Dank Jeon bin ich vorbereitet, weiss, wie die Zeit totschlagen in Südkorea. Die gemeinsamen Gespräche in Nashville fehlen mir. Armer Jeon. Die Harvard University lehrte den Südkoreaner, dass er alles erreichen kann – ja muss. Dafür haben seine Eltern bezahlt. Er glaubt daran, will die kommunistischen Nachbarn bekehren. Markt schaffen. So viel kompromissloser Mut und eine solch beneidenswerte Naivität umgibt den jungen Ökonomen. Wer Shins Buch „Escape from Camp 14“ über die Flucht aus einem nordkoreanischen Gulag gelesen hat oder hin und wieder einige hundert Gramm aktuelle Buchstaben am Kiosk ergattert, merkt schnell, dass kaum Nächstenliebe dämmert. Eine Erkundung von Koreas Norden reizt durchaus. Aber auch mir würde man für viel Geld Toleranz und Religionsfreiheit vorspielen, eine hübsche Szene modellieren, den Führer schönreden. Nichts wäre wie es scheint. Grund dafür ist Kim Jong-Un. Der Spross einer Macht besessenen Dämonenfamilie, der mit süssen 32 bereits eigene Familienmitglieder schlachtet und mit seinen Wurstfingern über gefährlich roten Knöpfen fummelt.

Selbstverständlich gibt es auch hier kein Wahrheitsmonopol, aber die historische Blutspur vereitelt jegliche Querdenkerei. Es wird gemunkelt, dass sich der verheiratete Jungdiktator gerade eine Vergnügungsbrigade zusammenstellt. Was für osmanische Herrscher gut war, soll General Kim gerade recht sein. Für den Einzug in sein Harem winken den blutjungen Mädchen im Verhältnis astronomische Summen, die sonst durch bürgerliche Arbeit nie verdient werden könnten. Seine Konkubinen werden dann Anfang 20 ausgemustert und als Ehefrauen an Offiziere vermittelt. Als Schweizer fühlen wir uns mitschuldig, genoss Kim doch inoffiziell Ganovenasyl und Bildung in Gümlingen, Helvetia. Für das nationale Seelenheil übernimmt derzeit das Emmental Verantwortung und schickt kiloweise Käse in das Haus des Staatschefs. Eine raffinierte Idee, den „Dicktator“ vor Millionen hungriger Untertanen anschwellen zu lassen. Eine Art fettiger Trojaner, der die Krise von innen schürt.

Eine düsteres Kapitel beutelte Korea bereits vor der Teilung in Nord und Süd. Vor rund hundert Jahren kam Japan zu Besuch und schnappte nach Ressourcen, Frauen und Zwangsarbeitern. Paläste wurden gebrandschatzt, Dörfer und Städte verwüstet. Das alte Kaiserreich Korea wurde eine Japanische Kolonie. Mit der Besetzung verbot Nippon die koreanische Schrift und Sprache. Koreaner wurden gezwungen, ihre Namen in Japanische umzuändern. Dabei fand so vieles via Südkorea nach Japan. Elementares wie der Buddhismus oder der Nassreisanbau. Auch die Schreibarbeiten für die japanische Elite erledigten südkoreanische Mönche. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg legte dann der kommunistische Norden los, teilte das Land endgültig entzwei und rollte südwärts. Nur Busan konnte von den Vereinten Nationen und heimischen Militärs gehalten werden. Hier starten wir, in Busan. Da die Kommunisten Seoul innert weniger Tagen eroberten, wurde Busan vor rund 65 Jahren temporäre Hauptstadt Südkoreas. Zeitzeuge ist das farbig angemalte Flüchtlingsviertel Gamcheon, das an die Favelas von Rio de Janeiro oder die Armensiedlungen von Chiles Valparaiso erinnert. Ein Einheimischer zerrt mich fuchtelnd und fluchend durch den dichten Wirrwarr aus Gassen und steilen Treppen.

Die Umgangsformen sind generell nicht gerade zimperlich. Gerne wird nach meinem Arm gekrallt, um auf die Vorteile eines Restaurants hinzuweisen. Nicht so rüpelhaft zeigt sich der südkoreanische Gentleman, der für gewöhnlich die Handtasche seiner Freundin trägt. Ausser den Brillenglasfassungen ohne Brillengläsern oder dem gängigen Partner-Look passt die Mode absolut zu unserem Reiseoutfit. Egal ob beim Schwatz in einem der ungefähr elf Trilliarden Cafés, bei Tagesausflügen mit dem Reisebus oder einem Marktbummel – knallbunte und teure Trekking-Klamotten sind allgegenwärtig. Es scheint, als ob bereits der Gedanke einer Laufbewegung eine entsprechende Ausrüstung erfordert.

Südkorea ist ein Hort von Intelligenzbestien. Das bestätigt auch die OECD, welche hier die dichteste Konzentration an IQ gemessen hat. Auch als Reiseland sollte Südkorea nicht unterschätzt werden. Alles funktioniert reibungslos, wir fühlen uns zwar exotisch, aber überaus willkommen und rein nahrungstechnisch käme ein mehrjähriger Aufenthalt in Frage. Zumindest mir gefällt die südkoreanische Sucht nach Knoblauch und Chilli. Das ganze manifestiert sich in Kimchi. Ein leuchtoranger Brei, der monatelang friedlich in Fässern fermentiert und das eine oder andere Gemüse umwickelt. Als Geschmacksverstärker werden Knoblauchzehen und Zwiebeln gereicht. Durchschnittlich 20 Kilo der Nationalsosse schluckt jeder Einheimische pro Jahr. Das Ganze ist so populär, dass die Südkoreaner mit einem fröhlichen „Kimchi“ anstatt „Cheese“ in die Objektive grinsen.

Mit 45 Blähungen/h schweife ich entlang dem Busaner Fischmarkt, vorbei an Krakenstrauss, Walhappen, Katzenhaispiess & Co. Nebst allerlei Gaumenkitzlern findet sich auch paranormale Alien-Nahrung auf lokalen Speisekarten. Eingeweidewurst, gekochte Seidenraupenlarve oder fermentierter Rochen. Letzterer uriniert zu Lebzeiten durch seine Haut, was dem Genuss einen penetranten Ammoniakgeruch verleiht. Heftig ist aber vor allem Südkoreas „Live-Essen“. Wie der sich im Teller noch räkelnde Löffelwurm. Bei der Präsentation spritzt mir das Ungeheuer einen Wasserstrahl entgegen. Entweder aus seinem Hintern oder aus dem Maul, da bin ich nicht ganz sicher. Wer sich an einem Snack mit Rachepotential versuchen will, bestellt „Sannakji“, ein lebendig in Stücke gehackter Oktopus. Seine zerkleinerte Sippe reisst fortan Gourmets mit in den Tod, in dem sich die Saugnäpfe elegant in der Speiseröhre festkleben. Da kann ich mich gerade noch zurückhalten und versuche mich an zuckendem Seeigel, grillierter Schweinebauch-Variation und was Busans kurlige Marktstände sonst noch so anbieten.

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Ein verwaschener Horizont begrüsst mich in Gyeongju, der alten Hauptstadt des Silla-Königreichs. Seine Identität soll bewahrt werden, so bekam Gyenongju vor längerer Zeit ein Wolkenkratzer-Verbot auferlegt. Hier lassen ich mich traditionell verköstigen. Hanjeongsik nennt sich das typisch südkoreanische Ego-Buffet, bei welchem an die 20 bis 30 kleine Irgendwas aufgefahren werden. Meist bleibt auf dem schienbeinhohen Tischlein kaum Platz für die metallenen Essstäbchen.

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An-nyeong Seoul! Symphatie auf den ersten Blick – obwohl ein weiteres Kaliber der Marke „unüberschaubar“. Im Metropolen-Barometer reiht sich Saul (wie man sagt) knapp hinter Tokyo. Erneut rollen mich Treppen nahe zum Erdkern, Marschmusik kündigt das Eintreffen öffentlicher Verkehrsmittel an, verbogene Neonröhren glimmern und kahles Gestrüpp entlang zehnspuriger Strassen hat gerade CO2 Schlussverkauf. Ich strande im Viertel Hongdae, nahe einer der grössten Architekten- und Künstlerschmieden Asiens. Nicht nur wegen seiner Künste, sondern vor allem dank Seouls Technologie, darf die Menschheit aufjaulen. Schenkte uns ein Seouler Urgestein doch Samsung, ein Techkonzern, der uns mit mehr als einer halben Million Arbeitsplätzen versorgt. Aber neben dem ganzen Unterhaltungszauber (wie Zimmerwand abdeckenden Bildschirmen oder dem Tsunami an Galaxy-Smartphones) kann Samsung auch ganz anders. Zum Beispiel Kampfroboter entwickeln, wie den SGR-A1. Ein Waffenvollautomat, der Gefahr identifiziert, Angreifer warnt, selbstständig über Gegenmassnahmen entscheidet und dann „durchführt“. Vorschlag; wir senden den Terminator drei Jahre zurück in die Vergangenheit und lassen ihn in Psys Appartement selbstständig über Gegenmassnahmen entscheiden. Dank dem Rapper bluten täglich rund zwei Millionen Ohren. Grund genug, die Gefahr entsprechend einzuschätzen. Gut; dank der neuen Medien weiss nun der Westen, wie Seouls Yuppies im hippen Gangnam-Bezirk das Geld auf den Kopf hauen. Ein Besuch lohnt sich so oder so. Ich wähle meine Kneipe nach dem Zufallsprinzip und lande ironischerweise in einem Bierloch mit Camping-Interieur.

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