Nippon hat mich wieder. Gedanklich habe ich es nie wirklich verlassen. Zu sehr haben mich seine dauerlächelnden Menschen, das komplexe Gefühl unbarmherziger Hilflosigkeit und der Drang zur exotischen Perfektion vor knapp sieben Jahren berührt. Ich stolzierte hierher als ehrgeiziger Naivling, als Gajin, ein Ausländer, der das Fremde sucht. Vielseitig und üppig wurde ich belohnt; mit der aufregendsten Küche Asiens, mit einer erdrückenden Gastfreundschaft und nicht zuletzt mit einer grossen Portion von was der Entdecker Alexander von Humboldt einst als „Weltbewusstsein“ bezeichnete. Wer sich in das Land der aufgehenden Sonne traut, erfährt schnell, wieso sich Japan ganz oben in der inoffiziellen Kulturschockliga behauptet. Indizien gibt es genug. Vieles hat jedoch mehrere Gesichter, wie der Japaner selbst.

Sintflutartiger Regen gefolgt von Schneeflocken irritiert meine farblich optimierte Hawaiihaut. Yokoso Tokyo! Raum ist rares Gut in der Megalopolis, Fassade plaudert mit Fassade, eine vertikale Bauwut dominiert. Um dem drohenden Bau- und Verkehrsinfarkt zu entfliehen, warten bereits Pläne für Unterwasserstädte in der Schublade. Vom Grossteil der Japaner als das allerletzte Drecksloch beschimpft, soll es für die erste Nacht reichen. Ein Kapselhotel. Nippons Flaggschiff der Neuzeit, Platz sowie Budget schonend. Jedem Gast werden zwei Quadratmeter Intimität und ein flimmerndes Tor zur Aussenwelt zugesprochen. Diverse Designer-Kapselhotels offerieren bereits einen mit Licht begleiteten Aufwachmodus. Aus etwas Distanz betrachtet, könnte man auch einen Brutkasten oder einen futuristischen Sarg vermuten. Der Morgen beginnt mit dem üblichen Pflegeritual, bei welchem sich der Japaner auf einem Schemel kauernd wundschrubbt, als ob tags darauf alles Wasser versiegt. Eine unerreichte Hygiene-Hysterie. Alles wird desinfiziert oder wenn möglich sterilisiert. Seit mehreren Jahren wird das hübsche Stadtbild getrübt von einem hartnäckigen Mundschutz-Fetisch. Arglistig lauern Epidemien und Bakterienschwärme in sterilen Gebäuden, Clubs, ja sogar in den grosszügig angelegten Parks. Ein gesellschaftliches Phänomen, da es nicht mehr nur um Gesundheitsprävention geht. Ohne Gesicht kein Gesichtsverlust. Viele tragen den Schleier, um sich nicht schminken zu müssen oder die Gefühlswelt vor Mitarbeitern zu verbergen, erzählt uns der Japanologe und Journalist Roger Walch, der seit den 90er Jahren hier lebt.

Bevor ich mich in der Stadt der Städte austoben, führt der Weg nach Osaka, Japans einstigem Handelszentrum. Hier wird in den nächsten Tagen boshaft gestampft, mutig geschwabbelt und um Ruhm geschwungen. In anderen Erdteilen müsste man solch wulstige Kaumaschinen per Kran aus dem Bett hieven, Sumos jedoch schiessen wie Kanonenkugeln aufeinander los und das mit 150 bis zu 300 Kilogramm. Explosiv, drollig, irgendwie ästhetisch. Nicht wenige verblüffen das Publikum zu Kampfbeginn mit einem grazilen Spagat. Jahrelang werden Sumos mit einem durchdachten Fressplan gegeisselt, aber gleichzeitig auf Antritt und Reaktion gedrillt. So viel kontroverser Sportsgeist wird hierzulande verehrt und notabene greifen die Ringer Nippons schönste Frauen ab. Offenbar mit sportlichen Hintergedanken der zierlichen Japanerinnen, welche nun täglich den Mount Eros besteigen können. Takarafuji, dessen Busen an die Schweizer Alpen erinnert, zögert etwas, kracht nach vorne und fummelt euphorisch. Selbst Gozilla würde sich da vor lauter Angst einnässen. Sein Gegner, der amtierende „Yokozuna“ Hakuho aus der Mongolei, grabscht aus dem Hinterhalt mutig nach dem, was vor Dekaden ein Hals war und rammt Takarafuji aus dem Ring. Das Ende eines siebenstündigen Turniers mit viel Männertangas, Cellulite und Achselschweiss.

Ganz in der Nähe von Osaka liegt die Hafenstadt Kobe. Ein weiteres Betonpflaster mit vielzuvielen Menschen und klotzigen Stahlmonstern. Doch etwas Charmantes und Einzigartiges tappst durch jene Region. Die Rinderrasse der Superlative. Zu gerne hätte ich zugeschaut bei den geheimen Ritualen, den persönlichen Ansprachen am Morgen, den liebeswürdigen Streicheleinheiten zu klassischer Musik und der fidelen Stimmung beim gemeinsamen Reisschnapps trinken. Aber die Kobe Beef Bauern zeigen sich verhalten, meine Besuchswünsche scheitern kläglich. Echtes Kobe Beef wird streng bewacht, noch niemals sei ein solches Superrind über Japans Grenzen gelangt. Ein texanischer Geschäftsmann hat mich in Chicago eines besseren belehrt: zwei listige Südstaatler importierten vor Jahrzehnten einige Kobe Rinder und Kobe Damen (fortan Wagyu genannt). Ein bürokratisches Schlupfloch, denn das eine Exportgesetz lief aus und das nächste trat erst in Kraft. Darauf gelangten noch weitere 200 Vollblute ins Ausland, bis Tokyo endgültig auf die Bremse trat. Das reichte aus, um in den USA, Kanada und Australien reinrassige Herden aufzubauen. Seit 2014 sind die Exportregeln wieder moderat. Jährlich erhalten nur knapp fünf Prozent offiziell den Kobe Beef Qualitätsstempel, denn Herkunft, Zucht bis hin zum Marmorierungsgrad spielen eine Rolle. So bleibt der Gang ins Teppanyiaki-Restaurant, wo ein solch extravaganter Tierlappen auf persönliche Art angebruzelt wird. Ein Stück Butter mit Fleischgeschmack. Für das Geld könnte man in Ecuador eine Lama-Familie kaufen oder in Indien einen Monat lang Curry essen.

Wie kaum in einem anderen entwickelten Land schuftet sich die Bevölkerung so rapide in den mentalen Abgrund wie die Japan. Die Loyalität zum Arbeitgeber ist vielfach intensiver als zur Familie. Morgendlich zusammen die Unternehmenshymne schluchzen gehört zum Corporate Identity japanischer Konzerne. Es werden sogar firmeninterne Single-Abende organisiert. Es passiert durchaus, dass jemand trotz aufgestauten Überstunden (ja Überjahren) verfrüht aus seinen sowieso schon kurzen Ferien zurückkehrt, um sich in der Firma zu behaupten. Bereits nach wenigen Stunden in einer japanischen Stadt fallen sie auf, die torkelnden Schlipsträger, die sich bereits um sieben Uhr abends kaum mehr auf den Beinen halten können. Spricht der Chef eine Einladung aus, wird gehorcht, gesoffen und gesungen (in genau dieser Reihenfolge). Ein Rückzieher könnte fatale Auswirkungen auf das Arbeitsklima haben. Untreue Taugenichtse werden degradiert, gemobbt oder umstrukturiert. Freunde aus dieser Ecke berichteten mir einst, dass sie diesem Teufelskreis nur entwischen, indem Sie sich bereits in der Probezeit vehement als prüde Alkoholverschwörer outen.

Die logische Konsequenz? „Inemuri“ wörtlich übersetzt „schlummern während der Arbeitszeit“. Je nach Status in der Firma gilt die japanische Nickerchenkultur als angesehene Form der Entspannung. So kuscheln sich die Übereifrigen Kopf an Kopf, schmiegen sich an ihre Aktentasche oder baumeln dösend im Rhythmus der öffentlichen Verkehrsmittel. Natürlich stets in aufrechter Haltung, den sozialen Erwartungen entsprechend. Und jene, die nicht wegen Herzversagens vom Bürostuhl fallen, haben seit der Samurai-Ära eine angesehene Alternative, um ihr berufliches Scheitern zu kompensieren und die Familienehre wiederherzustellen. Seppuku, die Kunst der Selbsthinrichtung. Eine Art japanischer Volkssport, sieht man sich die Statistiken an. Der häufigste Grund für den Freitod ist „arbeitslos werden“, gefolgt von „Depressionen“ vom Arbeitslos sein. Eine populäre Methode ist das sich vor einen Bullet-Train (Schnellzug) werfen, der einem mit 320 Kilometern pro Stunde entgegenbrettert. Das Problem haben längst auch die Zugfirmen erkannt, welche die Hinterbliebenen für den Wegkratzaufwand und die Verspätung ordentlich zur Kasse bitten.

Stress und Erfolgsdruck sind langfristig wirtschaftshemmend. Auf japanischen Matratzen läuft es schon länger nicht mehr so rund. Sündhaft teure Hundertjährige nehmen zu, zahlender Nachwuchs ab. Die Konsequenz; ein demografisches Dilemma. In 30 Jahren wird Japan ein Drittel weniger Einwohner vorausgesagt. Eine Studie ergab kürzlich, dass sich bereits heute 25 Prozent mehr Haustiere als Kleinkinder tummeln. Modelabels wie Gucci, Dior oder Hermès offerieren kultige Luxus-Outfits für Vierbeiner, denen man das eigenständige Krabbeln schon lange verboten hat. In vielen Teilen Osakas oder Tokyos scheint es einfacher, einen schicken Pudelpullover, als einen Strampelanzug zu finden. Japan entwickelt sich schleichend zur Haustiernation. Trotzdem kommt nicht jeder in den Genuss eines zeitaufwendigen und Platz verschwendenden Haustieres. Da hilft eine importierte Idee aus Taiwan. Das „Cat Café“. Hier darf man Miezen gegen Entgeld kraulen und nebenbei einen Kaffee trinken (Europa adaptiert das Konzept bereits fleissig). Keinen Bock auf Katze? Ab in ein lustiges Geissen-, Maid-, Anime-, Roboter-, Ninja- oder Eulen-Café.

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Ein Zufall wollte es, dass ich vor sieben Jahren dem Gion Matsuri Festival beiwohnen durfte. Eine traditionelle Parade handgefertigter Holzflosse, die von einer geknechteten Garde durch Kyotos Strassen gezerrt werden. Mürrisch dem Takt fächernder Dirigenten gehorchend. Auf den hausgrossen Vehikeln wackeln Flöte dudelnde Musikanten. Die Schar in Yukatas (Sommer-Kimonos) verschnürte Zuschauer staunt, füllt fleissig Speicherkarten und wiehert vor Vergnügen.

Big in Japan 2008 2 421

Ein berührender erster Eindruck von Kyoto, Japans kulturellem Hotspot. Viele japanische Grossstädte wurden während des zweiten Weltkriegs zerstört. Kyoto bewahrte seine Blüte, seine 1’600 buddhistischen Tempel und 400 Shintō-Schreine, typische Behausungen und all die pittoresken Paläste aus der Feudalzeit.

Warme Toilettenbrillen mit hemmender Musik für unberechenbare Eigengeräusche und westliche Kuschelbetten sind zwar ganz angenehm. Ich bevorzuge die „harte“ Tour und versteife meine Wirbelsäulen auf dem Tatamiboden eines traditionellen Ryokans. Auf der Jagd nach touristischen Leckerbissen lande ich nach einer ausgewogenen Tempelsafari wie jeder Westler irgendwann im Gion Viertel, wo sich kulturelle Ereignisse die Hand geben, Kimonos an der Tagesordnung sind und rar gesäte Geishas auf holzigen Sohlen vorbei huschen. Ihre Grundausbildung beginnt bereits im zarten Alter von 16 und dauert fünf Jahre. Auf dem Stundenplan stehen japanische Künste wie Kalligrafie und das quälen fernöstlicher Instrumente. Die weiss geschminkten Entertainerinnen schmeicheln ihrem Gast mit wohltuender Konversation, zierlichen Tänzchen, schrillem Gesang und einem perfektionierten Tee-Aufguss. So viel Anmut und Exklusivität lassen sich teuer bezahlen. Und als ich so schlendere, ist er plötzlich da, Sakura, der japanische Frühling und mit ihm seine aus allen Stängeln platzenden Kirschblüten.

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Lange bevor der Inselstaat zur imperialen Grossmacht mutierte, war Japan isoliert und geprägt vom Kriegeradel der Shōgun, den Samurai und den herrischen Familien. Eine Zeit, in der Reis noch Zahlungsmittel war und Etikette über allem stand. Meine japanische Lieblingsgeschichte aus jener Zeit beschreibt die Loyalität 47 herrenloser Samurai. Ihr Fürst wurde einst provoziert, sein Schwert in der lauschigen Umgebung des Kaiserhofs zu zücken – ein Angriff auf einen Hofbeamten des Shōgunats? Eine fatale Handlung, Frevel! Nur die rituelle Todesstrafe – das eigenhändige Bauchaufschlitzen, von links nach rechts nach oben, kann die Ehre des Übeltäters noch bewahren. Schockiert über den Verrat an ihrem Chef warteten die herrenlosen Krieger mehrere Jahre geduldig auf eine würdige Rache. Der Kopf des Verräters solle rollen. Gesagt, geschlitzt. Da Mord an Adligen logischerweise auch die Konsequenz des Seppuku mitbringt, folgte nach erfolgreicher Vergeltung ein Massen-Bauchaufschlitzen der Herrenlosen. Bis in den Tod folgte die treue Bande ihrem Reisgeber. Ein Pfeiler japanischer Sitten und ein Epos, der sich mit den Kamikaze-Piloten im zweiten Weltkrieg wiederholte.

Ich schleife wacker an meiner Geschäftsidee modischer Mundschutzbinden mit lustigen Schnauzvarianten, bunten Mustern oder Logoaufdruck für Unternehmen. Der japanische Markt hätte kaum Grenzen. Mein erstes Ladengeschäft wird sogleich am Fusse des wohl meistbesuchten Ausflugziels Japans eröffnet. Dem heiligen Fuji.

5°-Verbeugung, „Dōmo arigatō gozaimasu“ – Danke und einen schönen Tag.

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