Genau in dieser Sekunde werden 47 neue Mobiltelefone verkauft, wühlen sich einige hundert Afrikaner durch toxische Elektronik-Friedhöfe, stirbt eine Person an Drogen oder Alkohol, flüchtet eine Gruppe Menschen aus ihrem Land, begeht ein Junge Mundraub in Manila, werden knapp 20 Dollar für Fett-Weg-Produkte ausgegeben und holt sich jemand den Kick beim Extremsport. Und genau in dieser einzigartigen Sekunde meditieren sich knapp 80 Menschen in Yangon (Myanmar) zur Einsicht.

Kaschmir, Indien – ein halbes Jahr früher. Ich verharre den regnerischen Abend in der Nähe eines buddhistischen Klosters. Ein Mönch setzt sich zu mir. Wir wälzen diverse Themen. Bevor er aufbricht, schaut er mich fürsorglich an. „Dein Verstand gleicht einem glühenden Stück Kohle, dass nach einer Kanne Wasser fleht.“ Er drückt mir ein abgegriffenes Buch in die Hand und verschwindet im Regen. Ich bin nicht sonderlich talentiert für Spiritualität. Als zufriedener Atheist hoffe ich weniger auf ein Leben „danach“, erwarte kein paradiesisches Shangri-La, einen ehrwürdigen Abgang ins Valhalla, eine Armee von willigen Jungfrauen oder eine Reinkarnation als Bessermensch. Das Leben ausbeuten bis zum letzten Herzschlag, das will ich! Dennoch, nach wenigen Seiten kann ich das Buch nicht mehr weglegen. Erquickende Zeilen zur richtigen Zeit. Die Gebrauchsanweisung für ein lange verschollenes Werkzeug, wiederentdeckt und frisiert um jegliche Miseren zu meistern. Vipassana – The Art of Living.

Zum Status quo. Zu gerne vergessen wir den Moment zu leben, flüchten geistig in die Zukunft oder in die Vergangenheit, machen andere für unsere Probleme verantwortlich, urteilen ohne hinzusehen – ohne hinzuhören, reagieren konditioniert. Wir wollen das Universum erkunden und kennen uns selbst kaum. Materialismus prägt tägliche Entscheidungen und hat Einfluss auf unser Selbstwertgefühl. Und das Selbstwertgefühl anderer. Bücher über Lebensstrategien und wahres Glück reihen sich kilometerweise. Wieso ist es so schwierig mit echter Lebensfreude? Gerade in den überentwickelten Ländern begegnet man ihnen täglich; den Neidhammeln, aufgeblasenen Egos, den Murrköpfen. Ist das Geld da, fehlt die Zeit es auszugeben. Ist die Zeit da, fehlt das Geld sie adäquat zu nutzen. Höchste Zeit für einen moralischen Dresscode!

Vipassana ist ein altes Pali-Wort und bedeutet „Einsicht“. Eine Einsicht in die mentale und physikalische Struktur des Megawunders „Mensch“, basierend auf den Gesetzen der Natur. Es wird gemunkelt, die Meditationsmethodik sei 6’000 Jahre alt. Als Zentraleuropa noch auf Bäumen turnte, rätselte man in Asien bereits über Atome und Partikel. Knapp 3’500 Jahre später nahm Buddha die verlorene Technik wieder auf meditierte sich damit zur Erleuchtung. Das Ende alles Leidens. Die Erlösung der Wiedergeburt. Seine grossartige Erkenntnis? Die Wurzel aller Probleme ist der eigene Verstand. Seither ist Vipassana fixer Bestandteil der buddhistischen Lehre und auf der To-Do Liste jedes Mönchs. Sehen wir den Tatsachen jedoch ins finstere Auge. Weder für Jesus, Mohamed noch Buddha gibt es wissenschaftliche Beweise. Keiner der drei hat schriftliche Notizen hinterlassen. Auch keiner ihrer persönlichen Kumpanen. Alles was die Helden einst predigten, wurde von anderen überliefert, ergänzt wie gekürzt, oder missinterpretiert. So auch im Buddhismus. Erst 500 Jahre nach dem Tod von Buddha wurden erste Unterlagen verfasst. Auf der Insel, die heute Sri Lanka heisst. Einige tausend Kilometer von Geburtsort des Erleuchteten entfernt. Trotzdem, die Weltanschauung und die praktikablen Werkzeuge Buddhas bieten gerade heute einen interessanten Kontrast zu den Weltreligionen. Horizonterweiterung schadet grundsätzlich nie, sofern der Preis zahlbar ist. Und der Preis ist happig, denn es kostet Lebenszeit. 120 Stunden Meditation innert zehn Tagen. Dafür wird Essen und Unterkunft spendiert. Aber der eigentliche Lohn kommt danach; der persönliche Waffenstillstand mit der Welt. Welcher Ort wäre besser geeignet um das Bewusstsein zu entschlacken als das Land, dass den authentischen Buddhismus über all die Jahrtausende erhalten konnte. Myanmar.

Erwartungsfrohes Eintrudeln ins Dhamma Joti Meditation Center, Yangon. Bürokram durchgehen. Ich unterschreibe, dass ich weder geisteskrank noch drogensüchtig bin und das wegsperre, was mich während den nächsten zehn Tagen unterhalten könnte; dubiose Medikamente, Mobiltelefon, Macbook, Bücher, Papier und Schreibutensilien. Selbst religiöser Schnickschnack wie Talismane oder Rosenkränze müssen draussen bleiben. Die Broschüre definiert wunderbar was Vipassana nicht ist und tötet sogleich jegliche Illusionen: „Es ist kein Ritual, das auf Glauben basiert. Es ist weder intellektuelles noch philosophisches Entertainment. Keine Kur, kein Urlaub, kein Ort, um nette Leute zu treffen. Kein Fluchtweg.“ Dazu kommen die Grundsätze für die nächsten Tage: „Nicht klauen, keine lebende Kreatur hinrichten, keine Lügerei, keine Drogen, keine sexuellen Fehltritte.“ Okay, ein paar Tage auf Grabschen, Morden, Lügen, Klauen und Drogen verzichten? Schwierig, aber machbar. Mir wir Zelle „T1“ zugeteilt. Vier mal drei Quadratmeter, ansehnlich möbliert mit einer Pritsche und einer 1-Zentimeter hohen Matratze (am Rand, die Mitte ist durchgelegen). Ich frage mich, wie viele Masochisten sich vor mir schon durch dieses Bett wälzten. Mit mir haust Che-Ying Lin aus Taiwan. Sympathie auf den ersten Blick. Auch er ein Langzeitreisender, auch er schmuggelt Bücher in die Zelle. Wohltuendes Alphabet, das wird man uns nicht nehmen.


Tagesablauf

04:00 Gong
04:30 – 06:30 Meditation
06:30 – 08:00 Frühstück
08:00 – 11:00 Meditation
11:00 – 13:00 Mittagessen
13:00 – 17:00 Meditation
17:00 – 18:00 Tee (nein, kein Essen)
18:00 – 19:00 Meditation
19:00 – 20:30 Theorie „Evening Discourse“
20:30 – 21:30 Meditation (wer hätte das erwartet?)


Vorabend

Theorie (Evening Discourse). Ab sofort gilt „Noble Silence“ (Was für wohltuende Worte: „Edle Ruhe“). Also keine Diskussionen mehr, kein gegenseitiges Anheizen, Abfragen, Ablenken. Seit der Zeit Buddhas wurde Vipassana durch eine Kette von Lehrern weitervermittelt. Bis zu seinem Tod vor zwei Jahren war Satya Narayan Goenka der „Vipassana-Weltmeister“. Er wird uns in den nächsten Tagen via DVD sowie Tonband belehren und (leider) auch für uns singen. Die Theorie muss sein, klarer Fall. Aber täglich altindische Liedchen? Man stelle sich die Stimme eines ergrauten Frank Sinatra vor, der nach einer Badewanne voll Whisky eine Arie kräht (rückwärts abgespielt). Ansonsten kann man den Alten nur gern haben. Mit unerreichter Euphorie, voller Güte und indischem Charme spricht der gebürtige Burmese über Naturgesetze und die Herausforderung, welche uns erwartet.

Tag I

4:00 Uhr – Tagwacht. Auftakt zu den ersten zwei Stunden Meditation. Tatort Dhamma Hall. Ein nüchternes Ambiente, keine Art-Dekor, nicht einmal ein Goenka-Fanplakat ziert den Raum. Vorne thront der Guruji. Er ist für die akustische Einspielung von Goenka verantwortlich und um per Mikrofon die Pausen anzukündigen (fünf Minuten jede Stunde). Als ob Geschlecht ansteckend wäre, wird der Pulk von 60 Frauen und 20 Männern mit einem Abstand von zehn Metern voneinander getrennt. Unter uns lümmelt sich eine Hand voll Mönchlein, einige Nonnen. Senioren sind genau so vertreten wie Teenager. Vor mir reckt sich Kyaw Linn Oo. Kein Meditations-Neuling wünscht sich Kyaw Linn Oo vor sich. Der Burmese tritt bereits zum dritten Kurs an. Marke asiatischer Masai – kerzengerade Haltung !kein! Sitzkissen, Lächeln mit geschlossenen Augen. Links von mir sitzt ein weiterer Burmese, Phyo, mit jeder Fiber bereit zu meditieren, den Tagesplan immer griffbereit (wohl um den beinahe fliessenden Übergang von Meditationsblock zu Meditationsblock nicht zu verpassen). Rechts neben mir, Matthew aus Massachusetts (USA). Auch er, wahrscheinlich in der Lotus-Position auf die Welt gekommen. Der Schotte Michael kauert versetzt rechts vor mir, offensichtlich hier um Probleme abzuladen. Hinter mir wimmert der ehemalige Kampfsporttrainer Miguel aus Portugal. Immerhin einer, mit dem ich das Leid schmerzkrummer Gliedmassen teilen darf. Würde eine Kissenschlacht starten, ich wäre gerüstet, habe acht Kissen rangeschafft und damit einen Sessel gebastelt.

Unsere ehrgeizige Aufgabe für die nächsten drei Tage – Die eigene Atmung beobachten (Anapana). Fokus auf beide Nasenflügel und dabei nicht geistig abdriften. Als unbelehrbarer Fan von Multitasking ist die Konzentration auf eine so simple Sache ein starkes Stück Arbeit. Bin meist woanders mit meinem Kopf, der Augenblick langweilt, also beame ich mich in die Vergangenheit oder in die Zukunft, sitze in meinen Lieblings-Cafés der Welt, trödle durch die Gassen von San Francisco, wandere entlang der Nordwestküste Kauais oder feile an meinen Plänen für die nächsten Wochen. Das geht den ganzen Tag so weiter. Zehn Sekunden Nasenflügel – zwei Minuten Welt – fünf Sekunden Nasenflügel – drei Minuten Pläne. Nicht schlecht, zurückblickend war ich innert zwölf Meditationsstunden bestimmt drei Minuten bei Sinnen.

Tag II

Notorisch trotten wir zu unseren Kissen als ob wir zum Steine klopfen abgeführt werden. Weiterhin werden 160 Nasenflügel inspiziert. Mit einer neuen Challenge. Wir fokussieren neu auf den Berührungspunkt leicht innerhalb der Nase. Goenka gibt detailierte Anweisungen via Tonband. Wieder Beine schikanieren, wieder geistiges abdriften und sich fragen, wie die nächsten acht Tage werden. Rückenschmerzen, zerschundene und winselnde Knie, sonstige Wehwehchen? Interessiert keinen! Niemand eilt herbei und tätschelt einem die Schultern. Nicht einmal der Guruji. Wer will, darf aber jederzeit abhauen, jammernd von dannen schleichen, sich den Blicken aller vertrauten Fremden stellen. Aufgeben. No way! Ich weiss, dass keiner, der nicht selbst mit dabei war, sich vorstellen kann, wie es ist, zwölf Stunden an einem Tag nur totenstill dazusitzen um sich auf nichts anderes zu konzentrieren als auf die eigene Nasenspitze. Wer jedoch davon ausgeht, dass es sich um den einzig bekannten Schlüssel zum Unterbewusstsein handelt, dem Ort, wo sich das universelle Heilmittel versteckt, der wird es angehen. Buddhisten suchen nach dem „final goal“, den Weg aus der Reinkarnation. Die meisten Westler suchen nach mehr Musse, einen Weg das „dolce vita“ wiederzuentdecken. Und einige nach einem Katapult um ihr Wissen und ihren Erfolg in die nächste Existenz zu schiessen. So wie Henry Ford. Der Erbauer des ersten Automobils ab Fliessband wurde einst zum Thema Buddhismus befragt. „Eine formidable Vorstellung“, schwärmte der Grossindustrielle. Seine ganze Arbeit könne ihm kaum befriedigen, sofern all das gesammelte Wissen an seine Lebenszeit gebunden ist. Seit er den Buddhismus für sich annehme, ist er nicht mehr an Zeit gebunden und kann die Früchte seines Schaffens in das nächste Leben retten. Der Wirtschaftskapitän war sich den Spielregeln wohl nicht ganz bewusst. Gier wird mit der Wiedergeburt als Ratte bestraft oder als dreibeiniger Hund, der sein Leben damit verbringt Flöhe aus dem Fell zu kratzen.

Tag III

Der Gong wird zur Uhr, zur täglichen Routine. Er drillt zum Aufstehen, zum Essen, zum Meditieren. Mein Verstand geht streunen. Mir fällt Eric Blair ein. Brite, aber in Myanmar geboren (damals noch als die britische Kolonie Burma bekannt). Unter seinem Pseudonym „George Orwell“ schrieb er drei weltbekannte Bücher; Burmese Days, Animal Farm und 1984. Seine Abneigung gegen die Schurken der Welt entwickelte er hier in Myanmar, wo er als Provinzpolizist für das Königshaus diente. Hätte ihm Vipassana über den lebenslang anhaltenden Groll hinweggeholfen, gar etwas Leichtigkeit verschafft? Vipassana lehrt Nächstenliebe, selbst zu den Feinden. Ja selbst zu dem Witzbold von Kantinenkoch, der sich heute dazu entschieden hat Bohneneintopf mit Zwiebelknollen zu kochen. Kyaw Linn Oo nimmt zwei Portionen. Schöne „Noble Silence“. Schöne Konzentration auf die Atmung. „Alles vergeht, nichts ist permanent“, lehrte Buddha. Guter Gedanke! Weder verheissungsvolle Produkte noch Fürze verweilen ewig. Man soll also niemandem böse sein, sie trotzdem lieben. Die Imperialisten, Kyaw Linn Oo, der durch die Dhamma Hall windet, meinen Zellenbruder Lin, der mit fernöstlicher Manier bei jedem Waschritual seinen Rotz irgendwo in der Duschecke deponiert. Auch den älteren Herrn, der jede Nahrungsaufnahme mit drei inbrünstigen Rülpsern kommentiert. Alle und immer. Harte Kost.

Die „meditators“ (Gegenteil von „gladiators“?) sind bereits ausgewogener, also dürfen wir uns auf eine neue Zusatzaufgabe konzentrieren. Wir scannen gedanklich den kleinen Bereich unterhalb der Nasenspitze. Kitzelt da was? Ist die eingeamtete Luft ein Grad kühler als die ausgeatmete? Beim Evening Discourse klärt Goenka auf und gibt mehr Informationen über das Endziel bekannt. Morgen startet der eigentliche Kurs, bisher haben wir nur auf einen scharfen Verstand meditiert. Forscher haben schon längst bewiesen, dass sich die Moleküle eines Atoms mehrere Trillionen mal pro Sekunde neu zusammensetzen. Ein Praxisbeispiel: Die Flamme einer Kerze entsteht immer neu, wir sehen jedoch nur die Flamme züngeln. Auch der menschliche Körper entsteht laufend neu (und verfällt dabei). Das Gesetz der Natur – alles ist vergänglich (Anicca). Wenn alles vergänglich ist, sind auch Wünsche, Verlangen und Ablehnung vergänglich. Wer also wieder frei entscheiden will, muss folgendes verstehen: Die sechs Sinne (Augen, Ohren, Nase, Mund, Körper und Verstand) kommen in Kontakt mit der Aussenwelt, das Bewusstsein entscheidet über die groben Empfindungen, das Unterbewusstsein steuert alle (auch die feinen) Empfindungen. Diese Empfindungen zeigen sich auf der Oberfläche des ganzen Körpers und haben eine Verbindung zu unserem Unterbewusstsein (Empfindungen sind ein Zeichen der Veränderung). Erst dann entsteht die Reaktion mit Wünschen, Verlangen, Ablehnung und schlussendlich die Aktion unseres Verstandes (Saṅkhāra). Die Aktion ist unser eigentliches Problem, da sie konditioniert ist, da sie aufgrund einer Kette von unterbewussten Ereignissen entsteht und schlussendlich zu dem führt, was die Buddhisten als „Leid“ definieren (Schlechte Gefühle, Unzufriedenheit, Süchte usw.). Um also diese automatisierte Aktion zu ändern, müssen wir lernen, wie unsere Empfindungen entstehen. Da setzen wir an.

Tag IIII

Zur Dhamma-Hall schlurfen. Kaum ins Kissen gesunken, flüchte ich bereits ungewollt. Mein Verstand geht streunen. Gecko-Männchen balzen lautstark um Gecko-Weibchen, einige Hunde bellen sich gegenseitig nieder. Ich bemerke, dass Michael nicht mehr aufgetaucht ist. Ich hatte vermutet, dass er es nicht schafft, nachdem er gestern Abend knapp zehn Minuten ein Stück Orange nach Anomalien in der atomaren Struktur abgesucht hat.

Ab heute gilt es täglich drei Meditationsblöcke ohne Positionsänderung zu überstehen. Goenka erwähnt nochmals die „persistence“, die Hartnäckigkeit nicht aufzugeben. Diese braucht es nun. Nach Tagen der Verstandschärfung und Beobachtung des Atems nehmen wir nun jedes Körperteil unter die Lupe, ohne dabei die Form oder Art der Empfindung zu erahnen. Stunden des Scannens von Kopf bis Fuss und wieder zurück, und wieder von vorn. Erstaunlich, dass !alle! Körperstellen sich melden, kommunizieren. Mit Prickeln, Jucken, Vibration, Puls, Wärme oder Kälte. Jemand, der sich der Technik nicht bewusst ist, wird dies nie wahrnehmen. Jetzt beginnt die Euphorie. Die Gewissheit, dass ich mich auf keinen Humbug oder Bauernfängerei eingelassen habe. Der Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi schrieb mehrere Bücher über diesen Zustand, den er als „the flow“ bezeichnete. Glücksgefühle sprudeln, Zweifel verfliegen. Ich weiss, dass ich fähig bin, das Ziel zu erreichen. Harmonie herrscht zwischen dem limbischen System, das die Emotionen steuert, und dem kortikalen System, zuständig für Bewusstsein und Verstand.

Tag IIII

Die Intensivmeditation lässt dem Verstand keine Gelegenheit mehr zum Wandern. Bin weder sonstwo auf der Welt, noch in der Zukunft oder der Vergangenheit. Bin hier. Inspektor Clouseau auf geheimer Ermittlung. Zuständig für die Abteilung „body language“ bei Scotland Yard. Ich entdecke laufend verborgene Vibrationen, was wiederum Glückseligkeit auslöst. Das Wichtigste jedoch, weder einer positiven Empfindung (meistens Kribbeln oder Vibration) noch einer Negativen (Schmerz) sollen wir ein Gefühl beimessen. Das Zauberwort heisst; „equanimity“, was wohl mit Gleichmut übersetzt werden kann. Nur kann ich den dummen Schmerz in meinen verkrümmten Oberschenkeln schlecht nicht hassen. Und andererseits habe ich kürzlich entdeckt, wie ich mittels einer Kette von Vibrationen einen Trancezustand erreichen kann, der den Kopf mit Glückshormonen zuflutet. Nie lag Marterpfahl und Wolkenspaziergang so nah beieinander.

Tag IIII I

Weitere zwölf Stunden Meditation stehen an. Ich mache Fortschritte. Trippe durch die Stunden. Bin so konzentriert dabei meine kribbelnden Empfindungen zu beobachten, dass ich nicht bemerke wie drei Mücken meinen halben Unterarm leergesaugen. Ab heute dürfen wir Neuen auswählen: Altbewährte Dhamma Hall oder Pagoda Cell, ein Ort der noch mehr Ruhe und Frieden verspricht. Klarer Fall, wir wollen in die Solo-Zelle, in die Hardcore-Isolation. Der Raum ist knapp 30 Kubikmeter klein, eine grünliche Glühbirne flackert. Einzig der bereitgelegte Fingernagel-Spreitzer und die siebenschwänzige Katze fehlen. Postskritpum: In einem Gefängnis in Alabama, USA gab es bereits Versuche die Sträflinge mit Vipassana zu unterrichten, damit diese nicht an ihrem Schicksal zerbrechen. Leonardo da Vinci bemerkte klug: „Die Zeit verweilt genug lange für jeden, der sie nutzen will“. Während Leonardo die Gunst der Stunde nutzen würde, um mit einer neuen Erfindung die Welt zu bereichern, halte ich nun jeden Tag ein verlängertes Mittagsschläfchen.

Tag IIII II

Ich ritze gedanklich eine Sieben in meine Zellenwand und strolche zur Dhamma Hall. Meditierten eigentlich Frauen anders als Männer? Erfolgreicher? Und der Beamte mit konstant ansteigender Pensionskasse, sieht er seine Probleme an einem anderen Ort als ich als arbeitsloser Vagabund? Der arme Burmese ohne grosse Zukunftsansprüche, was für Verlangen plagen ihn? Eines ist klar, Vipassana zeugt Optimisten, harte Arbeiter, eine Legion von Gutmenschen – Keine Schäfchen, die sich jeder Sensation blökend hingeben und gewissenlos mitmarschieren. Goenka quasselte gestern über Saat und Frucht, Ursache und Wirkung, gute Taten – gute Wirkung, schlechte Taten– schlechte Wirkung. Was für süsse Floskeln. Bei jeglicher Tat sei die Motivation dahinter wichtig. Schlechte Tat mit der richtigen Motivation? Kann man ja darüber reden.

Tag IIII III

„Start again. Start again.“ Ich nehme an, diese Worte waren Goenkas letzte. So träge kullern sie aus seinem Mund. Die Tage werden wieder länger, die Lust auf Welt jenseits der Mauern grösser. Vipassana ist als ob man ein Puzzle mit einer Billion Teile zusammensetzen müsste – Ein endloses Unterfangen und trotzdem kommt man mit jedem Teil ein Stück näher ans Ziel. Erst mit einem messerscharfen Verstand ist es möglich, den eigenen Körper mit dem „Free Flow“ zu beobachten. Eine Technik um die verstecktesten Empfindungen ausfindig zu machen. Ich entdecke sie heute. Mein Puls begleitet eine Art Welle von Kopf bis zu den Zehen, mein Verstand treibt sie an. Dabei achte ich darauf, keine Empfindungen zu erzwingen und wurden sie erfolgreich gelockt, dann null Interesse vorspielen. Gleichmut verdrängt die Empfindungen und somit alle Verlangen nachhaltig. Mein schwedischer Freund Siemeon Lindström schrieb einige Bücher über dieses Thema. Mit „Mindful Eating“ trifft er den Nagel auf den Kopf. Denn die Grundsätze von Vipassana können auch auf unsere Art der Nahrungsaufnahme angewendet werden. Den Verstand anstatt den Körper auf Diät setzen? Klingt doch logisch.

Tag IIII IIII

Kurz vor Mittag. Ein neues Highlight in meiner jungen Meditationskarriere. In Nepal hatte mich ein guter Freund und Vipassana-Veteran einmal darauf hingewiesen, das Schmerz gar nicht existiert. Zumindest nicht dort, wo er gefühlt wird. Schmerz entsteht im Kopf und wird dann auf die entsprechende Stelle projiziert. Auch Schmerz folgt den Naturgesetzen und ist somit vergänglich. Dann sollte es ja möglich sein, Schmerz abzuschalten. Ein Selbstversuch – Ich lokalisiere mehrere Minuten die Epizentren der satanischen Schmerzstellen an Rücken und Beine bis ich mir ganz sicher bin. Dann schmettere ich geduldig Salve um Salve von Gleichmut in darauf. Anicca, Anicca! Et voilà, die nächsten acht Stunden fühle ich keinerlei Schmerzen mehr, kann sogar zwei Stunden die selbe Position halten. Dafür habe ich einen schwereren Kopf.

Tag IIII IIII

Wie implementiere ich Vipassana im Alltag? Mit diesem Gedanken schlief ich gestern ein und wache heute wieder damit auf. Denn genau hier beisst sich ein Rudel Katzen hintereinander in den Schwanz. Goenka schlägt vor zwei Stunden täglich mit Vipassana anstatt mit Kollegen, Freundin, Familie oder Schlaf zu verbringen (eine morgens, eine abends). Dazu noch 30 Minuten Metta (Glücksmeditation). Das wird der Grund sein, wieso etliche Buddhisten lieber Essen an die Klöster liefern, Almosen an die Mönche abdrücken oder eine Kerze bei der Pagode anzünden. In Myanmar sind über 90 Prozent der Bevölkerung Buddhisten. Rund die Hälfte davon besucht einmal im Leben (bis hin zu jährlich) einen Vipassana-Kurs, davon bleiben einige übrig, die brav zwei Stunden täglich meditieren.

Letztes gemeinsames Sinnen. Noch einmal Empfindungen jagen. Seit heute Morgen fühle ich mich seltsam befreit, scanne Pore um Pore und finde kein Kribbeln mehr. Nichts. Alle Sinne arbeiten auf Hochtouren, trotzdem fühle mich leer, gelassen und bin zufrieden mit der Welt. Wie konnte das passieren? Full Body Resolution? Erleuchtung? Wieder bei den Nasenflügel anfangen? Lassen wir es gut sein. Rechtzeitig zu Myanmars historischen Wahlen lässt man uns ziehen.

3 Kommentare

  1. Mit grossem Interessen habe ich eben Deinen ausführlichen Bericht über Vipassana gelesen. Diese Lebenserfahrung ist wohl nur in dieser Form möglich. All die alltäglichen Unwichtigkeiten zu ignorieren und Ruhe zu finden, die unglaubliches zum Vorschein bringt, sich selbst so wahrnehmen zu lassen. Vielen Dank für Deinen Bericht über 10 Tage Meditation.

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