Per Rikscha über die Grenze nach Indien. Kurzes Unterfangen, keine Kofferkontrolle, kein Fummeln, ein Stempel, ein Handschlag. „Welcome back, sir!“ Nach zwei intensiven Monaten in Nepal schweift ein weinerlicher Blick auf die andere Seite der Brücke. Selten habe ich so viel gelernt. Über die Facetten eines Entwicklungslandes, über Nächstenliebe, über meine Leistungsgrenzen.

Manesh steuert zum Tee-Mekka Darjeeling. Alles flüchtet. Gänsefamilien, Kinderduos auf Velos, bucklige Grossväter mit Handkarren, sogar mein Gepäck rettet sich vom Dach des Jeeps. Indischer Schweiss durchströmt das Wageninnere. Hisey Lama wirft ein entspanntes Auge auf mich. Jegliche Probleme solle ich dem Erleuchteten melden, sein Kloster habe stets Platz für rastlose Seelen wie mich. Da ich auf dem Weg in einen Kurort für reiche Inder aus Neu-Delhi bin, notiere ich vorsorglich seine Nummer. Heute ist Samstag, der 15. August, Indiens wichtigster Tag. Unabhängigkeitstag. Vor genau 69 Jahren kappte Hindu-Chef Mahatma Gandhi gewaltlos die Ketten vom britischen Königshaus. Premierminister Narendra Modi spricht über die Situation im Land. Modi weiss was seine 1,3 Milliarden Mäuler wollen. So verspricht der Sohn eines Teestandbesitzers die korrupten Termiten auszuräuchern, die „Team-Indien“ wegfressen – keine Toleranz mehr gegenüber dem Kastensystem. Bank- und Versicherungslösungen für die Armen will er herbeizaubern. Mehr Start-ups, mehr Produktivität in der Agrarwirtschaft, mehr Schutz für die Bauern Indiens! Weise Forderungen eines schnittigen Teufelskerls, der selbst von ganz unten kommt. Der Schein mag trügen, Modis Wahlkampf war der teuerste, den das Land je gesehen hat. Leute aus seinem Heimatsstaat Gujarat meinten einst zu mir; „Modi ist gut in Photoshop“. So bleibt Indien vorerst eine Hightech-Macht, die Satelliten ins Weltall schickt und nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung mit Elektrizität versorgen kann. Bauern warten weiterhin geduldig auf etwas mehr Wohlstand, denn leider sind Atombomben nicht essbar.

Nach der Live-Übertragung widmet sich Darjeeling den Festivitäten; Parade, Spalier, Tänzchen, Pauken und Trompeten. Stramm stehen die Gurkhas mit Blick auf den hiesigen Minister. Die nepalesische Ethnie ist für den Glanz der Region verantwortlich. Die Fakten sind schnell erklärt. Als die British East India Company kam um Handel zu erzwingen und nebenbei Hindu-Indien vor den mäuchelnden Moslems zu schüzten, fanden sie in Darjeeling das ideales Klima für den Teeanbau. Nepalesische Gurkhas wurden angesiedelt um die Plantagen zu bemuttern. Um die 80 verschiedene Plantagen reihen sich heute in Darjeeling. Die meisten Felder werden nach dem biodynamischen Prinzip kultiviert (eine kontroverse Erfindung von Rudolf Steiner). Im biologischen Anbau dürfen maximal zwei chemische Stoffe eingesetzt werden. Die Biodynamik verzichtet wiederum ganz auf Chemie, konsultiert dafür den Mondkalender als natürliches Düngemittel.

Tea Time! Drei Minuten Ziehen lassen, auf 60 Grad abkühlen, den kleinen Finger abspreizen, Mund spitzen und gezielt einschlürfen. Um das Aroma bestmöglichst aus dem getrockneten Blattwerk zu kitzeln, haben Mathematiker keine Mühe gescheut und eine Formel kreiert. Wie nützlich!

Formel Teezubereitung

Dass Schwarztee aus Darjeeling zum exklusivsten Gebräu überhaupt gehört, haben längst auch clevere Teepiraten begriffen. So werden weltweit jedes Jahr um 40’000 Tonnen Tee als „Darjeeling-Tee“ verkauft, während lediglich circa 10’000 Tonnen produziert werden.

Streunen. Glückliche Hünchen tippeln mit mir durch die verschlungenen Gassen, Wellblechbuden offerieren Allerlei, Unterhosen trocknen entlang dem Wegrand, hartgesottene Frauen zupfen Teeblätter im Akkord – immer zwei Blätter plus eine Knospe. Eine idyllische Gegend. Die Architektur verrät; hier trifft Ost auf West. Unter dem typisch indischen Bauchaos tummeln sich Uhrtürme, Herrenhäuser und Kirchen. Ja – sogar einige Kirchen. Die Christenschmiede hat in Darjeeling ganze Arbeit geleistet – ein Viertel aller Buddhisten und Hinduisten wurde bereits konvertiert. So auch Bashant, der mit Stolz ein „I love Jesus T-Shirt“ trägt. Er warnt mich eindringlich nicht weiter hinunter zu laufen. Nicht weit entfernt hat gestern ein Leopard seinen Hund gefressen.

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