Chronische Grautöne flankiert von Temperaturen am Gefrierpunkt – Permafrost für das Reisegemüt. Zeit um Snowboard gegen Surfboard, Skibrille gegen Tauchmaske zu tauschen. Spitzbübisch schmunzelnd wechsele ich den Kontinent, fliege rüber zum polynesischen Dreieck. Schon länger bin ich reif für die Insel, reif für etwas Hula, reif für den Aloha Spirit, die Gutmütigkeit und Gastfreundlichkeit der Hawaiianer. Dank der spontanen Kurswende der helvetischen Nationalbank freue ich mich sogar zehn Prozent mehr auf den Aloha Staat.

132 Inseln und Atolle gäbe es auf Hawaii zu bestaunen. Bis auf einige Riffe wurde alles hingeklatscht von feuerspeienden Bergen. Der britische Seefahrer, James Cook, nannte seine Entdeckung 1778 die „Sandwichinseln“ zu Ehren von Lord Sandwich. Sir Cook und Lord Sandwich, ein wahrlich erfolgreiches Kollektiv. Cook und seine Besatzung tauschten mit den Polynesiern, als ob es keinen Abend gäbe und überliessen ihnen blökende Nutztiere, Saatgut und vor allem Geschlechtskrankheiten. Die Bevölkerung schrumpfte innerhalb der folgenden acht Jahrzehnte auf einen Fünftel. Es sollte niemanden überraschen, dass der Seebär von einer aufgebrachten hawaiianischen Strandgang gemeuchelt wurde. Für den boomenden Zuckerrohr- und Ananasanbau wurden chinesische und japanische Arbeitskräfte angeheuert. Vor allem die japanischen Männer paarten sich bereitwillig mit polynesischen Frauen, was zu den typisch hawaiianischen Sprösslingen führte. Die Lawine asiatischer und US-amerikanischer Einwanderer hat die Polynesier während den letzten Jahrhunderten zur Minderheit im eigenen Land gemacht. Sprache und Folklore weicht immer mehr dem westlichen Lebensstil. 1959 wird Hawaii aufgrund eines Volksentscheids fünfzigster Bundesstaat der USA. Keine demokratische Meisterleistung angesichts der bedeutungslosen Anzahl Einheimischer.

Eine zarte, hautfreundliche Brise lullt mich ein. Honolulu, Oahu. Der Ort des Geschehens. Rentner-Duos im Hibiskusblüten-Look, Flipflop-Armadas und Wasserfreunde mit Gucci-Täschen zieren den famosen Hausstrand, „Waikiki Beach“. Ein touristischer Nimmersatt, en vogue lange vor Baywatch und hawaiianischer als jede Ananasscheibe auf deutschen Pizzas. Milchblaues Meer, im Wasser spiegelnde Hotelkomplexe und ein undurchschaubares Gewirr an Kaufpotential küren Honolulu zur zweitteuersten Stadt der USA. Auch wenn der langersehnte Empfang einer Dorfschönen mit Baströckchen und schwingendem Blumenkranz ausbleibt, gewöhnt sich der Neuling schnell an dieses Idyll. Gerade rechtzeitig verlaufe ich mich in einen polynesischen Hula-Crashcourse. Hula soll stärken, soll bewegen, soll verbinden und nicht zuletzt durch graziöse Armbewegungen sowie gesichtsumspannendes Grinsen die Geschichte von Hawaii erzählen.

Unweit entfernt von den Badetuchkacheln und Sonnenölfritzen besuche ich die Überreste einer historischen Tragödie. Pearl Harbor. Um Japans diabolischen Grössenwahn aufzuhalten, verhängten die Vereinigten Staaten ein Ölembargo – ein Treffer mitten ins Herz von Nippons Kriegsmaschinerie. Der Überraschungsangriff japanischer Streitkräfte auf den amerikanischen Marinestützpunkt besiegelte 1941 das Schicksal von 2’403 amerikanischen Militärs. Die USA tritt darauf in den Zweiten Weltkrieg ein, setzt die zivile Regierung ab und verhängt während acht Jahren das Kriegsrecht über Hawaii. Rund 500’000 Soldaten werden auf der Inselgruppe stationiert. Das Paradies gleicht einem tarnfarbenen Bienenstock bis Japans Delegation vier Jahre später auf dem Deck der USS Missouri das Vertragswerk unterzeichnet und kapituliert.

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Auf dem Weg zur wilden Nordküste von Oahu verweile ich in Haleiwa, ein mit Regenbogenfarben überzogenes Dorf aus dem Hawaii-Katalog. In dieser Ecke kommen die Kinder in Bademode zur Welt, grüssen die Mutter per Shaka-Zeichen, kappen die Schnur und schlurfen nach einem kurzen Stopp im nahegelegen Surfshop schnurstracks Richtung Wasser. Hier streichelte auch Lokalmatador und Profisurfer Jack Johnson seine Gitarre zum Erfolg. Mit etwas Jack im Ohr und Food vom Koch auf Rädern beziehe ich Stellung an der Bucht von Waimea, wo derzeit Wellen von bis zu fünf Metern wüten. Vor einer Woche erreichten die Küste zehn Meter Wogen, erzählt mir die heimische Laura, welche letztes Jahr nach der Tsunami-Warnung mit ihren zwei neuen Fernsehern, ihrem Hund und einem Dosenöffner auf den nächsten Hügel geflüchtet ist. Ein gemütlicher Tag und ein kleiner Vorgeschmack auf den Volcom-Surfwettbewerb am Pipeline-Beach. Wer sich in diese Brecher traut, ist entweder masochistisch veranlagt oder gehört zu den 50 Besten weltweit. So viel ist sicher, auch unser Fernziel ist die Beherrschung eines Bretts zur ästhetischeren und schnelleren Fortbewegung im Wasser. Ob ich jedoch in den Genuss des Tunnelblicks hinter dem Wasservorhang komme, gilt es vorerst zu bezweifeln.

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Nach groben Familienknatsch in Gotteskreisen flüchtete die pubertierende Göre „Pele“ von Tahiti nach Hawaii. Das rivalisierende Schwesterherz folgte ihr und pfefferte ihr Salve um Salve an Flutwellen entgegen. Pele fuchtelte darauf euphorisch mit dem Zauberstab und überliess ihren Vulkanen das Verhandeln. So der hawaiianische Aberglaube. Als unheilbar erklärter Vulkanfan freue ich mich wie ein kleines Kind auf Hawaiis Big Island. Neben aufgefalteten Erdkrusten, ausgetrockneten Lavafeldern und einem nächtlich glühenden Kīlauea fliesse hier die Lava noch in Strömen, hautnah erlebbar, erklärt zumindest die Propaganda. Kīlauea ist derzeit einer der aktivsten Vulkane der Erde, seit 1983 rumort der Riese. So male ich mir gedanklich Bilder einer friedlichen Grillade nahe dem zähflüssigen Erdinneren, verheissungsvolle Wurstspiesse über dem Kraterrand, lustiges Lavafiguren zwirbeln oder adrenalinreiche Hürdenläufe. Kurz darauf die Pläne schmieden in der Regenwaldzentrale. Ich werfe den Generator an und ich stimme die Ukulele zu Ehren der Vulkangöttin. Die Tiere nutzen die Chance und ziehen ab. Die stündlichen Radiodurchsagen des Civil Defense verderben die letzte Hoffnung. Lava fliesst derzeit weder in Strömen noch als Rinnsal. Grund genug, die Insel bald wieder zu verlassen, aber erst nach einer Tasse goldschwarzem Kona direkt ab Feld. Angebaut auf vulkanogenem Boden, bewirtet von einem vorteilhaften Inselklima, gezogen und geerntet mit Patent. Dr. Joes Agrarexperten hegen die kostbaren Schnöselkirschen mit Winzer-Manier. Das Resultat macht den Unterschied, ein Kilo hundertprozentiger Kona-Kaffee kommt auf 40 Dollar.

Big Island Tourismus hat neben röchelnden Calderen und Kaffeeplantagenbesuchen noch ein anderes Ass im Ärmel. Auf knapp 15 Millionen Tourismus-Dollar wird ein einzelner Mantarochen während seiner 70 bis 80 jährigen Lebenszeit geschätzt. Jeder will sie sehen, ob gross oder klein. Um dem nächtlichen Schauspiel beizuwohnen, tauche ich ab und nehme Platz auf zwölf Meter unter den Meeresspiegel. Mein Geleitschutz kommt im Ironman-Tauchanzug. Für romantische Stimmung ist gesorgt, das Meer wird illuminiert, durchsäbelt von Scheinwerferlicht, Plankton flimmert. Ein Blick in die Tiefe des Ozeans und dann kommt der Erste. Eine gespenstische Anmutung, schwerelos trotz mehreren hundert Kilogramm schiebt sich der Rochenkönig in meine Richtung. Alles ist still, alles ausser das friedliche Blubbern des Lungenautomaten. Shaka.

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