„Die Bewohner der Andamanen sind nicht besser als wilde Bestien. Sie alle haben die Kopfform, das Gesicht und die Zahnstellung eines Hundes. Ausgenommen ihrer eigener Rasse, essen jeden den sie fangen können.“ – So die Worte von Marco Polo nach etwas Sightseeing auf den Andamanen. Bis vor wenigen Dekaden wurde die indische Inselgruppe mit den verschiedensten Motiven besucht. Jagd auf Eingeborene für Sklavenmärkte, romantikrote Sonnenuntergänge an einsamen Sandstränden oder gezwungene Isolation hinter Stahlgittern. Als Grossbritannien Indien zu dessen Kronkolonie erklärte, endete das vielerorts in gemeinsames Kuchen essen. Anderswo in Säbelrasseln. Inseln waren für England schon immer praktisch um aufmüpfige Energie wegzuschiffen. Eine Win-Win-Situation? „Wir schicken dich auf eine Tropeninsel!“ Klingt doch besser als „Sibirien“. Die Sträflingskolonie Australien diente dem Königshaus mit über 162’000 gelösten Problemen als erfolgreiche Feldstudie. „Transportation“ (das englische Wort für Probleme wegschiffen) war Jahrhunderte lang hip. Also wurden die bislang ungenutzten Andamanen zum Verbannungsort für indische Revoluzzer und verdächtige Englandfeinde. Wer hierher kam, kam nicht mehr zurück. Bei der Volkszählung vor 70 Jahren waren ein Drittel aller Einwohner Sträflinge. Unter ihnen indische Helden wie der Freiheitskämpfer Veer Savarkar oder der hinduistische Mönch und Gelehrte Swami Vivekananda. Vivekananda sprach als erster Hindu vor dem Weltparlament der Religionen 1893 in Chicago. Nach Verkündigung Indiens Unabhängigkeit und der Gebietsteilung 1947 kam es zur Massenflucht von Hindus aus dem neuentstandenen Pakistan und Ostpakistan (heute Bangladesch). Viele davon wurden von der indischen Regierung auf den Andamanen angesiedelt. Zu Lasten der Ureinwohner. Von einst 8’000 „Negritos“ sind noch 500 übrig.

Die Wahl fiel nicht sonderlich schwer. Viele naturbelassene Inseln ohne gereihte Betonbuckel liegen nicht auf meinem Weg nach Thailand. Neben den Andamanden und den Nikobaren gäbe es noch Sentinel Island, auch liebevoll „Todesinsel“ genannt. Jede Zehe, die sich der atemberaubenden Flora nähert, verdient einen Pfeil. Sogar indische Hubschrauber, die nach dem zerstörerischen Tsunami 2004 Essen liefern wollten – Pfeilhagel. Aufgrund diverser Vorfälle (vor allem in Kombination mit Pfeilen), hat die indische Regierung weitere Annäherungsversuche von der Agenda gestrichen. Zugegeben, die Andamanen sind weniger abenteuerlich. Hier besteht lediglich die Gefahr, von einer fallenden Kokosnuss getötet zu werden. Berauschendes Nichtstun. Kein Ort um sich fassweise mit Sangria zu betrinken, zu schunkeln, oder Scheine in knappe Höschen zu stecken. Dafür hat Indien Goa.

Port Blair, Neil, Little Andaman, Havelock (alias Klein-Israel) und knapp 500 kleinere Sandhaufen bilden zusammen die Andamanen. Ich fokussiere Havelock, da nicht zu voll, nicht zu einsam. Für 6 Dollar die Nacht gibt es bereits Bretterverhaue ohne jeglichen Komfort, dafür Blick auf kristallklares Wasser und weissen Sand. Kreativ getauft auf „Strand Nummer 5“. Strand Nummer 7 wurde von einer bestechlichen Institution einst zum schönsten Strand Asiens erkoren. Pünktlich mit der Flut kommt auch der Müll. Müll vom Festland, Müll von Port Blair, sogar Müll aus Thailand. Nicht weiter tragisch, denn diese Tage ist der Strand aufgrund Krokodilbesuch geschlossen. Shalom – Irgendwie kommt es, dass Havelock von Israelis überrannt wird. Selbst die Israelis sind verdutzt. Alle Menüs wurden vorsorglich auf hebräisch übersetzt. Auch das hat seinen Reiz. So lerne ich mehr über die Massenwanderungen „Alijas“, jüdischen Volksstolz, israelische Katastrophenhilfe und das ultimative (C)hummus Rezept.

Heute hat Ganesha Geburtstag. Nein, kein indischer Freund. Die Gottheit mit dem Elefantenkopf. In jeder Ritze feiert Hindu-Indien das „Ganesh Chaturthi“. Während ein Brahmane die Bescherung an den Rüsselgott weitergibt und dabei wacker sein Kerzlein schwenkt, schnappe ich mir Maha. Er steht etwas einsam neben dem kitschig geschmückten Altar. „Ganesha gilt als Verkörperung von Weisheit, Glück und Erfolg“, murmelt er- so findet kein Handgriff ohne seinen erschmeichelten Beistand statt. Eine gute Gelegenheit um Freundschaften zu erneuern, Feindschaften beiseite zu legen und seine Liebsten zu besuchen. Kinder kneten vierarmige Elefantenfiguren aus Tonerde. Die Eltern basteln Statuen und wer in der indischen Metropole Mumbai lebt, partizipiert an haushohen Skulpturen. Maha lädt mich ein, er und seine Sippe werden ebenfalls Ganesha im Ozean versenken. Damit die Gottheit cool bleibt. Sollte der Welt Übles widerfahren, kann Ganesha jederzeit eingreifen, das Schlimmste verhindern. Und zwar cool. Mein Job ist es, Eis für das beflügelnde Bhang zu besorgen (Bhang; das heilige Gesöff Shivas – eine Cannabis basierende bräunliche Tunke). Maha hat für uns ein ganzes Fass angerührt. Mir wurde verschwiegen, dass der einzige Ort für Eis, die Eisfabrik ist. Ein rostiger Kranen fischt mir einen 50 Kilo-Klotz aus dem Kühlfach. Kleiner gehe nicht. Auf dem Festland versteckt die Tamil Nadu Mafia ihre Leichen in solchen Gefrier-Bottichen. Solange bis der Fall „Verschwunden“ verjährt ist. Ihre Exekutive besteht meistens aus unmündigen 16-17 Jährigen. Die sind einfach zu rekrutieren, töten gewissenloser und werden nicht sonderlich hart bestraft. Als ich mit dem Eisberg zurückkomme, werden Holi-Schreie laut. Kurz darauf fliegen etliche Salben Farbpuder. Ganesha macht sich auf den Weg. Mit ihm, Maha und ungefähr 15 anderen Indern (deren Namen mir dank Bhang nicht lange bleiben) sitze ich auf der Lade eines Kleinlasters. Maha hat vergessen eine Bewilligung zu besorgen, so wird unsere Fahrt von einer Garde Polizisten begleitet. Wir packen klebrige Snacks in korrigierte Hausaufgabenbücher ab. Einige trommeln auf Blechschüsseln. Andere schreien die Huldigung. Jeder Dorfbewohner entlang dem Weg wird aus den Häuschen gescheucht und persönlich mit Süssem beschenkt. Für die sechs Kilometer haben wir sechs Stunden. Ozean. Unter dem Jubel der lilagelb gemusterten Bande, einigen wirr gurgelnden Frauen und den 8 spähenden Polizisten wird die Statue im Ozean versenkt.

Zur Bildgalerie der Andamanen

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