Wie Vorstellungen und Tatsachen auseinander liegen. Ein Einblick in eines der kulturell vielseitigsten und schönsten Reiseländer. Zu einer Zeit in der sich Nepal neu erfindet und dabei laufend zurückgeworfen wird. Von seiner launischen Natur, einem korrupten Regierungsapparat und negativer Reportage.

Wenn nicht gerade Erdbeben oder Erdrutsche das Land erschüttern, dann wird demonstriert. Mit Unruhen und Ausgangssperren muss gerechnet werden. Die Sicherheitskräfte haben die Erlaubnis, auf Personen zu schiessen, welche die Ausgangssperren nicht beachten. Nach wie vor liegen Blindgänger herum, viele Wanderrouten sind äusserst gefährlich und müssen zwingend mit Führer begangen werden. Bewaffnete Raubüberfälle in der Hauptstadt Kathmandu nehmen zu. (Eigene Zusammenfassung aus der Seite des EDA, Eidgenössisches Departement für auswertige Angelegenheiten.)


Drei Zentimeter ist der Mount Everest verrückt. Ein medialer Hammerschlag! Sogar der grösste Stein der Welt wackelt. Das nepalifizierte Publikum bleibt geschockt. Nepal ist kaputt, “finish”, wie einige Inder mir gegenüber meinen. Wieso nicht in Leh, Ladakh bleiben, oder woanders hinreisen, wo es sicher ist.

Kathmandu, Nepal. Ich spuke als einziger Gast durch Saputs Hotel. Seine rechte Hand wühlt im abendlichen Dal Bhat. Die andere gestikuliert fleissig. Er und seine Hotelier-Kumpanen sind betrübt. Touristen bleiben aus, sagen laufend zukünftige Buchungen ab. Zwei Mitarbeiter musste er bereits abbauen. Der Reiseberater, der seinen Kunden Baracken und traurige Gesichter vorschlägt, muss wohl zuerst noch erfunden werden. Massenmedien weltweit zeigen beherzt Kaputtes. Die zerfallenen Dreck-Steinkompositionen, zerbröseltes Weltkulturerbe und natürlich die vielen Verwundeten. Den Trotzigen wunderts; die Berge stehen, Kathmandu steht, Nepal steht. Was nicht steht, sind einige Häuser fern ab vom Tourismus und das Vertrauen der Nepalesen in die eigene Regierung. Nepals Ministerpräsident Sushil Koirala meldete kurz nach dem Erdbeben, dass jede Spende über seinen Katastrophen-Hilfsgüter-Fond zu laufen hat. Alles andere sei illegal. Nach der dicken Überweisung der Weltbank und den gesammelten Batzen eifriger NGO’s dürften es mittlerweile an die 500 Millionen Dollar sein. Ein lukrativer Betrag für all die Betroffenen. Wenn er ankommen würde. Eine „saubere“ Verfassung hat Nepal (noch) nicht. Kein Nepalese weiss, wie das Geld genau investiert wird”. Nepals Regierung hat bekanntlich sehr schmierige Finger und grosse Hosentaschen (aktueller Beweis ist die beherzte Besteuerung auf Hilfsgüter oder die Preiserhöhung für die Unterkünfte der Entwicklungshelfer). Aufgrund des rigorosen Kastenwesens, werden viele Aufträge nicht ordentlich ausgeschrieben, sondern innerhalb der Sippe (Kaste der Brahmanen) verteilt. Politiker kommen, bleiben ein Jahr und verschwinden wieder – mit ihnen etliche Rupien. Ein monströser 782 Millionen Dollar Kredit der Weltbank ist innerhalb der letzten fünf Jahren versickert. Seit acht Jahren schleppt sich die Ex-Monarchie in eine träge Demokratie mit weit über 150 Parteien und unzähligen Profiteuren.

Die Mittleidsindustrie liebäugelt schon lange mit dem unterentwickelten Nepal. Knapp 70’000 Hilfsorganisationen sind in Nepal registriert. Und nochmals so viele tummeln sich hier ohne Registrierung. Nepal war das erste Land, in dem die Schweiz zunächst private Entwicklungshilfe leistete (Bergtourismus, Käseproduktion, Bau von Strassen sowie tausende Hängebrücken) und eigens dafür 1955 Helvetas gründete. Zu entwickeln gibt es ordentlich. unberechenbare Natur, boomender Menschenhandel, ungerechte Verteilung. Rund die Hälfte aller Nepalesen schleift sich mit einem Dollar pro Tag über die Runden. Die andere Hälfte sei offiziell gesehen arbeitslos, schreibt die lokale Zeitung. Schreiben sie, meinen aber, dass 50 Prozent keinen Arbeitsvertrag haben oder gar sowas Undankbares wie Steuern zahlen. Ein Blitzlicht aus dem Tagesgeschehen – Auf dem Weg zur Poststelle werde ich von einer Gruppe fliegender Mangohändler beschattet. Mein Postpaket begünstigt neben dem offiziellen Abstempler auch eine Näherin und einen buckeligen Mann mit heissem Wachs. An meinen bevorzugten Essständen haben sie noch nie etwas von einer Quittung gehört. Bis das Entwicklungsland in die Mitte aufschliesst, bleibt ein poröser Weg. Und trotzdem – die Nepalesen lächeln. Man fühlt sich gut aufgehoben, willkommen. „Lächeln ist ein Instrument zum überleben“, meint die Chilenin Magalay zu mir. Sie weiss wovon sie redet. Ihr Bruder ist unter Augusto Pinochet Militärdiktatur spurlos verschwunden – wie so viele vom Widerstand. Die Menschenrechtsaktivistin hatte Glück, sie wurde 1973 nur exiliert. Weggeschifft mit 249’000 anderen Störenfrieden. Heute stört sie in Nepal.

Ich gewöhne mich schnell an die quicklebendige Hauptstadt. In seinem Kern – Thamel, der Hort für Bergsteigerutensilien, interkontinentales Ambiente und Reklameschilder. An das Abschotten aller Atemwege sobald wieder eine dunkle Abgaswolke droht. An das abendliche Jaulkonzert der Strassenhunde (schonungslos sind vor allem die Hochtöner und Revierbosse). Auch an das Zickzack laufen um nicht Opfer einer Handrikscha, eines klapprigen Kleinwagentaxis oder eines Dealers zu werden. Kathmandu platzt schamlos in alle Richtungen. Wer hierher kommt, will bald wieder raus. Raus in Nepals atemberaubende Natur. In den südlich gelegenen Dschungel oder den bergigen Norden. Ich plane in die nächsten Schritte im „Entwicklungshelfer-Hauptquartier“ – ein unscheinbares Kaffeehaus. Mir gegenüber sitzen zwei in rot-gelb gekleidete Mönche. Sie fingern fleissig über diverse Tastaturen. Ja auch der Buddhismus ist im 21. Jahrhundert angekommen. Mönche sind mobil, trinken Espresso und fahren Motorrad. Ich bemerke, dass ich die beiden immer noch nach gängigen Vorurteilen betrachte; Mysteriöse Geistliche, lebensklug und ausgeglichen, auf ewig dem Orden verschrieben. Zu verwegen scheint der Gedanke an ausgebrannte Bürohengste, Ex-Verbrecher oder faule Teenager unter der Mönchsrobe. Neben mir; Michael von den Zeugen Jehovas. Als Religionsmuffel fühle ich mich etwas eingeengt. Nepal ist der Geburtsort des Hinduismus und somit auch des daraus entstandenen Buddhismus. Hier prallen unterschiedlichste Vorstellungen aufeinander. Ich schlendere zum Pashupatinat, der Tempelanlage für die über 80 Prozent Hindus im Land. Auf der Flucht vor dem Service inoffizieller Führer, lande ich der Schusslinie eines eskortierten Totenbarrens. Er zielt Richtung Scheiterhaufen. Gemäss hinduistischem Glauben darf der tote Körper nur einige Stunden lang vegetieren. Dann ab ins Feuer damit, die Asche in heiliges Wasser. Edle Hindu-Witwen folgten bis vor 200 Jahren ihrem verstorbenen Mann freiwillig auf den Scheiterhaufen. „Einigen toten Indern wird heute noch der Kopf vor der Kremierung aufgeklopft, damit die Seele einfacher den Weg in die Freiheit findet,“ erklärt mir eine Hinduistin. Totenschädelspalten wirkt nahezu gesittet, verglichen mit der Bestattungsweise in gewissen Regionen Nepals und Tibet. Oben in den Bergen, wo der Boden viel zu steinig ist für ein ordentliches Grab, werden die toten Leiber zuerst in geiergerechte Stücke geschnitten. Platzsparend, fürsorglich und ökologisch einwandfrei.

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Nach Pokhara im bewährten Sammeltaxi. Das bevorzugte Transportmittel der Einheimischen. Wir fahren sieben Runden um den Block – gehen “sammeln”. Es hat noch Platz für einen halben Hintern – ergo unprofitabel. Jeder draussen in Freiheit mit Pokhara-Potential, wird umgehend bezirzt von Sammeltaxi-Kundschaftern. Auch Passagiere spähen mittlerweile nach weiteren Passagieren. Die Snack-Verkäufer haben Erbarmen und lassen unser Gefährt nach der achten Runde in Ruhe. Zwei Musikanten steigen zu und quietschen nepalesische Volkslieder. Vier Oktaven über westlicher Schmerzgrenze. “Dank den medialen Nachwirkungen schauen pro Tag lediglich zwei bis drei Reisende vorbei,” seufzt mein Gastgeber Suman. Zwei Jahre wirft es ihn finanziell zurück. Er ist nicht der einzige. Ladenangestellte durchkämmen alte Beiträge ihrer Facebook-Freunde, knabbern die letzten Fingernägel oder starren ins Leere. Hunderte Reiseagenten mit Spinnennetz zwischen Gesicht und Telefon warten auf ihre Chance. Ein Verkaufsgespräch meistern, den Kugelschreiber wieder einmal benutzen, ein Dokument unterschreiben, Geld verdienen. Pokhara lächelt trotzdem. Und feiert. “Asar ’15”, das Reispflanzfest. Während der Monsunzeit gedeiht der Reis. – ein wichtiges Thema. Täglich wühlen die Nepalesen vergnügt in ihrem Dal Bhat (Reis, eingekochtes Gemüse, Linsensauce, Vergorenes) und schaufeln das Gemisch mit dem Daumen zum Mund. Auch ich bin schon lange Dal Bhat-infiziert, mansche und schaufel ohne grössere Verluste. Das Fest entpuppt sich als Schlammorgie, mit den Lieblingsdisziplinen: Willkürlicher Schlammwurf, Schlammfussball, Schlammrennen, Schlammwettpflügen und natürlich Einschlammen. Zuschauer kontern mit einem ausgeklügelten Regenschirmabwehrsystem. Pokharas Frauen warten geduldig, das Saatgut griffbereit, während alle Kinder, Ochsen, Touristen, der Agrarwirtschaftsverantwortliche, ja sogar Behinderte in den Schlamm gekarrt werden.

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Wer dem Monsun und der negativen Berichterstattung trotzt, will das imposante Annapurna-Bergmassiv sehen und den berüchtigten Circuit ablaufen (eine zweiwöchige Runde um die Bergkette). 250 Kilometer Fussmarsch, von 800 Meter auf 5’413 Meter und wieder bergab. Ich packe für zwei Wochen tropisches Bergklima.

Der Busfahrer lässt die Türe neben ihm offen. Er will im Notfall rechtzeitig das Fahrzeug verlassen können. Mein Sitznachbar erwähnt gleichmütig, dass viele Einheimische die Busdächer bevorzugen, die Überlebenschancen seien besser. Ab Besisahar fahren nur noch Jeeps auf dem Stolz Nepals; den buckligen und von Erdrutschen gemarterten Steinstrassen, welche praktisch jedes Drei-Seelendorf erschliessen. „Buddha was born in nepal“. Der Kleber auf Kumars Jeep macht deutlich; Buddha wurde in hier geboren. Und schon gar nicht in Bihar, Indien, wie freche Nachbarzungen behaupten. Ich komme zu spät und teile somit den Frachtbereich mit Hühnern, Werkzeug und Ersatzreifen. Wir fahren nicht, wir stechen in See. Wie in einen Sturm geratenes Schiff, schaukelt der Jeep von einer Seite zur anderen. Draussen; dichtes Dschungelgewächs, dass anderem dichtem Dschungelgewächs den Weg versperrt. Ein Nepalese zündet sich seine Zigarette mit einem Bunsenbrenner an. Häuser werden pragmatischer. Eine herrliche Stimmung für jeden Globetrotter.

Gemütliches Chamje. Zu Milchtee lausche ich den Tröten und Tara-Mantras einiger Mönche. Heute hat der Dalai Lama Geburtstag. Zakk aus Indianapolis, USA setzt sich zu mir. Auch er will Medien und Monsun trotzen. Wo sonst während der Hochsaison wegen Platzmangel auf oder unter den Tischen geschlafen wird, kursiert seit Wochen eine gähnende Lehre. Ausländer zwinkern sich zu – sie haben kaum Verbündete. Zakk und ich nehmen den Trip gemeinsam in Angriff, teilen die täglichen zehn Marschstunden, das 1-Dollar-Zweibettzimmer und die Kübel mit trübem Reiswein. Drei Tage und 3’000 Höhenmeter später wird uns nur noch die Hälfte an Atemluft gegönnt. Schroffe Bergnasen glimmen durch den mystischen Wolkenwirrwarr, die Flora hat Hochsaison und zerfurchte Täler offenbaren einen endlosen Horizont. Ein Schlaraffenland für das Himalaya-Viagra, den seltenen Raupenpilz „Yarchagumba“. Auf allen Vieren schrubben findige Nepalesen entlang dem Boden. Der geübte Echsen-Blick auf tiefe Büsche fokussiert. Dort hängen sie. Einmal gepflückt, landen sie zu exorbitanten Preisen auf Chinas Mäkten, gleich neben dem eingelegten Ginseg, getrockneten Seepferdchen und Nashornpulver. „Einfach in den Tee tunken“, schlägt Sonom Topke vor. Er lacht das Lachen eines weisen Nepalesen. Die Höhenluft hat ihn die vergangenen Jahrzehnte auf die Hälfte geschrumpelt. Mit Stolz weist er auf das rare Potenzmittel in seiner Hand. Als angehender Mediziner hat Zakk Bedenken ab den Nebenwirkungen. Ich verstehe ihn, er kommt aus einem Land, das jegliche Alternativmedizin als Scharlatanerie verklärt. Da ich grundsätzlich alles ausprobiere, fällt die Absage schwer. Soll jemand anders mit einer sechsstündigen Erektion durch das Provinznest tigern. Nepal, ein Land der Wundermittel. Einst wurde ein Rudel Affen beobachtet, das zu einer äusserst ungewöhnlicher Jahreszeit in die Berge schlenderte und später im Tal eine flotte Orgie feierte. Prompt wurde ein Spionage-Trupp zusammengestellt. Oben angekommen, wurden die Affen inflagranti beim Lecken von Steinen erwischt. Die folgenden Untersuchungen ergaben, dass die verschiedenen Gesteinsschichten über Millionen von Jahren eine Art mineralische Zauberpaste an die Oberfläche trugen. Ein Aphrodisiakum mit mehr Macht als Aladdins Wunderlampe.

Wir lassen unser Testosteron anderweitig ab. Zeit für wahre Männer. Männer, die sich etwas trauen. Männer, die nicht wissen was sie tun. Männer, die im weltweit höchsten Bergsee naktbaden wollen. Schauplatz Tilicho Lake, 4’919 Meter über dem Meeresspiegel. Neben uns knirschen majestätische Gletscher, die Sonne zaubert einen Regenbogenkreis, Eisschollen trödeln vorbei. Selbst Yeti würde vor Ehrfurcht seinen fellenen Lümmel einklappen. Mit diesem Gedanken tauche ich ab. Wie so oft, weicht auch diese Euphorie bald der nächsten Herausforderung. Nach zehn Tagen Fussquälerei droht „Thorong-La“. Der Pass, welcher die Erde letztes Jahr um 43 Menschen reduziert hat. Denby, eine australische Journalistin und ihre Freunde leisten uns Gesellschaft. Denby ermittelt gerade für den Sydney Morning Harold wieso der totbringende Schneesturm weder Hanswurstwanderer noch erfahrene Bergführer vorwarnte und was Nepal sich für künftige Notfallszenarien so überlegt hat. Der „Donnerpass“ lässt uns gewähren. Ein historischer Moment für jeden, der Wanderschuhe im Keller hat. Achtung Situationkomik: „Isn’t that amazing?“ Betont Zakk als er oben ankommt. Selten habe ich mich so über den Lieblingssatz amerikanischer Reisekollegen gefreut. Nur Wolken und eine knappe Sicht auf das Gratulationsschild. 5’416 Meter. „Congratulation for the success“.

Bald darauf trenne ich mich von meinem Freund und laufe die Runde in meinem Tempo fertig. Nachdem jemandem kürzlich eine Kobra über den Weg schlängelte, beobachte ich die braunschwarze Schlange, die mir gerade entgegenzischt mit gehörigen Respekt. Mir fällt dabei ein, wie ein Nepalesen sich vor ein paar Jahren für einen Kobrabiss rächte. Stürmisch schnappte er sich das verdutzte Tier und kaute es zu Tode.

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Zurück in Kathmandu. Ich warte in der Cafeteria des Inlandflughafen. Ein Affe durchforstet gelassen die Mülltonne neben mir. Nichts scheint ihm angemessen. Mein Ziel ist Gokyo, ein Nest an der Gletscherzunge des Achttausenders Cho-Oyu. Der Pilot tuckert mit mir zum Kleinflugzeug. „Dein Privatflugzeug“, lächselt er. Ausser der Flugbegleiterin und mir kommt heute niemand mit. Die Buddhistin führt ihre gefalteten Hände zur Stirn, dann zum Herz. Betet, wie vor jedem Flug nach Lukla. Die rasant wechselnde Wettersituation in Lukla krönt ihn zu einem der gefährlichsten Flughäfen überhaupt. Sir Edmund Hillary hatte ihn einst für seine Mount Everest Expedition bauen lassen. Acht Flugzeuge haben ihr Ziel seit dem Bau nicht oder nicht in vollem Umfang erreicht. „It is not the mountain we conquer, but ourselves“, philosophierte Hillary kurz nachdem ihm und seinem Partner, Tenzimg Norgay Sherpa, die Besteigung des Mount Everest gelang. Seit 1953 gelten Sherpas somit als unermüdliche Gebirgskutsche. Geballte Manneskraft mit einer Lunge aus Stahl und Ventil.

Ich begleite Kami Sherpa zu seinem Dorf und helfe ihm unbedeutend beim tragen (die losen Kleinigkeiten, die sich nicht optimal auf den 80 Kilo Zementsack stapeln lassen). Ich würde weinen wie ein kleines Mädchen. Er hat es gut, andere marschieren sechs Stunden mit !150! Kilo Material auf dem Buckel. Ungefähr 500 Jahre ist es her, seit sich die tibetische Minderheit für ein Leben in Nepals Bergwelt entschieden hat. Für viele hat sich seither alles verändert. Sie besitzen Hotels, studieren im Europa oder spielen Baseball in der amerikanischen MLB. Für rund ein Zehntel aller Scherpas bleibt es jedoch beim Alten. Etliche Male kreuze ich mit Teenagern im 90-Grad-Winkel. Sie wuchten Betten (inklusive Matratzen), Wellbleche, Trägerelemente, Bierkästen und sonstiges Baumaterial hoch. Die Kaste der Scherpa nimmt die Rennovation nach dem Erdbeben offensichtlich selbst in die Hand. „Geld oder Untersütztung hat die Regierung noch nicht geliefert“, faucht Barhat Sherpa vom anderen Ende des Tisches. Sein Haus hat einige Risse abbekommen. Zement müssen sie nun selber holen, aus Kathmandu. Er  und die anderen Bewohner von Machherma gehören zu den „Priorität-B Menschen“. Diejenigen, welche nicht bluten, sondern nur angeknackste Häuser haben. Viele von ihnen leben von den Touristen. Touristen, die nicht mehr so schnell eintrudeln. Zu viele Bilder von zusammengefalteten Häusern und katastrophalen Zuständen wurden ausgestrahlt. Das bleibt in den Köpfen. Gleich nach dem Erdbeben, brausten indische Mi17- Helikopter zu den geflachten Dörfern. Sie brausten sogar öfters als nepalesischen Helikopter. Maximales Ladegewicht; 13 Tonnen. Durchschnittliches Frachtgut; Medienheini, Kameramann, Pilot. Zu oberst auf der Agenda; Bilder von möglichst stark blutenden Dorfbewohnern. Ich erinnere mich zudem an die Worte von Julien, ein Helikopterpilot aus Frankreich, den ich kürzlich in Kathmandu traf. Er fliegt nach wie vor Einsätze. Sie liefern Reis, Medikamente und Hilfsmaterial in die zerstörten Dörfer (Priorität A). 15’000 Tonnen warten noch darauf verschoben zu werden. Zurück fliegen sie leer. Verletzte bleiben wo sie sind, oder sie laufen fünf bis zehn Tage bis zu nächst frequentierten Strasse. United Nations sowie Nepals Regierung erlauben keine Personentransporte. Haftungsgründe. Neben den knapp 8’000 Opfern sind trotzdem noch 29’992’000 Nepalesen am Leben und genau diese freuen sich über jeden der kommt.

Auf ausgezeichneten Pfaden erreiche ich nach drei Tagen Gokyo. Der Südwind bläst den Monsun hoch. Mystische Wolken schweifen langsam über den türkisblauen See. Neben mir blitzen violette und gelbe Blumen. Das Winterfutter für die Yaks. Frühmorgens quäle ich mich auf den nächstgelegenen Hügel. Für einen 360 Grad Blick. Cho Oyus Zunge gletschert mir entgegen. 8’201 Meter Höhe bringt der Riese (das ist, als ob man auf das Matterhorn ein weiteres Matterhorn stapeln würde). Am nächsten Tag fühle mich bereit, Mount Everest ist gleich um die Ecke. Ich will das Base Camp erreichen. Meine Gastgeberin deutet an, dass mir Steine auf den Kopf fallen könnten. Nach sechs Stunden und über tausend Höhenmeter stehe ich vor einer schwierigen Entscheidung. Variante 1: Ich klettere die mittlerweile von Schnee und Hagel polierten Steine zurück ins Tal. Oder Variante 2: Ich versuche einen Gletscher zu überqueren, bei dem während der Monsunzeit keine Route existiert (ausser dem Kartenvermerk; „icy crossing“). Während ich abwäge, kommt mir ein kürzlich verschwundene Amerikaner in den Sinn. Seit zwei Monaten wird er vermisst. Auch er war ohne Führer unterwegs. Auch er war von sich überzeugt. Wehmütig stampfe ich bergab. Everst muss warten. Dafür werde ich mit einer rührenden Situation beschenkt. Ein vierjähriges Mönchskind reitet mir entgegen. Der neue Lama des Thame-Klosters. In Begleitung von Sherpas in traditioneller Tracht. Jahrelang wurde nach der Reinkarnation eines verstorbenen Lamas gesucht. Hier reitet er. Der Kleine, der die selben Visionen teilte und schon immer von Thame schwärmte (was er noch nie gesehen hatte).

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Wieder Kathmandu. „Eine ordentliche Portion Berg, reine Luft, himalayisches Wasser, aber keine Touristen“. schallt Sarad Pradhan vom nepalesischen Tourismusverband durch die Ritze seines Helms. Wir sitzen zu zweit auf seinem Motorrad (50 Prozent weniger Mensch als auf den meisten Motorrädern Indiens). Sarad nimmt sich Zeit für mich. Der Medienberater hat, was die Hinduisten „Shanti“ nennen. Einen inneren Frieden. Eine Gelassenheit, die man absorbieren will. Wir sprechen über den Tourismusschwund. Nepal exportiert nicht viel, also ist die Haupteinnahmequelle der Tourismus – könnte vermutet werden. Das grosse Geld kommt jedoch per Banküberweisung aus Malaysia und Qatar. Von den zwei Millionen Auslands-Nepalesen. Von denen, die gerade auf Wüstensand neue Fussballstadien aufrichten. Agenturen umgarnen bereitwillige Nepalesen mit brutalen Arbeitsverträgen. Der Pass wird dann vom neuen Arbeitgeber für drei Jahre eingezogen (Verwandtenbesuche nach dem heftigen Erdbeben wurden verweigert). Schade, die tüchtigsten Nepalesen bauen lieber ausserhalb von Nepal die Städte auf. So oder so, Tourismuseinnahmen sind fundamental für Nepal. Und für seine Menschen. Ich bleibe, füttere soziale Netze und liefere aktuelles Bildmaterial. Bildmaterial, dass hoffentlich mehr Touristen mobilisiert.

Seit Tagen streiken in Kathmandu die Taxifahrer. Ihre nostalgischen Suzuki Marutis sollen weg und neue angeschafft werden. Die Chauffeure werden zur Kasse gebeten. Zu meinem Glück fahren noch die rostigen Dreiradwägelchen. Auf ihren Bänken werden bis zu zwölf Leiber geschichtet. Ich platziere mich als Z-förmiger Tetrisbaustein in die Mitte. Nicht nur Taxifahrer sind unzufrieden. Auch die vier Millionen Dalits im Land. Die junge und löchrige Verfassung wird gerade revidiert, spricht der Kaste der Unberührbaren jedoch keine Rechte zu. Wie das Recht Wasser von öffentlichen Brunnen zu trinken. Also zogen kürzlich Dalit-Aktivisten zu Felde, kassierten Bambusstockhiebe und wurden eingebuchtet. Nelson Mandela schenkte der Menschheit die weisen Worte: „Real leaders must be ready to sacrifice all for the freedom of their people.“ Jawohl – alles opfern! Hier opfert die oberste Kaste (alias die Politiker) lieber Bambusrohr statt Apartheit.

Der Bus in das östlich gelegene Ilam schnurrt über die geteerte Strasse. Karil setzt sich neben mich – ich schreie ihn an (anders funktionieren Gespräche in Asiens rollenden Kinos nicht). Die anderen knapp 20 Nepalesen scheinen bereitwillig ihre Trommelfelle zu opfern. Busfahrer Nilashu diktiert Bollywood. Grundsätzlich gibt es nichts gegen Sangar Khan und zappelnde Inder einzuwenden, ich plädiere lediglich für einen humanen Geräuschpegel, doch die scherbelnden Lautsprecher schlucken jegliche Hilferufe. Nur noch 17 Stunden Fahrt liegen vor uns. Mit etwas Tabak besteche ich Nilashu. Vorübergehend. Pünktlich um 5:00 Uhr morgens legt die Reinkarnation einer griechischen Rachegöttin erneut los. Nepalesische Volklore in maximaler Lautstärke. Die Leute schrecken schlaftrunken auf. „Ich fahre, ihr schaut zu.“ So bleibt genug Zeit um Karil etwas anzubrüllen. Zwei Jahre arbeitete er in Dubai und lieferte Mahlzeiten an die dort stationierten US Marines. Alles wurde sauber erledigt von der Arbeitsagentur in Kathmandu. Achtmal mehr verdiente der 28-Jährige im Vergleich zu einer Beschäftigung in Nepal. Die Regierung kennt kein Heilmittel gegen das „Auslandsgeld“. Als Ersatz schwirren gebildete Inder ins Land und richten, was Nepals Bildungssystem nicht offeriert.

Eingekesselt in Teesträucher versteckt sich Ilam. Ich beziehe ein kleines Gasthaus neben einer Musikschule. Der Schlagzeugunterricht für Anfänger hat gerade begonnen. Nach der Fahrt mit Nilashu kein Grund zur Klage. Ilam ist das Mini-Pendant zum renommierten Darjeeling auf der anderen Seite der Grenze. Hundert Prozent reines Nepal. Kaum ein Tourist verirrt sich hierhin. Und offensichtlich verrirt sich auch keiner wieder raus. Per Lautsprecher wird ein Streik angesagt. Die hiesige Kaste beharrt auf einen eigenen Staat. Prashant Giri passt mich ab. Der angehende Politwissenschaftler lädt zum Kaffee. Ein Che Guevara des 21. Jahrhunderts. Er erzählt mir vom Krieg von Nalapani. Nach der Kolonialisierung von Indien wollten die Engländer auch nach Nepal expandieren. 3’500 schwer bewaffnete Briten standen 600 mit Steinen und Messern gerüsteten Nepalesen gegenüber. Kinder und Schwangere platzierten sich vor den Kanonen der Briten. Vereint, ungeachtet der Kaste waren alle bereit sich für die Nation zu opfern. Die britischen Soldaten weinten angesichts des nepalesischen Mutes. Nepal schlug die Übermacht. England liess ab, rekrutierte dafür die besten Kämpfer Nepals, die „Ghurkas“. Noch heute dienen sie der Royal Army. Prashant kann seine Tränen kaum zurückhalten. Er fühlt sich allein, niemand kämpft mehr für Nepal, nur noch für sich selbst. Die Sonne setzt sich hinter die rosafarbenen Wolken. Auf dem schlammigen Fussballfeld kicken wir die letzten Bälle.

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