandern und die Shan-Dörfer erkunden. Minimaler Fortschritt ist erkennbar. Chinesischer Fortschritt. Was Geld einbringt, gehört praktisch ausschliesslich den finanzstarken Nachbarn. Verzweifelt suche ich nach einer Unterkunft, die nicht von immigrierten Händen geführt wird. Ko Zaw Tun (alias „Mr. Book“) hilft mir weiter. Das trifft sich gut, wir kommen gleich ins Geschäft. Schon länger stöbere ich nach „From the Land of Green Ghosts“, eine Kollektion von Buchstaben über die dramatischen Zustände der letzten Jahrzehnte. Bis vor wenigen Monaten hatte die Militärjunta die Distribution verboten. Ko Zaw Tun bläst den Strassenstaub vom Einband. Und lächelt. Nur sehr wenige fragen ihn danach. Er mag mich und schenkt mir als Erinnerung einen NLD Pin und altes Myanmar Geld mit den Werten von einem halben Kyat, 1, 5, 20 und 50 Kyat (1’000 Kyat entspricht heute 80 Cent). Monopoly-Money spöttelt er. Als Hausaufgabe solle ich ihm zu Liebe über das Löwensymbol, Second-Bejing und dem Hintergrund der Kupfermünzen recherchieren. Ein fairer Tausch. „Er habe die Dynamik eines Teenagers“, schmeichle ich dem Alten zum Abschied. Sarkastisch nimmt er sein Gebiss aus dem Mund.

Flankiert von satanischen Geräuschen rumpeln vieleckige Fahrgeräte durch die Gassen. Ich fühle mich als Statist in einem alten Mad Max Film. Chinesische Militärvehikel aus dem Zweiten Weltkrieg wurden für die hiesige Landwirtschaft frisiert, auseinadergeschraubt und anders wieder zusammengesetzt. Die Fahrer lugen kokett von rustikalen Holzbänken empor und biegen per Handzeichen ab. Die kleineren, handlicheren Rostlauben entstanden offensichtlich zu einer Zeit, bevor das Auspuffrohr erfunden wurde.

So nebenbei. Wer der Reisebibel Lonely Planet nachreist (ich nicht) landet im Mr. Charles Hotel. Auch sein Besitzer kommt aus feinster chinesischer Geschäftsfamilie, arbeitet Hand in Hand mit der Regierung und sendet Horden von Wanderfreunden zu seinen Dorfkollegen, die sich mit dem Geld anschliessend blödsaufen. Der LP Autor liess sich hier eine Woche gratis beherbergen und tippte das Update, ohne ein gutes Haar am Rest der gebotenen Zimmer zu lassen. Orte, die er nie gesehen hat. Gerade in Myanmar rate ich dringend vom Reise-Vademecum ab. Myanmar braucht Individualreisende, predigte Aung San Suu Kyi kürzlich. Aber Individualreisende mit Kopf. Individualreisende die sich direkt mit der Bevölkerung und deren Geschichte auseinandersetzen. Und Lonely Planet ist schon länger nicht mehr „lonely“. Seitdem Tourismus politisch korrekt ist, kommt Myanmar als Reiseland in Mode. Waren es 2011 noch 319 Millionen Dollar, stieg die Zahl im Vorjahr bereits auf 1,789 Milliarden. Glaubt man dem Ministerium für Hotelerie und Tourismus werden 1’700 Dollar für durchschnittliche 10 Tage in Myanmar ausgegeben. „Package-Tourismus“ spötteln Einheimische. Denn viele haben nichts davon, da der Massentourismus von Hotel zu Hotel verfrachtet wird, ohne dabei die lokale Infrastruktur zu begünstigen.

Um dem Massen-Backpacking zu entkommen, schwöre ich einen geheimen Pakt mit vier anderen Abtrünnigen. Wir heuern an bei Sawmmy. Er führt uns nach Namshan, oder zumindest in die verschlafenen Nester der Palaung, Lisu und anderen Minderheiten. Namshan ist seit kurzem wieder Sperrgebiet und ein Teil des allgegenwärtigen „Myanmar Hiding War“. Zum allgemeinen Verständnis: Die Burmesen sind die dominierende Volksgruppe, welche die Politik und das Militär im Griff haben (Burmesen entstammen aus Zentral-Myanmar; Bagan, Mandalay, Yangon). Der Rest der Bevölkerung gilt als Bergvolk (135 verschiedene Ethnien). Als die Briten das Land in eine fragwürdige Demokratie entliessen, galt folgender Entschluss: Das Flachland soll den Burmesen gehören. Die Bergvölker dürfen weiterhin selbstständig ihre vielseitigen Resourcen mittels Königen, Prinzen und Fürsten verwalten. Innert wenigen Jahren nahm alles seinen tragischen Lauf. Ein vorgelegtes Vertragswerk („Panglong Agreement“) der Burmesen verführte mit einer landesweiten Einigung samt Ausstiegsklausel nach zehn Jahren für die Minderheiten (rund ein Drittel des Volks). Man unterschrieb. Nach Ablauf der Frist putschte ein burmesischer Militärdiktator, liess den demokratischen Parteivorsitzenden Aung San ermorden (Aung San Suu Kyis Vater), vertrieb die Könige und Fürsten der Volksgruppen und übernahm das Ruder. Seither herrscht Krieg zwischen dem burmesischen Militär und der rebellischen Armee der Minderheiten oder zwischen Minderheiten und Minderheiten. Der Grund ist offensichtlich. All die spannenden Geldquellen wie Agrarwirtschaft, Wasser, Gas und Edelsteine gehören faktisch den Ethnien. Die Militärregierung will die Resourcen selbstständig verwalten. Mit Verwaltung ist jedoch eher gemeint, den Profit in die eigenen Taschen zu lotsen oder die Resourcen zum Wohle der eigenen Taschen an zu China verkaufen. Im Mittelpunkt der harschen Ereignisse stehen die Staaten Kachin und Shan. Gerade in der Grenzregion vom Shan Staat und Chinas Provinz Yunnan wird es offensichtlich. Yunnans Bevölkerung explodiert, will gefüttert sowie mit Wasser und Elektrizität versorgt werden. Chinas Seite wird wohlhabender, Myanmars Seite ärmer. Das burmesische Militär finanziert ihre Waffenindustrie mit dem Opiumanbau oder anderen Rauschmitteln. Das ethnische Militär macht das gleiche und wird aus dem Ausland unterstützt (z.B. Russland, Malaysia). Jeder Individualreisende wird sich früher oder später mit der brenzligen Thematik auseinandersetzen müssen. Vor allem wer länger in Myanmar bleibt und merkt, dass es eine Liste mit knapp 200 Orten gibt, die nach wie vor gesperrt sind. Ergo müssen Bewilligungen beantragt werden. Bewilligungen auf die drei Wochen gewartet werden muss. Bewilligungen die vielfach an einen „ortsunkundigen“ Führer geknüpft sind, der bestimmt nichts Falsches erzählt. Sawmmy ist keiner von ihnen. Der 60-Jährige kennt jede Wurzel in der Gegend und beantwortet brav auf alle kritischen Fragen. Der idyllische Pfad führt uns drei Tage in die rückständigsten Dörfer, entlang von posierenden Kindern, Sesamfelder, Teeplantagen und Fussball spielenden Militärs der Shan oder Palaung.

Etwas nach Mitternacht. Die Bauern der Aussenbezirke verfrachten ihre Ware nach Hsipaw. Frischer können Früchte, Fische und Gemüse wohl kaum ergattert werden. Die Marktfrauen präsentieren schlaftrunken, Kerzenschein umhüllt ihre Leiber. Die ersten Bettflüchtlinge schwirren auf Motorrädern daher. Alles was die Feldküche heute braucht oder woanders weiterverkauft werden kann, wird an das Zweirad gehängt. Ein nostalgisches Ambiente.

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