Im Süden seien sie entwickelt, haben „Sadhana“ (Disziplin), sülzt Sunil vom Sitz neben mir. Wir trödeln nach Cochin. Am Wegrand schielt ein Armada von Werbeplakaten nach angehenden Mercedes-Fahrern oder Käufern für Nobelvillen, um den bereits vorhandenen Mercedes adäquat zu parken. Im indischen Bundesstaat Kerala braucht man sich weniger um Dellen in seiner Luxuskarrosse zu sorgen, denn es gibt Verkehrssignale. Intakte Verkehrssignale mit roten und grünen Lichtern. Neun von zehn Menschen können sogar die warnenden Buchstaben dechiffrieren und wissen somit, dass Busse droht, sollten Regeln nicht beachtet werden. Erschreckend, dass die Unfallquote trotzdem viel höher ist verglichen mit Indiens Chaos-Metropolen. Dort wo das Recht des Stärkeren, des Mutigeren herrscht. Ferien für meine ramponierte Lungen. Keine Gebirgsketten von Kohlenmonoxyd und Schwefeldioxyd schwirren hier durch die Luft. Kerala lässt seine Bewohner durchschnittlich zehn Jahre länger überleben als die restlichen Gefilde Indiens. Der Süden Indiens zählt zu den grössten Software-Exporteuren des Landes. Jeder dritte Software-Ingenieur kommt aus Indien. Telekommunikations- und Callcenter wimmeln. Outsourcing-Unternehmen wie www.yourmaninindia.com freuen sich grosser Beliebtheit. Ein Geschenk besorgen, ein Ticket buchen, eine Autoversicherung verjubeln? Es ist längst bekannt, dass jeder westliche Handgriff in indischen Fingern genau so gut und dabei 90 Prozent günstiger aufgehoben ist. Auch unproduktive Nächte können kompensiert werden. Greift Europa zur Schlafmütze, wuselt Indien. Findet sich nach dem Studium kein Job in der hiesigen Tech-Gemeinschaft, arbeitet und wohnt man auf Zeit im Ausland, vorzugsweise in den arabischen Staaten. Yallah, yallah. Unternehmer in Kerala haben es derweilen schwieriger. Jeder, der brav Einkommenssteuer zahlt, wird „beobachtet“. Aufstrebende Brotherren erhalten ominösen Besuch und werden um „Politische Spenden“ gebeten. Solche Spendengelder sind natürlich absolut freiwillig. Verweigern wird jedoch mit neuen Spielregeln, angezettelten Streiks oder schlechtem Leumund bestraft.

Muffige Hitze. Die goldorange Sonne setzt sich hinter das arabische Meer. Heute pendelt keine Fähre zum historischen Stadtteil Fort Kochi, die ist gestern inklusive elf armen Teufeln gesunken. In zwei geteilt durch ein Fischerboot. Dass der betrunkene Baiju für das Steuern seiner Schaluppe keine Lizenz hatte, verwundert kaum. In Indien sind gefälschte Heiratsurkunden, Diplome und auch Führerausweise via Web erhältlich – ergo Indien-Alltag. Ernüchternd ist hingegen die nicht publizierte Meldung, dass die Nichtschwimmer beim Benzin trinken und sterben wacker gefilmt wurden (unter anderem von der Rettungswacht). Zumindest sind (noch) keine Selfies mit Ertrinkenden aufgetaucht.

Kerala wurde aufgrund des Seehandels über die Jahrtausende zu einem Mischmasch verschiedenster Kulturen. Zuerst kamen die Araber auf Besuch, dann die Chinesen, dann die Portugiesen, dann die Holländer, dann die Engländer. Letztere liessen die Bibel da. Stolz präsentiert mir James seinen Kreuzanhänger. Der konvertierte Hindu motiviert mich, mit ihm eine der vielen Prunkkirchen zu begutachten. Marmor spiegelt, flackernde Lichterketten zieren, per Lautsprechertürmen werden preisende Worte in die Welt geschleudert. Knapp 33 Millionen christliche Keralesen hören mittlerweile hin. Rammelvolle Kirchlein lauern hinter jeder Kokospalme. Das „big business“ mit dem Herz. Wer nicht betet, schreibt sich ein zur Sinnes-Reha und überweist hohe Beträge. Zahlreiche Gurus gründeten im Süden ihren Aschram und offerieren Seelenreinigung und spirituelle Weiterbildung. Der bekannteste Aschram gehört Mata Amritanandamayi, lieblich „Mutter“ genannt. Mata’s Markenzeichen sind „darshans“ (Umarmungen). Jeder der nachfragt, wird einmal geknuddelt. Anfangs knuddelte sie an drei Tagen die Woche, heute besteht ihr Tag praktisch nur noch aus Umarmungen. Für ihre Zärtlichkeit werden Nummern ausgegeben und Amma umarmt so lange, bis jeder dran war. Pure Nächstenliebe? Je nachdem, wen ich auf die Mutter anspreche, ist sie Heilige oder Mafiaoberhaupt.

Glücklicher Morgen. Die Fischer von Fort Kochi zwirbeln die chinesischen Fischernetze über portugiesische Holzkonstrukte. Leben erwacht. Arafat übergibt mir seine Royal Enfield – eine Woche verchromtes Metall und Gummi reiten. Die Erwartungen sind hoch, denn in ganz Kerala wird derzeit das Oman Festival gefeiert. Traditionell zelebrieren die Einwohner Keralas das indische Erntedankfest in Erinnerung an König Mahabali, unter dessen Herrschaft die Keralesen glücklich und zufrieden lebten. Nach hinduistischer Mythologie war Malahabali so wohlwollend, dass sogar die Gottheit Vishnu vor Neid erblasste. (Vishnu, der eigentlich alles Gute auf der Welt beschützen soll.) Mit einer List verbannte Vishnu den König in die Unterwelt. Einmal im Jahr sei es ihm jedoch gestattet, einen Blick nach oben zu erhaschen, mitzuerleben wie Kerala sich auftakelt und feiert. Ihm zu Ehren. Üppiger Auftakt in Kakkand. Rund 10’000 Gratisessen verteilt das Komitee täglich. Das spricht sich herum. Die Menschenschlange erinnert an eine Autogrammstunde von Christiano Ronaldo. Dass Lebenszeit raubendes Anstehen keiner meiner Stärken entspricht, fällt auch den Einheimischen auf. Prompt werde ich durch die Hintertür geschoben. Auf Bananenblättern wird à discrétion Sadya serviert, das typisch keralesische Reisgericht. Gut gemästet flitze ich über die !Route 66! (haaaa, doch noch mit einem Bike auf der Route 66) zum Sree Narayana Jayanthi, dem kurligen Bootrennen in Kumarakom. Nithin fängt mich ab. Wer sich in sein Nest verläuft, müsse genauer inspiziert werden. Umgeben von Kokosnusspalmen und Bananenstauden kauert das Häuschen seiner Familie. Fünf Leute teilen sich die knapp 50 Quadratmeter. Mit hochgezogenen Mundwinkeln führt mich seine Mutter in die kleine Küche (alias Schlafraum, alias Stube) und serviert alles, was gut und kostbar ist. Atithi devo Bhava! Gastfreundschaft, dafür hat Indien ein Copyright. Viele der mir vorgestellten Dorfbewohner sind bereits hackevoll. Interessant, denn hochprozentiger Alkohol ist im indischen Bundesstaat Kerala nur über staatliche Schnapsläden erhältlich (gut erkennbar an stauenden Keralesen vor vergitterten Schuppen). Das schürt Kreativität! Die Leute ziehen sich zum gären von Kokosnussschnaps in die Wälder zurück. Ein fieses Gebräu, dass jegliche kognitiven Fähigkeiten schröpft. Auch Keralas Bischöfe liefen vor einem Jahr Sturm – ihr Messwein fiel unter das neue Gesetz der Regierung, dass hochprozentigen Alkohol innert wenigen Jahren ausrotten sollte. Schiff ahoi! Nithin organisiert uns ein „Schlangenboot“. Je nach Länge fassen die südindischen Boote bis zu hundert enthusiastische Ruderer. Wir bringen es auf zwanzig willkürlich paddelnde Trunkenbolde.

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Pulikali – Tigertanz in Thrissur. Was für ein unverschämtes Glück, bevor die Parade unter dem Jubel zehntausender Schaulustiger beginnt, führt mich Raju zum Body Painting. Mit viel Ausdauer werden Glieder und vor allem Bäuche bepinselt. Minimal hundert Kilo und ein männlicher Busen sind Pflicht, denn auf einem durchtrainierten Adonis wirkt kein Tigergesicht. Ich frage nach, bin erstaunt wieso es hier mit der Gleichberechtigung harzt. Viele Tiger sind der Meinung, dass indische Frauen mit Saris besser aussehen als ohne – europäische Frauen seien jedoch höchst willkommen. Fertig getrocknet, werden die Tiger, Leoparden und Panter auf die Strasse gescheucht um zu schwabbeln, zu fauchen und zu tänzeln.

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Via Athirapally Falls (die Niagara Fälle Indiens, blufft die lausige Marketingabteilung Keralas) will ich nach Valparai im Bundesstaat Tamil Nadu. Endstation Schranke, denn ab vier Uhr nachmittags lässt die Parkwacht kein Zweirad mehr passieren. Zu Gefährlich, wird mir erklärt. Tiger sind auf Beutezug und Elefanten rammen alles was entgegenkommt. Also ausharren und den nächsten Tag abwarten. Haarige Kurven züngeln durch neongrüne Teeplantagen nach Valparai. Niemand fällt bei der Ankunft in Ekstase, wie überall in Indien liegt das Malerische, das Bezaubernde vor und nach dem Knäuel von Betonbunkern. Kokosplantagen säumen die Schlaufe zurück nach Kerala. Im Akkord werden die Nüsse aufgeschlagen und zum trocknen ausgelegt. Nahrung, Baumaterial für Hütten, Alkohol, Brennstoff und Kosmetik – eine wichtige Rohstoffquelle für Kerala; notabene das Land der Kokospalmen. „Trallalla, wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokosnuss, wer hat die Kokosnuss geklaut??“ Ja, auch hier jagen Affen durch den Wald, nur scheinen diese haarigen Diebe mehr an den Unterhosen in meinem Rucksack interessiert. Ein nächster Schritt in der Evolution?

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Alleppey. Über 1’500 Kilometer ausgefeiltes Kanalsystem, endlose Reisfelder, Selbstversorger – pittoreske „Backwaters“. Nachdem der Preis für die keralesische Leichtigkeit im Vergleich zu Stempeluhren in Europa bis in die späte Nacht diskutiert wurde, vertraut mir Antony für einige Tage sein Kayak an. Grundsätzlich spricht nichts gegen luxuriöse Hausboote mit Rattan-Glasur und Sternekoch, die das indische Venedig via Wasser-Highway durchfräsen. Ich will Slow-Motion und Lupe. Eine günstigere und nachhaltige Lösung, denn die langsam fliessenden Kanäle sind einer zunehmenden Verschmutzung durch Agrochemikalien, industriellen Abwasser, Müll und Fäkalien ausgesetzt. Fazit; Krokodile und Fische sind genau so rar wie ein westliches Gesicht in einem einsamen Kajak. Manisch wird geglubscht und charmant mit dem Kopf gewippt. Bereits nach wenigen Stunden Gepaddel werde ich von Reisbauern zu selbstgebranntem Kokosschnaps und frisch marinierten Muscheln gerufen. Reis gedeiht nur in Süsswasser, daher wurden !von Hand! Absperrungen mit Dreck aus den Backwaters gebastelt um das salzige Nass fernzuhalten. Reisfelder unterhalb des Meeresspiegels? Clever! So clever, dass sogar die Weltmeister im Land-vom-Meer-stehlen von Holland für eine Inspektion anreisten. Weiter paddeln, beobachten. Ein Kleinboot-Kapitän verscherbelt Tupperware ans Festland, Hausfrauen klatschen Wäsche an Steinen trocken, Postboote flitzen, Schulkinder werden per Wassertaxi in die Bildungshorte geschaukelt. – Ein Moment fürs Langzeitgedächnis.

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