Kalaw, Shan Territorium. Ich stärke mich mit „beaten eggs“ für die anstehenden 70 Kilometer Marsch. Dass ich keinen Führer anheuern will, schätzen sie hier gar nicht und verweigern mir dafür die Informationen über den Pfad. 70 Prozent von Myanmars tüchtiger Bevölkerung krüppelt in der Landwirtschaft. Hier sind sie zu Hause. Stundenlang stolpere ich über ihre knallgelbe Rapswiesen, vorbei an Chillischotenfelder, durch Matschgruben. Selten auf einem Pfad. Das heimische Volk der Danu schreit mich jeweils in die richtige Richtung. Ich trudle in eine kleine Ansammlung von Hütten, Khon Hla, dass in keiner (mir bekannten) Karten einzeichnet ist. Die Familie von Aung Min Oo lässt mich nächtigen, für eineinhalb Dollar. Brunnendusche inklusive. Ein verschwenderischer Sternenhimmel überzieht das Dorf. Aung Min Oo führt mich zum lokalen Kartenturnier und stellt mich dem Rest der Danu vor. Im zweiten Stock eines müffelnden Kuhstalls kauern bereits alle dicht beisammen. Knapp 60 Landwirte aufgeteilt in 5er oder 6er Grüppchen füllen den Raum, die grüne Zigarre fest am Lippenrand verankert, ein Betelnusspäckchen in der Backe versteckt. Unisono heisst man mich willkommen. Da ich das Spiel nach zwei Stunden Whisky und Feldstudie immer noch nicht durchblicke, wechseln wir in den Holzverhau von Aung Min Oo’s neuer Freundin. Dass sie zehn Jahre jünger ist als er und nur keinen Kyat Erspartes hat, stört ihn wenig. Eine „honest woman“ sei sie, nur das sei wichtig. Verständlich. Vor drei Jahren ist seine Ex heimlich nach Thailand ausgebüchst und hat den gemeinsamen Sohn dagelassen.

Traumtrunken äuge ich auf die Familienälteste, die gerade neben meinem Bettprovisorium zum buddhistischen Morgengebet angetreten ist. Ich verabschiede mich und ziehe weiter. Am Horizont zeigt sich bereits ein Zipfel von Myanmars bekanntestem Gewässer. „Der Inle-See steht kurz vor einer ökologischen Katastrophe“, drohte kürzlich Arild Molstad aus Norwegen, der auf nachhaltigen Tourismus spezialisiert ist. Die von den ansässigen Intha-Ethnie (die „Söhne des Sees“) benutzten Textilfarben vergiften das Ökosystem, ihre ungeregelte Landwirtschaft verursacht Erosionen, der Fischbestand schrumpft und invasive Pflanzen verstopfen die Wasserwege. Dazu kommt, dass der See schon seit Jahrzehnten auf der To-Do Liste jedes Myanmar-Package-Touristen steht. Man darf nicht böse sein, denn die Stelzendörfer entlang dem Ufer sind atemberaubend schön, selbst nach Jahren der touristischen Penetration. Ich verzichte auf die übliche Tour, wobei man an einem Tag durch bis zu !vierzehn! Sehenswürdigkeiten geschleust wird und buche meine eigene Schaluppe samt Kapitän. Lon They. Er steuert im gemächlichen Tempo zur Seemitte, wo die südostasiatischen Gondoliere noch die letzten Schuppen aus dem Wasser ziehen. Ein Fuss balanciert auf dem Bug, der andere umschlingt akrobatisch das Paddel und stösst das Boot mit Hilfe einer Hand in Richtung Tatort. Bleibt eine freie Hand für das Fischernetz. Da gäbe es noch die Bambuskorb-Akrobaten. Pünktlich um 7 Uhr morgens und 5 Uhr abends warten die hampelnden Clowns an der Kanal-Enge auf die Spenden von Touristen. „Einst haben sie mit ihrer speziellen Technik tatsächlich Fische gefangen, heute sind sie Foto-Huren“, höhnt Lo They. Wir rudern stattdessen durch seinen schwimmenden Tomatengarten. Für die vielseitigen Gemüsegärten werden auf einen Teppich aus Wasserhyazinthen so lange Schichten von Schlamm aufgetragen, bis sich über die Jahre schwimmender Humus bildet. Mittels Bambuspfählen wird das ganze schlussendlich befestigt. Gepflanzt und gepflückt wird vom Boot aus. Inle hat noch eine andere Rarität zu bieten. Die wertvolle Lotusfaser. In diversen Fabriken am Ende des Sees klappern nostalgisch anmutende Webstühle. Für einen Meter Stoff ackern die Weberinnen knapp eine Woche. Dafür werden bis zu 13’000 Lotuspflanzen geopfert. Lotus wärmt im Winter und kühlt Sommer. Ein Effekt der sich teuer bezahlen lässt. Das weiss auch die Verkaufsabteilung der italienischen Marke Loro Piani, die ihre Lotus-Anzüge zu 7’500 Dollar auf dem Markt verkauft.

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Weiter nach Norden. Nachforschen wo die Massen hingelotst werden und eine Alternativroute aushecken. Als es dämmert, lande ich im 80 Seelenkaff Sin Mee. Tongio Revier. Ich gestikuliere eine Schlafbewegung und habe Erfolg. Eine alte Dame mit verhungertem Körper und zweieinhalb Zähnen grinst mir entgegen. Sie holt ihre Schwiegertochter Maeri Ou um den Preis zu feilschen. Die Familie produziert die Zigarrenblätter. Also zeige ich mich erkenntlich und helfe mit beim Entstielen. Zur Freude aller Dorfbewohner, die „rein zufällig“ vorbeikommen und reihenweise Schnappschüsse machen. Nach knapp 2’000 Tabakblätter gebe ich mich geschlagen. 2’000 Genussmomente für mir unbekannte Nikotinsüchtige soll reichen. Maeri Ou startet das Feuer unter dem Fussboden und beginnt die Blätter auszufächern. Steindeckel drauf, warten, herausnehmen, aufstapeln, ausfächern, Steindeckel usw. Nach einer Woche schnippeln und schnelltrocknen, ist der Blätterturm von zwei Metern Höhe verkaufsreif. Knapp 20’000 Kyat (16 Dollar) erzielt die Familie damit auf dem Markt in Taunggy (Hauptstadt vom Staat Shaan). Ab sofort rauche ich mehr Zigarren. Am nächsten Tag erreiche ich planmässig die Strasse. Nach drei Minuten Daumen recken, lädt mich bereits ein Sammel-Laster mit fünf Frauen und einem Mönch auf. Der Mönch übersetzt, die Weiber wiehern vergnügt. Auch sie wollen die 2’478 Stupas von Kakku erkunden und laden mich auf die Reise ein. Zuerst fahren wir jedoch einen Umweg zum neuen Farmhaus von Whue, scheinbar das Rudeloberhaupt. Mit infantilem Stolz präsentiert sie uns ihr Eigentum.

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Thailand entsendet Stofflaternen und bastelt Kerzenschiffchen, Myanmar näht haushohe Feuerballone. Der Hintergrund ist vielseitig. Die Regensaison ist zu Ende, böse Geister wollen besänftigt werden. Epizentrum des „Tazaungdaing“ ist Shans Hauptstadt, Taunggyi. Ein Rummel der anderen Art. Kletterfreudige Jahrmarkt-Angestellte bringen das marode Riesenrad in Schwung, indem sie sich an die Metallkabinen hängen. Nebenan darf mit alten Veloreifen auf Plastikflaschen geworfen werden. Das erste von zehn Ballon-Teams rollt aufs Feld. Die Sicherheitsvorkehrungen bestehen aus einem kleinen Feuerwehrtrupp, der im Notfall das Schlimmste verhindern soll. Und Notfälle gibt es jedes Jahr wieder. Je nach Gusto der Teams werden die Ballone entweder mit Kerzen verziert, oder eine 50 Kilogramm-Ladung Feuerwerksraketen unten angehängt. Das Verrückte? Kaum in der Luft, schiessen die Raketen nach unten, zur Seite und hin und wieder in die Menge. Dass es immer wieder Tote und Verletzte gibt, kümmert wenige. Jung und alt freut sich auf den Event. Ebenso die Hoteliers der Region. Die Preise werden kurzum verzehnfacht. Ich treffe auf den Psychologiestuden U Kyaw, er verdient sich beim Nudeln kochen einige Kyat. Wir werden so etwas wie Freunde auf den ersten Blick. Er schenkt mir einen Karton, eine Flasche Wasser und ein durchlöchertes Tuch um die frostige Nacht zu überstehen.

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1 Kommentar

  1. Super Claudio, grosses Kompliment für die Bilder, Berichte und die Website. Für mich ist dies mit Abstand der beste Reiseblog den ich kenne (und ich verfolge da einige aktiv). Ich träume auch von einer grossen Reise und habe vor 1.5 Jahren mit fotografieren angefangen. Du bist ja selber gleich mehrere Jahre unterwegs: Was hast du da für ein Jahresbudget und wie finanzierst du das?

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