Diverse Highlights locken mich zurück auf die Insel Kunterbunt. Japans Festivalkalender ist prall gefüllt, die Ereignisse überschlagen und überschneiden sich. Ich picke das Takayama Fesival. Ein Traditionsgarant mit Wooow-Charakter. Mit dem Rummel bitten die Einwohner von Takayama bei den Göttern um eine üppige Ernte. Greisenhafte Umzugswagen mit Liebe zum Detail kullern durch die Altstadt. Lokale Handwerker werden zu Marionettenspieler umfunktioniert. Ein Memorycard-Killer – würde es nicht pausenlos Hunde und Katzen regnen. Schade bleibt mir keine Zeit für das Penisvestival in Kawasaki. Das „Shinto Kanamara Matsuri“ provoziert mit einer Genitalparade, entsprechend zugeschliffener Holzkunst und Süssigkeiten in Rutenform. Gleichberechtigung ade. Die Legende geht zurück auf einen Dämon mit spitzen Zähnen, der sich in der Vagina einer jungen Dorfschönen versteckte. Kam es zum Akt, biss er den wollüstigen Lümmel ab. Ein Schmied half aus und hämmerte dem Frauenzimmer einen eisernen Dildo. Dämon bändigen – Schrein aufstellen – Dildo verehren – taataa, Japan hat ein neues Festival. Will der prüde Inselstaat mit dieser Saga etwa den Gebrauch von Dildos rechtfertigen? Selbst wenn, dank dem Shintō, Japans Grundreligion, gibt es unendlich viele (meist namenlose) Götter, Geister und heilige Kumpel. Die Kami. Jeder Tümpel, jeder Maulwurfshügel hat seinen Schützling. Und immer wieder kommen neue hinzu. So landete auch Robert Koch, der Entdecker des Tuberkulosebazillus im erlauchten Kreis der Kami. Ich huldige derzeit dem Hangover-Gott. Soll er mir beistehen, den bitterbösen Sake-Kater dimmen. Ein mit Zedernholz geformter Ballen vor der Türe gibt das Zeichen. Hier wird gebraut, hier gibt es Sake, den japanischen Reiswein. Ich probierte sie alle. Heute übernehmen glücklicherweise Pilzkulturen den Gärprozess und niemand muss sich mehr mit lauwarmer Spucke betrinken. Bis die Technik Besserung brachte, lutschten Asiens Mädchen wacker Reis und sabberten den Brei in wartende Gefässe. So wurde auf dem ganzen Globus Alkohol produziert. Auch die cleveren Inkas kauten ihre „Chichas“ vor. Diverse Amazonas-Stämme spucken noch heute Yucca-Brei für harte Zeiten. Sake ist in Japan kaum mehr wegzudenken und eng verbunden mit diversen Riten. So kommen auch die Kamis nicht zu kurz – ihnen wird Sake gleich kübelweise dargeboten. Gut vorstellbar, dass sich Kamis mittlerweile in Clubs anonymer Alkoholiker organisieren und gezeichnet ihre Geschichten austauschen.

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Mini-Stopp beim düsteren Burg-Opa von Matsumoto. Über 400 Jahre beschütze er 23 Generationen von sechs verschiedenen Familien. Eine Zeit in der Treue noch heilig war. Fortuna meint es diese Nacht gut mit mir; ich strande nicht wieder in einem Love-Hotel (wie schon öfters passiert). Erst beim Betrachten des Interieur, dem Automateninhalt oder dem fehlenden Identifikationszwang beim Check-In fällt der Buchungslapsus auf. Offiziell gibt es in Japan keine Prostitution oder gar siffige Bordelle. Dafür sprudeln überall Stundenhotels, wo Fremdgeher ein flottes Zimmer für eine Liaison pachten können. Die hellhörigen Pappwände im eigenen Heim treiben immer mehr Studenten und sogar unverheiratete Paare in die Fänge kostenpflichtiger Liebesnester. Verspielte Romantik per spontaner Online-Reservation? Ein Big Business. So big, dass sogar familienfreundliche Konzerne wie Nintendo während dem Boom nicht nein sagen konnten und eigene Etablissements eröffneten. Bald kommt Olympia nach Japan, so sollen kurzerhand tausende von Love-Hotels in familientaugliche Bleiben umgerüstet werden.

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Jeder hat eine zweite Chance verdient, Fuji-San deren vier. Von allen Seiten habe ich es versucht, Götter bestochen, Reisepläne verkümmern lassen. Ihm zu Liebe. Und heute zeigt er sich endlich, in seiner ganzen malerischen Pracht. Ein gleichschenkliges Dreieck mit Schneehäubchen wie aus dem Vulkankatalog. Ganz offensichtlich ein Komplimentehascher. Recht hat er. Es reizt ein verklemmtes „Ooooooh“ mit spitzem Mund zu raunen. Ein oraler Beitrag, der hier auf der Insel überaus gern gesehen ist. Als Wahrzeichen wird der Vulkan von Millionen Buddhisten wie Sektenmitgliedern verehrt und ganz nebenbei zeigt er sich verantwortlich für die positive Bilanzentwicklung hiesiger Postkartendruckereien. Vielleicht war es ja die Nähe zu jedermanns Lieblingsvulkan oder der verzweifelte Versuch Schönes wiederzugeben, dass den heutigen Weltkonzern Fujifilm zur Firmengründung bewog.

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Eins mit der Welt und sich selbst. Was für ausgebrannte Manager gut ist, kann für geschlauchte Entdecker kaum schlecht sein. Ich gönne mir eine Auszeit von der Auszeit, setze mich hin und meditiere.

Zen-Meditation ist ein wichtiger Bestandteil der asiatischen Kultur und spielt auch im japanischen Leben eine grosse Rolle. Viele Konzerne peitschen junge Chefs für eine Woche ins Zen-Kloster. Alte Chefs gehen gerne und freiwillig. Aber was hat Buddha damals in der Blumenpredigt gesagt, dass Abermillionen seinen Weg, den Weg der Erkenntnis des Wahren, des Schönen und des Guten gehen wollen? Nichts. Siddhattha Gotama (der Buddha) sagte nichts, er sass lediglich da und lächelte zufrieden. Und man verstand. Jahrhunderte später brachte der betagte indische Meister Bodhidharma das aus dem Buddhismus entstandene „Zen“ von Indien nach China wo es seinen Weg im 13. Jahrhundert nach Japan fand. Hier wurde verfeinert, systematisiert und globalisiert. Mittlerweile gibt es in allen Ecken der Welt Zen-Schulungsstätten. Der Kern der Meditation ist die Stille. Buddha nannte es das Nirvana, das Nichts – fern von Raum und Zeit, von dem die meisten glauben, dass es nach dem Tod erfahrbar sei. Der Zen-Buddhismus lehrt das Erreichen des Nirvana und die vollkommene innere Befreiung durch die Einkehr in die Stille.

Ich mache mich auf den Weg zum Nichts und zugleich zu allem. Ein Schritt durch die Tore des Zendo im Hinterland Kyotos und alle Hektik verfliegt. Genryo verneigt sich, ein gelehrter Buddhist und angehender Mönch – mein Dompteur für die nächsten Tage. Kein raffinierter Schwätzer, eher ein stilles und tiefes Wasser. Zen entspreche einem Löwentraining, und der Zen-Meister soll strikt und liebevoll sein wie ein Raubtierbändiger. Als wäre er als Brezel auf die Welt gekommen, so selbstverständlich und anmutig kauert Genryo in der Lotos-Position auf seinem Sitzkissen. Die Wirbelsäule senkrecht, das Kinn leicht nach unten gedrückt, die Augen geöffnet, ohne etwas zu fixieren, keine Bewegung. Ich adaptiere. Nach einigen Tagen muss ich Buddha recht geben; Leben heisst leiden. Zumindest die Begierde nach Bequemlichkeit oder Wärme gebe ich vorerst auf. Auch mein Mentor hat diese Begierde aufgegeben; die Hälfte seines linken Ohres ist während einem harten Winter abgefroren. Obwohl sich diverse Regeln für japanische Zen-Jünger entschärft haben (wie die Möglichkeit auf Eheschliessung aufgrund fehlender Nachkommen oder der gelegentliche Genuss von Alkohol) dürfen Mönche weder auf eine Heizung noch Schuhwerk zurückgreifen.

Während dem Zazen (Meditation) angehender Mönche und Laien überwacht ein erleuchteter Roshi (ein Meister) die Situation mittels Kiefernstock. Der kommt dann zum Zug, sobald ein zu stark geneigter Kopf Unterstützung einfordert. Drei kurze Schläge neben den Nacken (auf eine Kreuzung von Akupunkturbahnen) lösen die Verkrampfung und bestrafen sinkende Augenlieder. Ich schätze mich glücklich, die Tempelarchitektur lässt zum vorbeischleichen und draufhauen keinen Raum. Gäbe es Raum, ich würde mich trotzdem in Sicherheit wiegen. Wer hat schon Angst vor einem erleuchteten 79-Jährigen mit Buckel und Buddha-Glatze, der sich durch die Sutren röchelt. Auf dem langen Pfad zum Nirvana lauern genügend andere, ernstzunehmende Gefahren. Allem voran die Vielfalt an Ablenkungen. Das Räuspern des Nachbarn, die auf und ab galoppierende Katze und der Salat aus eigenen Gedanken. Wer nicht abschweift, kommt dem Ziel näher. Aber was ist das Ziel? Gemäss diversen Quellen ist die primäre Aufgabe des Zen-Schülers: „Die fortgesetzte, vollständige und bewusste Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments, eine vollständige Achtsamkeit ohne eigene urteilende Beteiligung.“ Dieser Zustand soll den Schüler nicht nur während des Zazen, sondern möglichst in jedem Augenblick des Lebens begleiten. Der Laie versucht Zen krampfhaft zu begreifen, wie man alles begreifen will. Klassische Denkmuster, klassische Denkfehler. Durch die bedingungslose Beschäftigung mit sich selbst lernen Zen-Mönche während der Ausbildung hinwegzusehen, hinzunehmen, zu akzeptieren und ferner das Gesetz von Ursache und Wirkung zu verstehen. Hat der junge Mönch nach Jahren des Trainings und der Meditation seine Gedanken gereinigt, darf er hinaus in die brutale Welt und mitmischen.

„Eating is not leisure“, erklärt Genryo sanft. Mir fällt apprupt die Weisheit eines alten Zen-meisters ein, der seinem Schüler punkto Erleuchtung erklärte: „Wenn ich esse, dann esse ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich und wenn ich gehe, dann gehe ich“. Keine soziale Silbe fällt während dem Nahrungsschlingen (alle Geschmacksrezeptoren können getrost ausgeschaltet werden) – Ausser natürlich jemand begeht einen törichten Fehler. Zu tadeln gäbe es im Sekundentakt. Angefangen bei der Himmelsrichtung der Schalenreihe bis hin zum Reinigungsprozess mittels Essstäbchen und Rettichscheibe ist alles streng definiert. Auch beim Umleeren und Schlürfen des heissen Putzwassers sollte kein Nasenflügel gerümpft werden. So traut sich selbst das gerissenste Reis-Atom nicht in der Reisschale zurückzubleiben. 

Für mich bleibt es begrenzte Ferien für Körper und Hirn, das Nirvana kann warten. „Fehlt der Eifer, schwindet die Weisheit“ meinte bereits Buddha vor 2’500 Jahren. Kirschblüten fallen. Domo arigatō Japan. Mit einem Schatz an Erfahrungen und einem vollen Energiebarometer ziehe ich weiter – der Weg ist das Ziel.

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