Der Umgang mit einer Überlebensweste sollte jedem klar sein, schnallt euch an, schaut nach Walen, nehmt eure Kotztüte mit raus, mein Name ist Brandon, ich fliege das Ding hier“. Aloha kakahiaka Maui! Der Villenverschlag so mancher US-Sternchen, aber auch edler Naturburschen, die Kokosnüsse und Zitronen gross wie Fussbälle spendieren. Obwohl Hawaii der Bundesstaat mit den wenigsten Speckschwarten und der höchsten Lebenserwartung ist, trifft man gerne auf stapfende Leiber ohne Hals. Amerikanische Mitbürger vom Festland, die sich nur für Essen oder eine Delphintour aus ihren Luxusbunkern trauen. Vor allem das ruhmreiche Maui bleibt davon nicht verschont. Ich schlittere unbewusst in die Haupsaison. Kajütenbetten, Ressorts, Pensionen, sogar Campingplätze, alles verstopft. Vorsorglich bewaffne ich mich mit einem gereiften Raumwunder und einer aufblasbaren Matratze. Aufgepumpte Pickups röhren an mir vorbei, geleinte Doggen und tätowiertes Gemuskel blicken cool. Das perfektionierte Shaka-Zeichen beim Kreuzen solcher Verkehrsteilnehmer stinkt etwas ab, zuckt es doch schüchtern einige Etagen tiefer aus der Familienlimousine. Fahrt nach Hana, Mauis Klischeesträsschen für Sportwagen-Mieter. In Begleitung einer grindigen Nasenflöte trällert jemand „ikekai ikekai“ aus dem Radio. Sparmassnahmen, Faulheit, Schlitzohrigkeit – wie sich die Hawaiianer mit einen Alphabet von nur 14 Buchstaben durchboxen bleibt vielen ein Rätsel.

Der Sonnenaufgang auf dem rund 3’300 Meter hohen Gipfel des Vulkans Haleakala sei mit Nichts auf der Welt zu vergleichen, bluffen Mauis Marketingfüchse. Um den Pinsel der Natur live zu erleben, streife ich zwei bis drei Kleidungsschichten über die Strandkluft und kurve frühmorgens los. 6:00, Minus 5 Grad, oberhalb der Wolkendecke. Einige Asiaten in Badehose und Flipflops schauen verzweifelt, sonst herrscht generell heitere Stimmung, während der Himmel wie immer etwas Einmaliges komponiert. Nach einigen Tagen an gelben, roten und schwarzen Stränden suche ich Unterschlupf in Lahaina, Hawaiis ehemaliger Hauptstadt und ein lukrativer Ort für angehende Brettakrobaten. Hier surften einst Hawaiis Könige auf exklusivstem Holz von feinsten Bäumen. Bereits 1769 beschrieb Joseph Banks auf der dritten Expedition von James Cooks die polynesische Passion. „He’enalu – die Kunst des Surfens“. Für Hawaiis Ahnen war das Wellenreiten weder Extremsport noch Karriere oder gar Hobby, es war Teil ihrer Kultur. Priester wurden bei mieser Ozeanstimmung aufgerufen, für gute Wellen zu beten. Auch wenn Hawaiis Surferlegende Eddie Aikau hier naserümpfend nicht gehen würde, die meterhohen Wogen entsprechen meinem Surftalent. Ein königlicher Ort für das erste Mal.

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Das Wasserglas im Auto vibriert, während der T-Rex vorfreudig in Richtung Futterquelle pirscht. Steven Spielberg sagte einmal, der kniffligste Effekt in „Jurassic Park“ waren nicht die Dinos, sondern das Wasserglas. Die Crew auf Hawaiis ältester Insel Kauai versuchte alles, immer wackelte das Wasser. Nie vibrierte es so, wie der Herr Regisseur es wollte. Heutzutage beschäftigt man sich mit ernstzunehmenderen Problemen: der viel verschwiegenen Hühnerdynastie. In Gilden organisierte Gockel patroullieren frühmorgens und krächzen verhauene Tonleitern bis das hinterletzte Augenlid aufklappt. Selbst der listigste Saurier würde freiwillig aussterben. Noch schützen wirre Gesetz die gefiederten Bestien vor der Selbstjustiz schlafloser Kauaianer. Verwunderlich, dass ich noch keine Einreiseerlaubnis beim Hühnerkonsulat erwerben musste. Dabei wäre die Lösung so naheliegend; einnmal pro Woche ein „Coq au Vin“, dazu ein paar Chicken Wings. Aber leider sind die strammen Viecher sogar zu zäh für Premium-Hundefutter. Steine seien einfacher weichzukochen, argumentieren Einheimische.

Kauai kombiniert so ziemlich alle Fernwehfaktoren auf wenigen Quadratkilometern. Nach dem täglichen Kaffee im Hippiebus nutze ich meine Wanderschuhe in farbigen Canyons ab, lasse mich niveaulos von brachialen Wellenturbinen zusammenstauchen, ergötze mich an bezaubernden Wasserfällen jenseits der Absperrschilder (mal aus Distanz, mal dazwischen, mal darauf, mal darunter), lausche einer Sonate von Bach auf Ukulele an der Dorfchilbi oder sympathisiere mit kitschigen Sonnenuntergängen an malerischen Sandstränden.

Der Dalai Lama nannte es einst “the eye of the earth – das Auge der Welt“ und für die Hawaiianer war es schon immer eine heilige Stätte. Kalalau, das fruchtbare Tal an der Napali Küste. Knapp sieben Stunden martert er mich, der Weg in den ruhmreichen Ort, lässt mich reissende Flüsse durchqueren, beschenkt mich mit penetrantem Nieselregen (kein Wunder, der feuchteste Flecken auf der Erde liegt gleich nebenan) und einem Pfad, der an diversen Stellen nach einem Machetenhieb bettelt. Gut vorstellbar, dass plötzlich Indiana Jones mit einem goldenen Ei in der Hand, verfolgt von einer hochentwickelten Hühnerrasse, aus dem Dickicht rollt. Auf dem schlammigen Weg treffe ich stattdessen auf Maira. Seit einem guten Jahr haust die Dreissigjährige in Kalalau, Gott leite sie. Sie erzählt und ich rieche weg. Maira ist eine von vielen, die sich klammheimlich hinten im Valley verstecken, vernab von der Zivilisation, weit weg von Regeln und Ordnung. Immer auf der Hut, denn regelmässig besucht ein Helikopter mit bewaffneten Agenten des Department of Land and Natural Resources (DLR) beladen das verträumte Tal. Erfolglos hetzen diese die dreckigen Gesetzlosen, Ausreisser, bärtigen Hippies, Nudisten, Geissenjäger aber auch Spirituellen, die sich hier zum dritten Auge meditieren. Mit tierischen Lauten warnen sich die Selbstversorger vor der drohenden Gefahr, dann ab ins Gebüsch. Zugegeben, so viel irdisches Schönsein und all die brachliegende Naturkost verleitet zu bleiben. Einige halten es bereits über vier Jahre aus, ohne dabei durch die Isolation wahnsinnig geworden zu sein.

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