Der Bär in gelederter Schulter und genitalquetschenden Knackhöschen äugelt euphorisiert. Ein lässiger Chat bahnt sich an. Gerade hat sich ein unrasierter Titan mit falschen Brüsten und Perückengarnitur zu ihm gesellt. Im Hintergrund quäken Dragqueens, die sich für den Auftritt mit Rouge-Schrotflinten geschminkt haben. San Francisco, Regenbogen-Hauptquartier Castro, Samstag Nacht. Hier wird noch brav Händchen gehalten, die Welt scheint in Ordnung. Obwohl die durchschnittliche Stimmlage einige Oktaven höher liegt, fühlt man sich wohl, umgeben von so viel Freigeist und Toleranz. (Mehr dazu im Artikel „Das Goldene Tor und der Amerikanische Traum“). Das gilt auch für den bunten Mission-District, einem Sammelsurium kultureller wie ethnischer Vielfalt, angepeitscht von Latinos. Das treibige Viertel könnte auch Teil von Lima, Bogota oder Santiago sein. Hier geht San Francisco aus, ist kreativ, besucht Cafés mit eigener Rösterei, geniesst live-produzierte Schokolade oder bummelt sich durch Kurioses wie ausgestopfte weisse Löwen und Käfer mit integriertem Uhrwerk. In einer zwielichtigen Seitengasse einer der grössten Chinatowns ausserhalb China, bestückt eine faltige Chinesin Gebäck mit blanker Weisheit. Dass der Glückskeks (übrigens eine Erfindung von San Francisco) meinen finanziellen Ausblick nach der wochenlangen Schnäppchenjagd als „überaus positiv“ bezeichnet, kann nur bedeuten, dass das Reisegeld äusserst nachhaltig investiert worden ist.

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Und dann der Regen. Das von den Kaliforniern lang ersehnte Wasser kommt plötzlich und gnadenlos von allen Seiten. Flutwarnungen sprudeln. Man wünscht sich Noah. In grossen Teilen San Franciscos fällt der Strom aus, Bäume verbeugen oder verbiegen sich und die zahlreichen Obdachlosen haben ein Problem mehr am Hals. Ich mache mich auf den langen Weg zur Smaragdstadt aka Seattle, die zerfurchte Westküste, der wütend tosende Pazifik, überflutete Äcker und rollige Seelöwen als stetige Gefährten.

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Das mehrfach zur lebenswertesten Stadt der USA gekürte Seattle ist die Mutter der Grunge-Musik. Aus ihrem Bauch krochen Bands wie Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam, Alice in Chains aber auch Grössen wie Jimmy Hendrix. Das im Schatten der Nadel liegende EMP-Museum huldigt neben diesen Legenden auch gleichzeitig meinen Jugenderinnerungen. Die „mir-ist-so-ziemlich-alles-egal-Zeit“. Ein Auge werfen sollte man da auch in Nachbars Glasgarten, der Künstler aus der Nachbarstadt Tacoma Dale Chihuly führt vor. Ein Meister seines Fachs. Was Kandinsky wirres mit seinem Pinsel krizelte, blässt Chihuly in Glas. Seattle stellt sonst eher subtil zur Schau, hat dazu viel urbanen Charme, wie die Kaugummi-Wand. Der Name hält, was er verspricht, zigtausend petrochemische Kaubällchen verzieren die Wände der Seitengasse, schlabbern entlang der Fenstersimse oder künstlern bunt und kreativ.

Lange Zeit hatte Seattle nicht viel zu lachen. Das 1881 eingeführte Abwassersystem mit Wasserspülung funktionierte nur bei Ebbe. Bei Flut spülten die Toiletten rückwärts, was allerhand unschöne Szenen provozierte. Dazu kam, dass sich wenige Jahre später ein herrenloses Feuerchen dem hölzernen Geschäftsviertel annahm. Die forschen Flammen vernichteten zudem den ganzen Whiskeyvorrat. Die freiwillige Feuerwehr war zwar zur Stelle, hatte jedoch kein Wasser zur Verfügung und flüchtete in der Hitze des Gefechts zur neuen Beurteilung auf den nahegelegenen Hügel. Ausgefuchste Stadtplaner und Querdenker empfohlen daraufhin, Teile der Stadt anzuheben um damit gleich zwei Probleme zu lösen. Das Schutt- und das Scheissproblem. Durch das spätere Anheben der Strassen um bis zu zehn Meter entstand eine stellenweise riskante Höhendifferenz zwischen Strasse, Gehsteig und Hauseingang. Das Problem wurde kurzfristig mit Leitern gelöst. Nachdem insgesamt 18 Männer auf dem Weg von der Bar nach Hause zu Tode stürzten, wurde das Konstrukt neu überdacht. Im Laufe der Zeit wurden die Gehsteige überdeckt und die Hauseingänge in ebenerdige Stockwerke verlegt, Erdgeschosse konvertieren zu Kellern.

Der adrette Steuermann aus „Moby Dick“ hätte wahrscheinlich seine Harpune gefressen, wüsste er von seiner Namensgabe für die weltgrösste Kaffeekette. Manche mögen Starbucks geiseln, andere rühmen. Ich mag sie. Wer sonst versorgt mich schon lächelnd mit Qualitätsbrühe in Chinas Hinterland. Einige Jahrzehnte zurück, Seattle um 1970, ein Nakedei-Logo schmückt die gemütliche Kaffeehauskulisse. Keiner hätte damals erwartet, dass der Laden mit dem Verkauf schwarzen Bohnenwassers den Grundstein zu einem global erfolgreichen Systemgastronomen mit rund 180’000 Mitarbeitern legen könnte. Noch skeptischer waren jedoch die Globalisierungsgegner beim Markteintritt in Deutschland, Österreich und der Schweiz anfangs des 21. Jahrhunderts. Die drei jungen Kaffee-Connaisseure sind heute noch mit Stolz erfüllt, auch wenn die Brüste der Sirene im Logo wegen Lauterkeit einer Tolle weichen musste und Starbucks laufend an Seele verliert. Nachdem der gewiefte Howard Schultz seinen ehemaligen Arbeitgebern nach zehn Jahren ein vier Millionen Dollar schweres Übernahmeangebot unterbreitete, gaben sich die Gründer geschlagen. 44 Jahre später macht das Unternehmen jährlich so um die 15 Milliarden Dollar. Nur einer hatten selten etwas davon. Der Fiskus. Trotz sattem Umsatz schreibt Starbucks in vielen europäischen Ländern keinen Gewinn. Kein Gewinn – keine Steuern, so einfach ist das. Multinationale Konzerne wie Starbucks, Google, Ikea oder Apple kennen die globalen Buchungstricks und verschieben ihre Gewinne auf dem Papier solange, bis nichts mehr übrig bleibt. Eine Kaffeebohne im Auge der Justiz. Um etwas westlichen Kaffeekult hautnah zu erleben, gönne ich mir eine Tasse heilige Brühe, dort wo alles angefangen hat: in der ersten von mittlerweile knapp 20’500 Starbucks-Filialen, downtown Seattle. Amerikas Koffeinhauptstadt protzt mit zweieinhalb Cafés pro tausend Einwohner, die meisten davon gehören zur Indie-Szene, sind also unabhängig, trendy und alternativ. Viele assoziieren das Café um die Ecke mittlerweile als ein kleines Sozial- und Kommunikationszentrum oder eine ausgelagerte Wohnstube. Obwohl mit „Kommunikation“ eher ein virtueller Bitaustausch via Datenhighway als ein friedliches Kaffeekränzchen gemeint ist.

Neben Starbucks und Amazon ist Seattles Vorort Redmond Heimat von Technologie-Gigant Microsoft. Ich erkunde auf Rädern den Campus, welcher insgesamt 120 Gebäude zählt. Bill Gates treffe ich leider nicht, aber dafür Monica, welche schon seit zehn Jahren für den Konzern arbeitet. Die liebenswerte Ehefrau unseres Buddy Jason ist mir erstmals vor einigen Monaten positiv aufgefallen, als Sie in Cozumel (Mexico) elegant auf einen zehn Meter langen Walhai gesprungen ist. Und das obwohl Walhai-Rodeo von Tierschützern als nicht nachhaltig beurteilt wird. Sie tüfftelte als führende Angestellte mit ihrem Team am Internet Explorer 3-5 und an der Spracherkennung beim Windows Phone, das freundlich auf Wetterfragen antwortet, auf verbalen Wunsch Erinnerungen terminiert oder Vertraute anruft. Die Kommunikation zwischen Monica und dem Smartphone klingt wie ein echter Dialog. Gewöhnungsbedürftig aber per se zeitgemäss.

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„Take it easy man!“ Lange habe ich nicht gezaudert, als ich mein solides Reiseziel für die Weihnachtszeit auserkoren haben. Nach rund fünf Trödelmonaten in den Vereinigten Staaten freue ich mich auf ein Wiedersehen und verleihe gedanklich bereits die Kultkrone an… Trompete… Trommelwirbel… „The Big Easy“, New Orleans. Hier ist man noch sich selber, Gemütlichkeit ist Steckenpferd und Musiktalent scheint tief in den Chromosomen verankert (Mehr zu New Orleans im Artikel „Die Wiege des Jazz“). Neben einer ordentlichen Kanone an Blues und Jazz während der ganzen Woche, krieche ich am frühen Sonntagmorgen kreidenweiss nach drei Stunden labilem Dormschlaf an einen Gottestdienst der Afroamerikaner. Im Gegensatz zur traditionellen katholischen oder evangelischen Messe wird beim Gospel gelacht, gewitzelt, getanzt, gejauchzt, gesungen und nebenbei natürlich gebetet. Der Geistliche schlüpft in die multiple Rolle des Priesters, Komödianten und Sängers mit geölter Stimme, die zigköpfige Band unterstützt tatkräftig wie harmonisch den Chor. Auch die Besucher partizipieren mit Seele und Leib, putzen sich heraus, agieren unaufgefordert und gestikulieren auf rethorische Fragen. Keinerlei Maskarade wie beim festlichen Weihnachtssingen der weissen Schäfchen Gottes. Auch wenn oberflächlich alle brav miteinander kommunizieren, bleibt Weiss und Schwarz schlussendlich unter sich. „Vom Winde verweht“ scheint die Rassentrennung nur auf dem Papier. Das sieht und spürt man deutlich im Bundesstaat Louisiana. Um die wirre Gegenwart besser zu verstehen, muss man ihre Vergangenheit kennen. Eine raue Zeit, in der Knöchel entblössen noch tabu war, Rippen entfernen das Korsetttragen vereinfachte, Babies mit Kokain besänftigt wurden und ein robuster Sklave um 1’000 Dollar kostete. Wir besuchen das Oak Valley und das Houmas House, zwei von einigen hundert Zuckerrohr-Plantagen entlang des Mississippis. Der Fluss und die importierten Sklaven waren der lukrative Nährboden für superreiche Südstaatler und deren Nachfahren. Das Hoamas House („The Sugar Palace“) galt als grösste Zuckerrohrplantage in Nordamerika, 800-1000 Sklaven verdingten sich hier der weissen Herrschaft. Ganz unten in der sozialen Hierarchie schufteten die Feldarbeiter, darüber quälten sich die Handwerker und die Bediensteten bildeten die Sklavenelite. 

Den Weihnachtsabend verbringe ich in der Gemeinde St. James, wo seine Bewohner hunderte Scheiterpyramiden entlang dem Mississippi verbrennen und lokales Essen wie Gumbo oder Jambalaya anbieten. Eigentlich bin ich auch froh, ist er vorbei, der illuminierte Weihnachtswahnsinn à la USA. Ohne den völlig übertriebenen Verschleiss von Millionen Glühbirnen und farbigen LEDs kommen Herr und Frau Amerika kaum in Stimmung. Aufpumpbare Jesuskrippen schmücken kitschig, Rudolf und sein Rentier-Kommando würgen den vollgefressenen Neon-Nikolaus durch die Luft, zum Leben erweckte Lebkuchenmännchen verschmusen kleine Kinder, haushohe Tannen glimmen, Verkäufer unter albernen Papa Noël-Mützen in „Jingle Bells, Jingle Bells, Jingle all the Way…“ verdröhnten Läden grinsen sich das Zahnfleisch auf und in diversen Vororten artet die Weihnachtsvorstimmung eher in einen Nachbarschaftskrieg aus. „Wouuhhhohoo amaaazing!“, taxiert der TV-Moderator die flackernde Illumination einer emsigen Familie, welche scheinbar schon im Februar 2011 mit Schmücken begonnen hat, um rechtzeitig zum biederen Ambiente-Wettkampf 2014 fertig zu werden. Sie treten an zum Quotenhit „The Great Christmas Light Fight“. Familie Johnson synchronisiert ihr Lichtspektakel sogar mit düsteren Dubstep-Bässen.

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Nach rund 35’000 Kilometern auf Amerikas müdem Strassennetz, der Erkundung von über 20 Nationalparks, dem Besuch von 33 der 50 Staaten, kulinarischem Genuss globaler Köstlichkeiten, der Lauschoffensive unzähliger Livebands, Streifzügen durch die hippsten Metropolen und Bekanntschaften mit den herzlichsten Menschen verlasse ich schweren Herzens das Land der Freien. Egal ob East- oder Westcoast, ich werde es vermissen, allem voran die automatischen Seifenspender, bei Rot rechts abbiegen, die brutalen Festivals, alles was so „aaaamazing“ ist, der fanatische Superlativismus, die Espresso-Drivethru, einen Kaugummi mit Plastikgeld bezahlen, die hochklassigen Kaffeeröstereien, die freundliche Oberflächlichkeit, die Carpool-Fahrspur ab 2 Personen, die Anti-Glutenbewegung und noch viel mehr. Auch wenn es Amerikas Wirtschaft dreckig geht und faktisch alle Staatsanleihen den Chinesen gehören, jeder Haushalt ein Dutzend Kreditkarten besitzt wovon 11 nicht mehr funktionieren, die Analphabetenquote für so ein ziviliertes Land erschreckend hoch ist, die Jedermann-Krankenversicherung nach wie vor harzt, Speckschwartigkeit das öffentliche Stadtbild trübt, dringend benötigte Jobs wie Umsatzsteuern im Ausland verschwinden, Fussgänger als unmotorisierte Wirtschaftssaboteure gelten, die US-Politik in aller Herrenländer auf Streife geht, lächerliche zwei Ferienwochen pro Jahr die Leute in den mentalen Ruin treiben, ein durchschnittlicher Amerikaner pro Tag mehr Energie verbraucht als eine 10-köpfige indische Familie. So oder so, die USA hat Stil. Ganz im Sinne einer wirtschaftsoptimierten Spasskultur darf jeder mitmachen, der sich bereitwillig verdingt. Was man daraus macht, ist jedem selbst überlassen. Think big or take it easy.

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