Neu Delhi. Die Boeing rollt gemächlich zum Dock. Chinesische Stewardessen stöckeln autoritär, erklären den Indern die Situation. Landen, parken. Dann aufstehen. Köpfe wippen beschämt. Indien will raus, rollt Köffer, fummelt in den Staufächern. Draussen hechelt das übliche Unheil an inoffiziellen Taxis und Abzockern. Der Weg zum fünf Kilometer entfernten Hotel müsse erst genau geklärt werden. Ein erbärmlicher Trick folgt – Der Beifahrer wählt angeblich die Telefonnummer meines Hotels. Sein Komplize auf der anderen Seite der Leitung erklärt unverfroren, dass aufgrund eines Festivals in Neu Delhi alle Buchungen storniert wurden. Sie könnten mir jedoch ein anderes Hotel empfehlen. Ich verabschiede mich freundlich. Zehn gefälschte Tourismusbüros lauern in der indischen Hauptstadt. Einmal hingeschleust, warten fantasievolle Geschichten, fantastische Angebote, exklusive Hotels und geführte Touren durch das „gefährliche“ Land. Berüchtigt sind auch die David Copperfield-Wechselstuben mit rege genutzten Notausgang.

Einen Tag lang die Luft in Neu Delhi atmen entspreche ungefähr dem Inhalieren von 100 Zigaretten – nach 130 Zigaretten rette ich meine Lunge östlich. Die indische Sonne glüht. 46 Grad verspricht Hindustan Times. Sitzplätze im Zug von Neu Delhi nach Agra sind bereits weg. Es gibt nur noch „non reserved-Klasse“ – also die Letzte. Modell „rollender Stahlkäfig“. 60 Rupien (ein Dollar) für drei Stunden Dampfsauna. Der Handel scheint fair. Durch kontinuierliche Kickbewegungen starte ich den verkrusteten Deckenventilator. Um mich herum; eine Traube dicker Leiber, die einmal indische Frauen waren. Grell leuchtende Saris bedecken das Verheissungsvolle – nicht das Wullstige. Wie die indischen Schönheitsperlen ab der zweiten bis dritten Geburt zusehends zu tapsigen Dreiecken verkommen, bleibt ein Rätsel. Fakt ist, dass ein Leben in konstanter Herd- und Kühlschranknähe keine Figur erhält. Ein einsamer Zahn lächelt mir entgegen, sein Besitzer fordert mich auf meinen leeren Lassi-Becher aus dem Fenster zu werfen, hinaus auf Indien, zu all dem anderen Müll der sein Land laminiert. Ich verneine dankend und ernte einen neuen, bisher unbekannten Kopfschaukler. Das soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich zum fröhlichen mitmüllen motiviert werde. Auch wenn die Abfalleimer nebenan auf dem Feld oder hinter dem Haus entleert werden, ich streike weiter. Erleichtert steige ich aus. Einer Regierungstudie zufolge beendet Indian Railways jährlich ungefähr 3’500 Menschenleben auf ihrem Schienennetz. Weitere 30’000 sterben indirekt durch misslungenes Gleisübertreten, Stürze vom Zugdach oder Mastenkollision.

Windeln tragende Kamele streunen, heilige Kühe hetzen ihre fürsorglichen Brotgeber durch die Gassen, tausende Tuktuk-Fahrer reiben sich die Hände. Ein bedeutender Sommertag im Leben vieler Besucher, sie stehen vor dem meistbesuchten Grab beider Hemisphären. Dem Taj Mahal. Noch intensiver erlebte ihn Mithilesh Kumar Srivastava. Der linkische Anwalt unterzeichnete vor einigen Jahren das Vertragswerk zum Verkauf des Taj Mahal an ein amerikanisches Ehepaar. Trickdiebe auf dem ganzen Globus jubeln, sie haben einen neuen Gott. Die indische Schwindlerlegende verscherbelte nebenbei noch das „Red Fort“ in Neu Delhi, das „Rashtrapati Bhavan“ und sogar das indische Parlament inklusive aller 545 sitzenden Mitglieder. Neun Mal landete „Natwarlal“ für seine Dreistigkeit im Gefängnis. Neun mal bückste er aus. Das letzte mal kullerte er im Rollstuhl mit !84 Jahren! während einer Verlegung unbemerkt davon. Die Story ist rührend, sie ist indisch. Wie die Liebesgeschichte um Mumtaz Mahal. Der Mogulkaiser Shah Jahan verliebte sich einst in die Schöne. Ehefrau Nummer drei. Sie schenkt ihm erst 14 Kinder und dann die Witwerschaft, er ihr ein immerwährendes Denkmal der Trauer. 22’000 Arbeiter hämmern 22 Jahre lang an der exakten Nachbildung des Himmels, getreu der Anleitung des Korans. Als Dank lässt man den Schöpfern hinterher die Hände wegsägen. Niemand soll noch einmal so etwas Vollkommenes erschaffen.

Bundtu deckt mich ein mit Masalha-Gewürzen und Kochrezepten für das nächste Jahrtausend. Indisches Essen, ein nahrhaftes Abenteuer – sofern es der Magen bewältigt und keine Krämpfe die Verdauung begleiten. Ich erinnere mich an das kuriose Gewürz, dass die Konzerne als „Curry-Pulver“ proklamieren – eine Idee dem Westen indisches Essen näher zu bringen. Gut gemeint, falsch verstanden – Indien isst anders. Dämmerung bricht ein. Drachen steigen von den Dächern. Während der Muezinengesang nachhallt, flüchten von Luftpistolen angeschossene Affendiebe. Legionen von Allesverkäufern schwirren nach Hause um zu resignierend, Taktik und Strategie verfeinern, ich mache das selbe – morgen ist ein neuer Tag.

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Air India streicht schamlos Flüge und der vergilbte Computer von Indian Railways visualisiert; mein Zug nach Jaipur fährt sechs Stunden später – wenn überhaupt. Unerfahrene Reisende würden spätestens jetzt Amok laufen – sofern sie den Tauschhandel mit einem indischen Billetverkäufer mental überleben. Nicht wenige der 1,4 Millionen Bahnangestellten von Indian Railways erhalten bald die letzte Ölung. Und das ist nur ein unbedeutender Vorgeschmack indischer Effizienz. Virtuos werden Kräfte gespart, ausser es droht die Zeit der Vermehrung. Und die droht früh. Gleich nach dem Tag der Tage – der Hochzeit. Der Hinduismus toleriert weitgehend nur die arrangierte Ehe (Grossstädter sowie moderne Hindus ausgenommen). Bei einigen Untergruppen der OBC-Kaste werden bereits Babies in die Ehe geführt. Religion und soziale Stellung definieren die Partnerwahl. Selbst entscheiden oder jahrelang ohne Ehevertrag zusammen ins Bett steigen – ein soziales Stigma. Im Kindesalter mit dem anderen Geschlecht spielen – für viele Konservative ein Tabu. Überraschend, eine Scheidungsrate ist kaum vorhanden.

Neu bin auch ich im Bund der Ehe, der Scheinehe. Zu ermüdend ist die stetige Rechtfertigung, all die Diskussionen angezettelt von fauchenden Hindus und Moslems, dass ein über 30-Jähriger noch nicht verheiratet wurde. Es erstaunt kaum, dass die Telefone bei der Non-Profit Organisation „Love Commando“ dauerleuten. Verlieben sich Inder/innen ausserhalb des Arrangements, endet das hin und wieder in Gewalt bis zu Mord durch religiöse Fanatiker. Die indische Polizei ist nicht sonderlich am Schutz traditionsverschmähender Paare interessiert. Das übernehmen für sie die Journalisten, Anwälte und Menschenrechtler von „Love Commando“. Sie offerieren Schutz oder helfen bei der unarrangierten Heirat und dessen Registrierung. 600’000 Mitglieder zählt das Unternehmen bereits. Heiraten ist in Indien auch ein finanzielles Fiasko. Kein Wunder, denn Sie kommen alle, die Tanten, Cousinen und Kollegen. Mit all ihren Kindern. 500 bis 1’000 Gäste sind üblich. „Meine Eltern durchleuchten bereits den Bekanntenkreis nach einer geeigneten Partnerin“, schnauft Shyam. Shyam ist der junge Gründer einer Non-Profit Organisation, die kleine Kinder vor den Gefahren der Strasse schützt. Ihre Eltern sind vom Land in die urbanen Gebiete Jaipurs vorgestossen. Nun leben sie in Mehrfamilienhaushalten mit bis zu 80 Mitbewohnern. „Make your name count“, sei das Credo der alten Generation, meint Shyam. Da habe solch sozialer und vor allem unbezahlter Quatsch kein Platz.

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Mit Babu und seinem Tuktuk zirkuliere ich in Jaipur, der „Pink City“ Rajasthans. Tuktukfahrer sind die kurligen Schlüsselakteure jedes orientalischen Stadtlebens. Nach den ersten Verhandlungen wird der Reisende fürsorglich nach den nächsten Schritten gefragt. Seelenheil, Wechselstube, Drogen, Shopping, Hotels, Busreisen, Silber – Alles machbar – „no problem“, würde Babu sagen. Je länger sie im Geschäft sind, desto grösser ist ihr Netzwerk, desto lukrativer die Provisionen. Babu lässt mich fahren. Eine Minute später muss das Tuktuk in die Garage – ein mechanisches Problem. Ich pilgere unterdessen zum Affentempel, ein brüchiges Relikt, dass Jaipurs Affen beschlagnahmt haben. Selbst stinkende Affe sind heilig für die Hindus (Ausser in Agra, dort werden sie von den Dächern geschossen). Noch heiliger als Affen zu füttern, ist mit Affen zu baden. Offensichtlich, denn drei Inder planschen gerade im Affenwasser. Sollte sich der Ungläubige ab einer solchen Szene fremdschämen? Etwas später verweile ich an einer treibigen Kreuzung, versunken in Gedanken über die nächsten Schritte. Handkarren, Rikschas, Fussgänger, Abgasschwaden, lottrige Sattelschlepper, Ochsenwagen, verkratzte Autos und Kamelkutschen prallen aufeinander. Jeder ist irgenwie der Erste, niemand bleibt zurück.

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Auch dem jungen Dinesh Kumar war der Bus mit Beinfreiheit und Klimaanlage zu teuer. Er reiht sich neben mich auf den Dreiersitz. Dinesh hat eine Freundin. Heimlich. Niemand dürfe das wissen. Ich schlage ihm vor sich die Telefonnummer von „Love Commando“ zu merken. Ankunft in der „Blue City“ – Jodhpur. Während mir siedendes Wasser aus dem Duschkopf engegenspritzt, beschäftigt sich der Ventilator mit der Zerteilung der heissen Raumluft. Ich beschliesse fortan sorgfältiger zu recherchieren. Der Weg in die Altstadt wird durch einen Strassenumzug behindert. Heute feiert die Kaste der Brahmanen (die oberste) ein Fest zu Ehren Shivas. Einige Augen lokalisieren mich. Dann geht alles schnell, ich gerate ins Visier diverser Seifenschaumsprays, Blumenblüten fliegen, Hände zerren, indische Tanzlektionen folgen. Die Situationskomik ist gelungen, Zuschauer wiehern vor Freude. Klatschnass reisse mich von der Sippe los und werde sogleich von der nächsten in Beschlag genommen. Dieses mal fordert die ältere Generation ein adrettes Tänzchen. Wortlos abgesprochen, darf jede Klarinette, jede Trompete eines meiner Trommelfelle zerfetzen. Nach und nach mutiere ich zum Blumenkranz-Depot, an die zwei Kilo schleppe ich mittlerweile. Festivalschluss, ich bringe mich in Sicherheit. Vorerst. Auf dem Weg durch die blauen Häuser, werde ich von einigen Kindern entdeckt. Prompt rufen sie alles zusammen was laufen oder kriechen kann. Kreischend reissen sie mich durch die verschlungenen Gassen. Ihre Wohnungen solle ich begutachten aber vor allem Fotos machen; einzeln, paarweise, mit Schwester, nur der Schwester, von der Mutter und der Schwester, vom Onkel, vom Onkel mit Ziege, nur der Ziege. Normalerweise läuft das anders herum; der Reisende muss mit aufs Familienfoto. Dieses zeigt den Freunden und Bekannten, dass sie einen tollen Freund in Europa haben (Name und Wohnort unbekannt). Tag für Tag schüttle ich bereits die Hände unbekannter Inder und verspreche wiederzukommen. „Atithi Devo Bhava“ – Der Gast ist Gott. Ein alter Vers aus dem Sanskrit und neu auch Credo von Indiens Tourismuskampagne.

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Staubtrockenes Bikaner. „Namaste“, strahlt Jitu Solanki. Der studierte Zoologe bringt mich zu den Bishnoi, einem Volk, das etwas ausserhalb in der Steppe lebt. Bishnoi lässt sich mit „Neunundzwanzig“ übersetzen. 29 ökologische und spirituelle Gebote prägen die Lebensphilosophie der Bishnoi, wie die achtungsvoll Beziehung zwischen Frau und Mann, niemals ein Tier töten egal wie klein (ihm stattdessen Unterschlupf geben und es vor der Schlachtung bewahren), nie Fleisch essen, denken dann sprechen, ordentlich vergeben, nicht grundlos kritisieren, niemals einen Baum fällen usw. Seit mehr als 500 Jahren trotzen sie so den schwierigen klimatischen Bedingungen der Thar-Wüste. Für diese Naturverbundenheit gehen die Bishnoi bis in den Tod. Um das Jahr 1730 schickte der hiesige Maharaja seine Soldaten um die geliebten Khejri-Bäume der Bishnoi zu fällen. Baumstamm umklammernd sterben 363 Dorfbewohner im Säbelgemetzel. Noch heute verscheuchen sie energisch alle Jäger und Wilderer aus ihren Gebieten. Stolz präsentieren sie mir ihre Bauweise. Spartanisch aber praktisch. Der Boden besteht aus einer Mischung von Kuhmist und Dreck. Ein günstig zu beschaffender Thermostat. Die Wände der Behausungen; getrockneter Kuhmist. Anstatt Feuerholz? Kuhmist. Teller waschen sie zu meinem Erstaunen nicht mit Kuhmist, sondern mit drei Tropfen Wasser und Sand. Das Bett? Recyclites Kamelhaar und zerschnittene Saris. An die lauschige Siedlung schmiegt sich der Kuhfriedhof. Generell können indische Kühe nur bedauert werden. Genügen sie den Anforderungen der Milchproduzenten nicht mehr, werden sie über Nacht auf der Strasse ausgesetzt. Der aggressive Verkehr versucht die Kühe dann so gut es geht zu integrieren – Einige überleben die ersten Tage der Desorientierung (Kein Hindu würde einer Kuh mit Absicht etwas antun – sie, die heilige Erdmutter). Nach etwas Anlaufschwierigkeiten beginnt jetzt die Futtersuche auf dem zubetonierten Terrain. Es wartet ein verlockendes Plastik-Kompost-Gemisch. Stirbt das heilige Tier erwartungsgemäss durch eine Plastikvergiftung, ein falsch geführtes Steuerrad oder das Schwert eines hungrigen Moslems, landet es auf dem Friedhof. Dort beschäftigt sich die Kaste von Gautam mit dem Kadaver. Knochen und Haut kommen auf den Markt, der Rest gehört den Aasliebhabern. Zurück bleibt ein Plastikhäufchen.

Gautam bringt mich zum Hindu-Tempel Karni Mata – etwas ausserhalb. Gautam gehört zu den „Unberührbaren“ (die unterste Kaste). Trotzdem hat er es bis zum Ingenieur gebracht. Auf den Abschluss sei er sehr stolz, meint Gautam. Nur mit Anerkennung und Gleichberechtigung harzte es. Inder stellen sich einander mit Name und Kaste vor. Erwähnt Gautam seine Kaste folgt ein finsteres Stirnrunzeln seines gegenüber. Ihm wird der Chai im Plastikbecher serviert, sein Essen kommt getrennt von dem der anderen. Arbeitskollegen ignorieren seine Anweisungen. Gautam seufzt, „Einer von ganz unten soll wohl keine Mitarbeiter führen, also führt er Touristen.“ Auffällig offenbart das Kastenwesen seine gesellschaftliche Tristesse. Den Motivierten und Tüchtigen werden die Aufgaben verwehrt, die Indien nachhaltig verändern könnten. Zeitgleich hamstert die soziale Oberschicht ohne gross einen Finger zu krümmen. Das Zusammenleben in Indiens Metropolen folgt anderen Regeln, Trennung findet man eher, wie überall auf der Welt, nach wirtschaftlichem Status. Reiche gehen mit anderen Reichen in die Schule, Arme leben in Armenvierteln und besuchen schlechtere Schulen, was wiederum über den Karriereweg entscheidet.

Glück für mich, die Reinkarnation eines ehemaligen Dorfbewohners kriecht über meinen Fuss – um die 20’000 weitere Ratten warten im Tempel von Deshnoke. Die Göttin Karni Mata gewährt ihren einstigen Menschenfreunden Schutz im Tempel. Wird trotz allem eine Ratte vertrampelt, muss der Mörder sie ausserhalb des Tempels ordentlich bestatten und eine Spende (eine silberne oder goldene Ratte) darbringen. Sunny, der angehende Naturforscher aus Mumbai spöttelt dazu; „In Indien kann man irgendwo einen Stein hinstellen und einen roten Klecks draufmalen, dutzende Hindus würden ihn als Gottheit verehren.“ Platzhirsche wie Shiva, Ganesha und Vishnu spielen in der Oberliga. Unter ihnen buhlen unzählige Gottheiten und all ihre Gottheit-Reinkarnationen um Anhänger.

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Turbankult in Amritsar – das spirituelle Zentrum der Sikhs. Die Sikhs lehnen das indische Kastensystem ab, distanzieren sich von Hinduismus und Islam, predigen Toleranz gegenüber allen Menschen und Religionsfreiheit. Jahrhunderte lang wurden sie von den Hindus geschröpft, gemartert und gehetzt – erklärt Harsimran. Er vergisst, dass auch seine Religion keine Unschuld ist. Er und seine zwei Freunde pilgern gerade im Schatten tausender Sikhs zum Harmadir Sahib. Das Bad im heiligen Wasser und der Schlaf auf dem mit Milch polierten Boden stärke ihr Karma. Vor rund 30 Jahren rückte der Goldene Tempel ins Licht der globalen Öffentlichkeit. Radikale Sikhs besetzen die heilige Stätte und rufen den Staat „Khalistan“ aus. Ein No-Go für die indische Regierung. Kurz darauf stürmt ihre Armee die Staatsgründungsparty. Stürmt und tötet den Anführer. Schockiert über die Ereignisse der letzten Stunden ermorden die Sikh-Leibwächter ihre Chefin – Indira Gandhi.

Mit Popcorn und Coca Cola bewaffnet, ziehen Inder aus allen Landesteilen zum Grenzübergang. Scharfschützen spähen auf beiden Seiten. Pakistan rührt mit Volksmusik, in Indien dröhnt der Popsong „it happens only in india“ (der Song, der mich durch ganz Indien verfolgt – aber nie hat er so gut gepasst wie heute). Das Gatter des einzigen Grenzübergangs zwischen Pakistan und Indien öffnet sich. Mit nationalistischer Energie kreischt die indische Meute; „Hindusthan! – Hindusthan! – Hindusthan!“. Die Pakistani raunen dagegen, getrennt nach Geschlecht. Geschnauztes Militär auf beiden Seiten stampft dramatisch auf und ab, steht sich nun gegenüber, äugelt grimmig und stampft noch dramatischer. Vier Kriege hat Indien mit dem Moslem-Staat seit seiner Formung 1947 ausgefochten. Seit tausenden von Jahren kriselt es zwischen Moslems und Hindus. Der Disput geht weiter – unter den Augen der Öffentlichkeit. Die Sonne setzt sich hinter den „Whaga-Border“, Flaggen werden eingeholt. Ich sehe scheinbar verloren aus. Suheil fragt nach. Er hat gerade nichts vor und fährt mich mit seiner 500er Maschine nach Hause. Einfach so.

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Richung Kashmir. Eingekeilt zwischen Ellbogen und Köpfen fahre ich nördlich. Feine Sache – meine unzähligen Sitznachbarn erlauben mir immerhin mit den Augen zu rollen. Neben mir krümmt sich der zum Christentum konvertierte Shamas. Wenn Gott will, führe es ihn nach Kanada, dort wartet ein Job auf ihn – vielleicht. Ich rate Shamas, es selbst in die Hand zu nehmen, die Erfolgschance könnten steigen. Als er hört, dass ich auf dem Weg nach Srinagar (Kashmir) bin, wünscht er mir Gottes Beistand. Er persönlich werde heute Abend beten, dass ich diesen Hort ungläubiger und diebischer Halunken heil überstehe. Dankend lehne ich ab.

„Das Paradies auf Erden“, schwärmt Qaisar. Er betet zu Allah, wie all die anderen Moslems in Kashmir. Die letzten acht Monate verbrachte er an irgendwelchen Grenzposten zu Pakistan als Korporal der indischen Armee. Eine gemütlich, ja brüderliche Zeit. Er besteht darauf, mir sein Dorf zu zeigen, Vijhare in Bendipore. Seine drei Cousins holen uns ab, wechseln enthusiastisch das Steuer untereinander, drehen mitten auf der Strasse in die verkehrte Richtung um einen einsamen Blumenstrauss aufzuladen. Für den Gast, der gerade wichtiger scheint als das zurückkehrende Familienmitglied. Zwei der drei haben keine Fahrprüfung. Kein Grund zur Sorge – einen indischen Polizisten bestechen kostet 50 Rupien (knapp ein Dollar). Am Todestag entscheidet Allah über Paradies oder Hölle. Jegliche Art der muslimischen Gastfreundschaft schafft Paradieskredite. Es gibt anscheinend einiges aufzuwiegen. Reich werde ich beschenkt, bekocht, herumkutschiert, den Nachbarn und all den vertrauten Fremden vorgestellt. Kein Zeh-Anwinkeln bleibt unbemerkt und erfordert sogleich weitere Fürsorge. Ungern nehme ich Abschied und fahre zum Dal Lake in Srinagar. Anlegestelle für tausende Hausboote – der ehemalige Unterschlupf der Briten. Ich gondle mit meinem Gastgeber Habib. Die Flutkatastrophe letztes Jahr hat grosse Teile der Region zerstört. Zwei Stockwerke hoch stieg das Wasser. Die Leute helfen sich selbst, Indiens Regierung kümmert sich um Wichtigeres. 1’200 Rupien (20 Dollar) spricht die Regierung Habib für die Renovation seines Hauses zu. So viel bekommt er auch für meine zwei Übernachtungen. Während den heftigen Unruhen im Jahr 2000 zwischen Militanten und Militärs zerfetzt eine Granate das rechte Bein seiner Mutter. Sie kam gerade von einem Arztbesuch. Für das verlorene Körperteil und den sozialen Ruin der Frau spendiert Indien 70’000 Rupien (1’200 Dollar). Er weint. Nicht aus Verzweiflung, sondern aus Hass.

Jammu-Kashmir, eine Region voller Bodenschätze. Ursprünglich war Kashmir frei. Frei von politischen Krallen, frei von Militanten. Ein Fürstenstaat. 1947 änderte sich alles. Grossbritannien entlässt Britisch-Indien in die Unabhängigkeit. Neben Indien entsteht der Islam-Staat Pakistan, Kashmir bleibt nach wie vor unabhängig, jedoch bewohnen das Land immer mehr Moslems als Hindus. Pakistanische Freiheitskämpfer zwingen den Maharaja von Kashmir Hari Singh Indien um Hilfe zu bitten. Seither regiert Indien den grössten Teil, stationiert Militär im ganzen Gebiet und provoziert mit gekrümmten Fingern am Abzug. Nicht nur die fragile Ruhe zeichnet die Gesichter Kashmirs. Indiens Regierung schürt weiterhin einen negativen Ruf Kashmirs, hält die Region und seine Menschen klein, erschwert den Tourismus, zwackt Ressourcen wie Wasser, Energie und Agrarprodukte weg – leitet alles in den Süden. Das Recht auf selbstständigen Handel oder internationale Beziehungen scheint für die Kashmiris aussichtslos. So verharren sie unter der Knute der indischen Regierung. Aufstände und Hasstiraden – die logische Konsequenz.

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„After whiskey driving risky“, erinnert  ein Schild die chronisch Betrunkenen, die es noch lesen können. Mit Schnee gekuppte Berge rund um Leh liegen ruhig – stoppen den von Süden kommenden Monsun, Yaks grasen staubige Büsche ab, in weinrot gehüllte Mönche schlendern. Diese Tage lässt das Klein-Tibet „Ladakh“ im Bundesstaat Jammu-Kashmir seine Bewohner das wertvolle Geld verdienen. Geld, das die Ladakhis, die Zugezogenen und der Spross tibetischer Flüchtlinge den achtmonatigen Höllenwinter überleben lässt.

Numboo fragt zur Sicherheit nochmals nach. „Ob ich ganz sicher sei, dass ich schon mal Motorrad gefahren bin?“ Selbstbewusst bejahe ich und nehme seine Royal Enfield 350cc (die asiatische Harley) in Empfang. Trete und drehe, drehe und trete. Die Maschine jault auf, verstummt. Numboo erwähnt die Haftungsdetails. Auf einsamen Strassen und Schotterpisten fliehe ich in die klischeehafte Freiheit. Mit mir; der sich windende Indus, Hochebenen, Stupas, tibetisch-buddhistische Klöster, kristallklare Bergseen und Pashmina-Ziegen hütende Nomaden. Pashmina-Ziegen hütende Nomaden die gerade mein plattes Vorderrad begutachten. Duibutschi meint einer charmant (Entschuldigung auf chinesisch). Das verbessert die Situation kaum, mich trennen 300 ruppige Kilometer von Numboos flinken Reparaturhänden und das nächste Telefon wartet geduldig 15 Kilometer Fussmarsch entfernt. Hätte ich vielleicht doch vorher ein Orakel in Ladakh konsultieren sollen. Numboo scheint meinen Anruf zu erwarten. Mit neuem Vorderrad, rennoviertem Mut und seichter Planung nehme ich die kaum befahrene Alternativroute, vorbei an pittoresken Salzseen, blutrotem Gebirge und pastellfarbenen Landschaften. 

Zurück in Leh. Eine Zahnbürste habe er leider nicht, meint der kaum zu erkennende Apotheker hinter dem Medikamentenberg. Aber Marihuana könne er liefern. Selbst der Wäscherei-Verantwortliche hat einen Trumpf im Ärmel. Da ich keine dreckige Wäsche habe, offeriert er mir einen „ear cleaning service“. Ich nehme zur Kenntnis, dass ich wohl permanent einen verlausten Eindruck erwecke. Als mir Tsering (gerade mit seinem LSD-Rausch beschäftigt) mein motorisiertes Zweirad für die nächsten Tage übergibt, erwähnte er nicht, dass die Strasse nach Diskit im Nubra Valley ein löchriger Höllenritt ist. Kalt. Arktisch kalt ist es auf der weltweit höchsten Passstrasse. Ungünstig, dass ich keine Motorradaustrüstung besitze. Besitze dafür zerfetzte Wollhandschuhe „made in China“, nasse Schuhe verziert mit Eiszapfen, einen beschlagenen Helm und eine Russlunge von all den keuchenden Lastwagen. Ein Schneebrett lösst sich neben mir. Nein, von all dem hat Tsering nichts erwähnt, dafür weiss ich, wie viele Frauen er schon flachgelegt hat – als krasser Motorradpro mit Helikopterzunge ein Kinderspiel. Schön, darf man hier nahe der Grenze zu Pakistan und China noch ungestört über Sex reden, während die allzu konservativen Medien im Land des Kamasutra „Sex“ als heidnisches Teufelswerk tabuisieren. Wer wundert sich da noch über anarchische Vergewaltigungen und schleimige Grabschattacken. Nicht lange her, da wurden Kussszenen in Bollywood mit zwei sich nähernden Blumen dargestellt und noch heute wird Homosexualität mit bis zu lebenslanger Haft bestraft.

Zur Bildgalerie von Ladakh (mit Enfields, Natur und so)

Zur Bildgalerie „People of Leh“

Um seinem kranken Vater zu helfen, bewirbt sich mein Freund Silam bei einer südkoreanischen Filmcrew. Die Nebenrolle würde ihm 25’000 Rupien (400 Dollar) einbringen. Er braucht ein Portfolio. Filmträume trudeln. Die Referenz könnte ihn eines Tages nach Mumbai bringen. Ich helfe ihm. Salim räkelt sich – das habe er von anderen Starportraits abgeschaut.

Zum Portfolio eines aufstrebenden Bollywood-Stars

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