Flughafen Yangon. „Welcome to Myanmar“, so der Aufruf des allgegenwärtigen Brause-Herstellers aus Amerika, der erst vor wenigen Jahren die Erlaubnis erhielt hier ein Werk zu eröffnen. Zu der Zeit als das Land mit leisem Knattern die Zugbrücke herunterliess und kurz darauf anfing nach ausländischen Devisen zu lechzen. Ist es bereits zu spät für eines der letzten touristischen Dorados?

Gemütliches Streunen durch Yangons Gassen. Im Schatten verrotteter Kolonialbauten pilzen die Feldküchen. Burmesinnen mit pastellgelb getupften Gesichtern schielen nach Käufern für ihre weichgekochten Innereienhaufen, gelben Wassermelonen oder die Berge totfrittierter Monsterheuschrecken. Aus schiefen Holzverhauen kontern ihre Nachbarn. Sie bestreichen reihenweise Blättlein zurecht, die Verpackung für Betelnuss-Klumpen. Hier wird nichts kaschiert, jeder Kunde erkennt sogleich was ihm blüht; ein zerfressenes, schwarzrotes Gebiss, ein Leben mit einem glücklichen Zombie-Maul. An der gemütlichen Gassenszene holpern rustikale Busse mit Parkettboden vorbei, oder Kleinlaster gespickt mit Menschenknäueln. Ein Arbeiter mit Schirmhut zerschweisst gemächlich an Autowrack in einer Seitenstrasse. Yangon besticht kaum durch hübsche Flaniermeilen, dafür mit absurden Alltagszenen und einem für Asien eher raren Architekturmix. Ein Tohuwabohu aus viktorianischer Schönheit und südostasiatischem Plattenbau. Das Juwel des britischen Empire (bekannt unter dem Namen Rangun) war einer der meist frequentierten Häfen der Welt, eine wichtige Station der Handelsstrecke zwischen Indiens Kalkutta und Chinas Shanghai. 2005 verlegte Myanmars Militärregierung die damalige Hauptstadt Yangon aus Angst vor neuen Volksaufständen und ausländischen Invasionen vom andamanischen Meer aus in eine künstlich geschaffene Stadt 320 Kilometer weiter nördlich. Naypyidaw. Dutzende von hundertjährigen Regierungsgebäuden wurden ausgehöhlt, dann zugekleistert und der Inhalt per Lastwagen nördlich gerollt. Seither eifern Ruspartikel und Pflanzen entlang den Fassaden.

Myo Myo nimmt mein verträumtes Flanieren war. „Mingalaba! Where do you go?“ Darauf kenne ich keine Antwort, ich habe weder Karte noch Ziel. Vor zehn Jahren hätte ich einen Spion vermutet, der meine nächsten Schritte aushorcht. Der 45-jährige Lehrer schenkt mir seinen Nachmittag. Während ich mich hinter Bäumen verstecke, verhandelt er die Taxipreise. „Je bleicher das Gesicht, desto teurer die Fahrt“, meint er. Wir flitzen über eine brandneue Strasse, (eines der vielen Investments aus dem ressourcenarmen Japan und kommen pünktlich zum täglichen Verkehrsinfarkt. Myo Myo deutet resigniert auf die vielen Ausstellungsräume der Karossenherstellern aus China und Japan. Autos waren vor fünf Jahren noch eine Rarität auf Yagons Strassen. Heute schlägt jeder zu. Priester, Politiker, Normalos. Der aufmerksame Beobachter erkennt schnell, viele Autofahrer besitzen weder Führerschein noch Fahrpraxis, dafür ein Chaos-Gen. Mit einem Fuss bedienen sie beides, Brems- und Gaspedal. Sie sitzen rechts in japanischen Autos obwohl sie auf der rechten Strassenseite fahren. Ein Überbleibsel des damaligen Militärdiktator Ne Win. Ein Astrologe hatte dem Regierungschef den Tod im Linksverkehr vorhergesagt, einen Tag später wurde Rechtsverkehr eingeführt. Verrückte Routine während der Diktatur.

Wir setzen uns auf die wadenhohen Plastikhocker eines unspektakulären Café. Myo Myo macht das typische Kussgeräusch um die Kellnerin anzulocken und bestellt zwei Milchtee. Ich staune ab all den Mobile-Shops und dem Mosaik an Sim-Karten, die Yangons Gehwege säumen. Internet und Mobiltelefonie ist ein sehr jungfräuliches Geschäft in Myanmar. Unlängst gibt es mehr Mobile-Shops als Stupas und Pagoden. Das will was heissen. Über 90% Buddhisten tummeln sich in Myanmar. Darunter diverse „kriegerische“ Buddhisten. Wer die Weltanschauung besudelt, der wird rigoros bestraft. Das beweist der Fall „Philip Blackwood“, der gerade durch die Lokalpresse gereicht wird. Der englische Bar-Besitzer wurde vor einigen Wochen zu 30 Monaten Schwerstarbeit und Gefängnis verurteilt. Sein Vergehen? „Rufschädigung“. Um seine Bar zu promoten hat er ein Werbebildchen eines Kopfhörer tragenden Buddha in ein soziales Netz hochgeladen.

Die Stimmung steigt. Ich verabschiede mich von Myo Myo und schlendere zum buddhistischen Las Vegas. Schon von weitem funkelt sie mir entgegen, die Shwedagon Pagode. Allein die Spitze der Kuppe mit den knapp 80’000 Diamanten und anderen zierenden Edelsteinen soll 50 Millionen Dollar wert sein. Spenden, um dem Buddhismus zu huldigen. Eine Huldigung, die nie so gelehrt wurde. Um sich etwas Seelenfrieden zu erkaufen, warten ausserdem zehn Geldautomaten rund um die Pagode darauf gemelkt zu werden. Wie mir heute Morgen eine Buddhistin versicherte, ist die „Spende“ nur eine Alternativmöglichkeit um den buddhistischen Pfad zu gehen. Wer also keine Zeit hat um sich zu einem besseren Menschen oder gar zur Erlösung zu meditieren, der kann sich das gute Karma auch durch Gaben erhaschen. Frühmorgens ziehen die jungen Nonnen und Mönche los um anderer Leute Karma zu verbessern und einzukassieren. Sie klappern Shops und Restaurants ab, bitten um Gaben für Buddha, für die Klöster, für ihre Heiligen. Wer etwas gibt, verabschiedet sich mit einem guten Gefühl. Ja, selbst der Buddhismus kostet! Wer es richtig angehen will, opfert jedoch Lebenszeit. Ein hors d’euvre gibt es bereits für 120 Stunden. Ein angemessener Preis für den persönlichen Waffenstillstand mit der Welt. Und welcher Ort wäre besser geeignet um das Bewusstsein zu entschlacken als das Land, dass den authentischen Buddhismus über all die Jahrtausende erhalten konnte. Ich packe einen Longyi (burmesischer Männerrock) und das Nötigste für zehn Tage Isolation.

Zum Erfahrungsbericht „Vipassana – The Art of Living“

Es ist Sonntag. Wahltag. Rechtzeitig werde ich zu diesem historischen Moment in die Freiheit entlassen. Um mich herum huschen die Wähler, erkennbar am kleinen schwarzen Finger. Man lernt aus den Fehlern. Vor fünf Jahren wurde gerne mehrfach gewählt (via Stempel). Durch den Fingerabdruck können Doppelwähler gleich überführt werden, denn die Farbe haftet einige Wochen. Im Rennen sind diverse Parteien, darunter die NLD (National League of Democracy) mit Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. „The Lady“, respektvoll genannt von Freund und Feind, ist mittlerweile so populär wie Che, Mandela oder Evita Peron. Sie wird die Wahl gewinnen, das steht ausser Frage. 25 Jahre haben alle auf diesen Moment gewartet. Bei den letzten Wahlen 2010 wahr die NLD noch verboten und Protagonistin Aung San Suu Kyi unter Hausarrest. Volle 16 Jahre war die Tochter eines Unabhängigkeitskämpfers an die friedliche Stimmung Ihres Anwesens am Inya-See gefesselt, malte und schrieb Bücher. Richtig populär wurde die charismatische Suu Kyi während den Aufständen in den späten Achzigerjahren. Zu dieser Zeit schöpften die Herrscher aus einem Reservoir irrer Überraschungen. Geldscheine mit abstrusen Nominalwerten wurden eingeführt, wie die 75-Kyat-Note, zu Ehren des 75. Geburtstags von Diktator Ne Win. Darauf folgten 15 und 35 Kyat-Scheine. Dann kam dem abergläubigen Ne Win in den Sinn, dass die Banknoten durch seine Glückszahl neun teilbar sein sollten. Also wurden 45 und 90 Kyat Scheine gedruckt, wobei niemand die alten Noten umtauschen durfte. Viele verloren ihr gesamtes Vermögen. Die kuriose Geldpolitik war letztlich der Auslöser für landesweite Aufstände, mit Ikone Suu Kyi an deren Spitze. Ne Win rettete sich in einen luxuriösen Ruhestand und ominöse Wahlen fanden statt. Die NLD gewinnt, die Militärjunta erkennt den Sieg jedoch nicht an und schröpft das Land weitere 20 Jahre, bis 2010 mittels orchestrierten Wahlen Thein Sein als ziviler Präsident ins Amt gestellt wird.

Zurück in der Gegenwart. Rund zwei Wochen werden nun Stimmen gezählt. Ein neuer Präsident bezieht im März 2016 das Amt. Das Militär operiert jedoch weiterhin autonom. Trotzdem blicken Volk und ausländische Investoren einer interessanten Zukunft entgegen. 30 Jahre hatte sich der notorische Schurkenstaat isoliert. Marken kamen nur geschmuggelt in das Land, die wenigen Individualtouristen nur mit Mut und viel Geduld. Und plötzlich geht alles ganz schnell. Meinungsfreiheit, Parteienvielfalt, freie Wahlen, Bewegungsfreiheit. Ein ökonomischer Weckruf wie ein Peitschenknall. Klar will ganz Asien, Amerika und Europa mitmachen und Myanmar mit Gelder überschwemmen. Myanmar ist neu „everybody’s darling“.

Bisher war eine der grössten Einnahmequellen der Opiumanbau im Norden des Landes (der westliche Teils des goldenen Dreiecks Laos, Thailand, Myanmar). Ich verschaffe mir einen Überblick im Drug Elimination Museum (natürlich gesponsert vom Militär). Offiziell wurden die Bauern gewaltsam demotiviert die Schlafmohn-Fruchtkapseln einzuritzen um daraus das Rohopium (Basis für Heroin) zu gewinnen. De facto verdient das Militär jedoch zu viel Geld am Handel um das lukrative Geschäft aufzugeben. Die ausgestellten Bilder hinterlassen daher einen zwiespältigen Eindruck. Das Todesröcheln einiger Heroinkaputten steht Fotos von alternativen Entwicklungsprogrammen gegenüber; Farmen mit glücklich quikenden Schweinchen, zufriedene Tee- und Sojabauern, lächelnde Tiermedizin-Laboranten. Gleich daneben; ein Schild motiviert den Besucher die bereitstehende Walze über eine in Mohnblumenform angeordnete Reihe von Narkotika zu rollen. Böse Opiate! Noch imposanter ist der „special room“, der zu einem Horrortrip einlädt. Per Knopfdruck greift eine Plastikkralle (begleitet von Donnergeräuschen) aus einem Schacht nach dem Publikum um es sinnbildlich in die Hölle zu zerren, begleitet von Donnergeräuschen ab Tonband.

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Per Bus zur Hauptstadt Naypyidaw, dem „Sitz der Könige“, auf einem Sitz für Knechte. Dafür entspricht der Preis für das Ticket etwa der Knautschzone. Selbst Jockeys würden hier vorsichtshalber zwei Plätze buchen. Sonst gibt’s nichts zu meckern. Der Bus schmust den glatten Teer entlang, vorbei an wucherndem Grün und brüchigen Pfahlbauten. Die dröhnende Leere bei der Ankunft ist beängstigend. Da es in der Planstadt weder Gehwege noch öffentlichen Transport gibt, buche ich für einen Tag den Rücksitz von San Oo’s Moped. Sein Englisch ist so gut wie mein Burmesisch. Trotzdem verstehen wir uns prächtig, ich besitze eine Karte mit den hiesigen Sehenswürdigkeiten. Darunter befinden sich an die 80 Business-Hotels, Golfplätze, unzählige Regierungsgebäude, mit Neonröhren angestrahlte Baggertümpel, das Parlament, ein Nachbau der Shwedagon Pagode und drei Museen. San Oo übergibt mir den nicht schliessbaren Helm und zirkelt durch das surreale Betondesaster. Das hat man davon, wenn man einer Militärjunta die Stadtplanung und eine Flotte von Planierraupen überlässt. Liebliche Gebäude in Walmart-Form säumen die bis zu !20-spurige! sporadisch befahrenen Strassen auf denen man eine Airbus A380 landen könnte. So hätte sich Josef Stalin wohl einen Wellnessresort vorgestellt. Rund 80’000 Bauarbeiter hackten vor wenigen Jahren eine Fläche sechs mal so gross wie New York City aus dem Dschungel um Platz für all die Generäle, Minister, Beamten und Legionen von Gartenpfleger zu schaffen. Wer heute hier lebt, lebt für die Arbeit.

Myanmar ist ein Pseudonym für „Edelsteine“. Nur wenige Länder sind so reich an Rubinen, Diamanten, Saphiren und vor allem Jade. Ein Drittel des Bruttoinlandprodukts macht die Jade-Industrie, notabene eine der Haupteinnahmequellen des Militärs. Da die Minen nicht frei zugänglich sind, trudle ich ins Gem Museum. Jede Vitrine, der ich mich nähere wird manuell beleuchtet und darauf wieder der Dunkelheit überlassen. Edelsteine in allen Farben und Formen klären auf – nicht über den Prozess, sondern über die Herkunft und die chemische Zusammensetzung. Daher quäle ich meine persönliche Museumsführerin mit unlauteren Fragen. Die meisten Minen sind im Privatbesitz ehemaliger Militärgeneräle, welche sich einen Dreck um die Sicherheit ihrer Arbeiter kümmern. Gerade gestern wurden über hundert Minenarbeiter in einer Jade-Mine im unruhigen Staat Kachin verschüttet. Natürlich antwortet sie kryptisch, wenn überhaupt. Meinungsfreiheit ist weiterhin eine fragile Angelegenheit in Myanmar.

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