„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen, so wird dir Ärger erspart bleiben.“ Der chinesische Philosoph Konfuzius sah es glasklar. Dieses mal fordere ich nichts, weder Nächstenliebe noch Gastfreundschaft. Ich nehme, was China mir geben will, kämpfe mich durch Ellenbogen, schlage Hakenserien um Spucklachen und akzeptiere. Akzeptiere die unkooperativen Eigennutze, ihre unverblümte und laute Art, das penetrante Glotzen auf die westliche Haut. Nüchtern betrachtet – wir teilen keine gemeinsame Sprache, dafür umso mehr Intimsphäre, das kratzt am zwischenmenschlichen Feng Shui. Nach dem letzten Aufenthalt an der chinesischen Ostküste habe ich die wuselnden Asiaten aus dem Reiseherz verbannt, der Bogen durch den Süden soll heilen, soll neue Erkenntnisse bringen.

Vorbei an Gurken in Buddhaform und grillierten Hühnerkrallen. In schienbeinhohen Aquarien knabbern sich Fische mit Heisshunger durch abgestorbene Fusshaut. 80er Techno scherbelt zu Freiluftgymnastik. Dreckig haben sie es hier in Guilin, der „Stadt des Duftblütenwalds“. Sein Schein trügt, verbindet der Besucher Guilin eher mit kleegrünem Karstgebierge und einsamen Flüssen als mit einem Schlund aus fünf Millionen Menschen und ebenso vielen Russpartikeln pro Kubikmillimeter. Generell ist „Umweltverschmutzung“ oder „Smog“ heutzutage gleichbedeutend mit „China“. Die menschenfeindlichen Zustände in Ballungszentren wie Peking oder Shanghai sind bekannt. Schockierend sind die neuesten Zahlen über die Verseuchung von chinesischem Grundwasser. 90 Prozent seien verschmutzt. Selbe Zeit, eine Insel weiter – Japaner wundern sich, weshalb ein Grossteil ihrer Quellen auf dem Papier bereits China gehören. Wasserquellen in Japan, Wohneigentum in Südamerika, Ackerflächen in Europa oder Edelmetallabbau in Afrika; Chinas Grossinvestoren kaufen nachhaltig und clever. Per Velo kämpfe ich mich von Yangshou zum Yulong Fluss, mitten durch einen Ozean aus warmen Abgasen, vorbei an einer Unzahl von Reisebussen, sowie Lastwagenserien mit offengelegten Motoren, bei denen sich der Erfinder keine Mühe gemacht hat, etwas Filterähnliches zu installieren. Die hübsche Gegend in Guangxi bekam vom Tourismusverband einst das „AAAAA-Gütesiegel“ aufgedrückt. Umso mehr „A’s“, desto mehr Reisebüros nehmen das Ausflugsziel in den Katalog auf. Bei Guilin ist es einige Jahrzehnte und Gründungen von Reisebusfirmen her. Dank der Karstberge und dem ganzen Hokuspokus an Entertainement, will nun halb China in die Umgebung von Guilin – schrill beleuchtete Grotten bestaunen oder die opaken Flüsse hinuntergondeln. Es erinnert an den Ausblick von der Rialto-Brücke in Venedig. Ausser, dass die kettenrauchenden Flosskapitäne weniger galant auftreten als ihre italienischen Pendants und das hundertfache an Touristenbussen abfertigen müssen. Wurden diese durchgeschleust, gleiten die Fischer auf den Li Fluss. Jeder bringt seinen Vogelkollegen mit. Ein Ring um die Kehle aktiviert den Apportmodus, der Vorkoster schwärmt aus und bringt die Beute sicher zurück, ohne dabei einen Schluckversuch zu unternehmen. Ich bestelle „bacteria“, was wahrscheinlich Pilzen entspricht. Eine chinesische Schnulze quält das Ambiente. Neben mir kauert ein Kleinkind und bespritzt mit unschuldigem Blick ein Trägerelement des Lokals. Keineswegs eine Rarität. Im Bus leistete meine Sitznachbarin kürzlich ihrem Kleinen den nötigen Beistand mittels Plastiktüte. Wer will schon explodierende Kinder zu Hause oder – noch schlimmer – den Weg zur müffelnden Toilette auf sich nehmen (in China ein Ort, wo sich nur die tapfersten Fliegen hintrauen). Auch Haupteingänge von schicken Megakaufhäusern sind nicht von stürmender Excreta kleiner Kinder gefeit. (Quelle: eigene Augen, Shanghai 2013). Windeln sind verpönt, zu teuer oder unpraktisch. Ein grosses Loch an der richtigen Hosenstelle, um jederzeit loszulegen, reicht völlig aus. Und dann ist da noch die Rotzproblematik. So sah sich auch die chinesische Regierung vor Olympia 2012 gezwungen zu handeln. Fernsehspots, grossangelegte Plakatkampagnen und Geldstrafen sollten die Bevölkerung wachrütteln, allem voran das chronische Hochwürgen und Ausspucken hemmen, während die Welt auf das aufstrebende China schaut. Heikel – gleichzeitig trugen Politiker wie der damalige Lenker Deng Xiaoping einen Spucknapf mit sich. Ich bin perplex. Weniger, weil ich das inbrünstige Spucke nicht beherrschen, sondern von der manischen Herzlichkeit der Chinesen. Werden gerade keine Familienfotos mit meinem westlichen Gesicht bereichert, schenkt man mir ein zufriedenes Lächeln oder eine freundliche Geste. Das Schönste Lächeln spendieren die Helden des Alltags; nimmermüde Bauern, Kinder mit verblichener Kleidung, bucklige Grossmütter und geschäftige Habenichtse.

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Xiong Cun. Keine Souvenirecke, kein Reisebus, nicht ein müdes „A“ – ein unbedeutendes Kaff etwas ausserhalb des Molochs. Kein Stein hat sich seit dem Bau während der Song Dynastie verändert. Die Gehäuse sind die gleichen. Spinnenwaben überwuchern gemarterte Gartengeräte, Freiluftklos brüllen nach Nasenlidern, misstrauische Augen stellen mir nach. „Nichts gehört uns“ – Zwischen verwitterten Parolen aus der Zeit der Kulturrevolution wohnt eine Garnison mittelalterlicher Geschöpfe. Einige kann ich mit einem Lächeln begeistern, viele nicht. Auch kurz vor dem Zerfall können sie Neuem wenig Gutes abgewinnen. Zu oft lagen sie am Boden und krochen wieder zurück in den Ring. Und verloren erneut. Jahrtausende der Machtverschiebung und Dynastien vergingen, jeder wollte das riesige Land einen. Dann kamen Japans Invasionen, bei denen mehr Chinesen starben als Juden während dem Holocaust. Und notabene fegte Mao Zedong mit einem kommunistischen Totenkopfinferno über das entstellte China. Die letzte Generation war Teil vom Schlamassel, dem „Grossen Sprung nach vorne“ (alias Sturz in den tiefen Abgrund) und der Kulturrevolution. Bewusst habe ich mich beim letzten Besuch durch die philosophische Propaganda des Führers geschmökert. Das „Rote Buch“, der Aufruf zur Hetze. Ein paar düstere Jahrzehnte verdanken ihm die Chinesen. Brav kreischten einfache Bürger, Minderheiten, Bauern und Studenten im Chor, jeder hoffte auf bessere Verteilung, glaubte den Träumen des grossartigen Redners. Gemäss westlicher Literatur starben während seiner Herrschaft zwischen 40 bis 70 Millionen Menschen, Diagnose „verfehlte Wirtschaftspolitik“. Dennoch wird der Revolutionär auch nach seinem Tod von vielen Chinesen in den Himmel gelobt. Glücklicherweise ist in China Reinkarnation ohne Bewilligung aus Peking verboten.

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Kunming, Yunnan. Heute ist China schön, die Luft rein. Der Kajütenbettbus wackelt nach Yuanyang, ein hügeliges Gefilde in der armen Provinz Yunnan. Durch die lange Isolation diverser Volksgruppen wuchs Yunnan zu einem kulturellen Potpourri. Neben der üblichen Dominanz an Han-Chinesen leben hier 20 der 56 Minderheiten. Unter anderem das Volk der tüchtigen Hani, den Spezialisten des Nassreisanbau. 80 Prozent der Weltreisernte werden auf diese Weise erzeugt. China macht es vor, mit einem Know-How, das sieben Millenien alt ist, produziert die Volksrepublik 203’290’000 Tonnen pro Jahr. Pünktlich zum ersten Gockelkrächzer wecken die Hani sanft ihren Pflüg-Ochsen und führen ihn zusammen mit einem Rudel schnatternder Gänse zum Reisfeld.

Die meisten Hani wohnen in Pilzhäusern. Eine Harmonie zwischen Mensch und Tier, einquartiert auf engstem Raum. Meist drei Miniaturstockwerke. Unten wohnt was quakt, quiekt oder brüllt. Oben, der Mensch. Dann was dörren soll. Gemächlich streifen ich durch die von Menschenhand geschaffene Schönheit – die Reisterassen Yuanyangs. „Hello/ nǐ hǎo!“ Konsequent werde ich begrüsst, angelächelt und angestrahlt – von allen Generationen. Bauern motivieren zum gemeinsamen Qualmen. Ich grinse vergnügt, angesichts der monströsen Bambuswasserpfeifen ist nicht ganz geklärt, wer wen raucht. Kinder verfolgen kreischend eine geleinte Libelle. Ferkel besetzen das Labyrinth an Dorfwegen. Die UNESCO hat den Flecken vor zwei Jahren zum Weltkulturerbe erklärt, argwöhnt Agrikultur-Profi Lin Chang. Mit dem Stiftungsgeld lassen die Politiker hier eine schicke Infrastruktur bauen. Vor wenigen Monaten hat Yuangyang das vierte und vorletzte „A“ erhalten. Der Anfang vom Ende. Zunehmend errichten Investoren Hotels und Horte des Konsums. Verzierte Hani-Kinder werden bald nur noch für Bares grinsen, während ihre Eltern, die einst stolzen Selbstversorger aus Tibet, den Touristen nachhecheln.

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Ich debattiere mit der Diplomatin Amelie, die für die schwedische Botschaft in Peking arbeitet. Wieder einmal das Thema „Ein-Kind Politik“. Eine ungewisse Zukunft erwartet das Reich der Mitte, denn trotz 20 neuen Chinesen pro Minute verstopfen bereits Horden kerngesunder Opas und Omas die kahlen Parks. Peking gibt nach. Jetzt dürfen Ehepaare, von denen ein Partner ein Einzelkind ist, oder der erste Wurf drei Jahre her ist, einen zweiten Knirps beim Familienplanungsamt beantragen. Spannend ist diese Neuigkeit für die gegenwärtig rund 1,2 Milliarden-Übermacht von Han-Chinesen. Minderheiten wie die Hani sind nicht betroffen von der Ein-Kind-Politik. Das Problem bleibt, elf Millionen Kinder sind nirgendwo gemeldet, also „geheime“ Einwohner Chinas, ohne gesundheitliche Versorgung, ohne Recht auf Dasein. Bube oder Mädchen? Der Gynäkologe schweigt. Er muss. Das Gesetz soll die hohe Abtreibungsquote mindern. Denn nach wie vor hat niemand Lust, solch unnütze Geschöpfe wie Mädchen zu produzieren und bis zum Alter der „leftover woman“ (Übriggebliebene) durchzufüttern. Jedes Jahr werden eine Million Föten mit zusätzlichem Y-Chromosom abgetrieben, zehntausende Mädchen irgendwo ausgesetzt. China rasselt ungestüm in einen wilden Dschungel mit männlichen Singles. Die bald erscheinende Hochrechnung wird mit 30 bis 40 Millionen partnerlosen Männern schockieren. Die meisten davon lungern in ländlichen Gebieten. Das hat man nun davon. Vor einigen Jahrzehnten wollte die Volksrepublik zehn Millionen Chinesinnen den USA schenken. Nun fehlen sie. Die aktuelle Zeitungslektüre offenbahrt dazu einen schleichenden Trend – Das Einschleppen vietnamesicher Weibchen. Um 100’000 sind bereits in China, die Hälfte ohne Aufenthaltsbewilligung. Im ökonomischen Vergleich hat China heute die Zügel in der Hand, die USA wurde letztes Jahr überholt. Mit dem Aufschwung ändert sich für viele auch die Wertvorstellung. Rund die Hälfte aller Chinesen definiert sich über ihren Besitz, diese Hälfte kauft sich gerade die Welt. Der anderen Hälfte (vorwiegend Bauern) bleibt etwas Reis und ein Dollar Tagesbudget. Während die Städter auf Sozialleistungen wie Kranken- und Rentenversicherungen zählen können, verfügen Chinas Bauern lediglich über das Ackerland, das sie bestellen dürfen. Ein ökonomisches Abenteuer beginnt. Vor drei Jahren stand ich vor einem Rudel neuer Hochhäuser in Chengde, dem ehemaligen Kurpark der Ming-Familie. Durch die neue Express-Autobahn wurde Peking für Pendler schneller erreichbar. Chengde boomt in alle Himmelsrichtungen und stöhnt. Stöhnt, getroffen vom Zement-Tsunami, wie jede Millionenstadt in China. Das Volk wird derzeit „urbanisiert“ und Spekulanten lecken sich die Finger. Mit der kontinuierlichen Umsiedlung von Abermillionen Bauern in die Stadtgebiete entwickelt sich eine elefantöse Baublase, die unermüdlich mit China anschwillt. In den letzten drei Jahren verbrauchte China mehr Zement als die USA während dem ganzen 20. Jahrhundert. Alle fünf Tage kratzt ein neues Haus an der Wolkendecke. Die Nachfrage ist wiederum bescheiden. Viele können sich die neuen Gehäuse nicht leisten, andere vergleichen den Umzug mit ästhetischem Selbstmord. Ich fühle mit; Chinas Wohnkomplexe sind seelenlos, hässlich und eintönig. Als hätte man den Bauplan einem passionierten Gefängnisdirektor überlassen. Wundert sich noch jemand über all die idyllischen Geistershoppingcenter, Geistervergnügungsparks, ja Geisterstädte? Unnütze Bauvorhaben gibt es haufenweise. Begeistert erläutert die lokale Tagespresse den akkuraten Titanic-Nachbau inklusive Eisbergkollision-Simulator für den Themenpark in Daying.

Nach dem urbanen Nervenkitzel in Shanghai und Peking vor einigen Jahren hat sich mein Verdacht bestätigt; wahre chinesische Schätze verstecken sich ausserhalb der Megacities. Mein Reise-Seismograph schlägt aus, ich mache mich auf den Weg nach Dongchuan. Nach der Regensaison enthüllen seine Agrarflächen ihre verträumten Erdtöne. Mit Leihfahrer und der Miao-Chinesin Taoy Ing schwirre ich durch das vielseitige Hinterland – ein Farbspektakel. Am Abend werde ich von der grossartigen Gastfreundschaft der Chinesen überrascht. Eine 14-köpfige Sippschaft lädt mich an den runden Tisch und füttert mich mit fernöstlichen Köstlichkeiten. Schnaps kommt ins Spiel. Wer mit Chinesen trinkt, kann eigentlich nur verlieren. Oder eben gewinnen. Einige Zeit später singe ich Arm in Arm mit dem Rudelführer ein Duett. Auf chinesisch.

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Stadtfest in Dali. Mit 20 Kilogramm Rückenlast kämpfe ich mich durch die Altstadt. Tausende Festbesucher begutachten die Situation irritiert. Lange bleibe ich nicht. Yang Tianlei reist mit mir von Dali nach Lijiang. „Bruce“, so nennt man ihn, weil er es mag, mit blanken Kung-Fu-Fäusten auf Holz zu hauen. Ein Sohn Dalis, der alten Hauptstadt des Bai- und Nanzhao Königreichs. Er gehört zur neuen Generation von jungen Chinesen. Sie ahnen, dass ihr Land gerade dabei ist, so manche Tradition zu verlieren. Dazu gehört unter anderem, ruhmreiche Altstädte auszuhöhlen und zu Touristenfallen umzukrempeln. Das Vorgehen schaltet auf Autopilot. Reiche Politiker schiessen Geld ein, die UNESCO spendet das Prädikat „Weltkulturerbe“, Preise steigen, Einheimische ziehen weg. Das steinalte Wohngemäuer wird zum Mantel für Hotels, gespiesstem Getier und unnötigem Schnickschnack. Ein Jahrzehnt reicht. Yang Tianlei wäre schon lange weg, könnte er. Staatskontrolle und Zensur sind seine Hauptmotive. Mit der landesweiten Firewall „Goldener Schild“ wehrt sich die chinesische Regierung gegen Gewalt, Pornografie und Kriminalität. Offiziell. Inoffiziell ist Meinungsfreiheit politisch betrachtet ein No-Go. Hinter jedem Bit lauert ein digitaler Staatsfeind. Kein Land hat mehr Internetnutzer und kein Land hat eine strengere Internetzensur. Im grossen Stil werden soziale Netzwerke wie Facebook, WordPress, Twitter oder YouTube geblockt. Auch Websiten von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und ausländischen Zeitungen zerbröseln am digitalen Abwehrschild. Wörter wie „censorship“ sind zensoriert. Offensichtlich haben auch gewisse Autoren von travelbuddy.ch im Vorfeld zu radikal polarisiert. Meine Webseite offenbart keinen Pixel.

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Etwas westlich. Unerbittlich verfolgte der Felljäger sein Opfer, hinein in die enge Schlucht, entlang der über 5’500 Meter hohen Steilwand, bis der Tiger zu einem Satz über den tosenden Fluss ausholte und seinen Skalp rettete. Ein Katzensprung von 30 Metern. Mit dem Marokkaner Taha wandere ich den „Tiger Leaping Gorge“ und huldige dem famosen Raubtier. Der Blick schweift konstant auf den Jade Drachen Schneeberg, ein Tentakel des Himalaya – weniger pompös, trotzdem wuchtig und unheilbar schön. Nach kaum drei Stunden als Protagonisten einer chinesischen Version von Indianapolis blicke ich auf rotgebackte Gesichter, weidende Yaks und flatternde Gebetsfähnchen. Ankunft in „Utopia“ – Shangri La. Seit dem Roman „Lost Horizon“ von Autor James Hilton, ist der fiktive Ort Shangri La ein Placebo für die Harmonie-Sehnsüchte der westlichen Welt. Vor rund vierzehn Jahren erhielten die Initianten von Zhongdian im tibetischen Teil von Yunnan das Recht, ihre Stadt in Shangri La umzutaufen. Sogleich wurde die Altstadt generalüberholt, das zerstörte Lama-Kloster frisch renoviert, ein moderner Flughafen hingeklatscht. Sauberes Destinationsmarketing. Bei heissem Topf mit aufgeweichtem Yak und etwas Pork Guitar (Schweinsgitarre?) bespreche ich die Situation innerhalb internationaler Gesellschaft.

Besuch im Kloster Songzanlin, das gerade fertig rennoviert wird. Karigh ist einer von 700 tibetischen Mönchen, die Klein-Potala bewohnen. Er lädt mich ein, das tobende Gewitter in seinem Gemach auszuharren. Er ist in Plauderlaune. Die Chinesen seien ihm zu strikt, zu viele Regeln und wenig Soziales füllen seinen Alltag. Er will zurück in ein Kloster in Bangalore, Indien. Da lasse es sich leben. Auf seinem Ipad präsentiert er mir stolz einige Selfies. Karigh mit Pilotenbrille vor Bergpanorama, Karigh mit Pilotenbrille vor Gebetsfähnchen. Wo ist der Besitzlose geblieben? Wo der Ordensbruder, welcher Materialismus gegen fromme Leidenschaft tauscht? Durch Shangri La huschen Mönche, weniger zum Almosen sammeln, als auf dem Weg zum nächsten Multimedialieferanten. Der Buddhismus wehrt sich nicht gegen den technologischen Fortschritt, er macht mit. Mönche bloggen und stehen stets online zur Verfügung. Das Ruinenkloster zeigt sich gerade in diesem Raum von seiner High-Tech-Seite. Denn in Karighs Zimmer wuchern diverse Überwachungskameras. Ich frage, ob das nötig sei. Ohne zu zögern, lässt er ein Video abspielen. Es zeigt einen chinesischen Studenten, der gerade seinen Rucksack grosszügig mit der halben Klostereinrichtung füllt und dann von einem Mönch in weinroter Kluft durch die Gassen gejagt wird. Stehlen von den Predigern? Ich frage mich, was den Langfinger im nächsten Leben erwartet.

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Beim Dechiffrieren der über 40’000 verschiedenen Kanji-Zeichen oder den nett gemeinten Englisch-Übersetzungen achte ich besonders darauf, dass ich nicht einen Berg aus exotischen Tieren bestelle. Dass jedes Jahr um die vier Millionen Miezen sowie unzählige Strassenköter in chinesischen Kochtöpfen enden, schürt etwas Sorge – eine absolut unberechtigte. Alles Exotische ist teuer und fällt schon deshalb auf. Zu 99 Prozent wird Schwein serviert – logisch, denn die Hälfte aller Säue weltweit leben und sterben in China. Das Land des Lächelns ist bekannt für seine Küchendiversität und die acht unterschiedlichen Kochstile, jede Region begeistert anders. Ich verbringe einige Tage in Chengdu, Hauptstadt von Sichuan (der Schärfe-Stratosphäre). Durch 5’000 verheissungsvolle Speisen könnte ich mich allein in dieser Region knabbern. Nach Frühlingsrollen, Poulet süss-sauer oder Acht-Schätze-Ente späht man in China vergebens. Dafür verwundern schräge Gerichte wie Quallensalat, Schildkrötenblutsuppe, Fischhirn oder frittierte Libellen. Exquisites wie gratinierte Pandaschnitzel kommt dank dem WWF nur noch selten auf den Porzellanteller. Dafür helfen die süssen Bärchen mit, den wahrscheinlich exklusivsten Tee zu produzieren. „Panda-Tea“ wird auf Panda-Scheisse angepflanzt und dann für 3’000 Dollar per 50 Gramm an Geniesser verkauft. Alle 1’000 schwarzweissen Faulpelze, die bislang den Fängen von Wilderern entgangen sind, gehören offiziell China. Ihre hundert eingezäunten Pandas seien nun „saved from the wild“, meint das Giant Panda Breeding and Research Center Chengdu. Ein paradiesisches Refugium für die tapsigen Fellknäuel, die ihre tollpatschigen Glieder tagein tagaus über Hindernisse schleifen, bemüht das Sitzfleisch trainieren und Bambus vernichten.

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Es kribbelt. Die letzten Tage im Panda-Land sind gespickt mit natürlichen Highlights, wie Jiuzhaigou mit seinen smaragdgrünen Seen und dichten Wäldern. „War man in Jiuzhaigou, will man nie wieder anderes Wasser sehen“, wirbt ein chinesisches Sprichwort. Gleich nebenan, die Märchenwelt von Huanglong mit seinen saphirblauen Kalziumpools. Euphorisiert schweife ich 18 ruppige Landwegstunden nördlich, nach Danxia in der Region Gansu. Provinzler äugeln manisch, kurz darauf startet die lokale Glubschkonferenz innerhalb meines Zugabteils. Die heutigen Fokusthemen; Detailstudie der Gesichtspartie, westliche Manier und Sprachanalyse. Da muss, ja will ich durch. Meine Belohnung versteckt sich tief im Gebirge. Dort thronen die durch Erdkrustenverschiebung und unterirdische Metamorphose entstandenen Rainbow Mountains (Regenbogenberge). Robust und potent türmt sich der verwitterte Sandstein in kaleidoskopische Felsnasen. Visuelles Rauschgift.

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Und noch immer ahnt kein Chinese, wo ich während den letzten Wochen mein Raumschiff parkiert habe. Ungelenk stelle ich mich für die letzten Familienfotos zur Verfügung und starten die Motoren – Kurs Südwest, 27° 10′ 48″ N78° 1′ 12″ E – „das Land der wippenden Köpfe“.

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