Nach Wochen des Seilziehens verscherbele ich mein metallenes Familienmitglied an den Wenigstbietenden. Tom. Einer wie ich. Einer, der dem alten Benzinschlucker nochmals die Welt zeigen will, mit ihm kocht, in ihm schläft und seine Macken toleriert. Einer, der das Bluffen aus dem Effeff beherrscht. Und einer, der als Mitarbeiter des weltgrössten Mietwagen-Unternehmens meine ungestillte Reiselust laufend mit heissen Rabatten versüssen wird. Gold-Status ist etwas für Anfänger, ich gehöre von nun an zur „Familie“, zum erlauchten Kreis. Ohne Nordamerikas gratis Online-Marktplatz „Craigslist“ hätte ich das monströse Vehikel wohl gegen drei Zauberbohnen getauscht. Meine Online-Anzeige war eine unter insgesamt 80 Millionen anderen im letzten Monat. Eine stattliche Zahl. Der integere Gründer Craig Newmark hat bereits Horden von gierigen Geschäftsleuten ein Nein verpasst und dabei auf mehrere Millionen Dollar verzichtet. Das Modell soll unabhänig, soll „true“ bleiben. So kommt es vor, dass auch fragwürdige Arbeitsleistungen, Eishockey-Tickets oder Waffen via Craigslist getauscht und gefeilscht werden. Sobald ein potentieller Käufer für die legal eingestellte Ware gefunden ist, kommt das unmoralische Angebot für einen Handel per Email. Kreative Wortabkürzungen tricksen dabei die Suchabfragen moderner Informatik aus. Vor rund zehn Jahren speisten mindestens elf Prostituierte die Mordlust des „Craigslist Ripper“, einem Serienkiller, der seine Opfer aufgrund der Online-Inserate bequem vom Sofa ausfindig machen konnte.

Ich bin wieder unmotorisiert, unflexibel und auf die Fahrkünste anderer angewiesen. Einige Minuten nach dieser rauen Gewissheit, schlittere ich bereits in den ersten Hinterhalt. Einen aus Schlamm. Ein Erdrutsch verwüstet gerade die übliche Strecke zwischen Bellingham und Vancouver und zwingt die Fuhrwerke von Greyhound und Amtrak in die Knie. Ohne Umschweife chartere ich einen leeren Reisebus samt Eoin, dem Busfahrer (nebenbei Feuerwehrmann, Leiter der kanadischen Olympia-Schwingmannschaft und Himalaya-Tourguide). Sein glühendes Karma will mir einen dicken Gefallen erweisen, er chauffiert mich kostenlos über die Grenze nach New Westminster, Kanada. Baff, aber zufrieden bereite ich mich auf die wohl mützenintensivste Zeit der gesamten Reise vor. Bevor ich mich jedoch in der nahegelegenen Metropole Vancouver austobe und all meine Travelbuddies besuche, steche ich in See. Denn nur unweit entfernt kuschelt sich Vancouver Island an das kanadische Festland. Hier liegt Victoria, die Hauptstadt von British Columbia, benannt nach der ehemaligen Königin von Grossbritannien. Trotz aller Naturschönheiten hat die schicke Insel bei vielen Bewohnern des Festlands den Ruf eines isolierten Altersheims mit Meerblick.

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Dank Zoe und Sam weiss ich, dass es in Vancouver 13 verschiedene Worte für die Beschreibung von Regen gibt, kein Wunder, es regnet während der Hälfte des Jahres. So kommt es, dass eine Wetter-Diskussion gut mal eine Viertelstunde dauern kann, da einige das wütende Nass als Nieselnebel bezeichnen, andere wiederum eher Sprinkel erkennen. Da definitiv niemand mit sprinkelndem Niesel einverstanden wäre, ist man mit Sprühregen auf der sicheren Seite. Die Olympia-Medaille in der Regendefinitions-Disziplin hätten die Kanadier 2010 forfait für sich entschieden. Grinsend erinnere ich mich an Enois Anekdote über seine amerikanischen Passagiere. Schiefe Typen, die sich darauf freuen, in Vancouver auf Inuits oder sogar Polarbären zu treffen. Eine solche Rarität sucht man in der City offensichtlich vergebens, dafür keimen tollwütige Waschbären in dunklen Ecken. Eine ernstzunehmende Pest, meint Emily. Die putzigen Tierchen mit geringeltem Schwanz und Panzerknackervisage spielen in Kanada in der gleichen Liga wie verseuchte Ratten und Läuse. Dass die aufgedunsene Kleinbärenart bei uns im Zoo bestaunt wird, erwähne ich patriotischerweise nicht.

Ich nehme es gelassen, streune tagelang durch die topmoderne Stadt mit ihren geschäftigen Vierteln (wie Granville Island, Gastown, Kitsilano, Commercial Drive), labe mich an den theatralisch zur Perfektion gekochten Köstlichkeiten, berausche mich an der nächtlich illuminierten Skyline im False Creek oder gehe im riesigen Stanely Park kampfspazieren. Vancouver hat leider nicht nur attraktive Seiten. Der Ruf als Obdachlosen- und Junkiehochburg eilt ihr voraus. Wer sich Downtown in die falsche Strasse verbummelt, erlebt ein anderes Kanada, einen Schlund, wo sich die Kaputten und Vernarbten um den täglichen Schuss abmühen. Eastside Hastings, Zombietown. Die HIV-Rate sei hier vergleichbar mit der von Afrikas Botswana. Rund 10’000 Drogenabhängige leben hier auf engstem Raum, die Hälfte davon hängt an der Nadel. Eine Situation, die an Zürichs Probleme als grösste offene Drogenszene Europas in den frühen 90er Jahren erinnert. Die Locals nennen ihre Stadt gerne „Vansterdam“. Der Nimbus hat seine Berechtigung, denn allseits flattert ein intensiver Cannabisduft durch die Gassen. Die Drogenpolitik in British Columbia geht mit der Legalisierung von Marihuana als medizinisches Heilmittel und dessen kontrollierten Anbau einen neuen Weg und versucht so, den Strassenverkauf zu unterbinden. Also erhält jeder, der nicht beim dritten Schäfchen einschläft, rheumatische Tendenzen oder Rückenschmerzen zu beklagen hat, ein ärztliches Rezept. Als Folge spriessen medizinische Abgabestellen, worin Verkaufsautomaten die Rationen ausspucken. Auch die illegalen Hanfbauern zeigen sich fortschrittlich. Kürzlich wurde von Drogenfahndern eine Cannabisplantage mit 2’300 Pflanzen in Vancouvers Osten entdeckt, die von einer Horde bekiffter Schwarzbären, Waschbären und Schweinen bewacht wurde. Die Plantagenbesitzer hatten die Tiere mit Hundefutter angelockt und als Wachposten aufgestellt. Der verblüffte Fahnder mit klammerndem Waschbär am Bein rapportierte, dass den Tieren Cannabis ins Futter gemischt wurde, um sie zahmer zu machen.

Wer bereits die Manier der Amerikaner schätzt, wird knapp eine Stunde nördlich der Grenze noch positiver überrascht. Ob ihre Majestät in der Überseekolonie verdeckte Vermittler stationiert hat, die mit Bussgeldattacken die „feine britische Art“ durchsetzten? Natürlich ist nicht jedermann liebenswürdig und zuvorkommend, in Vancouver wimmelt es auch von Chinesen. Jedes dritte nichtkanadische Ellbogenpaar kommt aus dem Reich der Mitte. Der Grossteil sind Nachfahren chinesischer Billiglohnarbeiter, die zu Zeiten des Goldrausches oder nach der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn einst in Vancouver gestrandet sind. Mit den nachgeschifften Grossfamilien und all jenen, die kurz vor der Rückgabe der englischen Kolonie Hongkong an die Volksrepublik China hierher schwemmten, entwickelte sich kurzerhand das zweitgrösste Chinatown Nordamerikas. Kanada beheimatet wie die USA diverse Stämme von Ureinwohnern, die First Nations – Ähnlich wie in den Vereinigten Staaten wurden die Ureinwohner nach dem Beschnupperungsprozess geduldet, bald darauf verachtet, dann versklavt und schliesslich mitsamt allen Problemen in Reservaten versteckt. Die von der Regierung offerierten Sozialleistungen und Gratisbildung interessiert wenige. Einzig ihre Totempfäle schlagen noch eine Art Kulturbrücke in die Gegenwart. Eine fragwürdige. Der mit Tieren und Figuren verzierte Baumstamm wachte einst wie ein altmodisches Türschild vor den Hauseingängen und gab Auskunft über die soziale wie politische Stellung der Familie. Vor ihren Baracken sieht man sie heute nur noch selten. Da ihre traditionellen Feste wie das „Potlatch“ von den christlich-europäischen Weltenbummlern während rund 50 Jahren verboten wurde, ging auch die Zahl der errichteten Totempfähle erheblich zurück. Die Nachfahren ehemaliger First Nations produzieren heutzutage wieder fleissig hölzerne Wappen, mit Kettensäge anstatt mit hübsch zusammengeflickten Hackebeilchen. Welche Schande, dass dieses Relikt einer so modernen Teufelsmaschine weichen musste, zumal der Tomahawk den Kanadiern einst den allseits vergötterten Ahornsirup offenbarte. Eine ehemalige Trophäe der Irokesen. Der Baumsaft muss mühselig extrahiert werden, das macht ihn kostbar. So kostbar, dass die Ahornsirup-Mafia („maple-sirup mob“) letztes Jahr ungefähr 3’000 Tonnen Ahornsirup im Wert von über 15 Millionen Dollar aus einem unbewachten Lagerhaus nähe Quebec entwendet hatte. Das wäre genug Ahornsirup, um alle Bewohner Nordamerikas zu einem gemeinsamen Pancake-Frühstück einzuladen.

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Ohne Winterzauber fehlt dem typischen Schweizer eben doch etwas. So buche ich vor Hawaii eine gute Woche Schneespass in der kanadischen Bergwelt. Wer meint, die Wintersportorte St. Moritz, Zermatt oder Lech ziehen einem das letzte Hemd aus, der sollte sich in Whistler besonders gut einschichten. Schneesicherheit, ein dichtes Geflecht aus Skipisten und Schweizer Präzisionsarbeit will eben auch entsprechend entlöhnt werden. Die Oltener Seilbahnfirma CWA, die schon den Tafelberg in Kapstadt oder den Zuckerberg in Rio de Janeiro erschlossen hat, haut hier nochmals einen obendrauf oder besser gesagt zwischendurch. Stolze drei Kilometer misst die Spannweite des Stahlseils, das die Gipfel von zwei kompletten Regionen miteinander verbindet. Weltrekord! Um die vergoldeten Tagespässe mit Spasslimitierung bis drei Uhr und die Miete für die schneefertige Kluft zu finanzieren, scheue ich pompöse Hotels, meide gruselige Motels und verzichte sogar auf spartanisch eingerichtete Privatzimmer. Ein Hauch von Reue huscht über mein Gesicht, als ich den Wocheneinkauf mit Anlauf in einen der berstenden Kühlschränke meiner Jugendherberge presse. Es ist gerade Rush Hour, auch vergleichbar mit der Fütterungszeit der Löwen im Zürcher Zoo. Jedem Eroberer einer Herdplatte sollte auf der Stelle ein Verdienstkreuz zur Ehre von Courage und grenzenloser Kühnheit verliehen werden.

Sobald ich im Vertragswerk ihrer Majestät, der Königin von Grossbritannien und dem Haftungsauschluss zugestimmt habe, einwillige, dass ich im Fall der Fälle keiner meiner zahlreichen Anwälte auf sie loshetze und die anbietende Firma sowieso in keinster Weise für mein Ableben verantwortlich ist, darf ich in den Helikopter. Das wäre bei einem russischen Piloten mit Vodkafahne und ausgemustertem Militärhubschrauber sicherlich einfacher abgelaufen. Der hätte das ganze mit Handschlag und Schnaps besiegelt und seinen Heli fluchend in den Startmodus getreten. Zu meiner Überraschung sitze ich nicht neben einem stinkreichen Oligarchen, der das Lebenszeit stehlende Warten am Skilift umgehen will. Solche feine Pinkel mieten gleich das ganze Team und lassen sich nach einigen Abfahrten für 2’500 Dollar zu ihrem Lieblingsrestaurant fliegen. Meine drei Gruppenmitglieder kommen aus New Jersey. Solide Freerider, die das Abenteuer abseits der Pisten suchen. Andere kommen aus Norwegen, einige aus Deutschland, aber eines haben alle gemeinsam. Jeder ist Jungfrau, Heliski oder Heliboard-Jungfrau. Der Tag der Tage ist eine Wucht. Wolkenweicher Pulverschnee glitzert wie ein Diamantenfeld in der prallen Sonne und wartet friedlich darauf, befahren zu werden. Während den letzten zwei Wochen hat niemand das verschneite Terrain betreten. Jede neue Spur wirkt einsam und verlassen. Falls es den siebten Himmel gibt, das ist sein Haupteingang.

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