Bahnhof New Jalpaiguri, Siliguri Westbengalen. Der „Northeast Superfast-Express“ hat zuerst 3, dann 5, dann 11 Stunden Verspätung. Man nimmt es gelassen. Plastikblachen und Decken wurden vorsorglich mitgebracht. Gebettete Inder, Flöhe reitende Hunde und Ratten teilen sich den Bahnsteig. Diverse Augen fallen auf mich. Wie ein Leuchtturm ziehe ich an, was wenig hat. Plärrende Babies werden mir entgegengestreckt, symbolisch Bäuche gestreichelt. Ein Einäugiger geht noch einen Schritt weiter; er hält mir eine Zeitung mit schick gekleideten Hollywoodstars unter die Nase. So einer bin ich doch. Einer, der dicke Kohle anschafft und aus der Limousine steigt. In meiner Freizeit tarne ich mich dann als Rucksacktourist und lungere um vier Uhr morgens an indischen Bahnhöfen.

Zwei Drittel der Passagiere haben wohl ihre bittermüden Spätzusteiger vergessen, sie beginnen ihren Tag ausgeruht um sieben Uhr morgens. Fütterungs- und Entertainmentzeit. Samosa-Männer, gefolgt von Chai-Jungen, gefolgt von Apfel-Frauen, gefolgt von einer musikalischen Rasselbande huschen durch den Gang. Wieder zurück. Und wieder von vorn. Benommen äuge ich auf Bihar, den ärmsten Bundesstaat Indiens. Bis vor kurzem regierte ihn eine Analphabetin. 17 Stunden später, eintrudeln in Varanasis Verkehrsmoloch Mughal Sarai. Hier zeigt sich Indien von seiner hässlichsten Seite. Eingelullt in den Dieselwolken der Lastwagenkolonie wartet mein Tuktukfahrer die nächsten freien Millimeter ab. Präventiv wird alles angehupt was Räder hat (auch Dampfwalzen und kleine Mädchen auf Velos). Motorisierte Feinde. Überall. Deserteure retten sich an den Strassenrand. Wo die Bretterbudenbesitzer zur Stärkung Staubböen frittieren.

Varanasi – die heilige Stadt Shivas. Kühe stolpern über Müllberge und verstopfen die engen Gassen. Schlepper lungern, greifen nach jedem, der weder Bett noch Opium hat. Trilliarden von „Pullern“ (Rikscha-Fahrern) offerieren ihre Dienste. Seidenfabriken und deren Boten spriessen aus jedem Loch. Man darf keinem böse sein, jeder muss irgendwie überleben. Industrie gibt es so gut wie keine, so verdingen sich die meisten (auch diejenigen mit Universitätsabschluss) einer einfachen Arbeit. Die Konkurrenz wächst rasant. Heute gibt es wieder knapp 45’000 Inder mehr als gestern. Trotz allem, Varanasi darf als romantisch bezeichnet werden. Indisch romantisch. Verschlungene Weglein, Kellerlöcher aus denen ihre Besitzer empor schielen und natürlich der „Ganga“. Scharenweise strömen Hinduisten aus dem ganzen Land zu den Ghats, den Treppen am Ufer des Ganges. Um ihre Leiber in das sämig braune Wasser zu tunken (Masochisten trinken es), um sich den Sünden zu entledigen. Ein Blick auf Farbe und Konsistenz des Wassers lässt erahnen, dass Hindustan einiges zu beichten hat. Nicht nur Sünden werden in den heiligen Fluss getaucht, auch die Toten werden hier versenkt. Täglich.

Indien ist sich dem Problem der desaströsen Umweltverschmutzung bewusst. Knapp zehn Milliarden kostet die kürzlich verkündete Vision „Clean India“ . Innert nur fünf Jahren soll die öffentliche „Stuhlentleerung“ eleminiert, Müll bearbeitet und recycelt, sowie ein neues Hygienebewusstsein in die Köpfe gezaubert werden. Zurück in der Realität. Die Politiker haben ausgebeulte Hosentaschen und Indien wuselt unbedacht weiter. Ich verweile an einem der über tausend Paan-Shops. „Namaffffte, urglurglurgl-oranger Sabber-urglurggur!“ Endlich Werbung die ankommt. Der Verkäufer meint, wenn ich zersetztes Zahnfleisch haben und vor mich hergurgeln will, dann soll ich sofort zuschlagen und Betel kauen. Ich schlage zu und spucke noch eine Stunde später orange Brühe.

Buntes treiben in den Strassen. Sekundenbruchteile reichen um Millimeter gutzumachen, nach vorne zu preschen, Haken zu schlagen, auszuweichen. Weder acht Augen noch ein schwenkbarer Eulenkopf reichen aus um den drohenden Gefahren gerecht zu werden. Neulinge sind schnell erkennbar. Sie blicken verstört auf all diejenigen, die das Chaos-Gen besitzen, setzen an, kauern zurück, warten bedrückt bis ganz Indien an ihnen vorbeifährt. Ich kann es keinem verdenken. Hier würden sie weder für Shiva, den Papst oder den Dalai Lama halten. Nur wer sich mit Kampfrollen und Hechtsprüngen auskennt, erreicht unverletzt sein Bett. Varanasi könnte auch das Forschungslabor für Hupen sein. Nur wer ein gedankenpulverisierende Sirene hat oder kontinuierlich auf die Hupe drückt, pflügt die Strasse effizient. Mit Aleika (syn. der Ruhige, haaa) jage ich nach Sarnath. Ein heiliger Ort. Ein gemütlicher Ort. Ein Ort wo es noch innerhalb der Zäune noch Grasflächen gibt. Nach seiner Erleuchtung verkündete Buddha hier 525 v. Chr. die „Vier Edlen Wahrheiten“. Einige Steine blieben übrig. Im Hintergrund kreist ein Riesenrad.

Ich habe Glück, meinem Gastgeber ist weltklug und notabene der einzige indische Atheist, den ich bisher getroffen habe. Dada hat es nicht einfach in Varanasi, kaum Freunde umgeben ihn. Auch er predigt „meism“. Der Glaube an das eigene Können, das eigene Schaffen. Varanasi ist nicht nur ein Pilgerort für Hinduisten sondern auch eine gute Geldquelle für all die Babas und Sadhus. Grinsend winken sie mir täglich zu, ich solle doch ein tolles Foto von ihrem angepinselten Körper machen – nur ein Dollar. Grinsend winke ich zurück. Sich selbst auf den Gottespodest hieven und sich von der Gesellschaft durchfüttern lassen? Eine etwas asoziale Attitüde. Mit Shiva als Vorbild streben die Sadhus nach Erlösung aus dem Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt. Trotz all den spirituellen Differenzen fühle ich mich irgendwie hingezogen zu den Gepinselten. Sadhus sind heimatlos und halten sich nie lange an einem Ort auf. Ihr Glaube besagt, dass ewige Bewegung Körper und Geist wach hält. Also wandern sie. Es muss an meiner plumpen Improvisation liegen, dass sich keiner Mutiger findet, der mir einen Einblick in die bizarre „Schnidelakrobatik“ geben will. Mittels unvergleichbarer Körperbeherrschung und einem Stock wird der Penis zu einem flachen Fleischlappen gerollt. Wer keinen Schnidel rollt, kann es auch mit jahrzehntelangem Stehen oder Arm in die Luft halten versuchen. Auch modisch. Etwas abgedriftet agieren hingegen die Aghori. Eine radikale, religiöse Gemeinschaft, die zur inneren Reinigung gerne hin und wieder Leichenfleisch knabbert.

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