Edo, Tokyo. Ein nimmermüder Strudel aus Mensch und Maschine, stets von irgendwo her strömend, zielorientiert, kaum verschnaufend. Bald werden zehn Millionen den Kern des Ameisenbaus bevölkern. An der Spitze der Hierarchie, der Tenno, Japans Kaiser. Mit seinen getreuen Amtskollegen sinniert Shinzo Abe über verheissungsvolle Lösungen um Nippons akuter Probleme Herr zu werden. Die frechen Chinesen beanspruchen die gleichen Inseln und damit grosse Fischreserven. Fukushimas kaputte Brennstäbe warten auf eine noch nicht erfundene Bergungstechnologie und gleichzeitig soll das olympische Komitee besänftigt werden. Die meisten Konzerne schreiben dunkelrote Zahlen, asiatische Nachbarn geben Vollgas, der künstlich geschwächte Yen fällt ins Bodenlose. Japan ist auf Abwegen, ökonomisch, aber auch medial. Den kläffenden Journalisten wurde bereits ein Maulkorb verpasst. So hat Japan seine Ziele hoch gesteckt, bis 2020 sollen zehn mal mehr Touristen jährlich auf die Insel, Selfies vor Kirschblüten knipsen und rohen Fisch kauen.

Japans Vorliebe für Unterwasserwesen ist nicht erst seit dem Walfang, der Erfindung der Sushirolle oder der brisanten Fangquote für Delphine ein zuverlässiges Klischee. In Tokyo hat selbst die frühe Morgenstund Fisch im Mund. Um 3:00 Uhr bimmeln bereits die Glocken im Tsukiji Fischmarkt und die Auktion beginnt. Täglich wechseln innerhalb der historischen Hallen 2’000 Tonnen Meeresprodukte den Besitzer. Allem voran Nippons Lieblingsopfer, der wahrscheinlich bald zu den aussterbenden Arten zählende Blauflossenthunfisch. Drei Viertel aller Thunfischbestände landen im japanischen Verdauungstrakt. Das rund 200 Kilogramm schwere Tier wird teuer gehandelt. Der Preis liege zwischen 5’000 und einer Million Dollar, informiert mich ein redseliger Händler, als er gerade die letzten Gräte zusammenwischt. Mit diesen Zahlen im Nacken geniesse ich mein fangfrisches Sashimi-Frühstück in Marktnähe. Tatsächlich glauben irritierte Ausländer immer noch an radioaktiv verseuchtes Hochseegefloss mit drei Augen – ein Trugbild, das seit Jahren sogar die Umsätze Zürcher Sushi-Restaurants angreift. Als ob alle importierten Fische im verstrahlten Hafenbecken von Fukushima herumtollen würden. Fischfans sollten derweilen eher Hormonbomben in Form von rosa gefärbtem Zuchtlachs hinterfragen. Euphorisch schlendere ich durch den Markt auf der Suche nach exotischen Tops. Gewiss finden sich Gerichte auf der japanischen Speisekarte, bei welchen die Kung-Fu-Zunge vehement versucht, den Rachen zu verteidigen. Sobald jedoch der Brei mit Hafengeruch die Gurgel passiert, gibt sich der Körper geschlagen und zeigt sich bei jedem weiteren Test etwas toleranter. Vor Jahren hatte ich bereits mörderischen Kugelfisch, frittierte Pouletknorpel oder Innereien-Barbecue probiert. Ich lebe und wage immer noch. Eingelegte Rochenflügel, Fisch Sperma oder grillierte Arterie bleibt trotzdem etwas für Fortgeschrittene. Insbesondere, da ein Schlaraffenland an Food-Diversität geboten wird. In seinem Herz, die Izakaya, traditionelle Restaurants mit Happenallerlei. Die Entscheidung fällt umso schwieriger, da viele Gastronomen ihre Güter in anmutigen Wachs- oder Plastikduplikaten ausstellen. Eine Erfindung, um die exotische Kost nahezubringen. Selbst die Supermärkte präsentieren phantasievoll. Der nächste Schritt? Der Zwischenhandel erhöht den Distributionsgrad mittels besser stapelbarer Produkte. So werden bereits quadratische Wassermelonen gezüchtet.

Keinen einzigen Sonnenstrahl müsste ich je ertragen, könnte tief unten im Neonmeer baden, das Angebotsdickicht durchforsten und dabei einen Umkreis von 50 Quadratkilometern abdecken. Meine Hochrechnung ergibt, dass ein durchschnittlicher Stadtbewohner drei volle Wochen pro Jahr im Untergrund verbringt. Auch ich bin nicht gefeit und partizipiere geschlagen, nehme teil an der U-Bahnparade und gehe auf Rolltreppenodysee. Japans überorganisierte Infrastruktur lässt dabei wenig menschliche Handlungsfreiheit, wo am Geländer festhalten, wo hinsitzen, wo nicht hinsitzen. Nur verlieren kann man sich gut selbst. Japan klotzt mit 46 der 50 grössten Bahnhöfe weltweit, an der Spitze steht das Bahnsteiglabyrinth von Tokyos Bahnhof Shinjuku. Ein Angeber. Mit seinem Fahrgastaufkommen setzt er unerreichte Massstäbe. Um 500 Menschen pro Sekunde spucken die Züge während der morgendlichen Rushhour aus. Pünktlich wie ein hugenottisches Uhrwerk zirkeln die monströsen Metallschlangen zu den Markierungen; millimetergenau, mit einer Verspätungsrate von maximal 18 Sekunden. Japans Schnellster ist der Shinkansen, ein Geschoss, das mit 400 km/h durch die Gegend flitzt. Die Fahrten laugen uns aus, das Gefühl kommt auf, unser Hirn warte noch an der letzten Haltestelle. Es ist kein Geheimnis, dass sogar die überpünktlichen Schweizer regelmässig Delegationen von Spähern nach Japan senden. China geht da noch einen Schritt weiter und tüftelt an Zugprojektilen, die mit 3’000 km/h durch Vakuumröhren rauschen. Bummeln im Prenzlauer Berg und dann auf einen Gyros zum Griechen in authentischer Umgebung? Nach dem Blick vom Eiffelturm noch etwas flanieren in der Ramblas? Pizza in Palermo und zum Nachtisch ein Espresso in einem Wiener Kaffeehaus? Die neue Maglev-Ära wäre nicht unspannend für Europa.

Was wurden wir in der jüngsten Vergangenheit überhäuft von japanischem Entertainement. Unzählige Tamagotchis haben wir gemeuchelt, jahrelang die Power Rangers angefeuert, uns an Milliarden von Hello Kitty Produkten erfreut und nun? Spätestens seit Akira, Dragonball und Pokemon ist die Manga- und Animewelle im Westen angekommen, ja durchgestartet. In Japan wird bereits seit einem Jahrhundert fleissig Comic konsumiert. Mittlerweile wird sogar mehr Holz für den Druck von Mangas geopfert als für Toilettenpapier. Etwa ein Drittel aller japanischer Druckerzeugnisse sind Manga-Comics. Die Geschichten und deren Protagonisten könnten nicht vielfältiger sein. Der Spiegel japanischer Fantasie umfasst Zukunftsvisionen, Roboter, Monster, Sport, Kochen, Gefühlsduseleien und sogar verruchte Pornographie. Von überproportional grossen Kulleraugen abgesehen, kann die Erotikempfindung männlicher Artgenossen nur bemitleidet werden. Selbst im hohen Alter steht der niedliche Schulmädchen-Look hoch im Kurs. Eine verzogene Sexualität sowie arrangierte Ehen fördert auch Grabschitis. Zugfirmen schicken neuerdings reine Frauenwagons auf die Gleise, um schmierige Arschgrabscher während der Rush-Hour abzuhalten.

Bewundernswert, wer sich für den komplizierten Lebensweg entscheidet, mitdrehen will in dieser schnelllebigen Gesellschaft. Wie Fabian, Wahljapaner auf Zeit und mein unerschrockener Cousin. Er hat es gewagt, ist ausgebrochen und hat Sicherheit und Gewohnheit aufgegeben, der Liebe wegen. Chapeau! Oder mein guter Freund Dai, mit dem ich einst durch Brasiliens Wüste wanderte. Ein selbsternannter Hippie mit japanischen Wertvorstellungen. Kaum eine Sekunde vergeht, ohne das Dai nicht bewirtet, behütet oder begleitet. Dai zeigt mir die Wunderwelt des Katakana, der japanischen Schrift, der Betonung von Konsonanten, das Hauchen von Vokalen und das Verknüpfen von Silben. Arme Teufel, als sei das nicht genug, müssen sie zudem Hiragana Schriftzeichen auswendig büffeln sowie hunderte chinesische Kanji-Schriftzeichen kennen, um als keck zu gelten.

Schon vor knapp einer Dekade sah ich japanische Teenies mit zwei Smartphones gleichzeitig kommunizieren. Aus irgendeinem Grund hat der menschliche Körper ja zwei Ohren. Überall werden hysterisch Tasten geschröpft und Bildschirme gescrollt. Erschreckend ist der Fakt, dass rund 90 Prozent aller Mobiltelefone wasserdicht sind, damit auch bequem unter der Dusche gespielt, telefoniert oder getextet werden kann. Schon lange segnet Japan die Welt unerbittert mit technologischem Fortschritt. Nach Nintendos Spielkarten folgte der Kinderliebling „Kami Shibai“ und dann revolutionierten Konzerne wie Atari, Sega und Sony den Unterhaltungsmarkt. Wer kennt sie nicht, Japans Techgiganten Kyocera, Sharp, Panasonic, Canon, Nikon, Mitsubishi, Nissan, Honda und Toyota. Wacker tüfteln sie an Halbleitern und Maschinen, die unser Leben erleichtern. Bald können wir unsinnige Haushaltsarbeiten an mitdenkende Sklavenroboter auslagern. Im Miraikan, dem Museum für drohende Innovationen, besuche ich Hondas Asimo. Einer von diversen futuristischen Generalisten, die bereits spurten, servieren, auf einem Bein hüpfen, Trompete spielen und Spülmaschine ausräumen können. Die demografische Bredouille von Ländern wie Japan, der Schweiz oder Deutschland lechzt nach mechanischem Pflegepersonal für Senioren. Umso aufregender, dass Japans Roboter uns immer ähnlicher sehen. Neben Asimo sitzt eine Humanoide, eine menschlich wirkende Robotereinheit. Beängstigend real. Wollen wir diese Zukunft? Kürzlich hat sich ein Staubsauger-Roboter so sehr in die Haare seiner am Boden schlummernden Herrin verkeilt, dass die Feuerwehr anrücken musste. 2004 tötete eine automatische Drehtüre in Tokyos Business-District Roppongi einen Sechsjährigen. Seither haben sich über dreissig Personen im gleichen Gebäude ernsthafte Verletztungen zugezogen. Auch von unbarmherzigen Drehtüren. Ich vermute daher, dass Japans Roboter eine ernsthafte Gefahr für senile Senioren darstellen, die wieder einmal den Servierknopf mit dem Spurt- und Trompetespielknopf verwechselt haben. Andererseits könnten Altersheimbesuche ganz bequem von Humanoiden vorgetäuscht werden.

Der rennomierte Ökonome und Mathematiker John Maynard Keynes sah es bereits vor fast 100 Jahren kommen. Eine Leuchtrakete, ein Übergenie seiner Zeit. 1930 verfasste er das Essay “Economic Possibilities for our Grandchildren” – eine kleine Fibel der Ökonomie. Er liess seine Jünger wissen, dass sie und die zig weiteren Milliarden Erdbewohner um die Jahrtausendwende getrost zurücklehnen können. Maschinen und effiziente Prozesse werden die menschunwürdige Arbeit übernehmen. Er errechnete, dass wir nur noch fünfzehn Stunden pro Woche zu schufften haben. Wartungsarbeit – wenn überhaupt. Keynes scheiterte mit seiner Annahme vor allem, weil er annahm, dass sich der global erwirtschaftete Reichtum in einem Jahrhundert durch alle Menschen im gleichen Mass dividieren lassen würde. Eine romantische Vorstellung universeller Zufriedenheit.

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Wie gemütlich war es bisher. Keine Lebenszeit klauenden Beamten. Kein Betteln, das hart verdiente Geld in fernen Ländern ausgeben zu dürfen. Weder endloses Schlangestehen noch Formularschlachten. Und nun lege ich mich gleich mit zwei Konsulaten gleichzeitig an, den Pforten zu China und Indien. Etwas ambitioniert, zwei Visa innerhalb von einer Arbeitswoche durchzuboxen, denn bald will Südkorea meinen Pass sehen. Als hätte ich nicht schon genug Affenzirkus, besuche ich während der indischen Bedenkzeit den Ort Jigokudani. Populär wurde die Region aufgrund ihrer heissen Quellen (Onsen), welche wiederum die unterkühlten Snow Monkeys interessieren. Ein possierliches Schauspiel, wie Pelztierchen mit Rod Stewart Frisur durch das heisse Wasser schlurfen. Drei Ohrfeigen für jeden, der danach noch an Adam und Eva glaubt.

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Nach einer fünfjährigen Schönheitskur kehrt der ästhetische Krösus zurück auf die To-Do Liste einer Japanreise. Das Himeji Castle. Eine Bilderbuchfestung. Kein grossartiger Schnörkel, schlichte und elegante Linien prägen das schneeweisse Unikat. Der Plan des japanischen Kriegsherrn ging auf. Jahrhundertelang knirschten seiner Feinde Zähne nur schon beim Gedanken eines Angriffs. Prädikat uneinnehmbar.

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Mit Blütenstaub gefüllten Poren fliege ich über das japanische Meer, oder das Ostmeer, da sind sich Südkorea und Japan noch nicht ganz einig.

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